16 Schöne bunte Anlagewelt



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Ein letzter Schritt noch vor Mr. Market. Und dann, ja dann ... Wirklich. Versprochen!

In -> Gute Trades, schlechte Trades <- hatte ich Ihnen eine Handvoll Trades gezeigt und anhand verschiedener Kriterien über ihre Qualität sinniert. Die Geschichte dieser Trades ist damit aber noch nicht vollständig erzählt. Es fehlt ein Kapitel welches man wahlweise mit "Gier", "Experimentierfreude", "Naivität" oder auch "Dummheit" überschreiben könnte. Oder man nennt es einfach "Auf Abwegen". Aber lesen Sie selbst.

Das passende Gefährt

Die Geschichte beginnt eigentlich schon vor den oben genannten Trades, nämlich bei meinen ersten Tradingversuchen mit Short-Wetten auf EUR/USD und den Ölpreis. Ich war mit einem grundlegenden Problem konfrontiert: Wie setze ich diese Trades um? Es waren Short- und keine Long-Trades, also Wetten auf einen fallenden Kurs.

Ich wußte nicht, wie das konkret funktioniert, hatte von Leerverkäufen zwar kurz etwas gelesen, aber die Technik damals garantiert nicht vollumfänglich verstanden. Da ich mich nicht unnötig mit genauer Kenntnis der Details belasten wollte reichte mir die Information, dass ich bei der Diba keinen reinen Leerverkauf tätigen konnte. Was nun?

Das Internet ist bekanntermaßen selten um Antworten verlegen und so war schnell eine Lösung gefunden - Optionsscheine. Zwar war mir das mit den Deltas und Thetas und wie die Griechen nicht alle heißen ein bisschen suspekt (hauptsächlich weil ich recht schnell sehen konnte, dass ich die dahinter stehende Finanzmathematik nicht ohne weiteres verstand), aber es gab ja Optionsscheinrechner in die man irgendwelche Annahmen eingeben konnte und die dann auf wundersame Weise Wertentwicklungen als Ergebnis ausspuckten.

Für meinen ersten Short mittels Optionsscheinen auf EUR/USD habe ich tatsächlich Brute-Force-mäßig diverse Kombinationen in einen solchen Rechner getippt und die Ergebnisse in einer Excel-Mappe aufbereitet (mir läuft es kalt den Rücken runter, während ich das schreibe.. ;-)). Und wenn man noch ganz unbedarft ist und sich über die potentiell möglichen Werte freut die sich in dieser Excel-Mappe so offenbaren, dann übersieht bzw. verdrängt man auch mal ganz schnell, dass Optionsscheine mit einer Hebelwirkung versehen sind und man das bei der Berechnung des geplanten Risikos durchaus berücksichtigen sollte (was ich nur sehr eingeschränkt tat).

Glücklicherweise ging der Trade für mich gut aus. Gut im Sinne von monetär erfolgreich, denn einen Haken gab es: Ich hatte ein deutlich größeres Risiko gefahren als ursprünglich angedacht, das Ergebnis war super - das mahnt beim nächsten Mal nicht unbedingt zu mehr Vorsicht. Eine gesunde Skepsis und Vorsicht beim Umgang mit Hebelprodukten hatte mich das zumindest nicht gelehrt.

Da mir die Frickelei mit dem Optionsscheinrechner zu aufwändig war, um diese Vorgehensweise zu wiederholen, machte ich mich auf die Suche nach anderen Derivaten mit denen ich Short gehen konnte. Nun, ich wurde mehr als fündig: long, short, seitwärts, für alles gab es zahlreiche Vehikel.

Derivate

Ich hatte nach dem ersten Erfolg wenig Berührungsängste mit den verschiedenen Derivaten, die sich findige Mathematiker so ausgedacht hatten. Eigentlich absurd, denn mir war durchaus klar, dass deren Konstrukte wohl kaum zu ihrem Nachteil sein würden. Die in -> Gute Trades, schlechte Trades <- vorgestellten Trades setzte ich ohne Ausnahme mit Derivaten um. Ich verwendete

  • Knockout-Zertifikate für die Trades bzgl. Fresenius, Hang Seng Index und FedEx,
  • einen Capped-Optionsschein für den Bilfinger-Trade,
  • einen Inline-Optionsschein für die Seitwärtswette bzgl. des Ölpreises.

Schöne bunte Anlagewelt, oder? Warum auch so etwas Schnödes wie Aktien handeln, wenn es all die anderen Konstrukte mit wohlklingendem Namen gibt? Ich sage nur: Kind und Süßwarengeschäft.. 😉

Aber warum überhaupt ein Derivat verwenden? War das notwendig? Sinnvoll? Warum nicht einfach den zugrundeliegenden Wert?

(1) Long-Trade Hang Seng Index

Da man einen Index nicht direkt handeln kann (zumindest wüsste ich nicht wie - ich bitte um Klarstellung, sollte ich da falsch liegen), war ich in diesem Fall tatsächlich auf ein Derivat angewiesen. Ob ich überhaupt einen Basiswert wie den Hang Seng Index, also den -> laut Wikipedia <- "führenden Aktienindex in Hongkong", handeln musste ist nochmal eine ganz andere Frage. Eine spezielle Expertise in dem Bereich konnte ich nicht vorweisen. Aber rein charttechnisch war es schon ein nettes Setup.

Für die Umsetzung wählte ich ein Knockout-Zertifikat, eines der einfacheren Derivate, da die Volatilität des Basiswertes für die Preisermittlung nicht berücksichtigt wird. Vielmehr wird der Abstand zwischen Preis des Basiswertes und der Knockout-Schwelle, also dem Preis, ab dem das Derivat wertlos verfällt als Berechnungsgrundlage verwendet. Eingerechnet werden durch den Emittenten natürlich auch Gebühren bzgl. der Laufzeit des Produktes.

Was die Verwendung des Derivates bei diesem Trade erschwerte, war die Umrechnung des Derivat-Preises auf den Wert des Basiswertes, in diesem Fall den Indexstand. Wenn ich beispielsweise ein Knockout-Zertifikat auf eine BASF mit einem angenommenen Preis von 68 EUR (das ist zumindest der aktuelle Preis, während ich hier schreibe) und einer Knockout-Schwelle von 60 EUR handele, dann wird der Preis des Zertifikates ca. 68 EUR - 60 EUR = 8 EUR ( betragen. Ich kann mit einem Einsatz von etwa 8 EUR also die 68 EUR für den Kauf einer BASF-Aktie bewegen, handele folglich mit einem Hebel auf das eingesetzte Kapital. Wenn ich nun einen Stopp-Preis für das Derivat berechnen will, z.B. einen Stopp Loss wenn BASF unter 65 EUR sinkt, dann ergibt sich als Stopp-Preis 5 EUR.

Ist mein Basiswert nun aber ein Index bzw. eine Aktie in einer anderen Währung, so muss das bei der Berechnung des Derivatpreises in Euro berücksichtigt werden. Das ist dann nicht mehr ganz so transparent und die Berechnung des Stopp-Preises ungenauer und aufwändiger als bei der direkten Verwendung des Basiswertes. Ich habe damals einen Knockout-Rechner im Internet verwendet. Optimal ist das aber nicht, denn die exakte Berechnung und was genau einfließt bleibt dabei verborgen.

(2) Long-Trade FedEx

Diesen Trade hätte ich durchaus per Kauf am Haupthandelsplatz, also in den USA, realisieren können. Ehrlich gesagt erschrak ich, als ich die Handelsgebühren der Diba dafür sah. Da mir das zu teuer war, wich ich auf ein Knockout-Zertifikat aus. Schlau, oder? Hatte ich doch geschickt die Handelskosten umgangen. Ob das Derivat in sich günstiger war (warum sollte es das eigentlich sein?) wusste ich nicht, aber da stand der Preis zumindest nicht so offensichtlich drauf. Mitunter sind wir Menschen - oder auch einfach nur ich - erschreckend einfach gestrickt...

