Apple, der Markt und die Erwartungen

Heute ein paar Zeilen im Nachgang der Quartalszahlen von Apple, die gestern zu einem deutlichen Kurs-Minus an der Börse geführt haben.

Überall liest man nun Unverständnis darüber, warum der Markt eine Apple Aktie so abverkauft, nach dem diese ja objektiv ganz ausgezeichnete Quartalszahlen abgeliefert hat, die man kaum besser machen kann.

Selbst im Handelsblatt, dass ja theoretisch der Hort von Finanz- und Börsenkompetenz sein sollte, versteigt sich der Herausgeber Gabor Steingart im -> heutigen "Morning Briefing" <- zum für mich ziemlich platten Satz: "Dieser Kursverlust sagt nichts über Apple aus, aber viel über die Investoren. Die Börse ist der einzige Ort, an dem Verrückte wie Propheten behandelt werden."

Ach Gottchen, da ist es wieder, dieses nicht ausrottbare Märchen, dass "die Börse" etwas Abstraktes sei, "herum spinnen" würde und die Realitäten nicht sehen würde. Und übrigens, das mit den "Verrückten als Propheten" findet sich noch in vielen anderen Bereichen des Lebens, aber das Thema will ich nun hier nicht vertiefen. 😉

Das Gegenteil ist aber bei der Börse der Fall, es gibt kaum einen besseren Frühindikator. Sie reagiert schneller und oft klüger, als wir es als Individuen in der Regel können und die Selbstüberschätzung, klüger als der Markt zu sein, ist der garantierte Weg zu Verlusten und Scheitern.

Aber auch überall in anderen Medien, konnte man dieses Unverständnis zur Marktreaktion auf Apple gestern wieder lesen und ich habe da mehrfach nur meine Hände vor dem Gesicht zusammen schlagen können, als ich die immer gleichen Texte dazu las.

Deshalb nun ein erneuter Versuch, auf ganz einfache Art und Weise zu erklären, wie wir Menschen agieren und wie deshalb der Markt zwangsläufig auch agiert. Denn ein Markt - nicht nur die Börse, auch andere Märkte - wird von Erwartungen geprägt.

In Grossbuchstaben, von ERWARTUNGEN! Die Zahlen und Fakten der Gegenwart, sind dagegen schon wieder Vergangenheit und kalter Kaffee - ausser sie verändern auch die Erwartungen.

Und der Markt ist auch nicht abstrakt, sondern besteht aus uns. Ja aus uns! Denn wir sind die, die mit unseren Handlungen die Kurse machen - plus ein paar Algorithmen, die aber von "uns" programmiert wurden. 😉

Nehmen wir also zwei hypothetische Beispiele um zu zeigen, wie wir agieren und wie deshalb zwangsläufig auch der Markt agiert:

Grundstücksverkauf

Nehmen wir an, Sie besitzen ein Grundstück, das Sie bald mal zu Geld machen wollen. Die Preise für Grundstücke steigen und steigen aber in Ihrer Umgebung und Sie haben keinen zeitlichen Druck und brauchen das Geld nicht sofort.

Was machen Sie? Sie warten mit dem Verkauf.

Ein halbes Jahr später kommt eine Marktanalyse zum Immobilienmarkt und die weist schon wieder deutlich gesteigerte Grundstückspreise aus und kein Indiz für eine Trendwende.

Was machen Sie? Sie warten.

Noch ein halbes Jahr später das gleiche Spiel. Wieder höhere Preise.

Was machen Sie? Sie warten.

Dann plötzlich eine Analyse, die erneut höhere Preise aufzeigt, Sie erleben nun die höchsten Grundstückpreise der Geschichte. Eigentlich ein Grund zum Jubeln! Aber da gibt es in dieser Studie diese feinen Hinweise, dass der Nachfragedruck auf die Makler abnimmt und auch aus Ihrem Freundeskreise hören Sie Signale von Leuten, die von anderen Regionen schwärmen, in denen das Leben auch schön und vor allem billiger sei. Sie hören sozusagen die "Flöhe husten".

Was machen Sie? Sie verkaufen nun!

