EZB Nebeneffekt: Der Euro als Carry Trade Währung

Dass nach einem Panik-Tief wie am Montag, erst einmal wilde Swings auftreten, die dann auch länger andauern, bis sich der Markt beruhigen kann, ist ebenso völlig normal, wie die schwappenden Wellen, die von einem grossen Stein ausgelöst werden, der in einen vorher stillen Teich geworfen wird.

Trotzdem fielen in diesen wilden Swings, besonders die wilden Zuckungen des Euros, insbesondere im EURUSD Verhältnis auf. Anleger mit Euro-Depots, haben das schmerzhaft gemerkt, denn ebenso wie der fallende Euro im ersten Quartal auf dem Papier schnelle Gewinne ermöglichte, verstärkte der steigende Euro im Absturz die Minuszeichen, wenn man US Werte im Depot hatte.

Die klassische Erklärung, die nun wieder von den meisten Kommentatoren reflexartig aus der Westentasche gezogen wird, ist der Hinweis, dass die Euro Stärke das Ergebnis geänderter Zinserwartungen in den USA sei. Auf gut Deutsch, der Markt schreibt die erste Zinserhöhung der FED zunehmend ab und das schwächt den Dollar und stärkt relativ den Euro.

Diese Erklärung ist auch sicher nicht völlig falsch, denn natürlich wirken Zinserwartungen auf die Währungen, zumal ja FED Mitglied Dudley gestern schon selber Zweifel an der ersten Zinserhöhung gesäht hat. Für das Geschehen der letzten Tage, springt diese Standarderklärung aber viel zu kurz.

Denn wenn man nach Ursachen sucht, sollte man die inverse Beziehung zwischen EURUSD und den Indizes, insbesondere dem Leitindex S&P500, auch mal ernsthaft anschauen. Und dann fällt einem auf, was ich im Handel der letzten Tage massiv bemerkt habe:

Fast auf den Punkt genau, gibt es eine nahezu perfekte, inverse Beziehung zwischen S&P500 und EURUSD.

Ich habe diese hier mit Stundenkerzen über die letzten Tage dokumentiert und das Ergebnis ist sehr beeindruckend. Fast perfekt ergeben sich die inversen Wendepunkte und zwar mehrfach im Tagesverlauf:

ES 26.08.15

So eine inverse Parallelität aber, lässt sich mit einer sich generell ändernden Zinserwartung überhaupt nicht erklären, das ist dann als Analyse schlicht viel zu kurz gesprungen.

Für so eine inverse Beziehung gibt es für mich nur eine logische Erklärung: es muss einen direkten Zusammenhang im Handel des grossen Geldes geben. Sprich wir sehen hier nur zwei Seiten der selben Medaille.

Und wenn man das begriffen hat, ist auch schnell klar und völlig logisch, was hier wirklich los sein muss:

Der Euro ist zur massiven Carry Trade Währung für grosse US Investoren geworden.

Ich hatte das schon länger vermutet, aber so wie das hier in den letzten Tagen ausgesehen hat, ist das Ausmass noch weit grösser, als ich mir habe vorstellen können.

Für die Leser, die nicht wissen was ein "Carry Trade" ist: Es bedeutet, dass massive Zinsunterschiede ausgenutzt werden, um Geld in der niedriger verzinsten Währung auf Kredit zu leihen und in der höher verzinsten Währung dann in attraktiveren Anlagen (also auf Kredit) anzulegen und die Zinsdifferenz einzustreichen.

Nun ist es aber so, dass "Dank" unserer Notenbank EZB mit der "Nullzinspolitik", die Zinsen vergleichbarer Anleihen (zb BUNDs vs US T-Bonds) in Europa bei fast Null liegen und damit 1-2% unter den Renditen vergleichbarer US Papiere.

Heisst konkret, die grossen Adressen der Finanzwelt - das US "Big Money" also - verschuldet sich zu fast Nullzinsen in Europa in Euro und kauft damit - gehebelt, weil fremdfinanziert - zum Beispiel US Anleihen und Aktien, die eine höhere Rendite versprechen. Und das lässt dann auch die US Indizes so lange so weit nach oben schieben. Nur wehe, wenn dieser Trade aufgelöst werden muss und das haben wir die letzten Tage hautnah erlebt.

Diese Transaktion, mit der US Anleger sich Euro leihen und dann in Dollar konvertieren um US Anleihen oder Aktien zu kaufen, schwächt logischerweise den Euro, denn der wird im Rahmen der Transaktion ja verkauft. Und stärkt den Dollar, der gekauft wird.

Und so haben wir über Monate erleben dürfen, wie der Euro ins Bodenlose fiel und der Dollar stieg. Dieser Anstieg schaffte dann den Emerging Markets massive Probleme und nun haben wir den Salat.

Umgedreht läuft es aber leider genau so, Märkte sind keine Einbahnstrasse.

Wenn US Investoren nun panisch US Aktien verkaufen wie am Montag, nehmen sie die Dollars, wandeln diese zurück in Euros und lösen damit ihre Kredite ab. Und das treibt EURUSD so massiv wie die letzten Tage in die entgegengesetzte Richtung des Marktes - nach oben.

