Kurstechnischer Sargnagel



Der Markt schlägt wieder einen leicht positiven Ton an, Window Dressing, Bankenrettung in Italien mit Staatsknete, aktivistische Investoren entern Nestle und gute Vorgaben aus Asien, generieren ein Paket zum "Wohlfühlen". Selbst schwache US Konjunkturdaten am Nachmittag belasteten zwar den Dollar, nicht aber die Aktienmärkte, dieser Teflon-Markt reagiert eben auf Nachrichten gleich welcher Art gar nicht mehr und wenn, dann nur in eine Richtung - nach oben. 😉

Dazu kam schon um 10 Uhr noch ein Ifo-Index, wie er besser kaum sein könnte, alles war also gut, nur dass Gold zeitgleich massivst einbrach.

Auch wenn es zeitlich so aussah, ist ein geordneter Zusammenhang zum Ifo wohl nicht da. Erstens ist der Ifo sowieso nicht so bedeutend, dass er weltweit den Goldpreis bewegt und vor allem hatte es eher den Charakter eines "Fat Finger" also einer plötzlichen Riesenorder, Bloomberg -> stellt den Volumenschub hier dar <-.

Eine breite und gewollte Marktreaktion auf den Ifo war es also mit Sicherheit nicht, aber ein fehlerbehafteter Zusammenhang kann nicht völlig ausgeschlossen werden. Bei der Dominanz der Algos ist es nämlich immer unwahrscheinlicher, dass es wirklich ein "Fat Finger" eines Menschen war, es ist auch vorstellbar, dass ein Algo durch einen "Glitch" den Ifo zum Anlass nahm, eine zu grosse Order abzusetzen.

Ein besonders gutes Gefühl zur Marktstabilität macht es auch jeden Fall nicht, was auch der Grund sein dürfte, dass der Goldpreis erst einmal nicht hochkommt, sondern zögerlich unten mäandriert:

Die Minen reagieren übrigens sehr verhalten und sind weniger im Minus als der Goldpreis selber. Ein weiteres Indiz dafür, dass das keine strukturellen Abgaben waren und hier nun einfach Unsicherheit regiert, keiner will in so eine Kaskade geraten.

Ansonsten knüpft der Markt an den Freitag an, selbst Solar ist weiter im Plus, wenn auch heute verhalten - was aber kein Negativum, sondern ein Positivum ist, denn auch eine Konsolidierung wäre heute keine Überraschung.

Nun könnte man ja argumentieren, dass die Rally auf Trumps Aussagen zur einer Mauer basieren, die mit Solarpanels auf ihr finanziert wird. Auf so etwas Geld zu setzen, wäre wohl vermessen. 😉

Ich glaube aber, der Markt reagiert da ganz anders darauf, Er ist klug genug solche Aussagen nicht richtig ernst zu nehmen. Aber Solar war halt in einer massiven Stimmungsbaisse, weil alle davon ausgegangen sind, dass Trump Kohle fördert und die erneuerbaren Energie unter Druck setzt. In dem Trump so lapidar Solarpanels für die Mauer ins Spiel bringt zeigt er, dass er beim Thema kein Ideologe sondern Pragmatiker ist und damit können einige Befürchtungen wieder gestrichen werden.

In meinen Augen steigt Solar also gerade in einer Form von "Mean Reversion", weil sich die Erwartungen aus einem trüben Tal wieder normalisieren. Sollte es wirklich eine riesige Mauer voller Solarpanels geben, würde das eine massive Rally der US Werte in Gang setzen, die wir definitiv noch gar nicht haben.

Nicht übersehen sollte werden, dass sich die gute alte Cisco (CSCO) nun endlich in Bewegung gesetzt hat, das grosse Gap von Mai zu schliessen. Cisco ist ein Tech-Bluechip der noch hinterher hängt und von der Bewertung her noch recht attraktiv aussieht, weil vergleichsweise wenig Zukunftserwartung enthalten ist:

Ja und China, von mir nun mehrfach erwähnt, langsam still und leise kann man das nennen und recht gut sieht es auch aus. Die Chance auf ein langsames Hochschieben in Richtung des 19. KP Parteitages im Herbst ist vorhanden:

Mit China ist natürlich auch Kupfer und Co. verbunden, ich würde da nun also mal Werte wie Freeport McMoran (FCX) im Auge behalten. Hier ist noch keinerlei Handlungsbedarf, aber der kann kommen, wenn diese Trendlinie mit Volumen gebrochen wird:

Hier also bitte noch die Füsse still halten und nicht blind Hopium atmen, kluge Trader handeln schnell wenn die Dinge in Bewegung geraten, raten aber vorher nicht herum.

