Hari Live Stream 21.06.21

Nicht lange Warten ZH2

Der Markt ist ein lustiges Biest. Gestern sagte ich im Wochenausblick:

Nach den nun laufenden Abgaben wird es sicher auch einen erneuten Rebound nach oben bei den Zyklikern geben, Topbildungen sind eben ein Prozeß. Unklar ist aber ob das dann auch zu neuen Hochs führen kann, das Risiko einer beginnenden Topbildung ist in den zyklischen Sektoren nun real vorhanden und sollte nicht unterschätzt werden!

Den Gedanken hatten wohl viele und so erleben wie erneut etwas, worauf man eigentlich wetten könnte, es einen dann in der Gnadenlosigkeit dann aber doch wieder überrascht. Denn der reflexive Markt will nicht lange warten, wenn man vermutet dass etwas kommt, kann man auch gleich darauf setzen, der frühe Vogel fängt den Wurm! Und so schaffen die, die auch meine Erwartung hatten ihre eigene Wirklichkeit.

Ich bleibe aber bei der oben gemachten Aussage, für die Zykliker ist jetzt der Beweis zu führen, ob das nur ein Dip im Trend oder der Beginn einer Topbildung war. Beides ist denkbar, lassen wir uns vom Markt den Weg zeigen:

Was hier funktioniert

Schauen sie wie das was am Freitag verkauft wurde, nun massiv wieder gekauft wird:

Es ist dieses Schaukeln, das seit Wochen so nervt und kurzfristige Trades zu einem "Gehacke" macht, das mehrtägige Swingtrades verunmöglicht und die Trader zuverlässig zersägt, die es doch probieren.

In diesem Markt funktionieren derzeit zwei Ansätze:

Erstens ganz kurzfristige Intraday-Trades, weil die Tage selber haben schon klare Trends, wie heute ja auch, nur trägt es nicht über den Tag hinaus. Nach Handelsstart auf den Trend aufsatteln, vor Handelsschluss wieder raus. Das funktioniert, am Freitag wie heute.

Zweitens langfristige, ruhige Investments in Qualitätsaktien, das geht immer und sorgt für ruhige Depots. Mein Investmentdepot hat von dem ganzen Gezappel der letzten Monate nichts gemerkt und steht auf Allzeithoch. Und ich habe keine Wunderdinge darin, nur die hier vielfach besprochenen Qualitätswerte der Kategorie "Beständiges Wachstum".

Was aber nicht funktioniert sind mehrtägige Swingtrades, also Ausbruchstrades zum Beispiel. Die werden zuverlässig am Folgetag zersägt. Unser Job ist uns diesem Environment anzupassen!

Invertierung allüberall / DAX / EURUSD / ZH3

Wie sehen Invertierungen des Kursgeschehens von Freitag allüberall. Auch der DAX ist dem Einbruch heute wieder von der Schippe gesprungen:

Die Kernfrage ist aber wie oben gesagt nicht die Invertierung, dieses Schaukeln gehört seit Monaten zum Markt dazu. Es ist die Frage was stärker ist, ob also die Gegenbewegung den Einbruch wirklich wettmachen kann.

Beim DAX bin ich da recht optimistisch, der scheint weiter bullisch zu sein. Bei EURUSD habe ich dagegen Zweifel, das riecht nach einer grundlegenden Richtungsänderung zu Gunsten des Dollars:

Der Dollar, die Emerging Markets und die Wahrheit auf dem Platz ZH3

Gerade war eine Frage im Forum, die ich hier allgemein beantworten will, weil daran wieder die Grundregel "Die Wahrheit liegt auf dem Platz" zu vermitteln ist.

Die Frage war:

Man sagt ja, dass ein starker Dollar im Allgemeinen schlecht für die Emerging Markets ist, weil z.B. auf Dollar lautende Schulden aufgrund der Währungsaufwertung schwerer zu bedienen sind. Rechnen Sie (oder jemand anders, der sich dazu äußern möchte) deshalb auch in dieser Richtung mit Auswirkungen? Neulich war hier ja z.B. Brasilien ein Thema.

Dieser Zusammenhang existiert, so wie dass ein schwacher Euro kurzfristig den Export pusht und langfristig den Wohlstand mindert. Aber, das ist eben immer nur *ein* Faktor in einer multidimensionalen Beziehung, weswegen man auf die Frage so zweidimensional nur antworten kann:

Natürlich, das ist aber nicht die Frage. Die Frage ist ob der Effekt den Aufwärtstrend beendet!.

Das ist aber nicht zu beantworten, weil mehrdimensional, weswegen die beste Antwort darauf *immer* auf dem Platz liegt, man kann doch ganz schnell mal schauen, wie der Markt denn nun auf den starken Dollar im ETF EWZ (Brasilien) reagiert hat. Hier ist das Spiel auf dem Platz, was sehen wir?

Wir sehen zwar eine Reaktion auf die Dollarstärke, aber nur eine sehr verhaltene. Im Gesamtbild ist das bisher eine bullische Flagge und nichts signalisiert hier schon ein Ende des Aufwärtstrends!

Das ist die klare Botschaft, die uns das Spiel auf dem Platz sendet. Und wenn wir beim Fußball wissen wollen wie ein Spiel läuft, schauen wir auch erst einmal auf den Platz (in den Fernseher) und erst danach interessieren uns vielleicht die Meinungen Dritter.

So ist es auch am Markt richtig, es gibt viele abstrakte Zusammenhänge, die für sich Wahrheit haben, dass ein starker Dollar auf den Emerging Markets eher lastet ist eine dieser Wahrheiten. Für sich alleine lassen sich daraus aber keine Richtungsaussagen ableiten, die Wahrheit des Marktes ist immer mehrdimensional. Die Frage ist, welche Kräfte derzeit dominieren.

Aktien des Tages ZH3

Wo die Aktien des Tages heute herkommen ist leicht zu vermuten. Es sind in Mehrzahl Werte, die nach der FED verprügelt wurden.

Schauen wir doch also mal, was uns der heutige Rebound zu sagen hat:

American Express

Wenn es wie ein kaufbarer Dip aussieht, so riecht und so schmeckt, dann muss es wohl einer sein, oder?

Biotech (BNTX)

Denken sie an das hier mehrfach Gesagte. Die aktuellen Aufträge, auch für den Winter, sind in den Kursen. Was aber nicht in den Kursen ist, ist das MRNA-Potential bei anderen Krankheiten.

Je nachdem wie sie die Entwicklung von Biontech erwarten, müssen sie sich hier positionieren. Wenn sie glauben dass über Covid hinaus vom Unternehmen nichts mehr Herausragendes zu erwarten ist, sollten sie hier Gewinne mitnehmen.

Wenn sie aber erwarten, dass Biontech eine führende Stellung bei der aussichtsreichen MRNA-Zukunft einnimmt, ist die Aktie immer noch viel zu billig. Siehe auch meine Argumentation -> hier am 09.06. <-:

Hess Corp (HES)

Öl&Gas - Buy The F***ing Dip! (BTFD)

Appian (APPN)

Ein charttechnisches Kunstprojekt:

CF Industries (CF)

CF (Dünger) ist ein schönes Beispiel für die nun große Frage bei den Zyklikern und insbesondere Commodities. Was ist dieser Rebound?

Ist es ein kurzes Zwischenspiel, ein "Snapper", bevor es weiter runter geht und ist "das Top drin"? Oder schaffen die Kurse neue Hochs und setzen den Aufwärtstrend fort?

Sie sehen anhand des Charts schön, warum ich hier für die bullische Variante nicht die Hand ins Feuer lege. Eine beginnende Topbildung ist durchaus möglich:

Bitcoin / Helm auf zum Gebet / ZH3

Ich habe es schon im Wochenausblick erwähnt, der von Elon Musk induzierte Pop bei Bitcoin ist bei 40.000 auf massive Abgaben getroffen und wurde zerlegt, die alte Struktur, die eine Trendfortsetzung Richtung 20.000 impliziert hat, ist wieder voll aktiv.

Ein derartiger "False Move" führt gerne zu "Fast Moves" in die Gegenrichtung und insofern ist das Risiko nach unten nun hoch.

Was dem im Wege steht, ist die an den langen Lunten sichtbare Nachfrage bei rund 30.000, die bisher als Unterstützung gewirkt hat. In der Markttechnik werden solche Unterstützungen aber durch mehrfachen Test nicht unbedingt fester, was auch leicht verständlich ist, wenn man sich die mit Kaufinteresse bei 30.000 als eine definierte Menge von Marktteilnehmern vorstellt. Jedes Mal wenn die kaufen, werden es ein paar weniger, bis sich diese Unterstützung dann erschöpft hat und bricht.

Jetzt ist natürlich auch das zu simplizistisch, denn durch veränderte Erwartungen kann die Menge derer auch wieder steigen, für die 30.000 ein attraktiver Kurs ist. Der Markt ist immer in Bewegung und nie zweidimensional.

Ich will damit nur klarmachen, dass der mehrfache Test der 30.000er Zone die Risiken nicht verringert, klar ist aber dass wenn die Zone nachgibt, es schnell Richtung 20.000 gehen dürfte. Das sollte jedem bewusst sein, der da jetzt unterwegs ist.

Bewusst muss uns aber auch sein, dass ein erneuter Tweet wieder alles ändern kann. Das ist ein wenig wie Twitter-Roulett spielen.

Intraday stabil ZH2

Ich sagte eingangs, dass Intraday Trades im aktuellen Environment sehr wohl funktionieren, die Trends des Tages sind oft stabil, erst mit dem Tageswechsel wird dann alles wieder auf den Kopf gestellt.

Auch der heutige Tag bestätigt das wieder, schauen sie wie gnadenlos und stabil hier gekauft wird:

Wir sehen aber auch, dass jetzt bald der Test bevorsteht, was von diesem Snapper wirklich zu halten ist. Wenn er schnell die Hochs von Freitag und dann Donnerstag wieder nehmen kann, ist das ein Statement. Und wenn nicht, ist es das auch, in dem Fall nach unten.

Dass nach starken Bewegungen eine Gegenbewegung kommt ist völlig normal, wie stark und überzeugend die Gegenbewegung ist und ob sie die vorangegangene Bewegung überrollen kann oder eben nicht, das ist die markttechnisch viel wichtigere Frage, denn die sagt uns etwas über die wirklichen Kräfteverhältnisse.

Das ist wie bei Ebbe und Flut am Strand des Meeres. Wellen gibt es immer, sie rollen immer heran und ziehen sich wieder zurück, die Wasserlinie fluktuiert im Rhytmus der Wellen hin und her.

Was wirklich wichtig ist ist aber zu erkennen ob man Ebbe oder Flut hat und das hängt damit zusammen was dominiert, wo hin das Wasser im Mittel schiebt. Das kann man sehr wohl beobachten und auch am Markt funktioniert das so, auch wenn der weit komplexer ist, weil noch viele andere Parameter auf ihn einwirken und nicht nur die Gezeiten.

Bis Morgen!

Ihr Hari

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Hari Live Stream 08.06.21

Weiter hochschaukelnd ZH2

Der Dienstag bringt vorbörslich zunächst keine Änderung der großen Marktlage, es schaukelt langsam weiter hoch, kurze Spikes nach unten werden sofort wieder gekauft. "Business as usual" also sozusagen:

Wettlauf ins All ZH3

Gestern die Meldung, dass Jeff Bezos am 20.07. ins All fliegen will, heute legt Richard Branson nach und will am 04.07. der "Erste" sein:

-> Virgin Galactic’s Richard Branson Aims to Fly to Space Before Jeff Bezos <-

Man könnte das als lächerlichen Ego-Trip alternder Wirtschaftsbosse bezeichnen und natürlich spielt das Ego hier eine Rolle.

Man muss dann aber auch so fair sein anzuerkennen, dass diese beiden sich damit Jugendträume erfüllen, denn ohne diese Jugendträume würde es weder Virgin Galactic noch Blue Origin geben. Und sich Jugendträume zu erhalten und sie zu verfolgen ist etwas, was jung und voller Tatkraft erhält und eigentlich jedem Menschen anzuraten ist.

Aber davon abgesehen, hat das Thema tatsächlich einer erhebliche, wirtschaftliche Bedeutung. Denn wenn diese beiden CEOs erfolgreich in ihren Raumfahrtzeugen einen suborbitalen Flug hingelegt haben, ist das sozusagen der "Proof of Concept" und das Zeitalter des Weltall-Tourismus hat offiziell begonnen.

Glauben sie auch nicht, dass es dafür keinen Bedarf gäbe, es gibt genügend Menschen mit Geld die sich genau diesen Traum erfüllen wollen, die Raumschiffe werden auf Jahre ausgebucht sein, sobald der Flug als sicher genug gilt.

Was mit dem suborbitalen Flug der beiden CEOs beginnt ist tatsächlich eine neue Phase der Raumfahrt und je mehr Menschen die Erde von außerhalb als blauen Ball erlebt haben, desto besser für die Menschheit. Das hat schon bei vielen Astronauten das Bild von der Menschheit und der Erde verändert und wird es auch bei den kommenden Touristen.

Curevac ist raus ZH3

Nachdem Curevac (CVAC) gegenüber BNTX und MRNA sowieso schon weit zurückgefallen ist, kommt nun eine weitere Desaster-Nachricht. Wenn der Wurm mal drin ist:

-> Notfallzulassung nicht mehr im zweiten Quartal <-

Bisher hat CVAC ja gehofft bei den Auffrischimpfungen dann ganz vorne dabei zu sein, das kann man nun vergessen. Besonders wenig vertrauenerweckend ist auch, dass man sich zu den Gründen ("Schwierigkeiten" hört hört) bisher ausschweigt.

Damit ist CVAC wohl raus und der Vorsprung von BNTX und MRNA wächst weiter. Etwas bösartig kann man fragen, ob es nicht besser gewesen wäre den Altmaier mit seiner Beteiligung draußen zu halten, Staatsbeteiligungen waren noch nie geschwindigkeitsfördernd.

Aber das ist eigentlich unfair und schreibe ich auch nur mit einem Augenzwinkern, weil alles was Altmaier - Merkels "Wunderwaffe" - als Wirtschaftsminister anfasst, sich irgendwie in die Bestandteile auflöst - vielleicht sind es ja böse Erdstrahlen. 😛

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie so einen schlechten Finanzminister wie Scholz hatten und noch nie so einen inkompetenten Wirtschaftsminister wie Altmaier. Und ja, ich weiss dass wir in dem Amt auch schon Möllemann, Guttenberg, Brüderle, Rösler und Gabriel hatten und bleibe trotzdem bei meiner Einschätzung. 😛

Der Markt reagiert schon, die Reaktion ist aber noch verhalten, sprich die Hoffnung ist noch nicht zerstört:

Brasilien kocht hoch ZH3 ZH5

Ich hatte es schon -> hier <- im Wochenausblick, nun hat es auch -> Bespoke hier <- zum Thema gemacht, nachdem auch Buffetts Berkshire in Brasilien investiert.

Faktum ist auf jeden Fall, dass das ein sauberer Ausbruch ist, der wie wir im Monthly sehen vielleicht eine langfristige Trendwende im Sinne eines Doppelboden auslöst:

Aktien des Tages ZH3

Cloudflare (NET)

Hier dazu das Weekly, das besser begründet warum die Bewegung bemerkenswert ist:

Generac (GNRC)

Luminar (LAZR)

Höhere Tiefs und Hochs, könnte zur Trendwende werden:

Lemonade (LMND)

Ein erneuter Fake bei Lemonade wie im April oder dieses Mal "the real thing"?

Auf jeden Fall eine weitere Aktie, die nach Baisse seit Februar wieder zum Leben erwacht:

Stitch Fix (SFIX)

Noch so eine Zukunfts-Aktie, die seit Februar verprügelt wurde. Ein weiterer Baustein im Bild, dass diese Aktien gerade einen Boden gefunden haben:

Alzheimer und Biogen (BIIB)

Heute habe ich meinen bissigen Tag und da könnte man bildhaft fragen, ob Biogen-Anleger vielleicht ein wenig Alzheimer in einer Frühform haben?

Die gestrige Nachricht der -> Zulassung des Alzheimer Medikaments Aducanumab <- hat zu einem immensen Schub geführt, der rund 60% oder 20 Milliarden $ Börsenwert erreichte und in meinen Augen eher eine Übertreibung war.

Denn das Medikament wurde vom fachlichen Beratergremium der FDA wegen mangelnder Wirksamkeit abgelehnt, es gab Studien ohne echte Wirkung und die FDA hat es unter Druck von Patienten nun trotzdem mit dem Dislaimer zugelassen, dass man es wieder vom Markt holen könnte, wenn sich die negativen Studien bewahrheiten.

Letztlich hat die FDA also eine politische Entscheidung getroffen und weniger eine fachliche, eine sauber nachgewiesene Wirksamkeit liegt offensichtlich nicht vor, es ist Hoffnung und Leidensdruck, der diese Zulassung treibt.

Fraglos wäre so ein 60% Schub gerechtfertigt, wenn es hier wirklich eine Alzheimer-Behandlung gäbe und der Markt hat natürlich Recht, dass die Wirksamkeit aus wirtschaftlicher Sicht egal ist, denn solange es gekauft wird, ist es eben Umsatz und Gewinn, Homöopathika sind ja auch ein Wirtschaftsfaktor.

Insofern kann Biogen damit nun vielleicht ein schönes Geschäft machen, aber es muss auch klar sein, unter welchem immensen Risiko dieser Pop nun steht:

Die bösartige Frage ob Biogen-Anleger vielleicht Alzheimer in einer Frühform haben rührt vom langfristigen Chart, denn die Aktie ist seit 2015 gekennzeichnet von solchen Hoffnungs-Pops, die ausnahmslos alle wieder zusammengefallen sind und eine Übertreibung waren.

Haben die, die gestern bei 60% Plus noch gekauft haben das vielleicht vergessen? Schauen sie sich die Unzahl langer Dochte an der Oberseite seit 2015 an:

Ja, das kann dieses Mal anders sein und ja, vielleicht ist das Medikament doch der große Knaller im Kampf gegen diese Alters-Seuche. Aber Skepsis ist hier eindeutig rational und für verfrühte Jubelfeíern sehe ich noch keinen Anlass und zu viele Fragezeichen.

Sommerliches Schaukeln ZH2 ZH4

Es schaukelt heute ebenso fröhlich wie sinnlos weiter, das fühlt sich schon ziemlich sommerlich an:

Aber .... der Russell2000 zeigt erneut eine Überperformance, die wir ja auch oben bei den Aktien des Tages in Form von wieder steigenden Zukunft-Werten erleben.

Vom Markt als Ganzes ist derzeit also nicht viel zu erwarten und das überrascht nicht. Die Bewegungen der Zukunfts-Werte halte ich auch nicht für den Beginn einer neuen starken Rally, sondern eher für eine "Mean-Reversion", also eine positive Gegenbewegung nach der ausgedehnten Korrektur von Februar bis Mai.

Wenn ich mal wieder den ETF ARKK als Proxy nehme, kann ich mir also sehr gut den Übergang in eine Seitwärtsphase vorstellen, also so etwas wie in Orange, das sich erst im Herbst dann wieder nach oben auflösen kann:

So empfinde ich das Marktgeschehen, bevor die EZB am Donnerstag und die FED am Mittwoch den letzten großen Stein vor dem echten Sommerbeginn ins Wasser werfen.

Machen sie es gut, bis Morgen!

Ihr Hari

*** END OF STREAM ***

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Ick bin dann mal wieder ein paar Tage weg….


Freunde, ich machs kurz! Hammerhart ist die Erkenntnis: So schnell kann es im Leben gehen! Da schrieb ich doch noch im Juli in meiner letzten Kolumne ===>>> Wie zufrieden sind Sie in diesem Jahr mit Ihrem Leben ?<<<=== über mein hohes Level an Zufriedenheit mit meinem Leben, um nur kurze Zeit später festzustellen, wie wenig es braucht, um diesen Zustand des Wohlbefindens ins Wanken zu bringen. Dazu reichen ein dummer Fahrradunfall und seine Folgen, der unser Reiseleben ziemlich in Unordnung bringt und eine Börsenphase, in der mir in weniger als 2 Monaten auch noch mein gesamtes Vermögenskonzept um die Ohren fliegt, von dem ich glaubte, es gut im Griff zu haben. Und deshalb ist nun so etliches ins Wanken geraten und muss mühsam erst mal wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Dabei hieß doch der Spruch, den ich gestern in der Hardrock-Kneipe, in der wir uns mit unseren besten Freunden zum feucht-fröhlichen Abschied getroffen haben, groß an der Wand hängen sah: "Wer öfters schwankt, hat mehr vom Leben!" Na, ick wees ja nicht, ob ditte wirklich stimmt. Jedenfalls muss ich hier auf Mr-Market in aller Klarheit selbstkritisch feststellen: Ich bin gegenwärtig nach wie vor auf allen Gebieten ideen- und sprachlos und werde von daher meiner Rolle als Kolumnist nun schon seit geraumer Zeit nicht mehr gerecht. Und worüber soll ich auch schreiben? Übers Reisen im Allgemeinen und Südamerika im Besonderen ging in den letzten drei Monaten schon mal gar nicht, rein aus Selbstschutz - ick musste mir ja nicht ooch noch selber quälen, wo unsere doll ausgedachten, diesmal besonders abenteuerlichen Reisepläne so schmählich in der nächtlichen Finsternis des berüchtigten Görlitzer Parks in Kreuzberg buchstäblich im Staub zerplatzten. Und beim vor kurzem angedachten und auch angefangenen Finanz-Thema: "Geldanlage im Seniorenalter" wollen die Worte ooch nicht so recht aus der Schreibfeder purzeln, denn für solche Hirnschmalzthemen braucht man ja wenigstens den Hauch eines Konzepts - bloss woher nehmen, wenn nicht stehlen. Ick hab im Thread "Offenlegung" ja schon genug rumgesülzt und muss das Thema deshalb an dieser Stelle nicht auch noch zusätzlich breit treten. Jedenfalls bin ick zur Zeit beim Thema Geldanlage weiterhin ziemlich ratlos, sitze nach 2001 und 2008 zum dritten Mal auf einem Riesenberg Cash und stelle mir stets aufs Neue die Frage: Und nu? Wat kommt jetzt? Denn eins ist wohl unbestritten: Mit 64 ist der Aspekt "langfristig" beim Thema Geldanlage doch eine ziemlich gewagte Perspektive.

Doch nu is erstmal genug mit diesem Zeugs. Wir sitzen inzwischen auf fast fertig gepackten Koffern und werden am Mittwoch gerade noch rechtzeitig aus Deutschland flüchten, wo nun neben manch anderem auch noch die Temperaturen und dat Wetter den buchstäblichen Bach runtergehen, um auf der Südhalbkugel den beginnenden Sommer einzuläuten. In Montevideo, dem Startpunkt unserer neuen Reise, werden wir von prognostizierten milden 20-23 Grad umschmeichelt - Perfekt nach diesem Traumsommer in Deutschland und genau richtig für Leute wie uns, die nicht zu der Kategorie von Menschen zählen, die Hardcore-Fans aller 4 mitteleuropäischen Jahreszeiten sind. Geh mir weg! Von mir aus kann immer Sommer sein und jeder nasskalte Tag ist für mich vergeudete Lebenszeit.

Unser Reisefahrzeug steht derweil noch in einer Werkstatt nahe Montevideo und wird von kompetenten Menschen mit ziemlichem finanziellen Aufwand (Vermögenserosion an allen Fronten sozusagen) gerade startklar gemacht und wir hoffen, dass wir am Donnerstag dann auch fahrtechnisch wirklich startklar sind. Konkrete Reisepläne haben wir derzeit keine: Das hat zum einen wettertechnische Gründe (Beginn der Regenzeit in der Amazonas-Region und in den nördlichen Anden) und zum anderen auch gesundheitliche Gründe. Bewahre uns der Himmel von schwereren Pannen, bei denen ich selbst Hand anlegen muss, denn mit einem rechten Arm, der nach dem Schlüsselbeinbruch durch eine dreimonatige Schonhaltung bewegungstechnisch höchsten zu 50% zu gebrauchen ist, wären komplizierte Arbeiten am Fahrzeug kaum zu bewerkstelligen. So wirds diesmal wohl eher ein Rentnerurlaub, etwas Anden, danach Chile, Bolivien, Peru und später im Januar dann wieder viel Brasilien, wo wir uns unter anderem über die genauen Formalien zur Erlangung einer Daueraufenthalsgenehmigung (Permanencia) schlau machen wollen.

Und damit habe ich an dieser Stelle auch schon fast fertig. Ab Donnerstag trete ich wieder meinen Dienst als Südamerika-Korrespondent von Mr-Market an, werde parallel an meiner weiteren gesundheitlichen Genesung arbeiten und zudem versuchen, wieder Sicht in Bezug auf eine für mich akzeptable Finanzstrategie zu bekommen. Auch wenn ich vielleicht noch nie eine hatte. Mr-Market-Mitglied Plastik bemerkte es letzte Woche bei unserem letzten Treffen: "Vielleicht ist das ja gerade dein Ding, gar keine Strategie zu haben, sondern eher instinktiv mit den Märkten mitzuschwingen. Hat ja bis jetzt jedenfalls immer funktioniert." Ick wees nicht! Ick wees nur, dass mein Kassemachen vor 4 Wochen bis dato offenbar nicht die schlechteste Entscheidung war und dass wir nun schon seit 2006 großenteils ohne Sicherungsnetz in Form eines geregelten Arbeitseinkommens unser Reiseleben gelebt haben und trotz Finanzkrise 2008 finanziell relativ komfortabel überlebt haben - trotz dieses doch recht unbefriedigenden und schmerzhaften Jahr 2018.

Mal sehen, was das Leben für uns in Zukunft noch so alles an Überraschungen in Petto hat. Dieses Jahr hat uns mit ein paar blitzschnellen Körpertreffern ja einige Streiche gespielt. Am besten, wir orientieren uns in solchen Lebenslagen an den Sätzen des brasilianischen Musiker Almir Sater, die er in einem Song voller Lebensweisheit formuliert:


Almir Sater - Tocando-em-Frente (Weiter vorwärts gehen)



Überhaupt die Brasilianer! Es ist diese Art von Gelassenheit vieler Brasilianer, ihr Leben in einem extremen Land voller Widersprüche zu meistern und allen Widrigkeiten zu trotzen, die schon so manchen Europäer in seinen Bann gezogen hat. Lebensfreude im Kleinen ist es, was man bei vielen Begegnungen im Land immer wieder antrifft. Dieses spontane Ausleben des "Augenblicks", wo es nicht viele Zutaten braucht, ist es, wovon wir kopfgesteuerten Mitteleuropaer uns eine ganze Menge abschauen könnten und was so fasziniert. Das drückt sich auch in vielen Liedern des Sertaneja aus, die sich mit den kleinen und großen Widrigkeiten des privaten Lebens beschäftigen und bei aller häufigen Melancholie stets in der Melodie eine Art optimistischen Grundton aufweisen oder die einfach auch nur fröhlich sind - man fühlt sich beim Hören einfach wohl....

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„Wost hischaugst: Hoamat!!??“ -Staatliche Agrarkolonisation in Amazonien (Südamerika Teil 5)


Zwei Vorbemerkungen zu Beginn:

Es ist Ostern, die Börsen sind zu, Shoppen gehen ist wegen geschlossener Geschäfte auch nicht drin, die Kinder nerven vielleicht, das Osterwetter ist vermutlich für viele auch nicht das, was es sein sollte...Was also tun, um der Langeweile zu entgehen ? Hier kommt mein persönliches Ostergeschenk an alle, die Zeit, Lust und Muße haben, sich mit mir wieder auf die Reise in ein unbekanntes Land zu machen und die auch vor längeren Texten nicht zurückschrecken. Auf gehts!!

Bisher war es mir nicht gelungen, herauszufinden, wie man die im Kolumnentext eingefügten Bilder/Abbildungen per Mausklick vergrößern kann (so wie in den normalen Forumsbeiträgen). Jetzt hat mir Hari auf die Sprünge geholfen. Deshalb gilt ab jetzt: Vergrößern ist möglich, indem man mit der Maus auf das Foto geht und es anklickt.

13. Tag, 211 km, 3702 km gesamt, von Pimenta Bueno bis Sao Miguel do Guapore
14. Tag, 261 km, 3963 km gesamt, von Sao Miguel do Guapore bis Principe Beira und Costa Marques
15. Tag, 320 km, 4283 km gesamt, von Costa Marques zurück bis Sao Miguel do Guapore, dann über Alvorada doeste nach Urupa
16. Tag, 278 km, 4561 km gesamt, von Urupa nach Itapua doeste (vor Porto Velho)
17. Tag, 197 km, 4758 km gesamt, von Itapua doeste nach Jaci-Parana
18. Tag, 168 km, 4926 km gesamt, von Jaci-Parana bis Vista Alegre do Abuna
19. Tag, 480 km, 5406 km gesamt, von Vista Alegre do Abuna bis Brasileia
20. Tag, 225 km, 5631 km gesamt, von Brasileia nach Assis Brasil (Grenzort) und Alerta/Peru

Als wir nach vierzehn abwechslungsreichen Reisetagen den riesigen Soja-Anbaugürtel Mato Grossos verlassen und die Grenze zum benachbarten Bundesstaat Rondonia erreichen, halten wir kurz vor dem obligatorischen Kontrollposten der Polizei vor einem quer über der Straße angebrachten Schild, dessen Ansage die Phantasie eines jeden Reisenden, der erstmals hier aufkreuzt, doch enorm beflügeln müsste: "Portal de Amazonia -Eingangstor nach Amazonien" steht darauf in großen Lettern! Wer hat da nicht beim gleichzeitigen Blick auf eine Landkarte sofort Bilder eines riesigen wild wuchernden undurchdringlichen Dschungels vor Augen und von Straßen, die durch endlose tropische Wälder führen. Die Reisenden, die wir Wochen später auf einem Campground in Nordchile trafen und die uns um Tips für einen Auto-Reise ins brasilianische Amazonasgebiet baten, hatten jedenfalls genau diese Erwartungshaltung. Doch dieser Schein trügt! Denn die meisten dieser noch relativ jungen durchs brasilianische Amazonasgebiet verlaufenden Straßen und Fahrwege sind ja keineswegs nur erbaut worden, um von A nach B zu kommen. Sie waren vielmehr vor allem als Erschließungskorridore für die Schaffung von neuem menschlichen Siedlungs- und Wirtschaftsraum gedacht, um den scheinbar "unproduktiven" und nutzlosen Regenwald einer agrarwirtschaftlichen Nutzung zugänglich zu machen. Gerade einmal 50 Jahre sind es jetzt her, dass dieser gewaltige Erschließungsplan für die Amazonasregion von der damaligen brasilianischen Regierung zeitgleich mit der Verlegung der Hauptstadt ins neu geschaffene Brasilia vekündet wurde. Doch dieser relativ kurze Zeitraum hat ausgereicht, um das Gesicht des Naturraums entlang der neuen Verkehrswege gründlich zu verändern. Natürlich fährt man heute immer noch "irgendwie" durch den brasilianischen Amazonas-Regenwald, doch zu Gesicht bekommt man ihn über weite Strecken entlang der Verkehrswege kaum noch, da er hinter Rodungsflächen verschwunden ist, die bis zum Horizont reichen. Und wie schon bei der Fahrt durch den riesigen Soja-Gürtel Mato Grossos stellt man sich unwillkürlich die Frage: Was ist da in den letzten 50 Jahren eigentlich genau passiert ? Gehen wir doch mal auf Spurensuche und werfen den Blick zunächst etwas weiter nach Norden....

Nein und nochmals Nein! 100 Kilometer vor der Grenze zu Rondonia wollte uns schon mal jemand mit einem "Fake-Tor" nach Amazonien in die Irre leiten! Nicht mit uns; wir lassen es einfach links liegen...

Jetzt aber! Die Grenze der Bundesstaaten Mato Grosso/Rondonia ist erreicht...

