Vom Elend der Charttechnik und der Börsenkultur – Eine Wutrede

Vor kurzem hatte das Handelsblatt wieder zum Frankfurter Gespräch geladen und was dort vorgestern als Ergebnis den Weg in die Presse fand, hat das Zeug als perfektes Anschauungsmaterial für das ganze Elend der Charttechnik und die nicht existente Börsenkultur in Deutschland zu dienen.

Lesen Sie vielleicht zunächst einmal -> hier <- den Artikel mit dem reisserischen Titel "Experten erwarten heftigen DAX-Einbruch".

Da haben wir also auf der einen Seite diese sogenannten "Experten", die in dem Artikel mit Aussagen zitiert werden, die für mich persönlich irgendwo zwischen Trivialität und Blödsinn liegen. Jetzt will ich zugunsten der Herren annehmen, dass ihre Argumentation im Gespräch tatsächlich weit differenzierter war, als es der Artikel vermuten lässt. Nur warum lässt man sich dann derart oberflächlich darstellen ? Ich würde mir das verbitten und wenn die Redaktion darauf nicht eingehen will und meine differenzierte Argumentation nicht drucken will, dann sollen die halt was von anderen Leuten veröffentlichen. Niemand wird doch gezwungen daran teilzunehmen.

Als ob das aber nicht reicht, werden in dem Artikel wieder fröhlich Zukunftsaussagen gemacht und konkrete DAX Ziele genannt. Die Schlagzeile ist ja das beste Beispiel. Dabei macht seriöse Markttechnik gar keine exakten Zukunftsaussagen, aber dazu später mehr. Darüber hinaus waren diese "Experten" in den vergangenen Jahren eher die perfekten Kontraindikatoren. Letztes Jahr wurde beim Frankfurter Gespräch lauthals das Ende der Goldhausse ausgerufen. Das Ergebnis durften wir dann bei 1900 USD bewundern. Das es immer noch Leser gibt, die diesen "astrologischen" Zukunftsbetrachtungen Beachtung schenken ist wirklich erstaunlich. Aber schon zwei Tage später ist es halt vergessen nach dem Motto "was interessiert mich mein Geschwätz von gestern" und wenn dann der Markt in einer Woche tatsächlich kräftig absackt - und irgendwann wird er das aus ganz anderen Gründen ohne Frage tun - dann kann man sagen "ich habs ja gesagt".

Auf der anderen Seite haben wir nun aber die Reaktion von Otto Normalanleger, die man in den Kommentaren zum Artikel nachlesen kann. Da werden Kübel an Häme über solche Zukunftsaussagen und die Charttechnik perse vergossen und man könnten deshalb meinen, dass die Anleger doch klüger geworden sind. Wenn man aber genau hinsieht merkt man, dass viele der Kommentatoren zwar erkennen wie unsinnig diese pauschalen Zukunftsaussagen sind, mit dem Kind aber gleich das Bade mit ausschütten und die Charttechnik perse als "bunte Linien" verunglimpfen. Ganz verdenken kann man es diesen Kommentatoren ja nicht, denn wenn diese Technik so dilettantisch verkauft wird, muss man sich auch nicht wundern, wenn die Mehrzahl der Normalanleger keinen Zugang dazu entwickelt. Da man eine Linie auch schnell gezogen hat, gibt es ja leider auch zu viele die damit hausieren gehen, ohne die Grundlagen und Prinzipien - und damit auch die Grenzen - der Technik wirklich verstanden zu haben.

Warum erklärt eigentlich nicht mal jemand seriös, was man mit Charttechnik erreichen kann und wo ihre Grenzen liegen ? Denn richtig und seriös ausgeführte Chartanalyse ist weit mehr als "bunte Linien" und gleichzeitig weit weniger als der "heilige Gral" zur Zukunftsvorhersage. Es ist einfach eine für Anlageentscheidungen wichtige Technik, die Indizien über den Marktzustand liefert, nicht mehr und nicht weniger. Indizien, aber keine Gewissheiten - der Unterschied ist bedeutend !