Ich bin zu 99% sicher, dass dieser Mechnismus wesentlicher Teil der Währungs-Bewegungen ist, die wir sehen und die man oben eindrucksvoll im Chart erkennen kann. Nicht der einzige Faktor natürlich, aber definitiv ein ganz wesentlicher Teil.

Das ist für mich auch ein weiteres Beispiel dafür, welche Kollateralschäden diese gnadenlose Nullzinspolitik der Notenbanken und der EZB im Speziellen auslöst. Denn letztlich wird damit die Spekulation auf billigen Kredit gefördert und nicht die Stabilität des Finanzsystems.

Und wenn wie gestern bei Reuters Meldungen herum gehen, -> nach denen die EZB laut ihrem Chefvolkswirt das Wertpapier-Kaufprogramm falls nötig ausweiten will <-, können sich die "Carry-Trader" schon die Finger reiben. Die Zinsdifferenz bleibt oder wird erhöht, der Carry Trade kann wieder los gehen und was machen die US Märkte heute Abend? Sie steigen - Überraschung. 😉

Und wenn uns als Bürger und Gesellschaft, dann irgendwann die Folgen dieser Geldpolitik um die Ohren fliegen, war es dann natürlich der "Gottseibeiuns" aller links beseelten Ideologen gewesen, "der böse Kapitalismus" nämlich. Der muss dann exorziert werden, damit die Welt wieder "gut und rein" werden kann. 😯 Die geldpolitischen "Planwirtschaftler", die hier wesentlich ihre Finger im Spiel hatten und das mit angerichtet haben, waschen ihre Hände dann natürlich in Unschuld, die wollten ja nur "das Beste" und was will man schon gegen so viel Bemühen sagen? 😉

Für uns erfahrene Anleger heisst das übrigens auch, dass ein Long auf EURUSD wohl ein guter Hedge für den nächsten Einbruch ist. Er gleicht den Effekt der Euro-Stärke in Euro-Depots aus und schwingt gegenläufig synchron gegen weitere Einbrüche an den Märkten.

Ach ist das nicht schön, wie "stabil" das Finanzsystem nun dank all der angestrengten Bemühungen von Politik und Notenbanken wurde? Wir können wirklich stolz sein, wie "viel" wir aus 2008 gelernt haben. Wer hier Sarkasmus findet, kann ihn behalten. 😉

Ein weiteres, für uns wichtiges und unerfreuliches Thema ist übrigens, dass im Einbruch von Montag die ETFs gezeigt haben, dass sie durch ihre Dominanz nun zu einem systemischen Problem geworden sind. Das diskutieren wir aber intensiv in der Community, ich habe das Thema aber auch schon hier im freien Bereich angerissen: -> Momentum Factor ETFs - Ausdruck einer Fehlentwicklung? <-

Ihr Hari

Diskutiere diesen Beitrag im Forum

*** Bitte beachten Sie bei der Nutzung der Inhalte dieses Beitrages die -> Rechtlichen Hinweise <- ! ***

Der Zypern-Schock und seine mittelfristigen Kollateralschäden – 18.03.13

Völlig überraschend gehen am Wochenende die Nachrichten über den Ticker, dass Zypern von der Eurozone sehr wohl gerettet werden soll, dafür aber alle Sparer auf zypriotischen Konten einen Anteil in Form einer Zwangsabgabe zu leisten haben.

Dieser Vorgang ist bemerkenswert und ein Rechts- und Tabubruch, der langfristig das Potential erheblicher Konsequenzen für das Vertrauen in die Institutionen und Banken in der Eurozone haben dürfte.

Zunächst einmal sei gesagt, dass ich die Logik dahinter sehr gut nachvollziehen kann. Zypern ist ebenso wie Griechenland ein "Failed State" ohne funktionierendes Steuer- und Rechtssystem. Diese Parallelität ist auch nicht verwunderlich, denn das kulturell mit Griechenland eng verbundene Zypern ist letztlich auch nur wegen Griechenland in der Eurozone, wo es eigentlich nie hätte aufgenommen werden dürfen. Wir haben es hier in Form von Zypern in meiner Wahrnehmung also erneut mit einem "Danaergeschenk" des verrotteten griechischen Gesellschaftssystems zu tun. Vielen Dank sage ich da schon einmal !

Erschwerend kommt hinzu, dass offensichtlich auch fragwürdiges Geld in erheblichem Umfang auf zypriotischen Banken gebunkert wurde, von russischen Oligarchen wird gemunkelt. Und völlig richtig, es ist inakzeptabel, dass dieses korrupte System von europäischen Steuerzahlern "gerettet" wird. Hätte Zypern ein funktionierendes Staatswesen, wäre das auch gar nicht nötig, man hätte durch Abgaben und Steuern das Problem selber lösen können. Aber in einem "Failed State" funktioniert das halt nicht.

Die richtige Entscheidung wäre daher in meinen Augen gewesen, Zypern einfach Pleite gehen zu lassen. Es wäre das ideale Exempel gewesen um klar zu machen, dass sich rechtstreue und hart arbeitende europäische Steuerzahler nicht alles bieten lassen. Das Signal wäre deutlich gewesen und die Folgen begrenzt. Ein Rechtsbruch wäre eine Pleite Zyperns auch nicht gewesen, es gibt keinen rechtlichen Anspruch auf Rettung aus Töpfen der Eurozone.

