Der schmale Grat

Eigentlich wollte ich ja heute keinen Artikel schreiben, weil das Quasselvideo schon auf Montag vorgezogen wurde. Ich habe aber eine Leseliste für morgen vorbereitet, in dem ein Artikel zum "Virus in unseren Köpfen" war.

Dann habe ich angefangen das etwas zu kommentieren und es wurde mehr und mehr und mein Text immer länger, so dass ich mich jetzt entschlossen habe, es in einen eigenen Artikel auszulagern.

Es ist ein schwieriges Thema und ein hoch aktuelles Thema, es geht um den schmalen Grat zwischen kritischem und rationalen Denken und dem Abdriften in Verschwörungstheorien und paranoide Vorstellungen, wie wir es rund um Covid nun leider medial vermehrt erleben.

Hier ist der Artikel der diese Worte getriggert hat:
-> This Is the Real Virus to Fear <-

Und im Artikel habe ich diese Grafik gefunden, die ganz ausgezeichnet auf einen Blick visualisiert, was in unseren Köpfen passiert, wenn uns Sorge und Unsicherheit dazu treibt, einem Geschehen um jeden Preis einen Sinn zu geben.

Genau so entstehen Verschwörungstheorien und es ist ein ganz schmaler Grad zwischen sinnvoller Mustererkennung, sinnvollem kritischen Denken, hin zu Verschwörungsdenken und bis zu Wahnvorstellungen.

Über den Rubicon bewegt man sich dann, wenn man sich in eine Theorie zu "verlieben" beginnt, weil sie eigene Bedürfnisse befriedigt - wenn man diese also verteidigt und sich zu eigen macht, statt diese immer wieder rational zu hinterfragen.

Denn wenn man anfängt etwas sehen zu *wollen*, dann sieht man es auch. Wir wollen manche Dinge einfach glauben, wir wollen das sie wahr sind, weil es uns guttut.

Und das Meer an Meinung, das in der modernen Welt der sozialen Netze jedem "Dödel" für jeden Schwachsinn eine Plattform bietet, sorgt dann zuverlässig dafür, dass jede Meinung - egal wie abstrus - auch eine kleine Blase mit sich schön selbst bestätigenden Informationen finden kann.

Es beginnt dann sehr schnell nicht mehr um den Erkenntnisgewinn zu gehen, denn dann müsste man auch zu den neuen Erkenntnissen eine kritische Distanz wahren, wie zu allem. Sondern man hat dann eine neue "Heimat der Gedanken" gefunden, fühlt sich zugehörig, wird mit den Denkstrukturen immer wieder neu gefüttert und beginnt diese kleine Welt gegen "die Feinde da draußen" zu verteidigen.

Genau dann hat man den Rubicon überschritten und hat sich vom kritischen Denker schon zum Verschwörungstheoretiker entwickelt, was im schlimmsten Fall bis zu Wahnvorstellungen weitergehen kann.

Wahnvorstellungen die besonders leicht sind, wenn sie sich mit schon vorhandenem Unbehagen verbinden können. Wenn man der Regierung schon vorher misstraut hat, dann traut man ihr auch allerlei sinistre Absichten zu und der komische Nachbar da am Rand der Kleinstadt, der sich immer so komisch verhält und keinen Kontakt mit einem pflegt, dem ist dann auch schnell zuzutrauen, dass er zu den "Brunnenvergiftern" gehört.

So funktioniert bei schwachen Geistern das Abrutschen in geschlossene Weltbilder, Sekten funktionieren auch genau so. Und manchmal ist dann damit auch eine üble Radikalisierung verbunden, denn wenn jemand mal als Bedrohung identifiziert wurde, muss die Bedrohung auch ausgemerzt werden. Im Mittelalter wurden dann diese "Hexen" verbrannt.

Das hat übrigens nichts mit Intelligenz oder Dummheit zu tun. Dumme Menschen fliegen zwar auf dumme Verschwörungstheorien, so wie dass Bill Gates uns allen Chips implantieren will.

Klügere Menschen konstruieren dafür komplexere und klügere Theorien, der Rubicon wird aber auch dort überschritten, wo man die rationale Distanz verliert, weil man recht haben *will*, weil die Theorie in einem Wünsche und Bedürfnisse anklingen lässt und die Objektivität flöten geht.

Oft ist dann auch das Ego im Spiel, denn wem das Gefühl wichtig ist "klüger" als die anderen zu sein, wer das also für das Selbstbewusstsein braucht, der wird auch von Logiken angezogen, die den Geruch des "Besonderen" haben. Dahinter wird dann "Wahrheit" assoziiert, obwohl es nur der obige Judenstern ist. Es gibt Seiten im Web, die das Bedürfnis befriedigen und Menschen die davon angezogen werden, wie die Motte vom Licht. Es geht dort nicht um Erkenntnis, dort werden weit tiefere, eigene Bedürfnisse befriedigt.