(3) Long-Trade Fresenius

Dieser Trade wäre ohne Probleme einfach mittels Aktien realisierbar gewesen und ich war auch auf den Hebel nicht angewiesen. Dass ich ihn dennoch per Knockout-Zertifikat umsetzte hatte einen ganz banalen Grund: Gewohnheit. Ob das hinreichend ist, die Gebühren des Zertifikates in Kauf zu nehmen darf zu Recht bezweifelt werden.

(4) Öl Inline-Wette

Die Sinnhaftigkeit dieser Wette auf eine Seitwärtsbewegung des Ölpreises hatte ich ja bereits mit einem Fragezeichen versehen.

Zum Produkt des Inline-Optionsscheines hat Hari -> in diesem Kommentar <- eigentlich schon alles relevante gesagt:

Eine Anmerkung zum Inliner. Den kann man in meinen Augen gar nicht als "Setup" betrachten, weil Du damit faktisch gegen die Finanzmathematiker antrittst, die diese Scheine bauen.

Die verwenden eine Menge von Volatilitätsdaten der Vergangenheit um dem Schein einen Preis zu geben und packen da dann einen großen Sicherheitsspielraum darauf, der statistisch ihren Gewinn bedeutet. Die wissen schon, dass so eine Range viel seltener hält, als sie es mit der Rendite bepreisen.

Du trittst damit also gegen Vergangenheitsdaten der Volatilität an und wettest faktisch darauf, dass es dieses Mal anders ist. Dass das statistisch keinen Edge, sondern einen Malus hat, ist klar.

Nüchtern betrachtet sind diese Seitwärtswetten eine Spielerei der Finanzindustrie, denn ohne Derivate ist das für den normalen Anleger nicht ohne weiteres umsetzbar. Selbstverständlich wie im Casino mit verschobenen Gewinnchancen zugunsten des Emittenten. Eine Spielerei die einen Geld kostet, aber wie das mit so manchen Spielereien ist - irgendwie sind sie interessant, der Reiz des Neuen spielt mit Sicherheit eine Rolle. Und da ich ganz gerne spiele, versuchte ich mich auch hier - Ausgang bekanntermaßen nicht positiv. Das einzig Gute für mich an dieser Erfahrung: Sie war einmalig - ich habe diese Derivatform nie wieder genutzt.

(5) Long-Trade Bilfinger

Beim Bilfinger-Trade spekulierte ich auf eine Rückkehr zu den alten Hochs oder zumindest auf eine kräftige Gegenbewegung. Die Wendeformation war im Chart sichtbar und getriggert:

Hier verwendete ich einen Capped-Optionsschein. Dieser hat eine obere Grenze, so dass man nur an Kursgewinnen unterhalb dieser Grenze partizipiert, nicht aber darüber. Unterschreitet der Schein am Laufzeitende einen vorab definierten Basispreis, so verfällt er wertlos. Da in diesem Konstrukt eine Laufzeitkomponente enthalten ist, steigt der Wert des Optionsscheins allerdings im Lauf der Zeit auch dann, wenn der Kurs des Basiswertes lediglich seitwärts läuft.

Ja, Sie dürfen stutzen. Ein Derivat mit Gewinnbegrenzung, aber der Möglichkeit, an einer Seitwärtsbewegung gewinnbringend teilzuhaben? Passte das zu meinem Setup? Natürlich nicht. Rückblickend kann ich nur eine gewisse Neugierde und Experimentierfreude als verzweifelten Erklärungsversuch ins Feld führen, warum ich gerade dieses Konstrukt wählte. Völlig offensichtlich wäre für das von mir gehandelte Setup ein Kauf der Aktie oder wenn schon ein Derivat, dann z.B. ein simples Knockout-Zertifikat, das Mittel der Wahl gewesen. Möglicherweise gibt es tatsächlich sinnvolle Anwendungsfälle für solche Capped-Optionsscheine, hier war es definitiv nicht der Fall.

Und die Moral von der Geschicht?

Sind Derivate nun sinnvoll? In der Form in der ich sie angewendet habe - eher nicht! 😉 Sollte man dann die Finger davon lassen? Hari hat das -> in diesem Beitrag <- differenziert dargestellt, es möge sich jeder seine eigene Meinung bilden. Mich hätte diese Kenntnis vermutlich vor der ein oder anderen der oben genannten Dummheiten bewahrt.

Insgesamt lässt sich aus meiner Sicht festhalten:

  • Ein Derivat ist immer mit eigenen Kosten versehen, schließlich will der Emittent daran verdienen.
  • Viele Derivate sind per Konstruktion unfair über den reinen "Gebührenanteil" hinaus, siehe beispielsweise die Inline-Optionsscheine und den Spielraum, den sich der Emittent bei der Berechnung des Einflusses der Volatilität einräumt.
  • Konstrukte wie Capped- und Inline-Optionsscheine braucht, wenn man ehrlich ist, vermutlich kein Mensch. Zumindest gilt das in meinen Augen auf jeden Fall für Börsenanfänger. Die Profis wiederum wissen vermutlich, warum sie diese Derivate nicht wollen bzw. setzen sie (falls das denn überhaupt möglich ist) gezielt zu ihrem Vorteil ein.
  • Sehr häufig beinhalten Derivate eine Hebelkomponente. Das kann von Nutzen sein, wenn man weiß, warum und wofür man das einsetzt. Ich habe für mich letztendlich aber keinen relevanten Anwendungsfall gefunden.
  • Es gibt durchaus sinnvolle Anwendungsgebiete für Derivate, wie beispielsweise -> in diesen Beiträgen im Forum <- kürzlich zu lesen. Meine Welt ist das allerdings nicht.

Gier frisst Hirn

Gier ist bekanntermaßen kein guter Ratgeber. Alter Schuh, ausgelutscht, weiß jeder, schon klar. Aber ist das tatsächlich so? Sind wir Menschen uns dessen immer bewusst? Ich mir häufig nicht. Vielmehr habe ich festgestellt, dass Gier eine nicht zu unterschätzende Macht über mich ausüben kann und dabei erschreckend leicht die Vernunft aushebelt:

  • Die Verlockung des schnellen Gewinns verleitete mich dazu, mir um die genaue Funktionsweise und die möglichen Risiken von Derivaten bloß nicht zu viele Gedanken zu machen. Wird schon gut gehen (aber Unwissenheit, ob willentlich oder nicht schützt vor Strafe nicht).
  • Der Reiz des Neuen, die Neugier, verleitete mich zu schlechten Entscheidungen. Offensichtlich war ich bereit, zugunsten des "Kicks" des Neuen immer wieder mal ein Auge bzgl. meines Sicherheitsbedürfnisses und des eingegangenen Risikos zuzudrücken. Warum sonst sollte ich eher exotische Konstrukte zum Handeln nutzen, deren echter Nutzen mir nicht wirklich klar war?

Nicht schön und wenig schmeichelhaft, aber es hilft ja nicht sich etwas vorzumachen. Erkenntnis ist wie immer der erste Schritt zur Veränderung. Ausgehend von meinem ursprünglich ausgegebenen Ziel das Sparbuch "sicherheitsbewusst und verantwortungsvoll" schlagen zu wollen, war ich doch sehr deutlich vom Weg abgekommen.

Erfreulicherweise entschloss ich mich grob zum Zeitpunkt der obigen Trades zur Mitgliedschaft bei Mr. Market. Ich kann meinen Aufzeichnungen entnehmen, dass ich wenige Wochen nach deren Beginn aufhörte, mit Derivaten zu handeln. Lediglich für Währungswetten, Öl- und Short-Trades war ich weiterhin auf diese angewiesen, weil mir andere Möglichkeiten bei der DiBa nicht zur Verfügung standen. Seither nutze ich bevorzugt Aktien.

Wie so häufig im Leben ist Einfachheit ein guter Weg - keep it simple! Die zusätzliche Ebene die ich mittels Derivaten allen obigen Trades übergezogen hatte, verkomplizierte das Ganze nur und lenkte mich vom Wesentlichen ab.

Zu guter Letzt

Vermutlich hat so mancher von Ihnen die ein oder andere Depotleiche mit zu Mr. Market gebracht. Unsere Depots verändern sich dann im Lauf der Zeit der Mitgliedschaft, weil sich die Denkweise durch das hier Erlernte verändert.

