Im wilden Westen – Goldrausch im peruanischen Regenwald (Südamerika 7)



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21. bis 29. Tag, 1897 km, 7528 km gesamt, von Assis Brasil/Brasilien,Alerta/Peru nach Arequipa


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Der beste Weg aufzuwachen, ist, es ohne Sorge zu tun.
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxPeruanisches Sprichwort

Nach Golde drängt, / Am Golde hängt / Doch alles. Ach wir Armen!
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxJohann Wolfgang von Goethe, "Faust I"

Ab Kilometer 102 ist nichts mehr, wie es vorher war und nicht nur der Anblick ist ein ziemliches Desaster. Gerade noch konnten wir von einigen exponierten Stellen in der Landschaft einen schönen Blick auf die scheinbar unberührte Landschaft des Amazonas-Regenwaldes genießen, als sich plötzlich - nur wenige Dutzend Kilometer hinter der peruanischen Provinzhauptstadt Puerto Maldonado das Szenario einer wilden Baugrube längs der Straße entfaltet: Statt Regenwald gibt es nur noch verkohlte gerodete Baumstümpfe, von Wasserlöchern durchfurchte aufgewühlte Erdhaufen, aufgespannte Plastikplanen und unzählige in den Boden gerammte Stützbalken für das aufgeschüttete Erdreich. In der Luft ist der Lärm von Dieselgeneratoren, Förderbändern und sonstigen Maschinen zu hören. Nur ein paar Kilometer weiter führt die Interoceanica mitten durch eine wilde, improvisiert und anarchisch wirkende lang gezogene Straßen-Siedlung aus allen möglichen Bretterbuden und einem unglaublichen Gewusel an Menschen, Fahrzeugen und Geschäften aller Art: Bars, Werkzeugläden und Bordelle reihen sich aneinander, während etwas weiter auf einem holprigen Bolzplatz unter den aufmerksamen Blicken etlicher Zuschauer zwei Fußball-Teams ihre Kräfte messen; und am Ortsrand schließlich zieren stinkende Müllhalden den Straßenrand auf hunderten von Metern, Wir haben eines der wilden Goldgräberzentren erreicht, die seit etlichen Jahren überall im Gebiet des Madre de Dios aus dem Boden geschossen sind.

Guacamayo heißt das Kaff, Huepetuhe ein anderes; es sind Versorgungszentren, in denen jeweils mehrere tausend Menschen damit beschäftigt sind, die angeblich etwa 30.000 Goldschürfer, die in der Region den Boden nach Gold durchwühlen, mit allem zu versorgen, was man zum Goldschürfen und für den Lebensunterhalt braucht und die zugleich bemüht sind, ihnen das durchs Goldschürfen verdiente Geld gleich wieder aus der Tasche zu ziehen. Die Hütten der Siedlung entlang der Interoceánica sind eigentlich illegal, genauso wie die meisten der vielen Claims, die sich versteckt im Wald entlang des Madre de Rios erstrecken. Dementsprechend geht es dort zu. Rechtlos. Hilfsorganisationen berichten von Zwangsprositution entlang der Interoceanica, es sollen sogar Kinder verschleppt worden sein, die in den Camps als Arbeits-Sklaven gehalten werden. Hunderte Goldsucher sind offiziell verschwunden, vermutlich ermordet und es wurden Leichen im Wald gefunden. Dass man als ausländischer Gringo hier nicht so gern gesehen wird, ergibt sich von selbst. Die Leute sind misstrauisch, denn sie wissen, dass das was sie tun, offiziell illegal ist. Trotzdem biegen wir von der Hauptstraße einmal ab und steuern auf einer Stichstraße den nur 20 Kilometer entfernten Rio Madre de Dios an. Hier liegt an seinem Ufer eine weitere Goldgräbersiedlung, die ihren Namen Laberinto von der ganze Gegend um den Fluss ableitet: El Laberinto, das Labyrinth des Madre de Dios mit seinen Nebenarmen. Auch hier spürt man deutlich den Wildwest-Charakter des Gebietes; nicht umsonst wird Reisenden der wohlmeinende Tip gegeben, am Abend am Besten wieder aus der Stadt verschwunden zu sein, da die wenigen Übernachtungsmöglichkeiten angeblich jeder Beschreibung spotten und die Straßen nachts voll von rauhen Gestalten seien. Laberinto ist wie Guacamayo ein Versorgungszentrum für die Mineiros, schmutzig und am Tage voller Geschäftigkeit. Am Ufer des Flusses liegen unzählige Boote, mit denen die Goldschürfer ihre überall entlang des Flusses gelegenen Claims erreichen. Die Atmosphäre wirkt auf uns exotisch, aber so richtig entspannt und wohl fühlen wir uns hier nicht wirklich.

