Börse ist Casino

 

 
Ich ärgere mich. Über die Wahrheit.

Börse ist Casino.

Die Aussage provoziert mich, sie bleibt trotzdem Wahrheit. Die Masse hat recht, ich gebe es zu, da ich es endlich auch begriffen habe. Die Masse hat es schon immer gewusst.

Anders als sie denkt. Das ist mein Einwand, den halte ich aufrecht. Deswegen sammelt sich die Masse im Börsencasino letztlich bei den Verlierern. Die Masse geht arm hinaus. Immerhin wurde sie blendend unterhalten. Aber am Ende gewinnt die Bank, immer.

Ähnlich ergeht es, leider, mir als beginnendem Börsenmitspieler. Ich will alles richtig machen, ich lerne begierig, sauge jeden Informationsschnipsel auf über Aktienunternehmen, makroökonomische Zusammenhänge, jeden Tipp. Dennoch verliere ich als Neuling im Börsencasino, schimpfe mit mir: „Das ist doch kein Glücksspiel, es geht um Analyse und Anlage, ich muss einige Details übersehen haben.”

Habe ich Neuling nicht. Die Bank gewinnt. Immer.

In dem letzten Miniabsatz, in den drei Stummelsätzen ist Erkenntnis. Es verbirgt sich darin aber auch Lösung. Sie macht aus einem Börsen-Bachelor, der Börsenfutter bleibt, aus ihm macht die Lösung einen Aufsteiger in die nächsthöhere Börsianerliga; die Lösung ist einfach und offensichtlich und doch schaffen es nur wenige, sich aus der Futtermasse zu lösen.

Wenn die Bank immer gewinnt, dann musst du die Bank werden.

Die Bank des Casinos gewinnt am Ende, weil die Glücksspiele, die im Casino angeboten werden, statistisch gesehen keine Glücksspiele sind. Die Casinobank hat einen statistischen Vorteil, aus dem sie Personal, Steuern, Gewinn finanziert. Beim Roulette ist der Bankvorteil die Null, auf welcher die Kugel ab und zu im Spiel liegen bleibt. Dass die Null erscheint, ist unwahrscheinlich, aber die statistisch-minimale Überwahrscheinlichkeit reicht für ein üppiges Auskommen des Casinos.

An der Börse heißt das Spiel nicht Roulette, sondern Aktien. Alles andere - ich provoziere hier, aber nur wenig - ist ähnlich. Gesetzt wird, weil man Erwartungen hat. Ich setze auf Rot, da ich erwarte, es käme Rot. Ich kaufe Unternehmen XY, da ich erwarte, der Kurs wird steigen.

Die Gleichsetzung ist für mich als Verstandesmensch schwer zu ertragen. Ich versuche, meine Handlungen zu rationalisieren, vor mir selbst zu rechtfertigen, und an der Börse zu spielen, das scheint geradezu verwerflich zu sein, das Gegenteil einer ernsthaften Geldanlage. Dabei ist die Auffassung der Börse als Casinospiel die vielleicht reifste Form der Rationalisierung.

Wie ein Spieler achte ich an der Börse darauf, im Spiel zu bleiben. Kühl erlaube ich mir keine Verlustmöglichkeiten, die katastrophal sein könnten. Ich begrenze also den jeweiligen Einsatz wie beim Roulette, ich will unter allen Umständen weiterspielen. Nur so kann die Statistik für mich zu arbeiten beginnen. Ich will zur Bank im Casino werden.

Fehlt nur noch die Null, der kleine Vorteil, den ich brauche.

Ich benötige diesen Vorteil gegenüber einer Million Konkurrenten, den anderen Börsenteilnehmern. Dazu noch möchte ich nicht meine gesamte verfügbare Zeit vor dem Handelscomputer verbringen. Außerdem verfüge ich leider nicht über Insider-Kenntnisse aus den Führungsetagen einzelner Aktienunternehmen.

Unter diesen Voraussetzungen zur Casinobank zu werden, hört sich schwierig an …

Ist es nicht.

Eine Casinobank verfügt auch nicht über Kenntnisse aus dem Inneren der weißen Kugel. Das Kugellager unter dem Rouletteteller läuft gleichmäßig, amtlich geprüft. Der Casinobank ist auch egal, wer und wie viele Mitspieler ins Casino kommen. Eigentlich gilt sogar: je mehr, je besser.

Noch etwas interessiert die Casinobetreiber nicht. Die Strichlistenstatistiker und Roulette-Esoteriker am Tisch, die Weltlage im Allgemeinen, die Meinungen von Experten draußen. Die Vorhänge an den Fenstern sind zugezogen. Faites vos jeux, s'il vous plait. Auf Börsianisch übersetzt: Nachrichten aus. Analysten verlassen jetzt bitte den Kopfraum. Ich will in Ruhe spielen.

Zentrales Element des Spiels ist die Unsicherheit. Es ist zugleich der schwierigste Punkt für mich als Anleger, der doch auf Berechenbarkeit, Seriösität, Sicherheit wert legt.

All das gibt es im Spiel nicht. Das anzuerkennen ist Element des Vorteils, den ich mir erarbeite gegenüber den anderen Marktteilnehmern.

Ich weiß nicht, ob die Kugel auf eine rote oder schwarze Zahl fällt. Siebenmal hintereinander ist Rot gekommen, ich kalkuliere auf Schwarz, aber ich weiß es nicht.

Ich habe im Kurs der Aktie ein Verhalten entdeckt, ich kalkuliere auf ein Steigen in meinem Zeithorizont, aber ich weiß nicht, ob es so kommen wird.

Vierzehnmal hintereinander ist die Roulettekugel auf einer roten Zahl gelandet, nun wird sie mit statistisch höherer Wahrscheinlichkeit endlich auf Schwarz gehen. Andererseits ist es doch wieder nur eine 50/50 Wahrscheinlichkeit. Ich setze auf Schwarz.

Ich entdecke im Aktienkurs ein deutlicheres Muster als zuvor, aber ich weiß nicht, ob es wirklich so kommen wird.

Ich wäge Wahrscheinlichkeiten im Spiel. Ich kalkuliere Risiko. Ich bleibe unaufgeregt.

Hier ist der Vorteil. Im realistischen schätzen der Wahrscheinlichkeiten. Realistisch schätzen kann ich nur, wenn ich die Stärke des Musters einer Aktie, das Verhältnis zwischen Muster und Zustand des Marktes beurteilen kann. Das ist ein Lernprozess, da sich Bedingungen ändern. Gleichzeitig werde ich die Muster-/Strukturanalyse nicht überschätzen. Es geht nicht um Wahrheit, Sicherheit. Es geht um Wahrscheinlichkeit.

Je mehr Versuche ich wage, je geringer kann der Vorteil sein, den ich mir erarbeitet habe. Ich darf und werde sogar mehr Verlusthandel als Gewinnhandel machen. Nur 30 bis 40 Prozent meiner Versuche sind ein Erfolg? Das reicht bereits, solange die Erfolgssummen größer sind als die Verluste. Das Geheimnis … ein zu großes Wort, da der Mechanismus offensichtlich ist … also: der Mechanismus ist, die Handlung immer und immer wiederholen zu können, da ich den Einsatz, das Risiko justiert habe.

Funktioniert eine Runde, lege ich nach — hier endet die Analogie zum Roulette. Am Aktienmarkt entstehen nachvollziehbare Trends. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Richtung im Aktienhandel im beobachteten Zeithorizont fortsetzt, ist höher, als dass sie sich ändert. Verliere ich, werde ich verringern, Einsatz und Risiko.

Das alles hört sich zeitaufwändig an? Das Beschreiben ist aufwändiger als das Machen. Keiner zwingt mich, ausufernd zu spielen.

Durch Routine wird der Mechanismus besser, geradezu langweilig. Dabei versprach das Wort Spiel zuerst Aufregung — oder ließ sie befürchten. Letztlich kann das alles die Grundlage eines ruhigen Depots sein. Sind die Abläufe eingeschliffen, ist die Routine da, kommt der Teil, der das Routinespiel wieder interessant machen kann: die Optimierung der Mustererkennung. Die Anpassung an sich wandelnde Umfelder. Optimierung und Anpassung sind unterschiedliche Dinge. Optimierung ist Feinsteuerung, die Detailverbesserung. Hier darf ich keinen übertriebenen Eifer entwickeln. Mit halbgeschlossenen Augen spielt ein Spieler im Casino am besten, die Muster nur als Schatten wahrnehmend, da sie ihm selbstverständlich geworden sind, im Wortsinne. Die Psychologie der Masse bleibt konstant, sie kann ihr Verhalten im Markt nicht verstecken. Wie die Sonne den Schattenwurf nicht verbergen kann. — Die Anpassung wird die eigentlich spannende Sache im Börsenspiel … Das wäre einen neuen Artikel wert, Kurzfassung: Ich passe mich an neue Gegebenheiten an. Die Gesellschafter im Casino wechseln, das Klima am Tisch ändert sich. Das Ziel des Spielers bleibt gleich, Bank zu werden.

Faites vos jeux.

(Illustration: Struktur und Spiel - Bielefeld 2021, Innenstadt.)

Analyseversuche am Jahresanfang

Charts können Vergangenheit. Ich aber brauche die Zukunft. Als Material, wenn ich ein Zukunftsmodell bauen möchten, haben ich leider nur, was die Vergangenheit bereithält.


 
Der Chart zeigt die Sparquote des durchschnittlichen Amerikaners über die vergangenen 10 Jahre hinweg. Die Datenquelle ist das U.S. Bureau of Economic Analysis.

Ich sehe, wie die Sparquote in der Corona-Krise steil ansteigt. Auf ein im Vergleichszeitraum nie erreichtes Niveau. Das bedeutet: US-Amerikaner, Angehörige einer der konsumfreudigsten Nationen der Erde, haben viel erspartes Geld. Möglichkeiten, es auszugeben, haben sie gerade wenige. Die Massenimpfungen laufen. Funktionieren die Impfungen, werden die Konsumbeschränkungen in den nächsten Monaten schrittweise aufgehoben werden.

Shopping-Malls öffnen, ebenso Restaurants und Kinos, Discotheken, Konzerte, Tourismusmöglichkeiten.

