Die Gesellschaft der Schatten



Ich möchte an diesem ruhigen Tag noch einmal explizit auf den neuen Thread -> Sonderthemen-Wünsche <- hinweisen.

Darin hatte ich Sie gebeten, mir die Themen zu nennen, die Ihnen persönlich auf den Nägeln brennen oder die Sie interessieren, so dass ich dann wenn möglich auf Ihre Bedürfnisse eingehen kann. Denn ich kann nicht Gedankenlesen und kann immer nur vermuten, wo Ihre Defizite oder Bedürfnisse in Sachen Geldanlage liegen.

Sie dürfen aber auch über das reine Thema Geldanlage hinaus gehen, die ganze Bandbreite dessen, was ich hier thematisiere ist offen, von Politik bis zu privaten Themen. Wenn ich zu etwas nichts sagen kann oder nichts sagen will, bin ich ohne Probleme in der Lage, dazu *Nein* zu sagen. Sie müssen sich also keine Sorgen machen "zu viel zu verlangen", weil meine Schultern breit genug sind, dass Sie gar nichts von mir "verlangen" können, sondern ich nur das bereit bin zu geben, was ich auch geben will. Es gibt aber eben viele Themen, die ich bestimmt gerne mit Ihnen teile, auf die ich jetzt aber nicht komme und genau dazu dient dieser Thread.

In diesem Zusammenhang will ich gleich als Hinweis loslassen, dass zu allgemeine Wünsche eher geringe Chancen haben erfüllt zu werden. Wir hatten das Thema im letzten Frühjahr und Herbst schon einmal, als ich unter den Überschriften -> Themen die Sie interessieren <- und -> Was würde Sie interessieren? <- einen ähnlichen Aufruf gestartet habe.

Schon damals habe ich geschrieben und es ist weiter gültig:

Bedenken Sie, dass ein Artikel ein Artikel ist und kein Buch. Fragen wie "wie funktioniert Risikomanagement" sind nicht zu beantworten, dazu kann man nur schweigen. Denn das ist ein ganzer Themenkatalog, zu dem man eben ein Buch schreiben könnte.

Das heisst aber nicht, dass Sie so allgemeine Wünsche nicht formulieren sollten, ich betrachte das ja auch mehr als Ideenquelle und greife mir dann vielleicht einen Teilaspekt heraus. Nur erwarten Sie bitte nicht, dass ich ein Buch schreibe und so eine Frage umfassend beantworten werde.

Also, damit frisch ans Werk. Wer bisher noch nicht im Forum geschrieben hat, macht aber bitte vorher seine -> Vorstellung <-

Damit will ich mich aber auch gleich mit der ersten Frage zu "Big Money" beschäftigen, das ist nämlich eine, zu der ich leider recht wenig sagen kann:

Was mich fasziniert und aber auch neugierig macht ist folgende Frage: Wer ist eigentlich das "Big Money"? Wie funktioniert das? Mal ganz lapidar in den Raum geworfen, gibt es in der ersten Handelsstunde eine Telko, wo alle "Wichtigen" zusammen sitzen und sagen, okay heute wollen wir mal wieder up oder lasst mal lieber heute den Markt verkaufen? Oder, wer wacht 15 Minuten vor Handelsschluß auf und kauft und verkauft im großen Stil? Wie ist das koordiniert, ist es überhaupt koordiniert? Oder sind nur die Algos alle so ziemlich gleich?

Tja, das würde ich auch gerne wissen. 😉

Denn an den Börsen steht am Dollar der den Besitzer wechselt ja nicht, ob er vom Kleinanleger oder Finanzinvestor kam. Wenn der Begriff "Big Money" benutzt wird, ist es also eine abstrakte Kategorie, mit der man die Anleger zusammenfassen will, die Millionen pro Trade bewegen und nicht nur Tausende wie der typische Kleinanleger.

Das Dumme dabei ist, der Begriff ist eine "amorphe Masse", die ganz viel zusammenfasst, was ganz unterschiedlich ist. Und vor allem, man weiss *nie* ob man es wirklich richtig identifiziert, man kann es immer nur deduktiv bzw durch Empirie vermuten.

