Von Resilienz, Flexibilität und dem Fechten

Der folgende Artikel erschien im Juli 2020 im Premium-Bereich und wurde für den freien Bereich etwas gekürzt.

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Resilienz, ein schönes Wort.

Nach gängiger Definition ist es die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und sie durch Rückgriff auf persönliche Ressourcen zu überwinden und sogar für eigene Weiterentwicklung zu nutzen

Für uns Marktteilnehmer, uns Nußschalen auf dem Ozean des Weltgeschehens, ist Resilienz besonders wichtig. Denn nur resiliente Charaktere haben die Chance einerseits dauerhaft im Markt zu sein und nicht aufzugeben und andererseits dabei auch noch erfolgreich zu sein.

Jetzt frage ich sie aber: Ist ein "Prepper", der sich in seinen Bunker zurückzieht und mit Waffen und Nahrung umgibt deswegen resilient?

Die Frage impliziert schon die Antwort: Nein! Er hat sich auf ein genau definiertes Krisenszenario vorbereitet und wird dann - so ist halt das Leben - garantiert von etwas ganz anderem niedergestreckt.

Er kann seinen Bunker also gegen anrennende "Zombie-Horden" verteidigen, dummerweise stirbt er an einer blöden Blutvergiftung oder eben einem neuen Virus. Tough Luck. 😉

Es ist sowieso keine gute Idee, uns immer vor dem letzten Desaster schützen zu wollen, weil unser Recency-Bias uns dazu zwingt. Der lesenswerte Artikel -> Stop preparing for the last Desaster! <- bringt das schön auf den Punkt. Und ich garantiere ihnen, die sicherste Phase um in einen Flieger zu steigen ist immer *nach* einem schlimmen Absturz kurz zuvor, weil dann alle übervorsichtig und aufmerksam sind.

Ein Desaster kommt fast immer aus einer Ecke, die man vorher nicht erwartet hat. Oder hatte Ende 2019 jemand auf dem Radar, was wir nun in der Pandemie erleben - never ever!

Jetzt wird es aber noch schlimmer, ein Markt *muss* sogar wegen Ereignissen und Entwicklungen fallen, die niemand auf dem Radar hatte. Denn wäre es anders, wären alle vorbereitet, würde der reflexive Markt gar nicht mehr fallen können!

Dumme Sache, oder? 😀

Womit wir bei der für uns so wichtigen Resilienz sind. Denn wir müssen uns am Markt - und letztlich auch im Leben, auch wenn wir das gerne mit einer Kontrollillusion überlagern - der Endlichkeit und der Unsicherheit stellen.

Ich habe dazu vor Jahren den Artikel -> Warum wir die Unsicherheit lieben lernen müssen <- geschrieben, denn das was wir nicht bekämpfen und besiegen können, sollten wir im Sinne Sun Tzu umarmen und uns damit arrangieren.

Darin heisst es:

Die Grundvoraussetzung für Erfolg an den Märkten ist aber, dass wir die Unsicherheit nicht bekämpfen und aufhören, ein reiner "Sicherheitssucher" zu sein, denn da gibt es keine. Sicherheit verschaffen uns nur die eingeübten Fähigkeiten, mit denen wir uns aus jeder Situation wieder heraus retten können. Das nennt man als Überbegriff "Risikomanagement" und dahinter verbergen sich verschiedenste Techniken, deren Einsatz sehr individuell ist.

Aber wenn wir es nicht schaffen, die Unsicherheit zu lieben und als Chance zu sehen, müssen wir zumindest lernen sie zu akzeptieren, ohne uns daran aufzureiben. Andernfalls haben wir keine Chance gegen Mr. Market.

Der Bunker ist also eine Illusion, er verschafft keine Sicherheit, er täuscht diese nur vor. Der Bunker macht uns vielmehr zu einer "sitting Duck", einem leichten Ziel für die Unsicherheit, denn wir sind unbeweglich geworden, wir können nicht ausweichen, wir krallen uns sozusagen im Erdreich fest und das Schicksal kann ganz genüsslich Ziel nehmen.

