Langfristige Investments in der kommenden technologischen Revolution

Heute möchte ich mal einen ganz grundsätzlichen Zusammenhang herstellen, der in meinen Augen immer noch unterschätzt wird. Ich tue das in einer abgewandelten und gekürzten Form basierend auf einem Artikel, den ich vor Monaten im Premium-Bereich geschrieben habe. Und ich schlage damit gleichzeitig den Bogen zur Auswahl von Aktien, die für einen ganz langfristigen Investitionsansatz geeignet sind.

Die aktuell gängige, einfache Logik dazu, die ich ja auch durchaus nicht verneine, ist sich einfach solide Aktien ins Depot zu legen, die schon 100 Jahre und zwei Weltkriege überdauert haben und sich durch hohen Cashflow auszeichnen. Das sind Aktien, die man zum Beispiel "Dividenden-Aristokraten" nennt und die jeder kennt.

Um es kurz zu machen, dieser Ansatz der "Dividenden-Aristokraten" ist sicher nicht falsch, er springt aber bei wirklich langfristiger Anlage - also für die kommenden Jahrzehnte - wahrscheinlich zu kurz.

Der Grund liegt darin begründet, dass wir vermutlich einen harten, geradezu brutalen Umbruch vor uns haben, gegen den die letzten 100 Jahre eine Phase gleichbleibender Ruhe waren. Die Stichworte dazu kennen wir alle, sie lauten "künstliche Intelligenz", "Robotics", "soziale Steuerung".

Es gibt viele Auswirkungen dieser Entwicklungen, die teilweise unsere heutige Phantasie übersteigen. So wird in 50 Jahren von heute, wohl nur noch eine Elite, eine Minderheit, einer Arbeit wie heute nachgehen. Es wird vielmehr ein Privileg sein, so gebraucht zu werden, dass man nicht durch Technik ersetzbar ist.

Diese Diskussion geht gerade leidenschaftlich los und einige halten diese Erwartung für übertrieben, weil ja in der Geschichte immer wieder solche technologiegetriebenen Umbrüche am Ende nicht zu weniger Jobs, sondern nur zu anderen Jobs geführt haben. Die Industrialisierung ist dafür ja ein Beispiel.

Ich will diese Diskussion hier im Artikel gar nicht ausführlich führen, da sie nicht der Kern dieses Artikels ist. Ich persönlich halte aber die Argumentation des "wird schon nicht so wild werden" für viel zu kurz gesprungen. Denn dabei wird versucht aus der Vergangenheit die Zukunft herzuleiten und es wird der grosse Unterschied übersehen, der diesen Wandel so einmalig macht.

Denn bisher war es immer so, dass Menschen die Arbeit machen mussten. So haben sich die Jobs in allen Umbrüchen immer nur verlagert, weil alte verschwanden und mit der neuen Technologie neue Jobs entstanden.

Im Saldo passte es aber wieder, auch wenn es immer wieder "abgehängte" Regionen oder Bevölkerungssschichten gab. Es "passte" deshalb, weil das Arbeitskräfteangebot prinzipiell gleich blieb bzw langsam mit der Gesamtbevölkerung stieg, nur Menschen konnten eben die Jobs machen und neue Jobs schafften bei den Menschen auch neue Nachfrage. Durch Technologie wurde also Arbeit verlagert, alte Nachfrage verschwand und neue entstand.

Was passiert aber, wenn durch künstliche Intelligenz und Robotics beliebig skalierbare Milliarden neuer Arbeitskräfte im historischen Massstab plötzlich "einfach da" sind und wettbewerbsfähiger als wir sind - und diese gleichzeitig keine Konsumenten sind (ausser Energie), diese also Arbeit übernehmen aber keine neue Konsumnachfrage schaffen?

Sicher wird auch dieser Prozess nicht über Nacht ablaufen, sondern vielleicht zwei oder drei Jahrzehnte andauern. Aber das ist historisch ein Wimpernschlag und vor allem bedeutet es, dass viele Menschen in ihrem Leben vom "System" ausgespuckt und nicht mehr gebraucht werden. Das ist nur vergleichbar dazu, dass nun eine Flotte von Raumschiffen von Aliens landet und plötzlich Milliarden Maschinenwesen auf den Planeten kommen, die uns jede Arbeit aus der Hand reissen.

Das Arbeitskräftepotential wird dadurch beliebig hochskaliert und ist nur noch durch Energie und Technologie begrenzt. Darauf die Logiken des Wandels der letzten 200 Jahre anzuwenden, bei dem die Jobs nur zwischen Menschen umverteilt wurden, ist völlig verfehlt.

Erneut, ich beschreibe das Problem hier nur grob, weil ich daraus eine Schlussfolgerung ziehen will. Die Diskussion ob das so kommt oder nicht ist sicher hochspannend, hat aber auch noch viele, viele andere Facetten. So zum Beispiel die Tatsache, dass Individualität und Freiheit durch Überwachungs-Technologie weltweit massiv unter Beschuss gerät und die, die den Menschen im Sinne -> Gustave Le Bon < - zu einem gesteuerten Schaf in der Masse machen wollen, neue schlimme Mittel in die Hand bekommen, wie in Sachen Chinas Diktatur zuletzt -> auch hier in der Süddeutschen < - zu lesen war.

Alles was ich klar machen will ist, dass vor uns ein brutaler Umbruch steht, der sich über die nächsten Jahrzehnte hinzieht und bestenfalls - wenn überhaupt - mit der ersten industriellen Revolution zu vergleichen ist. Und Technologie ist der Treibstoff dieses Umbruchs.

Dieser Umbruch wird in der Übergangszeit zu massiven, sozialen Verwerfungen und politischen Instabilitäten führen, bevor die Menschheit danach wieder ein eingeschwungenes Mass finden kann und sei es auch im sehr negativen Szenario für die Mehrheit nur die "Nährlösung" ala Matrix im Sinne "Saft und Spiele". 😉

Und dieser Umbruch wird auch vor der Unternehmenslandschaft nicht halt machen, 150 Jahre alte Unternehmen, die schon zwei Weltkriege überdauert haben, werden untergehen und ganz Anderes an ihre Stelle treten, das wir uns heute gar nicht vorstellen können.

Sicherheit gibt es nicht, alles kommt auf den Prüfstand und in die Mangel einer grossen Umwälzung mit ihren massiven soziologischen Folgen. Und die politischen Widerstände und Kämpfe gegen den Wandel werden gnadenlos und garantiert bei dem Wort "Kapitalismus" abgeladen, wo es doch vor allem der technische Fortschritt ist.

Und damit kommen wir zu meinem eigentlichen Thema, nämlich was das mit einer sehr langfristigen Geldanlage zu tun hat.

Die Antwort ist extrem viel. Denn kennen Sie noch die Manufakturen, die die Wirtschaft vor der industriellen Revolution geprägt haben? Kennen Sie die beherrschenden Hersteller von Pferdefuhrwerken, die sich auch über hunderte Jahre als "Hoflieferant" einen Namen gemacht hatten? Natürlich nicht. Der Punkt ist, die Zeit ist darüber hinweg gegangen.

