Die Weisheit der Advance / Decline (AD) Line



Im Frühsommer 2016, als der Markt so richtig aus der grossen Konsolidierung seit Anfang 2015 abzuheben begann, habe ich im Premium-Bereich mit den Mitgliedern einen Indikator geteilt, den ich immer mal wieder bemühe um zu schauen, ob der Markt langfristig noch "gesund" ausschaut oder sich in eine Richtung eine Divergenz ergibt.

Damals im Juni war eine klare bullische Divergenz im Indikator vorhanden, der Markt signalisierte grosse innere Stärke und was daraus geworden, wissen wir nun im Nachhinein, eine der längsten und gnadenlosesten Aufwärtsbewegungen der Börsengeschichte.

Nun ist ein Indikator nur ein Indikator, Sie wissen auch hier im freien Bereich aus mehreren meiner letzten Artikel, dass ich im Sommer 2016 auch aufgrund anderer Parameter recht bullisch war. Aber ein brauchbarer Indikator ist besser als keiner und deshalb möchte ich auch Sie hier im freien Bereich mal an diesem Indikator schnuppern lassen und bitte Sie, diesen folgenden Artikel vom 09. Juni 2016 mal mit den Augen des Rückblicks zu betrachten.

Im Anschluss daran, zeige ich Ihnen dann was der Indikator für die Gegenwart sagt und das wollen Sie doch ganz besonders wissen, oder?

Alle Charts übrigens mit Dank von -> Stockcharts.com <-

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Artikel Premium-Bereich vom 09.06.16

In den "Hari Notizen" im freien Bereich, hatte ich heute auf die -> New 52-week-highs in S&P500 <- hingewiesen, eine Liste die Aktien zeigt, die ein neues 52-Wochen-Hoch geschafft haben.

Gestern waren das 47 Aktien, oder fast 10% des S&P500. Das ist klarer Ausdruck guter Marktbreite und im bullischen Sinne auf der mittelfristigen Ebene bestätigend. Über das, was der S&P500 heute oder morgen macht, sagt das aber nichts aus.

Auf einen weiteren "Breadth-Indikator" will ich heute auch kurz eingehen, der manchmal auch gute Dienste leistet, in die gleiche Richtung wie die "52-Week-Highs" zeigt und unter anderem darauf hingewiesen hat, dass wir nun gute Chancen für neue Allzeithochs haben.

Das ist der Advance/Decline (AD) Indikator, der ganz simpel die Anzahl der steigenden Aktien, der Anzahl der fallenden Aktien gegenüber stellt. Lesen Sie eine genaue Erklärung hier: -> Advance-Decline Line <-

Manchmal sind es die einfachsten Indikatoren, die die besten Signale liefern, man muss sie nur wahrnehmen und zu werten wissen. Schauen Sie mal hier, wir haben oben die kumulative A/D Linie und darunter den S&P500 zur Referenz, beide seit 2014:

AD 09.06.16

SPX 09.06.16

Jetzt ist mein Vergleich zum S&P500 nicht ganz fair, weil um ganz präzise zu sein, müsste man die AD Line mit dem vergleichen, worauf diese hier im Chart berechnet wird und das ist der NYSE Composite Index (NYA), der etwas umfangreicher, als der S&P500 ist. Da der aber hier kaum bekannt ist und kaum andere Ergebnisse produziert als der S&P500, habe ich Letzteren zum Vergleich genommen. Die Aussagen ist in beiden Fällen identisch.

Wie sehen die klare, positive Divergenz, die die AD-Line seit Februar diesen Jahres hat. Ich habe bewusst mit einer blauen Linie die jeweils obere Begrenzung heraus gearbeitet, um auf einen Blick zu zeigen, dass die kumulative AD Linie und der S&P500, eigentlich ein hohe Parallelität haben.

Das ist ja auch nicht so verwunderlich, denn wenn der Index steigt, steigen auch die enthaltenen Aktien. Die Frage ist immer nur, wie stark der Index die Einzelbewegungen optisch dämpft.

Seit Februar diesen Jahres aber, läuft die AD Linie in einer deutlichen Divergenz nach oben weg. Das können wir so übersetzen, dass der Index an der Oberfläche ruhig und träge erscheint, unter der Decke aber viel mehr Aktien steigen, als fallen.

Und das ist wiederum nur möglich, wenn wenige grosse Titel bremsen, viele mittlere Aktien aber schon im neuen Bullenmarkt sind.

Interessant ist in dem Zusammenhang, dass der Russel 2000 Small Cap Index (RUT), gegenüber dem S&P500 hinterher hinkt. Man kann also nicht einfach sagen, dass kleine Aktien besser laufen als grosse. Ausserdem sind im S&P500 ja gar keine so richtig kleinen Aktien.

Nein, die starke AD Linie sagt eindeutig, dass auch mehr mittlere steigen, als der S&P500 auf den ersten Blick sichtbar macht. Das genau ist gute Marktbreite!

Nun sind so Indikatoren immer interpretationsfähig und man kann solche Daten leicht unterschiedlich interpretieren, aber dieses Bild weist recht eindeutig auf einen starken Markt, der im Inneren gesund erscheint. Genau genommen, ist die positive Divergenz zum NYA oder zum RUT, in denen mehr kleine Aktien sind, sogar noch grösser. Den S&P500 mit Divergenz zu schlagen, ist im Moment also die härteste Nuss und auch das schafft aktuell die AD Linie.

So richtig "gemerkt", habe ich das aber auch erst vor ein paar Wochen, als sich auch meine Stimmung aufhellte. Denn es braucht Zeit, bis die Divergenz des Indikators so richtig sichtbar wird und das ist auch kein Indikator, auf den ich täglich schaue.