Geöffnete Geschäfte treffen auf konsumwillige Kunden mit gefüllten Portemonnaies. Für mich hat es eine hoche Wahrscheinlichkeit, dass wir vor einer Phase starken Wirtschaftswachstums stehen. Falls es keine weiteren Überraschungen gibt. An der Börse wird die Zukunft vorweggenommen, zumindest versuchen sich die Händler darin. Sie sehen den kommenden Boom — oder glauben, ihn zu sehen. Was für die Kursentwicklung zunächst das gleiche bedeutete: Es geht nach oben. So lange noch genügend Geld an der Seitenlinie bereit liegt, welches aufgrund der niedrigen Zinsen bzw. Negativzinsen investiert werden muss.

Alle folgenden Charts zeigen ebenfalls den Zeitraum der letzten zehn Jahre an, die Währung ist der Dollar. Vorgedacht wurde von Charlie Bilello hier, ich denke nur nach.

Der Chart verfolgt anhand von Indiceverhältnissen (SPY/ACWX), wie sich der nordamerikanische Aktienmarkt gegenüber dem Weltaktienmarkt (ohne USA) entwickelt hat. Die US-Aktien laufen stetig besser als die Aktien der restlichen Wirtschaftswelt. Im September 2020 ist dann der Höhepunkt erreicht. Seitdem holt die restliche Welt im Verhältnis zum US-Markt auf. Ich habe den September mit einem Pfeil markiert. Sowie zwei parallele Linien eingezeichnet. Zwischen ihnen pendelt das Verhältnis USA/andere Aktienmärkten zur Zeit.

Die USA outperformen die Emerging Markets, das belegt der obige Chart SPY/VWO. In der zweiten Jahreshälfte 2020 erlahmt die Outperformance. Ich habe das mit einer gebogenen Linie eingezeichnet.

Hochinteressant ist der Verhältnisvergleich zwischen der Kursentwicklung der großen US-Börsenunternehmen und den kleinen US-Börsenunternehmen, dargestellt im Verhältnischart SPY/IWM. Der IWM ist ein Index-ETF, welcher den Russell 2000 abbildet, der die kleinen Werte bündelt. Als die Kurse wegen Corona im März abstürzen, schießt das Verhältnis große vs. kleine Unternehmen hoch (Pfeil), was bedeutet, dass die großen, hoch marktkapitalisierten Aktienunternehmen in der Krise besser laufen als die kleinen Aktienfirmen. Seit Oktober normalisiert sich das Verhältnis rapide. Wer das erkannte, wusste, auf welche Unternehmen er zu setzen hatte.

Der Chart XLK/SPY zeigt das Verhältnis der Kursentwicklung von Tech-Aktien gegenüber dem S+P 500, also dem breiten, amerikanischen Markt. Ab 2015 entwickeln sich Tech-Aktien kontinuierlich besser als der breite Markt. Ab Mitte 2019 geht Big Tech steil. Peak in der Corona-Krise, dann Rückfall und in den letzten Wochen, da viele Marktteilnehmer die Tech-Aktien mit dem Erscheinen der Impfstoffe bereits als ausgepowert markiert haben, liefern sie ein spektakuläres Comeback. Man mag nun denken: Höher geht es nun wirklich nicht mehr mit Big Tech. Ich habe eine ähnliche Struktur wie sie sich heute zeigt mit zwei parallelen Strichen eingezeichnet: im Jahr 2018. Damals mochte man ähnlich denken. Man kann sich eine mögliche Zukunft nur schwer vorstellen, vor allem dann nicht, wenn man direkt davor steht. Warum sollten die Lösungen von Apple, Microsoft, Amazon usw. morgen schlechter funktionieren, weniger Kunden und Anleger begeistern als heute? Wo ist die Konkurrenz?

Differenzierter sieht die Lage für mich bei Momentum-Werten aus. Unter Momentum-Werten verstehe ich Papiere von zumeist kleineren Unternehmen, die plötzlich stark gehandelt werden, deren Preise nach oben schießen oder auch abstürzen. Der Chart MTUM/SPY beschreibt das Verhältnis von Momentum-Werten gegenüber dem breiten Markt. Auch hier ist über die Jahre die Tendenz zu erkennen, dass Momentum-Papiere besser laufen. Aber die Zacken in der Chartlinie sind heftig. „Heftig” bedeutet: nervenzerrend, potentiell ersparnisvernichtend. Gerade in den letzten Monaten setzt es wieder eine heftige Zacke … Momentum scheint mir ein Markt für Zocker und Könner zu sein und für verlockte Anfänger, die zum Futter werden.

Jedes einzelne Chart ist es wert, sich länger damit zu beschäftigen, zu jedem gäbe es noch etwas zu sagen. Sämtlich sind es synthetische Charts. Sie sind gut darin, Trends und Muster zu zeigen. Die unser auf Mustererkennung trainierter Verstand sich schnell, manchmal allzu schnell konstruiert. Sie behaupten Zusammenhänge, verlocken sogar Ursache-Wirkungsketten anzunehmen.

Ich versuche, den Markt für mich mit Wahrscheinlichkeitsannahmen in den Griff zu bekommen. Wenn ich zum Himmel schaue, und er ist blau. Dann ist es am wahrscheinlichsten, dass er auch blau ist, wenn ich fünf Minuten später hinaufschaue. Schaue ich einen Tag später hoch, wird die Sache unsicherer.

Trends und Muster haben eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, sich fortzusetzen. Je deutlicher sie sind, je höher ist die Wahrscheinlichkeit. Je weiter in die Zukunft ich schaue, je stärker nimmt die Fortsetzungswahrscheinlichkeit ab — von heute aus gesehen. Leben bedeutet Überraschung. Börse dient dazu, Überraschungen in Geldzahlungen zu übersetzen und auszuhandeln. Insofern sind nicht Trends und Muster der Normalzustand. Stattdessen ist die irgendwann auftretende Anomalie die Normalität. Sie ist sozusagen das letzte Muster, auf das ich mich verlassen kann. Sie kommt garantiert.

Sie ist damit ein paradoxes Muster. Eines, von dem ich nicht weiß, wann es wieder auftritt, ein Widerspruch in sich. Mir hilft ein — vielleicht ebenfalls als paradox empfundenes — Verhalten, um mit diesem letzten Muster umzugehen. Ich kenne das Muster, es wird auftreten, aber ich antizipiere es nicht. Ich reagiere erst, wenn es auftritt.

 

Der Pfad in die Zukunft

 

 

Oft wird eine bestehende Entwicklung einfach in die Zukunft fortgeschrieben. Doch der Pfad in die Zukunft verläuft nicht entlang einer geraden Linie, nicht mal entlang einer kurvigen Linie. Der Pfad, so ist mein Eindruck, geht manchmal durch Morast oder er versandet oder er endet auch, um woanders wieder einzusetzen.

Dazwischen ist der Sprung, die wahre Entwicklung. Wir springen in die Zukunft. Wobei springen für mich einen etwas zu optimistischen Klang hat, als wäre die Entwicklung grundsätzlich nach vorn, also in Richtung Verbesserung gerichtet. Die Geschichte zeigt, dass die Zukunft - wenn ich sie als „in-größerem-Glück-als-zuvor-leben” definiere - nicht vorn liegen muss, es kann auch ein „Zurück in die Zukunft” geschehen. Insofern passt besser als springen das Wort hüpfen. Hüpfen enthält ein zufälliges Element; es ist offen, wo man landet im Zukunftsland. Manchmal rutschen wir bei der Landung aus oder landen direkt im Dreck. Rutschige Landungen, Bruchlandungen, Überraschungen, Katastrophen der letzten Jahre:

2019 - Amazonasregenwald brennt, Thunberg-Klimakatastrophe, Brexit
2018 - heißester Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnung, Klimakatastrophe
2016 - Brexit-Entscheidung, Putschversuch Türkei, Lastwagenterroranschlag Breitscheidplatz
2015 - Flüchtlingskrise, Germanwings-Absturz, Dieselskandal, koordinierte Terrorangriffe in Paris
2014 - spurloser Absturz Boeing 777 Malaysia-Airlines, Abschuss Flug MH-17 mit BUK-Rakete, Flüchtlingskrise, Ebola in Westafrika
2013 - Ausbreitung des Islamischen Staates, weltweite Terrordrohungen, Snowden, Bürgerkieg Ukraine
2012 - Klimakatastrophe, Hurrikan Sandy
2011 - Erdbeben Fukushima, Japan, Eurokrise, Griechenlandrettung
2010 - Schuldenkrise, Erdbeben Haiti, Ölkatastrophe im Golf von Mexiko, Loveparade Massenpanik
2009 - Finanzkrise
2008 - Finanzkrise, Madoff-Skandal
2007 - Irakkrieg, Finanzkrisenbeginn
2006 - Nordkoreaatomkrise
2005 - Hurrikan Katrina, Bombenanschlag London.

Die Liste könnte ich fortführen, immer bringt die Zukunft Überraschungen, Krisen, Katastrophen. Aber schon bei dieser Rückschau auf 15 Jahre … bei manchen Ereignissen fällt mir gar nicht mehr sofort ein, was es überhaupt war. Bei anderen (nicht bei allen!) unvorhergesehenen Ereignissen, die ich und andere damals als katastrophal empfanden, stellt sich im Rückblick heraus: Es war eine Katastrophe, ja, aber danach ging es weiter, und das erschütternde, vermeintlich einschneidende Ereignis veränderte die Geschichte der nächsten Jahre wenig.

Aber dieses Mal, bei dieser Katastrophe, der Corona-Pandemie, dieses Mal ist alles anders. - Ist das so, oder ist es nur eine Behauptung?

Während das einschneidende Ereignis abläuft, fehlen mir die Maßstäbe, ich weiß nicht, wo wir uns befinden. Im Auge des Orkans oder am tosenden Rand?