Warum? Wegen der Erwartungen! Weil die Flöhe husteten. Nicht weil der Immobilienmarkt wirklich eingebrochen ist. Denn objektiv sind die Preise jedes Mal gestiegen. Aber Ihre Erwartungen bestimmen eben Ihr Handeln!

Was dann tatsächlich danach passiert, ist dass ein paar Monate nach dem Sie verkauft haben, ein grosser Konzern mit tausenden Arbeitsplätzen sich bei Ihnen in der Region nieder lässt. Und die Grundstückspreise steigen weit über Ihren Verkaufspreis.

Da Sie aber klug sind, ärgern Sie sich nicht. Denn das konnte man zum Zeitpunkt Ihrer Entscheidung nicht wissen. Ihr Handeln aber war damals aufgrund der Erwartungen rational und richtig.

Hochspringer

Sie sind Sportmanager und verdienen Ihr Geld damit, Talente zu finden und diese zu lukrativen Verträgen zu führen und daran mit zu verdienen. Sozusagen wie Willi Weber und Michael Schumacher.

Derzeit haben Sie den Dauerweltmeister im Hochsprung unter Vertrag, der den Wettbewerb seit Jahren dominiert. Beständig und zuverlässig produziert der Höhen von 2.40 Meter und mehr und ist unangefochten.

Dann gibt es da auch noch den jungen, 17-Jahre alten aufstrebenden Hochspringer, der grosses Potential zu haben scheint, dessen Rekord noch bei 2,20 Meter steht, aber er ist ja erst 17!

Im Sommer nun gewinnt Ihr Klient die Olympischen Spiele und springt dabei Weltrekord. Er steht auf dem Höhepunkt des Erfolges, höher scheint es nicht mehr zu gehen.

Da Sie ihn aber gut kennen wissen Sie auch, dass die Wehwehchen langsam los gehen, Jahrzehnte harten Trainings fordern halt ihren Tribut.

Für welchen Sportler interessieren Sie sich nun als Manager mehr. Für den der 2,40 springt oder den der 2,20 springt?

Die Antwort dürfte klar sein. Es sind die Erwartungen, die Ihr Handeln bestimmen.

Aber auch hier kann Ihre Erwartung sich im Nachhinein als falsch heraus stellen. Der junge Sportler hat bald danach einen Unfall und wird zum Sportinvaliden. Und der Champion, überwindet durch Umstellung des Trainings seine Wehwehchen und dominiert den Wettbewerb noch 5 Jahre, in denen ein anderer Manager mit ihm reich wird.

Apple

Und genau das ist nun das Problem der Quartalszahlen von Apple.

Apple hatte als "Dauersieger" die Anleger darauf konditioniert, die bewusst niedrig gehaltenen Prognosen, dann bei den Quartalszahlen jedes Mal in den Boden zu stampfen und deutlich zu übertreffen.

Nun ist das zum ersten Mal seit langer Zeit nicht passiert. Und die Prognosen sind noch vorsichtiger geworden.

Und das ruft wie beim Hochsprung-Weltmeister und wie bei dem Gerede Ihrer Freunde zu den Immobilienpreisen Fragezeichen hervor. Und da alle gerne am Hochpunkt verkaufen wollen, wie Sie mit Ihrem Grundstück auch, rennen alle gleichzeitig schnell zum Ausgang. Und das produziert so einen Tag wie gestern bei Apple.

Ist das nun übertrieben oder werden die schnellen Verkäufer am Ende bei Apple doch Recht haben? Das kann nur die Zukunft zeigen, wer behauptet er wüsste es heute, leidet unter Selbstüberschätzung.

Wenn Sie mich fragen, glaube ich auch, dass die Reaktion zwar verständlich, aber etwas übertrieben ist. Ich bin immer noch optimistisch, was Apples weitere Kursentwicklung angeht, aber ich verstehe solche Bewegungen und respektiere sie.

Und ich bin weit davon entfernt im Brustton der Selbstgewissheit zu sagen, dass ich klüger als der Markt bin und der Markt "spinnen" würde.

Wie soll das auch wahr sein, denn der Markt sind wir - Sie und ich und viele andere, die auch Intelligenz haben und denken können.