Das sichtbar abflauende Abwärtsmomentum macht das aber zu einem Wert, auf den man nun schauen kann, damit man dann schnell handelt, wenn und falls sich ein Setup ergibt:

Ein faszinierendes Beispiel dass der Markt keineswegs immer effizient ist, sondern nach dem Motto "sell first, think later" agiert, scheint heute Arconic (ARNC) darzustellen.

Ich weiss nicht mehr genau wo und wann, aber ich bilde mir ein, ich habe die Meldungen dass es Arconic Platten waren, die im Grenfell Tower verwendet wurden, schon in ausführlichen Analyse-Berichten aus englischen Medien Ende letzter Woche gelesen. Hier sind sie von -> Reuters von Samstag <-.

Auf jeden Fall ist recht eindeutig klar, dass Arconic wie unzählige andere Anbieter (meines Wissens auch die deutsche Sto) einfach unterschiedliche Angebote von billig-flammbar bis teuer-feuerfest im Programm hat und das Marketing-Material sich nach den jeweiligen Landesregeln richtet.

Zumindest wurde in den UK Berichten die ich gesehen habe, nichts Anstössiges darüber berichtet. Wenn Dinge zugelassen sind, sind sie eben zugelassen, die Fragen haben sich in dem Fall primär an die Behörden zu richten und an die Unternehmen, die Material für einen bestimmten Zweck einsetzen und nicht an Lieferanten, die im Rahmen der Regulierung gesetzestreu liefern. Nur wenn Arconic hier bewusst Risiken verschwiegen oder gegen UK Regularien verstossen hat, wäre dem Unternehmen etwas vorzuwerfen und dafür gibt es meines Wissens keinerlei Indiz bisher.

Selbst ein Waffenhersteller wird ja nicht dafür verklagt, wenn mit seinen Waffen Unschuldige getötet werden und das ist richtig so, ausser er hat die Waffen in Kanäle verkauft, in die er nicht hätte verkaufen dürfen.

Die folgenden beiden Zeilen der Meldung bringen es auf den Punkt:

Six emails sent to and by an Arconic manager raised questions about why the company supplied the combustible panels despite a public warning that they posed a risk.

Arconic, formerly called Alcoa, says it's not up to the company to decide what's compliant with local building regulations.

Klar ist aber, dass nun die Suche nach Schuldigen im Gange ist und ein US Konzern ist natürlich für die politisch Verantwortlichen und die verantwortlichen Firmen eine willkommene Ablenkung von eigener Schuld. In meinen Augen sind das aber Nebenthemen, der Blick der Öffentlichkeit sollte weiter auf die Behörden und die Projektverantwortlichen gerichtet sein, deren Job ist es zu wissen, was an dem Hochhaus passiert ist und warum.

Das Ganze ist ein bischen wie mit der Atomenergie. E.ON und RWE haben sich damals auch nicht darum gerissen, ins Thema Atom zu investieren, der Staat wollte es unbedingt und hat die Stromkonzerne gedrängt und ermuntert. Lesen Sie -> Wie ausgerechnet RWE sich gegen Atomkraft wehrte <-.

Und ebenso sind diese Dämmplatten aktuell primär das Ergebnis energetischer Vorgaben, ohne diese Vorgaben würde es den ganzen Markt so wohl nicht - oder nur stark vermindert - geben. Arconic hat wohl einfach Pech, es hätte auch vielen andere Plattenhersteller treffen können.

Im Übrigen finde ich die staatliche Logik sowieso pervers, dass so brennbares Material an Fassaden nur dann nicht zugelassen ist, wenn es an Hochhäusern oberhalb der Leiterhöhe der Feuerwehr eingesetzt wird. Selbst mit Leitern und guten Feuertreppen will man so einen Brand niemandem zumuten. Schon kurz nach dem Brand kamen hier die typischen Bericht des Stils "kann in Deutschland so nicht passieren", weil diese Platten oberhalb Feuerleiterhöhe hier nicht zugelassen sind und es Vorschriften zu Brandtreppen, Sprinklern und Co. gibt.

