Size Matters!



Es ist ein häufiges Phänomen, dass Anfänger mit ihrem neuen Demo-Depot traden als wären sie im Godmode. Klaro, bei diesem "Paper Trading" spielen unwichtige Details wie Positionsgröße, Risiko, Drawdown & Konsorten keine große Rolle und das Affenhirn schaut dem Treiben nur gelangweilt und teetrinkend zu. Doch wehe, das Konto wird mit etwas Taschengeld scharf geschaltet, da freut sich das Äffchen und lehrt dem Neuling Demut. Dies wurde von Mark Minervini auf seinem Blog schon mal gut auf den Punkt gebracht.

“It’s like preparing for a professional boxing match by only shadowboxing; you won’t know what it’s like to get hit until you enter the ring with a real opponent. Paper trading does little to prepare you for when you are trading for real and the market delivers a real punch. Because you are not used to feeling the emotional as well as the financial pressure, it will be unlikely that you will make the same decisions you did in your practice sessions.” (Mark Minervini)

Ich selber war vor dieser Erfahrung übrigens weitgehend gefeit. Allerdings nicht wegen meiner Klugheit und Selbstreflexion, sondern weil ich schon im Demo-Depot eher in der Verlustzone zuhause war :o)

Ein maßgeblicher Faktor, der das “shadowboxing” in den echten Ring überträgt ist die Positionsgröße. Auch hier im Blog und anderen ernstzunehmenden Quellen ist dies stets ein zentrales Thema. Mehrere Artikel widmen sich hier der Positionsgrößenstrategie für längerfristige Investments; in ->Daddeln sie mal<- warb Hari darum, einfach mal ein paar Trades mit kleinen Positionen zu wagen, die das Äffchen nicht aufwecken; und Calvin illustrierte jüngst in ->Ein sicheres Ding<- gewohnt schonungslos und amüsant, wie es ihn bei verschiedenen Gelegenheiten aufgrund zu großer Positionen zerlegt hat. Und auch ich plaudere am Ende des Artikels mit Offenlegung meiner Trades etwas aus dem eigenen Nähkästchen.

Es gibt wohl verschiedene Gründe für eine große Positionsgröße, aber die häufigste hat Calvin ganz treffend in einem Satz in seinem Artikel umschrieben: "Da das so sicher war, hatte ich die Position entsprechend groß gewählt – es soll sich ja lohnen!" Oft fängt es harmlos an: Eine interessante Chartstruktur gepaart mit positiven News über das Unternehmen machen uns neugierig und sorgen für eine leichte Ausschüttung des Neurotransmitters Dopamin im sogenannten Nucleus Accumbens unseres Affenhirns. Soweit auch kein Problem, ein leichtes Besprenkeln dieser Hirnstruktur mit Dopamin wirkt erstmal motivierend, genauso wie ein wenig Stresstransmitter durch den leichten Nervenkitzel noch keinem geschadet hat; sie machen wach und steigern unsere Aufmerksamkeit. Doch eine etwas tiefergehende Recherche zur der Aktie mit etwas Confirmation Bias im Tank führt dann aber schnell zu der Überzeugung es hier mit einem echten "hidden gem" mit Tenbagger-Potential zu tun zu haben. Da wird noch schnell der Taschenrechner gezückt, die potentiellen Gewinne hochgerechnet und "Die Rende ist sischä". An diesem Punkt ist es meist schon zu spät, Dopamin-Überdosis -> Positionsgröße hochschrauben -> buy buy.

Tatsächlich zeigte im Jahre 2015 eine Londoner Forschergruppe, dass künstliches Boosten der Dopamin Konzentration im Gehirn von Probanden zu risikoreicheren Entscheidungen in einem experimentellen Investitionsspiel führen, im Gegensatz zu einer Placebo-Kontrollgruppe. Dieser Effekt war Dosisabhängig; je mehr Dopamin, desto höher das gewählte Risiko. Übrigens wurde die Dopaminkonzentration hierbei durch Gabe des Medikaments L-DOPA moduliert (eine chemische Vorstufe von Dopamin). Dieses Medikament wird auch zur Behandlung von Parkinson-Patienten eingesetzt, deren Symptomatik durch Absterben von dopaminproduzierenden Nervenzellen hervorgerufen wird. Nicht zufällig sind häufige Nebenwirkung dieser Behandlung Selbstbelohnungszwänge wie Spielsucht, Hypersexualität oder zwanghaftes Shoppen.

Aber zurück zur Positionsgröße. Jetzt haben wir eine riesige Position eingebucht und das eigentlich überschaubare Risiko im Markt wird nun zum gehebelten Risiko im Geld. Durch diesen Hebel werden schon die kleinsten Marktbewegungen als Bedrohung wahrgenommen, so dass wir schon die natürlichen Grundschwankungen und Atemzüge des Marktes nicht mehr gut aushalten können. Ein kleiner Schub nach oben = Fallhöhe = Angst über Verlust des Profits; ein kleiner Abrutscher nach unten = Verlustpanik. Nachdem uns Dopamin nun in diese Hochrisikosituation reinmanövriert hat übernimmt an diesem Punkt das Stresshormon Cortisol den Taktstock und dirigiert uns mit Angst und Panik immer tiefer in die Stressantwort. Wie schon ausführlicher in meinem Artikel ->Angstlähmung<- beschrieben (siehe auch Abbildung links), dringen die Stresstransmitter in die synaptischen Strukturen unseres “Affenhirns” ein und blockieren die Übertragung der Nervenzellen des präfrontalen Cortex. Dadurch setzt Cortisol den beruhigenden und rationalen Einfluss des präfrontalen Kortex auf unser Affenhirn außer Kraft und versetzt uns in einen irrationalen Autopilot-Modus. Im besten Fall folgt der Panikverkauf um kleine Profite zu retten (aber mögliche weitere Gewinne zu verpassen), oder um Verluste klein zu halten (aber vielleicht zu früh abschneiden). Im schlimmeren Fall sind die Verluste schon zu groß um sie einfach abzustoßen; man klammert sich in der Hoffnung auf einen guten Ausgang an der Position fest, oft vergeblich und mit massiven Verlusten.

Und jetzt schauen Sie sich auf dem Hintergrund mal meine eigenen Trades an (siehe Abbildung rechts). Hier habe ich den Profit aller meiner Einzeltrades seit etwa letzten November gegen die jeweilige Positionsgröße aufgetragen. Für mich ein ziemlicher Augenöffner: Kleine Positionsgrößen unter 1000$ sind wenig profitabel. Oberhalb der 1000$ Grenze scheint sich in meinem Kopf aber ein Hebel umzulegen, denn die Anzahl der profitablen Trades mit über 5% bis zu 30% Gewinn mehren sich hier plötzlich, während sich die Verluste nur im geringen Maße erhöhen. Noch etwas besser schneiden die Trades mit Positionen zwischen 1500$ - und 2000$ ab. Überschreitet die Positionsgröße aber die 2000$ Grenze, brechen die Gewinne ein, so das ich in diesem Bereich unterm Strich Verluste mache.
Mein persönlicher "Sweet Spot" im Hinblick auf Positionsgrößen liegen für Trades also zwischen 1000$ und 2000$. Alles darunter funktioniert nur mäßig gut, alles darüber führt eher zu Verlusten. Warum? Im unteren Positionsgrößenbereich unter 1000$ finden sich zum großen Teil kleinere Daddel-Positionen, die ich einfach mal in den Markt geworfen habe. In diesen Fällen war die Positionsgröße einfach zu klein und uninteressant, um mich durch mein dopaminerges Motivationssystem zu detaillierteren und aufmerksamen Analysen bewegen zu lassen und dementsprechend waren diese Trades meist eher Arschbomben. Ein anderer Teil waren einfach recht risikoreiche Trades. Interessant wird es dann oberhalb der 1000$. Dies scheint bei mir eine psychologische Marke zu sein, bei der sich mein Belohnungssystem durch Gewinnantizipation in Gang setzt und ich mich intensiver mit dem Setup, Unternehmen und Einstieg befasse. Antizipation und leichter Nervenkitzel bewirken eine austarierte Ausschüttung von Dopamin und eventuell etwas Cortisol und mein Stress- und Angstsystem im Reptiliengehirn ist in diesem Positionsgrößenbereich noch gut unter der Kontrolle des präfrontalen Kortex. Es gelingt mir gut, den Trades nach unten etwas mehr Luft zu lassen und trotzdem hart abzuschneiden, auf der anderen Seite jedoch Gewinne laufen zu lassen. Oberhalb der 2000$ Marke gelingt mir dies auf einmal nicht mehr. Man sieht deutlich, dass ich (prozentual) nur noch kleine Gewinne und kleine Verluste eingefahren habe. Kleine Gewinne deshalb, weil schon kleine Marktbewegungen eine starke Stressantwort in meinem limbischen System ausgelöst haben und ich mit kleinen Profiten verkauft habe. Kleine Verluste deshalb, weil ich die initialen Stopps aus Angst vor Verlusten viel zu knapp gewählt habe, oder die Trades manuell sehr früh abgeschnitten habe. Insgesamt ist nämlich auffällig, dass innerhalb meine profitablen Range zwischen 1000 und 2000$ auch die Verluste etwas größer sind, als bei Positionsgrößen unterhalb der 1000$ und oberhalb der 2000$. Dies könnte darauf hin deuten, dass ein etwas höheres initiales Risiko bei den Positionsgrößen zwischen 1000 und 2000$ auch höhere Gewinne begünstigt. Trägt man den Profit der Trades gegen das jeweilige initiale Risiko auf, bestätigt sich diese Annahme. Trades mit einem zu knapp gewählten Stopp Loss von unter 2% erzielten bei mir keine großen Profite, egal wie groß die Position ist (siehe Abbildung links; Blasengröße = Positionsgröße).

Man sieht also, dass die Auswertung meiner eigenen Trades recht gut die oben beschriebenen neuronalen Prozesse bei verschiedenen Positionsgrößen widerspiegelt. Auch wird hierbei klar, dass das Präferendum der Positionsgrößen etwas höchst individuelles ist. Der optimale Bereich ergibt sich sicherlich aus einer ganzen Reihe von Faktoren, unter anderem der Depotgröße, dem zeitlichen Horizont des Depots oder der generellen persönlichen Risikobereitschaft. Deshalb muss jeder für sich seinen persönlichen Sweet-Spot durch ausprobieren und analysieren herausfinden und dann konsequent in diesem Bereich bleiben.