Das ist ja auch kein Wunder, denn die Charts bilden ja nur das Verhalten der Massen an Menschen ab, die in der Vergangenheit am Markt gehandelt haben. Mit bunten Linien hat das wenig zu tun, mehr mit der Visualisierung der Massenpsychologie - auch Marktsentiment genannt. Und menschliches Massenverhalten hat halt schon seine Muster, wer das nicht sehen will beraubt sich selber freiwillig eines wichtigen Bausteins, der ihm einen kleinen Vorteil bei der Anlage verschaffen könnte.

Im Gegensatz zu dem was solche Schlagzeilen implizieren, macht seriöse Charttechnik auch keine verbindlichen Aussagen über die Zukunft, sie beschreibt nur das Verhalten der Marktteilnehmer in Gegenwart und Vergangenheit. Und aus diesem Verhalten kann man mit Erfahrung Rückschlüsse für die Wahrscheinlichkeiten zukünftigen Marktverhaltens ziehen. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger !

Ein weiterer Punkt der gerne verkannt wird - besonders von noch unerfahrenen Jüngern der Charttechnik: man darf sie auch nicht zu exakt nehmen, denn sie unterliegt massiv der Selbstbezüglichkeit. Wenn zum Beispiel der ganze Markt auf eine exakte Marke wie 7000 starrt, werden die Marktteilnehmer sich adaptieren und versuchen schon vorher zum Zug zu kommen. So ist der Erfolg einer charttechnischen Marke auch gleichzeitig ihr Untergang, denn alleine durch die gemeinsame Beobachtung der Marke verändert sich schon das Marktverhalten und die echte Reaktion findet etwas verschoben an anderer Stelle statt. Wer also mit allgemein bekannten, auf die Kommastelle exakten Marken bei Widerständen und ähnlichem operiert, macht sich was vor und wird garantiert von den Haien im Markt abgefischt. Das bedeutet aber nicht, dass Widerstände nicht existieren, man muss sie nur als Zonen verstehen, deren exakte Ausprägung im permanenten Fluss von Beobachtung und Handlung aller Marktteilnehmer ist. Denn auch für die Charttechnik kann man den Spruch von Warren Buffet anwenden: Sie ist simpel, aber nicht einfach !

Und so weiter, ich könnte endlos so weitermachen. Im Kern - und richtig eingesetzt - ist Charttechnik und Markttechnik aber ein sinnvoller Weg um Massenpsychologie sichtbar zu machen. Und es ist nicht die Schuld dieser Technik, wenn jemand damit unseriösen Kokolores betreibt. Genauso wenig wie es Schuld der Physik ist, wenn sie jemand verbiegt um verquere Weltanschauungen zu verbreiten. Wenn die Mehrzahl der privaten Anleger begreifen würde, wie wichtig die Massenpsychologie für die Kursentwicklung ist und das diese durchaus ihre Muster hat, dann wären wir in der Börsenkultur einen erheblichen Schritt weiter und Otto Normalanleger würde an der Börse weit erfolgreicher sein.

Mit solchen Artikeln wird aber auf jeden Fall genau das Gegenteil erreicht und alle können sich nun fröhlich in ihren Vorurteilen bestätigt sehen.

Mich ärgert das - und deshalb habe ich mir diese Wutrede hier mal erlaubt. Ich hoffe Sie sehen mir das nach ....

Marktupdate – zur Technik eines „Runaway Move“

Mit seiner dynamischen Bewegung über 6600 im DAX, hat der Markt heute die Wahrscheinlichkeit meines -> hier <- skizzierten Szenarios (1) weiter erhöht, die Möglichkeit eines Runaway-Move im DAX sollte man nun sehr ernsthaft in Erwägung ziehen ! Zwar sieht dieser Ausbruch über 6600 kurzfristig eher nach einem kleinen Top im DAX aus und ich rechne eher damit, dass der Markt nun noch einmal Luft holt, die Dynamik der Bewegung ist aber nun so hoch, dass es durchaus bald weiter nach oben gehen könnte.