Vermuten kann man, weil das grosse Geld ja indirekte Spuren hinterlässt, anhand derer man dann Schlussfolgerungen zieht, wo und wann es sich tummelt. Eine klassische Spur dabei ist das Volumen, wenn das Volumen markant hochschiesst, *muss* grosses Geld beteiligt sein.

Wenn man also zum Beispiel sieht, wie jeden Tag in den letzten 15 Handelsminuten im SP500 das Volumen hochgeht und die Kurse ausschlagen, ist die Vermutung naheliegend, dass sich hier grosses Geld für den Folgetag positioniert. Naheliegend, sicher weiss man es aber nicht. Aber weil das grosses Geld sein muss, dass da beteiligt ist, können die letzten 15 Minuten oft einen Hinweis darauf geben, wie der Markt wirklich denkt.

Oder wenn man sich im -> Moneyflow <- grosse Sprünge bei den "Blocktrades" anschaut, dann muss das "Big Money" gewesen sein, denn jemand anders macht keinen Blocktrades.

So gibt es viele kleine Indizien, verknüpft mit dem Wissen wie bestimmte Klassen von Marktteilnehmern arbeiten, die zu einem deduktiv bzw empirisch generierten Bild führen, wie sich "Big Money" im Markt bewegt und was es gerade will. Aber dieses Bild ist erstens immer nur eine Annäherung, sicher weiss man gar nichts und zweitens verändert es sich im Laufe der Zeit, weil der Markt sich eben verändert und das Verhalten der Teilnehmer auch. Eine fixe, definitive Antwort wo das "Big Money" zu finden sei, kann es also nicht geben.

Nun kann man sich ja fragen, warum man sich überhaupt um das Thema bemüht, wenn es so unscharf und gar nicht zu messen ist. Das ist ganz einfach, gerade weil grosse Marktteilnehmer mit ihrem schieren Volumen die Chance haben, den Markt direkt zu beeinflussen, wäre es ein Edge, wenn man ihre Absichten schon im Vorfeld erhaschen könnte.

Dabei wird das leider immer schwieriger, weil diese ihre Handlungen zunehmend in Dark Pools verstecken, wie ich das schon 2013 in der Wirtschaftswoche in -> Das Kreuz mit den Dark Pools <- und 2014 hier im Blog in -> Dark Pools und schädliche Marktfragmentierung <- erklärt habe.

Das Problem für uns dabei ist, dass das "Big Money" in seinen Absichten damit unserer Sicht entzogen ist, es ist wie wenn ein Vorhang vor das Geschehen gezogen wurde. Ich sage ja immer in Anlehnung an den Fussball "Die Wahrheit liegt auf dem Platz". Das ist auch so, wenn alle Transaktionen über geregelte Börsen laufen, dann kann sich niemand an den Märkten verstecken.

Mit einem Dark Pool aber, ist das so wie wenn im Stadion unter den Augen der 70.000 Zuschauer das Endspiel Deutschland gegen Argentinien läuft und Deutschland gewinnt 1:0, der Weltmeister scheint festzustehen. Dann aber kommt die Meldung, dass in einem Parallelspiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit Argentinien 2 Tore geschossen hat und damit das Ergebnis 1:2 steht.

Würde das beim Fussball jemand akzeptieren? Natürlich nicht. An der Börse wird es mit den Dark Pools zur Regel und damit liegt die Wahrheit eben nur noch teilweise auf dem Platz.

Aber zurück zum "Big Money", an der Tatsache dass das "Big Money" sich zu verbergen versucht, kann man im Umkehrschluss erkennen, wie wichtig und mächtig es wäre, seine Absichten erahnen zu können. Denn wäre das ohne Einfluss, müsste sich dieses Geld nicht in Dark Pools verstecken. Und deshalb arbeiten wir weiter daran, seine Fussspuren zu entdecken, wohl wissend, dass wir nie eine definitive Antwort haben werden, "wer" das denn nun wirklich war.

"Big Money" wird für uns immer "huschende Schatten in der Dunkelheit" bleiben, die Gesellschaft der Schatten eben.