Die Konstante beim Hüpfen in die Zukunft scheint zu sein: Wir landen immer in der nächsten Überraschung, wobei uns gerade die negativen Überraschungen erschrecken und einprägen. Hastige Umsteuerungen werden vorgenommen, um die Überraschung abzufedern, aber die Folgen der Umsteuerungen bleiben oft unbedacht in der Eile, da der Handlungsdruck hoch erscheint. Die Katastrophen gehen, die Folgen der Reaktionen auf die Katastrophen bleiben und im nächsten Jahr ist die nächste Überraschung da, und während wir wiederum im Getümmel sind, erscheint die neue Überraschung als ziemliche Katastrophe, die kernige Entscheidungen verlangt und unkonventionelle Maßnahmen. Dabei sind im Augenblick des Geschehens die richtigen Maßstäbe noch nicht bei der Hand. Die gäbe es erst nach Jahren, aber entschieden werden muss jetzt.

Für eine Gesellschaft, für eine Wirtschaft, für mich als Privatinvestor sind Entscheidungen aufgrund von unsicheren Maßstäben suboptimal.

Mehr noch als für punktuelle Katastrophen gilt das für strukturelle (Fehl-)Entwicklungen. Wenn ich mir die Vorhersagen der Vergangenheit ansehe, welche wirtschaftliche Entwicklungen bloß fortschreiben, so ist ihre mangelnde Treffsicherheit in der Rückschau selbst die Katastrophe. Zumindest für Investoren, die Investitionen nach den Vorhersagen ausgerichtet und durchgezogen haben.

  • In den 1980er-Jahren waren Menschen besorgt, das Öl würde ausgehen. Eine unnütze Sorge. Um den Fortbestand der Sowjetunion waren dagegen die wenigsten besorgt. Sie brach zusammen.
  • In den 1990er-Jahren waren amerikanische Ökonomen in Sorge, der Preisverfall bei Häusern würde die Wirtschaft hinunterziehen. Stattdessen kam es zum Boom. Auch einen anderen, einen Jahrhundertboom sah kein Experte voraus: das Internet.
  • In der nächsten Dekade zauste die Finanzkrise an den Depots überraschter Investmentexperten.

Was Experten in den letzten Jahrzehnten erwarteten, das passierte manchmal, insgesamt gesehen aber zu selten, um darauf zu bauen. Was sie nicht auf dem Schirm hatten, das passierte. Ich hätte gern, finde aber nur wenige Argumente dafür, dass es heute anders ist. Wir sind mitten in der Corona-Pandemie, und es ist möglich, dass es ein wirklicher Einschnitt wird und spätere Generationen die Zeit einteilen werden in: vor Corona / nach Corona.

Solche Katastrophen hat es gegeben, die Jahrhunderte nachhallen oder auch Jahrzehnte oder zumindest einige Jahre.

Ob die Corona-Pandemie dazugehört, das ist für mich unklar. Entscheidende Parameter sind bisher unbekannt. Wenn ein Impfstoff gefunden wird, dann schrumpft Corona zur Fußnote. Wie die Grippe-Epidemie von 1918/19, die nur noch Historikern bekannt war, bevor sie durch die Ereignisse der letzten Wochen aus dem Vergessen geholt wurde. Wenn Covid-20 kommt, dann schrumpft Covid-19 ebenfalls: zum Vorspiel.

Hier liegt die Erkenntnis für mich als Investor mit ruhigem Depot. Entscheidende Parameter fehlen. Ich höre Experten, ich bewerte ihre Aussagen. Ich taste mich in die Zukunft mit abgestuften Entscheidungen.

Ist das wenig nach länglichen Überlegungen? Nein, teure Fehlentscheidungen zu vermeiden, ist es mir wert, einige Zeilen lang über Grundlagen nachzudenken. Schon allein als Vorbereitung auf das nächste Jahr, wenn - was ich nicht hoffe - die nächste Katastrophe, das nächste unvorhergesehene Ereignis womöglich kommt. Geschichte hüpft.

 
* * *
 
Die Zeichnung oben wurde von dem Mediziner Ernst Haeckel (1834 - 1919) angefertigt, sie zeigt ein Moostierchen.

Von dummen Dingern und dem Montagsproblem

 

Autsch. Freitag war nicht gut. Die Kurse an den US-Börsen gingen ziemlich runter, und Montag wird die Wallstreet wieder öffnen, und was mach ich dann? Mit meinem ruhigen Depot?

Ruuhig bleiben, also -> Om <- … mmh … oder ist das blöd?

Die Schlauen, die vermeintlich Schlauen sind nämlich am Verkaufen, Freitag schon und Montag bestimmt auch … schmeißen den Krempel raus, machen sich ein unbeschwertes Wochenende, und ich soll mich an meine Papiere krallen und mir die Haare nachts am Kopfkissen schubbern, während ich grübele, ob das die richtige Entscheidung ist? - Diese vermaledeite Notwendigkeit, Entscheidungen zu fällen, selbst bei einem Depot, das darauf angelegt ist, die Entscheidungsfrequenz reduziert zu halten.

Die Lage

Bis Dienstag war alles gut. Dann habe ich einen Fehler gemacht. Mich falsch entschieden, was man aber erst hinterher weiß. Ich hatte mich in meinem ruhigen Depot rangepirscht an die alten Höchststände, sie nicht ganz erreicht, aber rangepirscht. Da war der Einbruch von -> Ende Februar <- und mein Ehrgeiz war, das wieder aufzuholen. Ich habe also in den Wiederanstieg des Marktes zugekauft und mir dann die Hände unter die Backen geklemmt, also das Depot auch unter Einsatz physischer Mittel wieder auf ruhig getrimmt: Chart - Setup - Exekution. So dachte ich mir das. Dann kam der Dienstag, 28. April.

Nach den Erfahrungen des Februars griff hier das Risikomanagement. Das hört sich professionell an, so nach grauem Anzug und Banker, letztlich bedeutet es aber nur, dass ich die Marktlage eingeschätzt habe und dann nach Chartbildern und Zeithorizonten kräftig Positionen zurückgestutzt habe.

Am Mittwoch schießt der Markt wieder hoch. Okay, sage ich mir, hast einen Fehler gemacht. Eingestehen, zurückkaufen. Gedacht, getan. Einen Tag war ich glücklich. Dann kam der Freitag, fing schlecht an, wurde schlechter, endete ganz schlecht.

Wieder also, wie am Dienstag, war decision making gefragt.

Die Möglichkeiten

Entscheidungen machen nicht unbedingt reicher, aber sie machen intelligenter, so sagen Forscher. Normalerweise passiert das meiste im Alltag automatisch, das heißt man muss keine bewussten Entscheidungen treffen, es wird eine Art Üblichkeitsprogramm abgearbeitet, das hat die Natur clever, also energieschonend eingerichtet. Ich stehe auf und mache das Übliche und frühstücke und gehe aus dem Haus … Eine Unterbrechung des Flows, eine Hemmung tritt nur ein, wenn ein Problem auftaucht, welches mir von der das-übliche-Leben-Automatik an das Bewusstsein hochgereicht wird, da es eine neue Entscheidung für eine ungewohnte Problemlage verlangt. Je schwieriger dabei die Entscheidung ist, weil das Problem kompliziert ist, je länger dauert es bis zur Entscheidung, da viele Faktoren zu berücksichtigen sind. Es gibt auch die umgekehrte Theorie, Freud und andere haben sie angesprochen: Je komplexer das Problem wird, umso größer werde die Chance, dass eine Entscheidung, die nur aus dem Bauch heraus getroffen wird, eine gute Entscheidung ist. Denn das Unterbewusstsein sei ein Meister darin, mehr Faktoren als der Verstand blitzschnell zu bewerten und die bestmögliche Entscheidung zu fällen. Leider gilt das nicht für alle Problemfälle des Lebens. Es gilt, so vermuten einige Entscheidungsforscher, wohl nur für Bereiche, in denen man sein Gehirn über einige Zeit hinweg geübt hat.

Ich denke schon ziemlich lange über mein Depot nach … aber was bedeutet das nun für die Qualität meiner Entscheidungen … Der Aktienmarkt ist auf jeden Fall ein Komplexitätsmonster. Wenn ich ihm nun mit drei Punkten, die ich für mich nach einigen Überlegungen herausgreife, beikommen will, so hat das schon etwas Größenwahnsinniges?

  • Punkt 1 und gleich am Anfang, da für mich am wichtigsten: Die Zukunft ist unbekannt. Schon der kommende Marktmontag, also übermorgen, stellt meine Glaskugel vor große Probleme.
  • Es gibt die V-Erholung. Diese Möglichkeit ist mein Punkt 2. Ausgestattet hat der Markt die V-Erholung nach dem Einbruch Ende Februar mit dem dieswöchigen gemeinen Dienstags- und Freitagsschlenker, um die Zittrigen abzuschütteln. Dann noch einen Montagstaucher, um die Hartgesottenen zu kriegen — und dann drehen die Kurse nach oben.
  • Es gibt das Dreißiger-Jahre-Szenario. Das ist die andere Möglichkeit und Punkt 3 in meiner Liste. Das Dreißiger-Jahre-Szenario ist ein echt dummes Ding, weil es so richtig teuer wird. Wenn ich investiert bin. Das sollte ich in dem Falle also nicht sein, auch nicht mit einem ruhigen Depot.


 

Ich habe das Szenario im Chart skizziert. Es zeigt den Kursverlauf des Dow Jones von 1929 bis 1932, die Prozentzahlen geben jeweils die Erholungsphasen an, und ich habe sie für den Überblick freihändig geschätzt. Der berühmte Schwarze Freitag von 1929 war für die Besitzer von vermeintlich ruhigen Depots eine Katastrophe, es ging richtig herunter. Aber auch die meisten Wendigen, die den Schwarzen Freitag möglicherweise ohne größere Blessuren überstanden hatten, verspeiste der Markt. Auf gemeine Weise: Er stieg um 40 Prozent … V-Erholung mochten die Marktteilnehmer freudig denken. Wer sich mit seinen hartverdienten Dollars in die markante Erholung locken ließ, wurde beim nächsten Einbruch im ersten Halbjahr 1930 bestraft. Dann ging es wieder 15 Prozent hoch … und weiter herunter als zuvor … wieder 20 Prozent hoch … und noch weiter herunter … da wurden vom Markt innerhalb von zwei Jahren die Depots abgefrühstückt, die den Schwarzen Freitag überlebt hatten.

Das muss sich 2020 nicht wiederholen. Aber mir ist es ein warnendes Beispiel.