In dem Zusammenhang will ich als Exkurs auch unbedingt darauf hinweisen, dass Intelligenz und Bildung zwei völlig verschiedene Dinge sind. Man kann hochintelligent aber ungebildet sein, weil man aus welchen Gründen auch immer, keinen Zugang zu Bildung hatte. Und man kann gebildet aber dumm sein, weil man sich die Dinge einfach angelesen hat, ohne sie wirklich zu durchdringen.

Im sogenannten "Bildungsbürgertum" begegnen mir auch unter Akademikern immer mal wieder eher "dumme" Menschen, denen ich schnell anmerke, dass sie zwar eine Menge Wissen angelesen haben und alles Mögliche zitieren können, mit dem Wissen aber nichts anfangen und es nicht verknüpfen können, es liegt sozusagen an der Oberfläche und ist nicht internalisiert. Krude Verschwörungstheorien und Akademiker ist also keineswegs ein Widerspruch.

When we are overwhelmed, hurt, and scared, we tend to grasp for something, anything, that explains the unexplainable.

Dieses Zitat aus dem Artikel ist zentral, weil es erklärt sehr viel, auch wenn wir uns gerne unsere permanente "Rationalität" einbilden. Deswegen wurden unter dem Druck von Krisen und Existenzängsten im Mittelalter Aussenseiter verbrannt, wie auch die "wunderliche Hexe" abseits des Dorfes. Deswegen gedeiht dann Wunderglaube und die Erzählungen von den Absichten dunkler Mächte haben viele Zuhörer, wie auch die Legende vom rettenden, heiligen Gral.

Wenn uns die Pandemie etwas lehrt, dann auch dass wir wenig überraschend nicht wirklich viel weiter als damals sind. Ohne die Institutionen des Staates, ohne Gesetze, Regeln und Gewaltmonopol, würde in einer Kleinstadt unter Druck auch heute jemand wie Bill Gates von einem Mob auf den Scheiterhaufen gezerrt, es genügt dass jemand laut genug eine logisch klingende Anschuldigung formuliert und viele einen Sündenbock suchen.

Wenn sie glauben das sei übertrieben, dann ziehen sie sich mal diesen kurzen Ausschnitt des ORF herein:

Und jetzt stellen sie sich vor, wie sie ohne Gewaltmonopol in einer Kleinstadt wohnen, die in einer schlimmen Seuche weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten ist. Und das Gewaltmonopol des Staates gibt es auch nicht mehr, die staatlichen Institutionen sind in Auflösung.

Sie sind aber ein Wissenschaftler, der intensiv versucht der Seuche auf die Spur zu kommen und daher etwas zurückgezogen am Rande der Kleinstadt wohnt und sich völlig auf seine Forschung konzentriert. Sie sind also "wunderlicher Außenseiter", sitzen nicht an Stammtischen weil sie Wichtigeres zu tun haben, hantieren mit Reagenzgläsern und müssen - weil die Wasserversorgung zum Erliegen gekommen ist - einmal am Tag mit mehreren Eimer zum städtischen Brunnen auf dem Marktplatz, um sich frisches Wasser für ihre Experimente zu holen.

Ich garantiere ihnen, auch heute würde es unter dem Druck der Angst und der Not Menschen wie diese Dame im Video geben, die anfangen zu hinterfragen, ob sie nicht ein *Brunnenvergifter* sind. Und dieses Gerücht wird schnelle Kreise ziehen, insbesondere wenn sie zufällig auf einer Kiste im Aussenbereich "666" oder irgend etwas anderes stehen haben, mit dem man Assoziationen herstellen kann.

Es wird getuschelt werden und irgendwann wird ein aufgewiegelter Mob vor ihrer Tür stehen und ihr Leben wird am nächsten Baum ein jähes Ende finden. Auch heute kann und wird das in der richtigen Krise passieren, ich bin da 100% sicher, schauen sie nur dieses Video an.

Ein Bill Gates als Oberbösewicht passt übrigens genau in dieses "Hexen-Muster", er hat viel Geld, ist wunderlich, erscheint "abgehoben" und macht Dinge die man nicht versteht, die in Krisen leichte Erklärungen bieten, wenn man Sündenböcke sucht.

Mit "Querdenken" hat so etwas rein gar nichts mehr zu tun, der eigentlich positive Begriff für das was man im englischen "Wild Ducks" nennt, wurde so völlig unmöglich und "toxisch" gemacht und kann von rationalen Menschen eigentlich nicht mehr verwendet werden.

Das oben im Video grenzt schon an paranoide Wahnvorstellungen und wer diesen Rubicon überschreitet, wer sich mit einer Welterklärung so tief zu identifizieren beginnt, dass er sie verteidigt und sich auf sie verengt, hat den Kreis der ernst zu nehmenden Menschen verlassen.

Und weiter geht es im Artikel als Erklärung:

This will all be over soon, we convince ourselves. This one thing will solve all our problems. Our ex is going to walk through the door any minute now. The pandemic will just disappear because we want it to. This kind of thinking makes us feel better, sure, but…that’s just not how it works.

Exakt, der Auslöser ist unsere persönliche Betroffenheit, wir wünschen uns eine Erklärung für das uns ängstigende Geschehen so sehr, dass wir ein geschlossenes Gedankengebäude begierig aufgreifen und uns damit emotional verbinden - egal wie abstrus es ist. Und dann kann die Radikalisierung einsetzen und wir sehen die Welt nur noch durch den Schleier einer schon definierten Wahrheit.