Der Punkt ist aber auch, dass die letzten 100 Jahren, trotz zweier Weltkriege, relativ stabil waren, was wirtschaftlichen Erfolg angeht. Nicht nur die Autos fahren immer noch mit den gleichen Grundprinzipien wie vor 100 Jahren, auch der Verkauf und die Verteilung von Gütern aller Art, wurde bis vor wenigen Jahren, immer noch in Mehrheit mit den Methoden von vor 100 Jahren abgewickelt - Läden "an der Ecke" und deren Zulieferer aus dem Grosshandel eben. Und Unternehmen wie General Electric stellen am Ende immer noch die gleichen Dinge her, nur technologisch weiter entwickelt. Die Protagonisten des grossen, disruptiven Umbruchs dagegen, sind zwar schon da, dominieren aber noch nicht endgültig. Aber das wird sich rapide ändern.

Mein Punkt ist, die nächsten 100 Jahre werden viel brutaler als die letzten 100, einen ganz grundlegenden Wandel unseres Lebens und unserer politischen und sozialen Systeme herbei führen und deshalb ist es zu kurz gesprungen und höchst gefährlich, die erfolgreiche Existenz von Unternehmen in den letzten hundert Jahren, zum Massstab der langfristigen Geldanlage zu machen. Wer ist sich zum Beispiel sicher, dass das Prinzip Walmart überlebt? Ich nicht, ich bezweifele es sogar. Der direkten Lieferung ins Haus via Roboter/Drohnen gehört die Zukunft. Und nicht die Immobilie in der Fläche, sondern die zentrale Logistik und der extrem schnelle Umschlag machen das Rennen. Und wer will auf hohe Cashflows setzen, wenn man das Schicksal der deutschen Versorger vor Augen hat? Ich nicht.

Und noch schlimmer, der ganze - grundsätzlich auch von mir unterstützte - Ansatz der "Dividenden Aristokraten" hat leider einen grundlegenden Selektionsfehler in sich. Denn kennen Sie das -> anthropische Prinzip in der Astronomie? < -. Es besagt unter anderem, dass die Erde nur deshalb so absolut einzigartig und lebensfreundlich ist, weil wir hier sind um sie zu beobachten. Religiös wird daraus gerne ein Gottesbeweis gemacht, aber die Realität ist profaner - nur weil die Erde so lebensfreundlich ist, konnte sich Intelligenz bilden, die dann über das antropische Prinzip und Götter philosophiert. Sie *muss* also so lebensfreundlich und einzigartig sein, es geht gar nicht anders, weil wir da sind.

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Der Erkenntnisprozess von Börsen und Politik



Zum Zusammenspiel zwischen Börsen und Politik, gibt es viele Fehlkonzeptionen. Die Eine ist der Spruch von den politischen Börsen die kurze Beine haben, denn dieser ist richtig und falsch zugleich - er verkennt den wahren Zusammenhang.

Richtig ist der Satz, weil vieles von dem, was Politik so bewegt, an den weltweiten Märkten eher ein Schulterzucken auslöst.

  • Ob eine grosse Koalition oder eine Jamaika-Koalition gebildet wird? Schulterzucken bis auf geringe Branchenanpassungen.
  • Ob die AfD 5 oder 15% bei der Wahl hat? Schulterzucken.
  • Was mit "Horstie" und der CSU nun passiert? Schulterzucken.
  • Der Wirrwarr in der deutschen Bildungspolitik? Schulterzucken.
  • Ob in Deutschland 1 oder 2 Millionen Migranten dazu kommen? Schulterzucken.
  • Ob der Diesel nun in 2025, 2030 oder gar nicht verboten wird? Schulterzucken bis auf Einzelaktien.
  • Ob der Genderismus sich durchsetzt oder eine Marotte verirrter Wohlstandsbürger bleibt? Schulterzucken.
  • Die Rente mit 65, 67 oder 70? Schulterzucken.

Und so weiter und so fort. Ja, wenn es um all die Themen geht, die Politik gerne ins Schaufenster stellt, weil sie so schön greifbar sind, haben politische Börsen eher kurze Beine - das stimmt. Und selbst Krieg hat kurze Beine, solange man von einem baldigen Ende und begrenzten Folgen ausgehen kann.

Aber falsch ist der Satz auch, denn es gäbe da schon grundlegende Entwicklungen, die den Markt so richtig in Wallung bringen würden und das nicht nur kurzfristig. Und das sind die grossen tektonischen Verschiebungen.

  • Ob Deutschland weiter den (via EZB) Transfermechanismus Richtung Südeuropa stützt?
  • Ob Deutschland vom stabilen Zentrum der Währungsunion zum Wackelkandidaten wird?
  • Ob die von Macron gewünschte Vertiefung der Eurozone eine Chance hat?
  • Ob Deutschland eine wirtschaftsfreundliche Regierung bekommt oder das Gegenteil?

All das hat erhebliche Auswirkungen auf die Märkte, sobald sich da Entwicklungen anbahnen. Und das sind keine kurzfristigen Auswirkungen. Nein, was das angeht, haben politische Börsen ganz lange Beine, die Eurokrise beschäftigt uns ja nun auch seit Jahren.

Wenn man so will, schaut der Markt bei der Politik eben hinter die Fassade. Er unterscheidet zwischem dem täglichen politischen Hin und Her und den grundlegenden Entwicklungen bei den Rahmenbedingungen für Wirtschaft und Finanzen. Der Rest ist den Märkten egal, das sind aus Sicht der Märkte sozusagen "Orchideenthemen für die Talkshows" oder von rein nationaler Bedeutung.

Die beste Politik ist für die Märkte eine, die gar nicht stattfindet, in der die Politik also ihre Finger aus Wirtschaft und Finanzen lässt. Diese Weisheit ist nach wie vor gültig.

Und weil das so ist, sind die Folgen der Bundestagswahl auch so spannend. Das von mir -> hier <- beschriebene Risiko eines Scheiterns der Regierungsbildung, ist mit dem gestrigen Abend erheblich wahrscheinlicher geworden. Denn die SPD hat sich aus der klein-grossen Koalition zurück gezogen und Jamaika ist alles andere als einfach und immer noch unwahrscheinlich.

Möglicherweise wird sich die SPD am Ende aus "Staatsräson" doch bitten lassen, aber eine stabile Regierungsbildung ist nun definitiv nicht mehr sicher.

Diese Erkenntnis trifft auf einen Markt, der was das angeht zu sorglos war. Und auch heute merkt man in den Kommentaren der internationalen Pressen immer wieder, dass auf den "Sieg" von Angela Merkel abgehoben wird und die anderen Entwicklungen unter dem Motto "wird schon werden" abgehakt werden. Das Zutrauen in das "weiter so" ist gross, dabei ist ein "weiter so" nach meiner Wahrnehmung endgültig vorbei.