Letztlich zeigt der Markt also nur das Verhalten, das auch wir, die Marktteilnehmer, in so Situationen zeigen. Wir leiten unser Handeln aus den Erwartungen an die Zukunft ab und nicht aus den Fakten der Gegenwart.

Und diese Denkstrukturen führen bei Apple zu Kursbewegungen. Die objektiven Gewinne des alten Quartals sind dagegen kalter Kaffee und haben keine Relevanz für unser Handeln mehr, ausser die Zahlen verändern durch Überraschungen auch unsere Zukunfts-Erwartungen.

Wer diesen Mechanismus versteht, nimmt die gestrige Kursbewegung bei Apple ohne grosse Verwunderung zur Kenntnis. Und wer ihn nicht versteht, ist dazu verdammt, an der Börse immer auf der falschen Seite zu stehen.

Da bleibt mir nur angelehnt an Clintons berühmtes "It´s the economy stupid!" zu sagen:

"It´s the anticipation stupid!"

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Gabor Steingarts brilliante Bestandsaufnahme des Journalismus

Da sitze ich hier, Einzelkämpfer, Blogger, Journalist und Geschäftsführer einer kleinen Medien-GmbH. Jeden Artikel schreibe ich: selber. Redigieren muss ich: selber. Die Buchhaltung vorbereiten muss ich: selber. Mit Lesern kommunizieren und diskutieren tue ich: selber. Technische Probleme behebe ich: selber. Die IT Infrastruktur baut wer auf ? Ich selber. Und so weiter, Sie ahnen den Fortgang der Geschichte. Achja .... und eigentlich ist das nur meiner zweiter Job neben dem ersten - dem eigenen Handel an den Märkten.

Und wenn an den Märkten etwas Bedeutendes passiert, wie zuletzt, als das Janet Yellen Statement in dem Markt leckte, dann schreibe ich dazu in der Regel zeitnah im Premium-Bereich, manchmal noch nach 22 Uhr. Und habe meistens schon kurz danach einen originären Gedanken dazu für Sie parat. Und eine dreistellige Zahl an Lesern schätzt das mittlerweile und bezahlt für diese Qualität.

Schaue ich dann in die breiten Medien, gefüttert von Heerscharen von Journalisten, ein kleiner Kern davon auch mit festen Gehältern auf sicheren Stühlen in warmen Redaktionsstuben, findet man vielleicht 1 Stunde nach dem Ereignis eine freudlose Nacherzählung, die zu oft den Geruch verbreitet, einfach vom Wall Street Journal übernommen worden zu sein.

Wie kann das sein ? Jetzt findet sich natürlich auch in den grossen Medien immer wieder Brilliantes und Durchdachtes, bei dem man merkt, dass der Autor wirklich etwas zu sagen hat. Aber zu oft geht das in einem Meer an Kopiertem, Geschwafeltem und Aufgeblasenem unter.

Warum ich Ihnen das hier in einem Finanz- und Börsenblog schreibe ? Weil ich Sie dazu motivieren möchte, die wirklich brilliante und unbedingt lesenswerte Bestandsaufnahme des gegenwärtigen Journalismus von Gabor Steingart zu lesen.

Gabor Steingart, ehemals Chefredakteur des Handelsblatt und nun Herausgeber, wendet sich anlässlich einer Veranstaltung in München direkt an seine Kollegen. Lesen und geniessen Sie eine brilliante Rede hier:

---------- UNBEDINGT LESEN: -> Die Leser Revolution <-

Dem ist wirklich nichts hinzu zu fügen. Da sitzt jeder Punkt. Wichtig sind auch seine Aussagen zur Ursünde der Kostenlos(un)Kultur im Internet. Wer von den Lesern nicht bereit ist, guten Journalismus zu bezahlen, muss sich auch nicht wundern, wenn ihm die Medien eine populistische Einheitssosse unappetitlichen Erregungsjournalismus bieten. Denn mit Erregungsjournalismus produziert man Klickzahlen. Nur wer Journalisten unabhängig von Klickzahlen bezahlt, kann auch originäre Gedanken abseits des Mainstreams auf den Titelseiten erwarten.