Aber trotzdem ist es doch faszinierend, wie hier eine augenscheinlich wichtige Information auf einfachster Datenbasis vor unserer Nase war. Und die lautet:

Die US Märkte sind unter der Decke stärker, als sie oberflächlich erscheinen. Dabei wirkt der S&P500 ja auch an der Oberfläche keineswegs schwach.

Faszinierend. Sie sehen, es lohnt sich, immer mal wieder über den Tellerrand zu schauen.

Ihr Hari

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So, das war damals im Frühsommer 2016, ein klares Indiz, dass der Markt grosse innere Stärke hatte. Sollten wir nun nahe einer Topbildung sein, müsste dieser Indikator in die Gegenrichtung deuten.

Die kumulative AD-Line sollte dann schwächer sein, als der Index selber. Das würde darauf hindeuten, dass der Markt innerlich schwächer ist als es scheint, weil er dann nur noch von wenigen grossen Werten zusammen gehalten würde - ein Umstand den man oft (nicht immer aber oft) bei Tops finden kann.

Nun schauen Sie mal, was die aktuellen Daten im Vergleich zeigen:

Man braucht keine Lupe um zu erkennen, dass die AD-Linie immer noch mindestens so gleichmässig, eher stärker als der breite Markt selber nach oben strebt.

Das heisst eindeutig, dass aus Sicht der Marktbreite die aktuelle Bewegung keine Erschöpfungszeichen zeigt und auch keine Topbildung zu erkennen ist, ein Umstand den auch andere technische Parameter zeigen und auf dem ich ja immer herumreite, um wenigstens ein paar von Ihnen aus den Klauen der permanenten Weltuntergangspropheten zu erretten, die seit nun 8 Jahren die Depots ihrer Jünger zerstören.

So ein Indikator ist wie gesagt keine Garantie, es gibt Szenarien, in denen er eine Wende nicht rechtzeitig erkennen könnte. Und eine 5-10% Korrektur steht im Übrigen in keinem Widerspruch zu diesem Indikator, die wäre in dieser Dimension so irrelvant das kaum zu erkennen und im Übrigen völlig normal, dieser Indikator ist sehr träge und zeigt das ganz grosse Bild.

Aber es ist eben ein weiterer Baustein in einer ganzen Reihe technischer Indikatoren, die noch keine grundlegende Wende im Bullenmarkt andeuten. Das mag sich in ein paar Wochen oder Monaten ändern, heute ist es aber noch so!

Ihr Hari

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Meistgehasster Bullenmarkt

Sie glauben immer noch, dass man nur die Weltnachrichten verfolgen muss, sich dazu eine Meinung bilden und man dann antizipieren könnte, was die Börse machen wird?

Na gut, schauen wir uns mal die aktuelle Lage an:

  • Wir hatten ein eher desaströses Treffen Trump-Merkel, aus dem hervor ging, wie wenig die Beiden sich zu sagen haben.
  • Wir hatten ein G20 Treffen der Finanzminister, bei dem man sich noch nicht einmal darauf einigen konnte, sich gegen "Protektionismus" auszusprechen.
  • Wir haben massive, positive Erwartungen an Infrastruktur- und Steuer-Gesetze Trumps im Markt, die mit Sicherheit nicht alle gleichzeitig so wie erhofft Realität werden können.
  • Wir haben einen Markt nahe der Höchststände der massivst überkauft ist und nach einer überfälligen Korrektur schreit.
  • Wir haben diverse Marktinternas wie die Marktbreite, die klare Warnsignale senden.
  • Wir haben diverse Potentaten, die wahlweise mit Religions- oder Atomkriegen drohen.
  • Wir haben ........ Sie dürfen hier selber anfügen, Ihnen wird sicher allerlei einfallen.

All das ist die Realität um uns, auf der basierend sich am Markt Preise für Risikoassets wie Firmen entwickeln.

Mit Sicherheit dürfte im Angesicht dieser riskanten Kombination von hohen Kursen und hohen Risiken, auch meine Oma seelig eine Korrektur erwarten, die nun wahrlich keinerlei Zugang zur Börse hatte.

Diese kritische Lagebeurteilung ist also totaler Konsens und wer aktuell eine Korrektur erwartet, ist kein "Contrarian" sondern Teil einer riesigen, blökenden Herde.

Deshalb haben wir auch so eine vergleichsweise kritische und uneuphorische Stimmung im Markt, trotz Kursen nahe der Höchststände.

Und genau da liegt das Problem. Denn der Markt ist selbstreferentiell und was alle erwarten, ist schon in den Kursen und kann schwerlich zu einer Überraschung führen.

Genau das nennt man eine "Wall of Worry" und die klettern wir gerade. Wir haben wohl einen der meistgehassten Bullenmärkte der Geschichte vor uns.

Kluge Anleger respektieren das. Sie sind zwar vorsichtig und sichern sich nach unten ab, denn die Risiken sind immens. Sie stellen sich aber auch nicht gegen den Markt und diskutieren nicht mit ihm.

Ist das einfach? Nein bestimmt nicht. Aber es ist die Grundvoraussetzung, um am Markt erfolgreich zu sein. Denn wenn sich Geldanlagen zu wohlig anfühlen, kann an ihnen etwas nicht mehr stimmen. Das muss so sein, weil der Markt eben -> reflexiv <- ist.

Ob uns das gefällt ist ohne jede Relevanz. Es ist so und wir arrangieren uns besser damit, oder tragen die Konsequenzen im Depot.

Ihr Hari

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Kinder Morgan und Deutsche Post – Bullenmarkt oder Bärenmarkt?

Die breiten Indizes von S&P500 bis DAX, haben nun zum bisher besten Rebound-Versuch des Jahres angesetzt. Drei Tage hintereinander, ist der S&P500 nun gestiegen und auch der DAX hat mit der 9.300er Marke, einen ersten wichtigen Widerstand zurück erobert.