Und wie an jeder Grenze zwischen brasilianischen Bundesstaaten gibt es auch hier die obligatorische Kontrollstelle der Polizei

"Wir bauen mit Wüstenrot ein Haus!" Staatliche Agrarkolonisation am Beispiel der Transamazonica

Die legendäre BR230: Ursprünglich als Einschnitt von 5200 km Länge von einem Extrem Brasiliens zum andern geplant – von „João Pessoa/Paraíba, an der Ostküste, bis zur Peruanischen Grenze im Westen, „ein Werk, welches mit nacktem Auge von einem Raumschiff zu erkennen sein sollte“ - wurde nur der östliche Teil bis Maraba jemals asphaltiert, während der westlichste Abschnitt nie realisiert wurde und der zentrale Teil während der Regenzeit oftmals nur in einer wahren Schlammschlacht zu bewältigen ist

Sie hatten sich alles so schön ausgedacht! Als 1970 die damalige brasiliansche Militärregierung mit dem Bau jenes gewaltigen Straßenprojekts namens "Transamazonica" begann, glaubte man optimistisch, mehrere stategische und ökonomische Ziele gleichzeitig umsetzen zu können. Der Plan der Regierung, eine Verkehrslinie in Ost-West-Richtung vom Atlantik bis an die Grenze zu Peru zu bauen, sollte zum einen den Sicherheitsinteressen Brasiliens dienen; man glaubte, dass durch die verkehrstechnische Erschließung des riesigen Amazonasgebietes das Land besser vor einem Zugriff ausländischer "Interessengruppen" geschützt werden könne; zum anderen erhoffte man sich durch die staatlich gelenkte und finanziell geförderte Ansiedlung von Menschen ohne Land entlang dieser Verkehrsachse die explosive ökonomische Lage großer Teile der Bevölkerung in den dicht besiedelten Küstenregionen des Ostens entschärfen zu können. So umschrieb der damalige Präsident Kubitschek in einer Rede, in der er das Großprojekt vorstellte, seine Vision optimistisch :

„Der Bau der Transamazonica fördert die ökonomische Expansion und den Abbau sozialer Spannungen. Die Transamazonica wird zu einer Völkerwanderung führen, aus dem überbevölkerten Osten und Süden werden die Menschen zur Landnahme in Amazonien aufbrechen. Zum ersten Mal in der Geschichte wird der Mensch in rationaler Weise seinen Lebensraum ausweiten; ohne die Natur zu zerstören wird er weite Räume besetzen und beherrschen. In 10 Jahren werden rund 5 Millionen Menschen eine neue Existenz finden."

Die Schlagworte lauteten: Neuer Lebensraum, Landnahme, Vorstoß zu den letzten Grenzen; in den Köpfen der Spitzen von von Militär und Politik mischten sich geostrategische Überlegungen mit gesellschaftlicher Utopie, die Furcht vor dem Eindringen nordamerikanischer Konzerne und Missionare in Amazonien mit der Angst vor sozialer Revolte in den Städten. Die mathematische Formel lautete simpel: Geostrategische Sicherung des brasilanischen Territoriums + sozialökonomische Revolution unter dem Schlagwort „Land ohne Menschen für Menschen ohne Land" = ökonomischer und sozialer Quantensprung im Interesse ganz Brasiliens. Und praktisch alle zogen mit: Weltbank, lateinamerikanische Entwicklungsbank und zahlreiche private Kreditgeber beteiligten sich am Projekt der „Nationalen Integration“ - Niemand erörtete Risiken, niemand dachte an negative Komplikationen. Am Tage des Startschusses für das Projekt titelte die Zeitung Folha de Sao Paulo am 9.10.1970:

„Bewegt verfolgte der Präsident das Fällen eines fünfzig Meter hohen Baumes auf der Trasse der künftigen Straße. Dann enthüllte er ein Denkmal (…), eingearbeitet in den Stamm eines Paranussbaumes mit rund zwei Metern Durchmesser mit der Inschrift: An den Ufern des Xingu, mitten im Urwald, legte der Präsident der Republik den Grundstein für die Transamazonica – der historische Beginn der Eroberung dieser gigantischen grünen Welt“.

Mit enormem Aufwand wurde eine Piste durch den Urwald gefräst. Eine Armee von 11000 Arbeitern, aufgestockt durch Militäreinheiten auf 16000 Mann schafften mit einer Armada von hunderten Bulldozern in 3 Jahren die Fertigstellung der 2000 Kilometer langen Piste. Zum Schluss waren viele der Arbeiter aufgrund von Tropenkrankheiten nicht mehr am Leben und der brasilianische Staat um – in heutiger Währung – 12 Milliarden Euro ärmer. Parallel zur technischen Realisierung wurde ein Besiedlungsplan entworfen: In einem Streifen von 20 Kilometern rechts und links der Strasse sollte jede Siedlerfamilie 100 ha Land erhalten, das nicht weiter als 5 Kilometer von dem vorfabrizierten Haus aus Holz liegen sollte. 60 solcher Häuser mit 60 Familien, einer Schule und einem Sanitätsposten bildeten das kleinste Siedlungsmodul, eine agrovila. In grösseren Abständen entlang der Strasse wurden Subzentren errichtet, mehrere dieser Subzentren wiederum gruppierten sich um eine Ruropolis.

Doch bereits nach wenigen Jahren fiel die Bilanz mager aus. Statt der ursprünglich geplanten 100.000 Siedler konnte nur ein Drittel der vorgesehenen Familien angesiedelt werden, und die meisten verließen nach der ersten Regenzeit, in der sie für Monate von der Außenwelt abgeschnitten waren, die in den Wald geschlagene Rodung, während die zensierte Presse zunächst nicht von einem Fehlschlag zu schreiben wagte. Die Gründe des Scheiterns waren mannigfaltig: die falsche Auswahl der zumeist aus dem trockenen Nordosten Brasiliens kommenden Siedler, von denen fast alle völlig unerfahren in tropischer Landwirtschaft waren und die noch nie einen Regenwald gesehen hatten, die schlechte Bodenqualität der extrem nährstoffarmen Böden des Regenwaldes, ungeeignetes Saatgut und dadurch verursachte Missernten, zu optimistische Ernteprognosen, mangelhafte Organisation und Vermarktung, medizinische Probleme, wie die Ausbreitung von Malaria. In einer Schilderung dieser versuchten Agrakolonisation heißt es zusammenfassend: "Von staatlicher Seite wurde alles viel zu schnell und unüberlegt getan und die willigen Einwanderer mit falschen Versprechungen wie Krediten, Landbesitz, Infrastruktur, Schulen und Gesundheitsversorgung geködert und zur Bekräftigung gab man jedem von ihnen ein kleines „Startgeld“ in die Hand. Sie gingen jubelnd auf die tage- und für viele sogar wochenlange Anreise – und fanden bald heraus, dass der Regenwald sie nicht mit offenen Armen aufnahm. Das kleine Startgeld war bei den Wucherpreisen im Urwald bald verbraucht. Die ersten Mitglieder der Familie erkrankten an der Malaria oder an Typhus – die nächste Gesundheitsfürsorge war noch ein- bis zweitausend Kilometer weit weg. Viele Familien gaben schon bald auf. Ganze Siedlergemeinschaften scheiterten. "

Doch wer gedacht hat, dass die ganze Region damit wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurück versetzt würde, hat sich getäuscht. Die geschlagene Verkehrsschneise hattenschließlich den weiten Raum des Amazonas-Regenwaldes entlang der neuen Straße für die ökonomische "Inwertsetzung" geöffnet" (siehe Abbildung links) und die brasilianische Regierung wollte nicht einfach aufgeben. Statt dessen wurde eine Kurskorrektur vorgenommen. Kapitalkräftige Konzerne sollten nun retten, was zu retten war. Sie erhielten etwa großzügige Steuernachlässe, wenn sie ins Geschäft vor allem mit Viehfarmen einstiegen. „VW do Brasil“ stellte Rinderzüchter ein. Sägewerke fraßen sich durch riesige Rodungsflächen für extensive Viehwirtschaft, Grundstücksspekulanten und allerlei Glücksritter folgten. Die „Inwertsetzung“ Amazoniens sollte nun durch agro-industrielle Projekte und Ausbeutung von Rohstoffen vorangetrieben werden - schließlich vermutete man reiche Bodenschätze unter dem Dach des Urwaldes. In der Serra Dos Caracas etwa wurde in den Folgejahren das größte Eisenerzvorkommen der Erde erschlossen; Goldfunde führten dazu, dass zehntausende Garimpeiros (Goldschürfer) in den Urwald einfielen, Wild-West-Städte schossen über Nacht am Pistenrand aus dem Boden, korrupte Beamte ermöglichten die "illegale" Aneignung von Landtiteln, Holzspekulanten nutzten die neuen Wege zum großflächigen Fällen von Tropenbäumen, der Regenwald ging an vielen Stellen in Flammen auf. Die staatlich geplante und gelenkte Kolonisation wurde durch eine ungelenkte, vielfach wilde "Inwertsetzung" des Raumes begleitet, wenn nicht sogar ersetzt. Wer dabei auf der Strecke blieb, waren die ursprünglich dort schon lange lebenden Menschen - die Indianergemeinschaften. So sind seit 1964 mehrere dokumentierte Genozide an verschiedenen Völkern der Indianer Brasiliens verübt worden, um das Projekt Transamazonica voranzutreiben. Diese Genozide wurden durch Siedler verübt, wobei die Regierung in den meisten Fällen auf eine Aufklärung der Fälle verzichtete:

- "Beicos de Pau, 1968 entdecktes Volk im brasilianischen Regenwald mit etwa 400 Menschen. Um Platz für Siedler entlang der Transamazônica zu machen, fallen sie bis 1972 komplett einem Genozid anheim. Die Beicos de Pau wurden durch Arsen und Ameisengift getötet, mit welchem man Nahrungsmittel vergiftete und diese dem Volk schenkte. Die Täter verbreiteten danach das Gerücht, die Menschen seien an einer Epidemie gestorben.
- Bororos, Stamm im brasilianischen Regenwald. Um Platz für Siedler entlang der Transamazonica zu machen, fallen sie fast vollständig einem Genozid anheim.
- Carajás, Volk des Amazonasgebiets von etwa 4.000 Menschen, von denen nur 400 Menschen den Genozid überleben, der an ihnen ab 1964 verübt wird, weil sie im Einzugsgebiet der Transamazônica leben.
- Chavantes, Volk des Amazonasgebiets von mehreren tausend Menschen, von denen nur wenige hundert den Genozid überleben, der an ihnen ab 1964 verübt wird, weil sie im Einzugsgebiet der Transamazônica leben (dieselbe Motivation liegt auch bei den folgenden Fällen vor).
- Cintas Largas, Volk des Amazonasgebiets von etwa 10.000 Menschen, gegen das ab 1964 genozidal u.a. aus der Luft mit Bomben aus Minendynamit vorgegangen wird, weil sie im Einzugsgebiet der Transamazônica leben.
- Guaranis, Volk des Amazonasgebiets von knapp 5.000 Menschen, das ab 1964 einem fast totalen Genozid anheimfällt.
- Munducurus, Volk des Amazonasgebiets von knapp 20.000 Menschen, von denen nur 1.200 Menschen den Genozid überleben, der an ihnen ab 1964 verübt wird.
- Patchos, indigene Gemeinschaft des Amazonasgebiet: zwei Patchos-Völker werden durch Infektion mit Windpocken in einem totalen Genozid beseitigt.
- Tapaiunas, kleine Gemeinschaft des Amazonasgebiets, keiner überlebt den Genozid, der mit durch Arsen vergiftetem Zucker an ihnen begangen wird."

(Quelle: LINK: ===>>>„Sie werden alle ausgerottet“ Spiegel-Artikel von 1969 u. Wikipedia)

In der Rückschau muss das staatliche Kolonisationsprojekt entlang der Transamazonica als gescheitert betrachtet werden. Von den ursprünglich angesiedelten Menschen blieben, wenn es hochkommt, maximal 15%, der Rest gab auf und verließ die Region wieder. Und als Verkehrsverbindung ist die Straße bis heute in ihrem Kernbereich eine wilde Erdstaße geblieben, wo jeder Warentransport vor allem in der Regenzeit zum unkalkulierbaren zeitlichen Risiko wird, wenn die Wasser- und Schlammfluten ein Durchkommen für Tage oder noch länger unmöglich machen. Denn an vielen Stellen schwemmen die tropischen Regenmassen die Straße jedes Jahr hinweg, während der Amazonas und seine Nebenflüsse dann weite Gebiete entlang ihrer Ufer überschwemmen. Wo Nebenflüsse in den Amazonas münden, entstehen dann Sümpfe mit bis zu 50 Kilometer Breite. Dennoch wurde mit dem Bau der Straße der Startschuss für den großflächigen Eingriff in das labile Gleichgewicht des riesigen Regenwaldes eingeläutet, nur dass statt kleinbäuerlicher Siedler eher Holzfäller, Spekulanten, große Agrarkonzerne und Ölfirmen die prägende Kraft für die Veränderung des Naturraumes wurden.

Ein paar Impressionen einer Fahrt auf der Transamazonica

Die Welt der ökonomischen Big Boys entlang der Transamazonica

Die Welt der kleinen Krauter

Die 2000 Kilometer lange "Straße"

Die handelnden Akteure und ihre Tätigkeiten

Und die Natur ?


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"Wir bauen mit Wüstenrot ein Haus!" Staatliche Agrarkolonisation am Beispiel der Rondonias

Das nennt man wohl perfektes Timing. Just als wir an der Grenze zum Bundesstaat Rondonia das eingangs erwähnte "Portal da Amazonia" durchfahren, steht der Geburtstag meiner Frau an. Und so ist es wenig verwunderlich, dass sie sich als ehemalige Geographie-Lehrerin als Geburtstagsgeschenk eine Fahrt in die Region Brasiliens wünscht, deren rasante Entwicklung in den letzten 50 Jahren sogar thematischen Eingang in den Geographie-Unterricht an deutschen Gymnasien gefunden hat: die Agrarkolonisationsgebiete Rondonias. Der Wunsch, die Entwicklung in den Kerngebieten dieser Kolonisation einmal mit eigenen Augen vor Ort zu sehen, wird dabei durch den Umstand erleichtert, dass es die Brasilianer nach langer Bauzeit endlich geschafft haben, die fast 400 Kilometer lange Stichstraße zum Rio Guapore an der Grenze zu Bolivien bis auf Reststrecken komplett zu asphaltieren; aus der vormals wilden Urwaldpiste ist nun eine gut befahrbare Allwetterstraße geworden, die einem bei schlechtem Wetter (fast) keine Sorgenfalten mehr auf die Stirn treiben muss - zumal man in eine Sackgasse fährt und die Strecke deshalb ja zweimal bewältigen muss. Und so ganz nebenbei gelingt es uns nun nach Jahren damit auch endlich, ein lange Zeit in Vergessenheit geratenes Bauwerk aus der Frühzeit der portugiesischen Eroberung Brasiliens zu besichtigen: Die Festung Principe da Beira, die einsam und verwunschen im Urwald am Rio Guapore liegt, wo sie einst als Bollwerk gegen eine spanische Invasion diente.

Wie bei der Transamazonica und der "Straße des Soja" in Mato Grosso (s. letzte Kolumne) begann auch in Rondonia die rasante Entwicklung mit dem Bau einer Straße: der BR-364 von Cuiaba,der Hauptstadt Mato Grossos nach Porto Velho in Rondonia. Man muss sich das einmal vor Augen führen: Vor dem Bau der BR-364, mit dem Anfang der 1960er-Jahre begonnen wurde, konnte man die Hauptstadt Rondonias, Porto Velho, nur mit dem Schiff von Manaus/Amazonas, mit dem Flugzeug oder zeitweise bis zur Einstellung des Betriebs mit der legendären (Kautschuk) Madeira-Mamoré-Eisenbahn von Guajará-Mirim an der bolivianischen Grenze aus erreichen. Eine Straßenanbindung an den Rest des Landes existierte nicht. Dementsprechend fristete Rondonia auch lange ein unbeachtetes Schattendasein, allenfalls interessant für Goldsucher, Missionare und aus strategischen Gründen an der Grenze zu Bolivien für das Militär. Lediglich der Kautschuk-Boom des ausgehenden 19. Jahrhunderts führte zu einer ersten Einwanderungswelle armer Nordestinos aus dem Nordosten Brasiliens, die sich als Kautschuksammler in Diensten der großen Kautschukbarone versuchten und sich in der Region und noch weiter westlich, in Acre, niederließen.

Der Baubeginn der legendären Madeira-Mamoré-Eisenbahn im Jahr 1907, stellte einen weiteren Impuls zur Besiedelung dar. Diese 365 km lange Eisenbahnlinie, die von Porto Velho ins bolivianische Guajara-Mirim führte, sollte zum Zwecke eines schnelleren Kautschuktransports die Stromschnellen des oberen Rio Madeira umgehen; zugleich wollte Bolivien ab Porto Velho durch Schiffsverbindungen über den Rio Madeira und den Amazonas Zugang zum Atlantik bekommen und trat hierfür als Gegenleistung seine Provinz Acre an Brasilien ab. Baubeginn der Eisenbahnstrecke war 1907 in Porto Velho. Mit enormen finanziellen Mitteln und unter hohem menschlichen Kraftaufwand trieben tausende Arbeiter der Jeckyll & Randolph-Company die Trasse durch ein extrem ungesundes und lebensfeindliches Urwaldgebiet. Die Bauarbeiter, darunter auch viele Europäer, von denen einige schon beim Bau des Panamakaals dabei waren, starben wie die Fliegen. Entweder wurden sie von Malaria und Gelbfieber hinweggerafft oder sie wurden bei einem der vielen Angriffe feindlich gesinnter Indianer durch vergiftete Pfeile getötet. Als nach 5 Jahren die Strecke die bolivianische Grenze erreichte, waren über 6000 tote Arbeiter zu beklagen (und eine unbekannte Anzahl von Indianern), weshalb die Bahnstrecke auch den Beinamen "Via do Diablo"- Straße des Teufels/Straße zur Hölle bekam. Tragischer weise konnte die Strecke nach Fertigstellung ihren ökonomischen Zweck nie erfüllen, denn fast zeitgleich brach 1912 das Kautschukmonopol Brasiliens zusammen, so dass das letzte Teilstück der Strecke auf bolivianischer Seite niemals fertiggestellt wurde.

Zeitzeugen der Geschichte: Am ehemaligen Endpunkt der Marmore-Bahn an der bolivianischen Grenze in Guajara-Mirim

Nach dem Zusammenbruch des Kautschukmonopols und des Scheiterns des Marmore-Eisenbahnprojekt dauerte es tatsächlich noch einmal 50 Jahre, bis sich so etwas wie eine Entwicklung der abgelegenen Region abzeichnete, die ja zunächst auch gar kein eigener brasilianischer Bundesstaat war. Erst 1943 schuf man zunächst das “Território Federal de Guaporé” auf einem Gebiet, das man den Bundesstaaten Amazonas und Mato Grosso abgezwackt hatte und gab ihm schließlich 1956 den Namen “Rondônia“ zu Ehren des brasilianischen Armeeangehörigen, Ingenieurs und Abenteurers Cândido Rondon, einem brasilianischen Nationalhelden. Und dann begann der Straßenbau und die brasilianische Regierung startete ein weiteres staatliches Agrarkolonisationprogramm zur Gründung kleinbäuerlicher Agrarbetriebe. Angesichts des Fiaskos entlang er Transamazonica wurde allerdings hierbei die Kolonisationsstrategie geändert: Während die staatlich gelenkte Kolonisation entlang der Transamazonica in Form "integrierter Kolonisationsprojekte" geschah, die neben der Einrichtung von grundlegenden Infrastrukturen wie Straßen, Schulen und Gesundheitsdienst noch Anfangshilfen für Hausbau und anderes boten, wurden in Rondonia von Anfang an sukzessive die staatlichen Vorleistungen verringert. Während die ersten Projekte noch mit voller staatlicher Unterstützung ebenfalls als "integrierte" Kolonisationsprojekte gegründet wurden, wurden seit Mitte der 1970-Jahre für Projekte mit gelenkter Ansiedlung lediglich 100 Hektar große Parzellen vermessen und zugeteilt, außerdem Kredite vergeben und landwirtschaftliche Beratung zur Gründung kleinbäuerlicher Betriebe geboten; die geplanten flankierenden Infrastrukturen dagegen wurden erst später geschaffen, nachdem sich ein Erfolg abzeichnete. Und aufgrund dieses Erfolges strömten in den Folgejahren immer mehr landsuchende Migranten nach Rondonia, der Migrationsdruck auf die Landreserven nahm immer mehr zu, so dass von 1980 an die staatliche Hilfe auf die reine Verteilung von nur noch 50 Hektar großen Parzellen reduziert wurde. Wie groß der Zuwandererstrom zunächst war, verdeutlichen die nackten Zahlen: So stieg die Bevölkerungszahl durch Zuwanderung in gemessenen 5-Jahreszeiträumen von 30000 während der 1960er-Jahre auf über 500.000 in den 1980er-Jahren. Danach ebbte der Zustrom wieder ab, ohne jedoch ganz zu versiegen. Heute hat Rondonia etwa 1,6 Millioen Einwohner, was bei einer deutlich größeren Fläche als Großbritannien eine Bevölkerungsdichte von 6,4 Einwohnern pro qkm entspricht (allerdings leben allein in Porto Velho 600.000 Menschen).

Was war denn nun hier so anders als beim gescheiterten staatlichen Koloniationsprojekt entlang der Transamazonica ? Zwei Aspekte sind hierbei vor allem von Bedeutung:
Zum einen die bessere Bodenqualität der anfangs zugeteilten Landflächen (sog. nährstoffreiche "Terra roxa"-Böden im Gegensatz zu den nährstoffarmen "Terra-firma"-Böden in den reinen Regenwaldgebieten) - zum anderen die von Anfang an bessere Qualifikation der Bewerber für die Landzuteilung. Während entlang der Transamazonica vor allem arme, in Landwirtschaft zumeist unerfahrerene Menschen aus den nordöstlichen Armenhäusern Brasiliens auf zumeist ungeeigneten Böden zu siedeln versuchten, kamen die ersten Siedler in den Kolonisationsgebieten Rondonias aus dem Südosten Brasiliens und stellten später erfahrene Kleinbauern aus den Südstaaten (vor allem aus Parana) das Hauptkontingent. Zahlreiche Zuwanderer kamen auch aus den Staaten Mato Grosso, Minas Gerais sowie aus Espirito Santo und Sao Paulo. Wichtigste Ursachen für den enormen Siedlerzustrom aus dem brasilianischen Süden war hauptsächlich ein Verdrängungsprozess: die Expansion des mechanisierten Sojabohnen- und Weizenanbaus durch die Agroindustrie und zum Teil auch der Viehhaltung im Süden, dazu enorme Frostschäden in den Kaffeeplantagen und das Minifundien-Problem (durch Erbteilung zu klein gewordene Betriebe), führte in den 1960- bis 1980er-Jahren zu einem drastischen Verlust von Arbeitsplätzen in der Landwirtschaft.
Doch der Erfolg der ersten Siedler auf den staatlich zugeteilten Flächen erwies sich ab einem gewissen Zeitpunkt zunehmend als Bumerang: Immer mehr Menschen folgten den "Versprechungen" nach einem eigenen Stück Ackerland nach Rondonia, während zugleich die geeigneten zuteilungsfähigen Flächen immer knapper wurden. Fast zeitgleich mit der kompletten Asphaltierung der BR-364 1986 und dem weiteren Ausbau der Infrastruktur erreichte der Bevölkerungsdruck durch Migration seinen Höhepunkt: Es begann eine wilde Phase, eine quasi "anarchische" Inbesitznahme von Land: der Regenwald wurde an vielen Stellen illegal abgebrannt und gerodet und so neu geschaffene Anbauflächen mit zum Teil zweifelhaften Landtiteln geschaffen, Straßen und Wege wurden ebenso illegal angelegt. Dass die Böden außerhalb der staatlich geförderten Gebiete extrem nährstoffarm waren, kümmerte niemanden. Statt dessen verschärfte man die Situation noch durch die Anlegung für diese Böden ungeeigneter Dauerkulturen. Jetzt strömten auch Siedler aus den städtischen Elendsvierteln nach Rondonia auf der Suche nach dem großen Neuanfang. Die Folgen waren schnell spürbar: Während die ersten Siedler in den staatlich geförderten Gebieten sich erfolgreich etablieren konnten, scheiterten viele der Spätankömmlinge schnell: Siedeln auf ungeeigneten Böden, falsche Anbaumethoden, das Fehlen von Düngemitteln, der weite Weg zu den Märkten, die Auswirkungen von Tropenkrankheiten forderten ihren Tribut und viele der späten Neusiedler scheiterten kläglich. Gleichzeitig stiegen nun auch in- und ausländische Agrarunternehmen in das Geschäft mit der "Inwertsetzung" Rondonias ein: jetzt wurde der Regenwald auch großflächig abgebrannt, um Platz für hunderte von Viehfarmen zu schaffen. Gleichzeitig begannen nach den "Gesetzen der Evolution" die Erfolgreichen und Großen die Kleinen zu schlucken: Großgrundbesitzer fingen an, kKleinbauern von deren Land zu vertreiben, wobei man auch vor Einschüchterung, Mord, Niederbrennen von Häusern und Ernte durch angeheuerte Pistoleiros nicht zurückschreckte (was wohl auch heute noch für abgelegenen Regionen in Amazonien gilt). Ein Autor fasste die Situation in einem vor etwa 15 Jahren geschriebenen Buch mit den Worten zusammen: "Ein Mensch stirbt schnell in Rondonia und keiner stellt Fragen. Es ist der "Wilde Westen" Brasiliens."



Interessante Abbildung des Ibero-amerikanischen Instituts über die "Wirtschafts- und sozialräumlichen Disparitäten" im ländlichen Raum Brasiliens. In welchen Regionen sind welche agrarwirtschaftlichen Schwerpunkte? Wo sind die "Konfliktzonen"? Der Begleittext zur Karte erläutert die klare Dominanz intensiver Landwirtschaft im Südosten und Süden des Landes. Der Südosten ist stärker durch großbetriebliche Landwirtschaft mit hohem Anteil an Tagelöhnerarbeit und Zuckerrohr als neue sowie Kaffee als traditionelle Leitkultur geprägt, während im außertropischen Süden die klein- und mittelbäuerliche Familien-Landwirtschaft immer noch vorwiegt. Allerdings ist das ungelöste Problem der Agrarreform mit fehlendem Zugang zu Grundeigentum auch im Süden sowie im Südosten und großen Teilen des Nordostens Grund der Landbesetzungen. Zwei keilfrmige Expansionsfronten mit Soja-, Mais- und Baumwollanbau und einem hohen Spezialisierungsgrad werden durch das Agrobusiness im Mittelwesten des Landes (v.a. Mato Grosso) vorgeschoben, wobei Soja die größte Dynamik entwickelt und in die südlichen Randgebiete Amazoniens (Rondonia) eindringt. Der Nordosten weist in der Trockenregion, dem eigentlichen Armenhaus Brasiliens, zahllose Minifundien auf, die mit einfacher Infrastruktur am oder gar unter dem Existenzminimum häufig ohne Landtitel wirtschaften. Dieser Wirtschaftsraum kontrastiert extrem mit dem Südosten und Süden. Die halbkreisfrmige Rodungszone in Amazonien ist die Region der staatlichen Ansiedlung landloser Familien, gleichzeitig aber auch das Hauptverbreitungsgebiet der Rinderhaltung auf Rodungsweiden.

Fazit:

Inzwischen umfasst die staatlich geplante und unkontrollierte Agrarkolonisation in Rondonia eine Fläche von knapp 1/3 des Landes. Die Bevölkerungszahl steigt auch heute durch Migration immer noch leicht an, ist allerdings weit von den Spitzenwerten der 1980er-Jahre entfernt. Das deutet darauf hin, dass kaum noch neues Land erschlossen werden kann und Erwerbsmöglichkeiten außerhalb der Landwirtschaft rar sind; und ein erheblicher Teil vor allem der unkontrolliert zugezogenen Neusiedler hat wie schon viele andere entlang der Transamazonica im Verlauf der Jahre das Handtuch geworfen und ist wieder abgewandert; Denn außerhalb der Landwirtschaft hat nur der Abbau von Diamanten und Zinn in diesem Bundesstaat eine gewisse Bedeutung. Beschäftigt man sich dagegen mal etwas intensiver damit, wie die verschiedenen staatlichen Kolonisationsversuche in Brasilien in den letzten 50-60 Jahren abgelaufen sind und liest sich in die verfügbare Literatur ein, so stellt man fest, dass der Kolonisationsversuch in Rondonia trotz aller Folgeprobleme alles in allem keineswegs so negativ gesehen wird wie etwa in den Kernbereichen des Amazonas-Regenwaldes entlang der Transamazonica. So heißt es u.a. in einer zusammenfassenden Gesamt-Beurteilung:

"In Rondonia ist die Bewirtschaftung der Agrarflächen vor allem auf den Anbau einjähriger Kulturpflanzen ausgerichtet. Vor allem Grundnahrungsmittel wie Reis, Bohnen, Maniok und Mais werden im System der Landwechselwirtschaft angebaut. Hinzu kommen Dauerkulturen; zunächst Kakao, in letzter Zeit auch Kaffee. Während die Grundnahrungsmittel primär der Eigenversorgung dienen, ist der Dauerkulturanbau nahezu ausschließlich auf die Vermarktung ausgerichtet. Auch die Rinderhaltung ist von Bedeutung. Damit scheint das Agrarkolonisationsprojekt Rondônia im Vergleich mit anderen Vorhaben ähnlicher Art eher erfolgreich zu verlaufen. Die ökologische, soziale und wirtschaftliche Gesamtsituation Brasiliens lässt jedoch kaum mehr als nur einen relativen Erfolg zu: Die landwirtschaftliche Erschließung Rondônias erfolgt nicht nur gelenkt, also durch Landkauf, sondern auch durch wilde Landnahme, die beispielsweise im Grenzgebiet zu Bolivien erhebliche Waldflächen verschlingt. Problematisch bleibt außerdem das naturräumliche "Handicap der Tropen", denn der tropische Regenwald wächst auf einem Boden, der praktisch keine Nährstoffe enthält. Das wird zum Problem, wenn die Anbauflächen immer weiter in die für agrarische Nutzung ungeeigneten nährstoffarmen Böden der Regenwälder ausgedehnt werden. Trotzdem ist dadurch die Agrarkolonisation in Rondônia keineswegs aussichtslos, sofern angepasste Landnutzungssysteme angewendet werden, geeignete Produkte angebaut werden und die sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen — insbesondere hinsichtlich der Landverteilung — stimmen. Die zum Landkauf bereitgestellten Areale weisen eine relativ gute Eignung für die ackerbauliche Nutzung auf. Der zunehmende Verkauf von Land durch die Kleinbauern und der damit einhergehende Trend zur Besitzkonzentration und Expansion großbetrieblicher Rinderweidewirtschaft sind heute die größten sozio-ökonomischen Probleme in Rondônia. Die Folge dieser Entwicklung ist eine Verdrängung der Kleinbauern, mit anderen Worten eine Reproduktion genau jener Disparitäten, denen die Kolonisten in ihren Herkunftsräumen durch die Auswanderung nach Rondônia entgehen wollten. "

Persönliche Eindrücke

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Zum Schluss der Kolumne dürfen natürlich ein paar persönliche Eindrücke von unserer Fahrt durch einige Kerngebiete der staatlich geplanten Kolonisation in Rondonia nicht fehlen. Und wie waren diese Eindrücke nun ? Um das Fazit vorwegzunehmen: Durchaus positiv! Denn wenn man bei der langen Fahrt quer durch das brasilianische Binnenland immer wieder mit endlos monotonen Streckenabschnitten konfrontiert wird, die von agrarischer Monokultur geprägt sind, sei es nun durch Soja, Zuckerrohr oder auch Weideflächen, dann ist man tatsächlich angenehm überrascht, wenn man beim Eintauchen in die noch gar nicht so alten Kolonisationsgebiete Rondonias eine überraschend abwechslungsreiche Kulturlandschaft vorfindet, die durch eine überwiegend kleinräumige landwirtschaftliche Nutzung geprägt ist. Was in der Literatur beschrieben ist, finden wir tatsächlich vor: Anbau von Grundnahrungsmitteln wie Reis, Maniok, Mais, Anbau von Kaffee, etwas Weidewirtschaft, dazu verschlafene kleine Landstädte und Dörfer, das alles eingebettet in eine üppige tropische Vegetation. Auch wenn der Wald rechts und links der Straße weitgehend verschwunden ist, überkommt einen nicht Wehmut, denn Kahlschlag, so wie wir ihn in anderen Teilen Brasiliens erleben durften, sieht anders aus. Wenn viele Brasilianer sich immer vehement gegen Kritik verwahren, wenn sie ihren Naturraum in agrarische Nutzflächen umwandeln, denn es sei ja schließliuch ihr gutes Recht, wie alle anderen Industrieländer ökonomisch nutzbare "Kulturlandschaft" zu schaffen - hier ist es ihnen tatsächlich gelungen. Doch bei der 400 Kilometer langen Fahrt quer durch den Kolonisationsgürtel zum Rio Guapore an der bolivianischen Grenze bleiben einem auch gewisse Warnzeichen nicht verborgen. Je weiter man sich von den Kernsiedlungsgebieten entfernt, desto größer werden auf einnmal die Weideflächen für die Rinderzucht und an zwei Stellen hat es sogar die Soja geschafft, den Raum in Besitz zu nehmen - zwar noch nicht im Megamaßstab, aber immerhin: Sie ist angekommen. Schließlich werden wir auch Augenzeuge der in weiten Teilen Südamerikas kurz vor Beginn der Regensaison weit verbreiteten Brandrodung, wenn großräumig riesige Flächen abgefackelt werden und gigantische Rauchwolken den Himmel verdunkeln. Ja - und dann ist auf einmal die Straße zuende und auch das riesige Land Brasilien kommt auf einmal doch an sein Ende und alle Fahrwege enden - fast! Wir erreichen die sympathische Kleinstadt Costa Marques am Rio Guapore. Wie immer wenn man im tropischen Teil Brasiliens an einen Fluss kommt, spürt man diese besondere Atmosphäre der Amazonasregion an solchen Orten besonders. Nach rechts und links geht es auf hunderten von Kilometern nur noch mit dem Boot auf dem Fluss weiter und auch auf der anderen, der bolivianischen Fluss-Seite muss man zunächst ein paar hundert Kilometer auf einer einsamen und wilden Buschpiste zurücklegen, ehe man halbwegs wieder in der Zivilisation einer Stadt ankommt. Fasziniert saugen wir diese verschlafene Tropenatmosphäre in uns auf. Auf beiden Fluss-Seiten steht ein ganzes Ensemble von ineinander verschachtelten hölzernen Lagerhäusern auf Stelzen mehrere Meter über dem Boden. Jetzt haben wir noch Trockenzeit und der Fluss führt nur wenig Wasser. In ein paar Monaten jedoch wird der Wasserpegel dieses Flusses bis zu 10 Meter angestiegen sein und die hölzernen Laufstege entlang dieser Häuser werden dann nur noch knapp aus dem Wasser ragen. In Costa Marques bleibt uns nur noch eine Sache zu erledigen: Den Blinker nach rechts zu setzen und die letzten fahrbaren 40 Kilometer am Fluss entlang zu fahren. Schon etliche Jahre lang steht diese hier am Rio Guapre einsam im Urwald gelegene Sehenswürdigkeit der besonderen Art auf unserer Wunschliste: die von den Portugiesen 1776–1783 erbaute sternförmige Festung Principe da Beira. Die Festung ist eine der beiden einzigen Festungen, die Portugal je im Inneren Brasiliens errichtet hat und diente zur Grenzsicherung gegenüber dem spanischen Kolonialreich. 1889 wurde die militärische Nutzung der Festung aufgegeben und die Festung geriet viele Jahre in Vergessenheit, ehe man vor einigen Jahren begonnen hat, sie unter Aufsicht des Militärs wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ein magischer historischer Ort in einem jungen Land, dass ansonsten lieber vorwärts schaut und deshalb eher arm an bedeutenden historischen Denkmälern ist.