Haben wir denn dann überhaupt eine Chance größere Positionen einzugehen um aggressiv größere Profite zu erwirtschaften? Sind wir Sklaven unseres eigenen Positionsgrößen-Präferendums? Nein, es gibt natürlich Strategien dies zu umgehen, von denen auch hier im Blog und Forum schon mehrfach gesprochen wurde. Sobald man seine persönliche Positionsgröße gefunden hat könnte man beispielsweise damit als Basisgröße einsteigen und die Position bei Erfolg durch Pyramidisieren schrittweise erhöhen und mit einem aktiven Risikomanagement absichern. Eine andere interessante Möglichkeit habe ich bei James DePorre gelesen und könnte man als „time frame diversification“ bezeichnen. Hierbei wird ein Teil einer Position mit kurzen Zeithorizont gemanaged (z.B. Tage) und ein anderer Teil in einem längeren Zeithorizont (z.B. Monate). Durch die Aufspaltung der Trades sind die individuellen Positionsgrößen nicht so mächtig und das Risiko wird in den unterschiedlichen Zeithorizonten unterschiedlich groß bewertet, da auch der mögliche Profit in einer anderen Größenordnung liegt. Aber auch hier muss wohl jeder für sich selber raus finden was zu einem passt.

In diesem Sinne viel Erfolg bei der Suche!

Euer Vincent

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30 Ein sicheres Ding


Wären wir hier nicht bei Mr-Market, ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass so mancher Leser genau deshalb diesen Beitrag angeklickt hat, weil er sich einen heißen und erträglichen Tipp erhofft. Und falls Sie genau darauf gehofft haben müssen Sie es ja nicht verraten. 😉 Ich habe selbst lange nach solch sicheren Dingern gesucht. Unser Affenhirn springt einfach auf dieses verheißungsvolle Wörtchen „sicher“ an.

Nun gehören wir in diesem erlauchten Kreis tendenziell eher der Gattung „fortschrittlicher Affe“ an. Das bringt mit sich, dass man sich der Existenz und der Auswirkung des Affens in einem bewusst ist, ihn hegen und pflegen kann und ihn zu nehmen weiß. Je weiter man auf diesem Weg ist, umso besser kann man diesem Affen mit einer gewissen Distanziertheit begegnen, wahrnehmen was ihn bewegt und zielgerichtet mit ihm umgehen, ihm ab und an mal ein Zuckerl geben oder ihn auch gezielt einfach Affe sein lassen.

Einer Einschränkung unterliegen wir aber alle: Wir werden diesen Affen niemals los werden – er ist nun mal ein Bestandteil von uns. Das ist keine neue Erkenntnis, aber dieser kürzlich von Hari verlinkte -> wunderschöne Artikel von Charlie Bilello <- hat mich an ein paar meiner „das ist absolut sicher“-Momente erinnert. Und was ist das schon anderes als „Affe pur“… 😉

Anhand einiger eindrucksvoller Charts zeigt Charlie Bilello letztendlich eine simple, auch von Hari immer wieder gepredigte, Wahrheit auf:

Der Markt *muss* gar nichts. Selbst Dinge, die wir für völlig undenkbar halten, können passieren.

Wiederholung als beliebtes Stilmittel, eine Botschaft unmissverständlich klar zu machen:

Nichts ist sicher. Grob das Einzige, was tatsächlich sicher ist hat symbolisch mit einer Sense zu tun und eher wenige beschäftigen sich mit diesem Thema freiwillig.

Das Blöde: Es ist mir in der Theorie völlig klar, dass es an der Börse kein "sicher" und keine Gewissheit geben kann und falls doch wäre das halt längst eingepreist. Aber der Affe reagiert auf diese Reize, beispielsweise:

  • Die Hoffnung auf einen schnellen und hohen Gewinn ohne sich diesem unangenehmen Risiko auszusetzen, dass man vielleicht doch Geld verliert.
  • Das erhabene Gefühl des Erleuchteten, der spezielles Wissen hat, welches nicht allen vergönnt ist. Warum auch immer man diese Ausnahmestellung eigentlich sein eigen nennen können sollte – man sollte da sicherheitshalber nicht zu ausgiebig drüber sinnieren, es könnten Fragezeichen entstehen. 😉

Es gibt zahlreiche weiterer solcher Reize. Sie haben aber bezogen auf Trades eine gemeinsame Eigenschaft:

Sie führen alle dazu, dass man mit erhöhter Wahrscheinlichkeit zu große Positionen eingeht wenn man sich des Wirkens des Affenhirns nicht bewusst ist. Und solche zu große Positionen haben einen besonderen emotionalen Hebel – Hybris, wenn es in die gewünschte Richtung läuft, massiven Druck und damit erhöhte Anfälligkeit, Fehler zu begehen, wenn sich der Kurs in die falsche Richtung in Bewegung setzt. Um es besser greifbar zu machen ein paar Beispiele.

Ein teurer Tweet

Ja, Sie dürfen lächeln (bitte lachen Sie nicht zu laut) und du, lieber Hari, darfst den Kopf auf den Tisch schlagen:

„Am considering taking Tesla private at $420. Funding secured“

August 2018, Elon Musk setzt seinen legendären Funding Secured-Tweet ab. Ich war dabei, denn da war ja noch Luft nach oben. Und das sicher! Einstieg beim blauben Pfeil, das Ziel vor Augen (blauer Stern). Da das so sicher war, hatte ich die Position entsprechend groß gewählt – es soll sich ja lohnen! 😉

Das Chart zeigt den bekannten weiteren Verlauf. Musk musste zurückrudern, der Kurs folgte und meine zu große Position machte mir Druck. Das bittere, wenn man mit Überzeugung unterwegs ist: Man hat nicht zwingend die Flexibilität, die Überzeugung zeitnah in Frage zu stellen. Es kam wie es kommen musste – ich stieg zu spät (pinker Pfeil) aus einem Trade aus, den ich ohne diesen „sicher“-Aspekt vermutlich nie in dieser Größe eingegangen wäre.

Übernahme-Fantasie

Ende 2017 wollte Broadcom (AVGO) für ein saftiges Sümmchen Qualcomm (QCOM) übernehmen. Eigentlich sind solche Vorgänge für mich nie wirklich interessant gewesen. Hier war ich eher zufällig mit von der Partie:

Ursprünglich nur wegen des Chartmusters bei (1) eingestiegen, aufgrund des recht weit weg liegenden Stopps (gestrichelte Linie) dem kurzen Taucher entgangen, lag ich aufgrund des dann bekanntwerdenden Übernahmeangebots schlagartig deutlich im Plus.

Es folgten nach dem ersten Schub keine größeren Abgaben, vielmehr wurden mögliche Übernahmepreise rumgereicht, die Fantasie aufkommen ließen (Sternchen). Es grünt so grün, warum dann nicht mehr davon? Ist doch sicher. Also Position bei (2) deutlich vergrößert. Zu deutlich. Wieder eine zu große Position.

Es folgte ein Hin und Her zwischen QCOM und AVGO, denn QCOM hatte kein Interesse daran übernommen zu werden. Preislich resultierte das in einer Menge Volatilität, die mich aufgrund der zu großen Position schließlich bei (3) aus meiner Position heraus ängstigte. Autsch.

Warnzeichen

Beide Beispiele haben gemein, dass ich mich von einer Überzeugung bzw. sehr starken Meinung leiten ließ und damit Risiken einging, denen ich nicht gewachsen war. Zu viel Meinung und Überzeugung, zu große Positionen, wenig Blick nach links und rechts was möglicherweise gegen meine Überzeugung sprechen könnte – alles Bestandteil der Anatomie eines solch sicheren Trades. Und wenn sich die eigene Überzeugung (treffender wäre letztendlich wohl „Hoffnung“) nicht realisiert, dann wird man zittrig, wie das bei zu großen Positionen vermutlich vielen geht. Meist endet das schmerzhaft. Zumindest bei mir.

Schmerz hat aber auch etwas Gutes – er hat das Potential zu lehren, wenn wir denn bereit sind, das auch zuzulassen. Ich habe aus den obigen Beispielen gelernt sehr aufmerksam zu werden, wenn ich im Begriff bin, eine Position in einer für mich ungewöhnlichen Größe kaufen zu wollen. Ist doch sicher, oder? Da gehen bei mir inzwischen die Warnlampen an und so manches Mal hat mich das von weiteren Dummheiten abgehalten.

Der schaukelt das schon

Bei GE beispielsweise habe ich den Drang sehr bewusst wahrgenommen aktiv zu werden und das am Besten im großen Stil:

Anfang Oktober 2018 (blauer Pfeil) wird bekannt, dass Larry Culp das Ruder bei GE übernehmen wird. Derjenige, der erfolgreich die hier wohlbekannte und geschätze Danaher geführt hat.

Nach kurzem Gezappel triggerte die Wendeformation (1) mit dieser Nachricht im Rücken und ich musste mich beherrschen, hier die Füße still zu halten. Zum Glück gelang mir dies, denn der weitere Verlauf war nicht besonders schön.

GE ist so bekannt und groß (gewesen), dass es ein leichtes ist, ein „too big to fail“ zu unterstellen und wenn dann noch ein fähiger CEO dazukommt, was soll dann noch schief gehen?

Vermutlich hat mancher so gedacht und wenn ich hier wieder mit einer Überzeugungsposition dabei gewesen wäre – ich bin mir nicht sicher, ob ich bereits bei (2) den Absprung geschafft hätte oder ob ich nicht noch bis mindestens (3) hätte schwitzen müssen, um dann endgültig in den sauren Apfel zu beißen.

Ende gut, alles gut?

Im Prinzip ja – ein paar teure Trades des „ein sicheres Ding“-Musters haben mich vor vielen weiteren dieser Art bewahrt. Doch wie ich eingangs schrieb, das Affenhirn werden wir nie los, wir können nur lernen es in gewisse Bahnen zu lenken. Und manchmal erwischt es einen doch und man fällt noch einmal in alte Muster zurück (ich hatte das am Ende von -> Eine Frage des Ziels <- angedeutet).

So geschehen diesen Februar bei AMZN. Der Markt schob seit Oktober hoch, ich war aus Trading-Sicht zwar dabei, aber insgesamt recht verhalten, in zu vielen anderen Bereichen des Lebens war meine Aufmerksamkeit gefordert. Das war im Prinzip ok, denn mir war bewusst, dass ich nicht genug Zeit und Energie hatte, eng am Markt zu sein.