Natürlich kommen dann - das ist wie beim Murmeltier, das täglich grüsst - gleich die "grossen" Prognostiker aus ihren Ecken, die dann die "grossen Wende" ausrufen und wieder "Kaufkurse" schreien, wie sie das ja schon am Anfang des Jahres so treffend und punktgenau getan haben. Wer hier Sarkasmus findet, kann ihn behalten. 😉

Oder andere, die Permabären, sind sich so etwas von sicher, dass es es immer weiter runter gehen *muss*, dass sie diesen ersten ernst zu nehmenden Rebound des Jahres, nun schon wieder Shorten, weil das "Endspiel" ja zwangsläufig begonnen hat und wir sowieso schon bald vor einer Währungsreform stehen.

Das kann alles sein und ich schliesse nichts aus, es hilft uns aber herzlich wenig. Und wer sich zu stark und verbohrt mit einer vermeintlich "sicheren" Zukunft verheiratet, hat nur eines garantiert: dass er im Markt keinen Erfolg haben kann. Denn der Markt ist immer in Bewegung und per Definitionem wetterwendisch.

Eine besonders absurde Form des Drangs etwas statisch zu definieren, was in Realität immmer in Bewegung ist, ist dabei der Versuch, einen Bullen- oder Bärenmarkt über absolute Prozentzahlen zu definieren.

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Marktlage 2016 – Das Jahr des Bären?



Liebe Leser im freien Bereich,

nach der für die Wallstreet historisch schlechtesten ersten Börsenwoche der Geschichte, stellt sich natürlich die berechtigte Frage, ob dieser Markt nun weg kippt und 2016 endgültig zum Jahr der Bären wird?

Nun, im Artikel -> Welt in Bewegung mit unbestimmter Zukunft < -, habe ich ja letzte Woche dargestellt, dass es darauf keine definitive Antwort geben kann, weil die Zukunft prinzipiell unbestimmt ist und bleibt.

Dass wir am Markt nie 100% Sicherheit haben werden, heisst aber umgedreht auch nicht, dass wir gar nichts wissen und der Markt nur eine Abfolge unzusammenhängender Zufälle wäre.

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Der Notenbank-Dezember: “It´s the currencies stupid!”

Der letzte Monat des Jahres 2015 ist angebrochen, alle rechnen fest mit der Jahresendrally, in der wir uns eigentlich schon mitten drin befinden. Und alle fragen sich, wie 2016 wohl werden wird?

Denn viele Bewegungen an den Märkten scheinen überdehnt und sind reif für eine markante Wende. Je nach dem wie man rechnet, dauert dieser Bullenmarkt nun schon seit 2009 bzw 2011, also zwischen 5 und 7 Jahren. Und der Bärenmarkt bei Rohstoffen und den Emerging Markets, geht nun ins fünfte Jahr.

Natürlich sind die Notenbanken mit ihrem historisch einmaligen Experiment der grossen Geldschwemme, wesentliche (wenn auch nicht alleinige) Treiber bei diesem Spiel und wir wissen alle nicht, ob das gut ausgehen wird.

Die Notenbanker wissen es aber selber nicht, auch wenn sie natürlich den Anschein der Allmacht unbedingt aufrecht erhalten müssen, sonst würde mehr zusammen brechen, als ein paar Egos. Denn würden sie die Zusammenhänge und Mechanismen wirklich verstehen, mit denen die Märkte auf ihre "kreativen" Massnahmen in der Realität reagieren, wäre die Politik der Notenbanken ja schon längst erfolgreich gewesen.

Ist ist aber nicht, die Notenbanken konnten bisher weder die Konjunktur ernsthaft anschieben, noch ihre Inflationsziele auch nur ansatzweise erreichen. Und ob die US Wirtschaft nicht auch alleine aus dem Loch gekommen wäre - und das dann mit mehr Dynamik als aktuell - wenn sich die FED die ganzen QE Programme nach dem Auslaufen der unmittelbaren 2008er Krise gespart hätte, werden wir nie heraus finden, weil wir kein Paralleluniversum zur Verfügung haben.

Insofern sind aber auch die Selbstbeweihräucherungen eines Ben Bernankes, dass die Politik der FED die Weltwirtschaft gerettet habe, mit äusserster Vorsicht zu geniessen. Ebenso wie die Selbstvergewisserungen Mario Draghis, dass seine Politik zwangsläufig zum Wohle Europas sei.

Solche Selbstgewissheiten beruhen auf einem interventionistischem Weltmodell der Planbarkeit von Wirtschaftszyklen, das keineswegs der heilige Gral der Ökonomie ist, den es sowieso nicht gibt. Richtig war es, in der 2008 Krise mit der Geldpolitik dagegen zu halten, um diese abzufedern. Darüber gibt es keinen Dissens. Und auch, dass man mitten in der Eurokrise den Staaten erst einmal ein wenig Zeit kaufte, hatte Logik.

Aber ob diese immer gleiche Medizin auch in 2015 und 2016 noch Sinn hat? Das ist stark in Frage zu ziehen. Nach Jahren und Jahren der immer gleichen Arzneigabe ohne durchgreifende Besserung, wäre es für gute Ärzte ja eigentlich mal Zeit, die Wirksamkeit der Therapie zu hinterfragen. Diese Frage wollen sich die Notenbanker der Gegenwart aber wohl nicht stellen, lieber macht man weiter mit dem, was schon bisher kaum funktioniert hat.

