Kurzkommentar – 07.12.12 – Wallstreet bremst starken DAX

Heute Abend mitten im Wallstreet Handel, ein paar Worte zur Lage im DAX.

Die Welt könnte so einfach sein. Der DAX will mit Macht hoch und auch historische Jahreshöchststände wären bei dem derzeitigen Kaufdruck keineswegs bis Jahresende ausgeschlossen.

Aber die Wallstreet hängt dem DAX wie ein Mühlstein um den Hals und zerrt ihn immer wieder runter. So auch heute. Wir hatten überraschend gute Arbeitsmarktdaten, der S&P500 wickelte den erwarteten Gapfill bei 1410 ab und bekam dann trotzdem im späten Handel erneut den "Hintern" nicht richtig hoch. Zumindest nicht bis 19.30 Uhr, dem Zeitpunkt dieses Artikels. Wenn da im späten Handel nicht noch massiv gekauft wird, scheint die 1420er Zone für den S&P500 aktuell schwer zu überwinden sein, während der DAX schon auf Jahreshöchstständen notiert.

Auch was bei Apple heute erneut geschieht, sieht bedenklich aus. Die Fortsetzung der gestrigen Rally wurde sofort wieder abverkauft und zum Zeitpunkt des Artikels notiert Apple 2,6% im Minus ! Damit ist der Doppelboden und der Swinglow bisher zwar nicht negiert, aber auch nicht bestätigt und nun hohe Vorsicht angebracht. Es zeigt erneut, wie sinnvoll es ist, bei antizipierten Wenden auf Bestätigung am Folgetag zu warten, selbst wenn einen das im positiven Fall etwas Performance kostet.

Schauen wir doch nun mal auf das langfristige Chartbild des DAX aus Wochensicht, das einen Blick zurück bis 2007 erlaubt:

Sie sehen den bullischen "Descending Broadening Wedge" der sich seit September aufbaute, den ich -> hier <- ja vor einem Monat thematisiert hatte. Ich habe ihn bewusst mal eher als parallele "Bullenflagge" eingezeichnet, weil man in diesem kleinen Massstab so besser sehen kann, wie durch einen Fakeout am 16.11. nach unten (roter Kreis) ganz klassisch Stops gezogen wurden, nur um dann richtig nach oben Fahrt aufzunehmen. "Bullflag" und "Descending Broadening Wedge" sind auch recht ähnliche Formationen.

Seit diesem Fakeout läuft der DAX massiv nach oben, man kann jeden Tag geradezu fühlen, wie Vormittags frisches Geld in den Markt strömt, während Nachmittags die Wallstreet wieder etwas nach unten zerrt. Aber trotz dieses Gegenwindes aus den USA, ist der DAX überzeugend aus dem Wedge ausgebrochen und hat Jahreshöchststände erreicht.

Betrachtet man das Momentum der Bewegung und die Grösse der Konsolidierung im "Wedge" kann man daraus ableiten, dass der DAX dieses Jahr noch lange nicht fertig ist. Die nächste Hürde wäre, das Verlaufshoch vom 02.05.2011 bei 7600,43 zu überwinden. Das dürfte vielleicht noch einmal ein wenig "ruckeln", danach wäre aber der Weg zu dem historischen Höchststand vom 09.07.2007 bei 8151,53 frei.

Ja, Sie haben richtig gehört, historischer Höchststand ! Wobei das ja aufgrund der Tatsache, dass der DAX ein "Performance-Index" ist der Dividenden inkludiert, nicht so ganz richtig und zumindest mit den meisten anderen Indizes nicht zu vergleichen ist. Gegenüber dem Jahr 2007 müsste der DAX 10-12% höher stehen als im Sommer 2007, weil nur das eine identische Marktkapitalisierung bedeutet. Denn Dividenden dürften in den 5 Jahren ungefähr in diesem Umfang aufgelaufen sein. Berücksichtigt man dann noch die Inflation, müsste der DAX eher sogar ca. 20% höher stehen, um für die Anleger den identischen realen "Wert" des Jahres 2007 zu haben.

Aber wie auch immer, der DAX hat nach meinem Eindruck für sich alleine genügend Momentum, um noch dieses Jahr oder Anfang 2013 historische Höchststände zu erreichen. Und ich kann auch politisch in den kommenden Wochen in der Eurozone nichts sehen, was diese Bewegung nachhaltig aufhalten sollte.