Es schlich sich aber ein Stück weit FOMO ein – so ein genialer Anstieg und ich hatte nur eingeschränkt davon profitiert. Zur gleichen Zeit schickte sich AMZN an, aus dieser fast eineinhalbjährigen Korrektur- und Seitwärtsphase auszubrechen (hier mit Wochenkerzen), wir hatten das im Forum und Hari im Stream thematisiert:

Amazon, nicht irgendeine fragliche Klitsche. Also hole ich all das, was ich in den Monaten davor verpasst hatte, jetzt einfach mit diesem sicheren Ding wieder rein. So dachte ich in einem Anfall von Affenhirn in Reinform.

Erst Überzeugung, dann große Position. Schließlich Corona. Und ich aufgrund der zu großen Position in Schockstarre wie ein Kaninchen vor der Schlange, dann aber mit Schmerzen raus (pinker Pfeil im untenstehenden Chart).

Natürlich hätte ich halten können, aber die Position war emotional zu groß für mich, mein Blick zu wenig klar dafür, dass AMZN wohl kaum dauerhaft da unten bleiben wird. Hatte mich der Markt mal wieder erwischt und der Affe sich durchgesetzt. Und damit es auch im Gedächtnis bleibt folgte dann diese Entwicklung und ich hätte sehr nett verdient, wenn ich denn dabei geblieben wäre:

Unterm Strich

Nichts, aber auch wirklich nichts an der Börse ist sicher (und falls doch, dann wäre das längst eingepreist bevor ich in meiner ach so großen Weisheit davon Kenntnis erlangen würde). Die Wahrheit liegt auf dem Platz, im Hier und Jetzt – schon morgen kann es anders aussehen.

Die beste Form von Sicherheit an den Märkten ist wohl tatsächlich das von Hari beworbene Wolkenspringen, -> die Flexibilität und Bereitschaft sich anzupassen <-, beweglich zu sein, sich nicht auf etwas zu versteifen, nur um dann mit seinen Überzeugungen (und mangelnder Beweglichkeit) unterzugehen.

Für von Natur aus eher mit dem Flugtalent eines Pinguins mit Bleigürtel augestattete Wolkenspringer wie mich ist das herausfordernd. So manches fehlende Talent kann man per Ausdauer und Beharrlichkeit ausgleichen – Talent wird oft überbewertet, auch wenn es sicherlich hilfreich und nützlich sein kann. Also kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken, aber bis das mit dem Wolkenhüpfen passabel klappt ist wohl noch ein gutes Stück Weg zurückzulegen.

Wenn Ihnen das alles nicht völlig unbekannt vorkommt und Sie auch schon den ein oder anderen Moment hatten, in dem Sie dem Affenhirn auf den Leim gegangen sind: Was sind Ihre „das muss genau so kommen und kann gar nicht anders sein“-Charts? Wir können ja eine Sammlung aufmachen. 😉

Ihr calvin

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Vom Zappeln, Verdrängen und der besten Strategie


Der folgenden Text erschien im Premium-Bereich im Oktober 2018 im Rahmen einer grösseren Thematik. Hier stelle ich Ihnen den Kerntext zur Verfügung, der sich um unsere Psychologie als Anleger dreht.

Am Ende folgt dann noch ein aktueller Nachtrag meinerseits.

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Das Fiese und gleichzeutig Schöne am Markt ist, dass er - wenn wir das hören wollen und es nicht verdrängen - uns aufzeigt, wie stark wir doch von Ängsten getrieben sind.

Wenn wir im Markt sind, haben wir Angst es könnte eine Korrektur geben und wir Geld verlieren.

Wenn wir aus dem Markt heraus sind, haben wir Angst er könnte uns weglaufen und wir den Einstieg verpassen.

Wenn wir gerade eingestiegen sind, mit der Absicht diese Position als Investment lange zu halten, macht uns das schnelle Minus an den folgenden Tagen doch nervös und wir fragen uns, ob wir nicht gleich wieder aussteigen sollten.

Wenn wir dann aber ausgestiegen sind, haben wir wieder Angst, es könnte genau jetzt drehen und "unsere" Aktie uns weglaufen.

Wenn wir gerade eingestiegen sind, mit der Absicht diese Position als Investment lange zu halten, macht uns das schnelle Plus an den folgenden Tagen doch nervös und wir fragen uns, ob wir die Gewinne nicht sichern sollten.

Ich könnte endlos weitermachen, ich denke wenn wir ehrlich sind, kennen wir das alle. Das genau ist unser "Affenhirn" und der Markt zeigt uns durch seine Rückkopplung via Kurse unsere Fratze im Spiegel. Und wir sollten nicht glauben, dass dieses unser Verhalten auf den Markt begrenzt sei, nein es ist Teil unseres normalen Verhaltens, nur zeigt es uns der Markt mit der Rückkopplung über die Kurse wie im Brennglas.

Einen Weg zu finden, sich darüber zu erheben, ist die Kernaufgabe, vor der wir alle stehen. Wer diesen Weg findet und die Ruhe ihn zu beschreiten entwickelt, hat eine gute Chance für konsistenten Erfolg an den Märkten. Wer diesen Weg nicht findet, ist chancenlos und wírd nur mit Glück auch mal Erfolge sehen, die man sich dann schönreden kann.

Es gibt zwei klassische Arten, wie wir damit umgehen, die beide eine Form von Selbstbetrug sind und nicht funktionieren. Es sind aber die Wege die die meisten gehen, weil es vermeintlich die einfachsten Wege sind.

Da haben wir auf der einen Seite die, die sich ihrer Affenfratze im Spiegel eigentlich gar nicht stellen wollen. Diese versenken sich in ihre Emotionen, lassen sich von ihnen treiben und versuchen durch Kompensationshandlungen ihre Emotionen zu befriedigen. Und natürlich redet man sich die Kompensationshandlungen dann vor sich selber schön.

Das führt zu einem Stil den ich immer "zappelig" nenne, sobald so ein emotionaler Trigger kommt, meint man was "tun" zu müssen, um sich selber das Gefühl zu geben, noch Herr der Lage zu sein. Wenn man einfach nur in den Wald gehen und Holz hacken würde, wäre das ja sinnvoll und würde vor allem keinen Schaden anrichten. Am Markt aber, richtet es Schaden an und es ist dieser Typus, der nie bei seinen Absichten bleibt, sondern wie ein Baum im Sturm hin und her gebogen wird und sich das noch schön redet.

Neben den zappeligen Anlegern mit mangelnder Impulskontrolle, haben wir auf der anderen Seite aber die Verdränger. Das sind die, die einen Trade als langfristiges Investment umdefinieren wenn er schlecht läuft, aber auch die, die sich schönreden, wie sehr sie sich doch über den nächsten 50% Crash freuen werden, weil sie billiger kaufen können. Natürlich können sie es in Realität dann nicht, der Vorteil der Verdränger ist aber, dass ihr Selbstbetrug nicht sofort vom Markt aufgedeckt werden kann, weswegen dieser Ansatz lange "zu funktionieren" scheint.

Zu dieser Kategorie gehören auch die, die komplett aus dem Markt, auf den richtigen Einstiegspunkt warten. Nur kommt der nie und wenn er kommt, ist die Lage so katastrophal, dass man sich nicht traut, denn eine katastrophale Lage kann immer noch desaströser werden und jeder Kurs kann sich noch einmal halbieren, auch der, der schon 50% gefallen ist.

In dem man sich einredet, man würde "weise" an der Seitenlinie warten, pflegt man auch sein Ego und betrügt sich selber, auch hier kann der Markt den Selbstbetrug aber erst viel später aufdecken, weswegen die Methodik des Verdrängens eindeutig die beliebteste ist und von vielen geflegt wird - natürlich auch ohne echten Erfolg. Denn letztlich ist diese Haltung nichts anderes als eine große, selbstgefällige Prognose, dass der Markt noch einmal auf Kurse kommen wird, die man sich wünscht. Man kann sich dabei vor sich selber auch so wunderbar als Teil einer wissenden Minderheit produzieren, die im Markt sieht, was andere nicht sehen können, die wie Schafe in ihren Untergang laufen. Nur dummerweise muss der Markt gar nichts und macht gerne das Gegenteil dessen, was wir uns wünschen. Und wer am Ende das Schaf ist, darüber entscheiden alleine die Kurse.

Beide "Methoden" sind letztlich Ersatzhandlungen. Man stellt sich dem wahren Problem nicht, weil es zu schwierig und schmerzhaft ist und pflegt den eigenen Emotionshaushalt mit Placebos. Man optimiert eben nicht das Verhalten als Anleger, man optimiert den eigenen Emotionshaushalt. Erfolg geht so nicht.

Erfolg kommt nur, wenn wir einen Weg finden, diese emotionalen Bedürfnisse an anderer Stelle als im Markt abzufackeln und wir uns bei unseren Handlungen einer klar definierten Strategie verpflichten. Mit der Strategie kommt dann im Laufe der Zeit auch Sicherheit und mit dem Gefühl der Sicherheit kommt am Ende auch emotionale Ruhe. Die können wir aber nur erreichen, wenn wir uns darauf einlassen und mal an etwas halten. Und die können wir nur im Umgang mit dem Markt erreichen, nicht ohne Impulskontrolle indem wir jeder Zuckung hinterher rennen, aber auch nicht außerhalb, in dem wir uns vor uns selbst als "weiser Außenseiter" produzieren, wo wir doch nur simple Verdränger und Vermeider sind.

Aktueller Nachtrag 24.11.19:

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Profitabler Hirnschaden



Liebe Mitglieder, heute freue ich mich, Ihnen einen -> weiteren Kolumnisten <- vorstellen zu können - es ist der 9. aktive Autor auf Mr-Market.

Es handelt sich um unseren "Vincent", seine Vorstellung von Anfang diesen Jahres finden Sie -> hier <-.

Dass es bei Vincent so "schnell" geht, hat mit seinem für uns besonders spannenden Thema zu tun, außerdem hat er schon für Magazine wie beispielsweise "Spektrum der Wissenschaft" geschrieben:

Kolumne: Das VinCephalon

Dr. Jörn Niessing, Jahrgang 1976, ist promovierter Neurobiologe und schrieb seine Doktorarbeit im Bereich der Hirnforschung über Mustergeneralisierung und -separierung in neuronalen Netzwerken (Attraktor-Zustände).

Derzeit arbeitet er als Wissenschaftler an einem außeruniversitären Institut in Martinsried/München, das sich auf die Erforschung der Struktur und Funktion neuronaler Systeme fokussiert.