Aber wenn ich als Jäger oder als Wache im Dunkeln lauere, ist es ein Vorteil wenigsten die Schatten und das Rascheln erkennen zu können, statt von den Bewegungen gar nichts mitzubekommen und dann völlig überrascht zu werden.

Womit wir bei der Frage sind, wer dieses "Big Money" denn ist und auch diese Antwort ist heterogen. Und so heterogen sind dann auch die Arbeitsweisen dieser grossen Marktteilnehmner.

"Big Money", das ist auch das grosse Family-Office oder der grosse Fonds und dort läuft es oft tatsächlich so, dass erst mal eine Konferenz stattfindet, in der das weitere Vorgehen besprochen wird.

Wenn also in der kommenden Nacht etwas Grundlegendes passiert, so zum Beispiel ein Krieg in Korea sich anbahnt, werden bei grossen, klassischen Fonds die weltweit anlegen, am frühen Morgen des kommenden Tages erst mal definierte Investment-Komitees zusammen kommen, die das weitere Vorgehen absprechen. Und erst dann wird gehandelt. Solche Fonds gibt es.

Dann gibt es aber auch (Hedge-)Fonds, mit einer genau definierten Strategie, die sehr eng ist und den Menschen wenig Freiheiten lässt. Dann wird diese Strategie wohl in Algos übersetzt sein und weitgehend automatisch ablaufen. Dieser Teil von "Big Money" agiert dann also schon in der Nacht bzw sofort zur Handelseröffnung, eine Diskussionszeit gibt es da nicht und diese Art von "Big Money" wird stärker, während die Fonds mit "menschlicher Strategie" und "Komitee-Ansatz" weniger werden.

"Big Money" sind aber auch die High-Frequency-Trader (HFT), denen es gar nicht um echte Bewegungen, sondern eher um klitzekleine Divergenzen im Millisekundenbereich geht. Das läuft natürlich vollautomatisch.

Sie sehen, es gibt nicht *das* "Big Money", das ist ein schwammiger Begriff, der ganz viel zusammenfasst, was man nur als "Gesellschaft der Schatten" im Markt wahrnehmen kann.

Und ja, da derzeit die Algos stark am Kommen sind, viele davon aber nach ähnlichen Logiken programmiert sein dürften, kann man aktuell auch im Gleichmass der Bewegungen und der Sturheit der Trends den Fussabdruck des "Big Money" erkennen.

Das wird sich aber wieder ändern, je "intelligenter" diese Algorithmen werden. Der Markt ist eben immer in Bewegung.

So... damit habe ich zu dieser Frage in allgemeiner Form Stellung bezogen. Dass es eher eine Problembeschreibung denn eine präzise Definition von "Big Money" geworden ist, liegt eben daran, dass es diese nicht gibt und es trotzdem Sinn macht, dieser Gesellschaft der Schatten nachzujagen.

Ihr Hari

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Dark Pools und schädliche Marktfragmentierung

Ich verfolge die zunehmende Fragmentierung des Marktes durch das Aufkommen der Dark Pools ja schon länger mit Unbehagen und habe das zuletzt Ende 2013 in meiner Kolumne in der Wirtschaftswoche unter dem Titel -> Das Kreuz mit den Dark Pools <- thematisiert.

Nun geraten die Dinge aber bei der amerikanischen Aufsichtsbehörde SEC in Bewegung, woran auch Michael Lewis mit seinem Bestseller "Flash Boys" seinen Anteil haben dürfte, denn dadurch ist auch die US-Politik auf das Thema aufmerksam geworden. Ohne medialen Druck geht in Demokratien halt selten etwas.

Und ich habe gestern bei der schweizer "Finanz und Wirtschaft" ein interessantes Chart gesehen, das sofort Assoziationen zum Thema aufkommen lässt: -> Es ist Hausse und fast keiner geht hin <-

Denn was hier nicht gesagt wird, bestimmt aber auch seinen Teil zum Gesamtbild beiträgt, ist die Tatsache, dass der Markt immer mehr zwischen verschiedenen Handelsplätzen (Dark Pools) fragmentiert. Und hier im Chart sind mit hoher Wahrscheinlichkeit nur die offiziellen Börsen gelistet. Denn genau diese Volumendaten sind ja von Dark Pools nicht zugänglich.