So verändert sich eine intakte Naturlandschaft, nachdem die Goldschürfer da waren....


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Guacamayo - eine wilde Ansammlung von Hütten und Häusern als Versorgungszentrum tausender von Goldsuchern


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Die Goldgräbersiedlung Laberinto am Madre de Dios

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Goldgewinnung hat in Peru schon eine lange Tradition und schon die spanischen Eroberer waren fasziniert von den Goldschätzen der Inkas. Allein Pizarros Eroberungs- und Beutefeldzug gegen die Inkas brachte dem spanischen Staat bis 1650 nach offiziellen Urkunden aus der damaligen Zeit (zusammen mit dem Gold aus Mexiko) 16.900 Tonnen Silber und 1812 Tonnen Gold ein. Und auch heute noch schätzt die peruanische Gesellschaft für Bergbau die noch in den Anden und Amazonasgebieten verbogenen Goldvorkommen auf ca. 2,8 Millionen Tonnen. Mit umgerechnet 11 Milliarden Euro schweren Investitionen im Goldbergbau rangiert Peru heute unter den Top 5 der globalen Golderzeugung. Doch zu dem legal betriebenen Goldabbau der Minenkonzerne ist seit gut zehn Jahren etwas dramatisch Neues hinzugekommen: das mehr oder minder illegale Goldschürfen von zehntausenden individueller Goldgräber. Und die Region um den Madre de Dios im peruanischen Amazonastiefland am Fuß der Anden gehört zu den Hotspots dieser relativ neuen Entwicklung. Vor allem zwei Ursachen sind für diese Entwicklungen maßgeblich. Da ist zum einen die Finanzkrise 2007/2008 und der damit verbundene rasante Anstieg des Goldpreises, der die Gier vieler Akteure nach schnellem Reichtum entfacht hat - angefangen beim finanziell potenten Investor bis hin zum armen Schlucker aus den kargen Bergen der Anden. Und da ist zum anderen der nach vielen Planungsjahren endlich begonnene Ausbau der Verkehrsinfraktur von den Hochregionen der Anden um Cuzco und dem Titicacasee hinunter ins Amazonastiefland und weiter nach Brasilien: 2008 begonnen und 2010/11 fertiggestellt ist die Region des Madre de Dios nun über eine ausgebaute Asphaltstraße gut zu erreichen. Bis dahin döste Madre de Dios mehr oder minder vor sich hin. Im Grenzgebiet zwischen Brasilien und Bolivien gelegen, war die Gegend bis zur Fertigstellung der Interoceánica 2010 in der Regenzeit kaum über Land zu erreichen. In Puerto Maldonado selbst waren noch 2004 nur Motokares, rikschaähnliche Dreiradgefährte das bestimmende Bild auf den Straßen und nur die Hauptstraße war asphaltiert. Beide Ereignisse zusammen lösten einen wahren Goldrausch aus. Zehntausende Menschen aus allen Regionen Perus strömten herbei und man schätzt, dass der Boom in weniger als zehn Jahren etwa 50.000 individuelle Goldgräber aus sämtlichen Landesteilen in das Fluss- und Dschungel-Labyrinth des Madre de Dios gelockt hat, die hier überwiegend ohne Lizenzen illegal Gold schürfen. Die Provinzhauptstadt Puerto Maldonado wurde zum Zentrum des Goldbooms und ihre Einwohnerzahl explodierte in wenigen Jahren von 10.000 auf über 65.000.

Was da in den letzten Jahren an Eingriffen in die Naturlandschaft entlang des Flusses durch den illegalen Goldabbau wirklich abläuft, kann man in seinem ganzen Ausmaß nur aus der Luft wirklich erkennen und begreifen. Während eine Satelliten-unterstütze Darstellung die Ausbreitung der Goldclaims nach Zeiträumen farbig darstellt und nüchtern kartiert, zeigt der Blick aus dem Flugzeug den schockierenden Ist-Zustand.