Was können wir denn dann tun um am Markt resilienter und damit gelassener zu werden?

Ich sage es ihnen gleich, das Zauberwort heisst Flexibilität, gewürzt mit einem Bewusstsein für die aktuelle Situation (Situation Awareness). Nur das schafft Resilienz im prinzipiell ungewissen und unberechenbaren Markt.

Flexibilität schafft Sicherheit, Flexibilität schafft Resilienz!

Einerseits bedeutet das eine geistige Flexibilität, wir haben gelernt die Unsicherheit zu akzeptieren. Alleine diese Tatsache, dass wir uns dieser Unsicherheit bewusst sind und uns keinen Illusionen hingeben, dass morgen schon alles ganz anders sein kann, macht uns im Kopf freier und flexibler. Denn das womit man rechnet, kann einen nur begrenzt überraschen. Wer sich dagegen eine nicht vorhandene Sicherheit eingeredet hat, wird am Ende ganz böse und schutzlos auf dem falschen Fuß erwischt.

Andererseits bedeutet es das Training von Abläufen und Strategien, mit denen wir mit den gängigen Situationen elegant umgehen. Wir legen uns also nicht auf einen Bunker fest, sondern wir haben verschiedene, durchdachte Strategien, die wir je nach den Umständen einsetzen.

Beim Fechten sind das Aktionen wie Battutta, Coupé, Flêche, Rimesse oder Riposte. Das sind feste Techniken bzw Angriffe oder Verteidigungen, mit denen man dem Gegner begegnet.

Auch beim Fechten weiss man vorher nicht, was der Gegner (hier der Markt) für Angriffe starten wird, man hat aber ein eingeübtes Repertoire, wie man damit umgeht! Und wer das nicht hat, wer nicht instinktiv einem Angriff des Gegners begegnen kann, hat schnell verloren.

Genau das schafft Gelassenheit, genau das schafft Resilienz, das Selbstvertrauen und die Übung mit einer Situation umgehen zu können! Beim Klettern ist das übrigens nicht anders.

Resilienz stellt sich also der Unsicherheit, sie umarmt sie sogar und trainiert damit umzugehen.

Am Markt müssen wir also wie ein Fechter sein, immer bereit für eine Überraschung des Gegners, aber voller Techniken, damit elegant umzugehen.

Diese geistige und taktische Flexibilität ist auch die Grundvoraussetzung entspannt das Spiel auf dem Platz zu beobachten und erst zu *reagieren* - Riposte! - wenn die Situation eintritt und eine Reaktion gefordert wird!

Und diese Sicherheit erlangt man durch Training, Training und noch einmal Training! In dem man übt auszuweichen und einen Gegenangriff zu starten, bis man es automatisiert beherrscht. Es gibt keinen anderen Weg, alleine mit dem Lesen von Büchern wird niemand zum guten Fechter!

Bei uns an der Börse ist die Parade der Stop, wir gehen dem Angriff der Kurse aus dem Weg und die Riposte ist der "Gummibandtrade" danach, wenn der Markt seinen Angriff erschöpft hat.

Flexibilität und Training machen uns resilient - wenn wir in Bewegung sind und Ausweichen können, kann uns der Markt nie vernichten.

Und von diesem "Fecht-Training" kommt im Laufe der Zeit Gelassenheit, wir wissen was wir können und wissen, dass wir uns auf unsere Abwehrtechniken verlassen können.

Und das nennt man dann Risikomanagement und erlangt man nicht im Bunker des Rechthabens und auch nicht mit Glaskugeln von Wahrsagern.

In diesem Sinne: En Garde!

Ihr Michael Schulte (Hari)

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Die fatale Angst zu verpassen

Der folgende Artikel erschien Donnerstag 24.09.15 09:30, lange bevor sich die Idee eines Doppelbodens realisierte, die nun ja offensichtlich vom Markt gespielt wird.

Schon damals war aber diese Erwartung spürbar, auch ich habe ja hier schon vor über einem Monat die -> 2011er und 1998er Analogien <- gezeigt und auf die wettet nun offensichtlich der Markt. Und die Angst zu verpassen, dürfte beim aktuellen Rebound auch eine Rolle spielen, denn es ist eine mächtige Emotion, die bei vielen sogar stärker ist, als die Verlustangst.