Leider ist ein solcher "Runaway-Move" keineswegs so positiv, wie sich das auf den ersten Blick anhört. Denn auch für die Bullen unter uns ist es sehr schwierig, eine solche Bewegung erfolgreich mitzugehen. Denn leider ist in so einer Phase das normale Schwingen des Marktes zwischen einem "überkauften" und "überverkauften" Marktzustand völlig ausser Kraft gesetzt. Und damit verliert die Kursentwicklung jede Berechenbarkeit. Denn der Druck durch frisches Geld von der Seite ist so hoch, dass es kaum noch zu relevanten Korrekturen kommt. Und wenn, dann dauern diese gerade mal einen Tag, danach wird wieder aggressiv gekauft. So füttert die Hausse sich selbst und am Ende rennt alles in den Markt, weil es scheinbar nur noch nach oben geht.

Das Ende einer solchen Bewegung ist aber leider zu oft ein kleiner Crash und das Problem dabei ist: wann der kommt ist nicht wirklich vorhersagbar, da Marktzyklen und Sentimentanalyse in so einer Bewegung ausser Kraft gesetzt sind. Wer aber den bewährten Methoden von Zyklen und Sentiment folgt, wird bei einem Runaway-Move garantiert viel zu früh aussteigen und den Hauptteil der Bewegung nach oben verpassen.

Grund genug, dass wir uns deshalb mal am Beispiel anschauen sollten, was so ein "Runaway-Move" wirklich bedeutet. Glücklicherweise haben wir perfekten Anschauungs-Untericht bei der Kursentwicklung von Silber im letzten Frühjahr:

Wie Sie sehen, startete Silber die Bewegung im Januar 2011 bei gut 25USD um 3 Monate später im April 2011 bei fast 50USD zu toppen - eine Verdoppelung in nur 3 Monaten ! Danach folgte ein crashartiger Absturz bis fast 30 USD.

Schaut man sich den Chart genau an, lassen sich daraus für mich die folgenden Lehren ziehen:

1. Wer den klassischen Methoden der Markttechnik gefolgt war, hat den Markt schon nach einem Monat bei ca. 33 USD verlassen, weil Silber da schon überkauft war. Und hat damit den Schwerpunkt der Bewegung verpasst. Bitte beachten Sie, dass rein vom Zeitablauf her, dieser Moment im Februar 2011 mehr oder weniger dem heutigen Ablauf der Rally entspricht. Es waren gerade mal ein guter Monat vergangen. Das heisst keineswegs, dass die Bewegung aktuell genau so laufen muss. Ich will nur klarmachen, dass eine solche Bewegung meistens länger andauert als man denkt.

2. Wer einmal rausgeflogen war, dem gab der Markt keine Chance via signifikantem Rücksetzer wieder aufspringen zu können. Selbst wer die Korrektur im Februar richtig getimed hatte und bei vielleicht 33 USD abgesprungen war, kam später nicht mehr zu besseren Kursen an Bord.

3. Gegen Ende der Bewegung gab es eine Art Kaufpanik, die sich an der Beschleunigung des Anstiegs nachvollziehen lässt. Auch diese Kaufpanik dauerte Wochen und damit länger als sich die meisten vorstellen konnten.

4. Das Top wurde genau dort markiert, wo der Markt nach einem kurzen Rücksetzer nicht mehr in der Lage war, kurz danach neue Höchststände zu erreichen.

5. Wer beim Top nicht in Windeseile aus dem Markt war, hat in kürzester Zeit fast seine gesamten Gewinne wieder verloren.

Was ich daraus lerne:

-> Der Versuch das Ende der Bewegung vorher zu ahnen wird scheitern und man wird zu früh aussteigen.
-> Sich keine Gedanken zu machen und einfach mitzulaufen führt zwangsläufig dazu, dass man seine Gewinne wieder abgibt.

Die einzige für mich sichtbare Lösung aus so einem Dilemma ist daher:
Stur und ohne langes Grübeln mit einem Trailing Stop agieren !

Ein Trailing Stop ist ein Stop, der jeden Tag nachgezogen wird, so dass der Abstand zum Kurs immer gleich bleibt. Entscheidend ist dabei, den Abstand so zu wählen, dass man durch die normalen Korrekturen nicht ausgestoppt wird.

Würden wir dazu die Korrektur von gestern im DAX als Massstab nehmen, hatten wir Intraday eine Bewegung von 120 DAX Punkte nach unten. Mit Sicherheitsspielraum könnte man also aktuell vielleicht 150 DAX Punkte Abstand wählen und dann hoffen, dass einen ein Runaway-Move in so luftige Höhen zieht, dass die 150 Punkte oder 2,5% potentieller Verlust nicht ins Gewicht fallen.