Und nun - ganz am Ende der langen Kolumne - beginnt der finale Medienzauber...........

Zunächst für die Ohren:

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Und dann für die Augen:
Willkommen in den staatlichen Kolonisationsgebieten Rondonias: Durchnumerierte sog. "Linhas" - Stichwege, die rechts und links der Straße abgehen, öffnen den Raum für die Besiedlung

Die Linha 31
"Zeitzeugen" der Vergangenheit - der letzte Mohikaner des nicht mehr vorhandenen Regenwaldes steht wie ein Mahnmal an der Straße
nach einem tropischen Regenguss steht die Feuchtigkeit als Dunst in der Luft
Die Landschaft präsentiert sich überraschend abwechslungsreich: Mal fast unberührte Natur...
mal Dauerkulturen wie Kaffee...
oder auch Viehwirtschaft im überschaubarem Rahmen
dazu kleine Siedlungen und Einzelgehöfte umgeben von üppiger Vegetation...
...und Anbauflächen zur Eigenversorgung
Die älteren Orte der staatlichen Kolonisationsgebiete, auch sie ohnehin nicht älter als 50 Jahre, wirken in ihrer Anlage und inftrastrukturellen Ausstattung fast schon etabliert
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Die jüngeren Orte dagegen, die außerhalb der staatlichen Kolonisationsgebiete entstanden, und die wir auf der späteren Weiterfahrt durch Rondonia durchqueren, strahlen oft noch "Pionieratmoshäre" aus
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Auch das ist nicht zu übersehen: Außerhalb der Kolonisations-Kerngebiete nimmt der Kahlschlag des Waldes wieder deutlich zu, werden die Nutzflächen wieder größer, dominieren vielfach wieder die Viehfarmen mit ihren riesigen Weideflächen das Bild
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So sieht es aus, wenn kurz vor Beginn der Regenzeit in großem Stil Brandrodung getrieben wird
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Costa Marques am Rio Guaporé ist erreicht und damit der Endpunkt der Zivilisation; hier endet Brasilien und auch auf Straßen geht es nicht weiter - fast!
Alles wirkt so, wie man es von einem Amazonas-Städtchen am Fluss erwartet: heiß, träge und verschlafen, zumindest tagsüber
Das Ensemble von heruntergekommenen Lagerhäusern steht auf meterhohen Stelzen
Nur auf hochgelegenen Stegen kommt man von einem Ende zum anderen, wenn der Fluss am Ende der Regenzeit über die Ufer tritt
auf der anderen Fluss-Seite ist Bolivien, dort siehts genauso aus, mit dem Fluss-Taxi kann man den Fluss passieren, aber dann kommt auf der anderen Seite außer einer hunderte Kilometer langen Buschpiste die große Leere, bevor man wieder die Zivilisation erreicht
Die um 1780 im Stile einer Vauban-Festung von den Portugiesen errichtete Grenzverteidigungsanlage gegen die Spanier kurz nach ihrer Wiederentdeckung

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei - oder: Einmal muss wirklich Schluss sein....!!

Jetzt bin ich definitiv am Ende meiner Kolumnen-Fahrt durch eine sich sehr dynamisch und widersprüchlich entwickelnde Region im fernen Hinterland Brasiliens angelangt. Es ist an der Zeit, an dieser Stelle angesichts der Länge der Kolumne erst einmal innezuhalten, durchzuschnaufen und vielleicht ein bisschen von der großen weiten Welt zu träumen. Ich setz mich hierzu einfach in die nächste verfügbare Straßenbar. Wirkt sie auch etwas heruntergekommen, ein Bier gibts bei den "2 Irmãos", den 2 Brüdern allemal. Und ein paar mal sentimentale, mal fröhliche Sertaneja-Songs werden sicherlich auch aus den Lautsprechern klingen....Ich könnte natürlich am Abend auch in eine der vielen evangelikalen Freikirchen gehen; doch die sind oft so voll, dass die Leute sogar bis auf die Straße hinaus stehen, um ihr "Halleluja, sog I" und ihr "Manna" zu empfangen. Dann wähle ich doch lieber die erste Variante zur täglichen Entspannung




Wohlsein!!
Der Spruch: "Platz ist in der kleinsten Hütte" stimmt definitiv nicht, zumindest wenn es um die Gläubigkeit vieler Brasilianer geht. Deutsche Pfarrer, Pastoren und Prediger würden Tränen in den Augen haben, würden sie täglich solch einen Zuspruch ihrer Gläubigen erfahren..

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Lasst uns mal über Soja und Agro-Business reden! Tagebuch einer Kontinentquerung Südamerikas Teil 4

 

Vorbemerkungen:

Die Kolumne ist mal wieder recht umfangreich geworden und doch habe ich viele Themen nur grob umrissen, sonst wäre es ein Buch geworden. Mein Motto ist eben immer: Entweder ich mache es richtig oder gar nicht.
Und ich weiß: Diese Kolumne kommt gerade jetzt bestimmt zur Unzeit, wo alle Welt nur besorgt auf die Märkte und den Depotstand starrt. Am besten wäre es somit, den Artikel solange zurück zu halten, bis sich die Lage wieder beruhigt hat. Auf der anderen Seite: Vielleicht passt die umfangreiche Kolumne ja zeitlich gerade jetzt ganz gut als Lückenfüller in Haris Ferienwoche, wo sich niemand an Haris Wallstreet-Stream oder Artikeln ergötzen kann; und vielleicht tut Ablenkung von den Märkten derzeit sogar ganz gut: Karneval wäre eine Möglichkeit, das Entführen in eine andere Welt via Kolumne ein andere...

In die Kolumne habe ich einige kurze You-Tube-Videos eingebaut. Sollte beim einen oder anderen dieser Filmchen die Bildschärfe beim Abspielen zu wünschen übrig lassen, so kann man am Einstellrad unten rechts (wird nach Start des Videos sichtbar) die Qualität erhöhen.

Teil 4: Alles Soja oder was ? Durch den brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso"

09. Tag, 185 km, 2622 km gesamt, von Primavera do Leste bis Chapada dos Guimares
10. Tag, 300 km, 2922 km gesamt, Chapada dos Guimares bis Tangara da Serra
11. Tag, 230 km, 3152 km gesamt, von Tangara da Serra bis Campus de Julio
12. Tag, 339 km, 3491 km gesamt, von Campus de Julio bis Autoposto 40 km vor Pimenta Bueno (Rondonia)



"Wir wollen In fünf Jahren 50 Jahre überspringen"

                                                    Juscelino Kubitschek de Oliveira

Als wir auf der gut ausgebauten Bundesstraße die Landesgrenze zwischen den Bundesstaaten Goias und Mato Grosso überqueren, während links und rechts der Straße die großräumigen Weiden der Rinderfarmen , die uns zunächst begleiten, allmählich wieder von der endlosen Weite der Soja-Monokulturflächen abgelöst werden, muss ich an diese Worte des damalige Präsident von Brasilien denken, mit denen er 1957 nicht nur den Bau der neuen Hauptstadt Brasilia im menschenleeren Hochland Goias einleitete, sondern auch den Startschuss für eine beispiellose infrastrukturelle Erschließung und wirtschaftliche Entwicklung des rückständigen brasilianischen Binnenlandes gab. Und weiter geistert mir durch den Kopf: Wie mag das wohl früher - vor 1960 und noch weiter zurück -gewesen sein, eine Reise quer durchs brasilianische Binnenland zu unternehmen, als die Hauptstadt Brasilia noch nicht erbaut war ? Welche Verkehrswege gab es wohl von der Küste ins Hinterland und in welchem Zustand waren sie? Die Informationen, die man findet, sind bruchstückhaft und dürftig.

"Von den möglichen Reiserouten nach Cuiabá hatten sich drei im Laufe der Zeit bewährt: der Wasserweg, derselbe, den wir an der Seite von „Rodrigo César de Menezes“ damals kennen gelernt haben, der Landweg, der über den Bundesstaat Goiás führte und der meistbenutzte, dessen Anfahrt übers Meer führte – bis zur Mündung des Rio do Prata – und von dort flussaufwärts den Rio Paraguai und seine Nebenflüsse, bis zum abgelegenen Sitz der Provinzhauptstadt Cuiaba. "

So heißt es in einer Geschichte Mato Grossos über die Verkehrswege von und nach Mato Grosso im 19. Jahrhundert Und die Sätze deuten an, dass als Weg ins tiefe Herz Brasiliens eher die Flussreise zu bevorzugen war, wogegen der Landweg wohl mühsam und langwierig war. Geht man in der Geschichte weit zurück bis ins 16. Jahrhundert, so konzentrierte die portugiesische Kolonialmacht ihren Einfluss in den ersten Jahrzehnten nur auf wenige Küstensiedlungen und ihr Umland im Osten und Nordosten Brasiliens, da der südamerikanische Kontinent für das portugiesische Königreich zunächst nur als Zwischenstation auf dem viel bedeutenderen Seeweg nach Indien dienen sollte. Das riesige Landesinnere dagegen wurde von einer Vielzahl indigener Gruppen besiedelt, die nicht nur die Regenwaldgebiete, sondern vor allem auch die Hochlandebenen des Landesinneren als ihr Siedlungsgebiet nutzten, weil sie in den dort gelegenen Savannen des Cerrado ideale Jagd- und Anbaubedingungen vorfanden. In den folgenden Jahrhunderten erfolgte die Ausdehnung der Siedlungsfläche und wirtschaftlichen Nutzbarmachung des Hinterlandes durch die Portugiesen nur sehr zögerlich und hing von der Entdeckung neuer ökonomischer und lukrativer Potenziale ab: Einmal war es die Gewinnung von Farbstoffen aus Brasilholz, die für die europäische Textilproduktion wichtig wurden, ein anderes Mal der Anbau von Zuckerrohr für den Export, für den reichlich Sklaven aus den portugiesischen Kolonien in Afrika zur Verfügung standen. Gerade für den Zuckerrohranbau wurden neue Landreserven erschlossen und Wälder gerodet. Langsam aber sicher wurde die natürliche Umwelt weiträumig nach ökonomischen Gesichtspunkten umgewandelt. Mit der stetigen Ausdehnung des Zuckerrohranbaus wuchs zugleich auch die Bevölkerung und der Bedarf an Nahrungsmitteln stieg, so dass eine räumliche Expansion i für den Ackerbau und die Viehzucht notwendig wurde und die landwirtschaftlich genutzten Flächen stetig weiter ausgedehnt wurden. Mit dieser Entwicklung gingen Verdrängungsprozesse der indigenen Urbevölkerung einher, die sich zunehmend weit ins Landesinnere zurückziehen musste. Im 17. Jahrhundert dann geriet die portugiesische Krone durch den Verlust einiger asiatischer Kolonien in eine Finanzkrise und erhöhte deshalb den Druck auf die verbliebenen Kolonien, ihre Gewinne zu steigern. Besonders galt dies für Brasilien, in dessen Landesinneren Bodenschätze vermutet wurden.

Eine Vielzahl von Expeditionen wurden in das noch unbekannte Landesinnere mit dem Ziel unternommen, Gold und andere Edelmetalle, Diamanten und weitere Bodenschätze zu entdecken. Anfang des 18. Jahrhunderts wurden durch die so genannten Bandeirantes – staatlich oder privat finanzierte Expeditionstrupps (und nebenbei auch Sklavenjäger) - zum Teil riesige Lagerstätten entdeckt. Die Funde in Minas Gerais waren so umfangreich, dass sie zwischen 450.000 und 600.000 portugiesische Migranten anlockten. Für den Naturraum hatte dies schwerwiegende Folgen, denn durch den Stollenbau, den Siedlungsbau und die Brennholzversorgung war der Holzbedarf immens gewachsen. Wälder und Savannen wurden für die Ausweitung der landwirtschaftlichen Flächen gerodet, die mit der stetig steigenden Bevölkerung ausgedehnt werden mussten, um den zunehmenden Nahrungsmittelbedarf decken zu können. Nach der Loslösung Brasiliens von Portugal 1822 war es später vor allem der Siegeszug des Kaffees, der zu einem enormen raumprägenden Faktor durch seinen großflächigen Anbau wurde. Im fernen, wilden Amazonien wiederum war es nach der Erfindung des Vulkanisierverfahrens und des Gummireifens der Kautschukboom, der die Regenwaldgebiete in den Focus der Öffentlichkeit rückten. Denn dieser zog eine große Zahl von Migranten – vor allem aus dem armen Nordosten Brasiliens – in das Amazonasgebiet, die nicht selten unter prekären Arbeitsbedingungen als Kautschukzapfer arbeiteten. Der Kautschuk-Boom löste ein starkes Bevölkerungswachstum in einigen Teilen Amazoniens aus. Über eine halbe Million ehemalige Bewohner aus dem Nordosten Brasiliens strömten nach Amazonien, im entferntesten Bundesstaat Acre stieg die Bevölkerung in dieser Zeit , im Zeitraum zwischen 1872 und 1920 von 300.000 auf über 1,5 Mio. Einwohner an.

Auch im Gebiet des heutigen Mato Grosso herrschte im 18. Jahrhundert Goldgräberstimmung, die in einer geschichtlichen Zusammenfassung wie folgt umschrieben wird:

"Die Geschichte des Bundesstaates Mato Grosso ist die Geschichte der größten Goldfunde in Südamerika seit Menschengedenken. Gleichzeitig ist sie auch die Geschichte menschlicher Schamlosigkeit, Gier und Rücksichtslosigkeit, um an das Gold zu gelangen – und menschlichen Lugs, Betrugs und gegenseitigen Totschlags, um es zu besitzen. Ganze Königreiche sind an ihrer Goldgier zugrunde gegangen – unzählige Eingeborenenvölker der Goldgier der Bandeirantes und Garimpeiros geopfert worden. Die Geschichte des Goldes ist eine unvergleichlich schamvolle, und das Gold trieft vom Blut Unschuldiger. Wenn ich mir die Altäre und Heiligenbilder in den Kirchen ansehe, die Erker und Balustraden, die Statuetten und Insignien – alles dick vergoldet, dann drängen sich mir Bilder auf, die anklagen und Fragen, die nie beantwortet wurden."

Doch der Goldboom endete natürlich irgendwann und die Region versank über mehr als ein Jahrhundert wieder in Vergessenheit und in die Dekadenz des "Wilden Westens". Während etwa ab Mitte des 19. Jahrhunderts der ganze Südosten Brasiliens durch die gezielte Ansiedlung europäischer Agrar-Kolonisten allmählich zu einem prosperierenden kleinbäuerlichen Wirtschaftsraum wurde, der sich aufgrund des starken Bevölkerungswachstums rasch in noch kaum erschlossene Pionierregionen ausdehnte, in anderen Gebieten der großräumige Anbau von lukrativen Exportprodukten wie Kaffee und Zuckerrohr einen ökonomischen Pushfaktor darstellte, blieb Mato Grosso noch lange seinem Namen treu -"Großer Wald" oder eher noch "undurchdringlicher Busch" . Über mehrere Jahrhunderte hinweg stand der Name sinnbildhaft für die Abgelegenheit und Abgeschiedenheit der Region und war zugleich Heimat für unzählige Indianerstämme. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Region mit seiner schon 1722 von Bandeirantes gegründetbe Hauptstadt Cuiaba durch den Anschluss an das Telegrafennetz und den Bau einiger Verbindungsstraßen aus der Isoliertheit befreit und es kam zur Zuwanderung neuer Emigranten. Aber erst mit dem Bau der Hauptstadt Brasília (1960) und kräftigen Investitionen der Regierung in die strategische Erschließung des Westens und Amazoniens bekam auch die stagnierende Wirtschaft in Mato Grosso wieder neuen Auftrieb und die Bevölkerung neuen Zuwachs. Und wie: Hatte die Hauptstadt Cuiaba 1960 gerade einmal knapp 60.000 Einwohner, so weist die Statistik heute weit über 800.000 Bewohner auf. Und wer heute als ahnungsloser Reisender erstmals nach Mato Grosso bzw. in seine Hauptstadt Cuiaba reisen und sich deshalb vorab Informationen beschaffen will, der wird sich verwundert die Augen reiben, wie sich die Stadt Cuiaba und der Bundesstaat heute in Hochglanzprospekten präsentieren:

Was ist passiert ?

Nun, generell lässt sich feststellen, dass die ökonomische Erschließung des riesigen brasilianischen Binnenlandes in Richtung Amazonien lange Zeit nur selektiv in den Regionen vorangetrieben wurde, wo sich durch den relativ einfachen Abbau von Rohstoffen Geld verdienen ließ. Dies betraf beispielsweise Orte mit Goldlagerstätten oder anderen Edelmetallen oder Regionen mit Bäumen, die für die Kautschukproduktion bedeutend wurden. Erst die Neuausrichtung der Politik ab 1930 leitete hier eine Zäsur ein, als die stark nationalistisch ausgerichtete Ideologie der damaligen Militärregierung die ökonomische und soziale Entwicklung des Landes zur nationalen Aufgabe erklärte und die Integration der entlegenen Regionen Amazoniens und seiner Randbereiche in die nationale Wirtschaft forderte: "„Mit dem patriotischen Herzenswunsch den Aufschwung und die Entwicklung des Landes zu unterstützen, richtet ganz Brasilien seinen Blick nach Norden" formulierte der damalige Präsident Getulio Vargas und meinte mit Norden den Marsch nach Westen in die Tiefen des brasilianischen Binnenlandes. Neben den wirtschaftlichen Motiven waren es natürlich auch geostrategische Überlegungen (Schutz des Territoriums vor Eingriffen von außen), die eine starke Einbindung brasilianischen Binnenlandes in den gesamt brasilianischen Kontext forderten. Die spätere Regierung von Präsident Kubitschek führte diese Politik fort, gründete die Hauptstadt Brasilia, stampfte große Infrastrukturprojekte aus dem Boden, allen voran den Ausbau des Straßennetzes. Unter enormem finanziellen und logistischen Aufwand wurden unter anderem zunächst wichtige Nord/Süd und Ost/West-Fernstraßen errichtet. Damit konnte das Amazonasgebiet, das zuvor verkehrstechnisch lediglich über den Luftweg oder über die großen Flusssysteme mit dem Rest des Landes verbunden war, auch auf Straßen (oder was sich jedenfalls so nennt), erreicht werden. Weitere gigantische Straßenbauprojekte – teilweise mehrere tausend Kilometer lang – wurden begonnen, um das neue Territorium zu „öffnen“ und neue Entwicklungskorridore zu schaffen. Dies geschah anfangs durch staatlich gelenkte Kolonisationsprojekte entlang der neu erbauten Verkehrswege, denn insbesondere im nordöstlichen Armenhaus Brasiliens begannen sich im Laufe der Jahre die sozialen Spannungen zu verschärfen und mündeten in eine Situation, die von innenpolitischer Unruhe gekennzeichnet war. Einige Dürrejahre im Sertão im Nordosten Brasiliens verschlechterten die bereits für breite Bevölkerungsschichten unzureichenden Existenzbedingungen zusätzlich und trafen insbesondere die landlose Bevölkerung hart. Vor dem Hintergrund der deutlichen sozialen Spannungen, des zunehmenden Bevölkerungsdrucks in den alten Hauptsiedlungsgebieten, der nicht eingelösten Versprechungen einer Agrarreform und auch durch Befürchtungen, eine Art marxistisch orientierter ländlicher Guerilla könne wieder aufleben, sah sich die Regierung zum Handeln aufgefordert: "Land ohne Menschen für Menschen ohne Land" lautete der Leitspruch dieser Kolonisationsprojekte und man sah darin eine elegante Lösung, nicht nur das menschenleere Hinterland zu besiedeln, sondern auf diese Weise auch die zu häufig versprochene Landreform umgehen zu können, die man gegen die Widerstände der mächtigen Lobby der Großgrundbesitzer ohnehin nicht hätte durchsetzen können. Doch die meisten dieser ersten Kolonisationsprojekte scheiterten vor allem in Amazonien entlang der neu erbauten 2000 Kilometer langen "Transamazonica" recht kläglich aufgrund verschiedener Faktoren: Einmal war die Bodenfruchtbarkeit der tropischen Böden deutlich überschätzt und die extrem schwierigen Lebensbedingungen für die Neusiedler unterschätzt worden (z.B. mangelhafte Verkehrs- und Versorgungsinfrastruktur tropische Infektionskrankheiten), ein anderes Mal waren die Kolonisten schlecht ausgewählt, die zudem häufig ohne jegliches Eigenkapital oder Zugang zu Kapital aus fremden Regionen zugewandert waren und ohne Hilfestellung in der neuen ungewohnten tropischen Umgebung langfristig nicht zurechtkommen konnten.
Aus den negativen Erfahrungen im Hinblick auf die ersten Besiedlungsversuche in Amazonien resultierte die Erkenntnis, dass "landwirtschaftlicher Erfolg nur auf unternehmerischer Basis erzielt werden könne und daß es sinnlos sei, die Ländereien Amazoniens denen zu überlassen, die weder technisch noch finanziell in der Lage sind, sie zu explorieren" (Landwirtschaftsminister Paulinelli 1974). Es kam zu einem Schwenk in der brasilianischen Erschließungspolitik, weg von den Erschließungsversuchen durch kleinbäuerliche Agrarkolonisten hin zu hoch kapitalisierten, nationalen und internationalen Investoren: Der Siegeszug u.a. des Agrobusiness in Form von riesigen Rinderfarmen zur Fleischerzeugung, Mais- und Baumwollproduzenten und vor allem der Soja konnte beginnen.

Der "Soja-Zug" fuhr bereits in den 1940er Jahren in Südbrasilien los und breitete sich von dort allmählich in den benachbarten Bundesstaaten aus, wobei der hochkapitalisierte agroindustrielle Monokulturanbau allerdings erst in den 1970er-Jahren begann. Auf dem Weg von Süden nach Norden wurde durch die fortschreitende Ausbreitung der Soja-Anbauflächen in immer kürzeren Zeitintervallen der größte Teil der zentralbrasilianischen Savanne mit Cerrado-Vegetation zerstört. Diese Fläche ist inzwischen mehr als 6 mal so groß wie Deutschland. Mittlerweile reicht die Soja-Monokultur weit in die Bundesstaaten Minas Gerais, Bahis, Goias, Mato Grosso do Sul, Mato Grosso, ja sogar in den Urwald des Amazonas hinein. Überall dort, wo bereits ansässige Menschen dem Soja im Wege waren, mussten sie weichen, zur Not auch mit Gewalt. Und der Lebensraum der in der Mitte des 20. Jahrhunderts noch im Cerrado lebenden etwa 50 indigene Gruppen wurde auf immer kleinere Rückzugs-Reservate beschnitten. In einer Studie zur Ausbreitung des agroindustriellen Soja-Anbaus wird darauf verwiesen, dass "die agroindustrielle Erschließung des Cerrado auch von internationaler Seite her angetrieben wurde - [ein Prozeß, der sich heute in Zeiten von Nullzinsen durch Land- und Agrarspekulation noch verschärft hat]. Aufgrund der durch verschiedene Faktoren wie Missernten in der Sowjetunion, der Öl-Krise und der drastischen Verteuerung der Agrarproduktion begann Japan, Agrarprojekte jenseits der Landesgrenzen zu fördern und investierte auch in die Sojaproduktion im brasilianischen Cerrado. Mit Beteiligungen von staatlichem und privatem Kapital aus beiden Ländern wurde 1979 ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet. Das Projekt hatte einen massiven Anteil am Vordringen der Monokulturen gen Norden und legte durch den Ausbau von Exportkorridoren, fortschreitender Mechanisierung und Züchtung von Hochleistungssorten gewissermaßen den Grundstein für das heutige Land-Grabbing."

Um sich die beschriebene Entwicklung plastisch vor Augen zu führen, füge ich an dieser Stelle mal eine Sequenz von Satellitenaufnahmen ein, die im Zeitraffer die Zerstörung der Cerrado-Vegetation in Mato Grosso von 1984-2016 zeigen (Ausschnitt: Von Cuiaba 1000 km nach Norden). Diese "Inwert-Setzung" der Region erfolgte zu großen Teilen durch die Ausbreitung des Agrosbusiness (Soja, Mais Viehzucht), zu einem geringeren Teil durch private Agrarkolonisation vornehmlich von europäisch-stämmigen Menschen aus Südbrasilien.

Bevor ich an dieser Stelle weiter doziere, muss ich allerdings zunächst einmal die banale Frage stellen: Worüber reden wir hier eigentlich ? Was soll ich mir unter agro-industriellen Soja-Monokulturen vorstellen ? Ein paar selbst geschossene Fotos sind ja nett, aber visuell viel eindrücklicher wird die ganze Thematik, wenn man eine Drohne steigen lässt. Und wenn das dann noch von einem agroindustriellen Produzenten namen "Bom Futura" in Form eines selbstdarstellenden Werbefilms erfolgt - professionell mit der geeigneten Musik untermalt, dann kann man sich der schaurig-schönen Magie der Bilder kaum entziehen und fragt sich unwillkürlich, ob irgendwann in der nahen Zukunft der halbe Erdball dort, wo geeignete ebene Flächen vorhanden sind, so aussehen könnte ?

Wie sieht denn nun der heutige Ist-Zustand aus ?

1. Heute werden drei Viertel der weltweiten Sojaproduktion auf dem amerikanischen Kontinent hergestellt. Die größten Produzenten sind die USA, Brasilien, Argentinien, China, Indien und Paraguay. Allein Brasilien ist für ein Viertel der weltweiten Sojaproduktion verantwortlich.
2. Der so genannte Sojagürtel Südamerikas umfasst inzwischen erhebliche Teile von Brasilien, reicht auch in die Nachbarländer Argentinien, Paraguay, Bolivien und Uruguay hinein. Ein Ende des Booms ist nicht in Sicht und zahlreiche lokale und internationale Akteure beteiligen sich an der stetigen Ausweitung der Soja-Anbaugebiete, in letzter Zeit noch verstärkt durch die verzweifelte Suche großer internationaler Player auf der Suche nach Rendite in einer zinslosen Zeit (Boden - und Agrarspekulation).
3. Das Hauptanbaugebiet von Soja in Brasilien ist heute Mato Grosso. Wurde in dem dünn besiedelten Bundesstaat 1970 die erste Sojaernte auf 12 Hektar eingefahren, so sind es heute über sechs Millionen Hektar. Wie weit der Cerrado bereits zerstört ist, kann nur geschätzt werden, man geht von 50 bis 80 Prozent aus.
4. Die Sojafront breitet sich durch die nicht zu stillende weltweite Nachfrage auch in unseren Tagen weiter aus und erfasst inzwischen auch die noch intakten Gebiete des Cerrado in den nördlichen Bundesstaaten Maranhao, Piauí und Bahia sowie die Region des Amazonas-Regenwaldes - sowohl direkt als auch indirekt. Gerade auch die indirekte "Umwandlung" des Naturraumes durch die Soja ist dabei nicht zu vernachlässigen, wenn etwa Rinderfarmer ihre Rinderfarmen und Weideflächen aufgrund der Verdrängung durch die Soja in die Amazonas-Region verlegen und damit der weiteren Rodung von Wald Vorschub leisten.
4. Von dem Geschäft rund um die Soja profitieren fast ausschließlich Großunternehmen. Während der Sojaanbau vor Ort oft vom lokalen Agrobusiness und so genannten Sojakönigen betrieben wird, kontrollieren in der Gesamtheit internationale Großkonzerne den Großteil des Geschäfts.
5. Die Konzerne, die in der Regel genmanipuliertes Saatgut verkaufen, sind häufig dieselben, die auch die für den erfolgreichen Anbau der Monokulturen erforderlichen Pestizide und Herbizide anbieten. Dazu zählen vor allem Firmen wie Monsanto und Syngenta. Am Einsatz von Pestiziden und Herbiziden verdienen mit Bayer und BASF auch deutsche Firmen mit, während im Markt für Landmaschinen Hersteller wie John Deere, Volvo oder Caterpillar führend sind. Der Handel von Soja auf dem internationalen Markt wird von Agrar-Großkonzernen wie Archer Daniels Midland, Cargill und Bunge kontrolliert.
6. Das meiste südamerikanische Soja geht nach China, gefolgt von der Europäischen Union. Etwa 90 Prozent der europäischen Soja-Importe sind als Futtermittel für die Tierhaltung bestimmt. Statistische Berechnungen haben ergeben, dass für die Tierproduktion in Deutschland inzwischen auf einer Fläche von der Größe Brandenburgs Soja angebaut wird.

Welche Probleme ergeben sich aus dem ungebremsten Soja-Boom ?

Ich will mich an dieser Stelle jetzt gar nicht einseitig auf eine bestimmte Seite stellen, denn zu komplex ist die Problematik, als dass man sie pauschal mit der Verteufelung von gen-manipulierten Pflanzen oder dem Aufruf, zukünftig auf das Essen von Fleischprodukten zu verzichten, simplifizieren kann. Aber eine Fahrt durch den gewaltigen Soja-Gürtel Brasiliens löst schon ein gehöriges Maß an Unbehagen in einem aus, wenn man sieht, wie aus einer zuvor vielfältigen und intakten Naturlandschaft eine riesige Ödnis wird, in der es keinen Baum, keinen Strauch und auch keinerlei Tierwelt mehr gibt (von Menschen will ich gar nicht reden)- und zwar so weit der Blick reicht - bis zum Horizont und darüberhinaus. Und wenn man dann daran denkt, dass die Weltbevölkerung ja ungebremst weiter wächst und auch zukünftig ernährt werden will, dann mag ich mir gar nicht ausmalen, was das für Länder wie Brasilien zukünftig wohl heißen mag: Ist dann womöglich glatt die Hälfte des Landes im Besitz des Agrobusiness und wird überwiegend nur noch von Monokulturen geprägt (neben Soja gibt es ja noch weitere Monokultur-Anbauflächen riesiger Ausdehnung wie etwa Mais), während die Menschen zum Schluss nur noch zusammen gepfercht in gigantischen Mega-Städten hausen ?