Wir stehen nun also vor einem langsamen, inkrementellen Erkenntnisprozess der Marktteilnehmer, der stark von der Positionierung der Politik beeinflusst werden wird. Solange "Jamaika" realistisch erscheint, gibt es keinen Grund für Sorgen, diese Koalition wäre für den Markt im Saldo nicht schlechter als die "Groko".

Sobald aber im Verlauf klar werden sollte, dass Deutschland nun zum politisch unsicheren Kantonisten wird, wird das erhebliche Auswirkungen auf den Euro und die Eurozone haben.

Es wird spannend für uns werden, diesen Erkenntnisprozess nun in den nächsten Wochen zu beobachten. Politische Börsen können schon lange Beine haben, aber eben nur wenn es an das Grundsätzliche geht, an die Grundlagen von Wirtschafts- und Währungspolitik, an die Ordnungspolitik.

Mit einer Jamaika-Koalition, würde an diesen Grundlagen wenig geändert werden, es würden nur in Nuancen ein paar Schwerpunkte verschoben. Und mit einer doch klein-grossen Koalition, würde sich erst recht nichts ändern. Insofern hat der Markt recht noch ruhig zu bleiben.

Wenn aber gar keine Koalition möglich sein sollte und Deutschland auf Instabilität und Neuwahlen zusteuern sollte, dann wird das nicht folgenlos an den Börsen bleiben. Die Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios ist nun deutlich gestiegen, das verstehen wir nun besser, als die US Investoren die vor allem in der Kategorie" Merkel denken. Dabei hat die "Rautendämmerung" mit dem gestrigen Sonntag richtig Fahrt aufgenommen.

Spannende und bewegte Zeiten liegen definitiv vor uns!

Ihr Hari

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Wenn der Gnom nicht wäre

Der Ferienmodus mit geringerer Aktivität im Blog ist vorbei, nun stehen uns die 4 aktivsten Börsenmonate des Jahres bevor und dann steht schon 2018 vor der Tür.

Mein Gott, ich erinnere mich noch genau an die Zeit, als "2001 Odyssee im Weltraum" von Stanley Kubrick noch ferne Zukunft war und ich mit grossen Augen im Kino sass. Was bin ich doch ein alter Knacker geworden.

Dass eine weitere Korrekturphase im Zeitraum September/Oktober nicht unwahrscheinlich erscheint und das Jahr trotzdem ein gutes Börsenjahr werden dürfte, habe ich Ihnen schon in -> Vom Fischen gehen <- geschrieben.

Wenn wir aber die kommenden Tage dieser Woche gerade in den eurobasierten Indizes von DAX & Co. anschauen, sind die Chancen gar nicht so schlecht, dass hier nun eine Chance nach oben besteht:

Rund um die EZB am Donnerstag und Draghis Pressekonferenz, sollte sich nämlich allerlei Erwartung entfalten, dass Draghi den Anstieg des Euros deckelt und das sollte DAX & Co. helfen. Auch die Kerze letzter Woche als "Hammer" deutet in diese Richtung.

Leider wird das Bild heute durch den Gnom aus Korea etwas verzerrt, es macht aber Sinn davon auszugehen, dass diese Sorge ebenso verfliegt wie die Fälle vorher. Sicher, wenn es wirklich zum Krieg auf der koreanischen Halbinsel kommt, ist alles anders und alle normalen Szenarien hinfällig. Dass es aber dazu kommt, ist wohl weiter nur ein Restrisiko, auf das zu setzen keinen Sinn macht.

Wenn der Gnom nicht wäre, wäre es heute also einfacher und wir hätten wohl im Grünen eröffnet. Aber das kann ja noch werden. Solange die oben eingezeichnete Unterstützung hält, kann man im DAX nach oben schauen. Darunter zieht man die Reissleine - eine recht klare Ausgangslage.

Gold macht übrigens das, was ich hier schon Ende Juli in -> Erwachen der Edelmetalle <- auf den Radar genommen habe. Auch dabei hilft der Gnom aktuell mit, wie das Edelmetall aber den Ausbruch über 1.300 USD mit einem Retest bestätigt hat, ist schon eindrucksvoll:

So weit so kurz an diesem Montag im September 2017. Einem September der bekanntermassen keinen besonders guten Ruf als Börsenmonat hat. Das muss uns aber nicht schrecken, erfolgreiche Anleger nehmen ebenso wie erfolgreiche Bergsteiger oder Kletterer den Markt/Berg immer Schritt für Schritt und Zug um Zug. Das Spintisieren über den Horizont überlassen wir denen, die gerne eine Klippe herunter stürzen, weil sie als "Hans guck in die Luft" nicht auf ihre Füsse achten.

Ihr Hari

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Bitcoin, Ethereum, die Tulpen, Panini-Bilder und Geld

Im internen Bereich war der Wunsch vorhanden, mal darzustellen warum ich mich von den Kryptowährungen noch weitgehend fern halte und diese (noch) *nicht* für ernst zu nehmendes Geld halte.

Das Interesse daran dürfte auch im freien Bereich deutlich vorhanden sein, weswegen ich Ihnen diesen Artikel nun auch hier zur Verfügung stelle, leicht angepasst, weil um interne Referenzen bereinigt und um einen Gedanken erweitert.

Viel Spass und gute Erkenntnisse wünscht Ihr Hari

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Ein Thema das immer wieder angefordert wurde, war der ganze Komplex rund um Bitcoin und Ethereum. Nun, da das Interesse so gross zu sein scheint - war es bei Tulpen übrigens auch mal 😉 - will ich mich aufraffen dazu etwas zu schreiben.

Aufraffen muss ich mich dazu, weil mich das Thema Anlage- und Tradingtechnisch noch gar nicht interessiert. Null. Nada. Ich werde Ihnen also nur erklären, warum es mich (noch) nicht interessiert, für eine Diskussion um die einzelnen, aktuellen Entwicklungen brauchen Sie einen anderen Gesprächspartner.

Und nein, natürlich ist der Bitcoin Ansatz etwas anderes als die Tulpen der -> Tulpen-Manie < -, das war nur eine Spitze, weil es Ähnlichkeiten bei der Markttechnik gibt, die mit einem zu engen Markt und ganz viel Hype zu tun haben. Die Folge ist eben eine Fahnenstange.

Aber von Anfang an.

Ich bin Informatiker und Techie. Ich verstehe den Ansatz der Crypto-"Währungen" also voll und ganz, auch technisch. Nicht in dem Sinne, dass ich mich für die Details der Algorithmen interessiere, aber das Prinzip der Blockchain und die damit verbundene Begrenztheit und nicht beliebige Vermehrbarkeit, ist mir völlig klar.

Mein erster Satz wird sie vielleicht erstaunen, weil er zum klaren "Interessiert mich (noch) nicht" scheinbar nicht passt:

Das ganze Konzept ist intelligent, zukunftsträchtig und könnte tatsächlich die Grundlage eines zukünftigen Geldes sein.

