Vom Boden



Es ist bei großen Krisen immer das Gleiche. Bei jeder kleinen Gegenbewegung sind sofort einige da, die einen Boden wittern und die Aktien nun für Schnäppchen halten. Bei 10% Minus, bei 20%, bei 30% und so weiter.

*Irgendwann* haben diese zu zappeligen und vorschnellen Käufer auch Recht, irgendwann entwickelt sich aus einem finalen Ausverkauf auch wirklich ein Boden, dumm ist nur, dass man das erst hinterher weiss und Kurse in schweren Krisen gerne tiefer fallen, als man sich zu Beginn vorstellen konnte.

Dabei ruhig zu bleiben und nicht zu schnell FOMO zu erliegen - der "Fear Of Missing Out" - hilft uns auch ein typischer Ablauf solcher Korrekturen, nennen wir es das "Standard-Modell". In dem Modell setzt nach einem massiven Ausverkauf eine starke Gegenbewegung ein, die typischerweise bis maximal zur Hälfte des Absturzes nach oben schiebt. Beim S&P500 würde das aktuell Potential bis etwa 2.800 begründen.

Danach entwickeln sich im Standardmodell neue Zweifel, lassen die Kurse erneut fallen, die Ausverkaufstiefs testen und im Idealfall drehen die Kurse dann vorher und dann ist der Boden da. Dann, nicht am Ende des ersten Ausverkaufs!

Weswegen es eben wenig Grund gibt, permant von FOMO getrieben in ein fallendes Messer hinein zu greifen, nur weil man meint, nun seien die Kurse weit genug gefallen.

Ja, erste Teilkäufe bei echten Qualitätsaktien können durchaus Rationalität haben, da man den exakten Boden sowieso nie trifft, macht ein scheibchenweiser Einstieg sowieso Sinn. Aber das wirkliche Einstiegssignal kommt eben nicht am Ende des ersten Absturzes, es kommt im Standard-Modell erst später danach.

Und auch klar ist, dass das Standardmodell nur in vielleicht 60-70% der Fälle richtig ist, Wert hat es trotzdem, sich daran zu erinnern.

Damit stellt sich vielen nun natürlich die Frage, wann dieser Zeitpunkt denn beim aktuellen Geschehen rund um Covid-19 gekommen ist?

Gerne werden dann eindimensionale Antworten gegeben oder man orientiert sich am eigenen Risikoempfinden, das aber sowieso nicht sychron mit dem Markt ist und daher ungeeignet.

Es wird nicht bis zum Ende der echten Krise dauern und auch nicht bis wir als Bürger aus dem Lockdown heraus dürfen, bis der Markt einen neuen Morgen riecht. Es genügt schon, dass ein Abflauen der Infektionen absehbar ist und der Markt wird mit neuem Zutrauen wieder steigen.

Und dabei kann uns nun der Lockdown immens helfen, der nun auch bei uns in Europa in Gang ist. Man kann nur hoffen, dass auch die US bald durchgreifende Maßnahmen beschliessen, denn erst ab dann besteht eine Chance, dass drei Wochen später die Fallzahlen zu fallen beginnen.

Gerne wird dann eindimensional argumentiert, dass ja diese Maßnahmen in der Wirtschaft viel mehr Schaden anrichten würden als das Virus. Das ist aber grundfalsch, denn die Wirtschaft kann mit planbaren Auszeiten gut umgehen, nicht aber mit monatelanger Unsicherheit. Eine 2-monatige Auszeit werden die meisten Firmen mit ihren Reserven überleben, ein unplanbares Chaos den Rest des Jahres dagegen nicht.

Ein Lockdown zieht auch den Moment der maximalen Unsicherheit nach vorne, genau das was wir gerade erleben. Wir sind dann persönlich betroffen und die Börsen rauchen ab, mehr gefühlte Krise geht gar nicht. Das Maximum der Angst ist aber auch gerne der Moment, an dem der Markt seine Tiefs auslotet.

Natürlich ist das Virus nach dem Lockdown nicht weg, das ist doch völlig klar und natürlich geht die Durchseuchung weiter, die entscheidende Frage ist aber ob chaotisch oder geordnet und der Umgang der Gesellschaft mit dem Problem ist nach dem Lockdown ein ganz anderer.

Es hat sich dann ein neuer "Modus Operandi" gefunden, wie das Leben mit verringerten Sozialkontakten weiter geht. Auch die Diskussionen um die Notwendigkeit der Maßnahmen sind weg. Kliniken und Firmen haben dann auch einen neuen Operationsmodus gefunden, der zwar wirtschaftlich gedämpft ist, aber das Leben weitergehen lässt.

Letztlich geht es darum, *jetzt* dem Monster der exponentiellen Entwicklung den Kopf abzuschlagen und damit ein handelbares Plateau zu erreichen, mit dem wir dann eben 1-2 Jahre leben müssen, bis Impfungen da sind.