Lesen Sie also mal, was ich vor 2 Wochen dazu geschrieben habe, es ist immer noch hoch aktuell.

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Auch wenn wir es nicht merken, wir sind ganz oft von Ängsten getrieben und bei solchen Ängsten dreht es sich nicht nur um die naheliegende Angst vor dem Einbruch, sondern oft viel stärker aber auch fataler, um die Angst etwas zu verpassen.

Diese Angst entsteht, wenn man eine innere Überzeugung (einen Bias) hat, dass der Markt ja früher oder später wieder steigen oder fallen „muss“. Und in dem Moment, wo diese Erwartung in uns Raum gewinnt, kriecht auch die Angst in uns hoch, nun „schnell zu machen“, damit man den abfahrenden Zug nicht verpasst.

Das ist ein fatales Gefühl und es führt sehr oft dazu, dass die Anleger auf eine starke Bewegung noch aufspringen, nur um dann festzustellen, dass diese sofort wieder dreht.

Denn aufgesprungen ist man dann nicht aufgrund einer belastbaren Analyse der Bewegung und ihrer Bedeutung im grossen Bild. Aufgesprungen ist man, aufgrund des eigenen Bias und wenn man den hat, löst jeder sinnlose Zucker nach oben sinnlose Kaufreflexe aus im Sinne: nur nicht zu spät kommen!

Jeder Vertriebler oder Händler hat dieses Spiel mit der Angst zu verpassen im Grundbaukasten der Verkaufstechnik. Weil wir eben alle nur Affen ohne Behaarung sind, auch wenn unser Selbstbild uns gerne einredet, wie "rational" wir ja immer seien. 😉

Deshalb sind Angebote gerne „nur solange der Vorrat reicht“ oder haben ein Enddatum, zu dem der „Rabatt“ wieder ausläuft. Natürlich ist das alles Quatsch, aber es funktioniert. Es erzeugt in uns Menschen Druck „schnell“ noch etwas zu machen, bevor die Chance vermeintlich weg ist.

In der aktuellen Marktlage. sehe ich diesen Reflex potentiell in Einigen von uns auch am Werk. Und der Reflex beruht auf der Annahme, dass ein Test der Tiefs vom 24.08. eine Kaufgelegenheit darstellen wird.

Jetzt habe ich diese Sicht hier ja oft und mehrmals auf unterschiedliche Art und Weise kommuniziert und ja, auch heute ist für mich noch der Ablauf ala 2011 – das marginale neue Tief von dem aus der Markt dann dreht – mein Favorit, was die Wahrscheinlichkeiten angeht.

Das Dumme ist, wenn ich so ein Szenario über längere Zeit präferiere, bekommt es prägende Wirkung im Sinne „das wird so kommen“. Und daraus resultiert dann die Angst, unbedingt beim Bruch der Tiefs herein zu springen, damit man nichts verpasst.

Das ist aber falsch und macht aus einer Wahrscheinlichkeit eine Gewissheit. Solche Denkstrukturen sind fatal! Und sie sind idiotisch!

Schreiben wir uns deshalb hinter die Ohren: Der DAX kann sehr wohl durch das Tief durchgehen und erst im Bereich der Oktobertiefs von 2014, also zwischen 8.000 und 8.500 den nächsten Halt einlegen!

Ich halte dieses Szenario *nicht* für wahrscheinlicher, als den Rebound mit Doppelboden ala 2011 oder 1998, aber das Szenario ist trotzdem sehr real und darf nicht einfach ignoriert werden!

Der Gedanke etwas am Markt zu „verpassen“ ist sowieso komplett idiotisch – pures, reines Affenhirn sozusagen. Wir verpassen am Markt nie etwas! Der ist jeden Morgen wieder da und jeden Morgen ergeben sich neue Chancen, unabhängig davon, was am Vortag passiert ist. Und wenn nicht mehr nach „oben“, dann eben nach „unten“.