Doch der Goldrausch hat Folgen: aus wirtschaftlicher, ökologischer und gesundheitlicher Sicht. Zu den zentralen Umwelteinwirkungen zählen Rodungen von Wald, Gewässer- und Bodenkontamination sowie Luftverschmutzung durch Quecksilberemissionen, die sich alle zusammen negativ auf die Biodiversität (Artenvielfalt) der Natur sowie die Gesundheit der Bevölkerung auswirken. So hat die wissenschaftliche Kartierung des Gebietes über längere Zeit ergeben, dass sich die Fläche, auf der der Regenwald zugunsten des Goldabbaus vernichtet wurde, innerhalb von nur 10 Jahren auf mehr als 500 qkm verfünffacht hat. Vor allem nach der Finanzkrise hat sich der Raubbau am Wald noch einmal deutlich beschleunigt - pro Jahr über 60 Quadratkilometer allein am Madre de Dios. Interessant ist die enge Korrelation der Abholzungsgeschwindigkeit mit der Entwicklung des Goldpreises. Vor der welweiten Finanzkrise 2008 betrug die Entwaldungsrate in der Region etwa 54 qkm pro Jahr und stieg danach im Zuge des steigenden Goldpreises auf über 150 qkm. Insgesamt spielt der Goldbergbau in Madre de Dios heute eine größere Rolle bei der Rodung des Regenwaldes als die Ausbreitung der Land- und kommerziellen Forstwirtschaft. Rund 20 Prozent des in Peru gewonnenen Goldes sollen heute allein aus der Region Madre de Dios stammen. Die meisten neu entstandenen illegalen Minen sind sehr klein, sie liegen zudem nicht direkt an Flüssen oder Straßen, so dass sie schwerer zu entdecken sind. Ihre Zahl geht in die Tausende, weshalb ihre Gesamtfläche insgesamt etwas größer ist als die der wenigen, sehr großen und schon länger bekannten Minen. Während somit das Goldschürfen mit Abstand der Hauptgrund fürs Abholzen in der Region ist, wirkt sich ein weiterer Faktor negativ auf die Naturlandschaft aus: Da sich das begehrte Edelmetall tief in den von den Anden heruntergespülten Sedimenten verbirgt, ist allerlei schweres Gerät notwendig, um an das begehrte Edelmetall zu gelangen mit der Folge, dass weite Gebiete der Landschaft in eine Mondlandschaft verwandelt werden. In einer Fallstudie zu den Umwelt- und Sozialauswirkungen der Goldgewinnung im Madre de Dios konnte ich lesen, dass für die Gewinnung von einem Gramm Gold knapp 7 Kubikmeter Bodenmaterial bewegt werden müssen, wobei manche Bergbaugruben Tiefen von bis zu 10 m unter dem ursprünglichem Niveau erreichen. Die Folge ist, dass durch das Bewegen großer Mengen Abraum die Landschaft nachhaltig zerstört wird und Erdrutsche sowie Bodenerosion begünstigt werden.


ein illegales Goldgräbercamp am Madre de Dios

Als weitere schwerwiegende Folge der Goldförderung sind inzwischen viele Gewässer extrem stark mit Quecksilber belastet, das die Goldsucher einsetzen, um das Metall vom Gestein zu lösen. Es wird geschätzt, dass die Mineros jährlich rund 67 Tonnen Quecksilber in den Flüssen hinterlassen - mit verheerenden Auswirkungen für Tiere und Menschen. Die meisten Fische in den Flüssen sind mit dem Schwermetall verseucht, doch diese wiederum sind eine wichtige Nahrungsquelle für die lokale Bevölkerung. 2016 hat die peruanische Regierung wegen der Quecksilberverschmutzung den Notstand über elf Bezirke in der Amazonasregion von Madre de Dios verhängt, nachdem ein Bericht des staatlichen Instituts für Zivilverteidigung zu dem Ergebnis kam, dass „Luft, Wasser, Sedimente und Fische“ in dem 85.000 Quadratkilometer umfassenden Gebiet als Folge „der unsachgemäßen Praktiken des illegalen und informellen Bergbaus bei der Goldgewinnung durch das Waschen von Schwemmsand“ verseucht seien. Doch da die Region im Grenzgebiet zu Bolivien und Brasilien liegt, dürfte über die Flüsse das Problem der Quecksilberbelastung auch grenzüberschreitend sein. Allein in Peru sollen zehntausende Menschen betroffen sein, auch die in den angrenzenden Wäldern lebenden Indigenen. Selbst in der Provinzhauptstadt Puerto Maldonado weist ein hoher Prozentsatz der Einwohner inzwischen erhöhte Quecksilber-Werte im Blut auf. Eine wissenschaftliche Forschungsstudie kommt zu folgendem Ergebnis: "Die Mobilitätsprozesse und Stofftransporte von Quecksilber in Madre de Dios sind bisher nicht wissenschaftlich untersucht worden, sodass genaue Angaben zu den Mengen in den jeweiligen Kompartimenten nicht dargestellt werden können. Allerdings ist davon auszugehen, dass große Mengen Quecksilber über das Gewässernetz oder als Quecksilberdampf über lange Strecken wandern und sich in Sedimenten anreichern und so die Böden langfristig verseuchen. Eine Untersuchung des Quecksilbergehalts bei Fischen im Gewässersystem in Madre de Dios lässt auf eine weitflächige Verseuchung der Gewässer durch anorganisches Quecksilber schließen."