Erinnern Sie sich doch an die teilweise unterirdische Berichterstattung zur Bundestagswahl. Während bei den Kernfragen unseres Landes zum Euro, zur Notenbankpolitik und zu Deutschlands Platz in Europa, eine von der Kanzlerin vermutlich begrüsste Totenstille der Alternativlosigkeit auch in den großen Medien herrschte, wurden wir mit Manierismen und bewusst gesetzten Erregungszyklen wie Steinbrücks "Stinkefinger" bei Laune gehalten - den ich übrigens gut fand. 😉

Und auch nach der Wahl geht es weiter, erst vor kurzem konnten wir als Leitartikel vieler Online-Medien lesen, dass eine gewisse Manuela Schwesig (SPD) wegen Differenzen bei der Homo-Ehe die grosse Koalition in Frage stellt. Oh mein Gott ! Ich habe ja überhaupt kein Problem mit dem Thema, aber es gehört nicht auf Seite 1 und kann auch nicht die Wohl- und Wehe-Frage einer neuen Regierung sein - dieses Land hat weitaus wichtigere Probleme !

Jetzt höre ich gleich wieder Journalisten sagen, sie würden ja nur berichten und es sei ihre Pflicht solche Entwicklungen wiederzugeben. Mit Verlaub, völliger Unsinn. Wie Gabor Steingart schon darstellt, sind einige Hauptstadt-Journalisten eine Art Symbiose mit der Politik eingegangen. Und die Politik weiss genau, mit welchem Kasperletheater sie auf die Titelseite kommen kann. Würden die Journalisten auf diese Erregungszyklen gar nicht anspringen, würde die Politik sie auch nicht produzieren. Die Macht guten Journalismus ist weit höher, als sie von manchem Hofberichterstatter ausgeschöpft wird und was Journalisten schreiben, beeinflusst massiv, was Politiker überhaupt an Text produzieren. Um sich aber als Journalist über Hofberichterstattung zu erheben, muss man erst einmal einen originären Gedanken haben und das ist eben nicht jedem gegeben und kann man auch nicht einfach auf der Journalisten-Schule lernen. Dafür muss man im Leben stehen und das Thema selber mit Herzblut atmen, von dem man schreibt.

So liegt es letztlich an uns - den Lesern - dafür zu sorgen, dass sich der Journalismus ändert und mehr begreifen, wie recht Gabor Steingart hat, dem ich für seine wahren Worte meine Hochachtung aussprechen möchte.

Es liegt an uns, gute Inhalte zu bezahlen und damit sicher zu stellen, dass auch morgen originäre Gedanken von qualifizierten Autoren in den Medien zu lesen sind. Und es liegt an uns, dem Klickraten-Erregungsjournalismus unseren eigenen "Stinkefinger" zu zeigen, in dem wir diese Medien meiden, wie der Teufel das Weihwasser. Und ich bin sicher, am Ende wird sich die Qualität durchsetzen - zumindest bei den gebildeteren Lesern.

Auf jeden Fachjournalisten kommen locker 100 Bürger, die in dem Thema noch fitter sind, sich noch besser auskennen und mindestens ebenso gut schreiben können. Und diese Bürger können sich durch das Internet nun leicht Gehör verschaffen.

Die Journalisten alter Prägung haben daher die Wahl: entweder diese unbändige Kraft der bürgerlichen Intelligenz für sich nutzbar zu machen, in dem sie sich mit den Lesern verbünden und eine neue Rolle für sich finden - oder unterzugehen. Guter Journalismus wird aber weiter dringend benötigt, originäre Gedanken haben immer Konjunktur !

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Commerzbank – Warum die Aktie vielleicht bald einen Satz macht …..

.... und trotzdem nicht vom Fleck kommt. Diesen Zusatz habe ich im Titel nicht mehr untergebracht. 😉 Heute will ich einen sehr persönlichen Kommentar zur Commerzbank und zu Herrn Blessing an der Spitze los werden.

Sie werden sich wundern: Hari schreibt zur Commerzbank ? Ist das nicht die Aktie, die ich zuletzt hier im Artikel zur -> Honigfalle <- zur "Gurkenaktie" und "Igitt-Aktie" ernannt habe ?