Auch diese Taktik ist keine Garantie für Erfolg, denn Mr. Market fällt dann sicher gerne mal 152 Punkte bevor er zu neuen Höchstständen aufbricht, diesem hinterhältigen Kerl ist das allemal zuzutrauen. 😉 Aber eine brauchbare Strategie ist es trotzdem und nach meiner Erfahrung allemal besser als nach "Bauchgefühl" irgendwas zu machen. Denn so erwischt man einen Runaway-Move garantiert nicht, der Bauch sagt einem viel zu früh: raus, raus !

Soweit ein paar hoffentlich hilfreiche Gedanken zu solchen Marktbewegungen. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, die Möglichkeit eines solchen "Runaway-Move" ist nun durchaus vorhanden, garantiert ist das aber keinesfalls ! Alle drei von mir genannten Szenarien sind nach wie vor möglich, auch wenn sich die Wahrscheinlichkeiten nun weiter Richtung Szenario (1) verschoben haben.

Betrachten Sie obigen Vergleich mit Silber 2011 also bitte nicht als Vorlage wie es nun im Markt weitergeht, ich garantiere Ihnen, es kommt nicht genau so, bestenfalls ähnlich !

Aber ich finde man kann sich anhand des Beispiels klar machen, wie man im Falle des Falles bei einer solchen Bewegung agieren sollte und welche Fallstricke auf dem Weg lauern.

Und eine Wahrheit sollte man aus dem Beispiel Silber in jedem Fall mitnehmen: selbst wenn wir jetzt noch wochenlang im DAX hoch laufen und vielleicht sogar die 7000er Marke erreichen, wir werden dann definitiv im ersten oder zweiten Quartal einen scharfen Einbruch erleben. Bei aller positiven Stimmung ist nun also nicht die Zeit um gedankenlos dem Markt hinterher zu laufen ! Es ist aber auch nicht die Zeit um sich nur aus Bauchgefühl gegen den Markt zu stellen !

Bleiben Sie also geduldig und wachsam. In diesem Sinne wünsche ich erfolgreiches Handeln.

Marktupdate – 27.01.12 – Griechische Defensive übers Wochenende

Ich stelle mich beim DAX Niveau 6550 nun über das Wochenende etwas defensiver auf. Grund ist, dass das Thema Griechland möglicherweise nächste Woche zur Entscheidung kommt. Nachdem was man liest, soll der Bericht der Troika am Montag beim EU Gipfel zwar noch nicht vorliegen, informell wissen aber bestimmt alle schon was darin stehen wird.

Für mich sieht die Nachrichten-Lage nun so aus, als ob die richtige Pleite endlich vollzogen wird. Die Signale aus der Politik sprechen für mich dafür. Möglicherweise tritt Griechenland auch "freiwillig" aus dem Euro aus, wobei das Wort "freiwillig" dann sicher durch allerlei milliardenschwere Kompensationsgeschäfte "motiviert" wurde. Aber wie auch immer, ich glaube das Thema ist auf der Zielgeraden und eigentlich weiss jeder, dass ein Schuldenschnitt mit "weiter so" nichts wirklich ändert, selbst wenn es 70% wären. Griechenland braucht schlicht eine viel weichere Währung, anders kommt das Land in meinen Augen nicht auf die Beine. Mit dem Euro ist Griechenland nicht wettbewerbsfähig und ich sehe ehrlich nicht, wie sich das in absehbarer Zeit ändern soll, dafür liegen zu viele grundlegende Dinge im Argen.

Mr. Market sieht das ganze mittlerweile ziemlich gelassen, weil er in meinen Augen zurecht davon ausgeht, dass die Staaten und Banken nun genügend Zeit hatten sich auf den Fall X vorzubereiten. Zu einem völlig ungeordneten Zusammenbruch wird es also wohl nicht kommen. Zu einem formalen "Default" mit entsprechenden Effekten bei den CDS aber möglicherweise schon. Und wenn doch ein Lösung im Konsens erarbeitet wird die den formalen Default vermeidet, wird das Mr. Market um so mehr mögen.