Einen weiteren kritischen Aspekt bei der Goldgewinnung hatte ich bisher überhaupt nicht auf der Rechnung: Luftemissionen! Während des Amalgamverfahrens mittels Quecksilber, dass üblicherweise zur Trennung der Goldpartikel von anderen Schwermetallen im Gestein eingesetzt wird, können bis zu 40 % des Quecksilbers nicht nur über die Fluss-Systeme, sondern auch über die Atmosphäre in die Umwelt gelangen. Der Kleingoldbergbau ist laut WHO von 2013 mit fast 40 % die weltweit größte Quelle für Quecksilberemissionen. In Madre de Dios fördert die hohe Lufttemperatur und Luftfeuchtigkeit die Ausbreitung des gasförmigen Quecksilbers. Der Ausstoß von Quecksilberdämpfen beim Brennen von Amalgam entsteht dabei häufig in dicht bewohnten Orten wie den Versorgungszentren der Goldschürfer. Messungen haben die sogenannten Gold-Shops in der Region als eine Hauptquelle für Quecksilberemissionen ausgemacht, wo das Goldamalgam "gebrannt" wird. Wörtlich heißt es: "Bei der Erfassung der Quecksilberkonzentration innerhalb der Gold-Shops wurden Werte bis zu 1.000 mg/m³ gemessen. In den 14 untersuchten Geschäften in der Region Madre de Dios betrug die durchschnittliche Konzentration 655,75 mg/m³. Der WHO Richtwert von 20 mg/m³ wurde hier somit um mehr als das dreißigfache überschritten. Durch einfache Vorrichtungen könnte der Quecksilberausstoss um 80 % verringert werden. Die Investitionskosten lägen bei lediglich 450 US-Dollar. Inwieweit solche Vorrichtungen in der Region mittlerweile in Gebrauch sind, kann nicht abschließend geklärt werden."

In der Zusammenfassung muss man feststellen, dass die Auswirkungen der Goldgewinnung in der peruanischen Madre Dios-Region auf die Gesundheit der dort lebenden Menschen erhebliche, zum Teil erschreckende Auswirkungen hat. In einer wissenschaftlichen Studie des deutschen Umweltbundesamtes werden diese Auswirkungen so prägnant zusammengefasst, dass ich sie hier an dieser Stelle wörtlich zitiere:

"Gesundheitsbelastungen durch Quecksilber sind eine langfristige Gefahr für die gesamte Bevölkerung. Um das Gold zu extrahieren wird das Quecksilber oft mit Händen und Füßen mit den goldhaltigen Sedimenten vermengt. Die Folgen sind Lungenprobleme, Lichtsensibilität, blutendes Zahnfleisch, schwere Hautausschläge, Koliken, Erbrechen und Fehlgeburten. Bei medizinischen Untersuchungen der Bevölkerung durch die peruanische Behörden in Huepetuhe 2010 wurden mit weit überdurchschnittlicher Häufigkeit Beschwerden, wie zum Beispiel Gedächtnisverlust, Muskelschwäche, Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit und Kopfschmerzen, festgestellt. Dies sind Symptome einer Quecksilbervergiftung. Darüber hinaus wurde festgestellt, dass 78 % der untersuchten Erwachsenen in Madre de Dios Quecksilberwerte in den Haaren aufweisen, die internationale Grenzwerte überschreiten. Durchschnittswerte lagen fast 3 mal so hoch (2,7 ppm) wie die zulässigen Grenzwerte (1 ppm). Die gemessenen Werte reichten dabei von 0,02 ppm bis 27,4 ppm. Die Belastung durch Quecksilber ist während des Abbaus und in der direkten Umgebung der Ankaufstellen für Gold (Gold Shops) besonders hoch. Bestimmte Bevölkerunggruppen, wie Kleinbergbauern, indigene Bewohner der Region, Kinder und Frauen, sind von den Gesundheitsbelastungen durch Quecksilber besonders stark betroffen. Zwischen 40 und 70 % der Kleinbergbauern sind durch Hautkontakt oder Einatmen den stark gesundheitsgefährdeten Quecksilberdämpfen ausgesetzt. Indigene Bewohner der Wälder in dieser Region haben zum Teil sehr hohe Konzentrationen von 5,2 ppm im Körper. Dies liegt vor allem an den Ernährungsgewohnheiten der Ureinwohner, deren bevorzugte Nahrungsgrundlage Fisch ist. Das Quecksilber wird in seiner organischen Form als Methylquecksilber im Körper angereichert. Durch die Akkumulation des Quecksilbers schon in den kleineren Fischen sind die Werte der Fische des oberen Nahrungsnetzes, welche sich von kleineren Fischen ernähren, sehr stark erhöht. Frauen und Kinder sind stark betroffen, da diese in der Regel die Aufgabe der Extraktion übernehmen. Bei Frauen im gebährfähigen Alter (16-49 Jahre) wurden Werte mit durchschnittlich 3 ppm festgestellt. Hohe Konzentrationen an Quecksilber können die neuronale Entwicklung von Kindern negativ beeinflussen und für eine unterentwickelte Intelligenz sorgen. Eine durchgehende Belastung durch Quecksilber kann Erbrechen und starken Durchfall hervorrufen sowie Nerven und Gehirn schädigen. Die zumeist schlechte hygienische Situation der im Bergbau Beschäftigten begünstigt zudem die Verbreitung von Leishmaniose, Lepra und Geschlechtskrankheiten. Im nationalen Vergleich sind die HIV-Infektionen in Madre de Dios um das zehnfache erhöht: 2010 waren 31,6 Personen auf 100.000 Einwohnern in Madre de Dios mit HIV infiziert (eine Folge von Prostitution). Im Landesdurchschnitt liegen die Zahlen bei 3,4 Personen auf 100.000 Einwohner. Besonders betroffen sind Städte, in denen Bergbau illegal betrieben wird, wie Laberinto, Colorado und Mazuko in Inambari. Darüber hinaus führen Steinschlag und Bergrutsche in den illegalen und nicht abgesicherten Begbauwerken zu vielen Todesfällen."
(Quelle für dieses und die beiden vorangegangenen ZitatexxxxUmwelt- und Sozialauswirkungen der Goldgewinnung in Madre de Dios, Peru. Ein Projekt im Auftrag des Umweltbundesamtes. Erscheinungsdatum 2015)

Der Goldboom hat schließlich auch wirtschaftliche und soziale Folgen. Lebensmittel kosten in der Region inzwischen deutlich mehr als in anderen Regionen Perus, die Preise für Häuser, Äcker und Felder sind explodiert. Zwar leben 40 Prozent der Bevölkerung direkt oder indirekt von der Goldsuche, die restlichen 60 Prozent aber eben nicht. Sie leben unter anderem von der Landwirtschaft und den paar tausend Touristen, die jährlich nach Puerto Maldonado kommen, um die angrenzenden Naturschutzgebiete zu besuchen und einige Tage in Urwald-Lodges zu wohnen. Der illegale Goldabbau in diesen Dimensionen bedroht die wirtschaftliche Existenz dieser Gruppen zum einen durch die Kontamination der Böden und durch die Gefahr einer Ausdehnung des Goldabbaus auch in geschützte Naturräume, so dass in der Folge die Touristen weg bleiben. Eigentlich existiert die Goldgewinnung in Madre de Dios in bescheidenem Rahmen schon seit Generationen. Doch mit dem enormen Zustrom an Arbeitsmigranten in die Region ist in den letzten 10 Jahren eine völlig neue Situation entstanden: Aus wirtschaftlicher Not und aufgrund des steigenden Goldpreises sehen viele Menschen im Goldbergbausektor eine Alternative zur traditionellen Landwirtschaft oder Fischerei. Aus dieser Expansion des Goldsektors, die in den meisten Fällen ohne legale Schürfrechte, also illegal erfolgt, entstanden in den letzten Jahren eine Vielzahl sozio-ökologischer Konflikte zwischen den einzelnen Interessengruppen: Goldschürfer und das beteiligte Gewerbe gegen indigene Bevölkerung, gegen Bauerm, gegen Tourismusunternehmen und auch gegen die staatlichen Behörden. Die peruanischen Behörden haben dem Treiben - auch aufgrund einer sehr neoliberalen Wirtschaftspolitik früherer Regierungen - lange Zeit tatenlos zugesehen und erst angefangen zu reagieren, als es eigentlich schon zu spät war.