Der Bilfinger-Capped-Optionsschein von oben war die Leiche in meinem Depotkeller:

Das Gap-down während des Trades und mein "überrannter" Stopp Loss überrumpelten mich völlig. Ich war nicht gewillt, diesen Verlust, der deutlich größer war als geplant, zu realisieren. Gleichzeitig begrenzte die Laufzeit des Scheins den Zeitraum, in dem sich die Aktie erholen "musste". Da der Schein nach dem Gap-down nicht mehr allzu viel wert war, hielt ich an ihm fest. Bis kurz vor Ablauf der Laufzeit - ich verkaufte für ein paar Cent.

Ich habe es vermutlich vor allem der kurzen Zeit zu verdanken, die ich alleine an den Märkten unterwegs war, dass Bilfinger zu diesem Zeitpunkt die einzige Depotleiche war. Wurde nun alles besser durch die Mitgliedschaft bei Mr. Market? Hatte ich endlich den heiligen Gral gefunden? Die Anwort ist einfach: Nein. Bilfinger sollte nicht meine letzte Depotleiche bleiben, aber davon erzähle ich ein andermal.

Ihr calvin

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Wallstreet Stream 11.10.18

15:20 MEZ

Traumwetter draußen, über 20 Grad und goldener Oktober. Wir wirbeln auf dem Grundstück, meine Frau und ich, 2 weitere Dienstleister sind auch hier und schneiden alles runter, was dieses Jahr zu weit nach oben geschossen ist.

Meine Mitarbeit ist natürlich auf die Mittagszeit begrenzt, weil dieser Markt nach mir ruft, aber immerhin habe ich einen Baum geschnitten und eine Hecke gestutzt.

Der Vorgang ist durchaus mit dem Markt vergleichbar, was zu schnell zu hoch geschossen ist, ist meistens "gakelig" und muss gestutzt werden - wie Kurse die zu weit gelaufen sind.

Den Tag will ich aber heute mit einer Erinnerung beginnen, warum Sie von Derivaten die keine nachvollziehbare Kursbildung haben, dringend die Finger lassen sollten. Denn Sie haben da immer die schlechteren Karten gegenüber den Finanzmathematikern auf der anderen Seite.

Es läuft bei so Einbrüchen nämlich jedes Mal gleich - deshalb habe ich es heute mal interessiert überprüft und wurde sofort wieder fündig - wie nach meiner bescheidenen Wahrnehmung mit der Volatilität zu Gunsten des Emittenten und Zulasten der Kunden gespielt wird.

Ich habe mir mal einen Optionsschein - und zwar einen Put - auf den S&P500 heraus gesucht. Das ist in dem Fall die WKN CA44CA der Commerzbank. Ich will aber betonen, dass hier nicht die Commerzbank nun die besonders bösen Buben sind, die anderen Emittenten agieren nach meiner Erfahrung auch so, ich muss einfach irgendeinen Schein nehmen. Übrigens, die folgenden Charts und Daten sind von 11:20 Uhr heute, da habe ich das zusammengestellt, um den Punkt zu machen.

Nun schauen wir mal, was im Future des S&P500 passiert ist, der Grundlage außerbörslicher Kursstellung sein sollte:

Wir sehen das Niveau des Schlußkurses von gestern 22:00 Uhr, genau dem Zeitpunkt, als auch Derivate wie der obige Optionsschein zum letzten Mal einen Kurs bekamen. Wir sehen weiter, dass die Kurse heute Nacht noch gebröselt sind, aber nicht mehr dramatisch gefallen, kein Grund also, den Optionsschein heute um 08 Uhr grundlegend anders zu bepreisen als gestern 22 Uhr.

Weiter spielt bei Optionsscheinen natürlich die Volatilität eine entscheidende Rolle, dummerweise gibt es dafür keinen objektiven Maßstab, sondern damit können die Emittenten "spielen" und ihre eigene Logik zur Anwendung bringen.

Es gehört aber nicht viel dazu zu verstehen, dass zwischen 22 Uhr gestern Abend und heute Morgen, die Volatilität des S&P500 keine großen Sprünge machen wird, weil eben nicht gehandelt wird. Der Hochpunkt der Vola dürfte Abends kurz vor 22 Uhr gewesen sein und die Nacht hat wenig Änderung gebracht, richtig gemessen wird es sowieso nicht, weil der VIX keine Kurse bekommt ohne Handel.

Also sollte doch ein naiver Anleger meinen, dass dieser Optionsschein heute früh einen ähnlichen Kurs hat wie gestern 22 Uhr, vielleicht minimal höher wegen der Kursentwicklung.

Was aber passiert ist, ist das:

Und die einzige Antwort auf diese unerklärliche Gap ist eben die Volatilität, die vom Emittenten über Nacht drastisch hoch gesetzt wurde. Nur erneut, warum? Wo war die Volatilität heute früh um 08 Uhr viel höher als gestern um 22 Uhr im S&P500? Das ist in meinen Augen ohne objektive Grundlage.

Nun könnte man ja meinen, das sei Zufall und einfach ein Fehler. Nur gibt es bei so etwas keine Zufälle, da sind Algorithmen am Werk. Das Folgende ist jetzt nur meine Vermutung, beweisen werde ich es nie können.

Denn was war denn gestern Abend die Lage im Orderbuch? Ich denke gestern waren vor allem aktive Anleger Short im Markt, die das vor allem als Intraday-Trade gegen den Absturz gefahren haben. Es war also klar, dass die vor 22 Uhr covern würden. Das habe ich ja auch, natürlich nicht mit Optionsscheinen, so Kram nutze ich in der Regel nicht, aber eben Shorts waren zu schließen.

Wenn das so ist, ist es für den Emittenten besser, die Vola und damit den Kurs unten zu halten, damit die Rückzahlung - es ist ja letztlich eine Wette gegen die Bank - niedriger wird.

Am nächsten Morgen aber, heute, war nach dem gestrigen, späten Ausverkauf völlig klar, dass Massen an normalen Retail-Anlegern nun Schlagzeilen vom "Crash" sehen und noch versuchen werden sich abzusichern - also solche Puts zu kaufen!

Wenn das so ist, ist es für den Emittenten besser, die Vola und damit den Kurs hoch zu setzen und damit den Kaufpreis - es ist ja letztlich eine Wette gegen die Bank - hoch zu halten.

Ist das jetzt alles nur Zufall? Mag sein, ich kann hier definitiv nichts behaupten und will auch keine Behauptung aufstellen. Aber meine Lebenserfahrung sagt *NEIN* zum Zufall, zumal ich diese Muster zuverlässig immer wieder finde und meistens sind sie zugunsten des Emittenten.

Ich persönlich kann auf jeden Fall keinen Grund sehen, warum die Vola über Nacht mit so einem riesigen Gap gegenüber gestern 22 Uhr hoch gesetzt und damit alle Scheine teurer gemacht werden musste. Und abgesehen davon, was ist das überhaupt für eine Kurssstellung, die solche Sprünge macht? Ich habe bei anderen Emittenten auch schon erlebt, dass solche Sprünge ohne Kursbewegung wegen Vola-Neubewertung mitten am Tag während des Handels stattfanden. https://www.mr-market.de/wp-admin/post.php?post=118998&action=edit

Ist so etwas belastbare Grundlage um hart erarbeites Geld aufs Spiel zu setzen? Wohl kaum.

Behalten Sie das im Hinterkopf, machen Sie sich klar, dass die Berechnungen dieser Kurse sehr "subjektiv" sind und der Emittent eine Menge Spielraum hat. Sie sitzen bei diesen Dingern als Kunde also immer am Katzentisch.

Und das ist auch das Kernargument, das gegen alle diese Derivate mit komplizierter Kursstellung spricht. Und das Argument, das wenn man Derivate überhaupt nutzen will, im Zweifel *für* CFDs spricht. Denn bei denen ist der gestellte Kurs genau der Kurs des Underlying und die Vola spielt keine Rolle. Solche potentiellen Spielereien sind da nicht drin und würden auffallen. Ein absolut zentraler Vorteil, der das ganze Spiel etwas fairer macht.