Verschiedene Studien über die Folgen des großflächigen agroindustriellen Soja-Anbaus benennen u.a. folgende Problemfelder:

1. Vertreibung. Das Soja-Modell basiert ja grundsätzlich auf Monokultur und hochkapitalisierter Mechanisierung der Landwirtschaft. Der Anbau rentiert sich erst im großen Maßstab, da für gen-manipulierte Samen, Pestizide und Technik hohe Kosten anfallen. Bauern werden in dem Soja-Modell praktisch überflüssig. Für 500 Hektar Soja-Anbau reicht eine Person zur Bewirtschaftung des Landes. Die immer weiter fortschreitende Ausbreitung der Soja-Front hat permanent die erzwungene und teils offen gewaltsame Vertreibung der vorher dort lebenden ländlichen und der indigenen Bevölkerung zur Folge. Nach Schätzungen wurden durch die Soja in Brasilien bis 2007 300.000 Menschen in Rio Grande do Sul sowie 2,5 Millionen in Paraná von ihrem Land vertrieben. Im angrenzenden Argentinien verloren etwa 150.000 Familien ihren Lebensraum, in Paraguay 90.000 Familien. Aller Möglichkeiten beraubt wandert die Landbevölkerung zunächst in die Städte aus, meistens in Armenviertel.

2. Gesundheitliche Folgen. In der Regel findet der Sojaanbau in Direktsaat statt. Bei dieser Methode wird der Boden kaum umgepflügt, wodurch ein hoher Pestizideinsatz erforderlich wird. Der Einsatz von Pestiziden und Herbiziden, der fest zum Soja-Modell dazu gehört, hat erwiesenermaßen oft schlimme Konsequenzen. Menschen, die in unmittelbarer Nähe von Sojafeldern leben, sind akuten Gesundheitsgefährdungen ausgesetzt. Als Folgen des flächendeckenden Pestizideinsatzes sind unter anderem Erbrechen, Durchfall, Allergien, Krebsleiden sowie Missbildungen dokumentiert. Durch die Verschmutzung von Flüssen sind auch Menschen, die nicht direkt neben einem Sojafeld, aber flussabwärts leben, von den Folgen des Soja-Anbaus betroffen. Der Einsatz von Herbiziden ist seit der Einführung von Gen-Soja drastisch gestiegen. Wurde bei dem konventionellen Soja zuvor gut ein Liter Glyphosat pro Hektar verwendet, sind es nun bis zu über 20 Liter.

3. Auswirkung auf Natur und Klima. Durch den fortschreitenden Soja-Anbau in der agroindustriellen Form geht eindeutig die Artenvielfalt an Pflanzen zurück und werden große Waldflächen bzw. die Ursprungs-Vegetation vernichtet. Mindestens 21 Millionen Hektar Wald in Brasilien, 14 Millionen Hektar in Argentinien und je zwei Millionen Hektar in Paraguay und Bolivien wurden bereits abgeholzt, um Sojafelder anzulegen. Durch das Vorrücken der Soja-Front in den brasilianischen Amazonas-Regenwald, ist eindeutig der Lebensraum von Hunderttausenden von Flussanwohnern, Kleinbauernfamilien und Indigenen bedroht. Inwieweit sich durch die Zerstörung des Amazonaswaldes die globale Erderwärmung verstärkt, gilt allerdings als umstritten.

4. Verlust der Ernährungssouveränität. Die Möglichkeit, lokal frei und selbstbestimmt darüber zu entscheiden, welche Lebensmittel angebaut werden sollen, rückt durch den Soja-Anbau in weite Ferne. Der kleinbäuerliche Lebensraum, die Strukturen des ländlichen Lebens werden nach und nach zerstört. Die Produktion von Grund- bzw. Hauptnahrungsmitteln wie Reis, Bohnen oder Mais geht zurück. Durch den Soja-Anbau geht außerdem fruchtbares Land verloren, da die Böden einer erhöhten Erosion ausgesetzt sind.

5. Vieles spricht dafür, dass die Nachfrage nach Soja auch in Zukunft weiter steigen wird und sich dadurch die weitere Ausbreitung des Soja weiter intensivieren wird. Zum einen nimmt der weltweite Fleischkonsum und damit die Nachfrage nach Futtermitteln stetig zu, weil u.a. die wachsenden Mittelschichten in China und Indien ihre Ernährungsgewohnheiten ändern. Zum anderen stieg in den letzten Jahren die Nachfrage nach Biokraftstoffen, die auch aus Soja hergestellt werden können. Da viele Länder verbindliche Beimischungsquoten rechtlich fixiert haben, entsteht ein sicherer Markt für die Produzenten von Kraftstoffen aus agroindustrieller Produktion.

6. Internationale Investoren auf der Suche nach rentablen Anlagemöglichkeiten befördern in den letzten Jahren zusätzlich den agroindustriellen Vormarsch, indem sie Land oder Anteile am lukrativen Agrobusiness erwerben.. Zahlreiche neue Firmen und Investmentfonds entstehen mit dem einzigen Ziel, Geld mit Soja zu verdienen. Und die Grenzen sind aus Sicht von Regierungen und Investoren noch lange nicht erreicht. Leider ist bei der fortschreitenden Ausbreitung des Agrobusiness auch viel Lug und Betrug im Spiel: Da arbeiten korrupte Politiker und zwielichtige Landaufkäufer Hand in Hand, da werden Landtitel gefäscht, da wird illegal gerodet um Fakten zu schaffen, da werden schließlich auch Menschen umgebracht, wenn sie dem ökonomischen "Fortschritt" im Wege stehen.

Dies hier ist ja nur eine kleine Kolumne und keine wissenschaftliche Arbeit. Ich habe mich in diesem bescheidenen Rahmen bemüht, Euch eine kleinen Eindruck darüber zu verschaffen, was agroindustrieller Soja-Anbau bedeutet und wie das mit eigenen Augen tatsächlich in der Realität aussieht. Neben den aufgeführten negativen Aspekten des Soja-Anbaus in Brasilien , will ich zum Schluss aus Gründen der Ausgewogenheit nun noch die Gegenseite zu Wort kommen lassen. Die Firma Bayer betreibt eine offizielle Internet-Seite, auf der sie ihr Engagement im Soja-Business als Erfolgsgeschichte vermarktet. Unter dem Schlagwort "Crop-Science - Science for a better life" schreibt Bayer unter anderem:

"Der Sojaanbau hat der brasilianischen Landwirtschaft in den vergangenen Jahren ein rasantes Wachstum beschert. Gleichzeitig entwickelt sich der Agrarsektor des Landes zu einem der nachhaltigsten der Welt."

Naturgemäß gibt es aus Sicht der Firma Bayer nur positive Aspekte bei ihrem Soja-Engagement. Während etwa Kritiker gerade bei der o.g. Direktsaat die negativen gesundheitlichen Folgen für Mensch und Tier durch den notwendigen hohen Einsatz von Pestiziden betonen, heißt es bei Bayer:

"Die Direktsaat zählt zu den effektivsten und nachhaltigsten Ackerbaumethoden der heutigen Zeit. Sie beruht auf drei Grundprinzipien: Vor der Saat wird nicht gepflügt, der Boden bleibt mit Ernterückständen bedeckt, und es werden regelmäßige Fruchtfolgen eingesetzt. Diese Methode bietet zahlreiche Vorteile: „Die Direktsaat minimiert die Bodenerosion, erhält durch die Anreicherung von organischem Material die Bodeneigenschaften und reduziert in erheblichem Maße die Energie- und Produktionskosten“, sagt de Lima. Die brasilianischen Landwirte können dadurch zwei Mal im Jahr ernten, indem sie direkt nach der Sojaernte Mais, Weizen oder Baumwolle säen [...]Technologien wie die von Bayer und Initiativen unter Leitung des EMBRAPA machen Brasilien zu einem der nachhaltigsten Produzenten von Nahrungs- und Futtermitteln weltweit. Und das ist auch dringend notwendig: Sowohl die OECD als auch die FAO sehen Brasilien nach wie vor als eine der wichtigsten Stützen für die globale Ernährungssicherung. „In den vergangenen 40 Jahren sind wir einer der größten Produzenten und Exporteure für Agrargüter geworden. Wir müssen jetzt nach Lösungen suchen, mit denen wir die Nahrungsmittelproduktion nachhaltig steigern können“, stellt Divânia de Lima mit Blick auf die Zukunft fest."

Hier ist der Link zur hochinteressanten Netz-Seite von Bayer:
====>>>Der Soja-Anbau in Brasilien aus der Sicht eines globalen Players: Bayer

Was haben wir neben Soja und agroindustrieller Monokultur-Landwirtschaft auf unserer Fahrt durch Mato Grosso sonst noch Berichtenswertes erlebt ?

Ich stelle fest: Mato Grosso Ist der grösste Bundesstaat des brasilianischen Mittelwestens und mit über 906.000 qkm auch der drittgrösste Bundesstaat Brasiliens (dreimal so groß wie Deutschland) – er hat aber nur etwa 3,2 Millionen Einwohner, wovon gut 1 Million allein im Großraum der Hauptstadt Cuiabá leben, während der Rest des Landes mit 2-3 Einwohner pro qkm nur sehr dünn besiedelt ist. Aufgrund seiner Größe liegt der Bundesstaat im Bereich von gleich drei unterschiedlichen Ökosystemen. Es sind dies von Süden nach Norden:

a) das Pantanal (10%), eines der weltweit größten Feuchtgebiete mit einer sehr großen und Artenreichen Tier- und Pflanzenwelt und flächenmässig fast so groß wie die ehemalige Bundesrepublik Deutschland.

b) die Savannen-Vegetation des Cerrado (40%), von der nur noch wenig übrig ist. Sein Relief präsentiert im mittleren Teil, dem so genannten „Planalto de Mato Grosso“ eine durch Tafelgebirge besetzte Hochebene (400 – 800 m), die im Süden von der Pantanal-Tiefebene umgeben und im Norden in das Amazonas-Becken übergeht.

c) der Amazonas-Regenwald ganz im Norden (50%)

d) Im Nordosten , schon im Übergangsgebiet zwischen Cerrado und Regenwald, befindet sich der "Parque Indigena do Xingú" ein Nationalpark und großes Schutzgebiet für 17 verschiedene indigene Bevölkerungsgruppen.

Da wir ja schon mehrere Male in Mato Grosso waren, hatten wir uns für diese Reise ganz die "Soja" als "Projekt auserkoren und in den Mittelpunkt gestellt. Die "touristisch bedeutsamen Punkte" lassen sich deshalb schnell abhandeln. Ein eindeutiger Höhepunkt ist immer wieder eine Fahrt in die "Chapada dos Guimares" nördlich der Hauptstadt Cuiaba, eine wunderschöne Cerrado-Landschaft mit Tafelbergen, unzähligen Wasserfällen, Höhlen, archäologischen Fundstätten und einer typischen Cerrado-Flora und Fauna. Eindrucksvoll gestaltet sich der Ausblick von der 1000 Meter hoch gelegenen Abbruchkantes des Tafellandes auf die Randbereiche der Pantanal-Ebene. Dieser Punkt bildet zugleich den geodätischen Mess-Mittelpunkt Südamerikas - hier liegt der "Ground Zero" des Kontinents.


Blick vom "Ground Zero" Südamerikas auf die Ebenen des nördlichen Pantanal


Die anschließende Fahrt vom Hochland runter ins Tiefland führt durch die Hauptstadt Cuiaba, die "heißeste Stadt" in Brasilien mit sommerlichen "Durchschnittstemperaturen" von 35 Grad. Es ist eine schmucklose, wenig inspirierende Stadt mit der obligatorischen US-amerikanisierten Hochhaus-Skyline. Kaum ist man rein gefahren, ist man froh, bald wieder draußen zu sein. Und in den Randbereichen der Stadt sieht man entweder Favela-ähnliche Viertel oder den festungsartigen Ausbau geschlossenener und überwachter Wohnviertel. Zumindest als durchreisender Tourist empfindet man die offizielle Selbstdarstellung der Stadt im oben verlinkten Video doch sehr "schön gefärbt". Und überhaupt: Wo kommt eigentlich das gewaltige Bevölkerungswachstum der Stadt in den letzten 50 Jahren her, wo doch die agroindustrielle Landwirtschaft die Menschen eher verdrängt hat. Na - zum einen ist es genau dieser verdrängte Teil der vormaligen Landbevölkerung, der als Treibgut nun in den Städten gelandet ist, zum anderen darf man die Sogwirkung nicht unterschätzen, die eine boomende Agroindustrie für Handel und Gewerbe bedeutet - das zieht neue Menschen aus anderen Regionen an. Schließlich gab es gerade in Mato Grosso neben der Ausbreitung der Agroindustrie in den letzten Jahrzehnten auch etliche privat organisierte Kolonisationsprojekte: Private Firmen - angelockt durch staatlich garantierte günstige Kredite und niedrige Bodenpreise - kauften in großem Stil Land vom Staat, um es anschließend scheibchenweise an private Agrar-Kolonisten zu verkaufen. Auf diese Weise siedelten sich in den letzten Jahrzehnten gerade entlang der neu gebauten Verkehrswege viele europäisch-stämmige Menschen aus Südbrasilien an, die zugleich neue Landstädte als Versorgungszentren schufen.


Foto oben: Blick auf die Skyline von Cuiaba
Foto unten: Nein, das sind keine Gefängnismauern, sondern das ist der "kapitalistische" Schutzwall der Vermögenden gegen die böse Außenwelt

Bereits im Jahr 2012 haben wir einen dieser oben beschriebenen neu erbauten Verkehrswege, der zum Korridor der "Inwertsetzung" wurde, einmal in kompletter Länge befahren: Es handelt sich um die Bundesstraße 163, die sogenannte "Straße" des Soja, die von Cuiaba schnurgerade nach Norden fast 2000 Kilometer bis zum Amazonas bei Santarem führt. Diesmal fuhren wir nur ein kleines Stück auf dieser Straße, bevor wir dann Richtung Nordwesten abbogen. Damals notierte ich über diese Fahrt in unser Tagebuch:

"Von Cuiaba aus starten wir Richtung Nord. Es geht durch den nördlichen Teil des Bundesstaates Mato Grosso. Zunächst liegen 1000 km Asphalt vor uns. Die Fahrt gleicht einer Zustandsbeschreibung der wirtschaftlichen „In-Wertsetzung“ des riesigen brasilianischen Binnenlandes (andere „böse“ Zungen wurden statt dessen den Begriff Umweltzerstörung verwenden). Wir durchqueren den gigantischen „Sojagürtel“ Brasiliens. Wo noch vor wenigen Jahrzehnten menschenleere Savannen und Wälder das Landschaftsbild beherrschten, erstrecken sich heute nahezu auf der kompletten Länge der Route riesige Monokulturen bis zum Horizont: Agro-Industrie in Vollendung. An den Straßenrändern immer wieder Werbetafeln mit Hinweisen auf die Pflanzen, die hier vornehmlich eingesetzt werden: Gen-manipulierte Soja-, Mais-und Reissorten, dazu etwas Baumwolle. Der LKW-Verkehr ist enorm, eine so hohe Dichte haben wir bisher noch nicht erlebt. Bis Tief in die Nacht rollt Truck an Truck an uns vorbei. An den hochgeklappten Zusatzachsen erkennt man, dass die Fahrzeuge leer Richtung Norden fahren, um von dort die Erzeugnisse der Agroindustrie aus den sehr grossen Sammelstellen abzuholen, deren hohe Silos und Lagerhallen wie moderne Kathedralen die wenigen Ortschaften schon von weitem ankünden. Die wenigen grösseren Orte an der Strecke sind junge Städte, die aber schon längst dem Pionierstadium entwachsen sind: Planmässig im Rahmen privat finanzierter Kolonisationsunternehmungen angelegt und mit einer funkelnagelneuen Architektur sind alte Häuser Fehlanzeige. Es gibt wirklich alles zu kaufen und die vielen schweren Pickup-Geländewagen zeugen vom Wohlstand der Region. Dieser Wohlstand zeigt sich auch am Preis der Flasche Bier, die wir abends in einer Straßenbar geniessen. Sie ist so teuer wie in besten Strandlagen an der Küste. In einem Geschäft erzählt uns der deutschsprachige Besitzer, dass all diese Orte nicht älter als 40 Jahre sind und von vielen europäisch-stämmigen Südbrasilianern besiedelt wurden. Dieses Phänomen begegnet uns immer wieder: Die „landwirtschaftliche Erschließung“ des unerschlossenen Amazonastieflandes mit Monokulturanbau wird neben dem industriellen Agrobusiness in großem Maße auch von wohlhabenden europäisch-stämmigen Südbrasilianern vorangetrieben. Kamen die Vorfahren einst als Hungerschlucker aus den übervölkerten Krisenregionen Europas nach Südbrasilien, um sich dort eine neue Existenz aufbauen, schicken sich die Enkel heute an, die arme und vielfach noch wenig erschlossene Amazonasregion zu erobern, wobei die Natur allerdings zumeist auf der Strecke bleibt.
Nach 4 Tagen haben wir die 1000 km Asphalt bewältigt. Mit dem Wechsel in den nördlich angrenzenden Bundesstaat Para ändert sich nicht nur der Straßenbelag und Ausbauzustand der Straße, auch das Landschaftsbild recht und links der Straße ändert sich. Es folgt der allmähliche Übergang von intensiver agroindustrieller Landwirtschaft zu extensiver Viehwirtschaft. Auf einer wirklich schlimmen Piste quälen wir uns weitere 700 Kilometer voran. Tiefe Löcher und enorme Staubmehlmassen machen das Fahren zur Qual. Die ersten knapp 100 km sind recht ursprünglich, denn links der Piste hat das brasilianische Militär eine riesige Zone Wald für sich requieriert – Sperrgebiet und damit unversehrte Waldzone . Doch dann schlägt das brasilianische Bemühen eine „Kulturlandschaft“ zu schaffen wieder gnadenlos zu: Die nächsten 300 Kilometer sind das Land großer Viehfazenden. Der Wald ist bis zum Horizont gerodet, trostlos ragen ein paar unversehrte und endlos viele abgestorbene ehemalige Urwaldriesen aus den Rodungsflächen, Was anfangs im Bereich der Berge der Serra do Cachimba noch durchaus ihren Reiz hat, denn nur durch die Rodungen sieht man, dass die hügelige Landschaft mit riesigen Granitfelsen übersät ist, wird mit jedem weiteren Kilometer immer frustrierender. Es ist einfach ein unschöner Anblick und sieht schlicht unästhetisch aus."


auf der Straße des Soja - es beginnt mit Viehwirtschaft und Weideflächen...


und mündet in Soja über hunderte von Kilometern



oben: Ein Soja-Truck folgt auf den anderen auf der BR163...Tag und Nacht
unten: die einzigen "Erhebungen" amHorizont, schon von Weitem sichtbar: die modernen Kathedralen des Agrobusiness


hinter der Grenze in Para: ehemaliger Regenwald wird zu Weideland "kultiviert"


die Städte im Soja-Gürtel - nicht älter als 40 Jahre, rein funktionale Versorgungszentren, modern, aber ohne Flair


man reibt sich die Augen bei dem Angebot : stellt man sich so das Leben in der Amazonasregion vor ?


"Kolonisten" am Abend: Wochenendstimmung an der Plaza in Tangara da Serra

Zwei Aspekte, die einem bei einer Fahrt durch den Soja-Gürtel Mato Grossos auch immer wieder auffallen, möchte ich zum Schluss noch ansprechen:
Da sind die Camps von Menschen ohne Land, die rechts und links auf dem schmalen Grünstreifen zwischen Straße und privatem Acker-bzw. Weideland gestrandet sind und dort unter ärmlichen Verhältnissen ihr Leben fristen. Man muss sich die Zahlen mal zu Gemüte führen: Während 50% des brasilianischen Grundbesitzes auf ganze 26000 Großgrundbeitzer fällt (bzw. 10% der Bevölkerung gehören 80% des Landes), gelten an die 5 Millionen Familien als "landlos", womit Bauern, Bauernfamilien und Landarbeiter gemeint sind, die keinen eigenen Grundbesitz haben, sondern ausschließlich auf gepachtetem Land arbeiten. Viele haben sich im Verlauf ihres Lebens durch den notwendigen Ankauf von Saatgut und Maschinen hoch verschuldet, andere haben durch die Mechanisierung der agroindustriellen Landwirtschaft ihre Arbeit verloren. Sie sehen sich als Verlierer der Modernisierung und wandern entweder in die Favelas der Großstädte ab oder fristen in erbärmlichen Camps längs der Straßen ihr Leben - zumeist unorganisiert oder auch organisiert unter dem Dach der MST, der Landlosen-Organisation (Movimento dos sem Terra), die seit Jahrzehnten vergeblich für eine Landreform kämpft. Auf der anderen Seite der Waage der Ungerechtigkeit stehen solche Personen wie der Ex-Governeur von Mato Grosso und heutige Landwirtschaftsminister, Blairo Maggi, der als Soja-König Brasiliens gilt und von Greenpeace für seine rücksichtslose Vernichtung der natürlichen Vegetation und seiner Weigerung, die Landrechte von indigenen Gruppen anzuerkennen, den zweifelhaften Titel "goldene Kettensäge" verliehen bekam. Sein Aufstieg im Soja-Business begann 1979, als sich die Familie Maggi 2.400 Hektar Land sicherte, 2005 besaß sie über ihr Unternehmen "Grupo Maggi" bereits über 135.000 ha und hatte mehr als 100.000 gepachtet, inzwischen sollen es an die 400.000 ha sein. Die linke "TAZ" widmete ihm vor einiger Zeit einen Artikel, in dem sie schrieb:

Blairo Maggi verkörpert auch wie kein anderer die politische Macht des Agrobusiness in Brasilien. In seiner Person vermischt sich eine beispiellose wirtschaftliche Macht mit einem politischen Amt. Aber die Macht des Agrobusiness ist in Brasilien kaum noch an eine bestimmte Regierung gebunden. Maggi hatte auch die vorangegangenen Regierungen (von Luiz Inácio Lula da Silva und Dilma Rousseff) unterstützt und war durchaus zufrieden mit deren Agrarpolitik. Noch 2014 sprach er sich für die Wiederwahl von Dilma Rousseff zur Präsidentin aus, um dann 2016 das umstrittene Impeachment-Verfahren gegen sie zu unterstützen. So lobte er vor kurzem die brasilianische Landwirtschaft als „die nachhaltigste der Welt“, um im gleichen Atemzug Amazoniens Schutzgesetzgebung als großes Hindernis für die landwirtschaftliche Entwicklung zu kritisieren.


oben: unorganisierte Landlose hausen neben der Straße
unten: organisiertes Camp der Landlosenbewegung MST

Der andere Aspekt, der aufällt: Wirklich intakte Naturlandschaft mit großen Wäldern bzw. weitgehend intakter ursprünglicher Vegetation gibt es außerhalb des Amazonas-Regenwaldes abgesehen von National- und Naturparks sowie von Gegenden mit ausgeprägtem Relief nur noch dort, wo es "Terra Indigenas" gibt - ausgewiesene Schutzzonen von Indigenen Gruppen. Und das sind gar nicht mal so wenige in Mato Grosso, wie ein Blick auf die Karte beweist. Im Bundesstaat Mato Grosso sollen heute noch rund 25.000 Indianer in über vierzig unterschiedlichen Stammesverbänden leben, von denen jeder seine eigene Sprache und Kultur spricht. Sie besetzen etwa 10% des Territoriums des Bundesstaates. Die Indianerstämme Mato Grosso haben so kompliziert klingende Namen wie Apiaká, Kayabi, Munduruku, Arara, Xavante, Cinta Larga, Bakairi, Paresi, Kayapó, Enauenê, Nauê, Mynky, Bororo, Nambikwara, Aweti, Juruna, Kalapalo, Kamayurá, Kuikuro, Matipu, Nahukwá, Mehinako, Suyá, Tapayuna, Trumái, Txicão, Waurá, Yawalapiti, Ikpeng, Yudja, Rikbaktsa, Irantxe, Panará, Karajá, Surui, Tapirapé, Terena, Umutina, Zoró, Guató und die Chiquitanos. Etliche Straßen führen an den Rändern solcher Indianer-Territorien entlang und wo sie dieses Territorium sogar queren, haben die Indios sich zumeist von der Regierung das Recht erstritten, eine Straßenmaut für die Fahrt durch ihr Territorium zu verlangen. Ansonsten gilt: Das Betreten indigenen Landes ist ohne Genehmigung der staatlichen Indianerbehörde "Funai" strikt untersagt, denn die Indianer werden von den brasilianischen Behörden nicht als eine “touristische Attraktion“ angesehen, deshalb ist eine entsprechende Besuchserlaubnis für ein Indianerterritorium auch kaum zu bekommen. Gerade die indigenen Völker Brasiliens stehen heute unter enormem Druck durch "interessierte Interessenverbände" der Agrarlobby: Denn die indigenen Schutzzonen liegen sehr oft wie ein Riegel in Regionen, auf die das Agrobusiness ein Auge geworfen hat. Aber auch für viele normale Brasilianern ist es unverständlich, wie einzelne indigene Stämme von vielleicht 2000 Personen oder noch weniger große Gebiete von 100 Kilometer Ausdehnung nach wie vor für sich beanspruchen können und es damit der "ökonomischen Verwertung" enziehen. Und so werden Meldungen wie diese aus dem angrenzenden Bundesstaat Mato Grosso do Sul auch zukünftig an der Tagesordnung bleiben, denn die Indigenen Brasiliens stehen in den Augen vieler Brasilianer auf der untersten Stufe der sozialen Hierarchie und haben kein starke Lobby. Sie machen schließlich auch nur noch 0,2% der brasilianischen Gesamtbevölkerung aus.

===>>Indianer werden in Brasilien an den Rand gedrängt“


Grün umrandet: Terra Indigenas in Mato Grosso


Wir erreichen den Rand eines "Terra Indigenas"

oben: Betreten ohne Genehnigung strikt verboten
unten: Irgendwo in der Ferne liegen die "Aldeias", die Dörfer der Indios


oben: Durchquert eine öffentliche Straße Indianerland, geht das oft nicht ohne Straßenmaut
unten: Der Rand einer riesigen Soya-Anpflanzung grenzt direkt an ein Indianer-Territorium

Und so endet schließlich auch diese Kolumne.

Das Schlusswort aus sprachlicher Sicht ist für den schon Jahrzehnte in Brasilien lebenden Ex-Diplomat und Journalist Carl D. Goerdeler reserviert:

„Der Raubbau an der Natur, mit der Brasilien ja so reichlich gesegnet ist, hat die Brasilianer bislang wenig belastet. Traditionell galt: Ur-Natur muss weg- sie ist nur lästig, unproduktiv und sogar bedrohlich. Am Busen der Natur zu ruhen, ist geradezu pervers. Wer Umgang mit der Natur pflegt, ist geradezu zu bedauern, in der Sonne zu ackern, das ist Sklavenarbeit. Und wer die Natur liebt, beweist damit, dass er nicht einmal den primitivsten Grad der Zivilisation besitzt. Das „Unverhältnis“ vieler Brasilianer zur ungebändigten Natur drückt sich in Schreckensmärchen über die Gefahren der „Grünen Hölle“ aus. Das sind Geschichten wie aus Grimms Zeiten. Am liebsten würden diese Brasilianer mit der Natur so verfahren, wie man es im Barockzeitalter Europas getan hat – die Bäume auf Bonsai- und Buchsbaumformat zurechtstutzen und im übrigen Wege anlegen. Brasilianer haben also kein romantisches Verhältnis zur Natur wie die Deutschen. Sie sehen in ihr nicht die eigene Seele, sondern den Feind. Wer die Natur schützen will, paktiert mit dem Feind. Wo bitte gibt es denn in Europa noch ein Stück unberührte Natur? Alles Kulturlandschaft! Und die dürfen die Brasilianer nicht anlegen? Will man sie etwa als Affen auf die Bäume zwingen? Im Unterschied zu Europa, wo so gut wie keine Ursprungsvegetation mehr geblieben ist, hat sich in Brasilien jedoch keineswegs überall eine neue Kulturlandschaft gebildet, sondern oft eine Halbwüste. Das liegt unter anderem an der Ausplünderung der ehemaligen Kolonie, den mageren Böden, der nicht angepassten Agrartechnik und der fehlenden bäuerlichen Tradition."

Das Schlusswort sei den Indigenas aus Mato Grosso gegönnt - einmal aus visueller Sicht:

und einmal aus musikalischer Sicht:

Mein persönliches Schlusswort lautet: Uns hat diese "neue Art" der Reisegestaltung, auch dahin zu fahren, wo es vermeintlich gar nichts zu sehen gibt und dort sogar ganz genau hinzuschauen, ungemein motiviert, weil wir dadurch sehr viel über Land und Leute, Wirtschaft und Politik lernen und somit ein sehr umfassendes Bild über das bereiste Land bekommen.
Interessant ist dagegen die Reaktion anderer Reisender, wenn wir Ihnen von einer solchen Reise wie der durchs Soja erzählen oder ihnen Fotos zeigen. Sie wenden sich dann zumeist entsetzt mit den Worten ab: "Oh Gott, was sollen wir denn da, das ist das furchtbar. Da müssen wir jetzt aber nicht hin!" So reisen viele Traveller letztlich mit Scheuklappen durch die Welt, klappern die angesagten" touristischen Highlights ab, die man unbdingt gesehen haben muss und verstehen eigentlich am Schluss nur wenig bis gar nichts von dem, was sie da gesehen haben. Die Hardcore-Fälle sind dann die, die in Nordchile keinen blassen Schimmer davon haben, dass sie in einem Hochrisikogebiet für Erdbeben reisen, die in den Anden noch nie was davon gehört haben, dass es eine West- und Ostkordillere der Anden gibt, obwohl sie darüber fahren mussten oder ganz extrem diejenigen, die sich blind auf ihr Navi verlassen und denen somit völlig der räumliche Überblick abhanden gekommen ist: Raum ist immer nur da, was das Display gerade anzeigt. Schöne neue Reisewelt!!

Und damit ist Schluss!!

 

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The same procedure as last Year, Miss Sophie ?


The same procedure as last Year, Miss Sophie ? The same procedure as every Year, James

Und schon wieder ist der Zeitpunkt gekommen, wo clevere Zeitungsredakteure bzw. -Journalisten ihre bereits vorgefertigen und in der Schublade harrenden Weihnachts- und Silvesterbotschaften in die Welt senden. The same procedure as last Year, Miss Sophie ? The same procedure as every Year, James. Nun gut, dann will auch ich mich diesem Brauch nicht verschließen und wünsche deshalb den Forumsmitgliedern, den Kolumnisten und dem "Jefe", ähh "Patron" ein paar schöne Weihnachtstage und einen guten Start ins neue Jahr. Für uns finden die Weihnachtstage ja wieder auf der Südhalbkugel der Erde statt, wo künstliche Schnee- und verkleidete Weihnachtsmänner sowie schlittenziehende Rentiere in Verbindung mit sommerlich gekleideten, Eiscreme lutschenden und eiskaltes Bier trinkenden Menschen in mir ja stets eine etwas sonderbare Weihnachtsstimmung auslösen. Aber bei 28 Grad und Sonne satt gefällt mir die Weihnachtszeit hier natürlich trotzdem wesentlich besser als im nasskalten Deutschland.

Wie war das Jahr 2017 für mich ?

Aus gesundheitlicher Sicht war es trotz einer beunruhigenden mehrwöchigen Phase im Frühjahr in Deutschland insgesamt zufriedenstellend. Grössere Einschlage sind ausgeblieben, die kleinen Wehwehchen lassen sich verschmerzen. Mit 63 Lenzen wird einem die eigene Vergänglichkeit natürlich viel bewusster als noch mit 40, als mich das Leben eines über 60jährigen mit Verlaub herzlich wenig interessiert hat. Das ist jetzt anders und ich bin ehrlich gesagt für jeden Tag dankbar, an dem ich morgens aufstehe und mich sauwohl fühle - erst danach kommen die anderen Wünsche und Pläne, die mich umtreiben. Wie schnell das Leben von heute auf morgen komplett auf den Kopf gestellt werden kann, musste ich erst vor ein paar Tagen erfahren, als eine gute Freundin mir in einer Email mitteilte: " Vor einigen Wochen musste meine Schwester (50) urplötzlich erfahren, dass sie bald dem Krebsleiden erliegen wird, Lunge und Metastasen im Kopf…Dabei ist sie nur wegen unklarer andauernder Beschwerden vorsichtshalber mal zum Arzt gegangen. In 10 Tagen ist schon eine große Verschlechterung zu sehen, zu spüren und man steht machtlos daneben und kann nichts tun. Es ist nicht zu begreifen, soviel wurde/wird erfunden, gebastelt, sinnlose Dinge die keiner braucht, aber beim Krebs finden sie nichts."

