Verfrühstückt – Die Marktlage des DAX im griechischen Chaos

In Anbetracht der starken Volatilität im Markt und der bedeutenden Entwicklungen, gibt es die tägliche, morgendliche Marktlage, die um 08:20 Uhr im Premium-Bereich erschienen ist, heute ausnahmsweise nur wenig später auch mal im freien Bereich.

Guten Morgen!

Der Berg kreiste und gebar die erwartete Maus. Aber der Markt hat klar sein Urteil gefällt und hakt das Thema Griechenland ab. Die DAX Futures stehen vor Handelsstart bei knapp unter 11.600!

Sie sehen nun, warum ich letzten Mittwoch klar gesagt habe, dass jeder nun eine Entscheidung treffen muss. Denn zum Einstieg wird nicht geklingelt und wenn man darauf wartet, bis "alles klar" ist, liegt der wesentliche Teil der Bewegung schon hinter einem.

Dass es bei einer positiven Auflösung so massiv nach oben gehen würde, hat uns der Markt auch schon im Vorfeld gezeigt und ist keineswegs überraschend. Erinnern Sie sich an den Hoffnungs-Schub vom 10.06.? Der gab klare Indikation, was in dem Markt steckt und ich habe das mehrfach entsprechend kommentiert.

Ist damit nun das "all clear" Signal für zögerliche Anleger da? Leider Nein.

Denn der Markt funktioniert eben anders und vor allem schneller, als unsere zögernden Hirne. Die grössten Chancen sind dann, wenn die grösste Unsicherheit herrscht. Wenn aber alles klar erscheint, ist das auch in den Kursen und schon verfrühstückt.

Ich habe Ihnen Mittwoch letzte Woche in deutlichen Worten geschrieben, dass nun der beste Zeitpunkt seit April ist, sich im Markt zu exponieren. Das war auf den Punkt. Und was ist nun? Leider ist nun, bei DAX 11.600 *nicht* mehr der optimale Punkt um sich im Markt zu exponieren.

Aber auch nicht der Schlechteste, wir haben nun einfach eine Grauzone, in der der Markt durch Griechenland hindurch schaut und sich neu positionieren wird.

Denn ich denke, dass der DAX mit den 800 Punkten, die er von grob 10.800 auf nun 11.600 hoch gelaufen ist, die Erleichterungs-Rally aus der Griechenlandsaga weitgehend verfrühstückt hat. Das zumal hier nun die Abwärtstrendlinie herunter kommt.

Es ist auch klar, wenn wir uns das grosse Bild deutlich machen. Der DAX hat ja nicht nur wegen Griechenland korrigiert, sondern auch, weil er schlicht überhitzt war. 11.600 ist ein sinnvolles Konsolidierungsniveau auch ohne das griechische Desaster.

Ich erinnere an meinen Artikel von Ende April -> Sell in May und der Supervulkan <-, in dem auch ohne griechische Pirouetten von einer Konsolidierung bis ca. 11.000 über den Sommer ausgegangen wurde.

Und wenn wir uns mal gedanklich vom griechischen Gezappel lösen und uns wieder das grössere Chartbild des DAX anschauen, das wir hier so oft vor Augen hatten, dann ist doch bisher im Rahmen einer Korrektur im bullischen Aufwärtstrend alles in Perfektion gelaufen.

Wir hatten eine 1-2-3 Korrektur bis zum 200er EMA und zum 38er Fibo Retracement, haben genau in der 10.600-11.000 Zone gedreht und genau das gemacht, was ich schon vor Monaten sagte: Unter 11.000 hat der DAX wohl mittelfristige Kaufkurse:

DAX 23.06.15

Im Nachhinein wird man sich fragen, warum man bei dieser klaren Struktur nicht zugegriffen hat. Denn klarer wird es nie sein, als es hier war. Gäbe es in diesen Momenten keine Unsicherheit, wären die Kurse nicht unten, sondern oben.

Wie geht es also von hier weiter?