Auch wenn "Vincent" nicht am "Affenhirn" forscht, teilt er in seiner Kolumne "Das VinCephalon" seine Überlegungen zu diesem Themenkomplex aus Sicht eines Neurowissenschaftlers. Diese Gedanken werden meist durch die eigenen Handelsaktivitäten angestossen und flanieren frei um Themen wie kognitive Verzerrungen, themenrelevante Ergebnisse aus der Hirnforschung oder Verhaltensökonomie bis hin zur Einschätzung kommerzieller Entwicklungen rund um das Gehirn.

Begrüssen wir also Vincent ganz herzlich als Kolumnist und lesen gespannt seinen ersten Artikel.

Ihr Hari

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Puh, wieder so ein sperriger Name für eine Kolumne? Als würden „Biotonicum“, „Libertannica“ oder „Tibestarium“ als humorig-intellektuelle Wortspiele nicht reichen, bekommen wir nun noch das „VinCephalon“ verpasst!?
Ja, in der Tat und damit hallo und herzlich willkommen zu meiner Kolumne. Der Name „VinCephalon“ beschreibt auch schon worum es geht: Mein Nickname „Vincent“ paart sich hier mit dem anatomischen Begriff „Encephalon“, auf Deutsch: Gehirn. Ok, das „En“ wird hier unterschlagen und nur das „Cephalon“ bleibt übrig. Aber das bedeutet auf Altgriechisch immerhin noch „Kopf“. Ich („Vincent“, Hirnforscher) werde also über das Gehirn („Encephalon“) schreiben. Da Mr Market ein Börsenblog ist, passiert dies natürlich im Kontext des Börsenhandels.

Mein Interesse an den Zusammenhängen zwischen dem Gehirn und seinem Gebaren bei Investitionstätigkeiten entstand vor etwa zwei Jahren bei einer Literaturrecherche zu einem völlig anderen Thema. Dabei stolperte ich über eine ältere Stanford Studie des Hirnforschers Antonio Damasio, die sich mit den Zusammenhängen zwischen Emotionen und Investitionen beschäftigte. Der Samen war gesät, das Interesse geweckt und ich beschloss die Angelegenheit „Börse & Gehirn“ für mich „hobbymäßig“ im Auge zu behalten. In der Folgezeit begegneten mir zahlreiche Verbindungen zwischen diesen beiden Bereichen. So erinnerten mich Resultate aus neuen Fachartikeln – z.B. über Mustererkennung im Gehirn – an bestimmte Chartkonstellationen während des eigenen Tradings. Oder umgekehrt konnte beispielsweise eine Serie vergeigter Trades in Folge von Overtrading Gedanken an einen Konferenzvortrag über Suchtentstehung triggern. Viele solcher Gedanken und Querbezüge haben sich im Laufe der Zeit angesammelt und gerne wollte ich sie auch mit anderen teilen oder gar diskutieren. Meine Hirnforscherkollegen sind dafür leider jedoch komplett unempfänglich, sie interessieren sich in der Regel für nichts außer ihrer Forschung 🙂 . Als Hari dann vor Kurzem seinen Aufruf nach neuen Kolumnen startete, sah ich meine Chance.


Und nun sitz ich hier…leeres Papier. All die aufgestauten Gedanken, genialen Ideen und kühnen Querbezüge sitzen verschüchtert in der hintersten Ecke meines Gehirns auf das ich gerade keinen Zugriff habe. Wie soll ich also anfangen? Vielleicht am besten einfach da, wo es tatsächlich angefangen hat. Bei der oben genannten Studie von Antonio Damasio. Da wo sich die Themen Hirnforschung und Börse das erste Mal in meinem Leben kreuzten. Diese Studie eignet sich insofern gut zur Einführung dieses Themas, weil sie auf paradoxe Weise veranschaulicht, warum unser hochentwickeltes Gehirn einfach nicht für den Börsenhandel gemacht ist. Oder anders gesagt: Wie Hirnschäden uns zu besseren Investoren machen.

Aber von vorne: Stellen Sie sich einen Autofahrer vor, der sich plötzlich auf einer glatte Eisfläche wieder findet. Die meisten Menschen treten in dieser Situation panisch auf die Bremse. Keine gute Idee: Das Heck schert aus und wir verlieren schnell die Kontrolle über das Fahrzeug. Ein Patient des Neurologen Antonio Damasio schilderte genau diesen Kontrollverlust des Fahrers vor ihm auf dem Weg zur Klinik. Er selber hingegen fuhr dahinter einfach ungebremst über die Eisfläche hinweg und behielt somit die Kontrolle über das Auto. Im Gegensatz zum Fahrer vor ihm versperrte ihm die Angst eben nicht den Blick auf die – rational gesehen – einzig richtige Entscheidung: Nicht auf die Bremse zu treten. So konnte er entsprechend handeln. Was war nun der Unterschied zwischen ihm und dem Fahrer vor ihm? Nun, er selber hatte eine Schädigung im Stirnlappen des Gehirns, genaugenommen im so genannten ventromedialen präfrontalen Kortex. Dieses Hirnareal ist direkt in die emotionale Verarbeitung von Angst- und Risikoeinschätzung involviert. Der Patient war also durch die Schädigung emotional beeinträchtigt, was ihm in dieser Situation möglicherweise das Leben rettete. Als der gleiche Patient jedoch am darauffolgenden Tag eine einfache Entscheidung zwischen zwei Terminvorschlägen von Dr. Damasio treffen sollte, wägte er über 30 Minuten die möglichen Konsequenzen und Implikationen seiner Entscheidung auf sein zukünftiges Leben ab. Dr. Damasio platzte der Kragen und teilte ihm schließlich entnervt einen Termin zu. In diesem Fall behinderte das Fehlen von Emotionen eine schnelle Entscheidungsfindung. Hierbei wird auch deutlich, welchen evolutionären Vorteil Emotionen primär liefern. Es sichert unser Überleben, indem es in potentiellen Gefahrensituationen unser komplexes rationales Denken zu Gunsten der Entscheidungsgeschwindigkeit außer Kraft setzt.

Was hat das nun mit Investieren zu tun? Jeder der sich auf dem „Börsenparkett“ bewegt, weiß, dass es durchaus der spiegelglatten Eisfläche in obiger Erzählung gleicht. So wie man besser ungebremst über eine Eisfläche hinwegfährt, lohnte es sich auch häufig eine langfristige Investition besonnen und mit ruhiger Hand über Marktkorrekturen hinweg zu halten und nicht zu verkaufen. So gehen wir beispielsweise im Sinne der Positionsgrößenstrategie vielleicht etwas vom Gas, halten aber grundsätzlich an der Position fest, sollte sich nichts Grundlegendes ändern. Obwohl wir dies theoretisch wissen, neigen wir dennoch bei Investitionen mit realem Geld zur Panik. Insbesondere Anfänger kennen den Frust mal wieder eine Aktie am Tiefpunkt verkauft zu haben, nur um von der Strafbank aus einen rapiden Preisanstieg zu beobachten. Ein Verhaltensmuster, durch welches eine überproportionale Angst vor einem Verlust einen langfristiger Investionserfolg behindert. Diese sogenannte „Verlustaversion“ beschreibt das Phänomen, das wir Menschen nur dann einer Wette oder Investition zustimmen, wenn der zu erwartende Gewinn mindestens doppelt so hoch ist wie der drohende Verlust.

Antonio Damasio lies diese Geschichte nicht mehr los, so dass er dieses Phänomen näher untersuchen wollte. Hierzu lies er in einem Investitionsspiel gesunde Menschen gegen Patienten mit Schädigungen in Hirnregionen antreten, die an der Regulation von Emotionen beteiligt sind (orbitofrontaler Kortex, Inselrinde und Amygdala). Jeder Teilnehmer startete mit 20 $ Kapital und musste in jeweils 20 Runden entscheiden ob er 1 $ investiert oder nicht. Danach wurde in jeder Runde per Münzwurf bestimmt, ob der Teilnehmer 2,50 $ gewinnt, oder 1 $ verliert. Mit diesem sehr guten Chance-Risiko-Verhältnis von 2,5:1 liegen die langfristigen Gewinnchancen also weit über dem Verlustrisiko.
Es gab zwei spannende Ergebnisse: Zum einen investierten geschädigte Patienten ingesamt häufiger (84 %) als gesunde Teilnehmer (58 %) und machten damit 28,5 % Gewinn, während gesunde Teilnehmer nur mit 14 % profitierten. Außerdem blieb die Anzahl an Investments bei geschädigten Teilnehmern über die Runden gleich, während sie bei gesunden Teilnehmern über die Runden abnahm (siehe Abbildung links). Gesunde Teilnehmer trafen also nicht nur schlechtere Investitionsentscheidungen, sondern ließen sich auch massiv von den Ergebnissen vorhergehender Investitionsrunden beeinflussen. Während sich die geschädigten Teilnehmer von dem Ausgang der vorhergehenden Runde nicht beeindrucken ließen, investierten gesunde Teilnehmer in Folge eines Gewinns nur noch in 62 % der folgenden Runden und nach Verlusten nur noch in 41 %. Im Gegensatz zu den geschädigten Teilnehmern entwickelte sich bei den Gesunden im Laufe des Experiments also eine zunehmende Risikoaversion, vor allem Verlustaversion.

Auf den Börsenhandel übertragen verhält sich folglich der geschädigte Studienteilnehmer wohl eher wie ein langfristiger ETF-Anleger mit Wertpapiersparplan und der gesunde Teilnehmer wie ein Trader-Anfänger, der jedoch aufgrund der Zufälligkeit des Investitionserfolgs ohne jede Edge und ohne Möglichkeit zum Risikomanagement handelt. Unter diesen Umständen sollte jedem gesunden Menschen klar sein, dass - statistisch betrachtet - die meisten Chancen in der Vollinvestition liegen. Die Emotionen vernebeln hier jedoch diese Klarheit im gesunden Teilnehmer, so das der geschädigte Patient in diesem Fall den Vorteil besitzt. Die Frage, ob in einem realistischeren Szenario mit Edge und Risikomanagement der geschädigte Teilnehmer ebenfalls besser abschneiden würde bleibt hier unbeantwortet. Ich würde aber glauben, ja. Der Vorteil im Spiel entsteht hier ja durch eine verbesserte rationale Beurteilung der Wahrscheinlichkeitsverteilung in Folge reduzierter emotionaler Verklärung. Und es ist ja genau dies, der klare und unvernebelte Blick auf die Marktsituation im Hier und Jetzt, den Hari uns hier näherbringen möchte. Und es ist auch dies, was den zappeligen Anfänger (z.B. me) von einem professionellen Trader unterscheidet. Das unprofitable Greenhorn lässt sich genauso stark von seiner Investitionshistorie beeinflussen wie die gesunden Studienteilnehmer, während professionelle Trader – und die geschädigten Studienteilnehmer - genau wissen, dass sich der langfristige Profit erst über die Summe vieler disziplinierter Trades einstellt.