Gerade aufgrund solcher Ereignisse betrachte ich auch stets die ganzen Finanzkonzepte sehr skeptisch, die einen jahrzehntelangen Weg zur finanziellen Unabhängigkeit konzipieren. Alles schön und gut und super, wenn solche Pläne am Ende aufgehen. Aber wenn diese Pläne mit dem Preis eines weitgehenden "Verzichts " auf Alles und Jedes bezahlt werden sollen und dazu führen, dass man vieles, was man sich fürs Leben wünscht, auf einen Tag in der fernen Zukunft verschiebt, wenn man dann endlich finanziell unabhängig ist, dann werd ich immer sehr hellhörig. Denn das wirkliche Leben findet heute statt und nicht morgen oder übermorgen. Sehr schön hat das der russische Schriftsteller Michail Bulgakow mal in einem Roman beschrieben, als er den Teufel höchstpersönlich quasi inkognito nach Moskau kommen lässt, um dort den atheistischen Vorsizenden eines Schriftstellerverbandes (der natürlich weder an Gott noch Teufel glaubt und meint, die Geschicke der Welt würden ausschließlich vom Menschen bestimmt) in ein Gespräch zu verwickeln, in dessen Verlauf er bemerkt:

"Bei allem Respekt –, entgegnete sanft der Unbekannte, – doch um irgendetwas lenken zu können, brauchte man, meines Erachtens, einen klaren Plan für eine halbwegs vernünftige Frist. Also gestatten Sie mir die Frage, wie der Mensch etwas lenken kann, wenn er – ganz zu schweigen von seiner Unfähigkeit, einen wie auch immer gearteten Plan für die lächerlich kurze Frist von nur, sagen wir, tausend Jahren zu erstellen – nicht in der Lage ist, seinen eigenen morgigen Tag im Voraus zu verwalten? Im Ernst –, jetzt wandte der Fremde sich Berlioz zu, – Sie fangen schon morgen an, sich und andere zu lenken und anzuleiten, kommen sozusagen gerade langsam in Fahrt und haben auf einmal … hehe … ein Lungensarkom … –, hierbei musste der Ausländer genießerisch lächeln, als löse allein der Gedanke an ein Lungensarkom in ihm pure Freude aus, – ja, ein Sarkom –, ließ er sich das klangvolle Wort wiederholt auf der Zunge zergehen und kniff wie ein Kater die Augen zusammen, – und da hat Ihr Lenken ein Ende! Das Schicksal der anderen interessiert Sie nicht mehr, nur noch das eigene. Die Angehörigen sind auf einmal unehrlich zu Ihnen. Schon fühlen Sie: Es ist etwas im Busch – und laufen zu schlauen Ärzten, dann zu Quacksalbern, machen womöglich selbst vor Wahrsagerinnen nicht halt. Doch sie alle – die Ersten, die Zweiten wie auch die Letzten – sind natürlich vollkommen machtlos, verständlicherweise. Der Schluss von all dem ist tragisch: Eben glaubte er noch irgendetwas zu lenken, nun aber liegt er ganz starr in einer hölzernen Kiste. Und die Mitmenschen merken, er ist zu gar nichts mehr nütze und jagen ihn durch den Kamin..."(Zitat aus: Michail Bulgakow - Der Meister und Margarita)

Einmal am Ende eines Jahres aktualisiere ich ja immer unsere Vermögenssituation und stelle Depotperformance und sonstige Einnahmen und Ausgaben gegenüber. Das führt heute zu dem Ergebnis, dass wir unser Vermögen seit 2006 mehr als verdoppelt hätten, wenn wir unsere große Reise nicht angetreten und dadurch einen beträchtlichen Teil des Vermögens nicht auf der großen Reise ausgegeben hätten, sondern statt dessen meine Frau weiter Jahr für Jahr ihr Beamtengehalt bezogen hätte. Ja, dann könnten wir heute wirklich völlig finanziell unabhängig agieren, weil das liebe Geld keine entscheidende Rolle mehr spielen würde. Aber wie hätten wir 2006 wissen sollen, wie es uns heute wirklich geht ? Statt dessen haben wir damals mit 50 die Gelegenheit beim Schopf ergriffen und einen Weg gewählt, der jedem Finanzberater vermutlich die Haare hätte zu Berge stehen lassen. Und es hat sich gelohnt. Denn wenn ich nun morgen aus den Latschen kippe, so fände ich das zwar überhaupt nicht schön und lustig, aber ich würde zumindest nicht dasitzen und wehklagend ausrufen müssen: Hätte ich doch schon viel früher meine Lebensträume verwirklicht..Jetzt ist es zu spät...!"

Südamerikaner sind bei diesem Aspekt übrigens in der Mehrzahl, egal ob arm oder wohlhabend, völlig anders gestrickt als wir Mitteleuropäer. Während wir uns in Mitteleuropa immer und überall den Kopf zerbrechen übers Sparen, Zurücklegen, Planen und Vorsorgen und grundsätzlich immer meinen, viel zu wenig Zeit zu haben, zählen diese Dinge hier nur wenig. Wie heißt es so schön: "Im tropischen Klima sprießen an ein und demselben Baum sowohl die Knospen, strahlen die Blüten und fallen zugleich die Blätter ab. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wachsen also auf einem Ast. Der Zeitbegriff zerfließt. Was zählt, ist der Augenblick. "

Wie ist es mir/uns 2017 finanziell ergangen ?

Sagen wir mal so: Ich bin insgesamt zufrieden, weil das Minimalziel in Bezug aufs Vermögen: Kapitalerhalt + Inflationsausgleich + eine Schippe drauf erreicht wurde- Unter dem Strich steht eine Wertsteigerung von knapp über 5,5% aufs Gesamtvermögen (das ja keine Immoblien beinhaltet)- rechnet man die erheblichen reisebedingten Ausgaben ab, die ja laufend aus der Vermögenssubstanz bestritten werden müssen, so beträgt der Wertzuwachs noch knapp über 3,7%. Die Rechnung lautet also: Kapitalerhalt = JA, leichter Wertzuwachs trotz höherer Ausgaben als Einnahmen = JA. Also alles im Lot, zumal es ja einen zusätzlichen Vermögenszuwachs allein dadurch gibt, dass die statistische Lebenserwartung sich ja nunmehr um ein weiteres Jahr verkürzt hat.

Meine wesentlichen Erkenntnisse lauten am Ende diese Jahres:
a) kurzfristiges Traden ist endgültig passe. Ich mag nach all den Jahren nicht mehr die Zeit und Energie für das Erstellen und Befolgen von Setups aufbringen, es macht mir schlicht keinen Spaß mehr, mich da so intensiv reinzuknien. Und wenn es mich von Zeit zu Zeit dann doch noch einmal überkommt, stehen Aufwand und Ertrag logischerweise in keinem guten Verhältnis mehr zueinander. Also lass ich es jetzt ganz sein und versuche stattdessen eher, über Haris Artikel oder auch Hullahuppis Kolumnen die großen Trends zu erkennen und den wirklich schlimmen Drawdowns teilweise durch Anpassung der Höhe der Investitionsquote aus dem Weg zu gehen. Börse ist für mich jetzt nicht mehr Hauptbeschäftigung, sondern eher Hobby mit Echtgeldeinsatz geworden.
Statt dessen delegiere ich nun konsequent an wenige ausgewählte Fondsmanager. Ich war hier noch nie ein Fan von übergroßer Diversifikation (Warren Buffet: Hast du zu viele Damen in deinem Harem, wirst du keine richtig kennenlernen) und habe deshalb seit einiger Zeit ein knallhart konzentriertes Portfolio mit nur wenigen Positionen. Den Renditekick durch spekulativere Positionen erhoffe ich mir nicht mehr kurzfristig, sondern schaue hierbei jetzt etwas weiter in die Zukunft (hahaha, so gut das mit 63 noch geht). Derzeit ist es ausschließlich der Biotechsektor, den ich via der Beteiligungsgesellschaft BB Biotech abdecke, die im Vermögensdepot immerhin mit 12% gewichtet ist. Bei den Fondspositionen habe ich dieses Jahr ebenfalls die Konsequenzen gezogen und den gesamten Bestand von meinem bisherigen Fondsvermittler auf einen neuen Vermittler übertragen, der seine Bestandsprovisionen, die er von den Fondsgesellschaften erhält, zum Teil an seinen Kunden zurückzahlt. Bei mir sind das 70% der Provisionen, die an mich vierteljährlich in Cash zurückfließen. Auf diese Weise kann ich die jährlichen Fondsgebühren auf immerhin erträgliche 1,10 % reduzieren. Da ich bei Kauf- und Verkauf von Fondsanteilen ja keine Ausgabeaufschläge und auch keine Bankspesen zahlen muss sowie zudem die jährlichen Depotgebühren erstattet werden, ist die Kostenquote beim Investieren in Fonds deshalb inzwischen sehr stark gesunken und für mich persönlich völlig vernachlässigbar.
Mein größter Fehler im abgelaufenen Jahr waren übrigens keine Tradingmisserfolge, sondern der Fact, dass ich meinem langjährigen Fondsmanager Bert Flossbach und seinem Flossbach Multiple Opportunities zwischenzeitlich das Vertrauen entzogen habe, als der Fonds im Verlauf des Jahres für längere Zeit deutlich schwächelte. Nahe am Sommertiefstkurs habe ich deshalb einen Großteil meiner Anteile verkauft, um sie später zum Teil reumütig wieder zurückzukaufen, denn heute steht der Fonds wieder nur knapp unter Alltime-High. Folge der "emotionalen" Verkaufshandlung: Ein unnötig voreilig realisierter hoher Spekulationsgewinn, mit entsprechend hoher Abgeltungssteuer und vermutlich entsprechenden vom Finanzamt festgesetzten Steuervorauszahlungen fürs nächste Jahr. Darüber ärgere ich mich bis heute.
Ein weiterer Erkenntnisblitz traf mich vor wenigen Tagen, als ich auf der Festplatte meines Notebooks eine Excel-Datei mit unserem Depot- und Vermögensstand vom März 2016 fand. Diese Datei war eine Sicherungskopie, die vom System automatisch bei einem Systemabsturz erzeugt worden war. Ich hatte sie ganz vergessen. Jetzt öffnete ich sie nach dieser langen Zeit wieder, aktualisierte die Kurse der Werte im Depot auf den heutigen Stand und musste dann ernüchtert feststellen: Hätte ich seit diesem Datum im März 2016 in diesem Depot nichts mehr verändert, unsere Vermögenssubstanz wäre heute um glatte 4% höher als tatsächlich. Eine irgendwie bittere Erkenntnis, die mich aktuell doch sehr zum Nachdenken bringt..

Eine ganz andere Frage beschäftigt mich als Investor in börsennotierte Aktienunternehmen (egal ob direkt oder via ETF oder Fonds) seit der Recherche für meine Kolumne über das Verfettungsproblem in Brasilien und die negative Rolle, die große internationale Konzerne wie Nestle in diesem Zusammenhang spielen: Welches Gewicht soll ich beim Investieren auf ethisch-moralische Aspekte oder Fragen der Nachhaltigkeit legen ? Soll ich zukünftig auch weiterhin nur auf Rendite achten oder mir selbst Grenzen setzen ? Auf der aktuellen Fahrt durch Brasilien sind wir ja u.a. durch den gewaltigen Soja-Gürtel gefahren, haben beobachten können, wie sich die Soja-Kulturen ohne Rücksicht auf Verluste immer weiter ausbreiten und wir haben uns intensiv mit den Hintergründen dieses Soja-Booms beschäftigt. Jetzt findet sich in der Presse ein ganz frischer Artikel, der genau zu diesem Thema "ethisch-moralische Grenzen des Investierens" passt. Denn was da seit geraumer Zeit unter der neuen neoliberalen Regierung Brasiliens in Teilen des Landes passiert, liest sich schon schlimm genug. Wenn man dann aber lesen muss, dass dieser ganze Raubbau ohne Rücksicht auf Verluste (incl. Menschenleben) durch unsere Investorengelder erst so richtig angefacht wird, dann krieg ich ehrlich gesagt die Krise und werde fast zum radikalen Systemkritiker. Doch lest selbst; der folgende Artikel ist nur eine kurze Zusammenfassung längerer Berichte über die aktuelle Problematik:

===>>> Brasilien: Menschenrechts-Experten fordern Maßnahmen gegen Landraub <<<===

Wie heißt es doch so lapidar: "Der Markt hat immer recht"!...auch wenn er beim Renditedenken über Leichen geht und diese als Kollateralschaden in Kauf nimmt oder - fast ganauso schlimm, eigentlich gar nicht weiß in was er da investiert ??!!

Was haben wir uns für das nächste Jahr, die nächste Zukunft vorgenommen?

- Na ganz klar: Gesund bleiben, sowohl geistig wie auch körperlich
- Und da wir die aktuelle Reise wieder sehr genießen, wird unser Leben auch weiterhin ein Globetrotterleben bleiben, allerdings mit gewissen Veränderungen. Bedingt zum einen durch den recht späten Termin unserer letzten Frachtschiffreise Anfang August und die infolge Verzögerungen unterwegs überlange Seereise bis Mitte September sowie zum anderen durch unseren langen Aufenthalt in Bahia hatte sich das wetterbedingte Zeitfenster für optimales Reisen diesmal doch sehr stark geschlossen, um wirklich noch abenteuerliche Ideen stressfrei umzusetzen. Dies betraf sowohl die Amamzonasregion als auch die Andenregion des nördlichen Peru bis Kolumbien (Regenzeit). Als Konsequenz wird unser obligatorischer Deutschlandaufenthalt im Frühling 2018 diesmal deutlich kürzer ausfallen als sonst. Außerdem planen wir eine Verlegung unseres Reisestartpunkts von Buenos Aires in Argentinien in die Region nördlich von Rio de Janeiro, um einfach näher an den Zielregionen dran zu sein, die zu bereisen uns so vorschwebt. Ein kostenloser Standplatz für unser Fahrzeug ist bereits organisiert, jetzt muss allerdings der brasilianische Zoll noch mitspielen und uns das OK geben, dass wir unser Reisemobil für ein paar Monate in Brasilien stehen lassen können. Erste Gespräche mit dem Zoll vor Ort durch unsere brasilianischen Freunde waren vielversprechend, allerdings ist zur endgültigen Klärung unsere persönliche Anwesenheit erforderlich, weshalb wir uns Anfang März wieder auf den Weg nach Brasilien bzw. Rio machen werden.

Und für die Zeit ab Anfang 2019 planen wir nun tatsächlich, die brasilianische Permanencia/Daueraufenthaltsgenehmigung zu beantragen, wenn meine Frau in Frühpension geht. Denn dann ist die wichtigste formale Voraussetzung für die Erlangung dieser Permanencia für Rentner/Pensinäre erfüllt: Der Nachweis einer (wichtig) "staatlich garantierten" Rente von mindestens 6.000 Reals im Monat (aktuell etwa 1500 Euro). In Bezug auf Brasilien haben wir ja nun in den letzten 10 Jahren so alle Phasen der Sympathie/Antipathie-Gefühle durch: Angefangen von der grenzenlosen blind-naiven Euphorie über das Land, ausgelöst durch die herzerfrischend lockeren und sehr freundlichen Menschen, danach das Umkippen dieser Gefühlslage in etwas, was in der Literatur den Namen "Kulturschock" bekommen hat, wenn man anfängt, sich nur noch auf das Negative zu konzentrieren, dass man auf einmal überall wahrnimmt. Jetzt hat sich das Alles in ein nüchtern-realistisches Bild gewandelt mit der Erkenntnis: Das Land ist es auf jeden Fall wert, dass man dort länger als die maximal 3 Monate verweilt, die man sonst als normaler Tourist nur bekommt. Wir fühlen uns insgesamt in Brasilien sauwohl.

Und nun die obligatorischen Wünsche zum Abschluss

Weil es sich ja so gehört, will ich jetzt noch die Wünsche loswerden, die man in einer Weihnachts- Neujahrbotschaft ja so formuliert..

Also ich wünsche allen Mr-Market-Mitglieder, dass es Euch im nächsten Jahr gelingt, neue Höhenziele in eurem Leben zu erklimmen, dass Ihr dabei die Messlatte allerdings nicht zu hoch zu legt, sondern eher bescheiden und langsam vorgeht, auf dass Euch die Höhenkrankheit erspart bleibt


Möget Ihr im nächsten Jahr in Eurem Leben niemals ernsthaft ins Rutschen und Schlingern kommen, sondern stets festen und soliden Grund unter den Füßen haben:

Möge Euch darüber hinaus in Beruf, Ehe oder sonstigen wichtigen Dingen des Lebens der Sturz in tiefe Löcher oder gar Abgründe erspart bleiben:

Möget Ihr niemals das Gespür für den richtigen Weg verlieren, auch wenn er am Horizont kaum noch zu erkennen ist:

Möget Ihr schließlich den Mut haben, von Eurer Lebensposition aus auch ab und an mal um die nächste Ecke zu schauen und neugierig zu sein auf unbekanntes Terrain, dass noch versteckt und geheimnisvoll hinter den sieben Bergen sich den Blicken entzieht...

So sei es denn!! Ich habe fertig!!

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Tagebuch einer Kontinent-Querung Südamerikas von Ost nach West. Teil 2


Tagebuch einer Kontinentquerung Südamerikas von Ost nach West..
Teil 2: Quer durch Bahia (2)

3.Tag: 398 km, 902 km gesamt, von Ibitira nach Santa Maria da Vitoria
4.Tag: 328 km, 1230 km gesamt, von Santa Maria da Vitoria nach Sao Domingo/Bundesstaat Goias

Am dritten Tag kommt der Wetterumschwung. Mächtige Wolkenberge türmen sich spätestens am frühen Mittag am Himmel und immer wieder schüttet es zeitweise. Und wie. So schön bei gutem Wetter eine kaum durch Asfalt versiegelte Landschaft wirkt, so hässlich wirken sich in Ortschaften eine fehlende Kanalisation oder die vielen Erdstraßen aus. Und auch das Übernachten an Autopostos ist in solchen Fällen nicht unbedingt ein Vergnügen, wenn ringsherum alles in Matsch und Schlamm versinkt. Jedenfalls regnet es ab jetzt jeden Tag reichlich, zwar niemals durchgehend und auch immer wieder von Sonne unterbrochen, aber die vielen lokalen Regenfronten, die sich ringsherum am Horizont abzeichnen, machen uns sehr skeptisch, was irgendwelche längeren Offroad-Abenteuer in Alleinfahrt angehen. Denn ein Regenguss ist nicht das Problem, wenn anschliessend wieder die Sonne scheint. Dann bleibt man halt, wenn nichts mehr geht, solange stehen, bis die Sonne den Schlamm der Piste wieder getrocknet hat. Aber wenn die lokalen Schauer im Stundentakt tagelang über einen hinwegziehen und womöglich die trocknende Sonne noch ausbleibt, dann kann es schnell sehr unangenehm werden, weil man vielleicht tagelang irgendwo in der einsamen Pampa feststeckt und nicht mehr wegkommt. Als uns schließlich in einer Ortschaft während eines wahrhaft mächtigen tropischen Regengusses das allgemeine Schichtfluten auf der Straße überrascht, ist die noch offene Routen-Entscheidung ziemlich schnell gefallen. Ade Transamazonica, für die abenteuerlichen 2000 Kilometer Erdpiste quer durchs Amazonastiefland sind wir aufgrund der diesmal früh einsetzenden Regenzeit im November viel zu spät dran, um da mit kalkulierbarem und akzeptablem Risiko durchzukommen. Man muss auch mal verlieren können, ich werde darob etwas melancholisch und vertiefe mich erstmal in einen geeigneten Sertaneja-Song:

hässliche Wetterkapriolen: Kaum noch Sicht und ringsherum das große Fluten

Also richten wir unsere weitere Routenplanung brav auf Asphaltstrecken aus und folgen der bereits skizzierten Route 3 zunächst quer durch Bahia. Als Erstes passieren wir einen dieser quer durchs Tafelland verlaufenden Höhenzüge: Bis auf 1200 Meter steigt die Straße an und "on the Top" werden wir von einem ziemlich großen Windrad-Projekt, welches gerade im Bau ist, überrascht. Windräder sind zwar in Brasilien seit einigen Jahren vor allem entlang der nordöstlichen Atlantikküste zwischen Fortalezza und Recife nicht mehr ungewöhnlich, aber hier, tief im Landesinneren ist das schon sehr außergewöhnlich. Sie bleiben denn auch die einzigen Windräder, die wir auf der weiteren langen Strecke zu Gesicht bekommen. Der Trend geht allerdings vor allem im windreichen Nordosten des Landes hin zum weiteren Ausbau der Windkraft, wie man aktuellen Presseberichten entnehmen kann; doch Brasilien wäre ja nicht Brasilien, wenn auch beim Ausbau dieser alternativen Energieanlagen zumeist über die Köpfen der lokal Betroffenen hinweg entschieden wird, diese erst mit falschen Versprechen geködert werden und dann unter den Folgen leiden müssen. Alles zum Wohl des Agrobusiness. Nachhaltige Entwicklung jedenfalls unter Beteiligung aller sieht irgendwie anders aus...

===>>Brasilien baut Windenergie aus
===>>Windkraft in Brasilien – Grüne Energie auf Abwegen

Ja - und dann fallen uns drei Dinge auf:

a) die Landschaft geht zunehmend in eine riesige Ebene über
b) die Vegetation wird immer mehr zur trockenen dürren Buschsteppe und
c) die Gegend ist immer dünner besiedelt.

Beim Durchfahren der zumeist ebenen, flachen, auf etwa 800 Höhenmetern gelegenen Landschaft mit nur wenigen aufgesetzten Gebirgszügen versteht man sehr gut, warum man diese Landschaftsform auch "brasilianischer Schild" oder "brasilianisches Tafelland" nennt. Die vorherrschende Vegetationsform dagegen wird verständlich, wenn man sich die Mühe macht, ein Klimadiagramm Brasiliens und eine Karte der Vegetationszonen anzuschauen. Wir befinden uns nämlich im südlichen Teil des sogenannten "Sertão", einer extrem dürren, niederschlagsarmen von niedrigen Bäumen durchsetzten Strauch- und Buschsteppe, die man auch Caatinga nennt, in der wegen der kargen Böden und der geringen und vor allem sehr unregelmäßigen Niederschläge, die oftmals ganzjährig ausbleiben, außer sehr extensiver Viehwirtschaft kaum Landwirtschaft möglich ist. Jetzt - bei unserer Fahrt durch diese Region, ruft der doch fast tägliche Regen einen interessanten Effekt hervor. Denn bei den häufigen Regenschauern handelt es sich überwiegend um lokale Schlechtwetterfronten, die sich überall am Horizont verteilen, während dazwischen oft die Sonne scheint. So kommt es, dass sich auf wenigen Zehner-Kilometern Gebiete, die bereits Regen abbekommen haben mit Abschnitten abwechseln, die immer noch ausgetrocknet sind; Als Folge fahren wir dementsprechend mal durch fast grüne oder eben noch grau-braune Buschlandschaft, wo viele Sträucher noch blätterlos in den Himmel blicken. Und da, wo unsere Route verläuft, sind beileibe noch nicht die trockensten Gebiete des Sertão, die liegen weiter nördlich und weisen schon fast halbwüstenhaften Charakter mit Kakteen und Dornbüschen auf. So fahren wir Stunde um Stunde auf einer oft schnurgeraden Straße durch eine endlose Monotonie. Die ganze Gegend ist sehr dünn besiedelt, die einzelnen zumeist winzigen Siedlungen liegen oft 30 und mehr Kilometer voneinander entfernt und nur wenige etwas größere Orte dienen als Versorgungszentrum der weit verstreut liegenden Fazendas. Denn auch wenn man es beim Blick aus dem Autofenster angesichts der kargen Vegetation nicht vermutet: Ganz menschenleer ist die Landschaft nicht: Immer wieder mal zweigen einzelne Erdwege rechts und links von der Straße ab und die Schilder weisen den Weg zu 20,30 Kilometer entfernt liegenden Farmen, wo jemand vermutlich tatsächlich Viehwirtschaft betreibt. Und angesichts des enormen Flächenbedarfs, den ein Rind in dieser Gegend zum Überleben benötigt, ist zu vermuten, dass es sich hierbei um Farmen mit riesigem Grundbesitz handelt.

Überhaupt die Besiedlungsdichte: Macht man sich einmal die Mühe, 2 nächtliche Satellitenaufnahmen Europas und Südamerikas gegenüberzustellen, dann wird schnell klar, warum das Leben in Südamerika so viel relaxter abläuft, in Europa dagegen hektisch und neurotisch. Denn im Verhältnis zu Europa ist Südamerika im Inneren des Kontinents nur sehr dünn besiedelt und die Bevölkerung konzentriert sich hauptsächlich an den Küsten und im Küstenhinterland. So leben in Brasilien 90% der Menschen in Küstennähe, danach nimmt die Einwohnerdichte sehr schnell ab. Die dünne gelbe Linie in den beiden Südamerika-Aufnahmen markiert unsere Reiseroute. Siedlungsschwerpunkte im Landesinneren von Brasilien mit wirklich großer Bevölkerungskonzentraton lassen sich an einer Hand abzählen (etwa Brasilia und Goiana in der Karte unten links)

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menschenleeres Buschland bis zum Horizont,....

welches in eine endlose Ebene übergeht

Während der langen Trockenzeit werfen viele Pflanzen ihre Blätter ab, andere bleiben immergrün. Ob und wann es geregnet hat, erkennt man an der Farbe der Landschaft: grau-braun bei langer Trockenheit, Grün nach Regen

ganz so leer, wie sie scheint, ist die Gegend gar nicht. Ab und an zweigen kleine Erdwege von der Straße ab, die zu weit abgelegenen Vieh-Fazendas führen

Und auch das ist in Brasilien ein Thema: illegale Müllentsorgung. Je ärmer die Gegend, desto krasser - und womöglich auch ein Problem einer nicht existierenden kommunalen Müllabfuhr

Auch in solch menschenleeren Gegenden wie dem Sertão gilt: Nur ein eingezäuntes Land ist in Brasilien ein gutes Land. Privatbesitz geht über alles, auch wenn man es in dieser Landschaft nicht vermutet. Das ist tatsächlich großenteils zu flächenmäßig riesigen Fazendas gehörendes Weideland für sehr extensive Viehwirtschaft, wo für ein Rind pro Jahr mindestens 10 Hektar Boden benötigt werden

Insgesamt wird die Monotonie der Landschaft auf unserer Weiterfahrt schließlich durch zwei Szenenwechsel unterbrochen:

Der erste erfolgt beim Überqueren des viertlängsten Flusses Brasiliens, des Rio Sao Francisco, der im Bergland von Minas Gerais entspringt und anschließend quer durch den Sertão fließt, um schließlich nach 3000 Kilometern in den Atlantik zu münden. Der Rio São Francisco ist einer der wichtigsten Ströme des Landes und man schätzt, dass 40 Millionen Menschen direkt oder indirekt von ihm abhängen. Er führt etwa so viel Wasser wie der Nil. Das entspricht rund 70 Prozent der Wasserressourcen der Region des Sertão, durch den er fließt. Und wie der Nil mit seinem Wasser die Möglichkeit von Landwirtschaft durch Bewässerung und somit ein grünes Band in der vegetationslosen Sahara schafft, so ermöglicht auch der Rio Sao Francisco in seinen ufernahen Bereichen Formen der Landwirtschaft, die sonst im trockenen Sertão nicht möglich wären. Der Fluss als Lebensspender - Nicht zuletzt aus diesem Grund ist der Sao Francisco seit Generationen ein in Lieder und Gedichten beschriebener Mythos. Obwohl der Fluss allgemein als Lebensader Brasiliens gilt, wurde über die letzten Jahrzehnte hinweg viel von seinem Potential zerstört. Die Ursachen sind vielfältig, Vor allem die enormen Großprojekte der Agroindustrie entlang des Flusslaufes mit der einhergehenden Zerstörung der natürlichen Vegetation und ihrem enormen Wasserbedarf, die Einleitung von ungeklärten Abwässern von wachsenden Städten, von Industrie- und von Agrargiften in den Fluss, der Bau von Staudämmen zur Wasserversorgung weit entfernter Metropolen wie Fortalezza und das damit verbundene übermäßig starke Anzapfen der Wasser-Ressourcen des Flusses sind hier zu nennen. Hinzu kommt ein dramatischer Klimawandel mit immer geringeren Niederschlägen im seinem Einzugsgebiet. Dies alles hat dazu geführt, dass der Rio Sao Francisco quasi am sterben ist, weil er immer weniger Wasser führt. Verschärft wird diese Situation noch durch eines der weltweit umstrittensten Infrastruktur-Projekte, das seit über 10 Jahren die Gemüter erhitzt und dieses Jahr zum Teil fertiggestellt werden konnten: Die Ableitung von Flusswasser durch den Bau von zwei über 200 Kilometer langen künstlichen Kanälen in die trockensten Regionen des Sertão, um zum einen der der dort lebende Bevölkerung eine sichere Wasserversorgung zu garantieren und Bewässerungslandwirtschaft zu ermöglichen. Das Vorhaben, eines der Lieblingsprojekte der ehemaligen Regierung Lula ("Wasser für alle"), war von Anfang an höchst umstritten, wurde aber entgegen massivem Widerstand von vielen Organisationen der Zivilgesellschaft und sogar der Weltbank von der Regierung und dahinter stehenden Interessengruppen konsequent durchgedrückt. In einem Gutachten wies die Weltbank darauf hin, dass das Projekt eine rein "kommerzielle Ausrichtung" habe und dass „weltweite Erfahrungen die Annahme nahe legen, dass seine Verbindung mit der armen Bevölkerung eher schwach ausgeprägt“ sei. Eine andere Feststellung besagte, dass die „zuverlässige Wasserversorgung für den persönlichen Bedarf der Haushalte im gesamten Nordosten Brasiliens durch – technische – Alternativen zu einem Bruchteil der für das Großprojekt veranschlagten Kosten gewährleistet werden kann“. Die Weltbank war deshalb nicht bereit, zur Finanzierung des Projektes beizutragen.

Ganz offenbar ist der bisherige Ablauf dieses Projekt wieder mal ein Lehrbeispiel, wie hehre, gut gemeinte Infrastruktur-Großprojekte in Wahrheit nicht den eigentlich Betroffenen zugute kommen, sondern einer mächtigen Industrie- und Agrarlobby: Statt das es nachher vielen besser geht, geht es vielen auf Kosten einiger weniger nachher schlechter. Dieses Thema ist im Rahmen dieses "geographischen Tagebuchs" natürlich viel zu komplex, um es hier weiter zu vertiefen. Für Interessierte nenne ich an dieser Stelle deshalb nur noch zwei Links zum Thema. Wir selbst dagegen machen einen Abstecher von der Hauptstraße und fahren knapp 100 Kilometer in Flussnähe entlang nach Norden, um mal mit eigenen Augen zu sehen, welche Formen von Vegetation und Landwirtschaft hier anzutreffen sind - im wesentlichen großflächige Weidewirtschaft und Bananenanbau auf Großplantagen. Dann endet die Asphaltstraße und geht für weitere 100 Kilometer in eine Piste über. Angesichts der Niederschlagsfront voraus drehen wir lieber um und fahren zurück.

===>>Brasilien will Strom umleiten: Der Traum vom Wasser ("Tagesspiegel" von August 2015)
===>>Der geplatzte Traum vom Wasser im Norden Brasiliens ("Der Standard" von September 2017)


ein Nebenfluss des Rio Sao Francisco direkt an der Mündung; auffallend die dichte Waldvegetation - eine Folge der Flussnähe im ansonsten trockenen Sertão


am Ufer des Rio Sao Francisco



Plantagenwirtschaft auf Bewässerungsbasis: Bananenanbau in großem Stil

der Name der Besitzer deutet an, woher sie vermutlich stammen: aus dem wohlhabenden europäisch-stämmigen Süden Brasiliens

Bananenstauden bis zum Horizont

Weidewirtschaft auf Großfazendas


auf einer anderen Reise vor wenigen Jahren sahen die Flüsse an einer anderen Stelle im Sertão während einer langen Dürreperiode so aus; Skeptiker befürchten für den Rio Sao Francisco langfristig ein ähnliches Schicksal

Der zweite Szenenwechsel betrifft nicht die Landschaftsform, die bleibt flach und eben. Aber nachdem wir zunächst zum Rio Sao Francisco bis auf 250 Höhenmeter runtergefahren waren, steigt das Gelände anschließend wieder auf die "Normalhöhe" des brasilianischen Tafellandes an: ca. 800 Höhenmeter. Dann kündigt sich in der Straßenkarte eine wirklich große Leere an: In Ost-West-Richtung ca. 200 Kilometer, in Nord-Südausdehnung bis zu 500 Kilometer. Es gibt so gut wie keine Ortschaften und nur 2-3 Straßenverbindungen, die die Leere durchqueren, statt dessen eine Unmenge von (großenteils) trockenen sanft eingetieften und parallel zueinander verlaufenden Flusstälern, die alle an der sonderbar mäandrierend verlaufenden Landesgrenze zwischen den Bundesstaaten Bahia und Goias entspringen, und nach Osten dem Rio Sao Feancisco zustreben. Die Vegetation wechselt nach Überqueren des Flusses schnell wieder zur Caatinga-Buschvegetation und etwas sehr extensiv betriebener Viehwirtschaft. Doch ab der Mitte der Strecke bis zur noch 100 Kilometer entfernten Landesgrenze erfolgt dann urplötzlich ein abrupter Wechsel: Soja, Soja, Soja rechts und links der Straße. Wir haben überraschenderweise bereits hier im Westen von Bahia einen ersten großräumigen Anbaugürtel der Soja-Agroindustrie erreicht. Warum dieser Anbau hier auf einmal möglich ist, ob es an höheren Niederschlagsmengen oder ausreichend Wasser für die Bewässerungswirtschaft liegt, wir wissen es nicht. Allein von der Landschaftsform her betrachtet ist die Gegend natürlich ideal zum Anbau: Die Flachheit der Landschaft ermöglich einen optimalen Einsatz von Landmaschinen. Das Thema Soja-Anbau in Brasilien wird noch in einem Folgeartikel ausführlich zur Sprache kommen. An dieser Stelle muss eine kurze Beschreibung des visuellen Eindruck ausreichen. Und der lautet: Rein "optisch" hat diese großflächige Anbauform in der Wachstumsphase, wenn alles grün ist, durchaus einen deprimierend-magischen Reiz, dem man sich nur schwer entziehen kann, wenn der Blick ohne Sichtbarrieren bis zum Horizont schweifen kann.