Die Möglichkeit einer Seitwärtsschaukel beachte ich hier nicht weiter, denn bei ihr gibt es kein wirkliches Entscheidungsproblem, da ich beim Schaukeln in einer Nullzinswelt kaum etwas falsch machen kann. Auch im Schaukelszenario kommt es irgendwann zu einer Entscheidung, rauf oder runter.

Schlussfolgerung: Ein Laufenlassen des ruhigen Depots wäre im derzeitigen Marktumfeld fahrlässig, auch wenn ich in der letzten Woche nur mit übersichtlicher Fortune agiert habe. Das Kursgeschehen ist so turbulent, dass häufigere Entscheidungen nötig sind. Ruhig bleiben und Om scheint mir in diesen Tagen die falsche Herangehensweise zu sein.

Das ruhige Depot in der Krise

 

Ich mag die Überschrift. „Das ruhige Depot in der Krise.” Die Überschrift ist schillernd. Oder, um es mit einem heute schicken Begriff zu sagen, die Überschrift ist digital. Sie kann einerseits bedeuten: Das ruhige Depot liegt auf der Intensivstation (oh, der Vergleich ist wenig geschmackssicher in der aktuellen Situation) und es geht ihm gar nicht gut. Andererseits kann die Überschrift bloße Ankündigung sein für einen ziemlich sachlichen Bericht darüber, wie sich mein ruhiges Depot, um welches die Kolumne letztlich in ihren verschiedenen Ausformungen kreist, in der Krise verhält.

Nun ja, genau genommen, verhält sich ein Depot nicht; solche Aussage verschleiert, das ein Depot "verhalten werden muss", also geführt werden will, von einem Menschen, von mir. Nun aber Butter bei die Fische, wie habe ich das Ding durch die Februarkrise geschaukelt, eine Krise, die man historisch nennen und bei ihrem krassen Kursverlauf mit den großen Krisen von 1929 und 2007 vergleichen darf. — Um es kurz zu machen. Das ruhige Depot schipperte bisher hervorragend durch die Krise und hervorragend bedeutet bei einem ruhigen Depot: vor allem ruhig.

Der Satz ist die Kurzform der Kolumne. Aber nicht ihre Essenz. Die liegt eher in der Antwort auf die Frage: Warum liegt das ruhige Depot so gut auf dem Wasser, obwohl die Wellen hoch gehen?

Letztlich aufgrund einer scharfen Kurskorrektur von mir, die auf Mustererkennung beruhte, oder ich sage besser und demütiger: auf einer Musterahnung.

Es ist in meinem Leben bis hierher die gefühlt vierte Finanzkrise, von denen ich drei mit eigenem Geld, also echten Emotionen, miterlebt habe. 1987 habe ich den Schwarzen Montag lediglich registriert, sozusagen eine Augenbraue hochgezogen: Worum geht es da eigentlich, wie hängt das alles zusammen? 2001 ließ ich mir vom Bankberater dummes Zeug erzählen, zweifelte, aber handelte nicht. 2007 ließ ich Nerven. Geld natürlich auch. Und diesmal? Der entscheidende Tag war Donnerstag, der 20.2.2020, und er begann für mich unter weniger guten Voraussetzungen. Aber wann sind die Voraussetzungen schon mal ideal, zu einer echten Krise gehören schlechte Voraussetzungen, sonst wird es nicht spannend. - Aufgrund unaufschiebbarer Verpflichtungen befand ich mich auf der Autobahn, hunderte Kilometer hatte ich schon hinter mir und auch noch vor mir. Eingecheckt im Hotelchen, mehr war das Haus nicht, prüfte ich als erstes, ob das Internet funktionierte.

„Wir müssen los, wir müssen los”, rief es von draußen.

Ich blieb vorm Rechner, die amerikanische Börse war nun geöffnet, „Einen Moment noch, muss was gucken.”

Es ist das reale Leben, banaler Stress von außen, der nichts mit den Börsen zu tun hat, und dann plötzlich auch Stress an den Märkten. Wochenlang ist das Geschehen übersichtlich, dann kulminiert es an einem Punkt. Es sind Momente, wo Entscheidungen gefällt und gesellschaftliche Konventionen überprüft werden müssen.

„Wir müssen jetzt wirklich los.”

„Nein.”

Ich nahm mir 30 Minuten und verkaufte. Ein ruhiges Depot braucht eine harte Hand. Damit es ruhig bleibt. Ich verkaufte, weil ich dieses Muster sah, genauer gesagt, die Teile des Musters, die sich bis zum 20.2. entwickelt hatten:

 

Das Teilmuster, welches sich bis zum 20.2. darstellte, reichte, um in dem Augenblick zu wissen, dass eine einschneidende Entscheidung unmittelbar nötig war, wenn man bedenkt, was in -> Ein paradoxer Effekt <- entwickelt wurde. Das Muster wirkt intuitiv und ist doch rational zu begründen, es ist Linie gewordene Massenpsychologie. Das Muster erlaubt mir, Wahrscheinlichkeiten einzuschätzen: Ist es wahrscheinlicher, dass sich dieses spezielle Muster fortsetzt, als dass es gebrochen wird? - Ja, ist es.

Ich unterscheide hier auf die Schnelle zwischen Musterfolge und Grundmuster, okay etwas theoretisch, aber es dient der Klarheit. Die Musterfolge besteht aus vier Haken, welche man auch, abstrahiert gesehen, als gekippte Graphen einer Exponentialfunktion sehen kann, von der äußeren Form her. Ich habe die Haken oben im Chart eingezeichnet und hier zur Verdeutlichung, im zweiten Bild die Chartkerzen herausgenommen. Der Haken ist von mir nur einmal gezeichnet worden. Ich brauchte ihn nur einmal kopieren und unverändert über die zweite Kerzenfolge legen ("Wiederholung"), nochmal kopieren und stauchen und über die dritte, kurze Formation legen ("Variation"). Noch mal kopieren, spiegeln, drehen, über die vierte Absturzfolge legen ("Kippung").

 

So sieht die gesamte Formation aus, die Musterfolge. Das Grundmuster sind die zwei Haken rechts, also der drohende Absturz und der tatsächlich folgende Absturz: Sieht man den ersten Haken des Grundmusters, denkt man an den zweiten, da es empirisch belegt eine höhere Wahrscheinlichkeit gibt, dass er eintritt; Hari hat darüber in den zurückliegenden Jahren mehrfach eindrücklich geschrieben. Die Schwierigkeit ist nun, das Grundmuster zu erkennen, während man sich noch in ihm beziehungsweise in der Musterfolge befindet. Herr Stinnes beherrschte das perfekt: -> von der Informationsverfälschung <-. Ich versuche, mein Vorgehen und meine Überlegungen im Detail zu erklären, dazu habe ich im Chart Nummern eingefügt.

 

Der Chart zeigt den marktbreiten S+P 500-Index, jede Kerze stellt einen Tag dar. Bei (1) war der erste Einschlag. Investitionsvolumen herunternehmen, nach einer langen Phase der Ruhe. Oh, es steigt doch wieder - Investitionsquote hoch. Bei (2) wieder "Bumm" und "Aua", Risiko rausnehmen, steilerer Anstieg, wieder rein, aber die eigene Nervosität ist nun hoch ... weiter mitspielen mit angespannten Nerven ... dann (3), erneut Investitionsvolumen herunterbringen.

Die Haken vor der (1) und vor der (3) gleichen sich. Betrachtet man den Haken genauer, so zeichnet er einen sachten Anstieg, ein Zögern an der Spitze, fast eine Plateaubildung, dann einen heftig-kurzen Abstieg, gefolgt von einem Abriss (Gap). Schaue ich auf die Zeit vor (1), so sehe ich, dass das Muster sich immer wieder andeutet, das ist die "Mauer der Angst", an welcher der Kurs hochkraucht und hier Gewinne zu machen, ist nicht trivial, da jedesmal entschieden werden muss, ob überhaupt und wenn: wo im Muster man sich befindet. Ahnt man das Muster und geht vom Gaspedal, fängt der Renditemotor an zu stottern. Es ist daher die Herausforderung, möglichst lange nichts zu tun, aber im entscheidenden Moment das Muster zu erkennen und zu handeln. Bei (1) wurde das Muster zum ersten Mal markanter, bei (2) auf tieferer Ebene und in gestauchter Weise wiederholt, da war ich höchst aufmerksam und trat auf die Bremse. Danach kam ein markanter Anstieg über die Höhe des ersten Hakens hinaus ... wieder mitspielen, aber mit bangem Herzen, dann folgte (3) und ich reagierte wie oben geschildert. Denn nachdem das halbe Grundmuster zum dritten Mal kurz hintereinander auftrat, war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die zweite Hälfte des Grundmusters folgen würde, der "gekippte" Graph. Er kam dann auch.

Zurück zum 20.2. und ins Hotelzimmer. Ich sah das erneute Auftreten der ersten Hälfte des Grundmusters, nahm wenige Messpunkte hinzu, um zur endgültigen Entscheidung zu kommen. Das Muster, Haris Alarm, das Corona-Nachrichtensubstrat. Mehr nicht, mehr schadet mir, denn es verunklart, verunsichert bei der Entscheidung. Mehr bringt mir nicht mehr Sicherheit.

Um das ruhige Depot ruhig zu halten, warf ich nun also das Ruder hart herum. Von 70 Prozent ging ich auf 40 Prozent Investitionsvolumen herunter und war am darauffolgenden Montag, als die zweite Hälfte des Grundmusters folgte, bei 10 Prozent. Mit insgesamt fünf Prozent Verlust vom Höchststand aus gesehen ging ich durch die Februarkrise. Der Wiedereinstieg ist eine andere Herausforderung ...

Von der Informationsverfälschung

 

Es ist wie auf der Titanic. Das Orchester spielt weiter. Mag der Ozeandampfer auch auf einen Eisberg gelaufen sein, der ihm den Rumpf aufgerissen hat, mag der Riese sich im Überlebenskampf stahlächzend aufbäumen: Die Musik spielt weiter.

So auch hier. Es gibt neben Corona und Krise noch anderes; es gibt Muster, sie sind sozusagen die Privatmusik eines nerdigen Börsianers in titanischen Zeiten.*

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Seit dem Beginn meiner Kolumnen bringe ich jeweils als letzten Absatz und zum Abschluss: ein Foto von Reichsmarkgeldscheinen aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Der Einfachheit halber setze ich hier alle Fotos noch einmal untereinander.