15:40 MEZ

Der SPX testet gleich schon die 200-Tage-Linie. So schnell kanns gehen!

Das ist ein wichtiger Moment, viele rechnen hier mit einem Rebound und wenn der nicht kommt, werden noch mehr nervös werden.

15:42 MEZ

Ganz grundsätzlich will ich betonen, was ich schon oft gesagt habe und Ihnen auch heute früh wieder im Vergleich zum Februar 2018 nahe gebracht habe:

Nach so einem massiven Einbruch wie gestern kommt fast immer noch etwas nach, der ist noch nicht das Ende, selbst wenn sofort ein Rebound kommt.

So ein Einbruch verändert die Lage grundlegend und auch wenn es danach dreht, muss man immer mit einem erneuten Rücksetzer und zum Beispiel mit einem Doppelboden rechnen. Auch das hatten wir im Februar.

Das ist wichtig zu verstehen, damit man nicht zu zappelig wird. Klar, nun nach Test der 200-Tage-Linie steigt die Chance für einen Snapper ganz erheblich. Da müssen nur ein paar Algos die Hebel umlegen und dann geht es los.

Aber ein sofortiger völliger Rebound ist nach gestern unwahrscheinlich und ein gestufter, scheibchenweise Ansatz wie heute früh beschrieben, der bessere Weg sich dem Markt zu nähern.

15:48 MEZ

Gold, vielleicht wird es ja jetzt mal was:

Ein ähnliches Bild bei der potentiellen Wendeformation der Goldminen im ETF GDX. Hier der neue Versuch:

16:00 MEZ

Da ist er schon der erste Versuch den Markt zu drehen. Mit der 200-Tage-Linie so nahe, kann man fast eine Bank darauf bauen:

Ich wiederhole, damit das eindeutig klar ist:

Erstens, auch Unwahrscheinliches kann passieren. Vielleicht rennen wir jetzt ohne Pause wieder ganz nach oben. Ich weiss das nicht und habe immer noch keine Glaskugel.

Zweitens, wahrscheinlich ist das *nicht*. Das Risiko dass dieser Rebound ausläuft und es wieder runter geht, ist *sehr hoch*.

Drittens, wer Cash in Bewegung setzen will, agiert nun besser inkrementell, geduldig und gemächlich. Die großen Wetten auf *den* Boden sind ebenso Unfug, wie die großen Wetten auf *das* Top, die auch monatelang nicht funktioniert haben.

16:24 MEZ

Wie nötig, aber auch wie normal diese Korrektur noch ist, kann man sehr schön an Abbott Labs (ABT) zeigen.

Schauen Sie mal, jedes Mal wenn die Aktie zu schnell zu stark steigt, kommt sie wieder zurück. Die große mittlere Steigung bleibt aber gleich:

Erst wenn diese Steigung nicht mehr gehalten werden kann, wenn also der Trend bricht, dann ist es Zeit sorgenvoll zu werden.

16:38 MEZ

Eine sehenswerte Trendanalyse zur Lage hat übrigens Bespoke-> hier <-:

So etwas führt zuverlässig früher oder später zu einem "Snapper". Ob dieser dann hält und einen Boden markiert, oder einfach nur ein volatiler Rebound ist, wie er zu Bärenmärkten gehört bevor es weiter abwärts geht, ist damit *nicht* gesagt.

Aber wenn ein Markt 2 Schritte fällt, kommt er auch wieder einen Schritt zurück. Eine Einzelaktie kann schon mal durchfallen, ein breiter Markt nur in ganz seltenen Crash-Szenarien wie 1987. Theoretisch kann das eines werden, dieser Disclaimer nutzt aber nichts, weil theoretisch kann immer alles passieren.

17:15 MEZ

Ein viel zu schwacher Bounce führt unvermeidlich zum Gegenteil. Der NASDAQ 100 fällt gerade durch alles durch, was relevant ist. Das darf man ruhig "Crash-Modus" nennen:

Vergessen wir einfach nicht: Der US-Markt hat sich über Wochen und Monate der schon lange fälligen Sommerkorrektur verweigert. So etwas braucht mehr als 2-3 Tage um sich abzubauen.

Klar ist auch nach so einem massiven Einbruch, dass ein sofortige, vollwertiger Rebound sehr unwahrscheinlich ist. So ein Einbruch braucht dann Zeit, um - wo auch immer - einen Boden auszubilden. Auch im Februar wurde es ein Doppelboden, ich erinnere bewusst erneut daran!

Wichtig ist aber noch einmal auf das Chart zu schauen und sich an die 50-Tage-Linie zu erinnern, die ich Ihnen mehrfach als Triggerlinie zum "Sorgen machen" für den NASDAQ100 genannt habe. Diese hat ihren Dienst perfekt getan!

Einige werden nun denken: "hätte ich doch". Ich weiss, genau das ist das Problem. Nicht nur einen Plan haben, sondern sich auch daran halten! 😉

17:24 MEZ

Micron (MU) ist übrigens auch heute im Plus. Kann schon sein, dass der Markt hier mir der Dachlatte winkt. 😉

17:30 MEZ

Der SPX hat nun hohe Unsicherheit und ist sich über die Richtung nicht klar, man sieht das an den langen Dochten auf beiden Seiten um die 200-Tage-Linie herum:

Da kann heute noch was kommen, wir haben nun wieder das berühmte Gummiband-Szenario. In der Regel schnappt es zurück = Snapper nach oben. Manchmal reisst es aber mit einem Knall = Crash!

Ja, wir haben nun eine reale Crash-Gefahr im Markt. Das ist aber eine abstrakte Situation, niemand muss jetzt aufspringen und "Hari hat Crash gesagt" ausrufen. 😀

Ich habe die gleichen Sätze im Februar gesagt und will nur sagen, dass *wenn überhaupt* ein Crash möglich ist, er praktisch immer aus so einer schon stark fallenden Situation heraus auftritt - auch 1987 übrigens.

Wenn der Markt dagegen neue Höchststände macht, ist die Crashgefahr Null. Heute ist sie nach den Abgaben dagegen *nicht* Null, was aber immer noch nicht bedeutet, dass es wahrscheinlich ist. Nein, das ist es wohl nicht.

Das Bild des stark gedehnten Gummibandes bringt diese Problematik perfekt auf den Punkt und wir müssen einfach mit dem Restrisiko des "Knalls" leben.

17:35 MEZ

So ... in Anbetracht der Marktlage mache ich es heute anders mit dem Stream.

Den normalen Modus schließe ich jetzt. Es kommt jetzt also erst mal nichts mehr, rechnen Sie nicht mehr mir regelmässigen Updates.

Aber ... ich lassen den Stream auf, werde mich aber nur dann hier melden, wenn der Markt grundlegenden Bewegungen macht.

Also vielleicht bis später.

18:35 MEZ

Dieses Mal will das Edelmetall es wissen, ein goldiger Ausbruch:

Und die Minen auch:

19:52 MEZ

Also ich mache den Stream jetzt zu. Sicher kann die letzten 2 Stunden noch Bewegung und eine Überraschung kommen, es sieht aber bisher nach einem Konsolidierungstag aus, der nach dem Absturz keineswegs ungewöhnlich wäre:

Wenn Sie mich jetzt fragen was das bedeutet, hätte ich vor 5 Jahren gesagt: "Nichts Gutes". Ein Markt der selbst nach so einem Einbruch keinen Bounce hinbekommt, ist ein schwacher Markt der noch tiefer will.

In den letzten Jahren haben wir aber mehrfach so Situationen erlebt, wo es nicht mit Karacho und großer Emotion drehte wie am 09.02., sondern einfach ganz still und heimlich eine Stabilisierung kam und dann die Kaufprogramme wieder eingeschaltet wurden.

Sie erinnern sich ja vielleicht auch noch an den popelnden Herrn in der Schlabberhose in -> es ist so verflucht artifiziell! <- 😉

Ich habe also keine Meinung zum morgigen Verlauf, die allgemeine Lage habe ich dagegen mehr als ausreichend besprochen.

Der SPX ist im Bereich der 200-Tage-Linie und morgen geht mit den Großbanken die Berichtssaison los. Lassen wir uns überraschen, wie das weitergeht.