Schließlich erreichen wir nach über 1000 Kilometern ab der Atlantik-Küste die Landesgrenze von Bahia und ab hier ändert sich auf wenigen Kilometern die Szenerie dann wirklich schlagartig. Warum das so ist und was es mit der merkwürdig kurvig ausgebildeten Landesgrenze zwischen Bahia und Goias auf sich hat, das wird dann Thema im Folgeartikel sein.


Der Endzustand von allem: Die Gebirge sind eingeebnet, die Bäume abgeschafft, der Mensch nicht mehr existent, die Vegetation ist geflüchtet - der Gott Soja ist eingezogen



Noch so klein und als Einzelwesen völlig unbedeutend, aber im Schwarm später so richtig mächtig......


"Der letzte der Mohikaner" - aus Sicht der Soja-Lobby sicherlich ein anarchistischer Rebell


Exkurs 3: Der Trockenraum des Sertão

Vermutlich werden die meisten, die nach ihrem geographischen Wissen über Brasilien gefragt werden, in erster Linie an die tropischen Regenwälder Amazoniens, die traumhaft schönen Strände am Atlantik sowie eine üppige Vegetation denken. Das Brasilien aber auch noch eine ganz andere Landschaftsform zu bieten hat, dürfte wohl in der Regel unbekannt sein. Es handelt sich hierbei um den sogenannten Sertão, was ins Deutsche übersetzt soviel wie "Wildnis" oder auch "Landesinnere bzw. "Hinterland" bedeutet und eine Region bezeichnet, die sich von der nördlichen Atlantiküste Cearas und Rio Grande do Norte bis hinunter nach Bahia und ins nördliche Minas Gerais erstreckt. Obwohl in den inneren Tropen gelegen, zeichnet sie sich durch sehr geringe Niederschläge aus und ist zudem häufig von jahrelang anhaltender Dürre betroffen, wenn die Jahresniederschläge ganz ausbleiben. Seit der Ankunft der Portugiesen vor 500 Jahren hat es immerhin bereits 72 dokumentierte besonders schwere Dürreperioden gegeben. In normalen Jahren dagegen beträgt die Trockenzeit zehn bis elf Monate und die Niederschlagsmengen betragen dann meist weniger als 300 mm im Jahr. Denn während die gesamte brasilianischen Ostküste durch die Winde des Südost-Passat ganzjährig hohe Niederschläge erhält, liegen die Gebiete des Sertao im Lee der Küstengebirge bzw. die nördliche Küste aufgrund ihres Abknickens nach Nordwesten im Regenschatten des Passats. In die Sahara versetzt fühlten sich denn beim Anblick dieses nördlichen Küstenabschnitts bereits die portugiesischen Entdecker im 16. Jahrhundert und gaben der Küste den Namen, der heute zugleich der Name eines der angrenzenden Bundesstaaten ist: Ceara - Sahara.

Die rote Linie in den Karten markiert unsere Route. Die Region des Sertão lässt sich deutlich anhand der jährlichen durchschnittlichen Niederschlagsmenge identifizieren: Je heller die Farbe, desto weniger Niederschlag. Die Karte der Vegetation zeigt, dass wir auf unserer Fahrt durch Bahia mehrere Vegetationszonen durchqueren: An der Küste zunächst (nur noch rudimentäre) Reste des atlantischen Regenwaldes, danach eine schmale Zone, die sich "agreste" nennt, einen Übergangsbereich zum trockenen Sertao darstellt und durch Weidewirtschaft und sonstige Landwirtschaft klein- bis mittelgroßer Betriebe gekennzeichnet ist, dann folgt die Caatinga genannte Trockenvegetation des Sertão , an welche sich später die (stark geschrumpften) Waldsavannen-Landschaften von Mato Grosso (dichter undurchdringlicher Wald/Busch), Goias und Tocantins als Übergangsgebiete zu den Regenwäldern Amazoniens anschließen.

Der Sertão gilt seit jeher als das Armenhaus Brasiliens. Das unberechenbare Klima hat immer wieder dazu geführt, dass in guten Jahren mit viel Regen viele Bewohner sich eine scheinbar gesicherte Existenz schaffen konnten, um in darauf folgenden Dürrejahren alles wieder zu verlieren. Die Kombination von lang anhaltender Trockenheit mit unberechenbaren Dürrephasen und gleichzeitigem Anstieg der Bevölkerungsdichte führt bis heute immer wieder zu ernsten Notlagen. Viele Menschen verließen daher ihre Heimat, um im Amazonasgebiet ihr Glück zu suchen. Bis in die Siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts kam es zu großen Migrationswellen. Die Regierungen Brasiliens förderten die Umsiedlung aus dem Nordosten in das Amazonasgebiet, zumal die wirtschaftliche Erschließung vorrangiges Ziel in der Amazonien-Politik war und ist. So vervielfachte sich die Einwohnerzahl Amazoniens in wenigen Jahrzehnten, und der Trend ist bis heute ungebrochen. Doch viele scheiterten auch dort an den ungewohnten tropischen Bedingungen, mit denen sie nicht umzugehen gelernt hatten. Und letztlich landete bzw. landet noch immer ein großer Bodensatz an Menschen in den großen Metropolen und trägt dort zur Ausbildung immer neuer Armutssiedlungen, den Favelas, bei.
In dieser von Kargheit und Armut geprägten Landschaft des Sertão herrscht auch heute noch ein anderes Lebensgefühl als in anderen Landesteilen Brasilien. Glaubt man der Literatur, sind 42% der Menschen hier Analaphabeten. Der Nordosten ist das Armenhaus Brasiliens: Ursachen sind - neben den erwähnten immer wiederkehrenden Dürren im Landesinneren - auch der extrem ungleich verteilte Bodenbesitz und feudale Abhängigkeiten der Kleinbauern von Großgrundbesitzern. In den wenigen Feuchtigkeits-Inseln der Region sowie vor allem entlang des quer durch den Sertão verlaufenden Rio Sao Francisco, wo Bewässerungsfeldbau möglich ist, wird die Situation durch an sich gut gemeinte umstrittene Staudammprojekte weiter verschärft. Denn das aufgestaute Wasser zur sicheren Bewässerung kommt kaum den kleinbäuerlichen Betrieben zugute, sondern agroindustriellen Großbetrieben, die ihre Monokulturflächen immer mehr ausweiten, während kleine Landpächter verdrängt werden. Die Folge: Es werden immer weniger Grundnahrungsmittel produziert und damit der Landbevölkerung die Lebensgrundlage entzogen. Die Menschen werden gezwungen, ein kärgliches Dasein als saisonale Plantagenarbeiter zu fristen oder in die Armensiedlungen der Großstädte abzuwandern. Selbst heute noch fristen viele gescheiterte Menschen ihr Dasein unter feudal-ähnlichen Abhängigkeitsverhältnissen. Manch einer spricht sogar von moderner Sklaverei. Und für alle, die aufmucken und sich quer stellen, findet sich immer noch ein angeheuerter Pistolero, der das Problem final aus der Welt schafft.

Augenfällig wird das entbehrungsreiche Leben bereits bereits in der Musik des Sertão, die zum Teil voll ist von Melancholie. Die Sertanejos haben eine vielfältige Folklore hervorgebracht, die in der unterentwickelten Region lange von Modernisierungen unbehelligt überleben konnte. Die Música sertaneja (brasilianische Country-Musik) hat ihre Wurzeln hier und wurde erst später im wohlhabenden südlichen Brasilien zu einem massentauglichen und populären Musikstil weiter entwickelt.

2 Beispiele gefällig ?


Dass die Region des Sertão schon immer irgendwie speziell war, verdeutlichen auch 2 historische Ereignisse:

Da haben wir zum einen eines der bedeutendsten geschichtlichen Ereignisse in Brasilien, den Aufstand von Canudos, der vielfach in Büchern, Dokumentarfilmen und sogar Kunstwerken verewigt wurde. Die Canudos-Bewegung entstand im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts im Sertão. Die dort lebenden Viehhirten, abschätzig Jacuncos genannt, waren eher kleinwüchsige, stämmige Mestizen voller Religiosität. Sie scharten sich im Lauf der Zeit um einen charismatischen Wanderprediger, den sie Conselheiro (Ratgeber) nannten. Sein äußeres Auftreten mit wallendem Haar und blauem Gewand sowie seine geschickte Rhetorik machten ihn für viele der tiefreligiösen Mensch im Land zu einer wahrlich messianischen Erscheinung, während der Zeitungsreporter Euckides da Cunha, der später für eine Zeitung in Sao Paulo von der Schlacht um Canudos berichtete, ihn als "Possenreißer mit einer apokalyptischen Vision" bezeichnete. Antonio Vicente Mendes Maciel, genannt Conselheiro, wurde 1828 im Bundesstaat Ceara geboren, von wo aus er später eine zwanzigjährige missionierende Wanderschaft antrat, in deren Verlauf er immer mehr Anhänger um sich scharte. 1893 gründete er schließlich mit vielen Anhängern seiner Lehre auf einem Berg in halbwüstenhafter Umgebung die Stadt Canudos, die in kürzester Zeit auf 20.000 Bewohner anwuchs, die in Lehmhütten rings um eine Wehrkirche lebten. Der Conselheiro überwachte die Stadt, entwickelte ein Produktionssytem, das auf gemeinschaftlicher Arbeit basierte und schickte seine Anhänger los, seine Lehre zu verbreiten - eine Mischung aus Christentum und Volksglaube und dem Aufruf, die Monarchie zu verteidigen. Der brasilianische Staat beachtete die Vorgänge im fernen Hinterland von Bahia lange nicht, doch dann reagierte er mit Gewalt. Die Bewohner von Canudos wurden als "monarchistische Rebellen" beeichnet, die man ausrotten müsse. Doch die ersten beiden Strafexpeditionen, die 1895 und 1896 losgeschickt wurden, endeten im vollständigen Fiasko. Erst mit dem 4. militärischen Vorstoß durch 6000 Soldaten und schwere Artillerie gelang es 1897, Canudos einzunehmen und zu zerstören. Über 20.000 Menschen verloren ihr Leben. Alle Männer, die sich ergaben wurden umgebracht und nur 400 Gefangene (Alte, Frauen und Kinder) überlebten schließlich. Die 5000 Lehmhütten wurden komplett eingeebnet und die Leiche des kurz zuvor gestorbenen Conselheiro ausgegraben, fotografiert und enthauptet. Der oben genannte Reporter da Cunha, der den Krieg vor Ort dokumentierte, veröffentlichte einige Jahre später das Buch "Krieg im Sertão", in dem er im Nachhinein die Niederschlagung der Canudos-Bewegung als Massaker und Staatsverbrechen anprangerte. Denn in Wirklichkeit habe es sich bei den Bewohnern von Canudos nicht um rebellische Monarchisten oder fanatische Sertanejos gehandelt, sondern um eine soziale Bewegung, die im Elend und in der Unterdrückung und Ausbeutung der Menschen ihre Wurzeln hatte. "Os Sertão: Campanha de Canudos" wird heute zu den bedeutendsten historischen Werken der brasilianischen Literatur gezählt.

Das andere historische Ereignis verdeutlicht, dass der Sertão schon immer ein wildes, rauhes Stück Erde war und auch heute in Teilen noch ist. Volkskatholizismus, hartnäckiger Aberglaube, quasi-feudale Abhängigkeitsverhältnisse und Selbstjustiz wohnen hier Tür an Tür, während Regierung und Gesetz zumindest früher weit weg waren. „In kaum einer anderen Region Brasiliens sind Legenden und Mythen ähnlich tief verwurzelt wie hier" heißt es in einem Zitat. Wer es sich leisten kann, haut hier ab und wer bleibt, hat dafür gute Gründe oder gar keine andere Wahl. An der Situation hat sich bis heute zumindest in den Kernbereichen des Sertão nicht viel geändert. Lange Zeit war der Sertão zudem das Land der gefürchteten Räuberbanden, der Cangaceiros, die in der Region Angst und Schrecken verbreiteten. Einer ihrer bekanntesten Anführer wurde Virgulino Ferreira da Silva (1897-1938), der wegen des hellen Aufblitzens seines Gewehrs bei den Kämpfen gegen die Polizei auch den Spitznamen „Lampiao“ (Lampe) erhielt und der wegen seiner besonderen Grausamkeit schon zu Lebzeiten zu einem gefürchteten Mythos wurde. In einer Biographie über ihn heißt es: " Er war klein, mit einem harmlos wirkenden Gesicht und einer großen runden Brille. Obwohl auf einem Auge blind, konnte er hervorragend schießen. Er war tief religiös, eitel und zugleich unvorstellbar grausam. Gerne ließ er sich fotografieren und interviewen. 1897 in einem kleinem Kaff in Pernambuco geboren wuchs er als Viehhirt auf. Während einige Quellen die Ermordung seines Vaters durch Großgrundbesitzer als Auslöser seiner kriminellen Karriere nennen, sagen andere, dass er schon im Alter von 17 Jahren etliche Morde verübt haben soll. Nachdem er sich zunächst umherziehenden Banden angeschlossen hatte, wurde er mit 25 Chef einer eigenen Bande, die im Sertao über 15 Jahre Angst und Schrecken verbreitete. Oft wird gefragt, wie eine einzige Räuberbande von etwa 40 Mann der Polizei und dem Militär über Jahre erfolgreich Widerstand leisten konnte. Aber der Sertao war zu jener Zeit noch rückständiger als heute, es gab kaum Straßen- und Telefonverbindungen, die Polizei war korrupt und die Großgrundbesitzer bei der Bevölkerung verhasst. Lampiao kannte den Sertao wie seine Westentasche und hatte Spione, die ihn über die Aktionen der Soldaten und Polizei informierten. Er galt als „Robin Hood“ Brasiliens und als „Revolutionär“, eine Einschätzung, die angesichts seiner Brutalität schwer nachzuvollziehen ist. Seine Bande überfiel Dörfer, erpresste Schutzgelder, tötete ganze Familien, brandschatzte und vergewaltigte. 1922 lernte Lamipao die schöne Maria Bonita kennen, die seine Gefährtin wurde. Seine Karriere endete 1938. Verraten von einem Freund, der unter Folterandrohung Soldaten seinen Aufenthaltsort preisgab, griffen Soldaten seine Bande an. Lampiao, Maria Bonita und ein Dutzend weiterer Bandenmitglieder wurden getötet, die Leichen enthauptet und die Köpfe in ein medizinisches Insitut nach Salvador gebracht, wo sie bis 1969 ausgestellt wurden.“

Und wie ist die Situation heute ? Ein Blick in die offiziellen brasilianischen Straßenkarten belehrt einen sehr schnell, das der Sertão in Teilbereichen immer noch keineswegs sicher ist: Einige Straßenverbindungen vor allem in den abgelegenen Grenzregionen der Bundesstaaten Bahia/Pernambuco oder Pernambuco/Piaui enthalten Warnhinweise vor möglichen Überfällen vor allem nachts (o trecho oferece alto risco do assaltos) und als wir vor ein paar Jahren selbst auf ein paar dieser Strecken unterwegs waren, konnten wir feststellen, dass die brasilianischen Fernfahrer diese Hinweise wirklich sehr ernst nehmen, nächtliche Fahrten auf diesen Strecken konsequent vermeiden und statt dessen zum Übernachten Autopostos außerhalb der Gefahrenzonen ansteuern.


Rot umrandet: Warnhinweise vor Überfallgefahr auf 2 Bundesstraßen (BR) an der Grenze zwischen Pernambucos und dem nördlichen Bahia



Gesichter des Sertão: Ob der Kleine wohl jemals eine bessere Zukunft haben wird als sein Opa ?

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Trans-Oceanica – Immer nach Westen, dort wo die Sonne untergeht


Tagebuch einer südamerikanischen Kontinentquerung von Ost nach West..
Einleitende Vorbemerkung.

Wir sind durch...! Losgefahren im brasilanischen Küstenort Canavieiras/Bahia haben wir nach genau 26 Tagen und insgesamt 7051 Kilometern in dem peruanischen Fischerdorf Puerto Lomas in der Atacamawüste den Pazifik erreicht und zwei Tage später unser eigentliches Endziel: die südperuanische Stadt Arequipa, eine der schönsten Städte in Südamerika. 7528 Kilometer zeigte der KIlometerzähler dann zum Schluss an, das sind durchschnittlich 279 Kilometer am Tag.

Ich kann jetzt förmlich das verständnislose Stirnrunzeln so manches Zeitgenossen spüren, das vor einiger Zeit im Kommentar eines Bekannten aus Deutschland auf unser unstetes Reiseleben gipfelte: "Und da fahrt ihr jetzt einfach immer nur so rum ?!!?" "Yes", kann ich darauf nur erwidern, "wir fahren da jetzt genauso einfach nur so rum wie andere Tag für Tag einfach nur in ihrem Büro so rumsitzen, abends vielleicht Tag für Tag stundenlang vor der Glotze sitzen oder auch täglich immer aufs Neue 8-10 Stunden kurvenlesend die Charts auf den PC-Bildschirmen checken. Der ganz normale Lebens-Wahnsinn eines Jeden halt, sein individuelles Leben mit Inhalt zu füllen, der Eine so, der andere so. Nur mit dem Unterschied, dass wir morgens vermutlich ganz entschieden weniger wissen, wie der Tag wohl ausgehen wird und was uns unterwegs alles passieren kann. Eine andere Aussage steht vermutlich auch schon im Raum beim Nennen der zurückgelegten Entfernungen unseres Reiseabschnitts: "Oh Mann, da habt ihr ja echt was an Kilometern runtergerissen", so lautete nämlich gestern das Feedback von Freunden in Deutschland auf unser Lebenszeichen. Darauf kann ich nur erwidern: Erstens ist für mich persönlich Autofahren noch nie Stress gewesen, sondern eher Entspannung pur, wobei in meinem Kopf "on the road" oft die besten Ideen entstehen. Und zweitens gibt es in unserem Reiseleben halt immer wieder Phasen des wochenlangen Relaxen und Faulenzen wie zuletzt in unserem Tropenparadies in Bahia und es gibt Phasen voller Action und Power, wo ein "Projekt" konsequent durchgezogen wird. Und in gewisser Weise war diese Kontinentquerung auch ein Projekt. Denn große Teile der letztlich gewählten Route sind wir in den 10 Jahren Südamerika in der einen oder anderen Form zwar schon gefahren, aber meine Ankündigung, diese Fahrt in einem geografisch-landeskundlichen Tagebuch als Kolumne für interessierte Leser zu dokumentieren, hat dazu geführt, dass wir diesmal ganz genau hingeschaut und sowohl schriftlich wie fotografisch viele Dinge erfasst haben, die aus unserer Sicht für dieses Projekt von Bedeutung sind. Und so waren diese 4 Wochen schlussendlich vollgepackt mit Action und Eindrücken zuhauf und unser Wissen bzw. Verständnis über diesen bereisten Landschafts- und Kulturraum hat dabei einen gewaltigen Sprung nach vorne gemacht. Allerdingst bin ich erst mal körperlich und geistig "platt": Doch parallel zur notwendigen Erholung müssen nunmehr an die 1000 Fotos fertig bearbeitet und katalogisiert werden, die vielen Eindrücke müssen sich erst einmal setzen und im Kopf verarbeitet und in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht werden und zu manchen Themen ist noch einiges an "nachzulesender" Recherchearbeit zu leisten. Parallel dazu möchte ich mich auch mal wieder etwas ausführlicher mit dem Thema Börse und meinen Geldanlagen beschäftigen, was in den letzten vier Wochen logischerweise nur sehr eingeschränkt möglich war (wenigstens den Verkauf meiner Marine Harvest Aktien konnte ich durch Zufall einen Tag vor Beginn des Kurseinbruchs infolge negativer Nachrichten rechtzeitig über die Bühne bringen; als ich bei einem einstündigen Stop an einem Autoposto mit freiem Wlan einen aktuellen negativen Beitrag zur Aktie las, entschloss mich spontan zum Verkauf und entging so bis heute einem 15%igem Kurseinbruch). Es ist also bei allen Entspannungsübungen weiterhin viel zu tun - Langeweile geht anders...


icke auf dem kleinen Campground eines Hotels am Rande der Altstadt von Arequipa

Bevor ich im nächsten Artikel mit dem eigentlichen Tagebuch beginne, möchte ich die interessierten Leser zunächst einmal mit der besonderen Situation des nördlichen Teils des südamerikanischen Kontinents aus verkehrstechnischer Sicht vertraut machen. Die Besonderheit besteht darin, dass auch im 21. Jahrhundert das Amazonastiefland mit seiner trotz Rodung und Abholzung der Regenwälder immer noch gewaltigen Ausdehnung nach wie vor eine verkehrstechnische Barriere erster Güte darstellt. Auf der Straße gibt es von unserem Ausgangspunkt im brasilianischen Bahia nur wenige Optionen, um den Kontinent auf dieser Höhe in Ost-, West-Richtung zu queren, es sei denn, man driftet ganz weit nach Süden ab. Von diesen wenigen Optionen sind dann auch nur 2 Varianten(3 und 5) wirklich ganzjährig problemlos zu befahren, da sie inzwischen komplett asfaltiert sind. Doch der Reihe nach:

1) Eine erste Option (Rot) ist die umständliche Umfahrung des Amzonasgebietes im Norden. Hierzu müsste man von unserem Ausganspunkt in Bahia zunächst die Millonenstadt Belem ansteuern, um von dort mit einer Balsa auf einer 36-stündigen Fahrt das riesige Delta des Amazonas mit seinen verzweigten Känälen nach Norden zu queren (Zielort Macapa). Anschliessend führt der weitere Weg auf einer immer noch nicht komplett asfaltierten Strecke durch die 3 Guyanas: Franz-Guyana, Surinam (ehem. Niederländisch-Guyana) und Guyana (ehem. Britiish-Guyana). Die natürlichen und politischen Gegebenheiten zwischen Guyana und Venezuela (umstrittene Grenzziehung, Feindschaft der Nachbarn, das Orinoko-Mündungsdelta als verkehrstechnisches Hindernis) zwingen den Reisenden dann zu einem weiten Umweg auf einer wilden und in der Regenzeit nicht befahrbaren Busch- und Urwaldpiste zurück ins brasilianische Boa Vista, um von dort dann via Venezuela, Kolumbien und Ecuador schliesslich in Peru die Ost-, West-Querung des Kontinents zu vollenden. Wir sind diese abenteuerliche Strecke vor einigen Jahren einmal in der Gegenrichtung gefahren. Sie ist aktuell sicherheitstechnisch aufgrund der schwierigen Situation in Venezuela fragwürdig, verkehrstechnisch während der Regenzeit in Teilen möglicherweise schwierig bis unmöglich (Urwaldpiste in Guyana), zeitlich und organisatorisch aufwendig (Amazonas sowie weitere sehr große und breite Flüsse zwischen den einzelnen Guyanas müsen jeweils auf Balsas überquert werden) und schließlich klimatisch in den Guyanas extremst anstrengend mit Temperaturen zum Teil über 40 Grad bei gleichzeitig sehr hoher Luftfeuchtigkeit).

2) Variante 2 (gelb) ist nicht minder abenteuerlich. Hierzu steuert man die brasilianische Stadt Maraba im Bundesstaat Para an, um dann auf der berühmten "Tranamazonica" Richtung Osten zu hoppeln und nach 2000 Kilometern Piste schließlich bei Porto Velho wieder Asfalt unter den Rädern zu haben. Die Strecke war viele Jahre wegen etlicher Erdrutsche im zweiten westlichen Teil nicht mehr befahrbar und ist auch heute noch selbst in der Trockenzeit (August-November) ein Abenteuer für sich. In Regenzeit (November/Dezember bis April/Mai) wird es ganz schwierig bis fast unmöglich, die Strecke in ihrer kompletten Länge zu bewältigen. Nachdem wir die Tour bereits zweimal gefahren sind, schwebte mir eigentlich insgeheim noch einmal diese Variante für die diesjährige Kontinentquerung vor. Doch die frühzeitig einsetzende Regenzeit mit fast täglich reichlich Regenfällen ließ mich bereits wenige Tage nach Start in Bahia Abstand von dieser Idee nehmen. Mein Verstand und eine gewisse "Weisheit des Alters" obsiegten schlussendlich über die Reste des in mir noch vorhandenen jugendlichen Übermutes.

3) Variante 3 (unsere Route) ist ab der Großstadt Cuiaba im Bundesstaat Mato Grosso (schwarzes Quadrat auf der Strecke) Richtung Pazifik die einzige Strecke, auf der man komplett auf Asfalt quer durch Brasilien direkt nach Peru und anschließend weiter zum Pazifik fahren kann. Von Osten kommend kann man Cuiaba natürlich noch auf anderen Straßen als der hier eingezeichneten und von uns gefahrenen Route ansteuern. Da wir schließlich diese ab Cuiaba "Transoceanica" genannte Strecke gewählt haben, ist sie das eigentliche Thema des Tagebuchs und bedarf hier erst mal keiner weiteren Erläuterung.

4) Eine vierte Option (blau) , die wir statt der abgeblasenen Transamazonica-Passage eigentlich vor hatten, folgt zunächst Route 3 und führt über den brasilianischen Ausgangspunkt Caceres nach Bolivien, wo man das bolivianische Amazonastiefland ebenfalls zunächst auf Pisten (je nach Variante zwischen 700 und 1000 Kilometern) quert, um dann weiter auf Asfalt über La Paz und den Titicacasee schließlich die peruanische Pazifikküste zu erreichen. Auch diese Variante beerdigten wir aus den genannten klimatischen Gründen und auch etwas aus Bequemlichkeit kurz vor Erreichen des Ausgangspunktes. Angesichts des schwül-heißen Klimas war uns die zumeist sehr gute Infrastruktur brasilianischer Autopostos (Duschen etc) und die Möglichkeit eines abendlichen Bieres in Übernachtungsorten lieber als tagelanges Buschleben in Bolivien.

5) Variante 5 (braun) schließlich sei hier noch der Vollständigkeit halber erwähnt. Sie ist neben Route 3 die zweite Möglichkeit, den Kontinent komplett auf Asfalt zu queren, führt aber schon sehr weit nach Süden zum Ausgangspunkt im brasilanischen Campo Grande, um dann über das bolivianische Santa Cruz und La Paz ebenfalls zum Pazifik zu führen.

Wie man unschwer feststellen kann, macht es das brasilianische Amazonastiefland dem Auto-Reisenden nach wie vor schwer. Das Verkehrsmittel erster Wahl bleiben Schiffe, die auch die entlegendsten Orte im weit verzweigten Fluss-System des Amazonas und seiner vielen Nebenflüsse ansteuern. Unter Einbeziehung des Schiffs oder auch Frachtpontons bieten sich für den Autofahrer weitere Optionen einer Kontinentquerung:

6) Variante 6 (gestrichelt): Von Belem mit dem Frachtponton auf dem Amazonas nach Manaus und von dort auf Straße weiter Richtung Venezuela oder nach Süden weiter auf dem Flussweg - mit einer anderen Schiffsverbindung auf dem Rio Madeira nach Porto Velho, wo man schließlich wieder auf Route 3 stößt. Die Millionenstadt Manaus wird auch heute übrigens noch (neben dem Flugzeug) im wesentlich vom Fernlastverkehr auf der zuletzt genannten Variante versorgt.

7) Und für den Reisenden ganz ohne Auto gibt es schlussendlich noch eine letzte sehr abenteuerliche Möglichkeit der Kontinentquerung (Variante P). Mit dem Schiff zunächst von Belem auf dem Amazonas nach Manaus, dort umsteigen, um mit einem neuen Schiff bis ins brasilianisch/peruanisch/kolumbianische Dreiländereck (Tabatinga/Letitia) zu schippern. Von dort zu Fuß die peruanische Grenze überqueren und mit einem weitern Schiff/Boot nach Iquitos fahren. Da Iquitos an kein Straßennetz angebunden ist, bleibt von hier nur das Flugzeug oder das Besteigen eines neues Bootes, um auf dem Rio Ucayali schließlich die peruanische Urwaldstadt Pucallpa zu erreichen, von wo aus wieder eine Straßenverbindung an die Pazifikküste existiert. Die Variante existiert in unseren Köpfen als noch zu realisierendes Projekt, ist aber in Teilen schon recht abenteuerlich und wenig bequem.

So - damit wäre der Einstieg ins Tagebuch-Projekt "Transoceanica" geschafft und wer von den Mr-Market-Lesern bis hier durchgehalten hat, hat nun einen groben Überblick über die verschiedenen Verkehrsmöglichkeiten im nördlichen Südamerika bekommen, um den Kontinent in Ost-, Westrichtung zu queren.

Bevor es im nächsten Artikel dann richtig losgeht, möchte ich vorab noch etwas Satire loswerden: Unmittelbar vor dem Erreichen unseres Ziels, der peruanischen Pazifikküste, waren wir zunächst doch ziemlich irritiert. Denn schließlich waren wir 26 Tage vorher in einem realen Tropenparadies in Bahia losgefahren und jetzt wollten uns die Peruaner doch tatsächlich weismachen, dass diese ganzen Mühen und Entbehrungen völlig umsonst gewesen seien, denn nun seien wir schlussendlich schon wieder im Paradies gelandet. Sollten wir da unvermutet und ohne es zu merken, in einem galaktischen Wurmloch gelandet sein ?


2 Kilometer vor dem kleinen Fischerort Puerto Lomas am Pazifik liegt nach peruanischer Lesart das Paradies

Immerhin, es hätte ja durchaus sein können, dass die vielfachen Entbehrungen und die oftmalige Mühsal der letzten Wochen die Sinne und das Gemüt verwirrt haben.


Home, sweet home - au Backe ist das unbequem...

Schwitzen als ständiges Lebensgefühl: die Außentemperatur 90 Minuten nach Sonnenuntergang und am frühen Morgen


Doch zu verdächtig schien uns das landschaftliche Umfeld, um diesen Einflüsterungen Glauben zu schenken. Das soll tatsächlich das Paradies sein ? Never!!

Und überhaupt, zum einen konnten wir uns eigentlich gar nicht verfahren, denn die Tiere am Wegesrand haben schon auf uns aufgepasst und uns immer den rechten Weg gewiesen:

Und zum anderen hat uns stets die Sonne den Weg gewiesen - immer nach Westen, dort wo die Sonne untergeht

So - nun gebt mir etwas Zeit zum Verschnaufen, dann kann es losgehen mit der neuerlichen Kontinentquerung - diesmal via geografischem Tagebuch. Wer nach dem Lesen dieses Artikels dann noch nicht die Nase voll hat und immer noch virtuell mitfahren will, dem rufe hiermit schon einmal uff berlinerisch zu: "Nur Mut, Komm' Se rin, dann könn' Se rauskieken....."

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Schöner Schein und schlechtes Sein: Der brasilianische Lebensstil – und was Nestle und Co. damit zu tun haben


Der schöne Schein...

Mal Hand aufs Herz – was fällt wohl den meisten Menschen bei uns in Mitteleuropa beim Begriff "Brasilien" an "positiven" Assoziationen ein (die aktuell schlechten klammere ich hier mal bewusst aus) ? Fußball, Rio, Zuckerhut, Copacabana, Karneval, Samba und in Zusammenhang mit den zuletzt genannten Begriffen wahrscheinlich das Bild von sehr leicht bekleideten wunderschönen braunhäutigen Mädchen und knackig aussehenden muskulösen jungen Männern. Und in der Tat war es lange Zeit so: Wer in Rio unbedarft die Copacabana entlang schlendert oder auch die angesagten Stadtstrände weiter im Norden des Landes besucht, kann zum Teil schon das Gefühl bekommen: Ein perfekter Körper ist an diesen Stränden ein Muss und für dieses Ideal wird schon am frühen Morgen und ab dem späten Nachmittag auch eine Menge getan: Du siehst Jogger, Beach-Volleyballer, Foot-Volley, Gymnastik- bzw. Aerobikgruppen zuhauf: Der Strand ist die Bühne der Brasilianer – hier stellt man sich zur Schau. Und gerade an den angesagten Szene-Stränden von Copacabana, Ipanema und Co herrscht ein regelrechter Schönheitswahn, der enormen gesellschaftlichen Druck erzeugt.