 

 

 

 

 

 

 

Ich schrieb gerade: „der Einfachheit halber”. — Das ist von mir etwas verkürzt formuliert ...

Ich habe durch die Auflistung der Fotos dem Leser Klickarbeit gespart; er hätte sich sonst quer durch Mister-Market und die Kolumnen klicken müssen, falls er sich die Fotos von den Geldscheinen selbst hätte zusammen suchen wollen. Durch meinen Service, die Geldscheine untereinander zu präsentieren, habe ich dem Leser die Wahrnehmung der Fotos einfach gemacht. Gleichzeitig ist der Fotobeschauer von der Menge der Bilder überwältigt: Letztlich sind die Bilder kompakt geschichtete Informationen. Die Reaktion des modernen Lesers: Er scrollt darüber hinweg ... Ihm fällt kaum auf, dass kleine Informationsstückchen weggefallen sind, die in den Originalbeiträgen vorhanden waren. Nämlich die Bildunterschriften, die in den ursprünglichen Kolumnenveröffentlichungen enthalten waren, und die zumindest andeuteten, wann welche Scheine nach dem Krieg in Verkehr gebracht wurden. — Nun ist einerseits ein Zuviel an Informationen da - so viele Bilder! - und andererseits ein Zuwenig. Der schnelle Betrachter (alle sind wir in Eile und wollen Zeit sparen und huschen über die Webseiten hinweg), der im Zeitsparmodus ist und Abkürzungen sucht, siehe -> Musterbruch <-, der schnelle Betrachter ahnt nicht mal, dass ihm gerade Informationen entgehen. Man könnte das als einen Informationsmangel oder eine Informationsverfälschung aufgrund von Informationsüberfluss bezeichnen. Wir sehen Fotos, wir sehen alte Geldscheine: Wir sind überschwemmt mit Informationen und sehen das Muster darin nicht.

Bitte, welches Muster sollen wir überhaupt sehen? Um ein Muster zu sehen, müsste ich wissen, wonach ich suchen soll? — Das ist knapp gedacht. Als Börsenteilnehmer, der Charts benutzt, um sich gegenüber anderen einen Vorteil zu verschaffen, ist es meine Aufgabe, selbstständig das Muster zu finden. Im Reichsmarkgeldscheinbeispiel ist man nicht chancenlos, das für einen Börsianer relevante Muster in dem Informationssammelsurium aus Grafik, Fraktur, Zeitkolorit zu entdecken. In den Bildunterschriften der Originalbeiträge wurde notiert, wann die Geldscheine erschienen sind. Teilweise kann der aufmerksame Betrachter die Daten auch klein auf den Scheinen entdecken. Setzt man die Datumsangaben mit den aufgedruckten Notenwerten auf den Scheinen in Beziehung, lassen sich die Fotos, die Scheine in eine Abfolge bringen.

Lässt man das authentische Flair, die Scheine, die Fotos weg, extrahiert das, was man sucht und bringt es auf eine neue Ebene und in eine andere Form, zum Beispiel in eine Tabelle, wird das Muster offensichtlicher, kann so aussehen:

 

Eine Seite aus dem Jedermann-Lexikon in 10 Bänden aus dem Jahr 1929. Ich zeichne den Chart nicht auf, den man sich aus den Brotpreisen oder anderen Preisen, die dort aufgelistet sind, konstruieren kann. Diese Charts lassen sich leicht vorstellen und ihre Muster ähneln sich. Von links unten geht die Chartlinie in ihnen nach rechts oben, "exponentiell", um einen Begriff zu verwenden, der auch in der Corona-Krise verwendet wird. Die in solchen Charts gezeichneten Kurven zeigen eine charakteristische Form, nähern sich auf ihrer rechten Seite der Senkrechten an, was offensichtlich eine radikale Reaktion erfordert. — So passierte es auch im Herbst 1923, es kam die Währungsreform und die Rentenmark. Das Muster wies den Weg. Im Nachhinein scheint das trivial zu sein und man denkt, war doch logisch, die Rentenmark musste kommen, bei einer derartigen Inflation. Trivial, also einfach, ist es aber nur in der Rückschau. Wenn man drin steckt im Mustergeschehen, dann muss man das Muster überhaupt erstmal erkennen, um es nutzen zu können.

Ich versuche, das Problem an einem Bild zu zeigen, welches bei Ihnen den Reflex auslösen wird: „Hä, was soll das denn jetzt?!” — Hier ist das Bild:

 

Was sehen Sie auf diesem Bild 1 … ich warte einige Sekunden, Sie schauen es sich an, und bitte schauen Sie nicht schon auf das nächste Bild. Nein, bitte nicht schon auf das nächste Bild schauen, bitte … aber natürlich haben Sie es getan 🙂 Sie sind in Eile und dort, auf Bild 2, ist die Auflösung:

 

Es kommt auf die zwölf Punkte an, die auf Bild 1 ebenfalls vorhanden, aber schwer wahrzunehmen sind. Das Spannende ist nun, dass wir die Punkte auf Bild 1 nur schwer erkennen können und: Obwohl wir schnell auch zu Bild 2 schauen, welches die Lösung bringt, die zwölf Punkte auf Bild 1 immer noch nur unter Schwierigkeiten in ihrer Gesamtheit sehen können. Wir das Muster also nur schwierig, fast gar nicht, wahrnehmen können.

Bei dem Punkte-und-Linienbildbeispiel verhält es sich zunächst ähnlich wie bei den Geldscheinfotos: Es gibt ein zu viel an Informationen, sie begraben das relevante Muster. Etwas Neues kommt jedoch hinzu. Selbst wenn wir wissen, wonach wir suchen, selbst wenn wir das Muster kennen, fällt es uns schwer, die für das Muster relevanten Informationen aus Bild 1 herauszufiltern. Wir brauchen einen Mechanismus, der uns hilft, unsere Wahrnehmungsschwäche auszugleichen. Bei den Geldscheinen ist es eine abstrahierende Tabelle und ein daraus abgeleiteter Chart, bei den Punkten im zweiten Beispiel ist es eine Tonwertabschwächung der Linien.

Bringt man den Gedankengang auf die nächste Abstraktionsstufe, so bedeutet das, dass ein weniger an Informationen eine bessere Grundlage für (Investitions-)Entscheidungen sein kann. Das klingt so schön paradox und steil, dass ich hier einen Punkt mache. Zunächst 🙂

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*) Die Titanic ging unter. Der Aktienmarkt wird natürlich nicht untergehen. Es ist nur ein Vergleich.

Die Ersatzhandlung – dem Affen Zucker geben!



Die Covid-19 Krise frisst sich durch die Märkte und jeder giert derzeit nach Einschätzungen zur Lage und was nun anlagetechnisch zu tun ist.

Auffällig ist auch eine vergleichsweise hohe Zahl an Anlegern, die jetzt nur über den richtigen Einstieg nachdenken. Nun ist das bei 30% Minus kein grundlegend falscher Gedanke, es ist aber schon erstaunlich, dass da nun nicht noch mehr Angst vorhanden ist.

Kurzfristig besteht ja die Chance auf eine baldige Stabilisierung und es könnte bald ein erster Bounce in Bewegung geraten. Mittelfristig aber wird das Problem nicht schnell vorbei gehen und wir müssen von zumindest einem weiteren Test der Tiefs ausgehen.

Und falls wir Pech haben und gesellschaftliche Verantwortungslosigkeit den Erfolg des jetzigen Lockdowns torpediert, kann es auch sein dass die Einschränkungen so lange dauern, dass wir ernsthaft in eine Kreditkrise laufen.

Denn natürlich kann die Wirtschaft 3 Wochen Stillstand aushalten, wenn es danach geordnet weiter geht und wir wieder im Modus "Webasto" mit einzelnen, begrenzten und beherrschbaren Infektions-Herden sind. Die Wirtschaft kann den Lockdown aber *nicht* als Dauerzustand ertragen und wenn diese große Chance die wir nun haben torpediert wird, *beginnt* das wahre wirtschaftliche Problem erst so richtig!

Es ist unklar ob es so weit kommt, alles hängt nun von der Fähigkeit jedes Einzelnen zu Disziplin und Vernunft ab, aber es sei daran erinnert, dass die Märkte 2008 nach Lehman 60-70% korrigiert haben und nicht nur 30%. Und wenn sich aus der Pandemie nun auch eine Finanzkrise entwickeln sollte, haben wir wahrscheinlich eine *schlimmere* Krise als Lehman vor uns.

Seien Sie sich also nicht zu sicher, dass das schon der Tiefpunkt war! Selektiv etwas Wagen kann man durchaus mal, muss dann aber auch emotional bereit sein, weitere Verluste auszuhalten oder konsequent wieder abzuschneiden. Und der bisherige Verlauf der Krise in den wirtschaftlich entscheidenden US lässt derzeit wenig Raum für kurzfristigen Optimismus. Gegenüber den US haben wir in Deutschland - trotz eines unsinnigen Karnevals und der Ignoranz die Leute ungetestet aus den Winterferien im Süden zurückkommen oder aus dem Iran einreisen zu lassen - immer noch "früh" reagiert, alles ist eben relativ. 😉

Ich merke die Krise hier im Blog auch an einer vergleichsweise hohen Zahlen an Neumitgliedern in den letzten Wochen, die wahlweise schon Chancen sehen, Bedarf nach Guidance haben oder auch eine Beruhigung der flatternden Nerven brauchen - was ja verständlich ist und wofür ich auch gerne im Premium-Bereich da bin.

In einer schweren Krise wie jetzt, werden aber auch unsere psychologischen Fehler wie im Brennglas deutlich, man könnte sagen die Krise bringt den Kern des Menschen zu Tage, sie trennt die Spreu vom Weizen.

Einer der größten Fehler der in so Phasen bei Anlegern passiert ist eine gewisse "Zappeligkeit". Weil es bei Vielen an einem eigenen, konsistenten Bild der Gesamtlage fehlt, werden diese Anleger zwischen Panik und Gier hin- und hergerissen, je nachdem was sie gerade lesen. Und für beide Emotionen liefern die Medien ja nun genug Futter, denn auch die Gier wird bedient, wenn alle sich nun vorbeten, wie "billig" nun bestimmte Aktien geworden seien - nicht verstehend, dass diese duchaus noch viel "billiger" werden können und manche durch Pleite sogar zum Totalverlust werden könnten - ohne Chance auf Rebound.