Bis Morgen!

Ihr Hari

*** END OF STREAM ***

PS: Kurz danach kam doch noch deutliche Bewegung rein. Im zu diesem Artikel gehörenden Thread im Forum habe ich weiter geschrieben.

*** Bitte beachten Sie bei der Nutzung der Inhalte dieses Beitrages die -> Rechtlichen Hinweise <- ! ***

Sind Derivate für Kleinanleger Fluch oder Segen?

Derivate haben keinen guten Ruf. Manchmal werden sie auch verteufelt. Mit diesem Beitrag, der auf einer ausführlichen Antwort im Forum des Premium-Bereiches beruht, will ich versuchen, mich dem Thema etwas differenzierter zu nähern.

Denn ich selber nutze Derivate, wie Zertifikate und Optionsscheine, nur sehr selten und höchst wählerisch.

Und das liegt daran, dass Derivate ja in der Regel auf einem Basiswert (dem Underlying) beruhen, also einem Index, einer Aktie oder einem Sektor. Und auf diesem Underlying, baut sich dann das Konstrukt des Derivats auf.

Der Kauf eines Derivates macht also ganz grundsätzlich nur dann Sinn, wenn das Derivat etwas bietet, was man im Underlying selber nicht bekommen kann. Das könnte die Möglichkeit Short zu gehen sein, oder vielleicht ein Währungshedge, der im Konstrukt des Derivates eingebaut ist. Ich kann aber wenig Sinn darin erkennen, eine Allianz per Derivat zu kaufen, wenn man die gleiche Handlung direkt auf Xetra durchführen kann.

Ausnahme sind dabei CFDs, die ich selber sehr oft nutze. Das liegt daran, dass CFDs zwar formal auch Derivate sind, das Underlying aber in der Regel 1zu1 abbilden und sich damit vom Kursverlauf her genau wie das Underlying verhalten. Einige der weiter unten diskutierten Nachteile von klassischen Derivaten wie Zertifikaten oder Optionsscheinen, existieren für CFDs daher nicht.

Aber selbst für CFDs gilt: ich sehe keinen sinnvollen Grund, beispielsweise eine Allianz Aktie via CFD zu kaufen, wenn ich die "echte" Allianz auch als Aktie an Xetra kaufen kann. Dafür gibt es dann aber gute Gründe einen CFD zu benutzen, wenn man die Allianz shorten will, denn das kann man mit dem Underlying nicht so einfach gestalten.

In Summe gibt es in meinen Augen also keinen Grund, Derivate pauschal zu verteufeln. Denn manchmal decken sie auch sinnvolle Nischen ab, die man anderes gar nicht adressieren könnte.

Trotzdem haben sie in meinen Augen drei strukturelle Nachteile gebenüber den Assets selber, die sie derivativ abbilden. Keiner dieser Nachteile ist so massiv, dass er einen "Showstopper" darstellt und man deswegen sagen müsste, man "darf" keine Derivate nutzen. Aber in Summe macht es diese nach meiner Ansicht etwas unattraktiver, weswegen man - wenn man die Wahl hat - in meinen Augen besser das "Original" nutzt. Und weswegen ich selber Derivate (mit Ausnahme von CFDs) nur sehr selten nutze.

1) Sie sind (oft) weniger ausfallsicher

Und damit meine ich nicht den Ausfall (die Pleite) des Emittenten, das wäre sowieso der Gau und wenn grosse Emittenten wie Deutsche Bank und Commerzbank ausfallen sollten, haben wir alle ganz andere Probleme. Und zwar auch die unter uns, die keine Derivate nutzen.

Dieses Hauptargument, das immer in der öffentlichen Meinung gegen Derivate ins Feld geführt wird, ist also eigentlich keines.

Nein, ich meine damit die kleineren Probleme, wie den Ausfall beim Handelssystem, fehlende Kurse, falsche Kurse und ähnliches. Also die "kleinen" Ärgernisse, die auftreten können und Anlegern das Leben schwer machen.

Der Grund ist ganz einfach und leicht einzusehen. Wenn man eine Aktie kauft oder am Devisenmarkt direkt EURUSD handelt, dann kann bei jedem von uns, theoretisch der Broker nicht erreichbar sein und keine Kurse mehr stellen. Dieses Grundrisiko der IT-Strukturen haben wir immer - wir alle.

Mit einem Derivat kommt aber noch eine zweite Ebene des Risikos hinzu: neben dem Broker, kann auch der Emittent IT-Probleme haben und keine Kurse mehr stellen. Und das gilt auch für den Fall, dass man das Derivat von der gleichen Bank kauft, bei der man sein Depot hat, denn in der Regel stehen unterschiedliche Computersysteme hinter Depotführung, Handelssystem und dem Market Making der Derivate.

Nun ist dieses Ausfallrisiko nicht hoch, es verdoppelt aber die Problem-Wahrscheinlichkeit. Und Sie werden erstaunt sein, wie oft ich - der ich rund um die Uhr am Markt unterwegs bin - kurze Ausfälle bei den Market Makern der Derivate beobachte. Ich erinnere mich noch lebhaft an den August 2011, als sich die Eurokrise in Gang setzte, da war es teilweise ganz schlimm und wer da bei bestimmten Brokern war, konnte teilweise tagelang nicht agieren. Und auch die Emittenten haben teilweise die Kursstellung einfach eingestellt.

Insofern ist ein gerne gebrachtes Argument, das man selber "noch nie ein Problem hatte" auch nicht wirklich stichhaltig. Denn wenn das Risiko eines Ausfalls gering ist, merken die meisten nichts davon. Wenn das Problem dann aber mal auftritt - und meistens natürlich mitten im schönsten Absturz - ist der Ärger gross.

Ein Anstieg eines Risikos von 0,02 auf 0,04 ist halt einfach eine Verdoppelung, auch wenn es in beiden Fällen so gering ist, dass man es meistens nicht bemerkt. Das ist ein wenig wie beim Truthahn vor "Thanksgiving" oder dem Weihnachtskarpfen, dem geht es auch immer gut, bis es ihm nicht mehr gut geht. 😉

Deswegen muss man nichts verteufeln, aber wenn man ein kleines Risiko noch einmal halbieren kann, macht es Sinn das zu tun. Also warum ein Derivat nutzen, wenn man das Gleiche auch direkt machen kann?

2) Sie sind (oft) komplexer

Das gilt nicht immer, aber oft und vor allem für Zertifikate und Optionsscheine. Und klar, wenn man sich an die Strukturen eines Derivates mal gewöhnt hat, stellt das kein Argument mehr dar, man weiss halt, wie das funktioniert.

Für Anleger, die das tagtäglich machen, ist das alles transparent und einfach, weil sie die Funktionsweise des Derivats rauf und runter kennen. Ein Neueinsteiger, steht aber oft erst einmal vor Fallstricken. Nehmen wir den Devisenmarkt und EURUSD als Beispiel:

In der Zeitung steht das Währungspaar EURUSD sei auf 1,08 gestiegen. Fein. Wenn man nun am Devisenmarkt EURUSD Long gehen will, dann kauft man EURUSD genau zu 1,08. Und verkaufe das Währungspaar ein paar Tage später zu 1,10. Damit ist der Gewinn und die Kursstellung völlig transparent, es gehen die Gebühren ab und fertig.

Mit einem Derivat aber, das auf EURUSD aufsetzt, hat man in der Regel "irgend einen" Kurs, bei dem man auch nicht wirklich nachvollziehen kann, ob er fair gestellt wurde, weil es keinen Referenzmarkt gibt. Dann hat man "Knock-Out-Barrieren", Volatilität was auch immer - eben viele Spezial-Parameter, die von der Konstruktion des Derivats abhängig sind.

Erneut, das muss kein Problem sein und wenn man sich im Detail in die Funktionsweise hinein denkt, kann man auch das gut verstehen. Nur ist es erst einmal weniger transparent und selbsterklärend, als EURUSD einfach zu genau dem Kurs zu kaufen, zu dem er auch in der Zeitung steht.