Gut aufbereitet wird das Thema im aktuellen Artikel -> Dark Pools im Visier der US Regulierung <-. Allerdings nur lesbar für Abonennten der FuW. Denn die SEC scheint mal wieder schneller ernst zu machen, als die Regulierer in Europa.

Hier als Ergänzung noch ein ein paar Tage alter, aber guter Hintergrundartikel des WSJ: -> USA wollen den traditionellen Börsenhandel zurück <-. Die in US eingeschlagene Richtung halte ich für genau richtig, auch wenn man über Details ohne Frage diskutieren kann. Und es wäre wichtig, dass auch hier in Europa mal etwas in diese Richtung passiert.

Um das noch einmal klar zu stellen, der Begriff "Dark Pool" impliziert zwar durch seine Wortwahl "dunkle, böse Absichten", aber das ist keinesfalls so zu sehen, sondern einfach eine ziemlich ungeschickte Begrifflichkeit. Im Nachhinein ist es schon ein Stück aus Absurdistan, dass sich die Finanzindustrie mit so einer Wortwahl selber zum leichten Ziel macht, wo man ansonsten doch so genau auf Euphemismen achtet.

Nein, Dark Pools sind einfach ganz profan intransparente (dark) Handelsplätze (Pools) abseits der regulierten Börsen. Viele der Broker, die zum Beispiel mit "Binary Options" und ähnlichen Konstrukten auf Kundenfang gehen, sind auch sozusagen "Dark Pools für den kleinen Mann". Selbst die neue Plattform IEX, die sich in den US als Gegenmodell des Hochfrequenzhandels positioniert, gilt offiziell noch als "Dark Pool", weil die Zulassung als offizielle Börse noch fehlt - aber nachgeholt werden soll.

Das Problem sind also nicht perse "dunkle, böse Geschäfte", die meisten Dark Pools dürften ebenso seriös, wie professionell agieren. Das Problem ist einfach die Intransparenz und Fragmentierung des Marktes, die aus dem Aufkommen all dieser ausserbörslichen Handelsplätze resultiert.

Denn diese Fragmentierung behindert immer mehr das, wofür Börsen da sind: volkswirtschaftlich wichtige Preisfindungsorgane für Unternehmensbeteiligungen und Finanzinstrumente zu sein. Durch die Fragmentierung wird diese Preisfindung schlechter, das Volumen an den regulierten Börsen sinkt und die Spreads werden höher. Gleichzeitig steigen die Risiken, dass Fehlentwicklungen an den Märkten unerkannt bleiben und es wird eine Mehrklassengesellschaft an den Märkten zementiert, die auch dem Grund-Gedanken jeden freien Marktes, des "Level Playing Fields", völlig entgegen läuft.

All das schadet am Ende freien Märkten und ich sehe keinen sinnvollen volkswirtschaftlichen Grund, das zuzulassen. Klar möchten grosse Adressen ihre Transaktionen vor den Augen der Welt verstecken und Auswirkungen ihrer grossen Orders auf die Preisfindung vermeiden, ich verstehe das gut. Nur ist damit nicht die Frage beantwortet, warum man das volkswirtschaftlich zulassen sollte. Bis ins letzte Jahrzehnt hat die Börsen-Welt auch gut ohne diese Fragmentierung gelebt.

Insofern begrüsse ich die Richtung sehr, in die sich die SEC nun bewegt. Jetzt müssen wir nur noch die europäischen Aufsichtsbehörden zum Jagen tragen....

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Hari Live – Archiv 06.04.14 – 12.04.14

Premium gross

Hari Live - Archiv 06.04.14 - 12.04.14

Freitag 11.04.14 14:00 - Marktlage

So liebe Mitglieder. Ich bin heute Nachmittag auf Achse und Sie müssen heute mal ohne meine warmen Worte mit der Wallstreet rangeln, oder mal das Spielfeld ganz links liegen lassen.