Und deshalb finde ich es wichtig, dass wir uns gerade *jetzt*, gerade weil wir solche emotional schwierigen Momente nun hautnah erleben, mal den psychologischen Sinn der Ersatzhandlung bewust machen, eine Technik, mit der wir unsere überschiessenden Emotionen auch beruhigen und befriedigen können, *ohne* die notwendige ruhige Hand im Depot zu verlieren.

Denn wir kennen und erleben doch alle gerade den Handlungsdruck, den der Markt in Kombination mit unserem "Affenhirn", nun im Absturz auf uns ausübt.

Begriffe wie FOMO (Fear Of Missing Out) künden davon, aber auch der Drang auch noch zu verkaufen dürfte bekannt sein, wenn Aktien schon tief gefallen sind, man aber mit "Hopium" daran festgehalten hat und es dann doch weiter runter geht. Irgendwann wird der Druck dann zu groß, man verkauft entgegen der vorherigen Absicht und dann natürlich am Tiefpunkt. Am Tiefpunkt, weil die Momente des höchsten emotionalen Stresses, eben gerne die Tiefpunkte des Marktes markieren, denn die anderen Marktteilnehmer fühlen doch ähnlich.

Weswegen es mich aktuell auch etwas irritiert, dass viele nicht über Verkaufen sondern Nachkaufen nachdenken. Die Vermutung dass die Menschheit statistisch "klüger" geworden sei, ist es garantiert nicht und kann getrost beiseite gelegt werden. Das passiert zwar individuell, aber für jeden der durch Fehler gelernt hat, wächst auch statistisch einer nach, der erst wieder auf die Herdplatte fassen muss.

Ob aufwärts oder abwärts, ein Markt der sich stark bewegt, übt Handlungsdruck auf uns aus, wenn wir ihn beobachten. Wir werden dann "zappelig" und machen Dinge, die nicht sein müssten. Wer das nicht kennt, begleitet entweder den Markt nicht, oder macht sich etwas vor. Die Gefahr der "Zappeligkeit" und schwieriger Impulskontrolle in bestimmten Situationen, steckt in uns allen. Wenn Sie ehrlich sind, haben viele von Ihnen genau das in den letzten Wochen erlebt.

Nun vertreten einige ja die Position, dass man deswegen gar nicht auf den Markt schauen darf und einfach halten muss. Das halte ich wie Sie wissen für Unfug und Selbstbetrug, denn der Moment der "Zappeligkeit" kommt auch für diese Anleger, die lange ignorieren konnten.

Er kommt dann, wenn die Presse voll mit Katastrophen-Szenarien ist und die Weltuntergangs-Stimmung zu greifen ist. Er kommt dann, wenn die Kurse im Depot schon 50% gefallen sind und der "ruhige" Anleger dann doch mal einen Blick darauf wirft. Dann wenn der Partner beginnt schwere Vorwürfe zu machen, ob man denn mit "der Zukunft der Familie" spielen wolle. Dann überwältigt der Impuls zu Retten was zu Retten ist völlig unvorbereitet und dieser Anleger hat dann dafür auch keine Mechanismen, weil er dieses Problem ja bisher nur verdrängt und negiert hat.

Ich habe es auch in Tweets -> wie hier zu Boeings Scheitern <- immer wieder gesagt, dass Buy&Hold ohne Check eine Lüge ist.

Denn *jede* Aktie braucht ein Risikomanagement, *jede* Aktie kann in eine schwere Krise laufen. Und nach jeder schweren Krise haben das alle dann wieder schmerhaft verstanden, dann kommen aber unweigerlich die Schallmeienklänge des anstrengungslosen Reichtums wieder auf und eine neue Anlegergeneration lässt sich wieder auf der Flöte vorspielen. Das Fiese ist, der Gegenbeweis braucht dann wieder Jahre, aber er kommt sicher - wie jetzt.

Ruhig zu Halten und als jüngerer Mensch in Schwäche eher zu Akkumulieren macht definitiv Sinn, aber nie blind und ohne Technik, die in Krisen die Risiken senkt und damit auch die Seele schützt. Das *Check* bei Buy & Hold & Check ist absolut zentral! Denn die Straßen der Märkte sind gepflastert mit "ruhigen" Anlegern, die irgendwann der fiese Mr-Market doch am emotionalen Schlawittchen gepackt hat und die typischerweise nahe der Tiefpunkte von Krisen dann doch verkauft haben - schon alleine um den Ehefrieden wieder herzustellen. Diese Anleger schauen dann auch nicht mehr hin, der Schmerz ist zu groß, Börse ist "Scheiße".

Wenn wir also nicht einfach alles ignorieren können, weil wir uns doch von der Welt nicht völlig abschotten können, wie können wir denn dann diese Impulskontrolle besser hinbekommen, wenn der Markt mal wieder so richtig in Bewegung gerät?

Wie bei allen Emotionen, bin ich überzeugt, dass die Lösung nicht darin liegt diese zu unterdrücken, das funktioniert einfach nicht, weil wir eben nicht aus unserer Haut können.

Die Lösung kann nur im Bewusstsein liegen und in kleinen "Tricks", mit denen wir uns sozusagen selber "bescheissen" und unsere Emotionen bewusst in ruhige Bahnen leiten.

Zur Impulskontrolle können Sie im Web viele psychologische Ratgeber und Beschreibungen finden, ich will das hier nicht ausbreíten. Viele Techniken können dabei helfen, eine entspannte Geisteshaltung, Techniken sich selbst zu beruhigen, all das kann helfen, das berühmte "Ommm" sozusagen. 😉

Auch Erfahrung hilft diese Impulse zu begrenzen, denn der Druck zu Handeln hat auch immer mit Ängsten und Unsicherheit zu tun und wo keine Ängste oder andere starke Emotionen sind, ist auch kein dringender Impuls, irgend etwas zu tun.

Situationen schon erlebt zu haben und erfahren zu haben, dass man auch einfach ruhig bleiben kann, ist also immer hilfreich, es geht einfach nichts über Übung, Übung, Übung!

Es gibt da aber noch einen kleinen Trick, wie wir uns selber "bescheissen" können und das ist die Ersatzhandlung. Und darüber will ich heute kurz schreiben.

Denn so ein Impuls ist stark und ihn zu begrenzen, erfordert wieder Energie, die man vielleicht im Moment nicht hat. Manchmal ist es dann besser, dem Impuls etwas Raum zu geben, die Auswirkungen aber zu begrenzen, so dass der Impuls keinen großen Schaden anrichten kann.

Wenn man zum Beispiel auf Schokolade aus gesundheitlichen Gründen verzichtet, kann es passieren, dass der Wunsch danach plötzlich stark da ist. Dann ist es einfach, dem Drang mit genau einem Stück nachzugeben, das man dann langsam geniesst und schon ist der Impuls schwächer und verklingt.

Bei der Geldanlage, liefert meine Positionsgrößen-Strategie für diese Art einen perfekten Rahmen, Impulse mit Ersatzhandlungen zu befriedigen und auslaufen zu lassen. Denn stellen wir uns vor, wir bekommen FOMO, weil der Markt uns wegzulaufen scheint.

Ohne klare Strategie, macht man jetzt *irgendwas* und in der Regel zu viel, was man schon am Folgetag bereut, wenn der Markt wieder abwärts rollt.

Solange man sich aber an die Positionsgrössen-Strategie hält, gibt es sicher ein oder zwei Aktien, deren Charts so aussehen, dass man rational eine Hochstufung der Positionsgrösse um eine Stufe vertreten kann.

Das macht man dann und befriedigt damit den Impuls, das aber in einem begrenzten und geordneten Rahmen, ohne regelfrei zum Opfer der eigenen Emotionen zu werden. Und wissen Sie was? Ich verspreche Ihnen, Sie werden sich nach diesen kleinen Käufen schon besser fühlen und der gierige Impuls ist erst einmal befriedigt!

Auch Abwärts funktioniert das, wenn Sie Sorgen bekommen und sich absichern wollen, es rational aber dafür keinen Grund gibt, dann verkaufen Sie ein wenig von dem, das rational zu vertreten ist, sie nehmen zum Beispiel ein klein wenig Risiko heraus und Sie werden sich gleich besser fühlen und der Impuls wird verklingen.

Letztlich ist das ein psychologischer Trick, der aber nur umzusetzen ist, wenn man den Impuls bewusst spürt, die Diskrepanz zu dem erkennt, was die Ratio eigentlich eingibt und dann den Impuls ausreichend befriedigt, ohne dass er echten Schaden anrichten kann.

Ohne Bewusstsein und die Fähigkeit in sich selber zu hören, ist das aber alles unmöglich und man wird von den eigenen Emotionen getrieben.

Man kann bei einer Ersatzhandlung also auch sagen, wir haben dem Affen etwas Zucker gegeben. Und befriedigt setzt der sich wieder hin, mampft seine Banane und stört nicht weiter. 😀

Denken Sie mal darüber nach, nicht für alle ist diese Technik geeignet, in der Psychologie muss jeder seinen Weg finden. Vielleicht ist es für Sie ja das "Ommm", eine Atemtechnik, oder das Drücken irgend eines Ersatzobjektes, das den Impuls wieder beruhigt.

Wichtig ist aber, dass Sie erkennen, wie bedeutend das Bewusstsein Ihrer Emotionen für Sie ist und dass der Weg zum Erfolg am Markt nicht in Negierung und Verdrängung der Emotionen liegt, sondern im der Fähigkeit, diese bewusst in sinnvolle Bahnen zu lenken.

Wichtig ist aber auch zu verstehen, dass Sie sehr wohl kraftvoll agieren sollen, wenn die Zeit gekommen ist. Diesen Zeitpunkt soll Ihnen aber *Ihre Strategie* und Ihre Indikatoren zeigen, nicht ein plötzlicher Impuls, der durch irgendetwas getriggert in Ihnen aufsteigt.

Das gilt ganz generell, in kritischen Phasen wie aktuell ist die Fähigkeit zur Impulskontrolle aber von zentraler Bedeutung!