Ein enormes Konfliktpotential entwickelte sich vor allem zwischen den tausenden illegaler Kleinschürfer und der Zentralregierung. Immer wieder kam es in den letzten Jahren zu massiven Polizei- und Militäreinsätzen gegen die Goldschürfer, in deren Verlauf Produktionseinrichtungen und Maschinen zerstört wurden. Gleichzeitig erließ die Regierung neue Gesetze, in denen stärkere Strafen für illegalen Bergbau, strengere Umweltauflagen und neue Genehmigungsverfahren und Kontrollmechanismen erlassen wurden. Immer wieder kam es zu Massendemonstrationen und Straßenblockaden durch die Schürfer, Polizei und Militär griffen mit Waffengewalt ein - es gab etliche Tote. Doch trotz der härteren Maßnahmen und verstärkten Ermittlungs- und Strafverfahren existiert der illegale Goldabbau weiter. Zu lukrativ erscheint die Aussicht auf ein besseres Leben durch einige Jahre harter Arbeit in den Goldclaims. An der einen Stelle vertrieben, tauchen die Schürfer an anderer Stelle einfach wieder auf und beginnen von neuem mit ihrer Tätigkeit - in der Hoffnung unentdeckt zu bleiben. Deshalb auch das enorme Misstrauen gegen alle Fremden in ihrer Gegend. Doch auch zwischen den legalen Goldschürfern bzw. -firmen (ja, die gibt es auch) und den illegalen Kleinschürfern gibt es immer wieder Konflikte. Denn da die legalen Goldschürfer aufwendige Genehmigungsverfahren durchlaufen, strenge Umweltstandards einhalten und hierzu finanzielle Mittel investieren müssen, protestieren diese gegen den Fortbestand des unkontrollierten illegalen Sektor.

Eine ganz andere Folge des illegalen Goldbooms müsste in der Kolumne eigentlich an prominenterer Stelle erwähnt werden: Massive Menschenrechtsverletzungen. Nach offiziellen Angaben soll es in ganz Peru fast 50.000 Zwangsarbeiter geben (man könnte auch "Sklaven" sagen), die meisten davon soll es im Goldschürfergebiet Madre de Dios geben - Tendenz steigend. Denn auch im illegalen Sektor arbeiten viele ja als angestellte Schürfer für einen Patron, der die Geldmittel für die benötigten Maschinen besitzt. Daneben ist Kinderarbeit weit verbreitet. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Kinder schon im Alter von 3 bis 6 Jahren älteren Familienmitglieder beim Goldwaschen helfen müssen. Nach Angaben der "Internationalen Arbeitsorganisation" sollen im Goldbergbau in Madre de Dios im Jahr 2001 knapp 26.000 Kinder beschäftigt gewesen sein, für 2010 wurde die Zahl von etwa 50.000 Kindern in allen peruanischen Goldabbaugebieten genannt. Ein weiteres Problem ist die enorme Zunahme von Zwangsprostition, auch von Minderjährigen in den Siedlungen der Goldschürfer und nicht zuletzt der Konflikt mit den indigenen Volksgruppen in der Region, die sehr häufig Opfer von Zwangsrekrutierungen werden. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Indigenen und Goldschürfern wegen Verletzung von Landrechten und Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen durch den Goldabbau. Das Phänomen der Zwangsarbeit, dass es nicht nur im illegalen Bergabau gibt, sondern auch schon bei etablierten legalen Goldfirmen aufgedeckt wurde, funktioniert im übrigen so: "Die Minenarbeiter werden von hunderten sogenannter „Arbeitsvermittler“ („Sklavenhändler“ im Zeitarbeit-Jargon) an die Minengesellschaft „vermietet“. Die „"Mineros” müssen monatlich 30 Tage ohne einen Pfennig Lohn zu erhalten schuften. Als „Gegenleistung“ dürfen sie am letzten Tag des Monats für sich selbst die Stollen nach einem winzigen Gramm Gold abjagen, das sich – hoffentlich! – in den schweren Gesteinssäcken versteckt, die sie ans Tageslicht schleppen. "Cachorreo” wird diese Variante der Sklaverei genannt, die noch zu Zeiten der spanischen Kolonialzeit eingeführt wurde. Nur 5 Prozent dieser Goldgräber haben ein regelmäßiges, monatliches Einkommen, die überwiegende Mehrheit erwirtschaftet kaum mehr als zehn Goldgramm im Monat und fristet ein miserables Dasein." (Quelle: Goldrausch in Südamerika: Ausbeutung von Mensch und Natur. Deutsche Wirtschaftsnachrichten 2015)