Ja genau, das ist diese Aktie und meine Meinung ist unverändert. Aus Sicht eines Aktionärs gibt es keine andere Aktie im DAX, die so unattraktiv ist. Hier stimmt nichts, weder Strategie noch Substanz noch Perspektive. Und das Privatanleger trotzdem mit dieser Aktie fröhlich spekulieren, liegt wohl im wesentlichen an der Ursache, den ich im Artikel zur "Honigfalle" nannte. Viele Privatanleger verstehen einfach nicht, was die ganzen Kapitalerhöhungen bedeuten und sehen nur den vermeintlich "billigen" Kurs von 1,x€ - ohne zu durchdringen, dass diese 1,x€ in Wirklichkeit nach "alter" Kurswährung immer noch einem zweistelligen Kurs der Commerzbank entsprechen. Eine Commerzbank bei 2€ ist nicht billig, sondern in Anbetracht der nicht existenten Perspektive schlicht viel zu teuer. Der Kurs sieht im Vergleich zu den historischen Kursen billig aus, mehr aber auch nicht, denn die heutige Commerzbank hat nun x-fach mehr Aktien ausgegeben als die "alte". Da werden also Melonen und Weintrauben verglichen und nur weil beide rund sind und "Commerzbank" drauf steht, in einen Topf geworfen.

Und trotzdem halte ich es für gut möglich, ja sogar für wahrscheinlich, dass die Commerzbank noch in diesem Jahr einen erheblichen Satz nach oben macht. Warum ? Weil ich denke, dass CEO Blessings Tage gezählt sind. Und weil die Börse den Tag seines Abgangs feiern wird.

Wie ich darauf komme ? Ganz einfach, es sind die Stimmen die rund um die Bilanzpressekonferenz im Februar aufkamen und die man unter anderem in -> diesem <- Artikel des Handelsblatt wunderschön nachlesen kann. Ich habe keinerlei Insiderkenntnisse zur Commerzbank, die öffentliche Kommunikation spricht aber Bände für den, der hören kann.

Da wird der Aufsichtsratchef Klaus-Peter Müller mit den Worten zitiert, er liesse den Vorstand wissen, "dass seine Geduld nicht endlos strapazierbar ist." Ja genau, der Klaus-Peter Müller, der Blessings Vorgänger als CEO war und der einen Grossteil der Probleme verursacht hat, die Blessing nun wegräumen muss. So insbesondere den völlig überteuerten Kauf der Eurohypo kurz vor Ausbruch der Finanzkrise, der nun eher zum -> Mühlstein der Commerzbank <- geworden ist. Und auch die Fusion mit der Dresdner Bank, die insbesondere im Bereich IT immer noch so viele Probleme macht, wurde noch von Klaus-Peter Müller betrieben. Müller ist aber nach allem was man mitkriegt ein hervorragender politischer Netzwerker und an seinem Ansehen ist kein Kratzer geblieben. Dafür darf sich Blessing nun bei der Beseitigung seiner Altlasten aufreiben. Wer hat je gesagt, dass das Leben in den Chefetagen gerecht sei ? Die lange Liste der von Cromme im letzten Jahrzehnt geschassten Vorstände bestimmt auch nicht.

Aber lesen wir doch auch mit Genuss die Einlassungen des "Finanzverstehers" und hessischen SPD Chefs Thorsten Schäfer-Gümbel in Handelsblatt Online. Ja genau, der Schäfer-Gümbel damals mit Ypsilanti: „Es kann nicht sein, dass der Vorstand der Commerzbank ein Jahr, nachdem er die Deckelung der eigenen Bezüge aufgehoben hat, nun massiv an der Personalschraube dreht“. Ah ja. Den Unterschied zwischen einer Kommune und einer profitorientierten Aktiengesellschaft muss man dem Mann halt mal erklären.