Wenn - ja wenn - da die Wallstreet nicht wäre ! Und die schwankt und hat durchaus Zeichen einer Topbildung. Klar wird immer die Diskussion um das Fiscal Cliff angeführt, aber ob die wirklich so entscheidend ist, bin ich gar nicht sicher.

Denn ein "kicking the can down the road" - sprich ein Verschieben der Entscheidung bis 2013 - ist doch Common Sense. Im Gegenteil, sollte der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass die Politik der US so unverantwortlich ist, es über den Jahreswechsel hinweg "darauf ankommen zu lassen", können wir uns wohl auf einen geharnischten Absturz in den Indizes einrichten. Denn dann wird die Wallstreet der Politik zeigen, wo der Hammer hängt und danach wird ganz schnell Hektik in den beiden Abgeordneten-Häusern ausbrechen.

Um diesen Zusammenhang zu verstehen, darf man nicht von Deutschland mit seiner gesetzlichen Rentenversicherung im "Generationenvertrag" auf die USA schliessen. In den US haben breite Bevölkerungsschichten ihre Alterssicherung in Form von Aktiensparplänen. Zusammen brechende Kurse kommen also sofort bei den Wählern und bei ihrer Kaufkraft an. Ganz anders als in Deutschland. Übrigens auch ein Grund, warum die FED die Kurse um jeden Preis zu stützen versucht.

Aber dieses unwahrscheinliche Szenario einer unverantwortlichen politischen Klasse, ist derzeit das einzige, für mich heute sichtbare - kleine aber bedeutende - Risiko, das einem fröhlichen Jahresabschluss im DAX im Wege steht. Abgesehen natürlich von den berühmten "schwarzen Schwänen". Aber da die eben schwarz und nicht grau sind, macht es auch keinen Sinn darüber zu spekulieren. 😉

Schaut man über den Jahreswechsel hinweg, wird es entscheidend sein, wie sich die Erwartung der Unternehmensgewinne entwickelt. Denn nach meinen Eindruck ist die Wallstreet aktuell deshalb so zögerlich, weil Sie sinkenden Gewinne bei den Firmen befürchtet - eine Topbildung eben, Apple ist da nur der Vorreiter. Und wenn sich dieser Trend fortsetzt, wird sich der kleine DAX den Bleigewichten der Wallstreet nicht entziehen können. So stark ist der DAX alleine auch nicht.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende !

Ihr Hari

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9 Gedanken zu „Kurzkommentar – 07.12.12 – Wallstreet bremst starken DAX“

  1. AAPL Trade:
    Also ich plane einen Short Trade bei dem Brake der 500$ Marke. Ich denke, das ist eine bedeutende Marke. Der Trend sagt im Moment No Thank you Appel.
    Bei meinem Broker würde ich eine bedingte Order in den Markt legen, die erst ab einem Wert von kleiner 495$ triggert. Da diese Marke sicher hart umkämpft wird und sehr volatil ist. Also Stopp würde ich eine Call Option auf Appel ins Spiel bringen anstatt einen harten Stopp zu setzen, da ich von einer sehr volatilen Phase ausgehen würde.
    Der Call sollte ab 520$ ins Geld laufen. Das ganze muss ich aber erst noch ausrechnen und planen. damit das mit dem maximalen Risiko einhergeht, was ich nur eingehen möchte. Hier habe ich allerdings keine Erfahrung. Wenn hie reiner Bescheid weiß wäre ich dankbar.
    Die Funktion wäre also:
    Maxverlust = Anzahl Call Optionen, entsprechend der Anzahl der Short Optionen in Appel, die ab 520$ in das Geld laufen oder wie auch immer man das berechnet?

    Letzten Monat habe ich gelehrt, dass man bei strikter Risikotrolle mit einer miesen Trefferquote von 44% noch im Plus liegen kann und besser als der Markt ist.

    @Hari.
    Danke für den gestrigen Hinweis mit den Kohlewerten. Hier bin ich bei einigen Werten Long gegangen. Es bei allen Kohlewerten ein gutes Signal bei dem MACD.

    Viele Grüße
    Armin

  2. Vielen Dank, Hari!
    Sehr sehr interessant und ja auch von mir ein herzliches Hallo in die Runde.

    Freu mich dabei zu sein.