Ich wage am Schluss der Kolumne ein Fazit. In der Einleitung schrieb ich: "Nicht nur der Anblick ist ein Desaster". Wird man als Reisender ohne große Hintergrundkenntnisse erstmals mit dieser Goldgräber-Region am Madre de Dios konfrontiert, nimmt man als erstes nur erstaunt und fassungslos die Bilder ringsherum wahr und schnuppert die besondere Atmosphäre, die da mit voller Wucht auf einen einprasselt. "Das ist ja wie im wilden Westen" denkt man automatisch oder es ist zumindest so, wie man sich ihn im Kopf immer vorgestellt hat. Irgendwie mit einem Hauch Anarchie, schmutzig, heruntergekommen und ohne jegliche Weichzeichnung der Farben. Unwillkürlich neigt man spontan zur Vorsicht, wenn man sein Reisefahrzeug verlässt und sich in den abenteuerlich und improvisiert wirkenden Siedlungen unter die Menschen wagt. Fängt man dann Wochen später in der Nachbereitung des Gesehenen und Erlebten an, nach Hintergrund-Literatur, Berichten und Studien zu suchen und sich darin zu vertiefen, stellt man fest: Das sieht nicht nur so aus, das ist der Wilde Westen. Die Region um den Madre de Dios ist in den letzten 10 -15 Jahren von einer Entwicklung überrollt worden, der der peruanische Staat viel zu lange zu passiv und tatenlos zugesehen hat. Schlimmer noch: Jedem Peruaner mit halbwegs klarem Denkvermögen ist klar, dass die Zerstörung einer ganzen Region nur mit Hilfe von Polizei und örtlicher Regierung geschehen konnte: Korruption ist das Zauberwort, dass überall in Südamerika da zur Anwendung kommt, wo Geld verdient wird. Das hat nicht nur zu schlimmen ökologischen Folgen und bedenklichen sozialen und gesundheitlichen Entwicklungen geführt, sondern die ganze Region teilweise zu einem rechtlosen Raum gemacht. Jetzt versucht die Regierung seit einigen Jahren durch verschiedene Maßnahmen und auch zum Teil mit massivem Polizei- und Militäreinsatz der Lage wieder Herr zu werden, ohne dabei jedoch wirklich durchschlagende Erfolge vorweisen zu können. In einem Fernsehbericht der ARD heißt es als Fazit denn auch: "Die Geißel des illegalen Goldabbaus wird Peru nicht los. Es wirkt so, als ob der Kampf dagegen weitestgehend aufgegeben wurde. Deswegen denken Politiker darüber nach, ob es nicht besser sei, ganz offiziell, neue Lizenzen auszugeben, verbunden mit mehr Kontrollen. “Das Ministerium für Energie und Bergbau arbeitet gerade an so einer Gesetzesreform, die es erlaubt in dieser Region mehr Gold abzubauen - halt nicht mehr illegal, sondern legal. Das gesamte Wirtschaftsleben hier hängt nun mal davon ab", erklärt Heraclides del Castillo Valdivia, Gouverneur von Madre de Dios." Denn sieht man mal von den vielen Verlierern ab, die der illegale Goldabbau auch produziert, es gibt durchaus auch Menschen, die es hierdurch zu ansehnlichem Wohlstand gebracht haben. Und solange diese ganzen Landarbeiter, Bauernsöhne, Händlerinnen und andere, die ein mehr als karges Leben in den Dörfern und Städten der Bergregionen der Anden leben, von der Perspektivlosigkeit dieses Lebens frustriert in den Amazonaswald von Madre de Dios ziehen, solange wird sich an diesem Traum, durch Goldschürferei eine finanzielle Perspektive zu bekommen, nichts ändern - es sei denn, der Goldpreis stürzt irgendwann wieder ab. Als Tagelöhner in der andinen Landwirtschaft bekommen diese Leute ein für den Lebensunterhalt kaum ausreichendes Einkommen, als Minero im Amazonas können sie dagegen weitaus mehr verdienen, wenn sie Glück haben. Und auch wenn sie nicht soviel Glück haben: "Etwa 400 Gramm des Edelmetalls verkauft ein Goldsucher im Jahr durchschnittlich an die Zwischenhändler. Nicht genug um reich zu werden, aber definitiv mehr als Tagelöhner anderswo bekommen" heißt es am Schluss in der ARD-Reportage. Und noch eins darf man nicht vergessen. Wie in der Auto-Industrie hängt an den Aktivitäten der Goldschürfer inzwischen ein ganzes Gewerbe, dass von den Bedürfnissen der Mineros lebt, denn diese brauchen Lebensmittel, Werkzeuge, Maschinen und damit lässt sich prächtig Geld verdienen. Und zu allem Übel mischen in diesem Geschäft auch die großen "Narcos" (Rauschgiftkartelle) mit: Erfolgreich konnten die „Narcos” jahrelang mit ihren Drogenerlösen die wilde Goldschürfung zur schwer nachweisbare Geldwäsche nutzen – vor allem in der Madre de Diós-Region mit seinen illegalen Goldabbau-Aktivitäten.