Aber wie auch immer, auch wenn die Notenbanken die Ursache vieler Bewegungen sind und auch am grossen Bullenmarkt seit 2009 bzw 2011 ihren Anteil haben, brauchen sie einen Transmissionsriemen, um ihre Politik in der realen Wirtschaft ankommen zu lassen. Das Kreditgeschäft ist so ein Transmissionsriemen, der wahrscheinlich Bedeutendste für die Märkte, sind aber die Währungen.

Die Währungsbewegungen sind es, die auch in 2015 ganz massgeblich für Erfolg oder Misserfolg der Geldanlage entscheidend waren und es weiter sein werden. Erinnern wir uns nur an das erste Quartal mit der grossen Rally im DAX, die in Euro grandios aussah, aus Sicht eines US Anlegers aber weit weniger beeindruckend war, weil ein grosser Teil schlicht dem Wechsel des Euros zur Weichwährung geschuldet war.

Wenn man so will, waren also viele Gewinne die DAX Anleger in dieser Zeit auch "Scheingewinne", weil das Depot zwar nominal höher stand, der Wert des Depots im Vergleich zu einem weltweiten Währungskorb aber keineswegs so gestiegen ist. Und in einer globalisierten Welt, ist es halt eine Illusion, nur auf die eigene Währung zu schauen, denn wenn man Waren oder Leistungen aus anderen Währungsräumen bezieht, zahlt man den bitteren Preis der Abwertung.

So möchte ich in Abwandlung von Bill Clintons berühmtem "It's the economy, stupid", allen die das nicht sehen wollen nun zurufen: "It´s the currencies stupid!"

Was hier los ist, zeigt uns wunderbar das langfristige Chart des Währungspaares Euro und Dollar:

Dollar 01.12.15

Wir sehen den massiven Absturz des Euros von 2014 bis zum Ende des 1. Quartals 2015, der seit dem von einer Seitwärtskonsolidierung abgelöst wurde. Wenn Sie im Euroraum das Gefühl hatten, dass viele Waren von US Unternehmen teurer wurden, hier ist der Grund zu sehen.

Nun gibt es zwei typische Varianten. In der Einen, wird das ein Doppelboden und der Euro steigt von hier wieder zum Dollar.

In der Anderen, war das nur eine Zwischenkonsolidierung und eine zweite Abwärtsspirale setzt sich in Gang, die typischerweise von Art und Umfang her, der ersten Phase in 2014 ähnelt. Was bedeutet, dass in dem Fall EURUSD bei der Parität nicht halt machen würde, sondern durch fällt.

Welche der beiden Varianten nun zum Tragen kommt, werden die beiden Notenbank-Entscheidungen am 03.12. bei der EZB und am 16.12. bei der FED letztlich präjudizieren. Diese Bewegung von EURUSD aber richtig zu treffen, dürfte *die* entscheidende Frage sein, die über Wohl und Wehe der Depots in 2016 entscheiden wird.

Denn wenn EURUSD weiter durch die Parität durch fällt, werden die US Börsen zunehmend unter Druck geraten und in Europa dagegen zunächst eine fröhliche Rally ablaufen, zumindest nominal in Euro gerechnet. Und das Elend der Rohstoffe und der Edelmetalle, ist dann lange, lange noch nicht am Ende. Auch eine massive Krise in den Emerging Markets dürfte dann aufziehen, da diese unter einem starken Dollar leiden und einen erneuten massiven Anstieg des Dollars wohl nicht verkraften können.

Wenn EURUSD hier aber zum Doppelboden ansetzt, könnte 2016 zum grossen Jahr der Rohstoffe und Edelmetalle werden, die Emerging Markets werden dann ein Comeback erleben und die US Börsen neue Höhen erklimmen. Die ohnehin anämische Konjunktur in Europa wird aber nicht ans Laufen kommen und die Lebenslügen der Eurozone noch stärker an die Oberfläche treten, was den DAX sehr nach oben begrenzen dürfte.

Das Interessante an der aktuellen Ausgangslage ist, dass der Markt derzeit eine glasklare Erwartung hat, die bisher die Tendenz von EURUSD nach unten unterstützt hat.

Der Markt erwartet einen massiven neuen Stimulus der EZB übermorgen am Donnerstag. Die EZB hat sich dafür kommunikativ zu deutlich aus dem Fenster gelehnt, um nun nichts zu machen.

Und der Markt erwartet nun eine Zinserhöhung der FED Mitte Dezember, ist sich nur noch nicht schlüssig, ob das nun der Beginn eines längeren Erhöhungs-Zyklus oder nur eine einmalige Aktion sein wird.

Beide Erwartungen drücken bisher EURUSD weiter nach unten, weswegen der nun die Tiefs von Anfang 2015 erneut testet. Das taktische Problem ist aber, diese Erwartungen sind wohl schon weitgehend eingepreist und können für sich keine weitere Abwärtsbewegung mehr stützen.

Wenn die EZB die aufgeblasenen Erwartungen also leicht enttäuscht und die FED klar zu verstehen geben sollte, dass auf eine einmalige Erhöhung, erst mal keine weiteren folgen werden, fällt die Logik der aktuellen Bewegung bei EURUSD in sich zusammen und der Doppelboden kommt schnell auf die Agenda.

Das ist die grosse Frage der kommenden Wochen vor Weihnachten. Wer diese Frage nicht richtig trifft, wird ein deutliches Problem im Depot haben.

Man muss sich wirklich fragen, was die Notenbanken reitet, so eine entscheidende Wegscheide direkt in die Vorweihnachtszeit zu legen und damit die Märkte gerade zur massiven Gezeitenwende in 2016 hinein einzuladen. Aber wie auch immer, die Frage der Währungen ist die grosse Frage, der wir uns im Notenbank-Dezember stellen müssen.