Wenn Sie solche Gedanken wie oben nun haben sollten, haben Sie ein Problem, über das Sie sich unbedingt im Klaren werden müssen.

Faktum ist, dass es besser ist, ein paar wenige Prozent zu verpassen, wenn man dafür höhere Gewissheit bekommt, dass der Markt nun wirklich einen Boden gefunden hat. Und das weiss man eben nicht während er durch die Tiefs durchfällt, sondern erst *nachdem* er schon wieder gedreht hat und andere Parameter wie Volumen, Sentiment und Co. zu der Theorie der Wende passen.

*Dann* bekommt man auch mal 70% „Gewissheit“, dass die Wende hinter uns liegt. Und der Vorteil des Handelns *nach* der Wende ist auch, dass man mit den neuen Tiefs sofort ein belastbares Stopniveau hat. Denn wenn die wieder fallen, war die Theorie der Wende wohl verfehlt.

Also mein guter Rat:

(1) Machen Sie Präferenzen nicht zu Gewissheiten! Niemand kennt die Zukunft und wir reden am Markt nur über Wahrscheinlichkeiten.

(2) Bekommen Sie unbedingt die blödsinnige „Angst zu verpassen“ in den Griff! Das ist definitiv einer der idiotischsten Reflexe, die man am Markt überhaupt haben kann.

(3) Und handeln Sie nur, was Sie sehen! Und solange Sie noch keinen Rebound sehen, ist da auch keiner, ganz egal was „Hari“ sagt oder Ihnen Ihr Affenhirn eingeben will.

Versuchen Sie in sich ein Gefühl der gelassenen Entspanntheit aufkommen zu lassen. Sie müssen gar nichts!

Erst aus dieser Gelassenheit heraus, kann man dann die Chancen präzise auf den Punkt ergreifen, wenn sie sich tatsächlich sichtbar offenbaren und nicht nur im Vorfeld vermutet werden.

Lassen Sie den Markt zu sich kommen und rennen Sie ihm nicht hinterher!

Ihr Hari

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Wall of Worry – Der DAX und die Angst als Stabilisator

Der folgende Beitrag beruht auf zwei Hinweisen. die am gestrigen Mittwoch 27.05.15 Teil der täglichen Marktkommentierung in Hari Live waren

Aha! Das Marktsentiment aus Deutschland gab gestern mal wieder wichtige Indikationen: -> Hoffnung schlagartig verflogen <-

Nun bestimmen die deutschen Anleger die Entwicklung im DAX nicht, dominant sind ausländische Investoren und dabei insbesondere US Investoren. Aber ein wichtiger Faktor ist dieses Sentiment schon.

Da die Umfrage gestern direkt nach dem Einbruch von Dienstag statt gefunden hat, sieht man darin die Reaktion auf die voran gegangenen Verluste. Und genau weil das so ist, sind die Risiken nach unten nun vielleicht geringer als es scheint.

Denn ein Markt in dem viele Angst haben, hat den Weg des geringsten Widerstands nicht nach unten, sondern eher nach oben.

Man nennt das auch eine "Wall of Worry" und genau so eine Situation haben wir in Europa. Es gibt tausend gute Gründe sich zu sorgen, aber die Politik der Notenbanken generiert eine Absicherung nach unten im Markt - auch Yellen/Draghi Put genannt. Und die vielen Sorgen wirken daher eher kurstreibend, weil die Mehrzahl der Marktteilnehmer schlicht unterinvestiert ist.

Befragen Sie doch auch mal ehrlich Ihre Emotionen:

Können Sie sich eine Seitwärts-Range über den Sommer vorstellen, so wie ich das unter anderem im Artikel -> Sell in May und der Supervulkan <- skizziert habe?
Sicher ja.

Können Sie sich einen Einbruch bis unter 10.000 im DAX vorstellen, weil ein übler, unkoordinierter Grexit mit massiven gegenseitigen Schuldzuweisungen abläuft und die Eurozone zu wackeln beginnt?
Sicher ja.

Können Sie sich von nun an einen ununterbrochenen Lauf bis 14.000 vorstellen?
Eher nein, oder? Und genau das ist der Punkt!