Der DAX bröselt nun fröhlich nach unten, weil auch die US Futures die Richtung nach Süden einschlagen. Mit etwas Phantasie kann man in der Range des S&P500 eine SKS Formation erkennen, deren Nackenlinie nun getriggert hat und ein rechnerisches Ziel von im Bereich 1770-1780 generiert. Im Stundenchart sieht man es genauer.

S&P500 S 11.04.14

Die Formation ist etwas fragwürdig und ich würde ihr nur begrenzte Relevanz beimessen, der Measured Moved vermittelt aber ein gutes Gefühl dafür, womit wir es hier potentiell zu tun haben.

Denn das Ziel im Bereich 1770-1780 (je nachdem wie man die Nackenlinie definiert) - ist genau der Bereich, der vor Weihnachten so umkämpft war und auch eine wichtige Unterstützung bedeutet.

Im Tageschart sieht man aber auch, dass der übergeordnete Aufwärtstrend immer noch intakt wäre, wenn der S&P500 dort drehen würde. Und das Chart zeigt auch, dass zu dem Zeitpunkt auch die 200-Tage-Linie in diesen Bereich hoch kommen dürfte. Diese Zone 1770-1780 im S&P500, ist also ein sinnvolles erstes Ziel einer fortdauernden Korrektur.

S&P500 T 11.04.14 2

Von einem "Crash" zu reden ist also (bisher) weit überzogen. Nicht mal einen Trendbruch haben wir bisher. Wir haben eine Phase deutlich erhöhten Risikos. Nicht mehr und nicht weniger.

Und wenn der S&P500 dort in den Bereich 1770-1780 hinlaufen sollte, dürfte der DAX zum gleichen Zeitpunkt mit der entscheidenden Unterstützung unter 9000 kämpfen. Erst darunter wird es aber für den DAX, wie den S&P500, richtig kritisch. Und erst dann steht der Trendbruch auf der Agenda.

Werden Sie mir also nicht zu schnell zu bärisch, nachdem ich Sie nun zurecht aufgeschreckt habe. Sie müssen nicht von einem Extrem ins Andere kippen. Noch sind die grossen Aufwärtstrends intakt und wir sollten hohe Vorsicht walten lassen, das aber bitte ohne Panik und Hektik.

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Finanztransaktionssteuer nur auf Aktien ist grober Unfug !

Es gibt Dinge, die kann man gar nicht oft genug in einem persönlichen Kommentar aussprechen.

Vor fast exakt einem Jahr, habe ich im Artikel -> Finanztransaktionssteuer - Von Ahnungslosigkeit und Lobbyismus <- eine Wutrede auf den damaligen Vorschlag der EU zur Finanztransaktionssteuer losgelassen, in dem Geschäfte auf den volkswirtschaftlich sinnvollen Aktienhandel 10x so stark besteuert werden sollten, wie Geschäfte auf Derivate. Es macht Sinn diesen Artikel noch einmal zu lesen, denn die Argumentation ist unverändert gültig und ich werde heute diese Argumentation nicht wiederholen.

Wer jetzt aber glaubte, es würde sich etwas zum Besseren ändern, wurde getäuscht. Vielleicht kennen Sie ja den Aphorismus:

Und aus dem Chaos sprach eine Stimme zu mir: "Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen!"
Und ich lächelte und war froh, und es kam schlimmer!

Genau das passiert gerade, denn nun scheinen sich Frankreich und Deutschland in einem typischen, politischen Formelkompromiss darauf verständigen zu wollen, einen -> schrittweisen Start <- der Finanztransaktionssteuer vorzunehmen, bei dem zunächst nur Aktiengeschäfte besteuert werden sollen. Und das was wirklich entschleunigt werden müsste - der Wildwuchs der Derivate - kommt dann irgendwann .... uhmmm ..... ja vielleicht ...... ein bisschen ...... später ...... wenn überhaupt.

Das ist so klar und eindeutig grober Unfug, dass selbst die Mainstream-Presse bei dem Thema sofort richtig reagiert, die Welt hatte gestern den Artikel -> Transaktionssteuer nur auf Aktien ist eine Farce <- online und das Handelsblatt schreibt zu Recht vom -> Ungeheuer von Loch Ness <-.