Ganz ehrlich, das ist für mich auf der kurzfristigen Zeitebene im Moment ganz schwer zu sagen. Und genau so klar, wie ich den Zeitpunkt der Chance letzte Woche benennen konnte, genau so unklar, ist nun von hier ausgehend die kurzfristige Entwicklung für mich.

Auch im S&P500 bin ich übrigens keineswegs überzeugt, dass der jetzt wirklich nach oben weggeht. Das kann zwar sein, aber ganz ehrlich, eher rechne ich mit einem weiteren Rückfall in die Range und einer Fortdauer der indifferenten, leicht steigenden Seitwärtsbewegung.

Das für mich wahrscheinlichste Szenario ist eine Rückkehr des 1. Quartals. Sprich die europäischen Märkte steigen weiter und die US Indizes kommen nicht vom Fleck. Aber das muss sich erst noch zeigen, wir sollten abwarten, was der Markt daraus macht, wenn er nun durch Griechenland hindurch in die Zukunft zu schauen beginnt.

Fazit in kurzen klaren Worten:

1. Die Rebound-Chancen, die sich aus einer Auflösung des griechischen Debakels ergeben, liegen nicht vor uns, sondern bei DAX 11.600 weitgehend hinter uns. Wer diese Bewegung nun nicht mitgenommen hat, braucht nicht mehr auf sie zu warten.

2. Der S&P500 muss erst einmal beweisen, dass er wirklich nach oben weg kann. Zweifel sind erlaubt.

3. Das politische Risiko, dass doch noch ein Grexit kommt, ist aus Sicht des Marktes nun minimal und ich glaube er hat damit Recht. Sollte dieser Fall aber trotzdem eintreten, gäbe es ein Schlachtfest am Markt, denn nun ist der Markt ungeschützt, Hedges wurden aufgelöst.

4. In den europäischen Märkten kommt es nun sehr auch auf den Euro an. Wenn der wieder fällt und Goldman Sachs hat dafür heute punktgenau an der Wegscheide -> eine Studie in den Markt geknallt <-, dann kehrt im 3. Quartal die Welt des ersten Quartals zurück, mit ihren stark steigenden Kursen in Europa und dem fallenden Euro.

Das für DAX und Co. kurzfristig bullischte Szenario - die Rückkehr des 1. Quartals - tritt also absurderweise genau dann ein, wenn die Eurozone zwar den Grexit verhindert, aber ansonsten weiter herum irrt, herum eiert und noch mehr gutes Geld dem schon verlorenen schlechten hinterher wirft.

Also alles, was mir persönlich als politisch und ordnungspolitisch denkender Mensch den Bauch umdreht und übel aufstösst, wird den Euro drücken und eine Rally befeuern. Und nach dieser Variante sieht es ja wirklich aus.

Jegliche Form von klarem Schnitt aber, egal ob ein echter Grexit oder ein Griechenland in der Eurozone, dass nun endlich mit klaren, harten Massnahmen beginnt, wird den Euro eher stärken. Und damit eine massive Rally in DAX und Co. schwierig machen.

So sehe ich heute früh die Welt. Das "leichte Geld" wurde gemacht, nun blickt der Markt nach vorne und was er sieht ist indifferent. Nach einer Phase der Orientierung, sind aber weiter steigende Kurse in Europa das wahrscheinlichste Szenario.

Denn wie schon im Artikel Ende April gesagt, rechne ich weiter eher mit neuen Höchstständen in Europa zum Jahresende, als mit dem Gegenteil und einbrechenden Kursen. Don´t fight the EZB!

Ich wünsche einen erfolgreichen Tag!

Ihr Hari

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Griechenland – Es ist nicht mehr zu ertragen!

Nein, es ist wirklich nicht mehr zu ertragen. Und damit meine ich primär gar nicht mal das Verhalten der neuen griechischen Regierung. Die verhält sich in meinen Augen aus rein egoistischer Sicht durchaus taktisch geschickt, um das Maximale heraus zu holen und das eigene Überleben zu sichern.