Und genau das kann dieser Lockdown nun schaffen, je schneller er auch in den US kommt, desto besser.

Dass man dafür 2 unnötige Wochen noch gewartet hat und den Karneval noch hat laufen lassen, obwohl der Verlauf absehbar war, ist eigentlich unverzeihlich aber aus Sicht der Politik verständlich, wenn man sich selbst jetzt noch die Ignoranz von Teilen der Bevölkerung anschaut, was "Social Distancing" angeht.

In dem Zusammenhang empfehle ich uns allen mal -> dieses kurze Video von WHO Direktor Michael Ryan <- anzuschauen.

Was er mit "Be fast, have no regrets" als richtige Haltung in Krisensituationen beschreibt, entspricht dem was wir an der Börse "If panic, panic first" nennen und dessen Wahrheit im Absturz ja wieder bewiesen wurde.

Genau so ist es mit dem Containment dieses Virus, das genau dann perfekt gelingt und die ökonomischen Folgen minimiert, wenn man sofort konsequent agiert, wie es Taiwan beispielhaft getan hat und trotz der Nähe zu China nun kaum betroffen ist. Wer dagegen aus Angst vor wirtschaftlichen Folgen zu lange zögert, wird diese Folgen erst richtig schmerzhaft bekommen.

Wir werden nun also in Europa 2-3 Wochen stark steigende Fallzahlen erleben, die 2 wöchige Inkubationszeit plus die ca. 1 Woche die es braucht, bis der Zustand der schwer getroffenen Patienten sich dramatisch verschlechtert, werden ihre unerbittliche, mathematische Wirkung entfalten. Da ist schon Realität und unvermeidbar, das ist die Folge der Fehler die schon gemacht wurden.

Danach aber im April, besteht die Chance dass sich die Fallzahlen wie in China und Südkorea stabilisieren. Das alleine wird dem Markt schon immens gut tun und genau das ist der Punkt. Sobald dieser neue Modus Operandi gefunden ist, den China gerade im Begriff ist herauszufinden, wird der Markt vielleicht einen Boden finden können, denn das ist durchaus eine belastbare Grundlage.

Jeder weiss ja, dass das Problem sowieso vorbei ist, sobald Impfungen da sind und/oder die Durchseuchung der Bevölkerung hoch genug ist und damit ein Herdenschutz existiert. Wenn die Welt auf dem Weg dahin ein Plateau findet, geordnet mit immer wieder aufflammenden Neuansteckungen umzugehen, ist auch das eine belastbare Grundlage und der Markt wird schon steigen, weil er das Ende und die Impfungen schon vorweg nimmt.

Dann werden auch die massiven Liquiditätschübe der Notenbanken und die staatlichen Ausgabenprogramme ihre Wirkung entfalten. Die können zwar niemanden gesund machen und auch den Lockdown nicht verkürzen, aber den wirtschaftlichen Wiederaufstieg extrem beschleunigen und verstärken, weswegen Vergleiche mit dem langsamen Rebound nach der spanischen Grippe wohl falsch sind.

Heute, Montag früh, scheinen die massiven Maßnahmen der Notenbanken noch das Narrative der allgemeinen Panik zu bestätigen, ihre Wirkung werden sie trotzdem haben, nur verzögert, weil es erst Hoffnung an der Front der Infizierten braucht.

Heisst konkret für eine Bodenbildung:

Wenn der Lockdown nun flächendeckend kommt, haben wir im April schon eine erste Chance einen Boden zu finden, weil die Lage von angstmachender Expansion der Fallzahlen in ein beherrschbares Plateau wechselt, mit dem sich leben lässt.

Bis dahin werden wir aber extreme Volatilität erleben, wie auch heute. Und auch Krisen-Maßnahmen wie Börsenschliessungen sind in der Panik-Phase nicht völlig auszuschliessen, obwohl ich befürchte, dass sie die Verunsicherung eher steigern würden. Diese Entscheidung muss ja aber nun nicht ich treffen.

Erhebliche Einschränkungen der Globalisierung wird es für uns als Bürger aber weit über einen Boden an den Fínanzmärkten hinaus bis zur Impfung bedeuten, insofern ist es auch unrealistisch davon auszugehen, dass dann schnell alles wieder Friede, Freude, Eierkuchen ist. Sobald die Unsicherheit weg ist, wird der Stimulus der Notenbanken aber wieder positiv wahrgenommen werden und seine Wirkung entfalten.

Trotz aller Gedanken um eine Bodenbildung, sei aber nachdrücklich daran erinnert, dass wir einen Markt vor uns haben, der technisch *kaputt* ist und in dem nun massive Risiken "unter der Decke" existieren. Hedge Funds werden in Probleme geraten sein, Kredite werden ausfallen und Banken vielleicht wackeln.