Und ich habe selber in der Vergangenheit auch Fälle erlebt - auch bei grossen Emittenten - bei denen Unschärfen und Gestaltungsspielräume bei der Konstruktion des Derivates, nach meiner subjektiven Interpretation vom Market Maker genutzt wurden, um die Kursstellung zu "optimieren"- böse Zungen würden sagen "um die Anleger abzuzocken". 😉 Gerade die Frage, wann und wie die Volatilität im Derivat herauf oder herab gesetzt wird, ist dafür ein beliebtes Spielfeld.

3) Sie sind (oft) teurer

Auch das ist nicht immer richtig, es gibt Ausnahmen die von den individuellen Umständen abhängen. Aber im Kern ist es doch ganz einfach, bei einem Derivat ist ein weiterer "Mitesser" an Bord, der das Derivat anbietet, weil er Gewinn machen will.

So wird sich ein Bank, die ein Derivat auf EURUSD anbietet, sich dafür auch am Devisenmarkt refinanzieren. Einem Devisenmarkt, an dem wir auch direkt handeln könnten. Und dann baut die Bank rund um EURUSD noch eine derivative Konstruktion und natürlich kostet diese und die Kosten werden ins Produkt eingepreist - wo auch immer, das hängt vom Produkt ab.

Abgesehen davon, werden solche Derivate auf die Underlyings ja nicht deshalb kreiert, weil die Banken "gute Menschen" sind. Sondern weil diese damit zusätzlichen Gewinn machen wollen. Da aber der Preis des Underlyings, sich objektiv an der Börse oder am Devisenmarkt ergibt, muss der zusätzliche Gewinn der Bank, der das Geschäft mit Derivaten überhaupt erst legitimiert, im Derivat selber versteckt sein.

Deswegen darf man bei den Derivaten auch nicht immer nur die reinen Gebühren betrachten, denn auch in der Konstruktion selber können Kosten versteckt sein. Und die kann man eben schwer sehen, weil es eben keine Vergleichskurse gibt. Um das zu analysieren. muss man sich aber intensiv mit der individuellen, derivativen Konstruktion befassen.

Wenn man den Verlauf der Kurse von Derivaten direkt mit dem Underlying vergleicht, stellt man auf jeden Fall oft mal Abweichungen fest, die über die Zeit grösser werden. Grund sind dann fast immer "innere" Kosten in der Konstruktion des Derivats. Und diese sind nicht per Zufall da, sondern weil der Emittent dieses Geschäft ja macht, weil er damit verdienen will.

Es mag Einzelfälle und Anwendungsfälle geben, bei denen die derivative Lösung dann für den einzelnen Anleger doch günstiger ist. Gerade bei Anlegern mit kleinen Depots kann das sein, wenn mal wieder Sonderaktionen laufen um Derivate zu promoten. Denn durch die vergleichsweise hohen Grundgebühren für Kleinanleger beim Kauf- und Verkauf an der echten Börse, haben Derivate die Chance bei Sonderaktionen hier Gebühren-Vorteil zu generieren.

Im grossen Bild ist aber klar, dass ein weiterer gewinnorientierter Mitesser in der Nahrungs-Kette des Finanzproduktes, eher zu höheren Kosten beim Anleger führen muss.

Fazit:

Derivate sind auch für Kleinanleger keine Teufelei und kann man gut einsetzen, wenn man sich der Funktionsweise und Nachteile bewusst ist.

Das Problem ist eher, dass der Umgang mit Derivaten vom Anleger in der Regel höhere Kenntnisse erfordert, als der Kauf des Underlying selber. Umgedreht sind es aber eher die "kleinen Anleger", die diese Derivate nutzen, während die grossen, eher erfahrenen Anleger an Xetra, Eurex und Co. unterwegs sind oder derivative Konstruktionen nutzen, die sie sich selber "gebaut" haben. Aus dieser Diskrepanz entstehen oft Probleme mit Derivaten.

In Fällen wo Derivate Situationen abbilden, die man ansonsten nicht direkt handeln könnte, kann man sie aber nutzen, wenn man die Funktionsweise wirklich versteht. In Fällen aber, wo sie letztlich nur bieten, was man im Underlying auch selber tun könnte, ist aus den obigen Gründen in meinen Augen das Underlying vorzuziehen.

Ganz grundsätzlich gilt natürlich, dass die Solidität des Emittenten ein zentraler Risikofaktor ist, den man im Auge behalten sollte. Solange man bei grossen Adressen wie der Deutschen Bank oder Commerzbank bleibt, braucht man das Risiko aber auch nicht über zu bewerten. Denn wenn die kippen sollten, haben wir alle ganz andere Probleme. Und zwar auch die Anleger, die keine Derivate nutzen. Dann sitzen wir alle mehr oder weniger im gleichen Boot.

Insofern spricht erst einmal null und nichts dagegen, bestimmte Sondersituationen mit Derivaten zu handeln. Man muss sich halt nur genau mit der individuellen Funktionsweise beschäftigen. Und man sollte immer erst einmal schauen, ob man das Gleiche nicht mit dem Asset selber oder mit einem sehr transparenten CFD abwickeln kann, der den Kursverlauf des Underlying 1zu1 abbildet.

Ihr Hari

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Was die drei Buchstaben TAN mit dem neuen Solar Boom und First Solar zu tun haben

Seit wir hier auf Mr-Market.de im Frühjahr 2013 auf den anfahrenden Solar Zug aufgesprungen sind, tauchen immer wieder die drei Buchstaben "TAN" auf. Und schon mehrfach wurde ich gefragt, was es damit auf sich hat.

Ganz einfach, es ist der Guggenheim Solar ETF speziell für den weltweiten Solarsektor und zwar mit dem Wallstreet Kürzel "TAN". Sehen Sie hier die aktuellen -> Bestandteile <- des ETFs, bei denen die aktuell nach oben schiessende First Solar (WKN: A0LEKM) eine der grössten Positionen ist.

Dieser ETF gibt einen guten Überblick über die weltweite Solarindustrie, der dringend nötig ist, da uns in Deutschland zu diesem Thema der Blick durch die diversen Pleitekandidaten verschleiert wird und wir so die grossen Chancen in der weiten Welt oft gar nicht erst wahrnehmen. Ausser Sie waren dieses Jahr hier auf Mr-Market dabei.

Neben dem TAN gibt es dann noch den "KWT" mit ähnlicher Zusammensetzung, aber es gibt in Deutschland - also als ETF zum Vertrieb in Deutschland zugelassen - meines Wissens keinen einzigen ETF, der den Solarsektor komplett abbildet. Zumindest kenne ich keinen, wenn es doch einen ETF gibt, bitte ich um Nachricht.

Das ist ein Trauerspiel und typisch, die Finanzindustrie hier hat nach meiner persönlichen Wahrnehmung ein Händchen dafür, strukturierte Produkte immer erst dann auf den Markt zu werfen, wenn "der Käs" schon weitgehend gegessen ist und die Privatanleger noch ein paar abgenagte Knochen in die Hand bekommen.

Wie tragisch das ist, will ich Ihnen an der Entwicklung des TAN in US Dollar im Chart mit Wochenkerzen seit 2010 zeigen:

TAN 01.11.13

Sie sehen eine der perfektesten Umkehrformationen, die ich in meiner 25-jährigen Börsenkarriere je gesehen habe. Vom Tief im November 2012 bei 12,60 USD bis zum Hoch im Oktober diesen Jahres bei 41,16 USD, betrug der Hub innerhalb eines knappen Jahres sensationelle 226% ! Und das nicht bei einer einzelnen Aktie, sondern einem ganzen Sektor.

Und Sie sehen die Volumenexplosion ab September, dem Zeitpunkt wo breite Anlegerschichten aufmerksam wurden. Seit dem kann man auch in Deutschland allerlei zum Thema lesen, der Anfang der Bewegung ist das aber bei weitem nicht.

Warum es nach einer zwangsläufigen Korrektur durchaus weiter gehen kann und was da schon alles verpasst wurde, habe ich ausführlich -> hier <- in einem Artikel dargestellt und will ich nicht wiederholen.