Machen sie sich klar, dass in der richtigen Krise jeder von uns dieser Gefahr unterliegt, auch sie! Und für manche ist die vergleichsweise mässige Krise Covid schon genug um diese Mechanismen im Kopf in Gang zu setzen, erschreckend aber wahr.

Ich kann nur wieder Yoda zitieren:

Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass. Hass führt zu unsäglichem Leid.

Gerade zu so komplexen Themen wie Covid müssen wir wachsam in uns hinein horchen. Wenn uns Erklärungen so richtig ansprechen, wenn sie in unser Weltbild passen, wenn wir Gefallen an einem Gedanken finden und ihn gegenüber anderen zu verteidigen beginnen, dann wird es gefährlich, dann sollten wir zur Distanz zurückkehren.

Kritisches Denken ist gut, man muss nicht alles immer gleich glauben und soll auch Dinge mal in Frage stellen. Aber man muss zu jeder Theorie innere Distanz wahren, auch zu der die einem gefällt, denn es ist nur eine Theorie.

Nur so, mit dieser kritischen Distanz, kann man sich in Richtung Wahrheit bewegen. Genau diese Haltung, die bereit ist alles in Frage zu stellen und sich nur von echten Fakten überzeugen lässt, nennt man übrigens Wissenschaft.

Und rationales, wissenschaftliches Denken ist das Einzige in unseren Köpfen, was uns von den Menschen des Mittelalters und der Hexenverbrennung trennt.

Ihr Hari

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Was wir haben

Vor uns liegt in Form der US Wahl ein digitales Ereignis, das nur alle 4 Jahre auftritt, aber erhebliche Konsequenzen auf die ganze Welt hat.

Schauen wir doch nur auf das Chaos im Nahen Osten. Ist dieses Chaos nicht auch die Folge einer Obama-Administration, die zu zögerlich agiert hat? Ist es nicht auch Folge einer Bush-Administration, die vorher zur Destabilisierung der Region beigetragen hat?

Ich sage ausdrücklich "auch", denn wer in den US die Quelle allen Übels sieht, leidet unter starker Wahrnehmungsverengung und einer zu simplifizierenden Weltsicht. Mangelnde Bildung, religiöse Radikalität, Stammesdenken, blutige Kulturkonflikte, all das zeichnet und zeichnete den Nahen Osten auch ohne die US aus und ist primär erst einmal die Folge einer mittelalterlichen, religiös dominierten Kultur, die noch keine Aufklärung hinter sich hat. Auf gut Deutsch, auch ohne die USA im Spiel, würde man sich da wohl die Köpfe einschlagen, nur entlang anderer Konfliktlinien.

Was der Anführer der - immer noch - wichtigsten und stärksten Ordnungsmacht der Welt macht oder eben nicht macht, hat eben massive Auswirkungen auf die Entwicklungen der Welt und insofern geht die US Wahl uns alle an. Insofern ist auch Isolationismus für die US keine realistische Option, denn in dem man nicht macht, macht man auch.

Sich einfach zurück zu ziehen und sich darin zu sonnen, ist nur das Vorrecht kleiner Völker, die international keine Rolle spielen. Für die grossen Ordnungsmächte, ist das aber keine Option, denn auch Nicht-Handlung ist Handlung und der Aufstieg des IS ist ohne jeden Zweifel auch Produkt eines Machtvakuums, das man zugelassen hat.

Alles hat eben Konsequenzen und wenn man wegschaut, dreht sich die Entwicklung weiter, nur halt vielleicht erst recht nicht so, wie man gerne hätte. Wer als Eltern Verantwortung für seine Kinder trägt, sollte eigentlich wissen, was eine Verantwortung bedeutet, vor der man nicht weglaufen kann. Auch dort nützt es nichts, nicht hinzuschauen, die Folgen erreichen einen so oder so. Dann besser hinschauen und Einfluss nehmen, so das überhaupt möglich ist. Und Dank darf man für diesen Einfluss auch nicht unbedingt erwarten, nötig ist er aber trotzdem.

Also, die US Wahl geht uns alle an und als Anleger erst Recht. Macht es aber Sinn, da gegen den Markt auf einen bestimmten Ausgang zu wetten?

Eher nicht. Denn der Markt verarbeitet alle Nachrichten sofort und wir könnten das auch nicht besser. Heute sehen wir doch wie im Brennglas, was passiert, nachdem sich der Vorsprung Clintons in den Umfragen stabilisiert und das FBI noch zusätzlich Entwarnung gibt. Der Markt nimmt die Reaktion auf einen verhaltenen Clinton Sieg schon teilweise vorweg, die Aktienmärkte steigen, der Dollar steigt und Gold fällt.

Im aktuellen -> Artikel auf Tichys Einblick <-, hatte ich gestern die Reaktion auf verschiedene Szenarien thematisiert und heute sehen wir genau die "Goldilock"-Reaktion, die ich da beschrieben habe. Passt also.

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