Und was bedeutet das nun für uns? Müssen wir uns nun à la Max in Darren Aronofsky's Film π in den Kopf bohren um profitabel zu werden? Oder wurden professionelle Trader zu emotionslosen Robotern herangezüchtet? Wohl eher nicht, aber ich glaube (und erfahre an mir selber), dass sich durch die immer wiederkehrende Exposition zu emotional aufwühlenden Marktsituationen über die Zeit eine selektive emotionale Desensibilisierung (oder einfach: Abstumpfung) für diesen Lebensbereich einstellt und dies letztlich zu rationaleren Entscheidungen führt. Ich denke aber auch, dass man diesen Prozess durch Wissen und rationale Überlegungen beschleunigend unterstützen kann. Deshalb wird mein Hauptanliegen dieser Kolumne stets sein, ein paar Einblicke in die Organisation und Arbeitsweise unseres Denkorgans zu geben und damit immer wieder das Bewusstsein für performance-feindliche kognitive Fallstricke zu schärfen. Demut durch Begreifen unserer eigenen Beschränkungen sozusagen. Die Themen Psychologie und Affenhirn sind hier schon immer Thema gewesen. Aber vielleicht wird der Zugang dazu für manche leichter, wenn die psychologischen Phänomene mit greifbareren und mechanistischeren Erklärungen unterfüttert werden. Die oben beschriebene Studie hielt ich deshalb für eine gute Gelegenheit, diesen Themenkomplex – und meine Kolumne – mit einem paradoxen Beispiel einzuführen.

Meine eigene lausige Investitionsperformance deuten jedenfalls auf keinerlei Defizite in den oben untersuchten Hirnregionen hin 🙂

Euer
Vincent

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Warum gibt es eigentlich Aktiensplits?



Auch die Frage nach dem Sinn von Aktiensplits, ist eine die jeder ernsthafte Marktteilnehmer beantworten können muss. Dieser Artikel widmet sich den dazu gehörenden Grundlagen.

Zunächst ist es wichtig zu betonen, dass jede Aktiengesellschaft das Interesse hat, den Kursverlauf zu verbessern und höhere Kurse zu erreichen. Das liegt nicht nur an den Vorständen mit ihren Optionen, sondern auch daran, dass damit die Gesellschafter (Aktionäre) glücklich gemacht werden, die dann einen Vermögenszuwachs in den Bücher haben. Und ein hoher Aktienkurs ist auch Macht, denn die Aktien können als Akquise-Währung bei Übernahmen eingesetzt werden.

Damit stellt sich doch die Frage, was ein hoher Aktienkurs überhaupt ist? Und jetzt behaupte ich einfach mal, dass wenn wir wir nun in der Bevölkerung den folgenden Multiple-Choice machen würden, die Mehrheit wohl Alternative 1 ankreuzen würde:

Firma A hat mit ihrer Aktie eine Kursnotierung von 100 Euro. Firma B hat mit ihrer Aktie B eine Kursnotierung von 50 Euro.
Welche Firma ist größer?

(1) Firma A
(2) Firma B
(3) Beide sind gleich groß
(4) Das ist so nicht zu beantworten

Und damit sind wir schon beim Hauptgrund für Aktiensplits, dem Affen ins uns allen, insbesondere dessen -> Ankereffekt <-.

Aktiensplits werden also in der Regel gemacht, um diesen Effekt auszunutzen, man könnte auch deutlicher sagen, um die geistige Begrenzung der Menschheit auszunutzen.

Denn in Wirklichkeit sagt ja der Kurs selber gar nichts aus, auch nichts über die Größe des Unternehmens und natürlich ist oben (4) die einzig richtige Antwort.

Machen wir es konkret in einer sehr fiktiven Geschichte - oder vielleicht doch nicht fiktiv?

Ein Unternehmen - die Seldon Digital AG, nachdem ich den Spiegel-Verlag kurz vor der Insolvenz übernommen habe - plant seinen Börsengang und will über den 1 Milliarde Euro einsammeln.

Zusammen mit 7 ehemals treuen Mitgliedern, die nun den Vorstand der Seldon Digital AG bilden und natürlich bis zur Halskrause mit Aktien-Optionen vollgestopft sind, beschliessen wir eine sinnvolle Stückelung von 10 Millionen ausgegebenen Aktien zum Emissionspreis von 100€.

So geht die Seldon Digital AG erfolgreich an die Börse und eiert dann 2 Jahre lang mehr oder weniger seitwärts.

Nach diesen 2 Jahren, die Optionen drohen wertlos zu verfallen, kommt einer von Ihnen auf die Idee, ob wir die Aktie nicht durch einen 1:5 Aktiensplit auf 20€ bringen sollten, weil dieser optisch billigere Preis doch bestimmt mehr der ahnungslosen Käufer anlockt, die nur auf den Preis schauen. Außerdem sind doch bestimmt viele Abfischorders im Markt, die so in Käufe umgewandelt werden. Und über den Affen in den Anlegern, wissen wir hier bei der Seldon Digital AG ja hervorragend Bescheid.

Und so machen wir es, wir wandeln mit Hauptversammlungsbeschluss das Stammkapital von 10 Millionen Aktien zum Nennwert 100€ auf den Stand von 50 Millionen Aktien zum Nennwert 20€ um. Und jeder schon bestehende Aktionär findet nach Vollzug die fünffache Aktienzahl im Depot, die aber nur ein Fünftel des Preises hat - keine objektive Änderung also.

Und wissen Sie was? Diese Operation funktioniert. Die Aktie macht innerhalb von wenigen Wochen eine Aufwärtsbewegung von bis zu 10%, weil diese nun von vielen als "billiger" empfunden wird. Und viele, die die Aktie sowieso haben wollten, schlagen nun zu.

Ursache für diese Bewegung ist aber eine Illusion, ist der tobende Affe in den Menschen.

Das ist die Hauptmotivation der meisten Aktiensplits, ein Angriff auf unser Affenhirn sozusagen.

Nun schreitet die Zeit aber voran und die Seldon Digital AG beginnt tatsächlich zu wachsen, aufgrund unseres herausragenden Contents natürlich. Der Kurs steigt und steigt und erreicht 900€.

Und wieder hat einer von Ihnen eine Idee, im Wissen um die Nöte von Kleinanlegern. Sie argumentieren, dass mit bald 1.000€ für alleine eine einzige Aktie der Seldon Digital AG, ein bestimmter Typus Kleinanleger mehr oder weniger ausgesperrt wird, der vielleicht 1.000 - 2.000€ pro Aktie investieren kann und nicht mehr.

Bei einem Kurs von 100€ war das noch kein Problem, wer sich das nicht leisten kann, hat am Aktienmarkt nichts verloren. Aber bei 1.000€ pro einzelner Aktie als kleinste Einheit, wird es langsam zum Problem und das senkt die Liquidität der Aktie und schadet der Nachfrage und damit dem Kurs, woran wir kein Interesse haben sollten.

Auch das ist ein überzeugendes Argument, weswegen wir einen 1:10 Split wie oben durchführen und die Aktie danach nur noch bei 90€ notiert.

Das ist der zweite wesentliche Grund für Aktiensplits und ab einem hohen dreistelligen Kurs ist dabei dann auch eine nachvollziehbare, faire Logik beteiligt, die nichts mit dem Affenhirn zu tun hat.

Denn ab 4-stelligen Kursen können sich immer mehr kleine Anleger die Aktie gar nicht mehr leisten, was niemand wollen kann.

Und weiter geht die Zeit voran und als die Aktie eine Marktkapitalisierung von 50 Milliarden erreicht, verkaufen wir unsere Anteile an ein Medienkonsortium, cashen aus und widmen uns von da an der Raumfahrt, wobei wir dafür einen Weltraumbahnhof auf den Bermudas aufbauen, in 5-Minuten Helikopter-Flug von unseren Privatinseln erreichbar - natürlich. 😛

Das Medienkonsortium ernennt Hans Meiser, Ralf Morrien und Mick Knauff in einen dreiköpfigen Vorstand und nach einem initialen massiven Schub aufgrund einer riesigen Marketing-Welle, beginnt die Aktie aufgrund enttäuschter Anlegerhoffnung immer mehr zu fallen.

Die Aktie fällt und fällt und notiert nach Jahren kurzzeitig sogar unter einem Dollar. In dem Moment platzt dem Medienkonsortium der Kragen, die Vorstände werden abgesetzt und wir werden gebeten, für 50% der Anteile, eine 6-monatige Rettungsoperation der Gesellschaft zu starten.

Und schon während unserer ersten Vorstandssitzung als "Retter", hat einer von Ihnen gleich das Wichtigste erkannt: Wenn unsere mittlerweile an der NASDAQ notierende Aktie 30 Tage lang unter 1 USD notieren würde, würde uns ein sogenanntes Delisting drohen, wir würden zwangsweise von der NASDAQ genommen und müssten uns in dunklen Pennystock-Kanälen tummeln.

Das wäre ein Desaster, weswegen unsere erste Amtshandlung ein sogenannter Reverse-Split im Verhältnis 10:1 ist. Die Aktien notiert dann wieder bei 10 USD, die Anteile werden gezehntel und Reste automatisch verkauft.

Das ist der dritte Grund für Aktiensplits, ein Reverse-Split, um in den Pennystock-Bereich gefallene Aktien wieder zu stabilisieren.

So, das wars, das sind die drei Gründe für Aktiensplits, andere kenne ich nicht.

Bleibt die Frage, warum Warren Buffett bei seiner Berkshire nie einen Aktiensplit gemacht hat und diese nun über 300.000 USD notiert, was sich wahrlich kein normaler Anleger mehr leisten kann?

Fragen Sie ihn, nachdem was ich weiss, hatte es mit seiner Philosophie zu tun, die ja auch lange Dividenden-Zahlungen abgelehnt hat.

Seine Philosophie ist eben die Kumulierung (Compounding) und das beständige Reinvestment freier Mittel, ohne "Financial Engineering".