Leider werden solche Entscheidungen aber nicht durch eine klare, rational denkende Führung getroffen, sondern sie sind das Ergebnis Brüsseler Formelkompromisse. Und in Brüssel standen halt die Gegner einer Rettung denen gegenüber, die die Rettung unbedingt wollten. Es war letztlich wahrscheinlich wieder die Scheidelinie des Nordens gegen den Club Med, wobei man Frankreich Dank Hollandes "glorreicher und mutiger" Politik wohl dem Club Med zuordnen muss.

Und so ist nach meiner Vermutung heraus gekommen, was nun heraus gekommen ist. Ein typischer politischer Kompromiss. Zypern wird gerettet, aber es gibt dafür eine "Strafe" um die Wähler in den Zahlmeister-Ländern gnädig zu stimmen.

Leider befürchte ich, dass dieser Kompromiss auf einer anderen Ebene sehr viel wichtiges Porzellan zerdeppert. Porzellan in Form von Vertrauen - das schwer aufzubauen, aber schnell zu zerstören ist. Denn die Heranziehung privater Kontoguthaben ist ein Rechtsbruch und steht im krassen Widerspruch zur 100.000€ Garantie der EU für alle Bankkonten. Und das wird alle Menschen in Europa aufhorchen lassen.

Und das hat das Potential das Vertrauen in die Bankeinlagen in der Eurozone massiv zu beschädigen. Kapital ist ein scheues Reh und wäre ich nun ein internationaler Investor, der grössere Geldmengen auf Banken der Eurozone, gleich welchen Landes, liegen hat, würde ich meine Gelder heute sofort und dauerhaft abziehen und in den Dollar oder Yen- Währungsraum transferieren. Eine Pleite Zyperns hätte mich dagegen weit weniger verunsichert, das wäre ja mit Ansage und nachvollziehbar gewesen.

Genau das ist auch heute sofort an den Divisenmärkten zu beobachten, Dollar und Yen rauf, Euro massiv runter.

Aber auch dem normalen Bürger, auch hier in Deutschland, dürfte das Vorgehen die Nackenhaare aufstellen. Es wird deutlich, wie dünn die vermeintliche Schicht der Rechtssicherheit ist und wie schnell über das Wochenende die Staatsmacht bereit ist, mit einem Handstreich in private Besitzstände einzugreifen. Wenn man sich dann noch vor Augen führt, dass gerade ein Salon-Linker mit klassenkämpferischer Rhetorik sich anschickt bald Finanzminister des Landes zu werden, wird vieles plötzlich vorstellbar, was in den Jahrzehnten der stabilen Republik unvorstellbar gewesen wäre. Die Vermögens-Zwangsabgabe steht bei dieser Partei ja auch schon im Programm.

Diese Erkenntnis wirkt aber langsam und wird nur langsam bei den Bürgern diffundieren. Es ist eine Art Gift, das Vertrauen zerstört und damit einen Kollateralschaden in einem Umfang hervor rufen kann, der weit über die Effekte einer Pleite Zyperns hinaus geht.

Und die Wirkung dieses Gifts nicht zu erkennen, ist in meinen Augen der riesige Fehler, den die Politik gerade macht. Wenn man das korrupte zypriotische System nicht retten will, sollte man es auch nicht tun. Ein halbgarer Kompromiss ist aber mit dem Preis eines derartigen Vertrauensverlustes in die Verlässlichkeit staatlicher Institutionen bei weitem zu teuer erkauft.

Die Folgen an den Märkten sind klar und heute sichtbar: Dollar, Yen rauf. Euro runter. Gold hoch. Aktien der Eurozone runter.

Kurzfristig rechne ich damit, dass sich der Schreck schnell verzieht und die Märkte zur Tagesordnung übergehen. Schon im Laufe des Tages könnte also ein guter Teil der Verluste wieder ausgeglichen sein. Mittelfristig ist das Gift der willkürlichen Konfiszierung privater Vermögen nun aber in der Welt. Und es wird sich durch die Wahrnehmung der Menschen langsam und stetig durchfressen.

Für physisches Gold dürfte das ein Konjunkturprogramm sein. Wer Vermögen vor derartigen Anwandlungen schützen will, muss es halt sozusagen im eigenen Garten vergraben. Und das dafür beste Vehikel ist physisches Gold. Die einzige Währung die nie ihre Zahlkraft verloren hat und einen eingebauten Schutz gegen inflationären Wertverlust besitzt.

Schöne neue Welt - kann ich da nur sagen. Die Krise Europas ist mit dem Wochenende in eine neue Phase getreten. Die Konten sind sicher ? Nein, nichts ist 100% sicher - ausser der Wandel.

Ihr Hari

Diskutiere diesen Beitrag im Forum

*** Bitte beachten Sie bei der Nutzung der Inhalte dieses Beitrages die -> Rechtlichen Hinweise <- ! ***