Ich zitiere diese Einlassungen - weitere finden Sie selber in dem schönen Artikel - weil daraus für mich persönlich die hohe Wahrscheinlichkeit abzuleiten ist, dass Blessing nicht mehr lange auf seinem Stuhl sitzt. Denn die Politik funktioniert nach anderen Mustern als die Wirtschaft und Politiker wissen genau, wann sie den Mund zu halten und die Reihen zu schliessen haben. Wenn aber so geballt und deutlich Kritik an die Presse durchgestochen wird - und wenn sich daran auch Aufsichtsratchef Müller beteiligt, dann erlaubt das nur einen Schluss für mich: Blessing ist zum Abschuss freigegeben und seinen Job eigentlich schon los. Denn das Müllers Zitate im Handelsblatt stehen, dürfte nach meiner Einschätzung wohl kaum ein Zufall sein, Müller dürfte vermutlich die Direktwahl zu Handelsblatt Chefredakteur und jetzt Geschäftsführer Gabor Steingart haben.

Und übrigens, als kleine Anekdote am Rande, Blessings Frau Dorothee Blessing hört scheinbar völlig überraschend bei Goldman Sachs Deutschland in Frankfurt auf, siehe -> hier <-. Jeder möge sich da seinen eigenen Reim drauf machen.

Wäre Blessings Ende an der Spitze der Commerzbank tragisch ? Nein, denn Blessings Trackrecord in der Commerzbank ist wirklich nicht berauschend, es fehlt die konsequente Linie und Perspektive. Und Blessing hat sich auch in der öffentlichen Kommunikation nach meinem Dafürhalten ungeschickt, um nicht zu sagen "tapsig" verhalten, wie zuletzt beim Timing der Aufhebung der Deckelung der Bezüge. Und deshalb wird die Börse seinen Abgang auch feiern. Denn damit ist die Hoffnung verbunden, dass nun mehr Zug in die Geschäftspolitik der Commerzbank kommt. Es wird also mit guter Wahrscheinlichkeit in den kommenden Monaten einen Tag geben, an dem die Commerzbank mal eben 5-10% nach oben schiesst.

Ist das Grund die Commerzbank als Aktie zu halten und auf diesen Tag zu warten ? Ich glaube nein, denn das Kernproblem ist nicht Blessing.

Nehmen wir doch mal das verflixte Filialgeschäft. Ich sage Ihnen, was aus meiner Sicht kalt wirtschaftlich gerechnet richtig wäre und was die Börse mit Phantasie und grossen Kurs-Steigerungen beantworten würde: eine völlige Einstellung des Filialgeschäfts und die Schliessung aller Filialen und Entlassung aller damit verbundenen Mitarbeiter in der Fläche. Verbunden mit einer Fusion mit der Comdirect, die damit defacto das Privatkundengeschäft der Commerzbank übernimmt. Erhalten würden von den Filialen nur wenige "Leuchttürme" in den grossen Städten um dort Veranstaltungen durchführen zu können. Der Kurs der Commerzbank wäre dann einen Tag nach dieser Bekanntgabe locker um 20% höher, da bin ich sicher.

Denn wer braucht eigentlich im Jahr 2013 alle diese Commerzbank Filialen ? Ich als Kunde nicht, aber man zwingt mich diese als Kunde mit zu bezahlen, weswegen die Commerzbank zu teuer ist und ich deswegen dort eben nicht bin. Wer grossen Wert auf eine Filiale um die Ecke legt, ist bei Sparkasse oder Volksbank sowieso besser aufgehoben. Filialgeschäft macht Sinn, wenn man wirkliche Fläche zu bieten hat wie Sparkassen oder Volksbanken. Wenn ich mich als Kunde darauf verlassen kann, in jedem grösseren Ort eine Filiale zu finden, dann hat das einen Wert und dann kann ich das auch nutzen. Dafür hat die Commerzbank aber zu wenig. Um profitabel zu sein aber zu viel. Ich bin mir sicher, Filialgeschäft betreibt man entweder richtig und konsequent oder gar nicht. Der Zwischenzustand der Commerzbank ist aber nicht tragbar.

Und damit sind wir bei dem Punkt, warum Blessing gar nicht das eigentliche Problem ist. Selbst wenn ein Commerzbank CEO so eine Massnahme für konsequent und richtig fände, mit all den Schäfer-Gümbels und Stegners im Nacken, ist so eine klare Linie nicht durchsetzbar. Es würde zerredet und unter Konsensdruck bis zur Unkenntlichkeit verformt, mit einem typisch politischen Kompromiss am Ende. Commerzbank ist halt nun mal eine Staatsbank, mit allen negativen Effekten politischen Einflusses, Stichworte wie KFW lassen grüssen. Eine Strategie die die Börse liebt und die zu wesentlich höherer Profitabilität der Commerzbank führt, wird immer auf den erbitterten Widerstand der Bewahrer stossen, die hier auf der Gesellschafterbank hocken.