Aber auch er hat am Ende das Problem gesehen und eine Lösung gefunden, nur dass er es mit einer zweiten Aktie, der "billigeren" B-Aktie gemacht hat, die derzeit bei ca. 210 USD steht und damit mehr als tausendfach unter dem Kurs der A-Aktie. Womit Sie auch ein Beispiel haben, wie manchmal unterschiedliche Aktiengattungen entstehen.

So ... ich hoffe es war für die Anfänger unter Ihnen erhellend und für die alten Hasen wegen der Rahmengeschichte trotzdem unterhaltsam. 😀

Das Geheimnis der Aktiensplits ist also keines - alles Schall und Rauch!

Ihr Hari

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Der Affe und das Risiko



In mehr als 8 Jahren Blog, muss man bestimmte Dinge zwangsläufig wiederholen, es ist ja nicht so, dass sich das Börsengeschehen jedes Jahr völlig verändert und man muss das Rad auch nicht immer neu erfinden.

Ein so ein Thema ist dabei unser "Affenhirn", der ironisch-liebevolle Begriff, unter dem wir hier all unsere evolutionären Verhaltensgrundlagen zusammenfassen, die so gar nichts mit dem "Sapiens" des Homo Sapiens zu tun haben.

Andere nennen das das "Neandertalergehirn", wie -> hier <- in einem Interview von Jens Rabe mit einem Psychologen, die Evolutions-Biologen kennen dagegen das -> Reptiliengehirn <-, das in uns allen steckt und auf noch einer tieferen Ebene als das "Affenhirn" unser Verhalten steuert.

Letztlich sind das alles nur Worte die beschreiben, dass unsere vermeintliche Ratio nur eine dünne Firniss ist und wir in weit höherem Maße von diesen "älteren" Gehirnarrealen und unseren evolutionären Reflexen bestimmt werden, als wir uns klar machen.

Insofern würde ich dem Titel des obigen Videos auch nicht Recht geben, nicht Börsianer sind "Affen" (Neandertaler), sondern alle Menschen sind es ohne Ausnahme. Der Vorteil - und die große Schwierigkeit der Börse - ist nur, dass uns durch die direkte Rückkopplung der Kurse permanent vor Augen geführt wird, wie teilweise idiotisch und völlig irrational unser Verhalten ist. Und vor allem, wie wir uns dabei immer selber im Wege stehen.

Wenn man so will, hält uns die Börse permanent den Spiegel vor und wir haben nur zwei Alternativen:

Entweder sagen wir "Börse ist Scheiße", weil wir die Fratze des Affen im Spiegel nicht ertragen und finden allerlei Ausreden oder stellen uns auf eine moralische erhöhte Stufe, in dem wir die anderen "Zocker" nennen. Das beruhigt die arme Affenseele in uns und wärmt das getroffene Ego, ein Affe bleibt es trotzdem.

Oder wir stellen uns der Fratze und beginnen zu verstehen und unsere Ratio zu benutzen, um uns darüber zu erhöhen. Das ist schwierig und bleibt das ganze Leben ein beständiger Kampf. Und es ist trotzdem der Weg, der uns auch über die Börse hinaus, bei Entscheidungen immens weiter bringen kann und uns reifer und erfolgreicher macht.

Viele Facetten hat dieses Affenhirn, viele haben wir in den vergangenen Jahren besprochen. Heute möchte ich in aller Deutlichkeit unsere Aufmerksamkeit auf unser Risiko-Empfinden richten, denn das ist eines der zentralen Hindernisse für praktisch alle Anleger, die gerne die Performance des Marktes mitnehmen wollen, aber immer wieder von Ängsten vor der nächsten Krise davon abgehalten werden - Aktien sind gefährlich, ja, ja. 😉

Es muss doch auch einen Grund dafür geben und kann kein Zufall sein, dass praktisch alle Menschen, auch die Börseninteressierten, an Wenden des Marktes in beiden Richtungen immer viel zu lange zögern - Zu lange zögern los zu lassen und zu lange zögern, wieder einzusteigen. Es muss doch einen Grund geben, warum die Geschichten vom nächsten Crash immer viel mehr Leser finden, als Geschichten wie ich sie erzähle, Geschichten von langsamer, inkrementeller Verbesserung, die zwar mal von Krisen unterbrochen wird, aber letztlich am Ende nach oben führt.

Nehmt den größten Idioten unter den Crash-Propheten, der seit Jahren den Lesern von der kommenden Katastrophe vorfabuliert und die Depots seiner Jünger mehrfach geschrottet hat, er wird auch heute ohne Probleme ein Vielfaches an Leser finden, als jemand wie ich mit meinen komplexen und im Mittel eher optimistischen Botschaften. Das kann kein Zufall sein und ist kein Zufall!

Mehr als 90% der Bevölkerung und bestimmt immer noch 60-70% der Börseninteressierten, denken immer noch falsch zum Thema Börse und sorgen sich mehr vor der nächsten Korrektur, als davor die immensen Chancen zu vergeigen.

Und rational kann man das wohl kaum nennen, denn rational ist das die Realität:

Und das ist logarthmisch dargestellt, absolut gesehen ist die Steigung kaum mehr darstellbar und selbst wenn man die Inflation herausrechnet, ist die Steigung beeindruckend.

Das ist die Realität und über 90% der Bürger halten Aktien für gefährlich. Und auch die Mehrheit der Anleger hat permanent "die Hose voll", siehe die locker hundert Memes, die wir in den letzten 8 Jahren gemeinsam schon erlebt haben, warum dieser Markt bald zusammenbrechen muss. Irgendwann wird mal eines recht bekommen, das muss einfach rein statistisch so sein. Schwachsinn bleibt es trotzdem, dem über Jahre hinterher zu laufen, nur weil irgendwann mal eines eintreffen *könnte*.

Wie passt das zusammen? Wir sind doch "Sapiens"? Oder etwa doch nicht?

Die Antwort ist ganz einfach, es ist unser Affenhirn, das uns kontrolliert. Und da wir vor ihm nicht weglaufen können, macht das selbst jemandem wie mir, der das Thema ganz tief durchdringt, trotzdem immer wieder mit "rumoren" Schwierigkeiten.

Hier wirkt ganz besonders unser Risiko-Empfinden, das evolutionär auf das Überleben ausgerichtet ist, damit wir uns fortpflanzen können. Denn nur das, was durch Gene weitergegeben wird, hat die Chance kommenden Generationen im Überlebenskampf zur Verfügung zu stehen.

Stellen wir uns vor, wie wir durch die berühmte Savanne laufen, in der es vielleicht Löwen, Geparden, Hyänen und in Tümpeln Krokodile gibt.

Da laufen wir als Homo Erectus also und im Gebüsch 50 Meter entfernt raschelt es. Erst vor kurzem wurde hier eine herumstreifende Löwen-Sippe gesichtet. Was machen wir?

Ganz klar und ganz automatisch, entweder machen wir einen riesigen Bogen um das Gebüsch. Oder wir werden sehr, sehr lange ruhig verharren und warten, bis wir sicher sind, was da drin ist.

Auf die Börsen übertragen sagen wir also entweder "Börse ist Scheiße", was dem weiten Bogen entspricht, oder wir warten lange, bis die Lage vermeintlich "sicher" ist, womit an der Börse die leichten Gewinne aber schon verfrühstückt wurden und wir mal wieder zu spät dran sind.

Und beide Verhaltensweisen sind höchst rational und in der Savanne richtig, weil es um unser Überleben geht und das um jeden Preis zu sichern ist. Sie sind auch dann richtig, wenn wir selber der Meinung sind, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Löwen sind.

Denn wenn wir durch das Gebüsch marschieren und uns irren, sind wir tot. Demgegenüber ist ein Umweg oder Abwarten ein kleiner und sinnvoll investierter Preis. In der Savanne ist dieser Reflex mit hohen Risiken umzugehen also genau richtig.

Was wäre dagegen an der Börse richtig? Die Antwort ist klar, einfach weiterzugehen und ohne zu Zögern durch das Gebüsch zu marschieren. Weil was ist schon ein einzelnes Rascheln, das einem einzelnen, anschlagenden Indikator wie einer invertierten Zinskurve entspricht? Nichts!

Und genau da liegt das Problem. Bei Signalen, die wir als für unser Wohlergehen hochriskant betrachten - was ein sehr großes Depot, an dem unsere Alterssicherung hängt, sehr wohl ist - schaltet sich bei uns beim Risiko-Empfinden sofort dieses Affenhirn ein. So sind wir evolutionär geprägt, so verhalten wir uns, fast wie "Zombies" - unvermeidbar.

Und weil wir natürlich den Löwen im Gebüsch unbedingt vermeiden wollen, nehmen wir so aufmerksam auch jede einzelne Crash-Warnung wahr und übergewichten die theoretisch großen Risiken instinktiv gegenüber den viel sichereren inkrementellen Anstiegen.

Vor allem agieren wir auf diese Trigger auch digital im Sinne Schwarz/Weiss, obwohl die Realität des Systems "Markt" eine Überlagerung unzähliger Indikatoren mit Wahrscheinlichkeiten ist. Aber Löwen im Gebüsch die uns fressen könnten, sind halt sehr "digital", dafür sind wir evolutionär verdrahtet, nicht für Stochastik.

Crash Sells - genau weil wir immer noch überwiegend Affen sind.

Michael Batnick hat das hier sehr schön aufbereitet, lesen Sie das unbedingt mal: -> Gradual improvements go unnoticed <-

Man kann also sagen, dass gerade die, die sich nun schon permanent auf das Ende der Welt vorbereiten und ihre individuellen "Bunker" bauen, besonders fest im Griff des Affen sind. Wahrhaben wollen die das natürlich nicht, ja sie reagieren darauf mit Aggression, aber gut, die sind dann hier auch kaum Mitglied, weil ich das ja immer predige.

Aber es hat schon etwas sehr Irrationales, sich vor dem "Weltuntergang" irgendwann in den kommenden Jahrzehnten zu Tode zu fürchten und dabei zu übersehen, dass für einen Mann in den 50ern nur Eines wirklich sicher ist: Dass er im Mittel in 20 Jahren tot ist - ganz ohne Weltuntergang.

Diese Leute sind so von diesem evolutionären Risiko-Reflex getrieben, dass sie über die Angst vor der Krise das Leben vergessen.