Nicht mehr zu ertragen, ist das Verhalten der Entscheidungsträger in der Eurozone, die scheinbar nichts aus dem riesigen Fehler gelernt haben, denn man 2011/2012 begangen hat. Denn heute ist klar für jeden sichtbar, dass man den wichtigen Maastricht Vertrag für eine vermeintlich alternativlose Pseudo-Rettung aufgegeben hat und damit alles nur schlimmer und teurer gemacht hat.

Was muss eigentlich noch passieren, dass man mal endlich das Offensichtliche kapiert und einsieht, dass die Eurozone in der aktuellen Konzeption so nicht dauerhaft bestehen kann?

Für mich ist es einfach nur grauenvoll beobachten zu müssen, wie man sich immer weiter hinein reitet und über die EZB die Risiken weiter erhöht, nur weil man nicht den Mumm hat einzugestehen, dass die ganze "Rettungsaktion" mit Aufweichung der Maastricht Verträge in 2011/2012, ein einziger gigantischer Fehler war.

Was man dabei offensichtlich im Bundeskanzleramt, wie auch in anderen Hauptstädten übersieht, sind die fatalen Wirkungen die dadurch langfristig nach innen, wie zur Weltpolitik ausgehen.

Nach innen, in der Eurozone und der EU, zersetzt es jeden Glauben an Solidarität und gegenseitige Verlässlichkeit. Damit ist endgültig dokumentiert, dass man nur besonders frech pokern muss, um zu bekommen was man will. Die Folgewirkungen werden über den Tag hinaus fatal sein. Wie schon 2011/2012 glaubt man auch aktuell wohl einen "Quick Fix" finden zu können und macht damit langfristig alles nur schlimmer.

Nach aussen hin, werden die Autokraten der Welt von Erdogan bis Putin nur darin bestärkt, wie unglaublich schwach diese EU und dieser Teil des Westens ist, die selbst im eigenen Haus nicht den Mumm haben, bei wirklich zentralen Fragestellungen gemeinsam getroffene Vereinbarungen und Verträge durchzusetzen. Die Folgen werden auch hier fatal sein, denn das animiert dazu, noch aggressiver aufzutreten. Appeasement hat bei der menschlichen Typologie von Autokraten noch nie funktioniert, da die Wertvorstellungen ganz andere sind, als sie ein in Demokratien sozialisierter und auf Ausgleich gepolter Politiker hat.

In Anbetracht dieses Elends kann man nur immer wieder daran erinnern, das nichts von all dem was gerade passiert, alternativlos war und viele kluge Köpfe das auf verschiedenste Art und Weise haben so kommen sehen.

Auch wir hier bei Mr-Market waren dabei und ich will deswegen am heutigen Tag und vor dem Wochenende, einfach nur ein paar alte Artikel in Erinnerung rufen.

Artikel, die gerade nach 3 Jahren besonders lesenswert sind, denn man sieht daran, dass nichts von dem was heute passiert, unvorhersehbar oder alternativlos war:

2012: -> Das Beste für Griechenland, ein Kommentar aus tiefstem Herzen <-

2012: -> Was bleibt? Kurze Gedanken zum Eurodrama <-

2012: -> Das Elend unserer Politik oder warum Frau Merkel keine Anführerin ist <-

2013: -> Wählen Sie STUSS <-

2012: -> Ein historischer Tag - Das Ende Deutschlands, wie wir es kennen <-

2012: -> Ja aber, oder wie man sich selber abschafft <-

2013: -> Die absurde Diskussion um Austerität versus Wachstum in der Eurozone <-

2014: -> Warum Kohl Unrecht hat und Angela Merkel auch <-

2015: -> Der Euro und der Grexit, der Kern des Problems <-

Hoffen und beten wir, dass Europa langsam mal aufwacht und sich erinnert, dass das Leben nicht nur aus Lavieren, Antichambrieren und Gekungel besteht, sondern auch aus Führung, Vision und Gestaltungskraft.

So geht es auf jeden Fall nicht weiter und das gilt nicht nur für Griechenland, Griechenland ist nur ein Katalysator. Und das sagt jemand, der wie ich zutiefst vom Gedanken der europäischen Einigung überzeugt ist und keine Rückkehr in nationalstaatliche Egoismen will.