Wow, der Hari ist ein Bitcoin Fan? Nein, ich bin ein Fan des Konzeptes. Aber das ist (noch) kein Geld, weil hier einige Irrtümer in den Köpfen interessieren.

Denn es geht ganz grundsätzlich um das was *Geld* auszeichnet und das ist primär Vertrauen. Dann wieder Vertrauen, erneut Vertrauen und dann lange nichts. Und dann erst die Vermehrbarkeit, Lagerbarkeit und viele andere Themen.

Alle Fiat-Währungen wie der Dollar sind auch beliebig vermehrbar und die Menschen trauen denen trotzdem, zumindest noch. Es gibt viele andere Dinge, die nicht beliebig vermehrbar und trotzdem kein stabiles Geld sind. Tulpen waren damals gerade eben auch nicht beliebig vermehrbar, sondern die Zwiebeln damals sehr selten und wertvoll.

Die Frage ist, was zeichnet Geld aus, damit es allseits akzeptiert wird und dauerhaft als Wertspeicher funktioniert? Was unterscheidet Geld von Tulpen? Und das hat in einer heterogenen Zivilisation immer auch mit Institutionen zu tun, an denen sich das Vertrauen festmacht. Oder wie bei Gold an vielen tausend Jahre zivilisatorischer Erfahrung und damit einem verdienten Grundvertrauen.

Die begrenzte Vermehrbarkeit ist also eher nebensächlich.

Der derzeitige Killer, der verhindert, dass Bitcoin und Co. "Geld" sein können, ist die fehlende Institution, die das Geld garantiert.

Denn es gibt einen ganz entscheidenden Unterschied zwischen Gold und Bitcoin. Gold ist Gold. Es gibt noch ein paar andere Edelmetalle, aber es gibt keine unbegrenzten Alternativen an physischen Gütern, die endlich, begrenzt und leicht lagerbar sind. Es gibt also im Bereich der lagerbaren Metalle keine sinnvolle Alternative zu den Edelmetallen.

Bitcoin aber, ist zwar in seinem System nicht beliebig vermehrbar, man kann und wird aber jederzeit beliebige "Bitcoins" daneben setzen. Ethereum ist der erste Fall. Sobald auch Ethereum hoch gestiegen ist, werden weitere folgen. Der Erfolg erzeugt weitere Alternativen - Konkurrenz belebt eben das Geschäft, drückt aber auch die Preise. 😉

Und weil zwar nicht Bitcoin selber, aber Alternativen zu Bitcoin beliebig vermehrbar sind, hält die Technik keinerlei Vergleich zu Gold und Co. stand.

Wenn man die Crypto-"Währungen" als Ganzes nimmt, sind sie eben doch beliebig vermehrbar. Die Edelmetalle sind es nicht.

Bitcoin und Co. beinhalten also durchaus die Technik und das Konzept, um daraus echtes elektronisches Geld werden zu lassen, sie sind im Moment aber eher sehr gehypte "Rabattmarken" die irgend ein Unternehmen heraus geben kann.

Auch Rabattmarken können begrenzt sein, wenn es das Unternehmen so will. Und wenn um das Unternehmen ein Hype entsteht, können auch dessen Rabattmarken stark im Preis steigen, wie auch Panini-Bilder auf dem Schulhof. Da aber jederzeit eine andere Firma eigene Rabattmarken heraus geben kann, haben sie einen rein spekulativen Wert und können durch den Hype auf dem Nebenhof jederzeit entwertet werden. Und sind als Geld ungeeignet.

Wir müssen uns immer klar machen, was Geld ist. Geld basiert auf Vertrauen. Dieses Vertrauen in den Werterhalt und die Handelbarkeit ist bei Gold in tausenden Jahren gewachsen. Bei den Fiat-Währungen wie Dollar und Euro wird dieses Vertrauen durch eine halbstaatliche Organisation erzeugt - die Notenbank - und durch den Staat gefördert, der es zum Zahlungsmittel erklärt und darauf zum Beispiel Anleihen begibt.

Dieses Vertrauen ist bei Bitcoin und Co. nicht nur noch nicht da, es ist auch (noch) ungerechtfertigt. Auf der einen Seite wird es technische "Glitches" geben, die eine Manipulation ermöglichen. Nicht im Basiskonzept selber, das erscheint mir geschlossen, sondern an den Schnittstellen, dort wo das elektronische Konstrukt in die reale Welt eintritt, wie zum Beispiel an den Handelsplätzen.

Auf der anderen Seite fehlt die glaubwürdige Institution, ich halte es für eher irreal und eine Verkennung dessen was Geld ausmacht zu glauben, dass das eine nicht-staatliche Stelle sein könnte. Das Vertrauen das mit der "Herausgabe" von Geld verbunden ist, muss immer institutionell untermauert sein - es geht einfach um zu viel. Da ist Bitcoin und Co. noch lange nicht.

Was sind die Crypto-"Währungen" also?

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Großbritannien – Estimation Nation

Heute freue ich mich besonders, Ihnen unser Mitglied der ersten Stunde "Libertin", auch im freien Bereich als neuen Kolumnisten des Blogs vorzustellen. Eine Kurzvita finden Sie -> hier <-.

Libertin hat sich in seiner Kolumne "Libertannica" vor allem Großbritannien verschrieben, da er als regelmäßigen Pendler zwischen den Ländern, viel Zeit vor Ort verbringt. Dabei hat er sich aber auch die Distanz und den unabhängigen Blick des Ausländers bewahrt.

Innenansichten aus Großbritannien, werden für uns in den kommenden Jahren besonders wichtig sein, da das Geschehen nach dem Brexit in seinem potentiellen Erfolg wie Mißerfolg, massive Auswirkungen auf Deutschland und die europäische Union haben wird. Unabhängig davon, ist der Finanzplatz London sowieso mit einer Reihe hoch spannender und attraktiver Unternehmen bestückt.

Libertins Kolumne soll den Bogen von Landeskultur, Alltagserfahrungen und Politik bis zu den Finanzmärkten schlagen und so die Mr-Market-Mitglieder mit Einsichten und Opportunitäten zum Vereinigten Königreich bereichern.

Nun wünsche ich Ihnen viel Spass bei einem Artikel der Libertannica! Ihr Hari

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Nationalcharakter? Ein engstirniges Wort, zu recht veraltet. Doch die Abwehr von Stereotypien darf andererseits nicht blind machen für Unterschiede und Eigenheiten. „Andere Länder, andere Sitten“ - das ist zwar komplett abgegriffen, trifft es aber schon eher. Auch Gesellschaften, die begrifflichen Nachfolger der Völker, haben schließlich geteilte Sichtweisen, Denk-, Kommunikations- und Gefühlsmodelle, bestehen sogar in gewisser Weise geradezu aus ihnen. Und nicht immer verlaufen die Trennlinien zwischen den Denkstrukturen entlang der bekannten Klischees, mit denen sich die Nationen das Nachdenken über ihre Nachbarn einfach machen.