Und in einer weniger schlimmen Variante, sind manche Anleger so von diesem Reflex beeinflusst, dass sie über die Angst vor der nächsten Krise, das Anlegen vergessen. 😉

Aber es gibt auch das Gegenteil, wenn uns die Trigger fehlen, die unsere Risikoreflexe im Affenhirn triggern. Dann werden wir selbstgefällig und viel zu sorglos, genau dann wenn diese Signale lange nicht kommen und uns Sicherheit vorgaukeln. Denn wo nichts raschelt, kann in der Savanne nichts sein, aber stimmt das auch für das moderne Leben? Wohl kaum.

Wie oft erlebe ich zum Beispiel im Winter, dass Autofahrer die vorher bei guten Straßenverhältnissen viel zu langsam vor sich hin trödelten, bei fallenden Temperaturen und langsam glatt werdenden Straßen, den gleichen sturen Stiefel weiter herunter fahren und damit dann viel zu schnell unterwegs sind. Ursache sind zu lange fehlende Warnsignale und in Folge dröselige Selbstvergessenheit.

Wenn wir das aber erkannt haben, wenn wir den Affen in uns akzeptieren, der mit Börsenrisiken eigentlich gar nicht umgehen kann, wie können wir das vermeiden und rationale Anleger werden?

Es gibt nur zwei Wege.

Auf dem einen Weg hält man das Kapital das "im Feuer" ist immer so klein, dass dieser Angstreflex der Savanne gar nicht erst greifen kann. Das begrenzt natürlich mögliche Gewinne, man kann das aber trainieren und kann diese Grenze nach oben schieben, je öfter und ehrlicher man in den Spiegel schaut und bereit ist, das zu lange Zögern als das zu erkennen was es ist: Die Fratze des Affen. Das ist der harte, aber lohnende Weg der persönlichen Charakterentwicklung. Ein Weg den ich jedem nur empfehlen kann, weil er über die Börse hinaus weiter bringt.

Auf dem anderen Weg schafft man sich ein Regelwerk objektiver Regeln, wie in der trivialsten Form die -> gleitenden Durchschnitte <- und trainiert die Disziplin, sich daran zu halten. Denn wenn man das schafft und diese Ängste in den Griff bekommt, wird -> "Dabeibleiben" plötzlich "ganz einfach" <-. Das nennt man die *Strategie*, die ich hier immer predige.

Und man kann natürlich auch Beides machen. Der wirklich kluge Anleger entwickelt sich weiter, traut dem eigenen Affen aber trotzdem nicht über den Weg und hat eine feste Strategie, die Leitplanken vorgibt. Er macht beides.

Fazit:

Unser Risikoempfinden als "fortgeschrittene Affen", ist nicht an die moderne Welt angepasst, sondern verharrt in den evolutionären Zeiten des täglichen Überlebenskampfes.

Das führt dazu, dass wir vermeintliche Signale schwerwiegender Risiken überbewerten, weil diese bei uns massive Ängste auslösen, deren evolutionärer Sinn ist, bei uns eine lebenssichernde Vermeidungsstrategie in Gang zu setzen.

WIr reagieren evolutionär also auf unmittelbare Trigger in unserem Wahrnehmungsfeld, die Alarm schlagen. Für systemische Risiken die nicht sichtbar sind, sind wir dagegen nicht gemacht. Und wenn, versuchen wir diese wieder digital mit Triggern zu betrachten, was aber für diese komplexen, sich überlagernden, mehrdimensionalen Risiken mit Wahrscheinlichkeiten, keine adäquate Herangehensweise ist.

Mit Börse hat das rein gar nichts zu tun, denn ausnahmslos alle Menschen sind so und treffen ihre Entscheidungen genau so teilweise hochgradig irrational. Fragen Sie mal einen erfahrenen Immobilien-Makler, wie die Entscheidungen der Kunden typischerweise zustande kommen und wann diese faktisch feststehen und nur noch bestätigt werden. Sie lachen sich halb tot über diese Stories und auch das sind absolut zentrale Entscheidungen im Leben eines Menschen!

Die Börse hält uns nur permanent den Spiegel vor, weil das was wir gestern gekauft haben, heute einen neuen Preis bekommt. Dieser Spiegel macht es unmöglich, uns weiter etwas über unsere Ratio vorzumachen. Entweder findet man dann Börse früher oder später "Scheiße" oder man ist gezwungen, sich dem Affen zu stellen.

Insofern können wir uns glücklich schätzen. Wir sind die gleichen Affen wie alle anderen, aber wir wissen es wenigstens und können darüber reflektieren. Und deswegen haben wir eine Chance.

Ihr Hari

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Vom Zappeln und Verdrängen



Guten Morgen!

das Fiese und gleichzeutig Schöne am Markt ist, dass er - wenn wir das hören wollen und es nicht verdrängen - uns aufzeigt, wie stark wir doch von Ängsten getrieben sind.

Wenn wir im Markt sind, haben wir Angst es könnte eine Korrektur geben und wir Geld verlieren.

Wenn wir aus dem Markt heraus sind, haben wir Angst er könnte uns weglaufen und wir den Einstieg verpassen.

Wenn wir gerade eingestiegen sind, mit der Absicht diese Position als Investment lange zu halten, macht uns das schnelle Minus an den folgenden Tagen doch nervös und wir fragen uns, ob wir nicht gleich wieder aussteigen sollten.

Wenn wir dann aber ausgestiegen sind, haben wir wieder Angst, es könnte genau jetzt drehen und "unsere" Aktie uns weglaufen.

Wenn wir gerade eingestiegen sind, mit der Absicht diese Position als Investment lange zu halten, macht uns das schnelle Plus an den folgenden Tagen doch nervös und wir fragen uns, ob wir die Gewinne nicht sichern sollten.

Ich könnte endlos weitermachen, ich denke wenn wir ehrlich sind, kennen wir das alle. Das genau ist unser "Affenhirn" und der Markt zeigt uns durch seine Rückkopplung via Kurse unsere Fratze im Spiegel. Und wir sollten nicht glauben, dass dieses unser Verhalten auf den Markt begrenzt sei, nein es ist Teil unseres normalen Verhaltens, nur zeigt es uns der Markt mit der Rückkopplung über die Kurse wie im Brennglas.

Einen Weg zu finden, sich darüber zu erheben, ist die Kernaufgabe, vor der wir alle stehen. Wer diesen Weg findet und die Ruhe ihn zu beschreiten entwickelt, hat eine gute Chance für konsistenten Erfolg an den Märkten. Wer diesen Weg nicht findet, ist chancenlos und wírd nur mit Glück auch mal Erfolge sehen, die man sich dann schönreden kann.

Es gibt zwei klassische Arten, wie wir damit umgehen, die beide eine Form von Selbstbetrug sind und nicht funktionieren. Es sind aber die Wege die die meisten gehen, weil es vermeintlich die einfachsten Wege sind.

Da haben wir auf der einen Seite die, die sich ihrer Affenfratze im Spiegel eigentlich gar nicht stellen wollen. Diese versenken sich in ihre Emotionen, lassen sich von ihnen treiben und versuchen durch Kompensationshandlungen ihre Emotionen zu befriedigen. Und natürlich redet man sich die Kompensationshandlungen dann vor sich selber schön.

Das führt zu einem Stil den ich immer "zappelig" nenne, sobald so ein emotionaler Trigger kommt, meint man was "tun" zu müssen, um sich selber das Gefühl zu geben, noch Herr der Lage zu sein. Wenn man einfach nur in den Wald gehen und Holz hacken würde, wäre das ja sinnvoll und würde vor allem keinen Schaden anrichten. Am Markt aber, richtet es Schaden an und es ist dieser Typus, der nie bei seinen Absichten bleibt, sondern wie ein Baum im Sturm hin und her gebogen wird und sich das noch schön redet.

Neben den zappeligen Anlegern mit mangelnder Impulskontrolle, haben wir auf der anderen Seite aber die Verdränger. Das sind die, die einen Trade als langfristiges Investment umdefinieren wenn er schlecht läuft, aber auch die, die sich schönreden, wie sehr sie sich doch über den nächsten 50% Crash freuen werden, weil sie billiger kaufen können. Natürlich können sie es in Realität dann nicht, der Vorteil der Verdränger ist aber, dass ihr Selbstbetrug nicht sofort vom Markt aufgedeckt werden kann, weswegen dieser Ansatz lange "zu funktionieren" scheint.

Zu dieser Kategorie gehören auch die, die komplett aus dem Markt, auf den richtigen Einstiegspunkt warten. Nur kommt der nie und wenn er kommt, ist die Lage so katastrophal, dass man sich nicht traut, denn eine katastrophale Lage kann immer noch desaströser werden und jeder Kurs kann sich noch einmal halbieren, auch der der schon 50% gefallen ist.

In dem man sich einredet, man würde "weise" an der Seitenlinie warten, pflegt man auch sein Ego und betrügt sich selber, auch hier kann der Markt den Selbstbetrug aber erst viel später aufdecken, weswegen die Methodik des Verdrängens eindeutig die beliebteste ist und von vielen geflegt wird - natürlich auch ohne echten Erfolg. Denn letztlich ist diese Haltung nichts anderes als eine große, selbstgefällige Prognose, dass der Markt noch einmal auf Kurse kommen wird, die man sich wünscht. Man kann sich dabei vor sich selber auch so wunderbar als Teil einer wissenden Minderheit produzieren, die im Markt sieht, was andere nicht sehen können, die wie Schafe in ihren Untergang laufen. Nur dummerweise muss der Markt gar nichts und macht gerne das Gegenteil dessen, was wir uns wünschen. Und wer am Ende das Schaf ist, darüber entscheiden alleine die Kurse.

Beide "Methoden" sind letztlich Ersatzhandlungen. Man stellt sich dem wahren Problem nicht, weil es zu schwierig und schmerzhaft ist und pflegt den eigenen Emotionshaushalt mit Placebos. Man optimiert eben nicht das Verhalten als Anleger, man optimiert den eigenen Emotionshaushalt. Erfolg geht so nicht.

Erfolg kommt nur, wenn wir einen Weg finden, diese emotionalen Bedürfnisse an anderer Stelle als im Markt abzufackeln und wir uns bei unseren Handlungen einer klar definierten Strategie verpflichten. Mit der Strategie kommt dann im Laufe der Zeit auch Sicherheit und mit dem Gefühl der Sicherheit kommt am Ende auch emotionale Ruhe. Die können wir aber nur erreichen, wenn wir uns darauf einlassen und mal an etwas halten. Und die können wir nur im Umgang mit dem Markt erreichen, nicht ohne Impulskontrolle indem wir jeder Zuckung hinterher rennen, aber auch nicht außerhalb, in dem wir uns vor uns selbst als "weiser Außenseiter" produzieren, wo wir doch nur simple Verdränger und Vermeider sind.