Stimmt alles, nur wer hat Lust in einem "nur" 20 Meter hohen Hochhaus im 7. Stock in so einen Brand zu geraten und auf die Feuerwehr zu warten, während die Fassade lichterloh brennt? Bitte melden, wer dazu Lust hat, ich nicht. Ich bin als Kind im 7. Stock mal direkt betroffener Zeuge eines durch einen Fernseher induzierten Schwelbrand im Stockwerk darunter geworden, das hat mich kuriert. Meine persönliche Meinung zum Thema lautet ganz simpel:

Leicht brennbare Dämmplatten gehören an keine Fassade, auch nicht an die von Einfamilienhäusern. Punkt!

All das scheint den Markt aber nicht davon abzuhalten, bei Arconic erst einmal zu verkaufen und dann nachzudenken. Aber halt, wenn man genauer hinschaut sieht man, wie das Bröseln in einer zunächst positiven Chartstruktur schon vorher mit Grenfell kam:

Der Markt ist also wahrscheinlich mal wieder viel klüger als es mit dem heutigen Minus scheint. Der hat schon sehr früh eingepreist, dass das Geschäft mit diesen Platten nun Schlagseite bekommen dürfte und die Nachricht, dass Arconic das Pech hatte der Lieferant zu sein, ist jetzt sozusagen der kurstechnischer Sargnagel.

So weit heute erst einmal von mir, morgen ist ein neuer Tag.

Ihr Hari

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DAX Future Flash Crash

06.02.14 15:15 Uhr

Wenige Minuten nach dem Ereignis, heute um 13.50 Uhr, habe ich meinen Lesern im Premium-Bereich das folgende Chart gepostet:

Flash Crash 06.02.14

Lange war ich im Zweifel, ob der DAX Future wirklich einen Flash-Crash hatte, oder nur meine Datenversorgung einer Anomalie unterlag.

Nun endlich, kommt nach über einer Stunde über einen Artikel des Wall Street Journals die Bestätigung:
-> Flash Crash am deutschen Aktienmarkt <-.
Meine Datenversorgung war also intakt und der Flash Crash real.

Das bei so einer Bewegung der Computerhandel eine zentrale Rolle spielt, ist nach meiner Ansicht ziemlich sicher. Der beliebte "Fat Finger" als Begründung genügt mir dabei nicht.

Wie mir überhaupt die im obigen Artikel zitierte Reaktion der Deutschen Börse zu nonchalant am wirklichen Problem vorbei geht. Unzählige Anleger, egal ob privat oder institutionell, sitzen nun auf ungerechtfertigten Verlusten, weil Stops und Barrieren gezogen wurden. Gleichzeitig sehe ich aber an den diversen Derivaten, das die Volatilität nicht nach oben angepasst wurde. So, als ob nichts gewesen wäre.

Das eine passt aber nach meiner Ansicht nicht zum anderen. Entweder war das ein normaler Marktverlauf, dann müsste sich so ein Swing auf die Volatilität auswirken. Oder es war eben eine Anomalie und danach sieht es für mich aus. Dann hat mir die Deutsche Börse aber mehr zu erklären, als ich bisher lesen kann.

Klar ist auf jeden Fall, dass ohne den Computerhandel so etwas nicht möglich wäre. Einem Computerhandel, von dem auch die Deutsche Börse profitiert. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an meinen fast 1,5 Jahre alten Artikel zur -> Co-Location <-

Eine Stopkaskade, wie in dem Artikel des WSJ gemutmasst wird, ist immer möglich und ist auch völlig normales Marktverhalten. Nur kommt dann der Kurs nicht sofort wieder wie ein Strich auf das Ausgangsniveau zurück. Das passt als Begründung nach meiner Ansicht eher nicht zusammen und die Deutsche Börse schuldet uns in meinen Augen eine bessere Erklärung, als diese paar dürren Worte, die ich bisher finden kann.

Laut -> Reuters <- wird schon eingeräumt, dass Anträge auf "Misstrades" vorliegen. Insofern ist das Thema ganz bestimmt noch nicht abgeschlossen.

Insofern hoffe ich, dass Deutsche Börse und die Börsenaufsicht, hier bald mehr Licht ins Dunkel bringen. Und vor allem auch Konsequenzen daraus ziehen !

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