Es zeigt Ihnen erneut, wie wichtig und richtig eine gelassene Haltung zu den aktuellen Swings ist. Eine Haltung, die wir die letzten Tage im Premium-Bereich intensiv thematisiert haben.

Denn wenn wir auf die Entwicklung des Leitindex S&P500 im letzten halben Jahr schauen, sehen wir, was nun auch dem DAX "blühen" könnte:

S&P500 27.05.15

Wir sehen darin nach dem Ende des jeweiligen Aufwärtsschubs eine markante Gegenbewegung, die dann nach unten die Begrenzung darstellt. Und dann schwingt der Markt über Monate seitwärts, ohne wirklich nennenswerten Fortschritt zu machen. Nach unten geht aber auch nicht viel, was am Ende alle frustriert, die permanent nach der grossen Bewegung Ausschau halten.

Sicher, eine wie auch immer geartete, krisenhafte Entwicklung in der Eurozone, kann das alles auf den Kopf stellen. Da wir aber nicht in die Zukunft schauen können und keine Glaskugel haben, sollten wir uns an dem orientieren, was wirklich real da ist.

Lassen wir also doch einfach den Markt entscheiden und lassen uns nicht von jeder Eintages-Bewegung in Aufruhr versetzen. Im grossen, mittelfristigen Bild, sind die europäischen Märkte nun neutral bis leicht positiv zu sehen. Aber eben nicht stark negativ. Zumindest nicht bis jetzt.

Ich würde nun bestimmt nicht blind auf eine massive Rally im DAX setzen, die Erwartung einer volatilen Range in den kommenden Wochen, bei der am Ende trotzdem nicht viel heraus kommt, macht jede Menge Sinn.

Aber die Möglichkeit einer intensiven Sommerrally ist definitiv da und vielleicht grösser, als die Herde denkt. Und das Risiko eines starken Einbruches Richtung 10.000 und darunter ist definitiv auch da, aber vielleicht kleiner, als die Herde denkt.

Und genau das zeichnet eine Wall of Worry aus!

Ihr Hari

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Morbus Ursachus

Der folgende Artikel basiert auf Beiträgen, die ich in Hari Live am Donnerstag 16.04.15 14:50 und Freitag 17.04.15 19:05 veröffentlicht habe, wurde aber für die Lesbarkeit im freien Bereich angepasst und neu strukturiert.

Heute habe ich habe etwas zum Schmunzeln für Sie. Es geht um den medialen Reflex, unbedingt immer einen einzelnen, singulären Grund für eine Marktbewegung finden zu wollen.

Wir haben ja alle den scharfen Einbruch Ende letzter Woche im DAX erlebt. Dass ein Korrektur überfällig war, war ja offensichtlich. Dass diese aber direkt nach dem Ausbruch bis 12.400 kam und vor allem in welcher Schärfe sie in 2 Tagen bis fast 11.600 herab gelaufen ist, war vom exakten Zeitpunkt und von der Intensität her, nicht präzise vorher zu sehen - auch nicht für mich.

Wer die Medien und diversen Kommentatoren letzte Woche verfolg hat, wurde dann Zeuge eines Schwalls an vermeintlichen "Ursachen", mit denen sich die Artikel beschäftigt haben - sozusagen reziprok zur gefühlten Unsicherheit.

Die einen liebten das Offensichtliche und stellten "Griechenland" oder "China" in den Vordergrund. Die anderen raunten vom kleinen Verfallstag, der ja wie der "schwarze Mann" immer gerne dazu genutzt wird, bei Laien Eindruck zu machen. Dabei hat es schon lange keinen Verfallstag mehr gegeben, der so völlig an den grossen Positionen an der Eurex vorbei gelaufen ist, wie letzten Freitag.

Ich habe mal versucht zu sammeln und nach den von mir gelesenen Medien, hatten wir als "Gründe":

1) Technische Überdehnung
2) Verfallstag (OpEx)
3) China
4) Draghi
5) Griechenland
6) Schäuble

Ich bitte um Nachsicht, falls ich etwas vergessen habe. 🙂

Dann kam am Freitag noch ein vermeintlicher siebter "Grund" dazu. Lesen Sie hier auf Reuters zum Bloomberg-Desaster:
-> Bloomberg Ausfall sorgt für Aufregung an den Märkten <-.