Geben Sie dem Affen in sich also lieber ein klein wenig kontrollierten Zucker, statt mit ihm zu kämpfen und sich im falschen Moment überwältigen zu lassen.

Folgen Sie konsequent Ihrer Strategie und Ihrem Risikomanagement, Aktionen aus einem Impuls heraus, tendieren dagegen dazu dem Markt immer hinterher zu laufen.

Ihr Michael Schulte (Hari)

*** Bitte beachten Sie bei der Nutzung der Inhalte dieses Beitrages die -> Rechtlichen Hinweise <- ! ***

Musterbruch

 

Das ist der Tageschart der Varta-Aktie bis zum 7. Januar:

 

Das ist der Chart einen Tag später:

 

Autsch! Das war meine erste Reaktion, nachzulesen -> hier <-. Dann staunte ich. Über mich. Es brach keine Panik aus. Ich lief nicht herum wie ein aufgescheuchtes Huhn. Das kannte ich anders von mir.

Stattdessen griff eine vorbedachte Routine. Das Muster, welches ich im vorigen Beitrag beschrieben habe, war gebrochen, zwangsläufig erfolgte ein kräftiger Teilverkauf. — Die Tage darauf brachten das hier:

 

Erst eine auffällig schwache Gegenbewegung, Resteverkauf, und dann ging es abermals abwärts, der Musterbruch wurde bestätigt. Die Frage war nur, ob ich mir eine Gedächtnisposition gönnen sollte oder ob Varta sich mir auch so ins Gedächtnis eingegraben hatte.

Nicht nur bin ich bei dem Kurseinbruch ruhiger geblieben als bei früheren Einbrüchen, auch der irrationale Phänomen, dass man sich über Verluste stärker ärgert, als man sich über zuvor gemachte größere Gewinne freut, hatte sich abgeschwächt. Rational registriere ich den Gewinn durch die Musterherangehensweise. Da scheint sich ein funktionierendes Verfahren herauszubilden:

  1. Ich habe ein Muster erkannt, mir also aus meiner Perspektive heraus einen Vorteil gegenüber anderen Marktteilnehmern erarbeitet.
  2. Ich habe entsprechend des Musters gehandelt, also an mich selbst geglaubt.
  3. Nach dem Bruch des Musters habe ich mich nach vorbereitetem Schema aus dem Engagement zurückgezogen.
  4. Erfolgskontrolle durch Beantworten der Fragen: Waren meine Annahme korrekt, und habe ich sie umgesetzt?

Varta ist ein junger Wert und kein Kandidat fürs ruhige Depot, er könnte es aber werden, wenn man bedenkt, dass ein Haushaltsbatterienhersteller mit guter Vertriebsmannschaft ein ruhiges und auskömmliches Geschäft haben sollte; für Kursfantasien und die dazugehörige "Story", welche Anleger mögen, sorgt das Outing von Varta als Zulieferer für Apple. Außerdem steht das Thema "Batterie" voraussichtlich in den nächsten Jahren fast schon synonym für Zukunftstechnik; in welche Geräte und Fahrzeuge man Batterien einbauen könnte ...

Mit den letzten Sätzen bin ich auf eine andere Ebene gewechselt. - Die Entscheidung über Ein- und Ausstiege habe ich über Muster gefällt. Dort sehe ich den Vorteil. Die Nachrichten drumherum, häufig den Kursen nachgereicht, sind eine andere Ebene, sie können als Verzierung, Unterhaltung, Snackware betrachtet werden. Es ist schön und unterhaltsam und kann helfen, eine Einordnung zu bekommen, warum möglicherweise ein Kursverlauf in bestimmter Weise passiert ist. Obwohl niemals zu klären sein wird, ob die Nachricht den Kursverlauf verursacht hat oder ob es umgekehrt war. Oder ob gar kein Zusammenhang bestand, und wir ihn uns konstruieren, weil wir ihn brauchen, weil wir "verstehen" wollen.

Sehen Sie das weiße Dreieck? - Natürlich sehen Sie es.

Obwohl es nicht da ist. Vorhanden sind lediglich drei Vierecke, die unterschiedliche geometrische Einschnitte aufweisen, die schwierig zu beschreiben sind. Das Gehirn konstruiert uns den Zusammenhang dazu. Wir sehen etwas, was nicht da ist.

Das Dreieck: Einerseits ist es eine Art Muster, und wenn wir es als (Chart-)Muster erkennen, bedeutet das einen Vorteil für uns. Während andere Betrachter (Marktteilnehmer) womöglich noch drei Vierecke sehen, haben wir das Muster entdeckt und können entsprechend handeln.

Andererseits entsteht hier auch eine Gefahr. Je besser die Mustererkennung funktioniert, je schneller das „Bemustern” gelingt, umso mehr arbeitet die Wahrnehmung mit Abkürzungen. Abkürzung bedeutet: Das Gehirn macht es sich leicht.

Vielleicht haben Sie gerade beim Lesen nicht protestiert, als ich von drei Vierecken sprach. Die Dinger haben viel mehr Ecken und lediglich das vierte "Viereck" hat wirklich vier ausgebildete Ecken, aber auch eine zusätzliche Einbuchtung. Ich sprach aber vorhin nur von drei Vierecken. Das vierte, das einzige mit echten vier Außenecken, beachtet man kaum. So stolz ist man auf das gefundene, virtuelle Dreieck, das „Muster”, dass man die restlichen Widersprüche ausblendet.

Das vierte Viereck kann den Ausbruch aus dem Muster bedeuten, im Varta-Beispiel den Kursabsturz. Er kann auch etwas anderes anzeigen.

Wir lieben Vereinfachungen und vermeiden anstrengendes Denken, wo es eben geht. Dadurch können wir schnelle Entscheidungen fällen, die Tendenz zur Denkvereinfachung birgt jedoch die Gefahr, relevante Dinge, die außerhalb der Vereinfachung liegen, nicht wahrzunehmen, obwohl sie da sind. Zum Beispiel konnte man in den letzten drei Tagen vor dem Absturz von Varta ein leicht ansteigends Verkaufsvolumen im Chart sehen. Mir fiel das erst im Nachhinein auf. Mustererkennung steht hier gegen Zeitaufwand. Es ist einfach, ein einmal gefundenes Muster für valide zu erklären und es kostet Zeit, außerhalb des Musters das "vierte Viereck unten rechts in der Ecke" zu finden. - Vielleicht ist das sogar unmöglich. Wichtig dürfte sein, sich seiner möglichen Existenz bewusst zu bleiben.

Der Rest zu Varta ist schnell erzählt.

Ein neues Muster hat sich etabliert und zum Einstieg ruft es nicht.

 

* * *
 

Aus der Familienschatztruhe. 1923, im Herbst: 260 Exemplare vom mittleren Schein sind nötig, um einen Laib Brot zu kaufen.


 

Batterieelektrische Gewinne und ein Kurzschluss

 

An der Aldi-Kasse hatte ich eine Idee. Wo und wann einen Ideen ereilen — es ist erstaunlich.

In der Quengelzone griff ich nach einer Packung Batterien. Ob das plastikverschweißte Viererpack Varta-Batterien enthielt. Oder ob es eine billige Handelsmarke war, das weiß ich nicht mehr. In dem Moment jedenfalls kam mir der Gedanke, dass Varta eine irre Gewinnspanne haben muss. Da Varta-Batterien - also die haushaltsüblichen Batterien für Fernbedienungen, Taschenlampen und ähnliches - gefühlt doppelt so teuer sind wie Batterien konkurrierender Firmen. Außerdem hängen Varta-Batterienblister einem zuverlässig dort vor der Nase, wo man in Eile und im Kaufmodus ist. Vertrieb können sie, die Vartarianer, und das ist schon die halbe Miete.

Noch am selben Tag schaute ich mir den Chart der Varta-Aktie an. Was ich sah gefiel, und ich kaufte.

Es war der Beginn einer Erfolgsstory. Die auf falschen Annahmen fußte, wie ich später merkte. Aber das machte nichts. Im Gegenteil, ich lernte daraus. Ich lerne immer noch.

Zuerst dachte ich wie gesagt, Varta produziere Batterien. Das stimmte auch, aber bald erfuhr ich, dass die Aktiengesellschaft, in die ich mich eingekauft hatte, Batterien für Hörgeräte produzierte, nicht aber die bekannten Varta-Batterien, die in Baumärkten und Discountern im Kassenbereich hängen. Ups, ich saß bereits auf schönen Gewinnen und die kamen durch Hörgerätebatterien? Konnte ich mir kaum vorstellen, aber was zählte, war der Chart und der sah weiterhin gut aus. Peinlich auch, wie schlecht ich recherchiert hatte. Ich war davon ausgegangen, wo mir stolz, groß und ohne Schnörkel der Markenname VARTA auf einer Verpackung entgegenschreit, wäre auch Varta drin. Ist es auch, nur haben (hatten) diese Varta-Batterien, die wir alle kennen, wenig zu tun mit den Batterien der Varta-Aktiengesellschaft. Auch Schlussfolgerungen, an welche man felsenfest glaubt, weil sie so offensichtlich scheinen, können falsch sein.

(Beiseite gesprochen: Heute ahne ich, dass "mangelnde Recherche" ein irreleitendes, weil abwertendes Etikett ist, welches einem Mechanismus aufgeklebt wird, der über den Börsenerfolg mit entscheidet; dazu später mehr.)

Einige Wochen danach drehte der Varta-Kurs südwärts. Als Grund wurde herumgereicht, dass die Aktiengesellschaft Varta die Batteriesparte zurückkaufe, wegen welcher ich mich bei Varta ursprünglich engagiert hatte. — Eine Aktiengesellschaft verleibt sich die Produktsparte ein, wegen welcher ich mir ihre Aktien ursprünglich ins Depot gelegt habe, und der Markt urteilt, dass sei eine schlechte Idee. Oh je, da war nicht nur meine Grundannahme falsch gewesen, meine Schlussfolgerungen waren es noch dazu. Hörgerätebatterien sind top, Haushaltsbatterien sind flop. So urteilte gerade der Markt.

Er sollte sich irren, beziehungsweise da er sich nie irrt: Er kam sehr bald wieder zu einer anderen Sichtweise. — Aber ich greife vor.

