Von Reitzle zu Büchele – what´s next Linde ?

Es ist immer wieder faszinierend, welche frappierenden Parallelitäten manchmal bei Kursentwicklungen entstehen und wie diese trotzdem unentdeckt bleiben.

Jetzt haben solche Parallelitäten nur begrenzte, reale Aussagekraft und sind vor allem optisch einprägsam. Und trotzdem haben sie einen Wert. Sie schärfen nämlich die Sinne für Möglichkeiten.

Und am Markt ist es darüber hinaus tatsächlich so, dass ein Muster das schon mehrfach aufgetreten ist, gute Chancen hat erneut aufzutreten. Eben weil das Muster auf dem Handeln der Marktteilnehmer beruhte und diese ändern ihr Handeln nur langsam.

Nun springt mir beim Gas Spezialisten Linde AG (WKN: 648300) so ein Muster ins Auge.

Treue Leser wissen ja, wie sehr ich die Aktie gemocht habe und wie lange ich da glücklich und zufrieden mitgeschwommen bin. Zu einem guten Teil beruhte das auf der Person von Wolfgang Reitzle, den ich für einen der fähigsten Manager halte, den deutsche Unternehmen zu bieten haben.

Nun hat Reitzle aber einen Nachfolger in Form von Wolfang Büchele, der ab Mai das Zepter übernimmt. Und Reitzle kann erst nach einer zweijährigen Abkühlphase an die Spitze des Aufsichtsrates wechseln. Und in Folge der im Kern sehr sinnvollen Lincare Übernahme, kommen auch Probleme an die Oberfläche.

Dabei ist so ein Interregnum mit dem Wechsel von einem langjährigen Chef zum Nachfolger, sowieso selten eine gute Zeit in einer Aktie zu sein. Zu oft entstehen Verwerfungen und der neue Chef hat auch ein Interesse daran, erst einmal alles potentiell Problematische aus den Bilanzen zu holen und auf den Tisch zu legen. Weil wenn er das konsequent am Anfang macht, wird ihm das inhaltlich nicht zugerechnet. Darüber hinaus bekommt er für sein späteres Wirken einen tiefer gelegten Massstab. "Grossreinemachen" ist für neue Manager also auch in gut gepflegten Stuben, eine sinnvolle erste Amtshandlung.

All das macht mich sowieso erst einmal skeptisch, was Linde angeht. Und ich werde mich der Aktie erst wieder nähern, wenn Wolfgang Büchele fest im Sattel sitzt und mal ein paar Quartalsergebnisse abgeliefert hat.

Aber nun zurück zu den Mustern und schauen Sie mit mir mal auf das langfristige Chart der Linde AG mit Monatskerzen:

Linde 21.02.14

Die Parallelität springt ins Auge. Wir haben zwei Aufwärtstrend von ähnlicher Dauer und Verlauf. Wir haben einen "Buckel" in der Anfangsphase des Trends, eine klare und scharfe Korrektur mittendrin und eine kleinere Korrektur in der zweiten Hälfte. Und wir haben eine klare Abflachung der Aufwärtsbewegung und ein Auslaufen des Aufwärts-Momentums.

Beim letzten Mal hat es dann irgendwann *Boom* gemacht und es ging im Zuge der 2008er Krise scharf nach unten. Jetzt heisst das wirklich nicht, dass das zwangsläufig nun auch so kommen muss - wie oben gesagt, solche Parallelitäten sind nett, sollte man aber nicht überbewerten.

Aber zusammen mit den obigen Überlegungen, muss man sich wirklich die Frage stellen: "What´s next Linde ?" Und ich kann da im Moment nichts sehen, was mich dazu verleitet, mein Kapital da nun zu binden.

Lassen wir mal 2014 ins Land gehen und Herrn Büchele mal ein paar Quartale wirken. Dann kann man immer noch über einen Einstieg nachdenken.

Linde ist und bleibt ein tolles Unternehmen ! Aber auch bei tollen Unternehmen, kann man mal ein wenig Pause machen......

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ThyssenKrupp – das Interregnum vor dem Neuanfang

Treue Leser wissen, wie kritisch ich ThyssenKrupp (WKN: 750000) lange gesehen habe.

Artikel vom Februar 2012 wie -> Vom Donnerhall zum Anlagenbauer <- oder vom Juli diesen Jahres wie -> Thyssenkrupp und das Problem Berthold Beitz <- legen davon Zeugnis ab.

Lange war die Aktie daher auf meiner "Igitt"-Liste und ausschlaggebend waren dafür für mich drei Faktoren:

  • Eine Krupp-Stiftung mit Berthold Beitz an der Spitze, die einerseits mit Sonderrechten im Aufsichtsrat die ThyssenKrupp AG de facto kontrollierte, andererseits aber zum Bremsklotz geworden war. Unter anderem weil sie - nach dem was man lesen konnte - mangels Finanzkraft scheinbar nicht in der Lage war, eine zwingend notwendige Kapitalerhöhung mitzugehen.
  • Ein Aufsichtsratsvorsitzender in Person von Gerhard Cromme, der alle Fehlentscheidungen bei ThyssenKrupp des letzten Jahrzehntes aus seiner herausgehobenen Rolle heraus mit zu verantworten hatte. Cromme ist ein Manager, den ich persönlich zwar für einen hervorragenden "Strippenzieher" halte, ansonsten aber für eher ungeeignet halte, ein Industrieunternehmen mit Kreativität, Offenheit und Tatendrang nach vorne zu führen. Zumindest sind mir persönlich derartig positive Entwicklungen in seinem "segensreichen Wirken" der Vergangenheit nicht aufgefallen - übrigens auch nicht bei Siemens, wo er noch Aufsichtsratsvorsitzender ist. Soweit meine ebenso bescheidene, wie persönliche Meinung zu Herrn Cromme.
  • Eine Unternehmenskultur, die natürlich massgeblich von den beiden obigen, herausgehobenen Herren mitgeprägt wurde und nach meinem persönlichen Eindruck von Hierarchiedenken, ja Seilschaften und Kaderdenken und teilweise auch Grossmannssucht geprägt war. Diese Unternehmenskultur hat nach meiner Überzeugung daran mitgewirkt, dass es ThyssenKrupp geschafft hat, exakt zum Höhepunkt der Stahlkonjunktur diese gigantischen Investitionen in Amerika anzustossen, die nun wie ein Klotz am Bein des Unternehmens hängen und das Kapital aufzehren. Ein 5-jähriges Kind ohne jedes Verständnis der Zyklizität der Stahlindustrie, hätte keinen schlechteren Zeitpunkt für die Investition finden können und ein Würfel hätte wahrscheinlich rein statistisch einen besseren Zeitpunkt gefunden.

    Auf jeden Fall sprechen Jagdpachten und Luxusreisen eine beredte Sprache dieser Unternehmenskultur. Und wenn Sie meinen, das ich mir das einbilde, schauen Sie noch einmal beispielhaft in -> diesen <- Artikel der Welt von März diesen Jahres hinein, in dem sogar der neue Konzernchef Hiesinger mit einer ähnlichen Charakterisierung zitiert wird.

All das ist nun aber vergangen und Geschichte. Berthold Beitz ist von uns gegangen. Und bei all den Fehlern, an denen letztlich auch er in hohem Alter bei ThyssenKrupp beteiligt war, sind diese doch nur Petitessen im Angesicht eines erfüllten und ereignisreichen Lebens, das man mit Respekt betrachten sollte. Und Gerhard Cromme ist zurück getreten und beschränkt sein Wirken nun auf Siemens.

Damit hat Konzernchef Heinrich Hiesinger nun die Fäden in der Hand und von seiner zupackenden Art erhoffe ich nun Änderungen bei der Unternehmenskultur von ThyssenKrupp. Erfreulich ist auch, das es bisher nicht zu einem Notverkauf der amerikanischen Stahlwerke "um jeden Preis" gekommen ist. Denn wie ich schon mehrfach schrieb, wäre der Zeitpunkt in meinen Augen ebenso prozyklisch und unglücklich, wie der Zeitpunkt der Investition. Denn es ist gut möglich, dass der Boden des Stahlzyklus nun erreicht ist oder sogar schon hinter uns liegt.

Und zu guter Letzt hat ThyssenKrupp mit Cevian nun einen schwedischen Finanzinvestor an Bord, der einen guten Ruf in der Branche besitzt und ähnlich Deals schon erfolgreich durchzog. Auch das wird die Position von ThyssenKrupp stärken.

Damit hat Heinrich Hiesinger nun die Chance, mit einer grossen Kapitalerhöhung die Abhängigkeit von der Krupp-Stiftung zu durchschlagen und damit auch genügend Luft zu gewinnen, um keinen Notverkauf um jeden Preis bei den Stahlwerken durchführen zu müssen. Das wäre auch die Grundlage, dass man ThyssenKrupp an der Börse wieder aus der Sicht des Wertes der Einzelteile betrachten kann.

Wenn jetzt die richtigen Entscheidungen getroffen werden, erleben wir vielleicht also gerade ein Interregnum, an das sich ein erfolgreicher Neuanfang bei ThyssenKrupp anschliesst. Ich würde es diesem Traditionskonzern wünschen.

Und weil das so ist, ist die Aktie nun auch nicht mehr auf meiner "Igitt"-Liste. Im Gegenteil, ich fange an, mich für einen Einstieg zu interessieren.

Wenn wir auf das Chart mit Tageskerzen schauen, sehen wir auch, dass die Aktie schon seit April einen neuen Aufwärtstrend begonnen hat. Sollte der Kurs nun - vielleicht im Zuge einer allgemeinen Marktkorrektur - zur Trendlinie und damit auch zur 200-Tage-Linie zurück kommen, könnte das ein interessanter Einstiegspunkt werden:

ThyssenKrupp 07.10.13

Im Moment aber neige ich noch dazu abzuwarten, zu wahrscheinlich markiert das Hoch vom 25.09. ein temporäres Hoch im neuen Trend. Und soooo eilig muss man es bei ThyssenKrupp nun auch nicht haben, eine Kapitalerhöhung dürfte den Kurs noch einmal nach unten zerren.

Die Zeit aber, in der ich die ThyssenKrupp Aktie konsequent geschnitten habe, ist nun definitiv vorbei.

Glückauf ThyssenKrupp !

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