Ihr Hari

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US Transportation Index, Dow Theorie und US Konjunktur

Der folgende Beitrag erschien schon Freitag 22.05.15 14:40 in Hari Live

Einer der Indikatoren, der gerne benutzt wird, um den Zustand der US Konjunktur einzuschätzen, ist der US Transportation Index.

Ich habe darüber zuletzt im Mai letzten Jahres im Artikel -> US Transportation Index als Wirtschaftsindikator <- geschrieben und damals signalisierte der Index eine stabile Konjunktur, was sich ja im Nachhinein auch nicht als falsch heraus gestellt hat.

Die Grundidee hinter diesem Indikator ist ebenso einfach wie logisch, denn wirtschaftliche Aktivität zeigt sich in Form von mehr Lieferungen und Rohgütern, die zur Produktion angeliefert werden. Und insofern besteht ein Zusammenhang zur generellen Konjunkturlage und bis zu einem gewissen Grad, kann der Transportation Index auch ein Vorlaufindikator sein.

Auch im Rahmen der -> Dow Theorie <- ist die "Non-Confirmation" des Transport-Sektors ein zentraler Faktor. Kurz gesagt, darf der Transportsektor nicht hinter dem Dow hinterher hinken und wenn der Dow neue Hochs erreicht, sollte es der Transportation Sektor auch, sonst haben wie ein Warnsignal in Form einer "Non-Confirmation". So weit die Theorie.

Das Dumme ist, wir haben aktuell dieses Warnsignal und das schon seit einigen Monaten, schon im Februar und März wurde es herum gereicht und es ist immer noch aktiv und die Divergenz ist seit dem noch weiter aufgegangen: -> Dow Theory Non-Confirmation <-

Müssen wir uns nun also Sorgen machen?

Meine kurze aber klare Antwort darauf ist: Keine Panik auf der Titanic! 😉

Zumindest nicht alleine aufgrund dieses Indikators. Eine Topbildung in den US Indizes ist derzeit durchaus vorstellbar, aber eben nicht schwarz/weiss nur, weil der Transportation Index eine Divergenz zeigt.

Denn es ist so eine Sache mit so uralten Korrelationen, man sollte schon ein bisschen verstehen, worauf diese beruhen und dann unter die Haube schauen und überprüfen, ob die Grundannahmen noch identisch und noch gültig sind.

Ich hatte es schon im Artikel von letztem Mai erwähnt, dass der Transportation Index eine Sonderkonjunktur durch den Aufstieg des Online-Versands zeigt, der die Aktien von FedEx, UPS und Co. pusht, ohne damit zwangsläufig eine Aussage über die industrielle Produktion zu machen.

Als die Dow Theory kreiert wurde, gab es aber kein Internet und auch keinen relevanten Warenversand an Privatpersonen. Dafür ging man in Läden. Damals bestand also eine glasklare Korrelation zwischen Transportaktivität und Konjunktur, die heute nicht mehr so simpel ist.

Weiterhin gibt es aktuell wieder Sonderthemen bei den US Luftfahrtunternehmen, die auch alle Probleme haben - das kennen wir ja von der Lufthansa. Diese Probleme haben aber auch nichts mit dem Warenaufkommen zu tun, sondern viel mehr mit massivem Wettbewerbsdruck durch Globalisierung und andere (subventionierte) Airlines.

Und drittens gibt es bei der Eisenbahn eine Sonderthematik zur Ablösung von Kohle als Schmiermittel für die Energieerzeugung. Kohle war immer sehr "transportintensiv", während Gas im Land selber durch eine Pipeline gepumpt wird und deshalb in der Regel am Transportation Index vorbei geht, solange es nicht als Flüssiggas verschifft wird. Und Solarenergie und andere dezentrale Energieformen, müssen überhaupt nicht in Autos, Bahnen und Flugzeugen transportiert werden.

Der Punkt ist, die Welt hat sich gewandelt, seit die Dow Theorie kreiert wurde. Ich würde den Zusammenhang trotzdem nicht völlig vom Tisch wischen, er ist ohne Frage immer noch da und auch der Indikator hat immer noch seine Berechtigung. Aber man kann solche Parameter nicht wie ein Roboter über 100 Jahre fortschreiben, stur anwenden und dabei sein Hirn ausschalten.