Oft sind diese Dinge daher schwer zu fassen. Wenn ich in meiner Kolumne „Libertannica“ hier solche Eigenheiten Großbritanniens aufgreife, dann gehe ich wohl oder übel von subjektiven Eindrücken aus, ohne Anspruch auf universale empirische Gültigkeit, ein Zickzack mal den Klischees entlang, mal quer zu ihnen.

Schwer zu fassen ist für mich auch folgendes Thema, das mir aber wichtig vorkommt, mir immer wieder auffällt - eigentlich eher ein Bündel von Themen. Ich will es versuchsweise unter dem – nicht wertend gemeinten – Stichwort „(Un-)Genauigkeit“ ansprechen. Zu diesem unübersichtlichen Bündel gehörten auch das britische „Durchwursteln“, von dem hier schon die Rede war, die Pragmatik, die Flexibilität, das Zugleich von puritanischer Strenge und Permissivität, sowie vieles mehr. Aber irgendworan muß man die Sachen ja aufhängen.

Ist Genauigkeit eine Zier? Oder schlägt Präzision prompt in lähmende Pedanterie um? Der aufdringlich oft zitierten deutschen Pünktlichkeit steht in der englischen Welt eine seltener erwähnte Laxheit entgegen, eine oft verblüffend nonchalante Einstellung, mit einem vielsagenden Idiom vielleicht zu bezeichnen als „a cavalier attitude“. Aber Achtung, die folgenden Beispiele und Gedanken sind willkürlich und ohne Gewähr...

Erstmals beobachten kann der Neuankömmling dies gleich bei der Wohnungssuche, zumindest wenn es sich um eine Mietwohnung handeln soll. Die große Überraschung: In den Anzeigen findet sich keine Angabe der Fläche. Wohnungen werden nach der Anzahl der Zimmer eingeteilt und allenfalls noch mit einem Adjektiv als „groß“ oder „geräumig“ beschrieben. Die Größe muß der Makler auf Nachfrage erst einmal nachschlagen und hat womöglich keine befriedigende Antwort. Die Idee, gar einen Quadratmeterpreis auszurechnen, erscheint dann vollends als neurotische Pfennigfuchserei. Das mag nun auch damit zusammenhängen, daß Mieten in UK traditionell einen Ruf als Übergangslösung genießt, daher ja auch die Häufigkeit möblierter Wohnungen am Mietmarkt: Vielleicht muß man es da nicht so genau sein wie beim Immobilienerwerb. Trotzdem ist dieses Wischi-Waschi aus deutscher Sicht erstaunlich.

Die Ungenauigkeit hat dabei aber eine ganz wichtige positive Dimension: die Großzügigkeit. Das zeigt sich etwa im Kernbereich des britischen gesellschaftlichen Miteinanders, beim Pub-Besuch. Die allerwichtigste kulturelle Lektion für jeden ausländischen Gast ist die vorauseilende Bereitschaft zum Bestellen von Runden. Geiz ist hier eine unaussprechlich üble Erzsünde, total ungeil.

Die Runden wecheln zwar im Lauf des Abends ab, aber keinesfalls wird penibel mitgezählt, ob man auch auf seine Kosten gekommen ist, wenn man aufbricht. Der Abgrund an Peinlichkeit ist erreicht, wenn ein deutscher Besucher dem Rundenholer verschämt eine Fünfpfundnote hinstreckt, um das eigene Bier auszulösen. Oh no! Wobei hinter dieser Großzügigkeit ein subtiles Wertesystem am Wirken ist, das das Verhalten unmerklich reglementiert. Wer sich notorisch vor seinen Runden drückt, wird irgendwann dann doch auffallen und geächtet werden. Geben und Nehmen als elegante Dialektik.

Mit diesem Widerspruch ist der Bereich der britischen Höflichkeit berührt. Selbstzurücknahme ist zentral, etwa beim zivilisisierten Schlangestehen, einer hohen Errungenschaft, über die zu spotten den notorisch rückichtslosen Deutschen nicht gut ansteht. Auch Lügen ist etwa moralisch strengstens verpönt – man erinnere sich an den allgemeinen Aufschrei hierzulande vor ein paar Jahren über den Spesenskandal im Unterhaus.

Andererseits ist im Bereich der Höflichkeit das Lügen geradezu vorgeschrieben. „How are you?“ Wehe dem, der darauf zur ehrlichen Antwort ansetzt. Er merkt nach langen Monolog-Minuten, daß das Interesse an der eigenen Gesundheit eher Konvention geschuldet war als Anteilnahme. Und dennoch ölt dieses rituelle Ballett der Unehrlichkeit das soziale Miteinander auf eine bewundernswerte Weise. Böse Zungen behaupten, es führe auch zu einer gewissen Verklemmtheit.

Einen weiteren Unschärfebereich im häuslichen Leben will ich noch anfügen: die Abrechnung mit Versorgern. Was in Deutschland allenfalls in vernachlässigten Altbauten anzutreffen ist, stellt in Großbritannien den Regelfall dar: Wohnungen ohne Wasserzähler. Berechnet wird nach „Haushaltsgröße“ - ein Schätzwert also, wobei die Fläche hier aus erwähnten Gründen eher eine Nebenrolle spielt. Über 40% der Haushalte hätten heute einen Wasserzähler, verkündet stolz der Industrieverband -> Water UK<-. Das heißt, 60% haben keinen. Shocking.

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Die Börsenwetterlage aus der Umlaufbahn

Kann man die ganz grundsätzliche, langfristige Börsenwetterlage in sechs Sätzen und mit einem Chart beschreiben? Ich glaube ja, ich versuche es mal.

Erstens, sind die konjunkturellen Signale rund um den Globus gut und sprechen derzeit gegen eine grosse Baisse. Die Lage ist besser als die Stimmung.

Zweitens, ist die Skepsis im Angesicht der vorhandenen Risiken (Trump, Handelskriege, Eurokrise, EU-Zerfall, China etc) im Markt massiv vorhanden, auch die Bullen schielen permanent zum Notausgang. Ein derartiges Sentiment spricht gegen eine grosse Baisse. Bullenmärkte enden in Euphorie und klettern dagegen eine "Wall of Worry".

Drittens, sind die Kurse nun seit Trumps Wahl permanent ohne Korrektur gestiegen, das macht den Markt anfällig. Eine scharfe Korrektur, dürfte im ersten Halbjahr 2017 nun anstehen, sollte aber den grundlegenden Aufwärtstrend eher nicht stoppen.

Viertens, sind wir gerade Zeuge eines veritablen Ausbruchs aus einer 1,5 jährigen, grossen Konsolidierung im S&P500 und das spricht trotz im ersten Halbjahr anstehender Korrektur, für prinzipiell weiter steigende Kurse und ein gutes Aktienjahr 2017.