Statt meine Position also erneut zu begründen und herzuleiten - das habe ich ausführlich vor einem Jahr getan - will ich hier nur in Stichpunkten mal ein paar Fakten zusammen fassen und Konsequenzen aufzeigen.

1. Ich bin persönlich für eine sinnvolle Finanztransaktionssteuer, deren Sinn die Entschleunigung der Finanzmärkte ist und die derivativen Wildwuchs zurück zu schneiden hilft. Bei dieser Steuer darf aber nicht die Einnahmenseite im Vordergrund stehen, sondern es geht darum, die volkswirtschaftlich schädlichen oder unsinnigen - weil Risiken produzierenden - Marktbereiche unwirtschaftlicher und damit unattraktiver zu machen. Nebenbei würde eine richtig gesetzte Finanztransaktionssteuer auch das HFT Unwesen eindämmen und uns allerlei regulatorische und tatsächliche Probleme und Risiken abnehmen.

2. Der Aktienhandel ist volkswirtschaftlich sinnvoll, er dient der Finanzierung der Unternehmen. Ohne Wagniskapital über die Börse, würde es eine Tesla Motors so nicht geben und viele andere erfolgreiche Unternehmen auch nicht. Der klassische Aktienhandel hat Null und Nichts mit den Ursachen der Finanzkrise zu tun. Im Gegenteil, der volkswirtschaftlich sinnvolle Aktienhandel steht unter Attacke. Unter Attacke durch Fehlentwicklungen wie das HFT. Unter Attacke durch die Zerfaserung des Handels auf diverse unregulierte Handelsplätze (Dark Pools). Unter Attacke durch diverse derivate Produkte, mit denen der echte Aktienhandel an echten Börsen umgangen werden kann.

3. Eine Börsenumsatzsteuer nur auf den Aktienhandel, ist ein Boom-Programm für Derivate und fördert die eigenen Transaktionen noch mehr in privaten Handelsplattformen (Dark Pools) zu verstecken. Dieser Formelkompromiss schädigt damit das volkswirtschaftlich Sinnvolle und fördert den Wildwuchs weiter. Das ist für mich grober Unfug ! Ein andere Formulierung fällt mir persönlich dazu einfach nicht ein.

4. Bezahlt wird diese Form von Finanztransaktionssteuer nicht von der Grossfinanz, die ausweichen kann und wird. Bezahlt wird sie vom normalen Bürger, dessen in Zeiten der finanziellen Repression sowieso schon schwieriger Versuch der Geldanlage, weiter verteuert wird. Aber selbst Verträge, bei denen man auf den ersten Blick gar nicht daran denken würde, wie Fondsparpläne bei Lebensversicherungen, werden negativ belastet werden.

5. Wer dagegen mobil ist oder der Grossfinanz angehört, wird je nach Ausgestaltung der Regeln einfach nicht mehr Aktien handeln und dafür Derivate nutzen. Oder auf Handelsplätze ausserhalb der EU ausweichen. Oder deutsche und französische Firmen am Aktienmarkt ganz meiden, die muss man auch nicht zwingend haben, es reicht sich in den USA und Asien zu tummeln. Geschädigt wird dadurch die Fähigkeit von deutschen oder französischen Unternehmen, an der Börse Kapital aufzunehmen.

Dieser aktuelle Vorschlag, mit einer reinen Finanztransaktionssteuer auf Aktien zu beginnen, ist auf jeden Fall ein Musterbeispiel, wie aus der prinzipiell guten Idee der "Tobin-Tax", durch politische Formelkompromisse ein Monster gemacht wird. Ein Monster, das vorhandene Fehlentwicklungen fördert und die verbleibenden Inseln der volkswirtschaftlichen Sinnhaftigkeit an den Finanzmärkten mutwillig schädigt.

Ist es wirklich möglich, dass so ein offensichtlicher Blödsinn Gesetz werden wird ? Noch hoffe ich auf die Intelligenz bei den Beteiligten. Hoffentlich nicht zu Unrecht.

Ihr Hari

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