Schauen wir doch mal selber auf den -> iShare Transportation Index ETF IYT <-, der den Dow Transportation Index abbildet:

IYT 22.05.15

Was wir sehen, ist ohne Frage schwach und hängt seit Jahresanfang 2015 hinter Dow und S&P500 und Co. hinterher. Aber es ist auch keine klare Topbildung und auch nicht so schwach, dass es unbedingt mehr als einfach eine Konsolidierung nach einer davorliegenden Überperformance sein muss.

Und auch im sehr langfristigen Bild mit Monatskerzen, sieht man bisher nicht mehr als eine notwendige Konsolidierung, nach dem der IYT gegen Ende 2014 stark nach oben überdehnt war:

IYT 22.05.15 2

Aus einer anderen Richtung, aber mit ähnlichem Ergebnis, argumentiert -> Chris Ciovacco <- in seinem letzten Blogeintrag. Auch den sollten sie mal lesen.

Das Fazit lautet also für mich: Keine Panik auf der Titanic.

Die Schwäche im Transportation Index *könnte* sehr wohl der Beginn eines echten Konjunkturproblems in den US sein und ist es deshalb wert, beobachtet zu werden. So weit sind wir aber noch nicht und ein Indikator ist immer noch nur ein Indikator und erst in der Summe vieler Indikatoren, entsteht ein belastbares Bild.

Es ist es also wert, immer mal wieder kritisch auf den Transportation Index zu schauen, aber die Abweichung ist nicht so gross, dass sie nicht problemlos durch die genannten Sondereffekte und Änderungen der Wirtschaftswelt erklärt werden könnte.

Wenn man Indikatoren betrachtet, muss man halt sein Hirn einschalten. Einen vor über hundert Jahren, unter ganz anderen Rahmenbedingungen kreierten Indikator, einfach blind und 1zu1 zum heiligen Gral im Jahr 2015 hoch zu jubeln, ist schlicht: Geschwätz.

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Die politische Dysfunktion und der Mangel an Anführern

Darf man sich in Finanzblogs auch zur Politik äussern? Warum eigentlich nicht und am Vatertag darf ich sowieso machen, was ich will. 😉

So will ich einen kleinen Beitrag, den ich am Dienstag 12.05.15 09:00 in Hari Live eingestellt habe, auch im freien Bereich veröffentlichen.

Denn es zeigt, dass wir uns in der Community auch zu (finanz-)politischen Themen austauschen, das aber freundlich, nicht konfrontativ und im Geiste gegenseitiger Wertschätzung - Erkenntnisgewinn suchend und nicht Rechthaberei.

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Ein lesenswerter Artikel zum damaligen Ablauf der Rettungsversuche in Sachen Griechenland, findet sich hier:
-> Heute würden wir Griechenland Pleite gehen lassen <-.

Das Fazit, dass man daraus auf heute übertragen kann ist, dass scheinbar niemand etwas daraus gelernt hat.

Ich könnte mich jetzt selbstzufrieden in den Sessel zurück lehnen und sagen: "Ich habe es doch schon damals gesagt". Und das ist objektiv sogar wahr, ich habe immer die Position vertreten, die Sie aus den letzten Jahren hier von mir kennen.

Das wäre aber eindeutig zu selbstzufrieden, weil gerade ich jemand bin der weiss, wie sich Verantwortung für viele andere Menschen anfühlt. Es ist leichter, von aussen klug daher zu "schnacken", statt mitten im Getümmel die schweren Entscheidungen treffen zu müssen.

Trotzdem zeigt mir persönlich der Ablauf erneut ein massives Defizit, nämlich eine Dysfunktion unseres politischen Systems, das eher den Typus "Antichambrierer" und "Lavierer" in politische Ämter befördert, weil man sich nur so in politischen Parteien hoch arbeiten kann. Wer dagegen mit einer starken Persönlichkeit zu sehr aneckt und zu klare Kante hat, fliegt im politischen System einfach raus, weil er/sie sich zu viele Feinde macht.