Deshalb besteht weiter erhebliches Abwärtsrisiko, Volatilität auf jeden Fall, die Risiken sind hoch. Je schneller der Lockdown nun aber wieder eine kontrollierbare Lage herstellt, desto weniger Pleiten und wirtschaftliche Folgen wird es geben.

Im besten Fall finden wir dann im April einen Boden, im schlechtesten Fall funktioniert das Containment nicht, die Welt rutscht über Monate ins Chaos und dann werden alle die nun bei 10, 20 oder 30% Minus gekauft haben, das schwer bereuen und wir werden dann auch andere Krisen wie Kreditkrisen und Währungskrisen sehen, die sich aus der Pandemie heraus entwickeln.

Jeder der Ihnen nun diesen Ablauf weissagen will, ist ein Aufschneider. Wir wissen es nicht, weil wir nicht wissen wie gut ein Lockdown in der westlichen Welt funktioniert und auch nicht, wie sich das Virus in einer zweiten Welle verhält. Auch ist noch völlig offen, wie lange Infizierte überhaupt Immunität besitzen, denn ohne Impfung wird erst die Durchseuchung und der Herdenschutz dem Spuk ein Ende setzen.

Also, wir als Anleger sollten uns merken:

Erstens, eine potentielle Bodenbildung ist ein Prozess. Sie kann durchaus mit einem Ausverkauf wie am Donnerstag beginnen, aber danach gibt es typischerweise noch viel Hin- und Her, bevor dann wirklich ein Boden gefunden wurde.

Zweitens, selbst ein Rebound bis knapp unter 3.000 im S&P500 würde nicht garantieren, dass der Markt nicht erneut zu den Tiefs läuft, so wie das im Standardmodell üblich ist.

Drittens, das Geschehen ist absolutes Neuland für alle, so eine Pandemie hat es in der globalisierten Welt noch nicht gegeben. Weil das so ist, sollten wir vorsichtig mit Vergleichen mit vergangenen Krisen sein. Die spanische Grippe vor hundert Jahren in einer Welt der Grenzen und ohne Flugverkehr, kann kein Vorbild für den Verlauf in einer globalisierten Welt sein.

Viertens, die wirklich durchschlagenden Risiken für die Weltwirtschaft sind nicht das Virus an sich, es ist völlig klar, dass das temporär ist und vorbei geht. Kritisch sind die Dinge die sich daraus entwickeln könnten, wenn man eine Situation ungeordnet eskalieren lassen würde. Das könnte bis zum Verfall der öffentlichen Ordnung gehen, weswegen der Lockdown nun genau richtig ist und es unsere Pflicht als Mitglieder einer Sozialgemeinschaft ist, uns daran zu halten - zum Schutz aller.

Fünftens, Armageddon - der Zusammenbruch des Finanzsystems - ist nun nicht mehr völlig auszuschliessen. Ich würde aber nach wie vor nicht darauf wetten, sondern eher auf die Fähigkeit der Menschheit eine Lösung für das Virus zu finden und auf die Fähigkeit der "Powers that be", die Weltwirtschaft am Laufen zu halten.

Dass die Crash-Propheten, die seit 12 Jahren falsch liegen nun teilweise schon vorschnelle "Siegesrunden" drehen, ist ein gutes Zeichen. Keiner von denen hat auch nur ansatzweise eine Pandemie auf der Rechnung gehabt, die Siegesrunden sind lächerlich und eher Kontraindikator - auch eine kaputte Uhr zeigt zweimal am Tag die richtige Uhrzeit an. Aber wer sich in deren Gedankenwelt hat ziehen lassen, ist für erfolgreiche Geldanlage sowieso verloren.

Dieses überdehnte Finanz-System wird fraglos irgendwann scheitern, weil es auf Interventionen basiert, die nicht beliebig fortzusetzen sind. Ob der Zeitpunkt aber schon heute ist, weiss niemand und die Crash-Propheten schon gar nicht. Noch haben die Notenbanken viele kreative Möglichkeiten, die noch nicht versucht wurden und ein massiver fiskalischer Impuls der Exekutive steht noch aus.

Kluge Anleger ergehen sich nicht in Prognosen für etwas, was historisch einmalig und daher ohne Vorlage ist. Kluge Anleger werden in so Phasen ruhiger, reduzieren ihre Risiken, halten ihre Strategie ein und blenden das mediale Rauschen aus, so gut es geht. Auch das wird vorbeigehen, fragt sich nur wie tief es vorher fällt.

Vor uns liegt nun also eine Phase von wenigen Wochen, in denen die Angst und Panik vermutlich ihren Höhepunkt erreichen wird und uns auch aus unseren Krankenhäusern gruselige Nachrichten erreichen werden wie aus Italien. Das ist unvermeidlich, weil durch den zu späten Lockdown bei der zeitlichen Verzögerung der Krankheit im Körper sozusagen schon passiert. Danach aber haben wir die Chance auf eine Wende, falls der Lockdown funktioniert.

Ihr Michael Schulte (Hari)

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