  3. Ja Ramsi seit 2011, aber Aufsicht gilt nicht nur beim Start. So eine Investition besteht nicht nur aus der Grundsatzentscheidung am Anfang und Probleme und Verkaufsdiskussionen gab es ja auf dem Zeitstrahl genug.

    Im übrigen finde ich es ja positiv, wenn Politik sich auch mit Wirtschaft auskennt. Das ein Toppolitiker von allen DAX Konzernen nun gerade in DIESEM Konzern voller Skandale sitzt – weil wohl von der Krupp Stiftung berufen – finde ich lustig. Und ich habe ehrlich auch 2011 nicht verstanden, warum die Stiftung unbedingt Steinbrück drin haben wollte. An seiner grossen Stahl- oder Industrieexpertise kann es nicht gelegen haben. Ein bischen Hintergrund von damals gibt es -> hier <-

    Und wenn man schon den Aufsichtsrat mimt und sich dafür entlohnen lässt, dann sollte man dafür auch in die Haftung genommen werden können. Und Fragen nach dem eigenen Beitrag sind dann auch erlaubt.

    Aber wie auch immer, er hat das Problem erkannt. Schau mal -> hier <-

  4. TKS sucht doch schon seit Jahren nach Schuldigen bzw. wohl eher Sündenböcken für die gigantischen Fehlinvestitionen in Übersee.
    Siehe dazu auch hier:
    -> Köhler 1 <-
    bzw. hier:
    -> Köhler 2 <-
    Köhler wollte man damals (2009!) sogar eine Klage an den Hals hängen, hat es aber dann unterlassen!
    Mir scheint, die einzige Konstante in diesem schon sehr lange andauernden Trauerspiel ist Herr Cromme!

  5. Bei Steinbrück sehe ich weniger das Problem der Aufsichtsratstätigkeit an sich, das sollte doch möglich sein. Politik und Wirtschaft sind bei uns sehr stark voneinander abgekoppelt, das Problem ist also eher das gegenteilige – die Politik kennt die Realität der Privatwirtschaft zu wenig, während die Wirtschaft oftmals ausblendet, daß das ökonomisch sinnvolle auch der politischen Durchsetzung bedarf.

    Nur entsteht so ein innerer Widerspruch. Man kann nicht Kanzlerkandidat sein wollen, auch noch mit Schwerpunkt soziale Gerechtigkeit UND zugleich einen Schwerpunkt seiner Tätigkeit im wirtschaftsnahen Bereich haben mit Aufsichtsrat, Vorträgen und so weiter. Dies ist gar nicht einmal so sehr eine Frage der Glaubwürdigkeit, obwohl die natürlich auch etwa leidet, sondern schlichtweg eine Frage des Tanzes auf zu vielen Hochzeiten. Auch die Honorardebatte – völlig überzogen. Es ist aber folgerichtig, den Sitz im Aufsichtsrat niederzulegen.

  6. @Tokay, ich habe auch überhaupt kein Problem damit, dass Politiker auch in Aufsichtsräten sitzen. Im Gegenteil, endlich mal. Und das er hohe Honorare für seine Reden erhält: auch geschenkt. Spricht doch nur für ihn und dass er ein guter Redner ist. Wer soll was dagegen haben oder wollen wir nur noch schlechte Redner im Bundestag – davon haben wir schon genug. 😉

    Nein, das Problem besteht in meinen Augen aus drei Teilen:

    1. Moralisch muss die Frage erlaubt sein, warum wir mit unserem Steuergeld jemandem wie Steinbrück die Bezüge und Pension als Parlamentarier finanzieren, obwohl er offensichtlich dazu kaum Zeit hat. Warum das nicht angerechnet wird, erschliesst sich mir weder sachlich noch moralisch. Ich habe also kein Problem mit seinen Bezügen als Unternehmer, ich habe ein Problem damit, dass wir ihm auch noch unser sauer verdientes Steuergeld oben drauf legen.