Zwei Dinge hat mich das Varta-Engagement bis hierher gelehrt.

  • Annahmen, ob vorschnelle oder mühsam recherchierte, ob richtige oder falsche, ob von mir oder von Experten: Sie garantieren keine zukünftige Firmenentwicklung.
  • Letztlich zählt nur "auf'm Platz", also die Kurse im Markt.

Es sollte noch eine dritte Erkenntnis hinzukommen. Vielleicht die wichtigste, aber bis sie sich entwickelte, brauchte es etwas Zeit und weitere Gewinne.

Denn wie gesagt, der Markt irrte. Wie kann der Markt das tun, er hat doch immer recht? Nun, so erkläre ich mir das, der Markt setzt sich zusammen aus Käufern und Verkäufern, aus zufließendem und abfließendem Kapital und aus Meinungen, die auf mehr oder weniger guten Informationen aufbauen. In diesem Fall war die Information weniger gut. Ob Hörgeräte- oder Haushaltsbatterien, beides waren Nebenschauplätze. Der Kurs wurde die ganze Zeit von etwas anderem angetrieben.

Ein Blogger knackte einen von Apples kabellosen Minikopfhörern auf und fand Varta-Batterien darin. Diese neue Information überschrieb die Informationen über Hörgeräte- oder Haushaltsbatterien. Apple elektrisierte, die Aussichten … deutsche Qualität trifft auf die amerikanische Übermarke. Der Kurs schoss hoch, erreichte einen neuen Höchststand.

Ich war dabei. Da ich beim ersten Kurshuster wegen des Rückkaufs der Haushaltsbatteriensparte nicht ausgestiegen, sondern mir „Stopp” zugerufen hatte, da ich schließlich ein ruhiges Depot führen wollte?

Nicht ganz.

Ich glaubte, ein Muster entdeckt zu haben. Das Muster hatte nichts mit nachgereichten Informationen zu tun, die angeblich Kurse erklären, nichts mit Hörgerätebatterien oder einem Blogger, der mit Entdeckereifer und Kneifzange seinen Airpods schrottete.

Das Muster hielt mich davon ab, meine komplette Position aufzulösen und damit komme ich der Antwort auf die Frage näher, die in der vorigen Kolumne -> Ein paradoxer Effekt <- aufkam, wie ich es schaffen könnte, auch bei Aktien informiert zu bleiben, die mein Depot verlassen, aber das Potential haben wiederzukehren.

Meine Lösung ist, die Position lediglich zu verringern. Dadurch bleibt die Aktie für mich relevant, und ich behalte sie weiter in Beobachtung. Bei solchem Verfahren ist für mich das Erkennen eines Musters essentiell. Wäre kein Muster da und ich hielte dennoch die Aktie, versteifte ich mich auf eine womöglich immer teurer werdende Hoffnungsposition. Das (vermeintlich) erkannte Muster ist Bedingung und mein Vorteil gegenüber dem Markt.

Natürlich kann meine Mustererkennung fehlgehen. Auch ist ein Muster nur ein Muster, das heißt, es ist nicht nur mit Varianten zu rechnen, auch Glitches, also Ausreißer sind möglich. Dann wird die Position aufgelöst.

Solange jedoch das Muster als valide beurteilt ist, bleibt der Wert - mit variierender Gewichtung - im Depot.

Bei Varta sehe ich folgendes Muster:

 

Auf heftigen Anstieg folgt Konsolidierung, dann Anstieg. Immer wieder wiederholt sich dieses Muster im Chart und es entsteht ein Kurskanal, der von links unten nach rechts oben führt. Okay, für die Beobachtung bekomme ich keinen Wirtschaftsnobelpreis. Mir reichen die Kursgewinne.

Nun geht es darum, das Muster zu spielen.

So weit mein Text bis zum 23.12.2019. - Dann blieb er liegen, Weihnachtsorganisatorisches drängte sich vor, es kam Silvester. Und dieser Einschlag bei Varta:

 

Autsch.

Offensichtlich ein Kurzschluss mit Spannungsabfall beim Batteriehersteller.

Waren alle meine schönen Gedanken zu Varta unsinnig?

 

* * *
 

Aus der Familienschatztruhe. Sommer 1923: Scheine für einen Laib Brot.

 

Ein paradoxer Effekt

 
Fehlervermeidung habe ich mir auf die Fahnen geschrieben. Mein hartnäckigster Fehler ist das hektische Handeln. Das Begrenzen von Verlusten geht mir flott von der Hand. Doch aus den Augen, aus dem Sinn, ist eine Position aus dem Depot gekegelt, locken neue Okkasionen; sie bringen neue Unwägbarkeiten und Überraschungen, und das Spiel beginnt von vorn.

Rendite geht anders. Ruhe muss her.

Interessanterweise finde ich einen Hinweis zum "Weg der Ruhe" in einem Buch über Sport, ein mittlerweile altes Buch, 2012 erschienen, immerhin noch bestellbar, es heißt Scorecasting, geschrieben von einem amerikanischen Verhaltensforscher und einem Sportjournalisten, es dreht sich um Baseball. Von den 280 Seiten ist hier nur ein Abschnitt wichtig. Ich übertrage das dortige Beispiel auf die Fußballbundesliga, die uns näher ist. Es geht nicht um den konkreten Fall, sondern die Struktur.

Die letzten vier Wochen der Liga brechen an. Manche Mannschaften haben in der Saison einen Lauf gehabt und stehen in der Tabelle oben, andere schwächeln, wurden nach unten durchgereicht. Nun soll ich eine Vorhersage zu einem zufällig ausgesuchten Spiel des nächsten Spieltages machen. Welche der beiden gegeneinander antretenden Mannschaften wird das Duell mit Wahrscheinlichkeit gewinnen? Um zu einer begründeten Prognose zu kommen, nutzen Sportreporter gern "den Lauf", also das Momentum, welches eine Mannschaft gerade hat.

  1. Gewinner wird am nächsten Spieltag die Mannschaft, welche am Spieltag zuvor in sagenhafter Form gespielt und gewonnen hat.
  2. Gewinner wird am nächsten Spieltag die Mannschaft, welche die letzten drei Spieltage hintereinander unentschieden gespielt oder gewonnen hat.
  3. Gewinner wird am nächsten Spieltag die Mannschaft, welche im Durchschnitt der gesamten Saison am häufigsten gewonnen hat.
  4. Gewinner wird die Mannschaft, welche zweimal in den letzten drei Jahren Meister geworden ist.

Für welche Variante entscheide ich mich?

Die meisten Menschen, so heißt es im Buch, entscheiden sich für Variante 1, das Momentum zählt, die augenblickliche Form, das getankte Selbstbewusstsein. Die anderen Varianten sortieren sich in der absteigenden Folge ein, wie sie aufgeführt sind.

Nach Auswertung der Statistiken der amerikanischen Baseball- und europäischen Football-Ligen sei die Vorhersagekraft der Aufzählung aber genau umgedreht, sagen die Autoren. Das heißt Variante 4 hat die höchste Vorhersagekraft, Variante 1 die geringste.

Ende des Buchreferats. — Bei Variante 1 bin ich am dichtesten dran am Geschehen. Bei Variante 4 am weitesten entfernt. Bei 1 rieche ich den Schweiß und fühle den Kampf, bei 4 sehe ich das Muster. Das Muster hat die höhere Vorhersagekraft.

Zoomt man noch näher heran, fügt der Liste also eine Variante 0 hinzu, so sähe man das Bein des Spielers, den geschnürten Schuh, der nach dem Ball tritt, um einen Pass zu schlagen.

In solcher Extremvergrößerung, der Variante O, wird ein besonderer Effekt sichtbar. Ob der gepasste Ball ankommt, hängt auch vom Können des Spielers und dem Können der Gegenspieler ab. Ebenso aber hat die Beschaffenheit des Rasens Einfluss auf das Passergebnis — und eine Menge weiterer Faktoren. Der Wind, hereingeworfene Dosen, Vogelschiet, Muskelbeschwerden, Magenblähen … Die Vorhersagbarkeit wird immer unsicherer, je näher man heranzoomt. Von einem geglückten oder missglückten Pass auf den Spielausgang schließen zu wollen, ist unmöglich, ein richtiger Tipp wäre zufällig. Von der Stufe 4, dem Muster, sind wir über Stufe 1 durch das Heranzoomen bei Stufe 0 angekommen: dem Zufall oder Grundrauschen.

Ähnliches sehe ich bei Charts. Was könnte das sein:


 
Das dürfte nur Rauschen sein. — Dasselbe Bild kommt hier noch mal, nun ist es mit mehr Abstand betrachtet. Ich entdecke und folge einer Linie:


 
Trete ich weitere Schritte zurück, so bekommt dasselbe Bild einen neuen Charakter:


 
Die eben noch deutliche Linie, die ein Ziel zu haben schien, sie ist bloß Teil eines Musters. Erst aus gehörigem Abstand erschließt sich das Bild oder der Chart.

Wer als wahrer Chartist und Muster-Connaisseur genau hinschaut, entdeckt im obigen Muster sogar minimale Veränderungen. Es wiederholt nicht nur, in den Wiederholungen passieren Varianten. Wenn ich die mehrmals auftauchende „Eiform” im Muster verfolge, komme ich den kleinen Veränderungen auf die Schliche. Ein im ersten Zugriff paradox erscheinender Effekt, der doch logisch ist: Aus größerer Entfernung sehe ich mehr Details.

Ich habe die Überlegungen zu den Mustern auf meine Aktienanlage übertragen. Ich trete zurück und erlaube mir eine ruhige Betrachtung. Ich gucke genau. Ich blende das Grundrauschen aus, ich suche Muster und Variationen. Allerdings: Um Muster zu sehen, muss ich eine Aktie auch verfolgen, wenn sie aus dem Depot verschwunden ist. Dafür habe ich ein einfaches Verfahren entwickelt. Mehr davon beim nächsten Mal.
 

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Aus der Familienschatztruhe. 1923: Mit solchen Scheinen kaufte mein Urgroßvater einen Laib Brot.

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(Zeichnung oben: Postkarte "Der Austernesser" von Anstett von Poludo, Wikipedia, gemeinfrei)