Trotz dieser berechtigten Gelassenheit, würde ein Default den Markt wohl kurzfristig durchschütteln. Denn Unsicherheiten gibt es auch bei der besten Vorbereitung. Wenn man dann noch bedenkt wo wir aktuell notieren und wie weit wir schon gelaufen sind, sehe ich keinen Grund das Risiko über das Wochenende zu nehmen. Die Wahrscheinlichkeit, dass uns der Markt bis Montag massiv nach oben wegläuft ist für mich auf dem Niveau von DAX 6550 gering. Das politische Risiko übers Wochenende ist dagegen hoch.

Das ändert nichts an meiner grundlegend positiven, mittelfristigen Marktsicht und sollte Griechenland tatsächlich in den Default gehen, wäre die kurze Phase der Verunsicherung für mich möglicherweise sogar eine Kaufgelegenheit. Aber ich sehe wenig Grund mich nun über dieses Wochenende übermässig zu exponieren. Und wenn wir nun bis Montag ein bischen nach oben verpassen sollten, war das die Sicherheit in meinen Augen wert.

Am Montag werde ich die Lage dann ganz in Ruhe neu bewerten.

Gastkommentar – Das “Big Picture” des Marktes – von „Tokay“

Liebe Leser,

wenn ich umfangreiche Kommentare von Ihnen sehe, die vom Inhalt her auch ein Artikel sein könnten und für alle interessant sind, werde ich Sie möglicherweise ansprechen, ob Sie den Kommentar nicht als Artikel veröffentlichen wollen. So geschehen heute bei "Tokay" und hier finden Sie also nun den ersten von einem Leser geschriebenen Artikel auf Mr-Market. Diese Artikel sind später dann in der Kategorie "Gastkommentare" aufzufinden, der Autor erscheint jeweils oben in der Titelzeile und ist so eindeutig zu erkennen.

Natürlich sind auch Sie herzlich eingeladen, von sich aus mit einem Vorschlag für eine Veröffentlichung an mich heran zu treten.

Viel Spass beim lesen wünscht Ihr Hari

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Hallo zusammen, Hallo Hari,

ich hab mich “vorsichtshalber” auch bei Deinem Blog angemeldet, weil mich die ganzen Diskussionen/Beiträge natürlich schon interessieren, diese aus meiner Sicht auch ein recht gutes Niveau haben und ich hoffe, daß das auch weiterhin so sein wird und nicht etwa in “Schlammschlachten” ausartet.

Jetzt zu Deinem gestrigen Eintrag zur Markteinschätzung bzw. zum “Big Picture”, meine Sichtweise ist recht ähnlich. Ich sehe den Markt an einem Indifferenzpunkt, wo die Seitwärtsbewegung die seit dem Herbst 2011 stattfindet, möglicherweise endet und andererseits ein neuer Bullenmarkt im Entstehen begriffen ist. Man weiß es nicht so genau(wie immer erst hinterher…;-))

Wenn man so die Jahresausblicke der Banken liest, so ist der Grundtenor ein verhalten optimistischer. Dies ist zunächst etwas paradox, denn die Gewinnerwartungen für 2012 werden eher nach unten korrigiert werden müssen, und Zinssenkungspotential besteht auch kaum welches. Diese beiden Faktoren sind ja üblicherweise die Haupttreiber der Entwicklung am Aktienmarkt.

Auf der anderen Seite waren die Risikoprämien bedingt durch die weiterhin andauende Eurokrise in 2011 historisch sehr hoch. Für 2011/2012 errechnet sich ein aktuelles DAX-KGV von ca. 10, somit eine Gewinnrendite von 10%. Der historische Durchschnitt liegt wohl bei etwa 15 bzw. 6,5 %. Somit wäre unter sonst gleichbleibenden Umständen ein höhere Bewertung gerechtfertigt. Die ungünstigen Einflüße bei Unternehmensgewinnen und Zinsen würden dies nur abschwächen, aber nicht umkehren. Da die Politik der EZB in nächster Zeit weiterhin expansiv sein wird(wenn man Herrn Draghi Glauben schenken darf), hält sich das Zinserhöhungsrisiko doch sehr in Grenzen. Es besteht außerdem die Aussicht, daß die Mini-Rezession in 2012 die deutschen Unternehmen nicht so schwer trifft wie befürchtet und die Lage in den BRIC-Staaten sich zügig bessern wird. Wenn China mit knapp 9 % eine Wachstumsabflachung zu verzeichnen hat, so ist das etwas, womit die deutschen Exporteure wohl gut leben können. Ein DAX-Ziel von 6500-7000 wäre damit keineswegs illusorisch.