Im Premium Bereich haben wir dieses Szenario schon lange auf dem Radar, konnten damit die "Buy the Rumor" Rally in die EZB hinein seit Anfang Oktober mitnehmen und sind uns im Klaren, was eine bestimmte Entwicklung für die Rohstoff- und Edelmetallmärkte bedeuten würde. Auch einzelne Gelegenheiten legen wir uns dazu schon zurecht.

Bei den fraglichen Terminen, werden wir dann eng dran sein, um sofort die richtigen Schlüsse zu ziehen. Wenn Sie das auch wollen und frühzeitig mitbekommen wollen, wie sich diese Sache entwickelt, stossen Sie doch zu uns dazu!

Ihr Hari

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Tokay’s DAX-Betrachtung: Wochen der Entscheidung stehen bevor

Ein Gastkommentar von Tokay

In den letzten Tagen herrscht wieder einmal Unruhe an den Aktienmärkten und so fragt man sich, ob die in den USA seit 2009 währende Hausse und ob die am deutschen Markt erneut seit September 2011 zu beobachtende Hausse nunmehr zu Ende geht.

Befassen wir uns heute wieder einmal mit dem DAX als dem deutschen Leitindex. Hier sehen wir in der nachfolgenden Abbildung zwei(eigentlich vier) Linien, die die Entwicklung charakterisieren:

  • Linie ABC kennzeichnet die Untergrenze der Aufwärtsentwicklung, welche Anfang August bei Punkt C fürs erste gebrochen wurde;
  • Die Aufwärtsentwicklung war nach oben durch die Linie DE begrenzt, sie prallte bei Punkt E ab und wir haben seither eine Konsolidierungsbewegung Richtung DAX 9500. Dort befindet sich zugleich auch der Jahresendpunkt der exponentiellen Regression.

Grafik 01.10.14

Hier sind zwei denkbare bzw. wahrscheinliche Verläufe:

  • Der DAX durchbricht die Marke 9750 nachhaltig nach oben; dann wäre das ursprünglich anvisierte Jahresendziel von einem DAX 10500 doch noch erreichbar. Dazu müsste sich allerdings die derzeitige negative Grundstimmung verflüchtigen, was zumindest derzeit noch nicht zu sehen ist. Es müsste also die EZB mit ihrem Chefdirigenten Mario Draghi wieder einmal ran, Stichwort Anleihekäufe.
  • Andererseits befinden wir uns sehr knapp nach wie vor unter der 200-Tage-Linie, welche nach herkömmlicher Lesart die Wasserscheide zwischen Bullen- und Bärenmarkt darstellt. Noch hält die exponentielle Trendfunktion bei etwa 9250 Punkten, Würde diese nachhaltig unterschritten,dann stünden die Zeichen auf Baisse, und dann könnte man ziemlich dynamisch nach unten Richtung 7000 Punkte rauschen.

Wir sehen also, die kritischen Marken liegen recht nahe beieinander. Die Entwicklung steht somit buchstäblich auf des Messers Schneide.

Dennoch bin ich letztlich positiv gestimmt für den restlichen Verlauf des Jahres. Die makroökonomischen Indikatoren geben letztlich grünes Licht. Der ominöse St. Leger's Day ist ebenfalls überstanden. Die Ereignisse im Nahen Osten, so furchtbar sie auch sind, haben keinen Anstieg der Ölpreise bewirkt. Ganz im Gegenteil herrscht dort zurzeit Überangebot. Allerdings kann es durch die dortige Entwicklung dazu kommen, dass der Risk-Off-Modus das dominierende Szenario wird bzw. bleibt. Dies würde die Konsumenten und Investoren in den westlichen Ländern nachhaltig verunsichern. Ein Erreichen der ursprünglich anvisierten 10500er Marke ist aber nach wie vor möglich, wenn nicht sogar noch mehr. Anleihen sind jedoch sündhaft teuer, der US-Dollar auch – da könnte für Aktien noch etwas gehen. In ein paar Wochen werden wir es wissen.

Tokay

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Das Schweigen im Walde – Gold und Goldminen weiter im Bärenmarkt

Es ist für mich wirklich faszinierend zu beobachten, wie die medialen Erregungs-Mechanismen gerade bei Gold ablaufen. Waren noch vor 2 Wochen die Schlagzeilen voll mit "Kaufsignalen bei Barrick" und ähnlichen bullischen Kommentaren zu Gold, herrscht nun eher das grosse Schweigen.

Dabei war auffällig, dass gerade in den letzten Wochen, immer mehr auf den bullischen Bias aufsprangen, auch Marktteilnehmer, die wahrscheinlich die komplette zehnjährige Edelmetall-Rally des letzten Jahrzehntes verpasst hatten, wurden zu "Gold-Experten" und reihten sich in die endlose Reihe der immer gleichen Geschichten zum Thema ein.

Haben Sie aber schon einmal erlebt, dass der Markt genau das macht, was selbst das "Milchmädchen" mittlerweile als logisches Weltbild besitzt ? Die schöne Geschichte von den zwangsläufig kommenden hohen Goldpreisen, ist einfach zu oft erzählt und zu sehr Common Sense, um am Markt so einfach eintreten zu können. Ich persönlich bin sogar immer noch davon überzeugt, dass am Ende der Goldpreis viel höher stehen wird. Bevor das aber passieren kann, muss all den zu selbstsicheren Bullen wohl erst einmal das Rückrat gebrochen werden. Und dass das noch nicht passiert ist, zeigt das viel zu schnell und viel zu bullisch anziehende Sentiment der letzten Wochen.

Dabei ist es ja keine Schande, komplett neben der Spur zu liegen, das gehört zum Geschäft dazu und passiert jedem irgendwann. Statt Auseinandersetzung mit den Ursachen, haben wir nun aber weitgehend ein Schweigen im Blätterwald - sozusagen Schockstarre - und das macht dann die Stille im wahrsten Sinne des Wortes "beredt". Immerhin habe ich in der letzten Woche mal keine aggressiven Werbemails von Goldhändlern bekommen, in denen für Medien eines namhaften, medialen Gesichts zum Thema Börse geworben wird. Das ist ja mal ein Fortschritt.