Schließen möchte ich die Kolumne nach all den kritischen Gedanken und Bemerkungen mit einer "Spiegel"-Geschichte von 2010, die als Kontrastprogramm mal ausnahmsweise eine "Erfolgsgeschichte" vom Leben als Goldgräber am Madre de Dios erzählt:

===>>>xx Die Spur des Goldes: Die Geschichte der Hochlandindianerin Francisca Hualla, die im Gold ihr finanzielles Glück fand
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Das Investment Thermo Fisher Scientific

Der folgende Beitrag erschien schon Freitag 27.03.15 13:45 in Hari Live

Ich habe ja schon mehrfach argumentiert, warum ich im Biotech-Boom die Hersteller der "Schaufeln" so sehr mag. Denn diese Unternehmen profitieren vom Boom, ohne die medikament-spezifischen Risiken der forschenden Unternehmen zu besitzen.

Selbst bei Branchen-Grössen wie Gilead Sciences (885823, GILD), genügt ja eine schlechte Nachricht zum Blockbuster Solvadi, und der Kurs knickt brutal ein.

Hinzu kommt dann noch die generelle Unsicherheit, ob durch den Aufstieg der Biosimilare und der wachsenden Macht der Intermediäre wie Express Scripts (A1JWJL, ESRX), nicht doch die riesigen Margen bald unter Druck geraten.

Einzelne Biotech-Unternehmen - und das gilt selbst für die Branchengrössen - sind daher für einen ruhigen Investmentansatz eher ungeeignet, weil zu volatil. Ein ruhiges Investment im Sektor macht daher nur bei breiter Diversifizierung via individuellem Basket, Fonds oder ETF Sinn.

Ganz anders dagegen ist die Lage bei den Unternehmen, die vor allem an den Tools, Hilfsmitteln, Testverfahren und Methoden verdienen, mit denen die Biotech Unternehmen forschen und ihr Geschäft betreiben.

Ganz analog zu den Herstellern von Schaufeln im Goldrausch des 19. Jahrhunderts, verdienen diese Unternehmen unabhängig davon, ob wirklich Gold gefunden wird. Und auch ein Medikament mit Nebenwirkungen oder eine Forschung, die von der amerikanischen FDA dann keine Genehmigung bekommt, kann die Hersteller der Schaufeln nicht tangieren.

Mein absoluter Favorit was das angeht und für mich *der* Bluechip in diesem Sektor, ist -> Thermo Fisher Scientific (857209, TMO) <- mit einem sehr breit aufgestellten, aussichtsreichen Produktportfolio.

Ich habe über das Unternehmen im Premium-Bereich schon mehrfach geschrieben und will mit diesem Post nun auch im freien Bereich darauf aufmerksam machen.

Denn gerade jetzt, während der Biotech-Sektor korrigiert, kann man im Chart leicht sehen, was die Vorteile eines Herstellers von "Schaufeln" sind, denn die Aktie hat im Vergleich zum Sektor deutlich weniger korrigiert:

TMO 27.03.15

Für mich ist das das Profil einer Aktie, wie ich sie für mein Investment-Depot mag.

Einerseits mit grossem Wachstum und Teil eines Marktes, der massiven Rückenwind hat. Sie wissen ja, ich segele bei Investments gerne mit dem Wind im Rücken und mag es nicht, dagegen ankreuzen zu müssen. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an meinen Artikel von Donnerstag 12.03.15 14:20 in Hari Live - "Mit dem Wind im Rücken segeln".

Andererseits ist es aber auch eine Aktie mit eingebauter Diversifizierung, die also nicht so schnell von einem einzelnen Problem aus der Bahn geworfen werden kann. Sicher kann man dadurch keine schnellen 100% Gewinn erwarten. Umgedreht sind aber auch nach unten die Risiken deutlich geringer und die Aktie kann vergleichsweise ruhig ihre Bahn ziehen.

Wenn Sie es nicht schon getan haben, tun Sie sich also den Gefallen und beschäftigen sich mal mit den Produkten von Thermo Fisher Scientific. Für mich ist das ein klarer Fall für mein Investmentdepot - und das nicht erst seit heute, wie treue Leser wissen.

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