Ich will Ihnen statt dessen die Frage beantworten, wie Sie den TAN denn kaufen können, denn einige Leser wollen sicher gerne am ganzen Solar-Sektor teilhaben. Das macht ja auch für normale Anleger mehr Sinn, als sich mit einzelnen Aktien wie Yingli , Trina oder Yinko Solar herum zu plagen, die man als durchschnittlicher Anleger sowieso nicht sinnvoll von Deutschland aus verfolgen kann.

Die traurige Antwort ist, von einer normalen deutschen Direktbank aus, geht es nach meiner Erfahrung bei US-ETFs oft gar nicht sinnvoll. Denn was Sie hier als Anleger kaufen können, ist auf das Universum begrenzt, das eine WKN hat. Eine WKN ist aber eine rein deutsche Veranstaltung und schon wenn Sie über die schweizer Grenze gehen, interessiert sich niemand mehr für dieses Kürzel, dort ist es der "Valor" und in den US eben das Kürzel wie der "TAN" oder der "GDX" oder "TLT".

ETFs wie der TAN, die in Deutschland nicht aktiv vermarktet werden, haben hier auch keinen Market Maker. Sprich selbst wenn Sie eine WKN bekommen, haben Sie noch lange keine zuverlässigen Kurse. So gibt es für den TAN sogar eine WKN, meines Wissens ist das die A1JT66. Und meines Wissens stellen ein paar Nebenbörsen auch Kurse, so zum Beispiel Tradegate.

Nur wie zuverlässig diese Kursstellung ist, kann ich Ihnen nicht sagen. Eben so wenig, wie hoch der Spread ist. Und vergessen dürfen Sie bei Auslandsfonds auch den steuerlichen Aspekt nicht. Da lauern manchmal allerlei Fallen, die man sich nicht bewusst macht, wenn man einfach nur brav von der Bank die Abgeltungssteuer abführen lässt, ohne das zu hinterfragen - Stichwort thesaurierende Auslandsfonds.

Während Profis und erfahrene Privatanleger sowieso mit leistungsfähigen, international aufgestellten Brokern agieren und daher direkten Zugang zur Wallstreet und damit auch zu ETFs wie dem TAN haben, bleibt für den normalen deutschen Anleger bedauerlicherweise wohl nur, auf einzelne Aktien im Sektor auszuweichen, obwohl damit das Risiko leider gegenüber einem Sektor-ETF steigt.

Natürlich gibt es auch das eine oder andere Derivat, wie ein Zertifikat zum Solar Sektor - dergleichen betrachten wir hier bei Mr-Market aber sowieso nicht. Wenn wir investieren, dann in der Regel in die Aktien direkt oder in voll replizierende ETFs und eben nicht in Schuldverschreibungen von Banken.

Bleibt für die deutschen Anleger zu hoffen, dass entweder mal iShares und Co. einen Solar ETF auch für Deutschland auflegen, oder Guggenheim auch den deutschen Markt aktiv angeht. Bis das passiert, dürfte der "Kas" im Sektor aber wahrscheinlich wirklich weitgehend gegessen sein.

Hier in Deutschland sitzen wir halt börsentechnisch in der dritten Reihe.

:Sarkasmus on:
Das ist ja auch angemessen, wir sind ja sowieso alle nur "böse Zocker" (im Gegensatz zum "guten" Lottospieler) und insofern ist das ja die angemessene Bestrafung für unser "skandalöses" Tun, bei der Unternehmensfinanzierung als Aktionär aktiv mitzuwirken und so einen volkswirtschaftlichen Beitrag zu leisten. 😉
:Sarkasmus off:

Ihr Hari

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Finanztransaktionssteuer – Von Ahnungslosigkeit und Lobbyismus – Eine Wutrede

Nachdem die EU-Kommission einen ersten Vorschlag zur Finanztransaktionssteuer vorgelegt hat, gehen die Berichte über erste Einzelheiten durch die Welt, nachzulesen unter anderem -> hier <-.

Wenn ich lese, was sich da wieder ausgedacht wurde, steigt mir die Zornesröte ins Gesicht und ich kann nicht anders, sondern muss zu einer sehr persönlichen Wutrede ansetzen. Wer klare Worte in einem persönlichen Kommentar nicht erträgt, möge nicht weiterlesen.

Zunächst ist es mir wichtig festzuhalten, dass ich durchaus ein Freund der Idee einer - richtig umgesetzten - Börsenumsatzsteuer (Tobin Tax) bin. Die Absichten die sich damit verbinden, sind nicht nur ehrenhaft, sondern sogar sehr sinnvoll.

An erster Stelle steht für mich die Entschleunigung der Märkte. Man sollte sich darauf zurück besinnen, was der volkswirtschaftliche Sinn eines Aktienmarktes ist. Er dient dazu den Wert von Firmen und Geschäftsmodellen festzulegen und die Unternehmen daher mit Kapital für ihre Aktivitäten zu versorgen.

Über die Pervertierung des Marktes als Spielplatz von wild gewordenen Algorithmen wurde völlig vergessen, dass die Erfindung eines Marktes zum Austausch von Waren und zur Festlegung von Preisen im freien Spiel von Angebot und Nachfrage, eine der ganz wesentlichen zivilisatorischen Errungenschaften der Menschheit ist. Ohne die Erfindung des Marktes wäre zum Beispiel Arbeitsteilung nicht möglich gewesen, denn der Bauer der im Herbst seine Ernte zu Geld machen will, hätte keine Chance gehabt auf genügend Käufer zu treffen. Ohne Markt keine Arbeitsteilung. Und ohne Arbeitsteilung keine Zivilisation. Dieser Zusammenhang ist ebenso wahr, wie von der breiten Masse unverstanden.

Dieser volkswirtschaftliche Sinn der Aktien-, Devisen- und Anleihenmärkte ist extrem hoch und kluge Politik würde alles unterlassen, was diese wichtige Funktion der Märkte behindert. Umgedreht würde kluge Politik alles unterbinden, was das Funktionieren des Marktes als Preisfindungsorgan in Frage stellt. Und multi-millionen Pseudotransaktionen im Millisekundenbereich im High Frequency Trading (HFT) haben schlicht null volkswirtschaftliche Bedeutung, im Gegenteil, sie stellen die Funktionsfähigkeit der Märkte in Frage. Und Millionen an Derivaten, in denen die vorhandenen echten Assets in Form von Aktien, Anleihen oder Devisen nur umverpackt und duchgequirrlt werden, um in der komplexen Konstruktion die Ertäge des Finanzsektors zu verstecken, haben auch keine volkswirtschaftliche Bedeutung. Zumal keiner dann mehr versteht, was hinter der vierten Umverpackung überhaupt noch enthalten ist, wie ja wunderbar 2008 zu beobachten. Die Welt wäre eine bessere, gäbe es diese Derivate nicht. Die Welt wäre aber nicht die gleiche, gäbe es keine freien Märkte für Aktien, Anleihen und Devisen.

Vor diesem Hintergrund könnte eine kompetent ausgeführte Finanztransaktionssteuer eine gute Sache sein. Sie könnte den Finanzsektor tatsächlich beteiligen, weil sie jede Transaktion einer kleinen Umsatzsteuer unterzieht. Und sie könnte die Finanzmärkte entschleunigen, weil nur noch echte Transaktionen mit echten Assets im Hintergrund wirtschaftlichen Sinn machen. Die Algorithmen des HFT wären auf jeden Fall sofort unwirtschaftlich. Und von den Börsenbetreibern abgesehen, die weniger Umsatz machen, würde niemand auf der Welt HFT vermissen.

So weit doch eigentlich eine schöne Ausgangslage und nun schauen wir mal, was unsere ach so kluge EU-Kommission daraus gemacht hat.

0,1% Transaktionssteuer pro Aktientransaktion und 0,01% pro Derivat. Hallo ? Warum wohl soll der volkswirtschaftlich sinnvolle Transfer von Unternehmensanteilen 10x so stark besteuert werden, wie so ein sinnloses Derivat ? Kann mir das einer von den EU-Bürokraten bitte erklären ? Und damit das híer kein EU Bashing wird, weite Teile der deutschen Politik, angeführt von SPD und Grünen begrüssen das ja scheinbar auch. Von dem Teil der Bevölkerung mal ganz abgesehen, der schon bei der Prozentrechnung in der Schule abwesend war.

