Prognosiritis – eine das Ego pflegende, ansteckende Krankheit

An einem langen Wochenende wie nun über Ostern, haben wir ja Gelegenheit, uns mal ein paar grundsätzliche Gedanken zu machen. Auch zu unserem Verhalten als Marktteilnehmer und zu den Gründen, warum sich der Börsenerfolg bei einigen von uns vielleicht nicht so einstellt, wie diese sich das wünschen.

Dabei gibt es doch ein paar Standardfallen, in die unsere Gehirne besonders gerne gehen. Und eine davon ist die von mir etwas hämisch so genannte "Prognosiritis", eine ansteckende Krankheit, die mit Selbstüberschätzung einher geht und in der wir uns einbilden, die Zukunft vorher sehen zu können. Typischerweise sogar noch besser als der Markt, hinter dem letztlich die geballte Intelligenz vieler anderer Marktteilnehmer steht.

Die Krankheit ist deshalb so ansteckend, weil sie unser Ego pflegt. Es fühlt sich einfach gut an, sich selber zu den "Wissenden" zu zählen, weil man alle anderen damit herab setzen kann. Man muss nur in die Foren der grossen Medien schauen, da findet man sie alle, diese von "Prognosiritis" heimgesuchten Selbstdarsteller, die alle ganz genau wissen, warum die Zukunft so oder so sein "muss" und diesen Glauben mit entsprechender Bugwelle vor sich her tragen.

Dummerweise "muss" die Zukunft gar nichts und unser Hirn hat einen so massiven -> Referenzeffekt <-, dass wir uns die Zukunft letztlich immer nur als Fortschreibung schon bekannter Entwicklungen vorstellen können. Das ist ja auch kein Wunder, wie soll man sich denn etwas vorstellen, was man sich noch nicht vorstellen kann?

Und deshalb machen diese ganzen Zukunfts-Prognosen selbst ernannter "Experten" eher blind für die Realität, denn wenn wir uns einmal gedanklich mit einer Prognose identifiziert haben, suchen wir nur noch selektiv nach Nachrichten, die diesen unseren Bias bestätigen.

Genau das ist der Grund, warum es Marktteilnehmer gibt, die 2009 angefangen haben gegen den Markt zu wetten, weil sie dem Anstieg nicht trauen und damit bis heute nur dann aufgehört haben, wenn sie ihr Depot endgültig geschrottet haben.

Futter für das Ego sind dabei die diversen "Crash-Gurus", die immer dann dem Bias wieder neue Nahrung geben, wenn der Anleger endlich mal angefangen hat, sich mit der Realität der steigenden Märkte zu befassen.

Auch die Community der Anhänger des gelben Gottes (auch "Gold-Bugs" genannt) unterliegt diesem Mechanismus. Praktisch jeden Monat seit Jahren, kann man in den diversen Quellen lesen, dass Gold ja nun "bald" zum "grossen Anstieg" ansetzen wird und man den auf keinen Fall verpassen darf.

Irgendwann wird das auch mal eintreffen, nur hat man dummerweise vorher jahrelang die wahren Gewinne verpasst. Und das nur, weil das Ego es nicht zulassen wollte, von dem einmal gefassten Glauben abzuweichen.

Die Wahrheit ist aber, Prognosiritis ist eine Krankheit und schädlich für das Depot. Und niemand kennt die Zukunft, die sogenannten "Experten" schon gar nicht. Es gibt für diese Wahrheit auch einen wissenschaftlichen Unterbau, man darf die Welt nur nicht mehr als Menge simpler Kausalbeziehungen begreifen.

Leider sind unsere Gehirne aber evolutionär auf solche Kausalbeziehungen trainiert, das Verständnis für einen reflexiven Markt und für komplexe, selbstreferenzielle Systeme, müssen wir uns dagegen erst mühsam und gegen unsere eigenen Instinkte erarbeiten. Genau deshalb ist Börsenerfolg auch für uns so schwierig.

Ich habe den Hintergrund im grundlegenden Artikel -> Reflexivität - die wichtigste abstrakte Börsenerkenntnis überhaupt <- dargestellt und ich kann Ihnen nur *dringend* empfehlen, diese Artikel intensiv zu lesen.

Denn wenn Sie begriffen haben, was die Reflexivität bedeutet und warum der Markt sich unter der Beobachtung von uns allen zwangsläufig selbstreferenziell verändert, können Sie über einfache Ursache->Wirkung Prognosen zum Markt nur noch herzlich lachen.

Und Erfolg am Markt hat entgegen der landläufigen Meinung absolut *nichts* damit zu tun, über die Zukunft das grosse Ratespiel zu betreiben. Erfolg hat viel mehr mit Beobachtung der Realität zu tun und damit ernst zu nehmen und intensiv zu verfolgen, was real ist.