Grund genug für uns, genau in diesem Moment des grossen Schweigens, auch mal im freien Bereich des Blogs einen Blick auf die Lage im Goldmarkt zu werfen. Im Premium-Bereich waren wir die ganze Zeit am Ball und haben auch nahe am Hoch - oberhalb 1380 USD - auf den Exitknopf gedrückt und die schönen Gewinne seit dem Ausbruch über 1270-1280 USD mitgenommen.

Für sehende Augen war diese Korrektur, die wir nun erlebt haben, zwangsläufig. Der COT Report hatte seinen negativen Überhang verloren, der Gold über Wochen in Form eines Short-Squeezes nach oben katapultiert hatte. Der Ukraine-Bonus, drohte zu entweichen. Von den Zyklen her, war der Aufwärtszyklus schon überdehnt. Das Sentiment war zu schnell über die Massen bullisch geworden und trotzdem war Gold immer noch klar im übergeordneten Abwärtstrend. Ein Abwärtstrend, der erst deutlich über 1400 USD langsam gebrochen würde.

Ich persönlich hatte aber eher damit gerechnet, dass Gold noch einmal die Nase über 1400 USD streckt und den Ausbruch ganz fies antäuscht, bevor es dann richtig nach unten los geht. Nun hat der Goldpreis aber schon direkt unter 1400 USD gedreht, was nicht unbedingt bullischer ist, um es mal vorsichtig zu formulieren.

Schauen Sie mit mir auf das Chart von XAUUSD mit Tageskerzen, mit dem ich die Lage verdeutlichen will:

Gold 27.03.14

Noch vor 2 Wochen, als ich die Korrektur erwartete und im Premium-Bereich mehrfach davor gewarnt habe, war ich für den weiteren Verlauf nach der Korrektur völlig offen, ohne klare Tendenz. Denn diese Korrektur hätte eine Art rechter Schulter, einer grossen inversen Schulter-Kopf-Schulter Formation werden können. Und damit der Vorbote des echten Ausbruches aus dem Abwärtstrend. Vor 2 Wochen hielt ich dieses Szenario für mindestens ebenso wahrscheinlich, wie den Fall, dass wir gerade nur eine Bärenmarkt-Rally sehen und Gold im Bärenmarkt bleibt.

Nun, nachdem wir diese Korrektur bis 1300 USD gesehen haben, hat die bärische Interpretation bei mir Übergewicht, wiewohl ich den bullischen Fall immer noch für denkbar halte. Denn der Charakter der Korrektur der letzten Tage ist massiv bärisch und zeigt, dass kein echter bullischer Bid im Markt war. Eine bullische Korrektur im Bullenmarkt sieht völlig anders aus, als dieses hochvolumige, fallende Messer, das wir die letzten Tage gesehen haben.

Für mich ist damit wahrscheinlich geworden, was kluge Marktbeobachter schon länger sagen: die Rally der letzten Wochen war primär ein Short-Squeeze und wurde nicht von wirklicher, langfristiger Akkumulation von Big Money getragen.

Erschwerend kommt die brutale Schwäche der Minen hinzu, bei denen sich die Anzeichen verdichten, dass das Management nun wieder massiv zum Hedging greift. Sprich das zukünftige geschürfte Gold wird nun schon zu festen Preisen verkauft. Das sichert das Überleben der Minen, falls es weiter runter geht und ist insofern aus Sicht des Managements eine notwendige Massnahme. Es zeigt aber auch, wie die Insider den Markt sehen und vor allem begrenzt es das Upside der Minen, wenn der Goldpreis doch steigt. Denn dann hängt man in seinen Festpreis-Verträgen und kann die Gewinnsteigerungen nicht mitnehmen.

Schauen wir auf die lokale Lage heute am Morgen des 27.03.14, spricht einiges dafür, dass sich die initiale Abwärtsbewegung nun schon bald erschöpft hat. Gestern hatte bei den Minen den Charakter einer Kapitulation. Die Chance ist also gross, dass es bald im Sektor temporär ein paar Tage wieder hoch geht. Bei einer typischen Korrektur ist der initiale Momentum-Schub aber nur die Phase 1 einer Bewegung, die typischerweise aus 3 oder 5 Phasen besteht und nur kurz durch eine Gegenbewegung in Phase 2 bzw 4 unterbrochen wird.

Wenn das eher bärische Gesamtbild von oben also stimmt, steht uns nun der Bounce bevor, der zwangsläufig auf so einen Absturz folgt. Wir hatten dazu auch im September letzten Jahres das perfekte Muster, wo auf den initalen Abverkauf eine Gegenbewegung bis ca. zum 50er Retracement folgte. Und dann ging es richtig runter.

Natürlich ist die Möglichkeit einer bullischen iSKS und eines folgenden Bruchs des Abwärtstrend immer noch da, aufgrund der Price-Action der letzten Tage nun aber etwas kleiner, als das bärische Szenario. Es gibt auch keinen Grund hier Angst zu haben, etwas zu verpassen. Wenn Gold wirklich den übergeordneten Abwärtstrend bricht und die Träume der Gold-Bugs vom Lauf zu historischen Hochs aufgehen, werden 14xx USD erst der Anfang sein. Insofern kann man gelassen warten, ob dieser Fall wirklich eintritt, bevor man sein sauer verdientes Kapital dem Risiko eines möglicherweise fortdauernden Bärenmarktes aussetzt.