Ich zitiere:

Händlern zufolge war die Panne einer der Gründe für einen rasanten Rutsch an den europäischen Börsen

Aha! Ich weiss zwar nicht so recht, warum Kurse von Geisterhand fallen, wenn Händler nicht mehr an ihre Terminals kommen und dann auch nur in Europa fallen, nicht aber in den US - aber "you never know". 😉 Folgerichtig hatten wir dann also als weitere "Ursache":

7) Bloomberg

Ich finde diese Liste vermeintlicher "Gründe" ebenso lustig wie bezeichnend. Denn wissen Sie, was die Wahrheit ist?

Es wird um so stärker und hektischer nach einer "Ursache" gesucht, je überraschender und unerklärlicher für die Menschen eine Bewegung ist. Und der -> reflexive <- Markt funktioniert gerade *nicht*, nach trivialen, zweidimensionalen Ursache-Wirkung Mustern.

Insofern können wir fest davon ausgehen, dass ganz viele Marktteilnehmer von der Bewegung Ende letzten Woche überrascht wurden. Nur warum kann man das nicht offen zugeben?

Es gibt im reflexiven Markt nicht nur keinen simplen "Grund", es braucht auch keinen, denn alleine die Tatsache, dass nach dem Schub auf 12.400 die Anschlusskäufe ausblieben, reichte bei der aktuellen Flughöhe des DAX aus, um eine gewisse Vorsicht ins System zu indizieren, die dann zu Bröseln führt und am Ende des Bröselns auch zu einem Einbruch, wenn alle das Gleiche denken.

Natürlich ist es wahr, dass viele der oben genannten Gründe, in irgend einer Form eine Rolle bei den Anpassungen der Erwartungen der Markteilnehmer spielten und damit das Marktverhalten veränderten. Dass zum Beispiel die sich Griechenland nähernde Wand, an die der Markt Ende letzter Woche durch Schäuble und den IMF erinnert wurde, hier eine Rolle gespielt hat, ist nicht von der Hand zu weisen, weil die Effekte nicht nur am Aktienmarkt, sondern auch in anderen Assets zu erkennen waren. Und der Markt neigt durchaus dazu, Dinge die er prinzipiell kennt, doch aus dem Radar zu verlieren, um dann irgendwann wieder erschreckt aufzuwachen.

Aber selbst das Thema alleine und schon gar nicht die anderen, eher weiter hergeholten Erklärungen, reichen als singulärer "Grund" aus. So erleben wir hier wieder, womit sich die Anlegercommunity gerne beschäftigt. Aber bringt das irgend etwas für den Erfolg? Eher nein.

Wichtig ist etwas ganz Anderes. Die aktuelle Price-Action erzeugt ein Fragezeichen. Ein Fragezeichen, dass wir einfach akzeptieren sollten und nicht versuchen, krampfhaft mit etwas auszufüllen, das wir von weit her holen.

Das Fragezeichen bedeutet, dass wir eine gewisse Vorsicht an den Tag legen. Und es bedeutet, dass wir beobachten und den Zustand der "aufmerksamen Gelassenheit" erreichen sollten, der die Wirklichkeit ergeben und demütig so nimmt, wie sie kommt.

Warum ist es so schwer, diese Offenheit und Ehrlichkeit an den Tag zu legen? Warum werden Seiten über Seiten mit Behauptungen gefüllt, die nur dazu dienen, eine Kontrollillusion aufrecht zu erhalten? Fragen über Fragen.

Aber wer auf diese Fragen eine Antwort hat, nähert sich damit auch der Wahrheit, warum am Aktienmarkt so viele scheitern und gleichzeitig aber so viele glauben, den Markt kontrollieren zu können.

Auf jeden Fall muss ich wohl neben der Prognosiritis, noch die Existenz einer neuen, ansteckenden Krankheit konstatieren:
Morbus Ursachus ! 😀

Ihr Hari

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