Ich schreibe meinen Lesern daher die folgenden Zeilen immer und immer wieder und das bringt es auf den Punkt:

Wir sollen handeln, was wir real im Marktgeschehen sehen und nicht das, was wir gerne sehen würden.

Nun wollte ich zum Thema heute eigentlich gar keinen langen Artikel schreiben, auch wenn es schon wieder einige Worte geworden sind. Ich wollte vielmehr zumindest teilweise auf Texte zurück greifen, die ich schon in Hari Live mit den Mitgliedern geteilt habe. Und wurde unter anderem bei einem Artikel vom Mittwoch 09.07.14 09:40 fündig, den ich damals einen Tag nach dem sensationellen 7:1 Sieg der deutschen Fussball Nationalmannschaft gegen Brasilien geschrieben habe.

Lesen Sie also vom Tag nach dem 7:1 Sieg und von Zukunftsprognosen, die vor 25 Jahren erstellt wurden:

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Das was gestern in Belo Horizonte passiert ist, war so etwas wie ein "schwarzer Schwan". Ein Ereignis, das sich schlicht niemand vorstellen kann. Mich würde mal interessieren, ob irgendein Spassvogel dieses Ergebnis bei den Londoner Buchmachern konkret getippt hat. Wobei das 7:1 dem Ereignis ja gar nicht gerecht wird, 5:0 nach 30 Minuten gegen den Rekordweltmeister trifft den "schwarzen Schwan" weit präziser. Und hätte die deutsche Mannschaft da nicht aufgehört und in der zweiten Hälfte nicht nur noch locker gekickt, hätte es auch zweistellig werden können.

Gerade gestern habe ich auch einen weiteren Artikel gefunden, der wunderbar zum Thema Prognosen passt. Sie wissen vielleicht, dass ich mich schon in der Vergangenheit über die vergangenen Prognosen sogenannter "Zukunftsforscher" lustig gemacht habe. Und selbst echte Fachleute, die wissen worüber sie reden, sollten besser keine konkreten Zukunftsprognosen machen. Denn wie sagte der IBM Chef Thomas Watson 1943 so schön : "I think there is a world market for maybe five computers." 😉

Nun haben Sie es hier im Artikel -> Was das WSJ 1989 von der Welt in 25 Jahren erwartete <- noch einmal schwarz auf weiss.

Lesen Sie das unbedingt mal, es ist lustig und interessant. Und der wichtigste Punkt wird am Ende erwähnt: "Damit verfolgten sie die in den 1980er Jahren etablierten Denkmuster weiter."

Genau das ist das Problem. Mit Zukunftsprognosen, können wir Menschen die etablierten Denkmuster und Weisheiten in die Zukunft linear fortschreiben. So wurde aus der erfolgten Mondlandung halt die zwangsläufige Marslandung und ähnliches. Wir sind aber völlig blind, was die grossen Umbrüche, Überraschungen und neuen Entwicklungen angeht. Die aber bestimmen letztlich die Zukunft. So wäre die Welt ohne den Fall des eisernen Vorhangs ohne Frage heute eine andere. Und wer wollte den vorhersagen ?

Wenn Sie also mal wieder von jemandem lesen, wo der DAX 2015 oder 2018 stehen wird, blättern sie weiter. Und fühlen Sie sich auch bei den vermeintlich sicheren Anlagen, nie völlig sicher. Die Solarthematik ist bei mir aktuell so ein Thema. Ich bin völlig von der guten Zukunft des Sektors überzeugt und trotzdem macht mich gerade das aufmerksam und ich werde nicht nachlässig werden, diese Weltsicht immer wieder auf den Prüfstand zu stellen.

Es schadet überhaupt nicht, über die Zukunft nachzudenken. Im Gegenteil, sich verschiedene Szenarien zurecht zu legen, ist sinnvoll und macht das Leben später leichter. Der Fehler liegt aber im Unterschied zwischen einem Szenario und einer Prognose. Im ersten Fall ist es eine Möglichkeit unter vielen. Man hat sie im Auge, mehr aber auch nicht. Und wenn es anders kommt, dann ist es auch ok. Im anderen Fall ist es aber eine Festlegung, hinter die man typischerweise sein Ego und manchmal sogar seine Reputation stellt. Eine Festlegung, die einen daher dann auf fatale psychologische Art und Weise bindet.

Bleiben Sie also locker opportunistisch im besten Sinne des Wortes und akzeptieren Sie die Überraschungen des Marktes gelassen als eine Selbstverständlichkeit und als Chance. Dann wird es Ihnen leichter fallen, dem Markt profitabel zu folgen.

Ihr Hari

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