Risiken wären andereseits insbesondere dann vorhanden, wenn es mit der Eurokrise nicht vorangeht, insbesondere bei Griechenland. Jedoch bei Spanien und Italien ist deutliche Besserung eingetreten, in Italien insbesondere, seit dem dort nicht mehr “Bunga-Bunga”das Hauptthema ist. Auch die Situation im persischen Golf könnte sich noch zuspitzen und die Kurse nach unten drücken. Das ist zwar nicht auszuschließen, aber auch nicht besonders wahrscheinlich, denn da würde sich der Iran letztlich ins eigene Fleisch schneiden(oder womit will man dort seine ausländischen Rechnungen bezahlen, wenn nicht mit Öl?).

Und was könnte das konkret bedeuten? Nun, eine Reihe von Titeln ist in den letzten Wochen sehr gut(zu gut?) gelaufen. Vielleicht steckt momentan bei einigen Aktien etwas zu viel Euphorie drin. Dennoch könnte man meinen, daß der Markt im Prinzip nach oben will, und Rücksetzer dann eher eine Gelegenheit wären, zuzukaufen. Außerdem ist generell, und dies kommt in dem DAX-KGV von 10 ja zum Ausdruck, die allgemeine Risikoscheu noch immer sehr hoch. Ein Kursanstieg auf lange Sicht wäre so gesehen eigentlich nichts anderes als eine Normalisierung der Verhältnisse. Ob man dies jetzt ausnutzt und sogleich verkauft oder den positiven Trend laufen lässt – ich weiß auch nicht, was das bessere ist. Aber nachdem jetzt die letzten 12 Monate so bescheiden gelaufen ist, wäre es vielleicht etwas voreilig, bei der ersten Aufhellung gleich wieder zu verkaufen. Sollte diese Aufhellung allerdings nicht von Dauer sein, und das muß man ja immerhin trotz allem als Möglichkeit in Betracht ziehen, dann muß man überlegen, die Euphoriegewinne glattzustellen. Vielleicht ist es auch ganz gut, wenn diesbezüglich etwas Unsischerheit herrscht, denn ansonsten wären ja wieder alle in großem Stil auf der Käuferseite.

Allen ein schönes Wochenende,
Tokay

Marktupdate – zur Taktik in Bullenmärkten

17.01.12 10 Uhr

Ich hatte ja schon Freitag eine positive Sicht auf den Markt und habe die durch die Rating Agenturen induzierten Wirrungen nur noch mit einem Achselzucken zur Kenntnis genommen. Auch Mr. Market scheint diese Sicht zu teilen und interessiert sich herzlich wenig dafür, ob Frankreich oder der EFSF nun AA+ oder AAA ist. Das ist ein Ausdruck ausserordentlicher Stärke und damit hat der Markt nun eindeutig seinen Ton gegenüber 2011 geändert. Als Anleger sollte man diese grundlegenden Änderungen im Marktverhalten tunlichst respektieren, wenn man sich nicht auf der falschen Seite des Trades wiederfinden will.

Trotz meines grundsätzlichen Optimismus ist die Bewegung im DAX nach oben heute aber stärker, als selbst ich erwartet hatte. Der Markt zeigt nun zunehmend die Charakteristik eines neuen Bullenmarktes, der dadurch geprägt ist, dass Überraschungen vor allem nach oben stattfinden. Und wir haben gerade in den deutschen Aktien noch viel, viel Luft nach oben für den Rest des Jahres !

Das sind doch endlich mal wieder schöne Aussichten auf ein gutes Börsenjahr ! Aber trotzdem - oder gerade deswegen - möchte ich nun kurzfristig taktisch warnen. Auch Bullenmärkte werden regelmässig von scharfen und reinigenden Korrekturen unterbrochen. In sauber trendenden Bullenmärkten kommen diese Korrekturen sogar in wiederkehrenden Zyklen, fast wie ein Uhrwerk. Schauen Sie sich mal lange nach oben trendende Märkte wie zb Gold im langfristigen Chart an und Sie werden schnell sehen, was ich meine.