Und klar gibt es lobenswerte Ausnahmen, die sich trotz des Anpassungsdrucks in den Partei-Schornsteinen nicht verbiegen lassen. Es sind aber Ausnahmen. Wir müssen uns nur das Abstimmungsverhalten bei wichtigen Themen im Bundestag anschauen, dann wissen wir, wie gross der Anpassungsdruck ist.

Die tragische Folge davon ist, dass der Typus "Hasenfuss" und "Symbolpolitiker" im politischen Prozess eher gefördert und der Typus "Anführer" und "Gestalter" massiv unterrepräsentiert ist. Auch das erklärt übrigens, warum sich Wirtschaft und Politik so wenig zu sagen haben und es fast keinen Austausch gibt. Und wenn, wie bei Koch oder Stollmann, geht er in die Hose.

90% der Zeit, in denen letztlich Politik nur den Status Quo verwaltet und sich den Orchideenthemen widmet, fahren die Menschen im Lande mit dem Typus "Symbolpolitiker" auch sehr gut, immerhin macht der auch nicht viel kaputt.

Aber das Leben und das Schicksal, hält halt auch manchmal die besonders wichtigen Momente bereit, in denen es auf Führungskraft und Gestaltungswillen ankommt. Und dann bräuchte man einen ganz anderen Typus von Politiker, als den, den wir typischerweise haben - lobenswerte Ausnahmen bestätigen die Regel.

Insofern wundert mich das Zaudern und Zagen, das aus obigem Artikel zum Thema Griechenland hervor geht, kein bisschen. Und es ist heute wieder kein bisschen anders und in ein paar Jahren wird man wieder entschuldigend sagen: "hätten wir damals gewusst"....

Was natürlich in meinen Augen eine ebenso billige, wie unzutreffende Entschuldigung ist. Man konnte damals wie heute durchaus "wissen". Viele kluge Leute haben "gewusst" und wissen auch heute was nötig ist. Was wirklich fehlte und fehlt, waren und sind aber "Anführer und Gestalter", die bereit sind, die Last einer schweren Entscheidung mal auf ihr breites Kreuz zu nehmen und für Konsequenzen einzustehen. Aber dieser Typus ist halt in der Regel nicht in der Politik - eben weil er auf dem Weg in höhere Ämter schon abgeworfen wird.

So hängt der Verlauf der Geschichte halt manchmal doch von einzelnen Personen ab und ganze Völker werden für den Zufall bestraft oder belohnt, an ihrer Spitze Idioten oder Anführer und Gestalter im positiven Sinne zu haben.

Wer sich ein wenig in der Geschichte auskennt weiss, dass auch Churchill im Politbetrieb Großbritanniens lange ein Aussenseiter war, weil er eben war, wie er war. Erst als es dem Land richtig dreckig ging, erinnerte man sich an den "Pitbull" Churchill und der Ruf nach einem Retter wurde laut. Und ganz klar, hätte England damals keinen Churchill gefunden, wäre die Geschichte völlig anders abgelaufen.

Man muss Anführer begrenzen und kontrollieren, damit aus ihnen keine Diktatoren werden, die ihre eigenen Anschauungen zum Nabel der Welt erklären. Insofern ist Demokratie definitiv schon "die Beste aller schlechten Regierungsformen", weil nur so der notwendige Wandel erzwungen wird und sich starke Persönlichkeiten nicht das ganze Land zum "Eigentum" machen können.

Aber es wäre trotzdem wünschenswert, wenn der politische Selektionsprozess im Vorfeld des Regierungsamtes, mehr Anführer und Gestalter und weniger Symbolpolitiker selektieren würde. Dem Land würde es sicher gut tun.

Und wir hätten dann garantiert schon lange sinnvolle und strategisch konsequente Entscheidungen zum Thema Griechenland und zur Zukunft Europas und der Eurozone. Denn genau diese fehlen uns schmerzhaft.

Soweit meine persönliche Meinung zum Thema.

