Ob nach dem Brexit das englisch Runde in das französisch Eckige geht?

Der Brexit hat die Märkte auf dem falschen Fuss erwischt, denn noch am Donnerstag Abend um 23 Uhr hatte in Anbetracht von Umfragen und Buchermacherwerten, niemand mehr ernsthaft mit dem Brexit gerechnet.

Wenn Sie sich aber beispielsweise mal den Wochensaldo des DAX letzte Woche anschauen, der sich nur um 74 Punkte von 9.631 auf 9.577 herab bewegt hat, sehen Sie schnell, dass wir trotz der 10% Minus am Freitag gar keinen Crash hatten, es wurden einfach nur die Gewinne von Montag bis Donnerstag mit einem Schlag wieder abgebaut, weil diese auf einer falschen Annahme (dem "Remain") fussten.

Summa Summarum, war das Marktverhalten am Freitag aber recht kontrolliert, sehr volatil zwar, aber ohne echte Panik. Auch die Finanzsysteme haben Stand gehalten und Banken, die trotz dieses lange planbaren Events ihre EDV trotzdem nicht im Griff hatten, sollte man konsequenterweise mit Abzug von Kapital strafen. Denn Schönwetterbanken braucht niemand.

Womit sich nun die Frage für Anleger stellt, wie es nun weiter geht.

Denn entscheidenden Punkt dafür, hatte ich schon vor einer guten Woche unter Punkt (5) des Artikels -> Brexit für Dummies <- geschrieben:

Fünftens, ob der "Brexit" oder das "Remain", dann Europa schwächen oder stärken wird, ob es Grossbritannien zu einem abgehängten, irrelevanten Wurmfortsatz Europas, oder gerade erst zu einem höchst erfolgreichen Wirtschaftsstandort macht, diese Zukunft ist noch nicht geschrieben und hängt weniger von der Entscheidung selber, als davon ab, wie die Details danach gestaltet und verhandelt werden.

Der schlichte Narrativ, der nun vom "Remain"-Lager in Europa verbreitet wird, ist ja, dass die Briten nun das grössere Problem als die EU haben und sich "störrische, ungebildete Alte" in England, sozusagen selber in den Fuss geschossen haben.

Für bestimmte Denkschulen, ist die Welt ja immer simpel. Wenn man nicht ihrer Meinung ist, ist man wahlweise rechtsextrem, ungebildet, in der Vergangenheit lebend, fremdenfeindlich oder einfach nur blöd. Es lebt sich einfach gut, wenn die Welt so fein in Gut und Böse geteilt ist und man so immer nur bei den "Guten" ist.

Unsere Geldanlagen, sollten wir aber auf keinen Fall nach so einem dürftigen Narrativ richten, oder haben Sie den Eindruck, dass die Leute die dabei am Lautesten rufen, besonders erfolgreich an der Börse sind? 😉

Wahr ist, was ich oben schon geschrieben habe: Diese Zukunft ist noch nicht geschrieben und hängt weniger vom Brexit selber, als davon ab, wie die Details danach gestaltet und verhandelt werden.

Und dabei beschleicht mich ein Verdacht. Der Verdacht, dass die EU nun das viel grössere Problem hat.

Denn das grösste Problem der Märkte ist nun Unsicherheit. Wo wird denn nun die Unsicherheit grösser sein?

Die Unsicherheiten in Grossbritannien sind bekannt. Es sind vor allem potentielle Sezessionsbewegungen wie in Schottland, die Frage der Zukunft des Finanzplatzes London und die Frage, nach welchen Regeln nun mit dem EU Binnenmarkt interagiert wird.

Das ist alles nicht schön und kurzfristig belastend. Aber es ist überwindbar, denn man hat die Kontrolle über die eigene Währung, die durch ihre aktuelle Abwertung gerade ein Konjunkturprogramm für die britische Exportindustrie startet.

Vor allem hat man aber die Kontrolle über den Prozess, denn ob und wann man überhaupt die Scheidungspapiere nach Artikel 50 der EU Verträge einreicht, kann man selber bestimmen und sicher stellen, dass schon vorher wesentliche Themen grob geregelt sind.

Die Forderungen von Seiten der EU und auch aus der deutschen Sozialdemokratie, GB solle nun "sofort und schnell" die Scheidungspapiere vorlegen, sind dagegen eher lächerlich und gehören wohl in die Kategorie "Pfeifen im dunklen Walde".

Kein englischer Politiker mit Verstand, wird sich nun zur Eile drängen lassen. Vielmehr werden sie ganz langsam und gemächlich ihre Karten zum Wohle ihrer Industrie ausspielen und einen Schritt nach dem Anderen gehen.

Gleichzeitig wird man sich weiter zur Welt öffnen, der man durch die Historie des Commonwealth ja sowieso schon mehr verbunden ist, als der typische Kontinental-Europäer.

Und so ist es keineswegs unmöglich, dass am Ende der Finanzplatz London als Drehscheibe der freien Welt sogar profitiert. Einige Geschäfte, wie das mit europäischen Staatsanleihen, werden sicher abwandern. Andere Geschäfte werden hinzu kommen. Der Saldo muss aber nicht negativ sein, es kommt wie immer auf die Details an.

Das grosse Pfund Englands ist aber im wahrsten Sinne des Wortes erstens das Pfund, die Hoheit über die eigene Währung. Und zweitens die Tatsache, dass man nun die Macht über den Prozess hat und diesen beliebig nach Gusto dehnen oder beschleunigen kann.