Fünftens, befindet sich der Aktienmarkt im grossen, zyklischen Bild sicher eher im letzten Drittel und der Beschleunigungsphase eines grossen Zyklus. In dieser Phase lassen sich aber typischerweise besonders deutliche Gewinne machen. Eine Topbildung braucht Zeit und geschieht in so einem starken Markt nicht "über Nacht".

Sechstens, sind alle obigen Aussagen natürlich nur eine Momentaufnahme und stehen unter dem Vorbehalt völlig neuer, überraschender Entwicklungen, die der Markt heute nicht kennt und die dann eingepreist werden müssten. Das ist aber eine Binsenweisheit und das Restrisiko, mit dem man immer leben muss. Wer das nicht aushalten kann, ist im Markt fehl am Platz.

Ihr Hari

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Korporatismus – ein zunehmendes Übel

Die wirklich wichtigen Dinge müssen immer wieder gesagt und wiederholt werden. Und dazu gehört auch immer wieder klar zu machen, dass wir in Deutschland keinen reinen Kapitalismus und in bestimmten Teilen nicht mal mehr eine soziale Marktwirtschaft haben, sondern dass das Land immer mehr von korporatistischen Strukturen geprägt und dominiert wird, in denen geschlossene Runden und Kommissionen von Besitzstandswahrern, sich zum eigenen Vorteil organisieren und Veränderung blockieren. Das zu unser aller Nachteil, aber durchaus mit wohlgefälligem Nicken großer Teile der Bevölkerung, die in Mehrheit die wichtigen Unterschiede und Folgen der unterschiedlichen Ansätze, Wirtschaft zu organisieren, gar nicht überreißt.

Was Korporatismus ist und was er bedeutet, habe ich schon vor einem Jahr in -> Korporatismus, Volkswagen und die Subventionen für die Autoindustrie <- zu thematisieren versucht. Darüber hinaus kann ich nur erneut nachdrücklich empfehlen, diese -> ausgezeichnete und abwägende Darstellung des Korporatismus <- der Konrad-Adenauer-Stiftung zu lesen, der ich inhaltlich nichts hinzuzufügen habe. Aber ich will auch der Bundeszentrale für politische Bildung in einem -> älteren Artikel zum Korporatismus <- Raum geben, auch wenn mir der Artikel den Korporatismus zu einseitig positiv betrachtet.

Besonders schön ist aber abseits aller Theorie immer, wenn die Konsequenzen korporatistischer Interessenvermischung so wunderbar erlebbar zu Tage treten wie zuletzt. Die kapitalistischer Aufwallungen unverdächtige, gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung, hat 2016 in einer Studie aufgearbeitet, -> wie viel deutsche Vorstände im Vergleich zu durchschnittlichen Mitarbeitern verdienen <-. Der absolute Spitzenreiter mit dem Faktor 141 ist dabei - Sie ahnen es - der nach bösen Zungen sozusagen "volkseigene Betrieb" Volkswagen, der maßgeblich von Politik und Gewerkschaften beeinflusst wird wie kaum ein anderer Konzern Deutschlands. Vergleichbare, privatwirtschaftlich freiere Mitbewerber wie Daimler und BMW, haben deutlich geringere Werte. Gefolgt wird Volkswagen übrigens vom ehemaligen Staatskonzern Deutsche Post, was für eine Überraschung.

So viel zu den "segensreichen" Wirkungen korporatistischer Strukturen, der Korporatismus der real existierenden bundesdeutschen Ausprägung, ist eben etwas harsch und überspitzt gesagt für mich persönlich die Organisation derer an den Fleischtöpfen, gegen die Interessen derer, die zu diesen Kungel-Runden keinen Zugang haben. Nun ist das ohne Frage übertrieben, der Korporatismus hat abstrakt seine sinnvollen Seiten und auch sinnvolle Beiträge zur Entwicklung des Landes geleistet, aber er beginnt zu sehr zu dominieren und da liegt das Problem.

Das Tragische dabei ist, dass die große Mehrheit der Bürger ja Korporatismus gar nicht definieren kann, weil ja immer nur platt das Etikett "Kapitalismus" auf alle Fälle geklebt wird, in denen sich Individuen einen "goldenen Hintern" verdienen können, der objektiv nicht zu rechtfertigen zu sein scheint. Auch das Gehalt des Ex-VW-Chefs Winterkorn wird so gerne als "Exzess des Kapitalismus" verunglimpft, dabei fußt es nach meiner bescheidenen Meinung ja gerade nicht auf Wettbewerb, sondern auf korporatistischen Strukturen.

Alles was mit "runden Tischen" zu tun hat, ist für Otto Normalbürger halt irgendwie immer gut, weil damit das warme Gefühl von Konsens und "Händchenhalten" verbreitet wird. Dass diese "runden Tische" aber sehr oft zu unwirtschaftlichen Kompromissen zu Lasten nicht am Tisch sitzender Dritter neigen, wird nicht begriffen. Denn die Organisation in Koordinationsrunden, ist per Definitionem eine elitäre und exklusive, die andere Marktkräfte und Teilnehmer auszuschließen versucht und daher strukturell besitzstandswahrend und konservierend wirkt. Runde Tische sind selten gute Ordnungspolitik, und mit sozialer Marktwirtschaft haben sie bestenfalls am Rande zu tun. Die Durchlässigkeit für Aufsteiger und Paradigmenbrecher wird so auch nicht gefördert, sondern die korporatistische Tradition deckelt solche systemändernden Bestrebungen. In meinen Augen ist das einer der großen Webfehler der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte in Deutschland und bestimmt auch ein Grund, warum Firmen wie Tesla mit ihrer disruptiven Kraft bei uns gar nicht entstehen können.

Nun kenne ich an dieser Stelle natürlich sofort die Widerspruchs-Reflexe, die bei solchen Aussagen aufkommen. Gerne wird dann darauf verwiesen, dass die Sozialpartnerschaft doch ein Erfolgsmodell Deutschlands sei, soziale Marktwirtschaft eben, statt ungezügeltem Kapitalismus und dem reinen Recht des (wirtschaftlich) Stärkeren. Stimmt, das IST definitiv ein Erfolgsmodell. Der Widerspruch der keiner ist zeigt aber, dass von dem Argument gar nicht die Essenz des Korporatismus verstanden wird, weil die permanente, platte Demagogie, die jede Fehlentwicklung reflexartig und pauschal einem finsteren Bösewicht namens "Kapitalismus" zuordnet, differenziertes Denken stark erschwert.

Die soziale Marktwirtschaft definiert ja gerade den Ausgleich unterschiedlicher Interessen, dafür müssen diese sich aber offen und klar gegenüberstehen, damit zwischen denen dann ebenso offen ein Kompromiss gefunden werden kann. Auf gut Deutsch, die Interessen von Unternehmens-Eignern und Gewerkschaften sind erst einmal klar getrennt und aus diesen klaren und definierbaren Gegensätzen heraus, erzeugt die soziale Marktwirtschaft dann einen Ausgleich. DAS war tatsächlich ein Erfolgsmodell.