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Der Euro und der Grexit: Der Kern des Problems

Die Medien sind voll mit Analysen und Meinungen zum möglichen Grexit und auch in den internationalen Foren werden sich die "Haare gerauft" und gegenseitige Vorwürfe erhoben.

Ich könnte jetzt Seiten um Seiten zum Thema schreiben, wie wir das im Premium Bereich schon in den letzten Wochen getan habe, um das Thema von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Oder ich mache es kurz und klar, um in all dem argumentativen Durcheinander mal wieder den Blick auf den Kern des Problems zu lenken.

Denn der Kern des Problems ist nicht griechische "Faulheit" oder deutsche "Sturheit", es ist ein Euro, der so wie aktuell konstruiert, gar nicht funktionieren kann.

Denn ein einheitlicher Währungsraum kann nur funktionieren, wenn dem Währungsraum auch eine einheitliche Wirtschafts- und Fiskalgesetzgebung zugrunde liegt. Und dann auch noch eine zumindest ähnliche Rechts- und Wirtschafts-Kultur im Währungsraum existiert.

Das war bei Gründung des Euros eigentlich klar, nur wurde es politisch versäumt, die guten ersten Jahre zu nutzen, um diese Strukturen nachzuholen und als Euroraum rechtlich und wirtschaftlich zusammen zu wachsen. Das waren die Jahre, in denen gerade die Südländer massiv von den fallenden Risikoaufschlägen profitierten, die wiederum die Folge davon waren, dass eben auch Stabilitätsanker wie Deutschland nun den Währungsraum bildeten.

So wie der Währungsraum des Euros aber heute konstruiert ist, unverändert als Flickenteppich ohne einheitliche Wirtschaftskultur, Wirtschaftspolitik und Fiskalpolitik, kann er nicht dauerhaft bestehen. Entweder er wächst schnell eng zusammen, oder er fällt auseinander. Punkt.

Es gibt historisch keine Währungsunion, die je mit derart fehlenden Grundlagen funktioniert hat. Aber einige Beispiele, die genau deswegen gescheitert sind.

Und Griechenland hat durchaus Recht, mit diesem „Reform“-Programm kann es nicht leben. Das liegt aber nicht am Programm, sondern am Euro. Griechenland kann mit seiner mangelnden Wettbewerbsfähigkeit und seinen ineffizienten öffentlichen Strukturen in keinem Programm gleich welcher Art im Euro leben und auch nicht ganz ohne Reformprogramm. Egal was man nun macht, wenn Griechenland in diesem Euro bleibt, werden wir in ein paar Jahren und viele verbrannte Milliarden später, wieder vor dem gleichen Problem stehen. Denn Griechenland gehört nicht in den Euro und hat nie hinein gehört.

Ein Land wie Griechenland braucht den Wechselkursmechanismus und damit verbunden die Abwertung der Währung, wie die Luft zum Atmen. Ohne die Abwertung, wird Griechenland in ein paar Jahren wieder vor den gleichen Problemen stehen, ganz egal was nun passiert.

Und umgedreht braucht Deutschland die Aufwertung wie die Luft zum Atmen, um dauerhaft zukunftsfähig zu bleiben. Mit einer dauerhaft schwachen Währung wird Deutschland langfristig seine Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Das süsse Gift der schnellen, leichten Gewinne, das sich nun aktuell scheinbar positiv auswirkt und Stärke vorspiegelt, wirkt erst in ein paar Jahren, dafür aber um so stärker.

Der Euro versucht in eine Währung zu pressen, was nicht zusammen gehört. Griechenland und Deutschland können nicht in einer gemeinsamen Währung sein, wenn es nicht eine einheitliche Regierung und gemeinsame Kultur gibt. Das ist die grosse Lebenslüge des Euros. Er ist eine fatale Fehlkonstruktion, die den Spaltpilz an Europa legt, aber kaum einer in der Politik traut sich, es zu sagen und daraus die logischen Konsequenzen zu ziehen.