Und nun schauen wir doch mal auf die EU und den Euro. Die haben in meinen Augen das viel grössere Unsicherheitsproblem.

Denn die Existenz des Euros ist nun endgültig in Frage gestellt und ich wage die Behauptung, dass wir in 10 Jahren von jetzt die Währung nicht mehr haben. Vielleicht noch dem Namen nach, aber nicht mehr dem Inhalt nach.

Gleichzeitig ist klar, dass die EU sich massiv verändern müsste, schaut man aber auf das Crescendo der Stimmen sieht man schnell, dass hier keinerlei Konzept existiert und die Gegensätze nun erst recht aufbrechen.

Der Kerngegensatz ist dabei das zutiefst unterschiedliche Staatsverständnis zwischen Frankreich und Deutschland, das nur mühsam kaschiert wird. Deutschland denkt in den Kategorien eines föderalen Bundesstaates und will eine halbwegs staatsfreie Wirtschaft. Frankreich fröhnt nach wie vor dem Zentralismus und dem Interventionismus, bei dem Staat und Wirtschaft zwar formal getrennt sind, aber faktisch eine Einheit bilden.

Diese Gegensätze drohen nun offen aufzubrechen, während gleichzeitig an der Peripherie Europas keine einzige Krise je gelöst wurde, auch wenn sich Merkel und Co. gerne im beliebten Habitus des Krisenmanagers sonnen. Alles wurde aber bisher nur vertagt und aufgeschoben, gelöst und abgeräumt, wurde keines der Strukturprobleme des Euros und der EU.

Und nun stellen wir uns mal vor, bei der kommenden Präsidentschaftswahl in Frankreich wird LePen gewählt, die aus dem Euro heraus will. Dann macht es laut *Peng* in Euroland und der mit Draghi-Luft gefüllte Währungsballon platzt mit einem Knall.

Nein, die Unsicherheiten in der EU und der Eurozone sind nach meiner Vermutung nun viel grösser als in GB, weil sie die Substanz des Staatswesens und der Daseinsvorsorge betreffen. Und diese Unsicherheiten werden nicht weggehen, weil die EU sich überdehnt hat und viel zu heterogen ist, um nun zügig zu einer neuen Strategie zu kommen.

Und deshalb sollten wir nicht dem beliebten Narrativ so einfach folgen, nachdem GB nun das Problem hat. Ja, GB hat nun ein Problem, die EU aber wohl ein viel Grösseres und ich gehe davon aus, dass das dauerhaft den Euro und die kontinentalen Aktienmärkte belastet.

Relativer Gewinner innerhalb der EU wird aber immer noch Deutschland sein. Denn wo würden Sie als Unternehmen denn hingehen, wenn die EU sich zu desintegrieren beginnt, sie aber unbedingt auf dem Kontinent Geschäfte machen wollen?

Die Antwort ist klar, in den grössten und stabilsten Wirtschaftsraum und das ist eben Deutschland. Gerade der Immobilienmarkt der Ballungszentren, dürfte durch weiteren Zuzug gestützt werden. Stellen Sie sich doch nur 10.000 Londoner Banker vor, die mit ihren Aston Martins nach Frankfurt kommt, dann wissen Sie, was das für Toplagen bedeutet.

Und klar ist auch, dass wir uns als Bürger in Euroland nun mit der Diversifizierung unseres Vermögens in andere Währungsräume beschäftigen sollten. Alle Eier in "Muttis Eurokorb" zu haben, ist keine gute Idee, wenn der Euro mal implodieren sollte und dafür genügt wie gesagt wohl schon ein Sieg von LePen in Frankreich. Dieses Thema besprechen wir gerade auch in der Mr-Market Community.

Ich schaue daher mit Interesse gerade heute auf den britischen Aktienmarkt und sehe zum Beispiel, dass der FTSE100 der 100 grössten Börsenunternehmen auf der Insel, eine hoch interessante Struktur zu formen scheint, die durchaus eine markante Wendeformation werden könnte:

FTSE100 27.06.16

Der DAX dagegen ist viel schwächer und ohne eine derart ausssichtsreiche Struktur, von den "Club Med" Aktienmärkten ganz zu schweigen.

Denken wir also mal das für viele derzeit Undenkbare. Kann es nicht sein, dass der in die Welt orientierte britische Aktienmarkt, nun zu den Gewinnern der kommenden Monate gehört, während die massive Unsicherheit über die Zukunft von EU und Euro, weit schwerer auf den Kontinentalmärkten lasten wird?

Ich kann Ihnen das heute nicht verbindlich sagen, denn die Zukunft ist offen und noch nicht geschrieben. Nicht der Brexit entscheidet die Zukunft, der ist nur ein Katalysator. Glauben wir aber nicht den einfachen Erklärungen aus dem Munde derer, die die Welt immer gerne in Gut und Böse einteilen.

Ob Grossbritannien nun besonders prosperiert oder nicht und ob der Euro doch überlebt oder nicht, entscheidet sich nun aussschliesslich durch die klugen oder dummen Handlungen der Politik, die nun südlich und nördlich des Ärmelkanals in der Zukunft folgen.

Heute entschieden, ist das nicht. Fast alles ist also noch möglich, nur nicht mehr, dass das englisch Runde, mal in das französisch Eckige geht. 😉

Und unterschätzen wir London und den Selbstbehauptungswillen der Briten nicht. Britische Aktien kommen nun für mich gerade deshalb auf den Radar, weil die ganze Welt etwas Anderes zu denken scheint.

Am Markt ist es aber immer so, dass die einfachen Antworten eher die Falschen sein müssen.

Ihr Hari

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