Dieses Modell wurde aber zunehmend verbogen, was man an der ->paritätischen Mitbestimmung <- der Gewerkschaften in den Aufsichtsräten großer Konzerne wunderbar beobachten kann. Statt diesen natürlichen Gegensatz zwischen den Unternehmenseignern und den Beschäftigten herauszuarbeiten und dann offen miteinander zu versöhnen, wurden Gewerkschaften einfach 50% der Sitze in den Aufsichtsräten zugeordnet. Der natürliche Gegensatz wurde damit in die Unternehmensspitze verlagert und wird dort nun in kleinen Runden im Aufsichtsrat aussortiert. Wie zu erwarten war, hat das aber eher nicht zu besseren Aufsichtsratsentscheidungen geführt, sondern nur dazu, dass Entscheidungen im kleinen Kreis von Untergruppen wie dem "Präsidium" ausgehandelt werden und dabei ganz natürlich auch das Konsens-Prinzip des "eine Hand wäscht die andere" zum Tragen kommt, welches kleinen sozialen Gruppen eben nun einmal zu eigen ist. Im durchschnittlichen Gemeinderat eines Dorfes ist es auch nicht anders.

Anders als so, kann man die inhärente Blockierung einer 50% zu 50% Gegenüberstellung im Aufsichtsrat ja auch gar nicht systematisch auflösen, man könnte böse sagen, die Kungelei ist politisch gewollt. Alles was in Hinterzimmern und kleinen Ausschüssen und Kreisen weniger Mächtiger aussortiert wird, ist eben per Definitionem nicht transparent und auch nicht marktwirtschaftlich, sondern eher die Herrschaft weniger Privilegierter über die Mehrheit. Ein Umstand, den mittlerweile selbst gemeine Aufsichtsräte hinter der Hand als unerfreulich empfinden, wenn die wesentlichen Entscheidungen im „Präsidium“ vorbereitet werden und sie nur noch als Abstimm-Staffage dienen.

Die Wirtschaft hat gelernt, sich mit der paritätischen Mitbestimmung zu arrangieren, weil die Macht der Gewerkschaften in Deutschland zu groß ist, und sie werden keinen Vorstand mehr finden, der offen dagegen auftritt, weil es sinnlos ist und nur Ärger macht. Sie werden aber auch kaum einen Unternehmer finden, der daran Gutes findet, wenn hinter vorgehaltener Hand offen gesprochen wird. Dabei sollte übrigens die Besetzung von 50% der Sitze im Aufsichtsrat durch Gewerkschaften nicht mit dem Betriebsrat in einen Topf geworfen werfen. Letzterer macht Sinn und wirkt in der Regel positiv auf den Betriebsfrieden; in Aufsichtsräten haben Gewerkschaften dagegen nichts verloren, davon bin ich persönlich weiter fest überzeugt. Und wenn man dieses deutsche, korporatistische Sondermodell anderen Unternehmern aus fast jedem Land der Welt erklärt, schauen sie einen oft fassungslos und ungläubig an, als ob man von einem anderen Planeten kommt. Auch wenn große Unternehmen von einer deutschen AG in eine europäische SE umfirmieren, spielt diese Thematik oft eine Rolle, auch wenn es aus politischer Korrektheit selten offen gesagt werden wird. So können Unternehmen knapp unterhalb der Grenze von 2.000 Beschäftigten in Deutschland nämlich durch SE-Umwandlung das Hineinwachsen in die paritätische Mitbestimmung vermeiden.

Erneut, damit das klar ist: es geht bei meiner Argumentation nicht darum, einen Ausgleich zwischen den Interessen des Kapitals und der Arbeitnehmer zu verhindern, im Gegenteil. Diesen zu orchestrieren ist ungemein wichtig und der große Standortvorteil einer wahrlich sozialen Marktwirtschaft. Die Kernfrage ist aber, ob dieser Gegensatz im Sinne einer sozialen Marktwirtschaft offen und transparent durch die Politik aufgelöst und ausgeglichen, oder im Sinne des Korporatismus in geschlossenen Runden mit gegenseitiger „Handwaschung“ gleich ausgetreten wird, ohne diesen Gegensatz je offen zu Tage treten zu lassen - außer eben "rituell" kurz vor Wahlen. Genau diese "Handwaschung", diese stillen Kompromisse, sind eine Kernfolge des Korporatismus, dieser Tendenz, alles in Kommissionen und halbstaatlichen Organisation aushandeln zu lassen, die strukturell besitzstandswahrend wirken. Die SPD liebt diese Kommissionen mit ihrem Habitus des Gemeinschaftlichen, die real existierende CDU ist aber auch nicht mehr viel besser.

Echte soziale Marktwirtschaft hat es zunehmend schwer, auch weil es schlicht an Bildung und Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge und damit die gesellschaftliche Unterstützung fehlt. Und der Vater dieser sozialen Marktwirtschaft, Ludwig Erhard, würde mit seinen Ansichten heute wohl als "Marktradikaler" verunglimpft und an den medialen Pranger gestellt - auch das sagt viel über die Entwicklung, die wir genommen haben. Eine Wirtschaft aber, in der Vitamin B, das Parteibuch, der Zugang zur Politik und die Zugehörigkeit zur richtigen Kommission zum entscheidenden Faktor wird, ist eine Wirtschaft die erstarrt und ihre Wettbewerbskraft verliert.

Dass das in Deutschland derzeit noch nicht der Fall ist, liegt nicht an der real existierenden Politik, sondern primär an einer noch existierenden positiven Parallelwelt eines gesunden Mittelstands, der sich von diesem politisch-korporatistischen Zerrbild von Wirtschaft soweit fernhält, wie es nur irgendwie möglich ist. Wenn man so will, haben wir in Deutschland also zwei Arten von Wirtschaft. Eine reale, gelebt und geprägt von echten Unternehmertypen, die ganz wesentlich für unseren Wohlstand und die Steuereinnahmen verantwortlich ist. Und ein bei der Politik und großen Teilen der Bürger beliebtes Zerrbild von Wirtschaft, das aus Kommissionen, Räten, halbstaatlichen Organisationen und Verbänden beruht. Ein Zerrbild, das aber nicht begreifen kann, dass die eigenen Fleischtöpfe nur so lange gefüllt und warm bleiben, wie man denen, die die Fleischtöpfe füllen - den wahren Trägern des Wohlstands - nicht zu stark das Wasser abgräbt.

Nehmen Sie also das Wort "Korporatismus" bitte in Ihren Wortschatz auf. Wir haben davon schon viel zu viel im Land, auch wenn er in der richtigen Dosis hier und da ohne jede Frage mal sinnvoll sein kann. Nicht jede Kommission ist schlecht und auch ein runder Tisch kann in einzelnen (Konflikt-) Situationen durchaus wertvoll sein. Aber der institutionalisierte Hinterzimmer-Kompromiss ist schädlich - wie alles, was zu viel genossen wird, am Ende giftig wird. Und denken Sie jedes Mal an das Wort und seine Konsequenzen, wenn irgendwo wieder eine "Kommission" initiiert wird, in die Politik den ureigenen Job verlagert. Das Motto der Zukunft müsste eben "mehr soziale Marktwirtschaft wagen" lauten und nicht "mehr Kommissionen wagen".