Schaut man ganz rational auf das gesamte Bild, ergeben sich nach meiner Überzeugung nur drei Alternativen:

(1) Der Euroraum wächst nun schnell in einen einheitlichen Rechts- und Wirtschaftsraum mit einheitlicher Gesetzgebung und Regierung zusammen und schafft damit endlich die Voraussetzungen dafür, dass der Euro überhaupt funktionieren kann.

Das ist leider völlig unrealistisch. Die deutsche Gesellschaft wäre dazu wohl noch am ehesten bereit. Aber gerade die südeuropäischen Gesellschaften wie in Griechenland, wären nie bereit, ihre Souveränität an einen Bundesstaat abzugeben. Nie im Leben. Das gilt auch für Frankreich.

(2) Der Euroraum schrumpft sich gesund und gleicht sich an, in dem die stärksten Länder wie Deutschland austreten.

Obwohl es theoretisch wohl die beste Lösung wäre und tatsächlich zu einer Art Nord- und Süd-Euro führen würde, der dann besser funktionieren kann, ist es leider auch unrealistisch. Denn es gibt ein Land, das nicht aus dem Euro austreten kann, weil er sonst am Ende wäre. Und das ist Deutschland. An dem Tag, an dem Deutschland aus dem Euro austritt, bricht ein Finanz-Tsunami in der Welt los, gegen den alles was wir bisher erlebt haben, ein Kindergeburtstag wäre. Und das, weil der "Rest-Euro" jede Glaubwürdigkeit verliert und ihn keiner mehr haben will.

Man kann es auch mit einer Metapher beschreiben: Einem Körper kann man Finger und sogar eine Hand und einen Fuss abschneiden und er kann immer noch leben. Aber das Herz und die Lunge kann nicht entfernt werden.

(3) Womit nach zwei unrealistischen Möglichkeiten, nur eine Dritte bleibt: Der Euroraum schrumpft sich gesund und gleicht sich an, in dem die schwächsten Länder, angefangen mit Griechenland, austreten.

Die Variante (3) ist die einzige, die realistisch denkbar ist. Dabei hat auch sie erhebliche Risiken auf der politischen Seite. Nein, es ist keine "schöne" Variante, aber die einzige die realistisch ist. Denn damit werden in der öffentlichen Wahrnehmung schwache Volkswirtschaften einfach "zurück gelassen" und das wird zu Radikalisierung führen und am Ende auch dem Zusammenhalt in der EU massiv schaden.

Aber dieser Schaden der gegenseitigen Vorwürfe und des Auflebens alter nationaler Ressentiments, ist ja schon längst eingetreten und eine Lösung ohne Schmerzen gibt es leider nicht mehr. Das hat uns die Politik der 90er Jahre mit der Einführung des fehlkonstruierten Euros eingebrockt, der Europa spaltet und nicht eint.

Zu glauben, man könne den Euro - so wie er aktuell ist - zusammen halten und trotzdem souveräne Länder bleiben, ist aber völlig illusorisch und wer das verfolgt, betreibt nach meiner festen Überzeugung Konkursverschleppung.

Dieser Euro hätte so nie gegründet werden dürfen. Da er nun aber mal in der Welt ist, bleibt nur der Weg des Gesundschrumpfens auf einen Kreis von Ländern, die sich kulturell, rechtlich und wirtschaftlich so nahe sind, dass sie einen gemeinsamen Währungsraum bilden können.

Je länger diese Grundsatzdiskussion aufgeschoben wird, desto schlimmer werden die Schmerzen und die Scherkräfte in der Eurozone werden. Und desto schlimmer werden die Folgen für die Einheit Europas sein. Wer Frieden und Freundschaft in Europa erhalten will, muss diese Diskussion nun führen.

Die Mathematik lässt sich halt nicht betrügen und nicht mit medialer Rabulistik beruhigen. Und auf den ausgleichenden Wechselkursmechanismus, kann man zwischen Volkswirtschaften nur dann verzichten, wenn die Volkswirtschaften sich sehr ähnlich sind oder es eine gemeinsame Regierung gibt, die demokratisch legitimiert einen Lastenausgleich organisiert, so wie das bei der deutschen Wiedervereinigung passiert ist. Punkt.

Ihr Hari

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