Und damit sind wir auch beim eigentlichen Fehler den Blessing in meinen Augen gemacht hat. Warum hat er sich das überhaupt angetan ? Das war doch absehbar.

All diese Anfeindungen, alleine die rein politisch induzierten Gehaltsbegrenzungen bei 500T€ - wo er jederzeit Jobs für mehr hätte haben können und sogar Mitarbeiter der 2. Reihe mehr verdienen - all diese Begrenzungen durch die verschiedensten Kräfte die an ihm ziehen und dann noch nicht einmal die Chance zu gestalten, sondern die Fehler seines Vorgängers aufräumen zu müssen ? Und sich von diesem dann noch kontrollieren lassen zu müssen ? Warum hat er sich das angetan ?

War er einfach nur ein netter Kerl, der sich dem Staat verpflichtet fühlte oder fehlte es ihm an Rückrat, Machtwillen und Durchsetzungsvermögen, dass er sich überhaupt so lange zum Spielball dieser Interessen hat machen lassen ? Warum hat er nicht schon längst den Krempel seinem Vorgänger und Aufsichtsratvorsitzenden Müller vor die Füsse geschmissen ? Ich weiss es nicht, ich kenne Blessing nicht persönlich. Aber ich wundere mich, dass er es so lange hat treiben lassen, bis sein Name nun wirklich beschädigt ist. Denn hätte er vor einem oder zwei Jahren mit einem hörbaren "ihr könnt mich mal" hingeworfen, hätte das seinen Ruf in der Finanzindustrie nach meiner Einschätzung eher gefestigt. Klar, in Deutschland hätte er keinen Fuss mehr auf die Erde gebracht, dafür hätte die Politik gesorgt. Aber die Welt ist weit grösser als Deutschland. Nun wirkt er aber als Gescheiterter. Und die Regeln der Politik besagen halt auch, dass wenn mal ein Sündenbock auserkoren wurde, man auch alles auf ihm abladen kann.

Möglicherweise hat Blessing tatsächlich versucht, es zu vielen gleichzeitig recht zu machen, was nie so richtig gelingen will. Ich weiss es nicht und kann es nicht beurteilen. Merkwürdig finde ich diesen Ablauf aber schon. Denn was die Commerzbank gebraucht hätte, wären schnelle klare Schnitte mit kaltem Stahl gewesen. Was die andere Strategie bisher gebracht hat, können wir ja nun bewundern, das Unternehmen ist 4 Jahren nach der Finanzkrise immer noch ohne überzeugende Zukunftsperspektive.

Die Botschaft an die leidgeprüften Aktionäre, die der Aktie immer noch die Treue halten, ist daher in meinen Augen: sein Nachfolger wird ein politischer Strippenzieher sein müssen, was keineswegs zwingend zu guten wirtschaftlichen Ergebnissen führen muss. Ein Manager der ersten Reihe aus der Wirtschaft mit der nötigen Härte und Arroganz eines klassischen Alphatiers, wird sich diesen Job unter diesen Rahmenbedingungen aber sicher nicht antun. Das braucht eher einen erfahrenen Strippenzieher wie Werner Müller, den ex Wirtschaftsminister und Leiter der RAG Stiftung.

Fazit: Es ist für mich persönlich recht wahrscheinlich, dass Blessing bald abtritt und die Börse das kurzfristig feiert. Zum einem Kauf wird die Commerzbank für mich dann aber immer noch nicht. Sie ist weder günstig bewertet, noch ertragsstark, noch ist irgend eine spannende Zukunftsperspektive absehbar. Stürzen wir uns lieber auf Aktien wie SAP, Linde, Qiagen und Co. Da bekommen wir alles, was man für eine profitable Anlage braucht - excellentes Management inklusive !

So weit mein persönlicher Kommentar zur Commerzbank und Herrn Blessing. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag !

Ihr Hari

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