Und es sollte auch "mehr Politik wagen" lauten, denn eine Politik, die Entscheidungen für die sie selber gewählt wurde in Kommissionen verlagert, um ihnen den Anstrich der Objektivität zu geben, statt sich selber dafür zu exponieren, zeigt nur ihre eigene Entbehrlichkeit. Im Übrigen wird die politische Tendenz dann über die Auswahl der Kommissionsmitglieder sichergestellt, das Ergebnis ist absehbar, jeder glaube sozusagen nur dem „Gutachten“, das er selber bestellt hat. Dem Bürger wurde aber Sand der „Objektivität“ in die Augen gestreut, wo stattdessen Besitzstände gewahrt und politische Interessen gesichert werden.

Ich habe leider wenig Hoffnung, dass sich das ändert, ohne dass wir einen „Reset“ auf sozusagen „Demokratie 2.0“ bekommen, der näher am partizipativen Modell der Schweiz ist. Die aus Steuergeldern finanzierten Frösche ohne gesellschaftliche Wertschöpfung werden ihren warmen Teich hart verteidigen. Womit wir auch bei dem strukturellen Problem dahinter sind, das der renommierte Staatsrechtler Hans Herbert von Arnim in seinem lesenswerten Werk -> Die Hebel der Macht <- hervorragend herausgearbeitet hat.

Ihr Hari

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Der Mutmacher

Wir haben ja nun einen neuen Bundespräsidenten, der sich als "Mutmacher" versteht. Was ist immer das heisst, "Mut" ist ja eine ebenso schöne Leerformel wie "Gerechtigkeit" - entscheidend ist eher, womit man die Leerformel füllen will.

Das mit dem "Mutmachen" von jemandem wie Steinmeier, der sein ganzes Berufsleben im öffentlichen Dienst in der Politik verbracht hat und auf eine abgesicherte Staats-Pension herab schauen kann, ist aber eine interessante Haltung. Den selbstständigen Unternehmer, der gegen überbordende Staats-Bürokratie kämpft und um jeden Kunden ringt, kann er nicht meinen, dazu fehlt der Bezug. Den Arbeitnehmer mit Mini-Rente (die aber ist sicher ;)), der jeden Euro umdreht und am stärksten unter dem schwachen Euro leidet, kann er auch nicht meinen, auch dazu fehlt der Bezug.

Aber vielleicht will er ja der Politik "Mut machen", mal sinnvolle Ordnungspolitik zu betreiben und an die langfristige Zukunft und Wettbewerbsfähigkeit des Landes sowieso seine staatstragenden, steuerzahlenden Bürger zu denken. Dann fände ich das mit "Mut machen" richtig gut, alleine mir fehlt der Glaube an diese Interpretation. Wir werden sehen, womit diese Worthülse gefüllt werden wird.

Weil wir es aber gerade mit dem Mutmachen haben, will ich auch Ihnen als Anleger ein wenig "Mut" machen.

Denn ich denke Sie bemerken es auch, dass eine Art Beruhigung einzutreten scheint, was die Fragezeichen rund um Steinmeiers "Hassprediger" Donald Trump angeht. Aussenpolitisch wurde in diversen Terminen zuletzt Berechenbarkeit und eine gewisse Stetigkeit bewiesen. Die all zu grossen Sorgen, dass Trump die Welt sofort total auf den Kopf stellen würde, dürften übertrieben gewesen sein. Er wird sie schon auf den Kopf stellen, das ist recht wahrscheinlich, es dauert nur länger. 😉

Für den Markt ist das positiv, denn der kann sich damit zunächst auf die wirtschaftlichen Konsequenzen der Politik Trumps konzentrieren und diese sind für die US zunächst positiv. Und mit dem Versprechen aggressiver Steuersenkungen, gibt es nun auch einen neuen "Buy the Rumor" Katalysator. Irgendwann werden auch diese Hoffnungen und Versprechungen einen Realitätscheck machen müssen und dieser wird wohl nicht uneingeschränkt positiv ausgehen und mit einer Korrektur enden, aber dieser Tag ist wohl nicht heute.

Diesem eher bullischen Aufwärtsdruck der von der Wallstreet kommt, steht dagegen die berechtigte Sorge gegenüber, dass es den Euro und Europa zerlegt, denn die systemimmanenten Spannungen werden grösser. Zwischen diesen beiden Polen muss der Markt nun navigieren, wobei die US mit ihrer Politik eindeutig der grösste Gorilla im Raum sind. Insofern kann man in den kommenden Wochen in den US von einer eher positiven Marktentwicklung ausgehen, die aber immer wieder durch Schreckmomente und sorgenvolle Aufwallungen unterbrochen wird, die eher aus Europa kommen werden und die hiesigen Märkte belasten.

Im Leitindexx S&P500, sehen wir ganz eindeutig einen bestehenden und immer wieder bestätigten Aufwärtstrend seit Trump gewählt wurde:

Dieser Trend hatte zuletzt nachgelassen, durch die Hoffnung auf Steuersenkungen aber letzte Woche wieder Fahrt aufgenommen. Aber ganz egal wie wir das interpretieren, wir stellen uns *nicht* gegen so einen Trend. So einen Trend geht man mit, bis er irgendwann bricht und dann erst steigt man aus. Alleine die Frage wie sehr man sich dabei exponiert, ist diskussionswürdig. Und in Anbetracht der erhöhten Risiken, dürfte etwas erhöhter Cash, derzeit weiter keine schlechte Idee sein.

Ich kann das hier im freien Bereich nicht oft genug wiederholen, es bringt nichts sich gegen den Markt zu stellen und klüger als dieser sein zu wollen. Die wichtige Fähigkeit für Börsenerfolg ist nicht, mit der nicht vorhandenen Glaskugel schon heute wissen zu wollen, wann dieser Markt in eine Korrektur wechselt. Die Kunst ist, wenn es passiert, dann schnell und konsequent zu handeln. So wie es auch die Kunst war, nach der Wahlnacht von Trump schnell und konsequent zu handeln, danach war noch mehr als genug Zeit den steigenden Kursen zuzuschauen. Abwärts geht es am Markt zwar immer etwas schneller als aufwärts, das Prinzip ist aber das Gleiche.

Übrigens, was Gold macht, sieht weiter sehr konstruktiv aus, ganz besonders wenn man sich vor Augen führt, dass die Wallstreet gerade "Risk ON" spielt, was für Gold eher ein Kontraindikator ist. Wer sich gegen Wirrungen und Irrungen rund um den Euro etwas absichern will, ist hier wahrscheinlich ganz gut aufgehoben:

Geben wir also den Steinmeier, haben wir Mut! 😉

Ihr Hari

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