Ich habe eine starke Vermutung woran das liegt. Und ja, es ist meine persönliche, gemeine, unfaire und höchst subjektive Meinung und reine Vermutung. Ich habe dafür keine Beweise, nur meinen in Jahrzehnten gestählten Riecher.

Aber ich vermute stark, dass die Finanzlobby bei der Definition des Vorschlages kräftig mitgemischt hat. So läuft es halt in Brüssel. Und das ist halt die Folge davon, wenn die Politik nicht wirklich etwas von Themen versteht, über die sie Gesetze verfassen will. Wenn Ahnungslosigkeit und Lobbyismus zusammen treffen, wird es für die Bürger und Firmen die nicht mit am Tisch sitzen und keine Lobby haben, halt oft sehr teuer.

Wobei, so sehr überrascht bin ich ja nicht. Denn aus der globalen Sicht eines ideologisch beseelten Politikers ist die Welt doch auch mal wieder ganz schlicht: Aktien und dieses ganze "Zockerzeug", das muss doch was mit der bösen Finanzindustrie zu tun haben. Und wenn man das irgendwie besteuert, trifft man schon den Richtigen. Jawoll !! Leider Nein, meine lieben gerechtigkeits-beseelten Politiker, leider Nein !

An einer realen Aktientransaktion, wenn also Bürger/Firma A über die Börse von Bürger/Firma B ein Aktienpaket kauft, verdient die Finanzindustrie so gut wie nichts. Alleine die Broker und die Börsen verdienen ein bisschen Transaktionsgebühr, das ist aber nicht das Geschäft der gelgehaarten Jünglinge des Herrn Jain in London. An solchen realen Aktiengeschäften, hat die Finanzindustrie kein besonderes Interesse, daran verdient sie nicht viel.

Ein Interesse hat die Finanzindustrie aber daran, ihre unzähligen Derivate als "Produkte" umzuverpacken und teuer in die Welt zu bringen. Ein Interesse hat die Finanzindustrie daran, wenn mit diesen "Produkten" fröhlich Handel betrieben wird, je mehr desto besser.

Und jetzt frage ich Sie vor diesem Hintergrund: warum sollen volkswirtschaftlich sinnvolle Aktiengeschäfte 10x so stark besteuert werden wie Derivate ? Wer hat da "beratend" mitgewirkt ? Fakt ist, Bürger und Firmen die mit realen Assets am Markt agieren wollen, haben keine Lobby.

Richtig wäre es genau umgedreht. Wenn überhaupt, dürften alle Geschäfte mit realen Assets wie Aktien, Anleihen und Devisen nur sehr minimal besteuert werden. Gerade so, dass das HFT unprofitabel wird. Alle Derivate aber sollten einen hohen Steuersatz haben. Genau dann würde der Finanzsektor beteiligt. Das würde 90% des derivativen Mülls im Markt einfach tot schlagen. Und übrig bleiben würden nur die wenigen derivativen Konstruktionen, die tatsächlich einen volkswirtschaftlichen Mehrwert schaffen, so zum Beispiel beim Währungshedging, das viele Firmen betreiben müssen. Denn nicht alle Derivate sind perse unsinnig, weite Teile des Wildwuchses aber schon. Die Finanztransaktionssteuer wäre so das Medium, das die Spreu vom Weizen trennen würde.

Warum also 0,1% auf Aktiengeschäfte und 0,01% auf Derivate ? Kann mir das einer mal erklären und meinen Verdacht ausräumen, dass hier Ahnungslosigkeit auf Lobbyismus getroffen ist ? Ich wäre wirklich dankbar, wenn mir jemand meinen Glauben an die Kompetenz der Politik wieder geben könnte. Also her mit den Argumenten, BITTE !

Aber als ob das nicht reichen würde, um mir die Frustration ins Gesicht zu malen, tut dann "Volkes Stimme" in Form der Meinungen der durchschnittlichen Foristen zum Thema ihr Übriges, wie oben im Artikel im Forum nachzulesen.

Ich will deshalb mal in Erinnerung rufen, was diese 0,1% pro Transaktion wirklich sind und was sie für uns Bürger, für die Volkswirtschaft und für die Aktienmärkte bedeuten werden:

1. Erstens ist es eine Steuer die auf den Umsatz und nicht auf den Gewinn anfällt. Die beste Entsprechung dazu wäre die Grunderwerbsteuer, auch eine Steuer die auf die gesamte Transaktion gewinnunabhängig anfällt. Jetzt beträgt diese aktuell ca. 3-5%. Nur kauft ein normaler Bürger ohne wirtschaftliches Interesse am Immobilienmarkt im Leben vielleicht 1-3 Objekte. Selbst ein konservativer Aktien-Anleger hat aber im Jahr eine kleine zweistellige Zahl von Transaktionen.

2. Addieren sich so pro Kauf plus Verkauf 0,2%. Multipliziert mit der Umschlaghäufigkeit, die bei Lesern dieses Blogs sicher im Bereich 2-10x pro Jahr liegen dürfte, kommen so schnell 2% zusätzliche jährliche Kosten zusammen. Das ist eine gewaltige Hürde um am Aktienmarkt überhaupt Geld verdienen zu können.

3. Werden diese neu anfallenden Kosten von der vermeintlich "beteiligten" Finanzindustrie einfach umgelegt und den Bürgern in Rechnung gestellt. Am Ende verteuern sich damit nicht nur Aktientransaktionen der "bösen" Zocker, sondern Fondsparpläne werfen niedrigere Renditen ab und die Lebensversicherungen sind noch weniger in der Lage, für ihre Versicherten eine auskömmliche Rendite zu erwirtschaften, denn mit Anleihen alleine geht das nicht mehr. Am Ende zahlen alle Bürger in Deutschland gleichermassen, die Geld anzulegen haben oder für ihren Ruhestand vorsorgen wollen.

4. Wird die Steuer damit zum Konjunkturprogramm für Derivate, denn plötzlich wird es Sinn machen, statt die Aktie direkt zu kaufen, ein "umverpacktes" Derivat zu kaufen. Die eine Hälfte dieses Vorteils steckt sich der Finanzsektor in die Tasche und freut sich über die tolle Finanztransaktionsteuer, die seine Taschen füllt, statt ihn zu "beteiligen". Über die andere Hälfte "freut" sich der normale Anleger und vergisst, dass er nicht 50% gespart hat, sondern ohne Grund nun eine Schuldverschreibung einer Bank (ein Derivat) im Depot liegen hat, wo er vorher zu geringeren Kosten wirklich Anteile an einem echten Unternehmen hielt.

5. Und zu guter Letzt wird der ganze deutsche Aktienmarkt leiden. Denn nach den Prinzipien der Kommission die in dem Artikel oben erklärt werden, müsste es auch der US Anleger mit US Broker zahlen, wenn er eine deutsche Aktie kaufen will. Was wird dieser institutionelle Anleger also wohl machen ? Genau: einen Bogen um den deutschen Aktienmarkt !

Short DAX und Long S&P500 dürfte dann eine sinnvolle Strategie werden. Aber bitte mit Derivat ! 😉 Ach schöne neue Finanztransaktionssteuer !

Jetzt höre ich schon die Stimmen, die mir erklären, so weit sei es ja noch nicht und es sei ja noch so vieles unklar. Das stimmt auch. Nur hat sich die Politik zu sehr auf die Einführung einer solchen Steuer festgelegt und sie hat die öffentliche Meinung hinter sich. Und es kommt die Wahl, die ein weites Feld für Populismus darstellt, zumal wenn Wähler keine Prozentrechnung beherrschen. Also wird eine solche Steuer kommen. Und wenn nicht so, dann noch schlimmer, Hauptsache man kann behaupten, man hätte "den Finanzsektor beteiligt".

Den Glauben, dass hier von alleine eine volkswirtschaftlich sinnvolle Lösung gefunden wird, habe ich nicht. Nennen Sie mich ruhig einen Defätisten. Ich nenne mich einen Realisten.

Ihr (frustrierter) Hari

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