Die Philosophie lautet: Der Körper ist das wahre Kapital. Deshalb treiben nirgendwo sonst wie in Brasilien nicht nur Frauen, sondern auch in zunehmendem Maße junge Männer einen wahren Kult um ihren Körper. Dass der Körper hier einen ganz anderen Stellenwert hat, hängt sicherlich auch damit zusammen, dass er in Städten mit tropisch-heißem Klima, wo man sich viel im Freien und am Strand aufhält und vorwiegend leicht bekleidet herumläuft, viel sichtbarer ist als anderswo. Vermeintliche Schönheitsfehler fallen da schneller auf als in anderen kalten Ländern, wo viel Kleidung den Mantel des Schweigens über die Unvollkommenheit breitet. Eine brasilianische Anthropologin erklärt das Phänomen in Bezug auf die Frauen wie folgt: "Der Körper ist das Kapital der Frau. Er ist eine Form der Macht. Nur mit einem entsprechenden Körper kann Frau sozial aufsteigen.“ Und das gelte sowohl für den Heirats- oder Beziehungs- wie für den Arbeitsmarkt. Frauen, die etwas werden wollen (und sei es auch nur, um sich einen geeigneten Mann zu angeln), müssten deshalb mehr oder weniger hart an sich arbeiten und in ihren Körper investieren. Und nun hat dieser Kult vor einigen Jahren In Brasilien sogar die Männerwelt erfasst! Dabei sehen die meisten der Einwohner Brasiliens - auch die von Rio - nicht von Natur einfach so aus wie die Stars und Sternchen der Telenovelas und auch der Sport hat nur begrenzt Einfluss auf das Aussehen. Bestimmte Dinge sind auf natürliche Weise einfach nicht machbar.

Deshalb muss investiert werden. In den Körper investieren heißt dabei in Brasilien vor allem auch: Künstlich nachhelfen, wo es anders vermeintlich nicht geht: Schönheitsopration! Gerade der enorme Wirtschaftsboom Brasiliens in den ersten 10 Jahren des neuen Jahrtausends bewegte auch auf diesem Gebiet so Einiges: Waren es nach Angaben der Brasilianischen Gesellschaft für Plastische Chirurgie im Jahr 2009 immerhin schon 645.464 Operationen, das sind 1.768 pro Tag, so stieg diese Zahl im Jahr 2014 nach Angaben des Internationalen Verbandes für Plastische Chirugen auf über 2 Millionen Operationen, was einem weltweiten Anteil von über 10% entsprach, Tendenz steigend. Damit lag Brasilien bereits an zweiter Stelle hinter den USA mit 4 Millionen Operationen und einem weltweitern Anteil von 20% an allen schönheitschirugischen Eingriffen - da nimmt sich der deutsche Anteil von 2,6% geradezu bescheiden aus. Und selbst die tiefe Rezession der letzten 2 Jahre hat an diesem Trend nichts geändert. Eigentlich ist dieser Kult um Schönheits-Operationen in Brasilien aber auch kein Wunder, war es doch schließlich ein Brasilianer namens Ivo Pitanguy, der der Schönheitschirugie überhaupt zu einer solchen Bedeutung verhalf, indem er Prominenten zuhauf zu mehr körperlichem Glanz verhalf: von Jackie Onassis über Stéphanie von Monaco, König Hussein von Jordanien bis Silvio Berlusconi, alle lagen sie bei ihm unterm Messer. Und woran wird nun meistens rumgeschnippelt ? Zu allererst vor allem Fettabsaugungen in Verbindung mit Hautstraffungen, dann Brustoperationen, gefolgt von Facelifting, Korrekturen der Lippen, Nase oder Augenbrauen. Eine brasilianische Freundin aus dem Norden Brasiliens erklärte mir einmal, dass die brasilianischen Frauen vor allem an einem großen Problem leiden würden: Unten rum zuviel, oben rum zu wenig! Deshalb hat sich mit der Zeit auch die Schaffung des perfekten "Bumbum" (Hintern) - und sei es durch Einsatz von Silikon, hin zu Brustvergrößerungen verlagert. Waren es mit einem Anteil von 88% bis jetzt vor allem Frauen, die sich chirugischen Schönheitsoperationen unterzogen, so steigt seit einigen Jahren auch der Anteil an Männern: Von 72000 chirugischen Eingriffen 2009 auf 276.000 im Jahr 2014 mit ansteigender Tendenz. Nach Angaben des Verbandes der plastischen Chirugen Brasiliens sind die meisten männlichen Kunden dabei zwischen 20 und 50 Jahre alt; und auch ältere Männer sind immer öfter dazu bereit, einen Schönheitschirurgen aufzusuchen - wegen des Erfolgsdrucks im Job oder im Privatleben. Am häufigsten verlangen die Männer dabei nach einer Verkleinerung der Brüste, nach Fettabsaugungen oder auch Streckung der Augenlider.

Und seitdem der ehemalige President Lula mit seinen Sozialprogrammen Millionen von Brasilianern vermeintlich aus der Armut holte, lassen nicht nur Menschen aus der Ober- und Mittelschicht das Messer an sich ran, sondern selbst Leute aus ärmeren Bevölkerungskreisen nehmen inzwischen teure Kredite für solche Eingriffe auf. Eine Medizinsparte, die früher den oberen Zehntausenden vorbehalten war, steht heute großen Teilen der Bevölkerung offen. Als typische Patientin gilt heute - ich musste das zweimal lesen, um es zu glauben - eher die berufstätige, verheiratete Frau, deren Familie ein Monatseinkommen von etwa 1000 Euro hat. Und wer gar kein Geld hat, für den gilt vor allem unter jüngeren Menschen als absolutes Muss: der Körper muss Tätowierungen aufweisen – ohne Tätowierung bist du ein Nichts….


sichtbare Körperhaare außer am Kopf sind ein No go. Deshalb wird am Strand der Körper mit Wasserstoffperoxyd eingeschmiert, damit nicht entfernte dunkle Resthaare ausbleichen (gesehen in Nordbrasilien)

Während dem rasanten Aufschwung der brasilianischen Wirtschaft in den Boomjahren der letzten Dekade, an dem im bescheidenen Ausmaß (durch Lulas Sozialprogramme) auch Teile der armen Bevölkerungsgruppen partizipieren konnten (angeblich sind in den letzten 12-14 Jahren seit 2000 an die 35 Millionen Brasilianer aus der Armut in die untere Mittelschicht aufgestiegen - es gibt auch kritische Stimmen wie die Katholische Kirche, die das stark anzweifeln) erkannten etliche internationale Konzerne Brasilien als wichtigen Wachstumsmarkt – und als ein willkommenes Forschungsfeld. Feldforschung war angesagt! Denn da vor allem die brasilianischen Konsumenten aus den unteren Bevölkerungsgruppen insgesamt über etwas mehr Einkommen verfügen als entsprechende Gruppen in anderen Schwellenländern , zudem vor allem in Städten leben und deshalb leichter zu erreichen sind, richten die großen Konzerne ihr Geschäftsmodell verstärkt auf die etwa 130 Millionen einkommensschwachen brasilianischen Haushalte aus, die bis zu siebenhundert Euro im Monat zur Verfügung haben. Die Erkenntnisse aus dem Erforschen der brasilianischen Konsumgewohnheiten können dann auf andere Länder übertragen werden, in denen vergleichbare Einkommensgruppen erst heranwachsen, um so neue Käuferschichten zu erschließen und Marktanteile in neuen Märkten zu gewinnen. Eine führende Rolle im Reigen dieser Konzerne spielt dabei der Lebensmittel-Riese Nestle, der schon lange eine wichtige Stellung im brasilianischen Nahrungsmittelmarkt besetzt. So zeichnet die Internetseite von Nestlé, die sich mit den Konzern-Tätigkeiten in Brasilien befasst, ein sehr positives Bild über die Konzernaktivitäten in dem Land. Da fördert Nestlé nicht nur die Bildung junger Menschen und schafft neue Jobs, sondern bekämpft auch Mangel- und Unterernährung, setzt sich gegen Übergewicht ein und sorgt für gesundheitliche Aufklärung.

Herz - was willst du mehr ? Ein Land als Tropenparadies mit paradiesischen Stränden, mit einer (zumindest bis vor drei Jahren) boomenden Wirtschaft und schönen Menschen, die in ihrem Leben alles daran setzen, noch schöner zu werden. Und mittendrin ein paar Lifestyle- und Lebensmittelkonzerne, die die Menschen durch ganzheitlich gesunde Produkte in ihrem Streben tatkräftig unterstützen.

Deus deve ser um brasileiro - Gott muss tatsächlich ein Brasilianer sein!!



Das schlechte Sein...

Die meisten Touristen und Geschäftsleute, die vor langer Zeit schon einmal in Brasilien waren und nun mal wieder das Land besuchen kommen, dürften sich heute wohl verwundert die Augen reiben. Aber auch Brasilien-Neulingen auf ihrem Jungferntrip mit den üblichen Klischeebildern von Samba und Karneval im Kopf geht es wohl ähnlich: "Was ist denn hier los?". Denn es lässt sich nach Jahren des brasilianischen Wirtschaftsbooms nicht mehr verleugnen, da kaum zu übersehen: Das Klischeebild vom tropischen Paradies der schönen Menschen hat gewaltige Risse bekommen, denn die Brasilianer verfetten in großer Zahl und hoher Geschwindigkeit. Es ist eine Entwicklung, die das krasse Gegenbild zum beschriebenen obzessiven Kult um den perfekten Körper darstellt. Die Zahlen, die dabei genannt werden, sind durchaus erschreckend: Über 58 Prozent der Brasilianischen Männer und Frauen haben inzwischen deutliches Übergewicht, 20 Prozent sind gar fettleibig zu nennen und neun Prozent der Kinder leiden unter starkem Übergewicht und erkranken deswegen immer öfter an Diabetes oder Bluthochdruck. Selbst das Militär klagt seit einigen Jahren über zu dicke und unsportliche Rekruten. In einem Alter, in dem die jungen Männer schlank sein müssten, seien sie bereits dick: So habe sich der Anteil an dicken Rekruten in den letzten Jahrzehnten mehr als verdoppelt, der Anteil der fetten Rekruten sogar mehr als verdreifacht. Die Auswirkungen dieser unschönen Entwicklung sind beträchtlich und die Ursachen, die vor allem auf veränderte Ernährungsgewohnheiten zurückzuführen sind, werden in der brasilianischen Presse heiß diskutiert.

Der zurückliegende jahrelange Wirtschaftsboom in Brasilien zeigt hierbei durchaus Parallelen zum deutschen Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit, wo sich die Deutschen nach den Kriegs- und Hungerjahren erst einmal einen Wohlstandsbauch angefuttert haben. So what ? Warum sollten die Brasilianer es in einer Phase wachsenden Wohlstands den Gringos aus den Industriestaaten nicht nachmachen ? Ist doch nur legitim, sagen vermutlich viele Brasilianer und argumentieren dabei mit den gleichen Sprüchen, die sie auch bei Kritik an ihrer Umweltpolitik parat haben: Ihr Europäer habt praktisch überhaupt keine ursprüngliche Naturlandschaft mehr, sondern nur noch künstlich erzeugte Kulturlandschaft und uns wollt ihr verbieten, aus nutzlosen Urwäldern produktive Kulturlandschaft mit landwirtschaftlichen Nutzflächen zu machen ?

Sie machen es allerdings exzessiv und orientieren sich dabei wie in vielen Bereichen ihrer Gesellschaft fast ausschließlich am amerikanischen Lebensstil. Inzwischen gibt es Fast-Food-Ketten und Lanchonetten an allen Ecken, Restaurants mit Kiloessen zum Festpeis pro 100g Gewicht auf dem Teller und die meisten davon konnten nach Medienberichten auch in der aktuellen Rezession ihre Umsätze stetig steigern. Hinzu kommt der Hang der Brasilianer zu extrem süßen Speisen, weshalb die Chips, Plätzchen und anderen Süssigkeiten in den Supermärkten immer gleich mehrere Regalreihen füllen. Überhaupt der Zucker: Zucker wird exzessiv konsumiert. Studien haben ergeben, dass über ein Drittel der Erwachsenen und 70 Prozent der Heranwachsenden deutlichst mehr Zucker konsumieren als von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen; das Gleiche gilt für Salz und Fett. Wir können es fast täglich beobachten: Vor ein paar Tagen saß beim Frühstück in unserer Pousada eine Familie im XXL-Format vor unserer Nase. Der vielleicht 12-13jährige wie sein Papa sehr übergewichtige Sohnemann schnappte sich ein Glas frisch gepressten Orangesaft und kippte dann vor unseren Augen (wir haben mitgezählt) ganze acht gehäufte Löffel Zucker in sein Glas. In vielen Fast-Food-Läden, Lanches und Pizzerien wird die Pizza bzw. der Burger zudem stets im Festpreispaket mit einer 2 Liter Flasche Zucker-Coca Cola angeboten. Und so siehst du dann abends und vor allem am Wochenende ganze Familien vor ihrer Riesenfamilienpizza oder ihren XXL-Burgern hocken: Die dicke Bottel zuckerhaltiger Coca-Cola ist ihr steter Begleiter. Kinder und Erwachsene sitzen zudem täglich sehr lange vor dem eigentlich nonstop laufenden Fernseher und stopfen dabei reichlich Chips und sonstige Kalorienbomben in sich hinein.

Die Folgen dieser fehlgeleiteten Ernährungsweise sind drastisch und werden noch durch die Tatsache verstärkt, dass aktiv Sport treiben bei großen Teilen der Bevölkerung als sehr unpopulär gilt: Adipositas, Diabetes, Bluthochdruck sind inzwischen weit verbreitet, was allerdings für die Pharmaindustrie wiederum ein Glücksfall ist, denn deren Umsätze und Gewinne steigen seit Jahren stetig. Nirgendwo auf der Welt haben wir in Städten eine dermaßen hohe Dichte an Apotheken (immer in Kombination mit Drogerien) gesehen wie in Brasilien, die zudem - im Gegensatz zu den anderen Geschäften oft bis spät in die Nacht geöffnet haben, wenn nicht gar 24 Stunden. Mehrmals schon haben wir vergeblich Brasilianer nach den Gründen für diese Wahnsinnsdichte an kombinierten Apotheken/Drogerien gefragt und nie eine vernünftige Antwort bekommen außer: Wir Brasilianer sind halt sehr krankheitsanfällig und brauchen deshalb viele Medikamente. Für Brasilianer ist die Dichte des Apothekennetzes ganz offenbar ein Naturgesetz, das nicht hinterfragt wird.



Kulinarische Verführung auf brasilianisch: Alles Gesunde für die ganze Familie im Paket


Im Supermarkt:Eine ganze Regalwand von mehreren nur für die süße Versuchung


Eine Apotheken nach dem Geschmack vieler Brasilianer: 24 Stunden geöffnet und besonders für Lauf-faule Menschen ideal



Der Retter in der Not ? Die Rolle von Nestle (und Co.)...

Doch Halt! War da nicht noch was .... ? Ein Fingerzeig, der aus der Misere führen könnte ? Richtig! Der Schweizer Lebensmittelkonzern Nestle, der ja schon lange fest am brasilianischen Markt vertreten ist und in brasilianischen Haushalten einen sehr guten Ruf besitzt, hat es sich doch zur wichtigen Aufgabe gemacht, die brasilianische Gesellschaft über falsche Ernährung, ungesunde Lebensweise und den Unterschied zwischen guten und schlechten Lebensmitteln aufzuklären. Und in Brasilien ist Nestle nicht irgendein Hersteller von Lebensmitteln, vielmehr ist der brasilianische Markt inzwischen ihr zweitwichtigste Markt nach den USA. Nestle Produkte nehmen in Supermärkten einen breiten Raum ein und sind aufgrund ihrer Vielzahl schlichtweg nicht zu übersehen; und Nestle-Produkte sind gerade bei ärmeren Bevölkerungsschichten hoch angesehen, stammen sie aus Sicht dieser Menschen doch von einem "Schweizer" Konzern, der für Qualität und hochwertige Produkte steht. Nestle selbst weist auf seiner Homepage auf sein "Nutrir"-Programm hin, dass schon seit 1987 versuche, "Übergewicht und Unterernährung bei Jugendlichen zwischen sechs und 17 Jahren zu vermindern." Die Initiative konzentriere sich auf " Ernährung, Erziehung und körperliche Aktivität und richte sich als freiwilliges Programm an Kinder aus Familien mit niedrigem Einkommen. Was ausgewogene Ernährung ist, lernen sie dabei durch Spiele, Puppentheater und gemeinsames Kochen." Der Konzern erläutert weiter: "Das Nutrir-Programm kombiniert Ernährungsberatung, individuelle Essenspläne, Sportunterricht, pädagogische Aktivitäten und Hilfe für Familien, deren Kinder mit Adipositas diagnostiziert werden. Über drei Millionen Schulkinder wurden mit dem Programm bis heute erreicht. Im Jahr 2015 hat das Programm 3.272 Lehrer fortgebildet, die 548.710 Kinder und Jugendliche in 1.060 staatlichen Schulen erreicht haben."

Desweiteren verweist der Konzern auf ein weiteres Projekt zur "Selbstständigkeit von Frauen aus wirtschaftlich schwachen Regionen", mit dem er erfolgreich Armut in den Favelas bekämpfe und zugleich gesundheitliche Aufklärung betreibe. Inzwischen habe Nestle über 6000 Frauen aus den Favelas zu Gesundheits- und Ernährungsberaterinnen ausgebildet und ihnen "Zugriff zu Nestlé Produkten ermöglicht, die sie in Eigenverantwortung – sowohl was Zeit, als auch Menge angeht – verkaufen können". Als ambulante Verkäufer- und Beraterinnen könnten sie so bei freier Zeiteinteilung zugleich aufklären und vermeintlich hochwertige Nestle-Produkte verkaufen - sogar durch Gewährung großzügiger Ratenzahlung, wenn bei den Kunden gerade Ebbe in der Kasse herrscht. Ein cleverer Schachzug zur langfristigen Bindung von Kunden an die Produkte eines Herstellers, hatten doch umfangreiche Marktsudien zuvor ergeben, dass man die bildungsfernen ärmeren Haushalte am besten über die ambulante Ansprache durch Vertrauenspersonen aus der Nachbarschaft (quasi von Haustür zu Haustür) erreicht.

--->>> Von der offizielle Nestle-Homepage: Wie arbeitet Nestlé in Brasilien?


das umfangreiche Nestle-Sortiment für den brasilianischen Markt

Und jetzt ? Gehts noch ? Warum zum Henker werden die brasilianischen Menschen im Allgemeinen und ihre Kinder im Besonderen bei all diesen Bemühungen trotzdem immer dicker?
Für Aufruhr sorgte jüngst eine dreiseitige Reportage in der New York Times mit dem vielsagenden Titel: "How Big Business Got Brazil Hooked on Junk Food.", die durch den Nachdruck in der brasilianischen Presse jetzt auch in Brasilien für reichlich Wirbel und Diskussionen sorgt. Denn dieser Artikel hat es in sich, gibt er doch den großen internationalen Lebensmittelkonzernen wie Coca-Cola, KFC und vor allem Nestle eine große Mitschuld am brasilianischen Verfettungsproblem. Der Vorwurf wirkt schwer: die großen weltweit agierenden Lebensmittelkonzerne würden in den Schwellenländern viele Produkte anbieten, die sie in den Industrieländern gar nicht mehr absetzen könnten, weil sie zu salzig, zu fett und vor allem zu süß seien. In Brasilien träfe etwa Nestle auf diese Weise nicht nur die ohnehin vorhandene Vorliebe der Brasilianer für sehr süße und fette Nahrungsmittel, sondern könne auf diese Weise sogar Umsatzrückgänge in den entwickelten Industrieländern ausgleichen. Nestle sei der Prototyp eines multinationalen Konzerns, "der mit einer aggressiven Strategie expandiere, in die Politik eingreife, mit der Gesundheit der Bevölkerung spiele und eine ganze traditionelle Essenskultur ausradiere". Harter Tobak, den Nestle unmittelbar danach u.a. mit beteuernden Hinweisen zu entkräften versuchte, dass man in den letzten Jahren doch schon in etwa 9000 Produkten Zucker, Salz und Fett reduziert habe und viele Produkte sogar durch Vitamine und Mineralstoffe angereichert habe.

Doch auch wenn Kritiker an industriellen Lebensmitteln a la Nestle durchaus zugeben, dass es viele Ursachen für Fettleibigkeit gibt, ist für Ernährungsexperten ein direkter Zusammenhang zwischen stark zunehmendem Übergewicht in der Bevölkerung und den steigenden Verkaufszahlen von industriellen Lebensmitteln und Fast-Food-Produkten , deren Anteil in nur 5 Jahren zwischen 2011 und 2016 weltweit um 25 bzw. 30% Prozent gewachsen ist, ziemlich eindeutig: Sie seien ein Spiegelbild veränderter Lebensweisen in der urbanisierten Welt. Selbst Nestle gibt inzwischen zu, dass durch das Bestreben, industrielle Lebensmittel breiter zugänglich zu machen, ein nicht erwarteter Nebeneffekt eingetreten sei: eine starke Zunahme von Fettleibigkeit.

Auf einen ganz anderes Motiv zur Dickleibigkeit weist der Journalist Klaus Hart hin: Frustesser! – und hat hier besonders jenen Großteil an Brasilianern im Visier, die in Favelas leben müssen, wo die Menschen besonders unter Spannung, Streß, Gewalt und Bandendiktatur leiden müssten. So schreibt er:„Armut macht fett“ lautet eine Studie, die biologische Hintergründe erklärt: Das Nervensystem eines unterernährten Kindes registriert inadequate Ernährung und aktiviert deshalb aus Gründen des Überlebens Mechanismen zur Fettspeicherung. Diese Programmierung aus der Kindheit währt fürs ganze Leben und führt zur Fettleibigkeit. Jeder aufmerksame Besucher brasilianischer Großstädte bemerkt, wie wenig sich die Leute bewegen, wie wenig man Sport treibt, weit weniger als früher. Und über achtzig Prozent der Brasilianer leben inzwischen in Städten, die so entsetzlich dichtgebaut sind, daß nicht nur in den Slums der Platz für Parks oder Sportanlagen schlichtweg fehlt."

Wer als Besucher aufmerksam durch Brasilien läuft, wird in den Städten nicht nur die unglaublich hohe Anzahl von Fast-Food-Ketten und -Buden registrieren, sondern auch in den Supermärkten gerade der großen Städte die Omnipräsens der Produkte internationaler Lebensmittelkonzerne wie Nestle, Danone und Co. bemerken. Zwar gibt es in bestimmten Regionen bei bestimmten Produkten dann auch immer mal wieder Angebote lokaler kleinerer Anbieter, die oft hervorragend schmecken und gleichzeitig deutlich preiswerter sind. Sie bleiben aber auf lokale Märkte beschränkt und haben kaum eine Chance, sich gegen die Großen wirklich auf Dauer zu behaupten. Und wenn Nestle mit seiner genialen Geschäftsstrategie, in Gegenden mit vorwiegend armer Bevölkerung ambulante "Beraterinnen" und Verkäuferinnen ihre Produkte direkt an der Haustür ihrer Nachbarschaft als "hochwertig" bewerben und verkaufen zu lassen, so haben andere lokale Händler auf Dauer kaum noch eine Chance. Denn gerade bei armen bildungsfernen Familien hat die Empfehlung der Bekannten aus der Nachbarschaft hohes Gewicht, noch dazu, wenn man den Kunden bei Geldmangel dann sogar noch großzügige Ratenzahlungen ermöglicht . Nestle gibt selbst zu, dass dieser Geschäftszweig selbst jetzt in Zeiten der Wirtschaftskrise um jährlich 10% wächst.


























































Auch wenn ich mich nun bei Brasilianern, die diese meine folgende literarische Verknüpfung durch Zufall mal lesen, unbeliebt mache und vermutlich mit einem längeren Einreiseverbot belegt werde! Es muss gesagt werden dürfen: Man hat als unbedarfter, unschuldiger Reisender beim Anblick so vieler sehr übergewichtiger Brasilianer/innen manchmal den Eindruck, sie eiferten den edlen Worten unseres berühmten Forschungsreisenden Alexander von Humboldt nach, der damals bei seiner Reise durch Südamerika beim Anblick eines ganz anderen Volkes, der indigenen Menschen Venezuelas, in sein Tagebuch schrieb: " „Männer und Weiber sind sehr muskulös, aber die Körper sind fleischig mit runden Formen“. [...]„Sie sind meist von kleinem Wuchs. Ihr Körper ist gedrungen, untersetzt, die Schultern sind sehr breit, alle Glieder rund und fleischig.....Der Gesichtsausdruck ist nicht eben hart und wild, hat aber doch etwas Ernstes, Finsteres. Die Stirn ist klein, wenig gewölbt; daher heißt es auch in mehreren Sprachen dieses Landstrichs von einem schönen Weibe, sie sei fett und habe eine schmale Stirne“ .


ein typischer brasilianischer Fast-Food-Imbiß

Letztlich ist das schon eine verrückte Angelegenheit, mit der ich mich in dieser Kolumne auseinandergesetzt habe:
Auf der einen Seite haben wir eine recht bedeutende Zahl von Brasilianern mit einem Hang zu einem obsessiven, bizarr anmutenden Körperkult, die für einen perfekten Körper zu allen Schandtaten bereit sind, auch zu einer oder sogar mehreren Schönheits-Operationen. Doch diese Gruppe scheint kleiner zu werden, denn auf der anderen Seite achten viele Menschen in Brasilien im Gegenzug überhaupt nicht mehr auf ihren Körper und werden immer dicker. Und wie gehen die Dicken nun mit ihrem Problem in der Öffentlichkeit um ? Nun, man kann natürlich nicht ins Gehirn dieser Menschen schauen und feststellen, was sie wirklich denken, aber eines fällt einem auf jeden Fall auf: Das ist der zumindest äußerlich bemerkenswert lässige Umgang von dicken Brasilianern mit ihrer Körperfülle. Es mag natürlich zum großen Teil auch dem tropischen Klima geschuldet sein, aber wie selbstverständlich und mit welcher Gelassenheit die meisten am Strand und auch sonst wo ihre Körperfülle präsentieren, das ist schon bemerkenswert. Da werden dicke Beine in engste Leggings und Shorts gezwängt, da quellen die Speckringe und baumeln dicke Bäuche beschwingt und fröhlich über den Hosenbund, das es eine wahre Freude ist - oder man aus Scham manchmal gar nicht mehr hinschauen mag. Doch muss es andererseits ja auch einige dicke Menschen geben, die insgeheim an ihren aus den Fugen geratenen Körpern zu leiden scheinen, denn nur so lässt sich erklären, warum sich immer mehr dicke Menschen zu chirugischen Eingriffen entschließen. Und hier schließt sich der Kreis vom anderen Ende her: Über 60.000 Magenringe werden laut Medien zur Unterstützung einer Gewichtsreduzierung inzwischen eingesetzt (Zahlen von 2010), eine Steigerung von annähernd 300% in nur 6 Jahren. Und Fettabsaugen ist ebenfalls schwer im Trend. Zudem sieht man in den letzten Jahren bei der Durchreise auch in der tiefsten Provinz am späten Nachmittag inzwischen eine Menge Walker und Jogger, die mangels geeigneter Flächen in den Orten und auch außerhalb, wo alles eingezäunt ist, kilometerweit rechts und links der Bundesstraßen im Staub entlanglaufen. Bei vielen hat man aber zugleich angesichts ihrer Körpermaße und der Gemächlichkeit , mit der sie dahertraben, den Verdacht, es wäre sinnvoller, neben der Bewegung auch durchaus etwas an ihren Ernährungsgewohnheiten zu arbeiten, um einen anhaltenden Effekt zu erzielen. Aber immerhin. Ein bißchen tun ist mehr als Nichts.

Letztlich hat dieser ganze von mir beschriebene Schlamassel aber zum Schluss auch einen positiven Aspekt - zumindest für den Touristen, der Brasilien erstmals im Urlaub erkunden will. Vor etlichen Jahren bedurfte es noch der aufmunternden Worte des lange in Südamerika lebenden Diplomaten und Journalisten Carl D. Goerdeler, um kopflastigen, körperscheuen Mitteleuropäern in seinen Buch "Kulturschock Brasilien" die Scheu vor einem touristischen Brasilientrip zu nehmen, als er schrieb: „Schmeißen Sie ihren ganzen schweren Plunder aus dem Norden in die Ecke! Reißen Sie sich die Schalen vom Leibe, entzwiebeln Sie sich. [...] Sie dürfen sich ihres Körpers nicht schämen, auch wenn der nicht die idealen Maße aufweist. Tragen Sie mit Stolz, was Sie haben. Und bedecken Sie es nicht zu sehr". Na, ist das nicht heute angesichts der "brasilianischen Entwicklungen" viel einfacher zu bewerkstelligen als noch vor Jahren? Deshalb rufe ich allen Brasilien-Interessierten an dieser Stelle zu: Nur Mut, auf nach Brasilien in den Urlaub und lasst den Speck in der Sonne braten. Man könnte es natürlich auch so machen wie ich vor einem Jahr, als ich mein Gewicht dauerhaft um etliche Kilos (8-9 bei mir) reduzierte; das neue jugendliche Kampfgewicht von konstant 75 Kilo (bei 1,83m Körpergröße) weckt neue Lebensgeister und das Entblättern am Strand macht doppelt so viel Spaß!! Isss soo!!!

Ganz zum Schluss möche ich noch zwei Aspekte ansprechen, die mir beim Schreiben dieser Kolumne in den Fokus geraten sind:

Da wäre einmal mein veränderter Blick auf die Nestle-Aktie. Über zwei Fonds (Flossbach Opportunities und Acatis Gane) halte ich die Aktie ja auch in meinem Depot und hatte bisher immer ein eher neutrales, eher wohlwollendes Verhältnis zu dieser Firma. Die intensivere Beschäftigung mit dessen weltweiten Geschäftspraktiken hat nunmehr allerdings mein Bild über Nestle in kritischem Sinne grundlegend verändert. Wenn man sich jetzt noch neben den in der Kolumne angesprochenen Aspekten die Art und Weise anschaut, wie Nestle und Co. sich seit geraumer Zeit in Schwellen- und Entwicklungsländern wichtige Wasserquellen unter den Nagel reißen, dann platzt mir schon die Hutschnur und ich frage mich, ob ich diese Geschäfts-Praktiken auch noch als Investor unterstützen soll. Nachhaltiges Investieren jedenfalls geht anders.

--->>>Attac: Wasser-Privatisierung in Brasilien und der 'Fall' Nestlé

Der zweite Punkt: Wenn sich Journalisten in der deutschen Presse mal zu Brasilien äußern, was selten genug vorkommt, dann fällt mir immer wieder auf, dass sie gern über beobachtete Dinge berichten, die sie verallgemeinernd dann dem ganzen Volk überstülpen. In der Mehrzahl der Fälle meinen sie aber eigentlich die großen Metropolen und hier in erster Linie Rio de Janeiro. Das ist natürlich absurd. Niemand käme in Deutschland auf die Idee, die Verhaltensweisen und Lebensgewohnheiten etwa der Münchner SchickiMicki-Szenerie oder der sich als Weltbürger und Metropolen-Trendsetter gebärdenden Berlin Trend-Szene auf ganz Deutschland zu übertragen. So wie die brasilianische Abart der Country-Musik, der Sertaneja mit seiner Herz- und Schmerz-Lyrik, die man landauf- landab bis in die tiefste Provinz hören kann, in den angesagten Szenekreisen der Metropolen Rio und Co. als "Hinterwäldler"-Musik verachtet wird, so wenig wird vermutlich der übergewichtige Brasilianer aus den Provinzkäffern Mato Grossos und Co. mit dem exzessiven Körperkult der Cariocas in Rio anfangen können. Denn hier wie dort ticken die Uhren völlig anders. Und das ist auch gut so. Wenn ich nun aber anfangen würde, auch noch genauer über diese Thematik zu philosophieren, dann kommt zum Schluß ein Buch heraus und keine Kolumne. Deshalb höre ich an dieser Stelle mal lieber auf.