Schauen wir auf das Goldchart mit Wochenkerzen, sehen wir auch schnell eine sehr realistische Möglichkeit für die Zukunft, die niemandem richtig schmecken wird und deshalb eine gar nicht mal geringe Eintrittswahrscheinlichkeit hat:

Gold Wochen 27.03.15

Eine volatile Seitwärtsbewegung bis weit in 2015 hinein, die alle frustriert und am Ende den nun hyperventilierenden Bullen durch pure Langeweile das Rückrat bricht. Wenn einige der Gold-Bug Seiten wegen Lesermangel schliessen und ich weniger Mails von Goldhändlern bekomme, die immer nur in die eine Richtung nach oben tröten, dann wird es wieder interessant und dann kann Gold seine langfristige Aufwärtsbewegung vielleicht wieder aufnehmen.

Lassen Sie sich also nicht von all den wohlfeilen Argumenten zu "Gold das nach Asien geht", einer "Comex mit leeren Depots" und Ähnlichem ins zeitliche Bockshorn jagen. Wahrscheinlich steckt in den Argumenten viel Wahres und wie ich schon sagte, glaube auch ich daran, dass wir aufgrund der Zwangsläufigkeiten des Weltfinanzsystems, früher oder später weit höhere Goldpreise sehen.

Nur kann man diese Überlegungen nicht zum Timing verwenden, denn es kann gut sein, dass erst in 2014/2015 dem Goldbullen der Nacken gebrochen wird, bevor es dann wirklich nach oben gehen kann und wird. "Zum falschen Zeitpunkt" ist halt auch nur eine andere Formulierung für "Verlust".

Wir tun also gut daran, das Thema ganz opportunistisch und gelassen anzugehen. Zunächst einmal ist Gold nach wie vor im übergeordneten Abwärtstrend und das ist zu respektieren. Wir können abwarten, ob es Gold da heraus schafft, bevor wir ins Hyperventilieren geraten. Und zwischen 1500 und 3000 USD ist immer noch genug zu verdienen.

Wer auch denkt, dass Gold früher oder später weit teurer wird, hat einen physischen Barren sozusagen unter dem Kopfkissen. Grund nun an den Märkten bei 1300 hinter all den reisserischen Artikeln her zu rennen, leitet sich daraus nicht ab.

Bleiben Sie also gelassen und lassen Sie Gold erst einmal selber den Beweis antreten, dass es reif für die nächste Phase des Bullenmarktes ist. Im Moment ist dieser Beweis nicht angetreten ! Ich bin überzeugt, der Tag wird kommen. Wenn er kommt, werde wir hier auf Mr-Market bereit sein.

Wie ich schon meinen Lesern sagte, verliebt bin ich in meine Frau und meinen Sohn, nicht aber in ein gelbes Metall, das mir in physischer Form als Notfall-Währung dient.

Ihr Hari

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Börsenweisheiten reloaded VI – Zum Einstieg wird nicht geklingelt !

Börsenweisheiten reloaded VI – Zum Einstieg wird nicht geklingelt (Zum Ausstieg auch nicht)

Ein Gastkommentar von Tokay

Die letzten Börsentage verliefen turbulent und die allgemeine Nervosität am Aktienmarkt hat allenthalben deutlich zugenommen. Viele fragen sich, ob eine Trendwende nun unmittelbar bevorstehe.

Man kann die Börse mit einem Zug vergleichen, der ein bestimmtes Ziel ansteuert und nach Erreichen des Ziels wieder in die Gegenrichtung fährt. Der Unterschied zum tatsächlichen Zug ist dummerweise, dass es keinen Fahrplan oder auch keine Glocke gibt, die genau dann klingelt, wenn der Zug sich in Bewegung setzt. Man muss also selbst versuchen, das herauszufinden.

Gibt es an der Börse denn irgendwelche regelmäßigen Bewegungen? Gibt es einen Zyklus, der uns sagt, wo wir uns nun gerade befinden? Da gibt es unterschiedliche Theorien. Zum Beispiel gibt es einen Präsidentschaftszyklus, der besagt, dass in Jahren während und vor der amerikanischen Präsidentschaftswahl die Börse nach oben geht und danach wieder herunter, dann hätte man einen Vierjahreszyklus. Es gibt auch die Theorie des Jahrzehntzyklus, wonach beispielsweise die Jahre, die mit 2 und 3 enden, besonders gut ausfielen, was wir für das vergangene Jahr durchaus bestätigen können. Sicher gibt es noch mehr solche Theorien.

Eine gute Möglichkeit für die Untersuchung des Phänomens der Börsenzyklen bietet eine Excel-Zeitreihe des Standard&Poor's 500 Index (sie findet sich auf der -> Homepage von Professor Robert Shiller <- ). Sie liefert die Kursstände des S&P 500 zum jeweiligen Monatsanfang. Diese Zeitreihe geht zurück bis Anfang 1871, also auf einen Startpunkt nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs. Die Frage stellte sich für mich, wie lange dauert ein Bullenmarkt bzw. eine Hausse und wie lange ein Bärenmarkt bzw, eine Baisse, und wie lange dauert somit ein Börsenzyklus insgesamt?

Dazu habe ich die Festlegung getroffen, dass

  • ein Bullenmarkt vorliegt, wenn der Markt um mindestens 15 Prozent steigt;
  • ein Bärenmarkt vorliegt, wenn der Markt in einem Zeitraum von mindestens sechs Monaten um mindestens 15 Prozent oder in einem Zeitraum von höchstens sechs Monaten um mindestens 10 Prozent fällt. Maßgeblich waren die Monatsanfangswerte;
  • in Abweichung dazu habe ich den Zeitraum von April bis Oktober 1923 als Bärenmarkt klassifiziert, da beide Kriterien zusammen nur sehr knapp verfehlt wurden.
  • Der Beginn eines Bullenmarktes bzw. das Ende eines Bärenmarktes ist in der nachfolgenden Grafik mit „T“ markiert, sein Ende bzw, der Beginn des folgenden Bärenmarktes mit „H“.