    2. Bleibt die Frage WARUM er in so einem Aufsichtsrat ist. Wenn wegen besonderer Fachkompetenz habe ich nichts dagegen. Im Fall Krupp kann man dem verlinkten Artikel ja aber die Vermutung entnehmen, dass es eher im Sinne „politische Vernetzung“ erfolgte. Wenn das so wäre, hätte es ein Geschmäckle. Bei dem ehemaligen Ministerpräsidenten des Landes im dem der Konzern seinen Stammsitz hat, alle mal. Denn wozu investiere ich in politische Vernetzung, wenn ich dann daraus keinen Vorteil erwarte ? Genau dieser Zusammenhang macht es auch so schwierig mit Politikern in Aufsichtsräten. Das geht eigentlich nur ausserhalb des politischen Einflussbezirks, ohne das ein „Geschmäckle“ entsteht. Wenn ein Fachpolitiker im Verteidigungsausschuss nebenher noch im Aufsichtsrat eines Milchproduzenten sitzen würde, wäre das wohl unproblematisch und im Sinne „Wirtschaftliche Bildung von Politikern“ sehr zu begrüssen. Bei Rheinmetall kann der selbe Fachpolitiker aber wohl kaum im AR sitzen, ohne dass das üble Fragen aufwerfen würde.

    3. WENN er dann aber Aufsichtsrat ist. Und zwar AR eines Konzerns voller Skandale, Misswirtschaft und gigantischer Fehlinvestitionen, ist die Frage nach der Verantwortung des Aufsichtsrates mehr als geboten. Und zwar des gesamten Aufsichtsrates, nicht nur Herrn Steinbrücks, aber eben AUCH seiner. Zu dieser Frage höre ich aber nichts. Ich sehen einen Politiker der in diesem Unternehmen Aufsichtsrat war und (noch) ist und dafür sehr gut bezahlt wurde – ich vermute knapp sechsstellig. Der aber nun ganz still und leise von Bord geht. Da ist die Frage nach dem persönlichen Beitrag und der Mitverantwortung im AR ja wohl mehr als erlaubt. Nicht weil er Politiker ist, sondern weil er Aufsichtsrat bei Thyssenkrupp ist, einem Unternehmen dass gerade den halben Vorstand austauscht und Milliardenverluste aufhäuft.

  7. @Hari, finde ich alles absolut richtig, was Du schreibst. Nur glaube ich nicht, daß Steinbrück im Aufsichtsrat gegen den „Rest der Welt“ in Gestalt von Herrn Cromme irgendwelche Mißstände anprangern wird und kann. Zumal der Teufel bei solchen Dingen doch oftmals im betriebswirtschaftlichen Detail steckt. Also das TKS-Desaster Steinbrück in die Schuhe schieben zu wollen, fände ich schon etwas weit hergeholt. Da sind eher andere Leute verantwortlich. Aber es stimmt natürlich, es bringt nicht gerade Positiv-Schlagzeilen(schon wieder nicht).

    Für mich ist wie gesagt der kritische Punkt, man kann nicht als Kanzlerkandidat soziale Themen aufs Tapet bringen und dann noch Aufsichtsrat UND Vorträge UND nebenher noch ’n bißchen „Parlamentskram“ machen. Das ist einfach zuviel des Guten. First things first!

  8. In der FAZ heute ist auch ein ganz guter Artikel zu den gigantischen Fehlern bei ThyssenKrupp in Uebersee und der Rolle des Aufsichtsrats darin.
    -> FAZ <-
    Ich habe von 2006 bis 2010 beim damaligen britisch-niederländischen Stahlriesen Corus gearbeitet und kann mich von daher recht gut an die allgemeine Stimmung in diesen Jahren erinnern. Bis 2007 und dann noch weiter bis Mitte 2008 herrschte ein unglaublicher Optimismus – es schien, als könne man gar nichts falsch machen! Auch andere Firmen haben zum Teil Riesenfehler begangen damals – z.B. hat Tata damals Corus für einen völlig überhöhten Preis übernommen. Ab Mitte 2008 ging es dann bergab, aber so richtig steil! Auch an diesen Stimmungsumschwung kann ich mich noch sehr gut erinnern!

    Das soll natürlich nichts entschuldigen, aber in einem solchen makroökonomischen Umfeld wiegen unternehmerische Fehler (und davon wurden zweifelsohne jede Menge gemacht) eben gleich doppelt schwer.

    All das soll auch nicht von Steinbrück ablenken oder ihn gar entlasten (alle Deine allgemeinen Punkte zur Frage nach dem Sinn und Unsinn von Politikern in Aufsichtsräten weiter oben stimmen, Hari), aber er spielt m.E. nur einen kleinen Teil in diesem Desaster, sowohl zeitlich als auch inhaltlich.

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