Euer Tibesti aus der tiefsten Provinz Bahias - der berühmten Costa do Cacao, wo die Menschen trotz gelegentlichem Stromausfall, ab und an lahmendem Internet und der stetigen Angst, dass einem überreife Kokusnüsse auf den Kopf fallen könnten, irgendwie einen entspannteren und zufriedeneren Eindruck machen als im Miesepeter-Deutschland. Naja, kein Wunder bei diesen Ablenkungen, zumindest aus Männersicht:

--->>>Psirico - Tem Xenhenhém


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Geschichten aus Südamerika 1


Inzwischen sind wir nun schon wieder gut einen Monat in Südamerika unterwegs und haben gerade ein erstes Zwischenziel im brasilianischen Bundesstaat Bahia erreicht. Zeit, um endlich nach exakt 5000 km on the road mal wieder durchzuschnaufen, über das bis jetzt Erlebte nachzudenken und mal wieder etwas länger im Internet zu surfen (inclusive einem ausführlicheren Blick auf die Börsen und auf Mr-Market). Zu diesem Zweck haben wir uns extra für einige Zeit vom Auto verabschiedet und uns in einer kleinen Pousada am Strand einquartiert.


unser aktuelles "Zuhause"


unsere Stimmung aktuell: relaxt und rundum zufrieden"

Und da mein angekündigtes "Schiffstagebuch" immer noch nicht endgültig fertiggestellt ist, weil ich mich enorm schwer damit tue, die Ereignisse mit Distanz und neutral zu formulieren, wende ich mich zunächst anderen Themen zu, indem ich einige Geschichten und Anekdoten aus Südamerika zum Besten gebe, die sich im Lauf der Zeit so angesammelt haben. Denn nach so einer langen Zeit in Südamerika (seit 2006) im Allgemeinen und in Brasilien im Besonderen fallen mir immer wieder viele Dinge auf, wo sich die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Menschen doch sehr stark von unseren auf Perfektionismus getrimmten, eher unterkühlten Mitteleuropäern unterscheiden. Ich möchte diesen Reigen an fortlaufenden Geschichten heute mal mit ein paar kleinen Anekdoten eröffnen - immer aus meiner ganz persönlichen subjektiven Sicht natürlich:

a) die "vorausschauende" Herangehensweise an mögliche Probleme, die in Kürze passieren könnten

Für uns Mitteleuropäer ist das im Regelfall ja wohl eher normal, frühe Anzeichen etwa für technische Probleme ernst zu nehmen und sie möglicherweise bereits zu beheben, bevor sie dann tatsächlich passieren. Viele Südamerikaner würden sich hierbei von vornherein an 2 Ausdrücken stören: Zum einen am Begriff "vorausschauend", denn wo noch nix Eindeutiges passiert ist, kann man auch noch kein Problem hineininterpretieren und zum anderen am "könnte in Kürze passieren", denn "könnte" heißt ja eben nicht, das es wirklich passieren wird, also wozu deshalb Geld, Zeit und Arbeit aufwenden, wenn dann erst mal doch nix passiert....

Ein konkretes Beispiel: Wir nahmen vor 5 Wochen in La Plata nahe Buenos Aires/Argentinien unser Reisefahrzeug wieder in Betrieb. Wie jedes Jahr parkt es dort für die Zeit unseres Deutschlandaufenthaltes für 1 Euro pro Tag auf dem Gelände einer kleinen LKW-Werkstatt, die eher im Ein-Mann-Betrieb von Eduardo, einem "eigentlich" begnadeten LKW-Fachmann zusammen mit 3 oder 4 bolivianischen Hilfsarbeitern betrieben wird. Beim Überprüfen der Kühlerflüssigkeit im Ausgleichsbehälter muss ich feststellen, dass sich aus dem geschlossenen Kühlsystem in den 6 Monaten meiner Abwesenheit schon wieder ca. 4 Liter Kühlflüssigkeit (von 25 insgesamt) in Luft aufgelöst haben. Das ist innerhalb eines Jahres jetzt schon das dritte Mal, das eine längere Standzeit von bereits wenigen Wochen zu Flüssigkeitsverlust führen. Im laufenden Betrieb dagegen geht kein Kühlwasser verloren und man sieht auch nirgendwo etwas tropfen. Mysteriös. Ich habe den Kühler im Verdacht, denn der ist nun auch schon 37 Jahre alt. Sollte da möglicherweise das Leck sein, indem durch spröde gewordene Kühlleitungen/Lamellen im Lauf der Zeit langsam, aber stetig Flüsigkeit verloren gehen. Ich diskutiere das Problem mit Eduardo, der das Problem zwar ebenfalls im Kühler sieht, allerdings Handlungsbedarf verneint: "Natürlich ist der Kühler asbach-uralt, aber das Problem ist doch wirklich minimal, da sehe ich jetzt überhaupt keinen Handlungsbedarf", wieso unnötig Geld ausgeben. Also gut. Ich bleibe dennoch skeptisch, aber wir wollen endlich nach der langen Schiffsfahrt mal wieder on the Road. In ein paar Wochen sind wir ja wieder im südbrasilianischen Blumenau und in unserer deutschstämmig geprägten "Lieblingswekstatt", dort werde ich das Problem noch einmal ansprechen. 2 Wochen später bei Kuhlmann in Blumenau. Ich erteile den Auftrag, den Kühler mal auszubauen und in einer Fachwerkstatt überprüfen zu lassen. Und sollte es vor Ort passenden Ersatz geben, den ganzen Kühler prophylaktisch durch einen neuen zu ersetzen. Ergebnis nach einem Tag: Ja, mein Kühlermodell gibt es, sogar vorrätig und ja, der Kühler muss "dringendst" ersetzt werden, da ist nichts mehr zu reinigen oder zu reparieren und ich wäre mit ihm auch nicht mehr weit gekommen, es sei eher schon 5 nach 12 statt 5 vor 12 für einen Austausch. So ist unsere Reisekasse dadurch zwar um 700 Euro erleichtert worden, aber erleichtert bin auch ich, dass ich das richtige Gespür für das Problem geahnt habe. Ein südamerikanischer Autofahrer dagegen wäre in diesem Fall sicher so lange weitergefahren, bis der Kühler endgültig geplatzt wäre, allein schon, um die Kosten einer möglichen Reparatur so lange wie möglich hinauszuzögern, kein Wunder beim notorischen Verschuldungsgrad vieler privater Haushalte (auch der Mittelschichten), die sich Monat für Monat mit Ach und Krach durch ihre Ratenzahlungen hangeln müssen. "Wo noch nix passiert is, muss ma auch erstmal nix reparieren, gell?!"

b) Das "Geduldsspiel"! Der Härtetest für Europäer auf Südamerikatauglichkeit

"Reisender, gehst du in einen großen Supermarkt rein, bleib stets geduldig und fang nicht gleich an zu schrei(e)n....".

Wer jemals in Deutschland bei einem der großen Discounter Aldi oder Lidl eingekauft hat, weiß vermutlich um die atemberaubende Geschwindigkeit, mit der das Personal an den Kassen die Waren einscannt, so dass man bei der kleinen Ablagefläche hinter der Kasse als Kunde eher in Stress gerät beim Versuch, die gekauften Waren mit der gleichen Geschwindigkeit einzutüten, wie sie sich da vor einem auftürmen. Und er kennt vielleicht auch die (zumindest in Berlin) oft latent agressive Pöbelei von Kunden gegenüber Mitarbeitern, die bei erhöhtem Kundenaufkommen nicht schnell genug eine weitere Kasse aufgemacht haben, so dass der ach so geplagte Kunde ein paar Minuten länger warten muss. Beide Personengruppen, die Kassierer(innen) und die gestressten Kunden würde in vielen brasilianischen Supermärkten der ultimative Schlaganfall treffen angesichts der atemberaubenden Langsamkeit, mit der die Bezahlvorgänge an vielen Kassen abgewickelt werden. Und selbst ich bin nach den vielen Jahren in Brasilien ja für meine Verhältnisse inzwischen eher tiefenentspannt, kann aber doch ein verzweifelten Aufstöhnen und Augenrollen von Zeit zu Zeit immer noch nicht unterdrücken. Natürlich darf man dabei nicht alle Supermärkte über einen Kamm scheren, es gibt solche und solche, aber in der Mehrzahl ist das Phänomen zu offensichtlich, als dass man es übersehen könnte. Einfach mal als Angestellter in der Mittagspause einen kleinen Einkauf im Supermarkt um die Ecke erledigen: Vergiss es, du weißt nie, wann du aus diesem Laden wieder rauskommst. Die Ursachen hierfür sind vielfältig:

- Banal ist natürlich der Hinweis, dass im (sub)tropischen Klima das Arbeitstempo generell langsamer und gemächlicher ist als in kühlen Ländern und die Menschen hier halt von Natur aus zu mehr Gelassenheit und Pflegma neigen.

-Aussagekräftiger ist da schon der Punkt, dass an brasilianischen Supermarktkassen nicht nur Waren eingescannt werden, sondern zugleich auch die unterschiedlichsten Rechnungen bezahlt werden können (etwa Stromrechnungen und dergleichen). Es ist also nicht selten ein schwerwiegender Fehler, sich an einer bestimmten Kasse anzustellen, weil der vor einem Wartende scheinbar nur einen Artikel kaufen will, er dann aber an der Kasse einen Stapel Rechnungen auf der Tasche zieht und die alle nun bezahlen will. Genauso die berühmte Ar...karte hat man gezogen, wenn sich zu der vermeintlich nur wenig einkaufenden Kundin vor einem auf einmal ein Ehemann mit einem schwer beladenen Einkaufswagen gesellt. Die Frau war nur der Platzhalter.

- Brasilianer neigen zu Großeinkäufen. In Stoßzeiten führt das oftmals zu langen Warteschlangen an den Kassen. Und weil Brasilianer gern viel einkaufen, existieren in vielen Supermärkten die „Schnellkassen“ für Kunden mit maximal 10 oder 15 Produkten. Doch was tun, wenn sich in der Schlange vor den Schnellkassen etwa 50 Personen versammelt haben, von den 8 Schnellkassen aber nur 2 geöffnet sind. In Deutschland hätten wütende Kunden nach dem Filialleiter gerufen, einen Eklat vor der nach Hilfe klingelnden Kassiererin verursacht. Die wartenden Brasilianer nutzten die Zeit eher, neue Freunde unter den Mitleidenden zu finden.

- Brasilaner neigen zum Bezahlen mit Kreditkarten. Selbst kleinste Pfennigbeträge werden oftmals mit Kreditkarte bezahlt. Selbst ohne Brasilianisch-Sprachkenntnisse muss man an den Kassen beim Bezahlen mit Karte immer auf die 2 Fragen eine Antwort wissen: Zahlen sie "Debito" oder "Credito" und "Quanto Quotas" (Wieviele Raten). Auch ein Minieinkauf von wenigen Euro kann in mehreren Raten beglichen werden, denn das Grundprinzip der brasilianischen Wirtschaft heißt Kaufen auf Pump.. Alle Welt ist hoch verschuldet, kriegt die Kreditkarten nachgeschmissen und rettet sich durch Ausschöpfen der verschiedenen Kartenlimits über die Zeit. Und wo ist jetzt das Zeitproblem an der Kasse ? Nun, nicht immer funktionieren die Kartenlesegeräte einwandfrei, Karten müssen den Weg durch den Karten-Leser oft mehrere Male nehmen. Die Angestellten haben ihre eigenen Methoden entwickelt, Karten zum Laufen zu bringen. Zum Beispiel an der Hose warm rubbeln, anpusten, Tesafilm über den Magnetstreifen kleben oder sie in einen Plastikbeutel packen und dann durch das Gerät ziehen. Das dauert dann eben auch mal etwas länger. Aber nicht, dass sich jemand beschweren würde. Es ist ganz normal.

- Das Problem mit der Zuverlässigkeit der Kartenlesegeräte ergibt sich erst recht beim Einscannen der Waren. Unglaublich oft sind die Scan-Etiketten der Waren nicht lesbar, werden vom Personal dennoch immer und immer wieder über das Laserfenster geschoben, bis es endlich dämmert, das wird so nix, ich muss den Strichcode jetzt per Hand eingeben. Und das dauert, denn flink beim Tippen sind die Wenigsten.

- Umständliche und unverständliche Arbeitsabläufe. Viele Supermärkte verzichten inzwischen auf das Wiegen und Auspreisen von Obst und Gemüse in den jeweiligen Abteilungen. Das erfolgt dann wie bei uns in Deutschland an den Kassen selber. Bloß dann muss der Kassierer/die Kassiererin schon perfekt beim Erkennen der jeweiligen Obst/Gemüsesorte sein, um den korrekten Preis zu ermitteln. Und das ist oftmals nicht der Fall und führt dann zu unnötigen und endlosen Verzögerungen. Ein anderes Grundproblem: Kein Brasilianer kommt auf die Idee, seine gekauften Waren selbst einzutüten bzw. einzupacken. Das erledigen im günstigsten Fall zusätzliche Hilfskräfte, die die Waren unter der Verwendung der größtmöglichen Anzahl von dünnen Plastiktüten einpacken. Im ungünstigen Fall jedoch muss das vom Kassenpersonal selbst erledigt werden: Also Einscannen der Waren, Öffnen einer Plastiktüte und rin mit dem Artikel. Und die Brasilianer: Stehen lieber geduldig in der Schlange statt selber Hand anzulegen. Ich kenne aus Erzählungen zumindest einen konkreten Fall, wo eine Brasilianerin auf Besuch in Deutschland sich beim Einkauf im Supermarkt schlicht weigerte, ihre Waren selbst einzupacken. Das kannte sie nicht und sie fand das höchst empörend, so mit einer Kundin umzugehen.


Heimlicher Blick von außen auf die Kassen eines Supermarktes: rechts in Gelb ein "Einpacker" vom Dienst, an den anderen Kassen wird die Verkäuferin gleich selbst Hand anlegen, peinlichst darauf achtend, dass unterschiedliche Waren auch in verschiedenen Plastiktüten verschwinden. Ganz links ist der Einkauf praktisch beendet mit dem Ergebnis: Alles versinkt in einem Meer von Plastik...

Ein anschauliches Beispiel für das Abenteuer Supermarkteinkauf kann ich auch gleich beisteuern; der Vorfall ist erst wenige Wochen alt und keinesfalls untypisch in seiner Krassheit: Wir haben eingekauft. Im wesentlich füllen 1,5 Liter-Flaschen Softdrinks (Guarana light-unser Lieblingsgetränk) den Einkaufswagen, 10 Stück insgesamt, davon 6 noch in Plastik eingeschweißt als SixPack und 4 Flaschen lose. Hinzu kommen noch ein paar andere Kleinigkeiten und zuletzt noch ein paar Laranjas-Apfelsinen. Das Auswiegen von Obst und Gemüse geschieht hier offensichtlich direkt an der Kasse und ich stutze sichtlich angesichts der verschiedenen Apfelsinensorten, die hier im Angebot sind: 6 oder 7 verschiedene Sorten sind es und sie sehen sich zum großen Teil verdammt ähnlich. Wie zu Henker soll der Mensch an der Kasse denn eigentlich die richtige Sorte identifizieren, denke ich mir, ich könnte das nicht und merke mir vorsichtshalber Kilopreis und Namen der gewählten Sorte: Bahianinhas heißen sie, die kleinen Bahianer. Wir steuern die Kassen an, es ist jetzt am späten Nachmittag nicht so wahnsinnig viel los im Geschäft. Also gleich ran an die erste verfügbare Kasse, denn nur eine Kundin mit mittelvollem Einkaufswagen ist vor uns. Und prompt dauert es wieder. Erst will der Scanner bei gleich mehreren Artikeln nicht so richtig, dann ist ein Fehler passiert und es muss nach der Person mit dem Kassenschlüssel zwecks Korrekur geklingelt werden. Däumchen drehen ist angesagt. Danach kommt etliches an Obst und Gemüse aufs Kassenband. Es wird gewogen und dann.....wird der richtige Artikel auf dem Kassendisplay gesucht und gesucht und gesucht. Heilige Mutter der Supermärkte rette uns....Erst im tatkräftigen Zwiegespräch zwischen Kundin und Kassiererin wird endlich auf dem Display der korrekte Artikel identifiziert und die richtige Taste kann gedrückt werden. Dieser Vorgang wiederholt sich gleich noch zweimal bei verschiedenen Obstsorten und als die Kundin vor uns endlich abgefertigt ist, sind glatt 15 Minuten ins Land gegangen, denn die Waren müssen anschließend von der Kassiererin ja auch noch in Plastikbeutel eingetütet werden. Endlich sind wir an der Reihe und ich bin in Bezug auf die Flaschen schon gespannt wie eine Flitzbogen, weil ich schon förmlich rieche, was gleich passieren wird, denn dieses Vergnügen mit den Flaschen hatten wir ja schon öfters. Ich packe also mal wieder eine von den losen Flaschen aufs Laufband und sage zur Kassiererin, indem ich auf die restlichen 9 Flaschen im Einkaufswagen zeige: "Es sind insgesamt 10 Flaschen". Und tatsächlich, es klappt wieder wie am Schnürchen. Mit gerunzelter Stirn blickt das Mädel auf die Flaschen im Wagen und ich erkenne sofort: Sie ist nicht in der Lage, deren Anzahl mit einem einzigen Blick zu erfassen. Statt dessen beugt sie sich weit nach vorn und fängt mit dem ausgestreckten Finger an zu zählen, zunächst die losen Flaschen: um, dois, tres und ja, mit der Flasche auf dem Laufband macht das nun insgesamt quatro. Was würde die erfahrerene Kassiererin in Deutschland nun tun ? Richtig! Sie nimmt die eine Flasche auf dem Laufband in die Hand, scannt einmal den Preis und drückt anschliessend auf der Tastatur "*10" oder seien wird gnädig und bleiben brasilianisch: zumindest "*4". Und hier: Nein, es wird gescannt und gescannt und gescannt und gescannt, insgesamt viermal hintereinader. Puuhh, geschafft. Doch jetzt wirds schwierig und was jetzt folgt, kann ich nur vermuten. Der Blick unserer armen Kassiererin wandert wieder zum Einkaufswagen, denn da sind ja noch mehr Flasche zu beachten: Nämlich der eingeschweisste Sixpack. Vorsichtshalber zählt sie den Sixpack noch mal durch, nicht dass der sich auf einmal unvermutet in ein achtpack verwandelt. Wieder nimmt sie eine der losen Flaschen und scannt wieder los und ich zähle leidend im Stillen mit: cinquo, seis....und nun hört sie sichtlich verwirrt auf. Ich vermute, sie hat wieder im Stillen mit eins angefangen zu zählen oder weiß jetzt nicht mehr, zu welcher Gruppe die letzten 2 Scans zugeordnet werden müssen, zum sixpack oder zum losen fourpack. Und überhaupt: sie weiß generell nicht mehr, wie oft sie jetzt schon gescannt hast. Es bleibt nur eine Lösung: Sie muss nach Hilfe klingeln, derweil du als mittel intelligenter Kunde einfach nur dastehst, Stoßgebete gen Himmel flüsterst und eine stille Schimpfkanonade auf das wirklich miserable öffentliche Schulsystem in Brasilien vom Stapel läßt. Absolute Bildungsferne großer Gruppen junger Menschen vor allem aus ärmeren Bevölkerungsschichten ist in Brasilien noch ein geschmeichelter Begriff für das Versagen des Staates im Erziehungssektor. Mit zusätzlicher Hilfe der herbeigeeilten "Oberchefin" der Kassen geht es jetzt natürlich schnell. Erst wird auf dem Kassendisplay überprüft, wie oft die Flaschen denn nun schon gescannt wurden, dann reicht ein Blick in den Wagen, um festzustellen: "Mädel, du musst noch viermal scannen, dann ham wer sie alle im Kasten! Na Gott sei Dank! Die weiteren Artikel gehen dann schnell, bleiben noch die Apfelsinen und jetzt erkenne ich auch das Problem, vor dem die Kassiererin bei Obst und Gemüse steht, denn nun kann ich selbst einen Blicks aufs Kassendisplay werfen. Zunächst werden die Apfelsinen gewogen und nun muss auf dem Display der entsprechende Artikel zugeordnet werden. Das geschieht durch kleine Bildchen, die mit Text untermalt sind. Es beginnt wie bei Günther Jauchs-Millionenspiel einfach. Die Kassiererin drückt eine bestimmte Taste und es erscheint eine Seite mit zwei Bildchen: Obst oder Gemüse. Obst! Eine neue Seite erscheint und jetzt muss aus verschiedenen Bildchen die richtige Kategorien-Zuordnung erfolgen: Zitrusfrüchte. Richtig! Danach folgt eine Seite mit Unterkategorien: Man wähle in unserem Fall: Laranjas. Doch jetzt wirds schwierig, denn wir sind inzwischen bei der 5000-Euro-Frage angelangt. Auf den folgenden zwei Seiten erfolgt eine Auflistung aller Laranja-Sorten, die überhaupt im Angebot sein könnten, alle mit Namen benannt und mit Schaubildchen untermalt. Doch die sehen sich alle sehr, sehr ähnlich. Und jetzt ? Mädchen, du hast noch drei Versuche, den 50 zu 50 und den Publikumsjoker zur Verfügung. Da geht noch was. Sie wählt zunächst die falsche Sorte und wenn ich jetzt den entsprechenden Preis wüsste, könnte ich mich als Kunde spontan entscheiden, ob der mir passt oder eher nicht. Doch nun greife ich lieber ungefragt ein, aktiviere den Publikumsjoker und flüstere die Lösung: "Das sind Bahianinhas". Gemeinsam suchen wir das entsprechende Bildchen auf dem Display, die richtige Taste kann gedrückt werden und wir sind endlich alle erlöst von allen Qualen, wobei mir die Kassererin in diesem letzten Fall sogar leid tut, denn das finde ich schon eine starke Herausforderung, sämtliche Obst- und Gemüsesorten auf diese Weise identifizieren zu müssen. Bleibt als letzte Hürde noch der Vorgang des Einpackens. Denn ein ungläubiges Stirnrunzeln ist einem gewiss, wenn man auf einmal selbst mit anpackt, auf die Plastiktüten dankend verzichtet und statt dessen den mitgebrachten Stoffbeutel hevorzaubert. Ach ja - und ganz zum Schluss brauchts natürlich auch noch den Kassenbeleg, doch warum muss der eigentlich stets als Endlosbandwurm gleich in dreifacher Ausfertigung ausgedruckt werden ? Auch bei diesem Finale gehen unnötig Sekunden verloren, bis das Teil dann endlich aus dem Registriersystem vollständig ausgespuckt worden ist.....

Auch wenn der hier geschilderte Vorfall, der sich tatsächlich genauso abgespielt hat, vielleicht etwas sehr krass ist: In der einen oder anderen Form wiederholen sich solche Dinge in Supermärkten immer wieder (etwa die Sache mit dem Zählen von Artikeln), so dass der Eintrag in einem Brasilienblog keinesfalls überzogen ist: "Ein Einkauf in Rio ist immer ein Tagesausflug. Grundsätzlich sollte man sich von dem Gedanken verabschieden, aus einem Supermarkt schnell wieder herauszukommen."

c) das große Pfund der Menschen: Ihre spontane Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit Fremden gegenüber

Bleibt mir zum Schluss an dieser Stelle noch einen dritten - und in diesem Fall für die Brasilianer sehr positiven Punkt anzusprechen, in dem sich viele Brasilianer sehr stark von uns Mitteleuropäern unterscheiden: Das ist ihre unglaubliche Hilfsbereitschaft und auch Freundlichkeit, mit der sie einem Fremden begegnen. Wir konnten das letzte Woche erst wieder persönlich erfahren. Wir sind mit unserem Fahrzeug bergauf unterwegs, als es auf einmal einen heftigen Schlag aus dem Motorraum gibt. Erschrocken halte ich bei der nächsten Möglichkeit sofort rechts an und inspiziere den Wagen von unten. Herrjeh, was war jetzt das ? Ich kann auf den ersten Blick nichts feststellen, der Motor läuft im Leerlauf ruhig vor sich hin, alles scheint an seinem Platz, wo es hingehört. Allerdings: Wenn ich jetzt im Leerlauf Gas gebe, fängt der ganze Motor an, heftig zu vibrieren, was sich sogar auf die Fahrerkabine überträgt. Ist da die Motoraufhängung gebrochen ? Ich seh aber nix. Ein unrunder Ventilator gibt auch diesen Effekt, doch der ist ja noch ganz neu. Auf jeden Fall ist das alles nicht normal, wir brauchen offenbar mal wieder eine Werkstatt. Praktischerweise ist in nur 10 Kilometer Entfernung die nächste mittelgroße Stadt. Wir fahren vorsichtig weiter und dann beginnt wieder das große Suchspiel. Brasilien ist ein Autofahrerland und so sind die großen Ausfallstraßen in Städten rechts und links gepflastert mit Autozubehörgeschäften und allen möglichen Werkstätten: für Blattfedern, Einspritztechnik, Elektrik, Reparaturen aller Art und was es sonst noch alles so gibt. Doch welchem dieser oftmals sehr kleinen und auf den ersten Blick nicht sehr vertrauenerweckend aussehenden Buden willst du dich nun anvertrauen ? Unschlüssig fahren wir die Straßen hoch und wieder runter und wieder hoch. Alles ist wenig überzeugend. Schließlich halten wir an einem Geschäft, vor dem ein großer Pickup steht, um den sich vier wohlhabend und gebildet aussehende Männer versammelt haben. "Lass uns doch einfach mal die Leute da fragen, ob sie eine Werkstatt mit einem guten Mechaniker kennen." Das tun sie nach kurzer Beratung in der Tat und als sie merken, dass wir ihrem Versuch, uns den Weg dorthin zu erklären, nicht so richtig folgen können, setzt sich einer der vier kurzer Hand in seinen Pickup: "Fahrt mir einfach nach, ich zeig euch den Weg." Und so schleust er uns durch den Ort, bis wir schließlich vor einer kleinen Werkstatt halten. Und während wir dem Chef des Ladens unser Problem erläutern, bleibt er die ganze Zeit dabei und wartet eine Diagnose ab. Und kaum zu glauben: Uns hat es tatsächlich den gerade erst neu eingebauten Ventilator zerlegt, ein Flügel ist komplett abgebrochen, jetzt läuft das Teil unrund und verursacht die Vibrationen. Wir müssen in eine Spezialwerkstatt für Radiatoren, die es zum Glück auch in dieser Kleinstadt gibt. Wieder bietet sich unser Pickup-Fahrer als Chauffeur an und lotst uns zu der neuen Adresse, wo unser Schaden dann innerhalb eines halben Tages behoben werden kann und auch die Ursache für den Defekt gefunden wird. Da haben sich an der äußeren Plastik-Kühlerverkleidung Risse gebildet, die sich allmählich so erweitert haben, dass schließlich ein großes Plastikdreieck abgebrochen und praktischerweise direkt in den laufendenVentilator gefallen ist. Peng!! Jetzt stelle man sich diese Geschichte mal in Deutschland vor. Welcher Mensch in Deutschland würde fast zwei Stunden seiner Zeit dafür opfern, einen ihm völlig Unbekannten durch die Stadt zu lotsen und auch danach weiterhin hilfsbereit zur Seite zu stehen..? Ich denke, eine Antwort erübrigt sich. Ein ähnlicher Fall von Hilfsbereitschaft dann eine Woche zuvor in einer anderen Stadt. Auf einmal geht der Motor sofort aus, wenn ich vom Gas gehe und beim Checken des Motorraums stelle ich fest, dass das Kugelgelenk des Gestänges der Motorbremse ausgeschlagen ist und dieses Gestänge nun lose im Motorraum rumbaumelt. Schöner Mist, so können wir nicht weiterfahren, es ist kurz vor halb 6 am Donnerstagabend und am nächsten Tag, Freitag, ist gesetzlicher Feiertag in Brasilien. Uns droht ein langes Wochenende. In Windeseile steuern wir noch hektisch eine Werkstatt an, die wir rechts an Straßenrand entdecken. Die Leute wollen gerade zumachen, aber der Chef schaut sich unser Problem noch an. Dann demontiert er das ganze Gestänge, verschwindet für eine knappe halbe Stunde und als er wiederkommt, glänzt an unserem Gestänge ein neues Kugelgelenk. Alles ist schnell wieder eingebaut und kurze Zeit später sind wir wieder startklar. Unglaublich. Und das Ganze noch ohne Überstunden- oder Touristenaufschlag: Umgerechnet ganze 6 Euro hat uns der Spaß gekostet. Und diesselbe Situation in Deutschland kurz vor Feierabend und vor einem Feiertag....? Vergiss es!




Und da hats rumms gmacht, ein abgebrochenes Plastikteil zerhaut den Ventilator und ich werde vorübergehend zum Schornsteinfeger





Aktuelle Reisenotizen

Zum Schluss noch ein paar Anmerkungen zur aktuellen Reise:

Wir haben auf unserer Fahrt Richtung Norden einige interessante Lücken auf unserer Brasilienkarte schließen können, als wir in einem großen Bogen die Metropolen Sao Paulo und Rio de Janeiro westlich und nördlich umfahren haben und als Highlight schließlich auf Nebenstrecken in der wunderschönen Bergwelt der Kegel-Granitberge im Grenzgebiet der Bundesstaaten Minas Gerais und Espirito Santo gelandet sind. Das berühmteste Beispiel eines solchen Kegelberge ist ja wohl der Zuckerhut, der in Rio an markanter Stelle die Einfahrt in die Bucht von Guanabara bewacht. Diese markanten Kegelformationen findet man in Brasilien ab Rio auf einer Länge von ca. 1000 Kilometer Richtung Norden/Bahia immer wieder und man fragt sich unwillkürlich: Wie mögen diese Berge wohl entstanden sein ? Nun, das Gestein all dieser Felsen besteht aus Granit und wird auf ein Alter von ca. 560 Millionen Jahren geschätzt. Lange bevor der Zuckerhut und all die anderen Kegel der Gegend an ihrem heutigen Standort zu sehen waren, war Brasilien Teil des alten Urkontinents Gondwana und hat sich aufgrund tektonischer Vorgänge (Plattentektonik) sowohl in der Gestalt wie auch in der Lage immer wieder verändert.
Ein bedeutender Einschnitt fand schließlich vor ca. 600 Mio. Jahren im Präkambrium statt, als während der Panafrikanischen Gebirgsbildung West- und Ostgondwana mit den Kontinent Baltika kollidierten. Damit einhergehend kam es in der Erdkruste entlang von Spalten zum Aufstieg glutflüssiger, granithaltiger Gesteinsschmelzen. Mächtige darüber liegende Gesteinsschichten verhinderten jedoch den Austritt als Lava, sodass diese Gesteinsschmelzen unter der Erdoberfläche innerhalb von Jahrmillionen als Granit auskristallisierten. Als Folge der stetig andauernden Verwitterung wurden dann im Zeitraum von vielen Jahrtausenden die den Granit überdeckenden Gesteinsschichten abgetragen, sodass die Granitfelsen wie der Zuckerhut zutage treten konnte. Und auch wenn Granite zu den harten Gesteinen zählen, verwittern auch sie. Die Kräfte von Wind und Wetter "arbeiten" seit der Freilegung des Felsens am Zuckerhut und an den anderen Granitbergen. Wasser dringt in die Klüfte, Spalten und sonstigen Schwächezonen des Granits ein und bewirkt durch chemische und physikalische Vorgänge, dass die Mineralien allmählich aus dem Gesteinsverbund gelöst bzw. gelockert werden. Zudem verursachen Temperaturschwankungen über die Jahre hinweg Spannungen im Gestein, die schließlich zu einem schalenartigen Abplatzen der äußeren Gesteinsschichten führen - wie bei einer Zwiebel. Die typische glatte Kegelform bildete sich heraus. Millionen Jahre später (etwa vor 100 Mio. Jahren) zerfiel dann der alte Großkontinent Gondwana und die Einzelteile drifteten auseinander und bildeten schließlich die Kontinentalmassen des heutigen Afrika und Südamerika.

Und als allerletztes....ein Geheimtip!

Wer in Deutschland keinen Bock mehr auf die GEZ-Haushaltszwangsabgabe hat und den Fernseher deshalb aus Protest schon längst entsorgt hat, aber als Fernsehsüchtiger aufs Fernsehen eigentlich trotzdem nicht verzichten kann, der wandere nach Brasilien aus, denn da gibt es in so manchem Ort ganz ohne GEZ tatsächlich öffentliches Fernsehen - den ganzen Tag und den ganzen Abend. Ungelogen! Aber ob das Programm aus Telenovelas, den täglichen Horrormeldungen über Gewalt und Mord aus den großen Städten und der Dauerwerbeberieselung dann wirklich glüclich macht.....Ick wees ja nicht so recht....


wenn da jetzt noch Mr-Market als Fernsehformat laufen würde.......

(P.S. Die Fotos sind übrigens alle mit einem Samsung Galaxy S7-Smartphone aufgenommen worden. Seit dem Kauf dieses ersten Smartphones in meinem Leben bin ich restlos angetan von der Fotoqualität dieser kleinen Knipse, die vor allem bei Low-Light exzellente, rauschfreie Bilder produziert. Eigentlich bleibt meine große Kamera seitdem eingetütet im Schrank, ich vermisse sie kaum noch - außer für Aufnahmen im Telezoom-Bereich).

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