Schauen wir uns die Grafik an - zum genauen Betrachten bitte anklicken:

Grafik Standard&Poors Januar 1871 bis Januar 2014

Kurz nach Beginn der Aufzeichnungen begann eine Baisse, die in Deutschland als „Gründerkrach“ in die Wirtschaftsgeschichte eingegangen ist, was darauf hindeutet, dass es bereits damals eine globale Ökonomie und damit eine Verbundenheit der Finanzmärkte gab. Diese Krise dauerte über sechs Jahre. Danach sehen wir einen Wechsel von Bullenmärkten und Bärenmärkten bis 1923. Nun begannen die „Roaring Twenties“, die in den Crash vom Oktober 1929 und anschließend in die Große Depression mündeten. Die Große Depression war 1942 zu Ende, und der Aktienmarkt nahm das Wechselspiel von Bullenmarkt und Bärenmarkt wieder auf. Dieses Wechselspiel wiederum war von sehr unterschiedlicher Dynamik geprägt und es dauert bis heute an.

In der Mitte der Fünfziger Jahre, also zur Zeit des „Wirtschaftswunders“ in Westdeutschland, gab es eine Wachstumspause, aber keine Baisse, ebenso in der Mitte der Neunziger Jahre, als der Aktienmarkt kurzzeitig stagnierte und zum Jahrtausendwechsel hin wieder Fahrt aufnahm. Ein Zäsur ereignete sich dann Anfang 2000 mit dem Platzen der IT-Blase. Die sich anschließende Baisse dauerte drei Jahre. Schließlich die Finanzkrise 2008 sowie die Doppelkrise 2011(US-Haushaltsstreit und Eurokrise), welch letztere sich jedoch nur als vorübergehendes Intermezzo erwies. Fassen wir diese Zyklen in einer Tabelle zusammen:

Tabelle Börsenzyklen Standard&Poors 500 - 1871 bis 2014

Diese Zahlen sind sehr beeindruckend. Danach errechnet sich eine mittlere Zykluslänge von 54 Monaten, also von 4 ½ Jahren. Und man kann noch mehr sagen:

  • Ein Bullenmarkt dauerte durchschnittlich 37 Monate, ein Bärenmarkt im Mittel 16 Monate. Ein Bullenmarkt dauerte also wesentlich länger;
  • Der mittlere Gewinn im Bullenmarkt betrug 88 Prozent, der mittlere Verlust im Bärenmarkt lag bei etwa 28 Prozent. Auf drei Prozent Gewinn im Bullenmarkt kommen damit ein Prozent Verlust im Bärenmarkt;
  • Eine auch nur annähernd regelmäßige Zykluslänge gab es nicht. Die Zyklen waren sehr unterschiedlich lang. Ebenso die Bullen- und Bärenmärkte. Beeindruckend ist aber dennoch, dass die Zyklizität des Börsengeschehens über den gesamten Zeitraum zu beobachten ist. Der Aktienmarkt scheint also tatsächlich bestimmten Regelmäßigkeiten zu gehorchen.

Es gibt verschiedene Schlussfolgerungen, die man aus diesen Beobachtungen ziehen kann. Erstens, Übergänge vom Bullen- zum Bärenmarkt und umgekehrt vollziehen sich sehr rasch („Die Hausse stirbt in der Euphorie“, “Kaufen, wenn die Kanonen donnern“). Es kann daher einiges am Börsenerfolg ausmachen, diese Wendepunkte zu verpassen. Zweitens, das Über- oder Unterschreiten von Trendlinien wie dem 200-Tage-Durchschnitt ist von sehr großer Bedeutung. Drittens, je länger eine Hausse oder Baisse andauert, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie jeweils mit einer scharfen Umkehrbewegung zu Ende geht. Weil das so ist, lohnt es sich, einen Trendwechsel frühzeitig zu erkennen, um dem neuen Markttrend umso länger folgen zu können („The trend is your friend“). Viertens, die Zyklizität des Aktienmarktes folgt im wesentlichen dem Gewinn- und dem Zinszyklus, welche wiederum beide voneinander anhängen. Aus dieser wechselseitigen Abhängigkeit entsteht sozusagen eine Schwingungsbewegung, eben der Börsenzyklus.

Diese Schwingungen sind von erstaunlicher Regelmäßigkeit, sie werden aber exogen gestört, nämlich durch die staatliche Fiskal-, Geld- und Währungspolitik oder durch exogene Schocks wie etwa Ölkrisen, Ereignisse wie Pearl Harbor oder 11. September 2001. Solche exogenen Ursachen verlängern oder verkürzen eine Hausse oder Baisse, diese gewinnen an Intensität oder flachen ab. Dauert eine Hausse oder eine Baisse lange genug an, dann bekommt sie eine Eigendynamik. Die Marktteilnehmer werden dann euphorisch oder panisch, und genau das schafft die Grundlage für einen Übergang in die nächste Marktphase. Deshalb ist in solchen Phasen auch mit einer deutlich erhöhten Volatilität zu rechnen.

Kommen wir zurück in die Jetztzeit. Der jetzige, der einunddreißigste Zyklus seit 1872, begann im September 2011. Unterstellt man eine mittlere Länge des Bullenmarktes, dann würde dieser in drei Monaten enden. Das ist aber nur eine sehr grobe Orientierung. Die Wahrscheinlichkeit, dass die gegenwärtige Hausse zu Ende geht, wird allerdings mit jedem Monat größer, und so ist es gut möglich, dass das Klingeln der Glocke dieses Jahr noch ertönt.

Tokay

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