Und bei allem mittelfristigen Optimismus für 2012 haben wir sehr kurzfristig nun:
- Die Indizes im Bereich von Widerstandszonen von 6300-6400 im Dax und gut 1300 im S&P 500.
- Einen kurzfristig deutlich überkauften Markt, mittelfristig sind die Indikatoren aber noch nicht im überkauften Bereich
- Ende der Woche "Options Expiration" an der Wallstreet mit hoher Volatilität
- Negative Saisonalität bis Ende Januar
- Jede Menge Quartalszahlen von Blue Chips mit Überraschungspotential, Microsoft, Google, Intel, IBM - alle sind diese Woche dran.

All diese Faktoren bedeuten nicht zwingend, dass die Korrektur diese Woche kommt. Wie gesagt, Bullenmärkte neigen dazu "nach oben" zu überraschen. Aber für einen rational agierenden Anleger sollten diese Indikatoren Anlass sein, nun kurzfristig bei DAX 6300 nicht "all in" zu machen, sondern eher auch mal einen Gewinn mitzunehmen und auf einen besseren Rückkaufskurs zu lauern.

Dienstag nach dem Martin Luther King Day ist historisch ein guter Tag für die Märkte und es kann gut sein, dass der DAX Intraday noch einen Anlauf auf 6400 startet. Am Dienstag - also heute - vor Handelsschluss zu verkaufen war dann aber in der Vergangenheit auch die richtige Entscheidung für den Rest der Woche. Auch hier gilt wieder, die Tendenz der Vergangenheit ist keine Garantie für die Gegenwart, ein weiteres Indiz ist es aber schon.

In diesem Sinne sollten Sie sich daran erinnern, dass man besser an schwachen Tagen in den Markt einsteigt. Denn dass uns der DAX nun über die 6400 hinweg in einem Zug nach oben wegläuft ohne zurück zu schauen, ist zwar theoretisch möglich, aber aus meiner Sicht unwahrscheinlich. Und die Angst davor eher irrational. Umgedreht, wenn Sie meine Sicht teilen das wir möglicherweise gerade die Geburt eines neuen Bullenmarktes erleben, dann sollten Sie Rücksetzer aber auch konsequent zum Einstieg nutzen und nicht zu lange den Pessimismus der Vergangenheit pflegen.

Denn so ist man in trendenden Bullenmärkten erfolgreich und kann den Markt schlagen: überkaufte Markttechnik verkaufen und wenig später in der Korrektur wieder konsequent auf den Zug springen.

In diesem Sinne wünsche ich erfolgreiches Handeln !

Markt Update 13.01.12 – Rating Downgrade Gerüchte – Das übliche Spiel

Markt Update 16:30 Uhr 13.01.12 DAX 6070

Das ist ein Korrektur mit Ansage, wie ich in "Haris Märkte am Abend" gestern ja schon geahnt habe. Und Ursache sind - Überraschung 😉 - Downgrade Gerüchte um S&P und die Eurozone.

Genau genommen ist es aber einfach nur eine gute Gelegenheit für die Algos nach tagelanger Aufwärts-Bewegung mal Gewinne mitzunehmen und an der Gegenseite Geld zu verdienen. Hinzu kommt, dass am Montag Feiertag an den US Börsen ist und alles geschlossen bleibt.

Selbst wenn das Downgrade also kommt, würde ich die Bewegung heute noch nicht überbewerten. Das ist einfach der typisch manisch depressive Anfall von Mr. Market, den dieser psychisch kranke Charakter halt alle paar Wochen hat. Andere nennen das "Cycle-Theorie", beschreiben aber das Gleiche....

Für mich gilt also: Ruhe bewahren und nach Kaufgelegenheiten Ausschau halten. Noch gibt es kein Indiz, dass das mehr ist als eine scharfe, technische Korrektur mit Ansage.

Tageskommentar

Bitte folgen Sie dem Link, ich schreibe auch unter www.investorsinside.de unter dem Pseudonym “Hari Seldon”:

Tageskommentar