Ich schreibe Ihnen diese Zeilen erneut, weil solche Tage wie aktuell, wo der Markt endlich mal wieder zu schwanken beginnt, ein wunderbares Laboratorium der Selbsterkenntnis für uns sind.

Viele im Markt haben doch verlernt mit fallenden Kursen umzugehen und bekommen schon schweißnasse Hände, weil der mal 2-3% fällt. Es sind diese Momente wie aktuell, an denen wir uns besonders gut selber beobachten sollten und wir extrem viel über uns lernen können - wenn wir in der Lage sind uns unserem Spiegelbild zu stellen. Nicht die Frage ob der Markt morgen wieder steigt und fällt ist wichtig, das können wir sowieso nicht beeinflussen, sondern was dabei in uns vorgeht. Wenn wir das besser verstehen, werden wir die unvermeidlichen Schwankungen in Zukunft profitabler handhaben können.

Nun gut, wo stehen wir am heutigen Dienstag Morgen?

Die Antwort ist: genau da wo wir am Montag Morgen standen, es ist schlicht *nichts* passiert.

Wir hatten gestern einen Bounce, der war aber zu früh, zu schwach, zu zögerlich, um ernst genommen zu werden. Wir können den gestrigen Tag also streichen und ich könnte meine Worte zur Ausgangslage wiederholen.

Tendenziell bedeutet die fehlende Fähigkeit des Marktes hier eine Rally hinzulegen, dass wir vielleicht erst noch mehr Schmerz brauchen, bevor dieser Rebound kommen kann. Natürlich können wir immer noch sofort drehen, der gestrige Tag hat die Wahrscheinlichkeiten aber mehr in diese Richtung verschoben. Denn da der Markt besonders gerne markante Marken abfischt und genau dann als Fakeout dreht, wäre doch auch das Folgende gut denkbar.

Denn der DAX wirkt so schwach auf mich, dass sich der Eindruck verdichtet, dass dieser die vermeintliche SKS erst triggern muss und alle Stops in Bewegung setzen, um ein Environment für einen großen Fakeout und folgenden Rebound zu generieren. Das würde dann ungefähr so aussehen:

Und der US Markt braucht in den großen Indizes wie SPX und NASDAQ ebenso erst einmal wohl noch mehr Schwäche, um die Grundlage für eine Wende zu schaffen und die schwüle Lage genügend bereinigt und mit frischer Luft ersetzt zu haben:

Und was mache ich? Derzeit wenig, es gab gestern keinen Grund zu handeln, das war alles wenig überzeugend. Ich habe schlicht *nichts* gemacht und stillgehalten.

Ich bin so aufgestellt, wie ich unter der Annahme einer kaufbaren Korrektur aufgestellt sein will, die sich aber durchaus noch bis 8-10% ausdehnen könnte. Ich bin weder zappelig und mache an Tagen wie gestern nichts, noch bin ich ganz aus dem Markt.

Ich bin dabei, bin im Markt, aber ruhig und halte mich an meine Strategie, die solange mit der Annahme einer kaufbaren Korrektur operieren wird, bis mich der Markt eines Anderen belehren wird.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen gute Erkenntnisse über sich selber. Und glauben Sie mir, wenn man nichts hat um sich emotional festzuhalten, hat man auch keine eingefahrene Strategie. Denn es ist gerade diese, die in solchen Lagen Halt gibt.

Halten Sie die Ohren steif!

Ihr Hari

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Permanent am Abgrund

Folgt man dem, was zu den Märkten die meisten Klickzahlen bekommt, dann stehen wir seit Jahren permanent am Abgrund vor dem nächsten großen Crash, der noch schlimmer als 2008 werden wird.

Aktuell ist es wieder eine Ballung von -> Hindenburg Omen <-, mit denen Angst gemacht wird, weil diese in der Vergangenheit manchmal geballt vor größeren Abwärtsbewegungen auftraten, aber auch nicht immer, siehe 2013 und 2017.

Schauen Sie mal objektiv auf das Chart im obigen Artikel und das Auftreten der "Omen" im Zeitstrahl und sagen mir, welche Relevanz das hatte? Ich sage es Ihnen: Keine!

Und wer sich im August 2013 von mehreren "Hindenburg Omen" hat panisch aus dem Markt vertreiben lassen, hat seitdem - trotz des Einbruchs 2015-2016 - von damals ca. 1.630 im S&P500 auf heute ca. 2.900 sagenhafte 78% Gewinn verpasst, ohne Dividenden wohlgemerkt!

Und was hatten wir vor dem Omen als medialen Angstmacher? Wir hatten zuletzt die "invertierte Zinskurve", die medial durch das Dorf getrieben wurde - ich habe mich dazu -> hier im Juli <- geäussert. Erstens ist die Zinskurve noch nicht invertiert, es ist nur eine Möglichkeit. Zweitens selbst wenn sie bald invertiert, dauert es historisch durchaus 2 Jahre, bis die Rezession dann da ist. Was also hilft uns diese "mediale Sau" dabei nun die richtige Entscheidung zu treffen? Ich sage es Ihnen: Nichts!

Und so kann ich weiter machen. Davor war es der Handelskrieg der zum Zusammenbruch führt, übrigens noch eines der wenigen Themen, das wirklich Substanz hat, denn wenn es zu einer echten Eskalation käme, wäre das wirklich sehr negativ.

Davor war es Nordkorea, Trump mit seinen Marotten, Trumps Wahl und so weiter und so fort. Die medialen Katastrophen-Theoretiker, haben immer irgend eine Sau weswegen gleich Morgen die Welt untergeht, immerhin müssen Sie ja für Klicks und damit Werbeeinnahmen sorgen.

Das Witzige dabei ist, ich stelle doch gar nicht in Abrede, dass wir mit guter Wahrscheinlichkeit bald mal wieder eine Rezession und eine echte, schmerzhafte Korrektur erleben. Vor kurzem habe ich mich -> per Tweet <- über Ray Dalio lustig gemacht, der uns hat wissen lassen, -> dass die nächste Rezession 2 Jahre entfernt ist <-.

Mein sarkastischer Kommentar dazu:

Das ist jetzt aber mal echt überraschend. Laut Experten soll auf einen heißen Sommer zuverlässig ein Winter folgen, nur ob die Schneefälle schon im Oktober oder Januar einsetzen, wissen wir nicht. Faszinierend.

Der Punkt den ich erneut machen will ist ja nicht, dass wir nicht in 2 Jahren eine Rezession bekommen können. Doch das können wir. Selbst Hindenburg Omens können irgendwann mal Recht bekommen und eine invertierte Zinskurve ist wenn sie tatsächlich da ist, sogar ein halbwegs solides Warnsignal.

Ich selber habe im internen Forum zum Thema "Rezessions-Risiko" vor Kurzem das Folgende geschrieben:

Ohne dass ich den Zeitpunkt kenne, ist ziemlich klar, dass uns in den kommenden Jahren ein schwerer Einbruch (> 20% Verlust) bevor stehen dürfte.

Wenn ich aus der Hüfte und ohne lange zu überlegen Prozensätze daran kleben müsste, würde ich sagen:

Bis Ende 2019 = 30%
Bis Ende 2020 = 60%
Bis Ende 2021 = 80%
Bis Ende 2022 = 90%

Nur hilft uns das alles herzlich wenig, weil das was 2020 oder 2021 vielleicht passiert, unser Anlageverhalten heute nicht beeinflussen darf.

Bin ich jetzt also auch ein Jünger des Nostradamus? Ach was, dann haben Sie den letzten Satz überlesen.

Machen wir uns bitte klar: Selbst wenn jetzt ein Mann aus der Zukunft uns eine Nachricht übermitteln würde, die wortwörtlich das Folgende sagt, würde uns das nicht helfen:

Im Jahr 2021 wird der S&P500 zwischen September und November einen Verlust von 24,7% erleiden

Denn selbst dann, wüssten wir immer noch nicht, ob der Markt nicht vorher noch 50% steigt und man diese Bewegung bis ins Frühjahr 2021 nicht besser mitnimmt!

Der Punkt ist also nicht, dass wir nicht bald (im Sinne von ein paar Jahren) mal wieder eine größere Krise erleiden, der Punkt ist dass es sich nicht lohnt, deswegen heute aus blinder Angst sein Anlageverhalten zu ändern!

Ich habe hier in -> diesem Tweet <- dazu noch ein paar schöne Charts für Sie, die das Problem visualisieren.

Sie dokumentieren die Momente, in denen "Gurus" Sätze gesagt haben wie "das leichte Geld wurde schon verdient" oder wer alles wann gesagt hat, dass der nächste Crash unmittelbar bevor steht. Schauen Sie sich die drei Charts bitte mal an, das ist lehrreich!

Ich kann dazu nur sagen:

Nirgendwo wird so viel Geld liegen gelassen, als wie beim Warten auf den großen Crash, der immer später kommt als man denkt.
Schnelle Reaktion und flexibler Geist sind Zeichen erfolgreicher Trader. Mit Weissagungen bekommt man Klicks, aber nicht das Depot ins Grüne.

Dieser permanente alarmistische Ablauf, auf den so viele immer wieder herein fallen, liegt natürlich auch daran, dass sich mit Katastrophen-Szenarien und Alarmismus einfach mehr Klicks generieren lassen, als mit abgewogenen, differenzierten Sichten. Das ist die logische Folge eines "kostenlosen" Internets, bei dem der Klick die Ware ist. Wer nicht bereit ist, für gute Informationen Geld auszugeben, muss sich also auch nicht wundern, was er bekommt.

Ich kann Ihnen hier nur eindringlich sagen: Es ist *profitabler*, das alles zu überhören und nur auf den Markt zu reagieren - nur auf das zu achten, was wirklich auf dem Spielfeld gespielt wird.

Die Fähigkeit die man dann erwerben muss ist aber, dass *wenn* der Markt dann dreht, man *dann* aber auch konsequent aussteigen muss. Daran scheitern viele, die dann zu lange festhalten. Was für Muster uns da typischerweise begegnen, habe ich vor einem Jahr mal hier beschrieben: -> Wie eine Topbildung aussieht <-. Solche Abläufe sind also keineswegs völlig überraschend, es gibt immer vorher Warnzeichen in den Kursen.

Ganz einfach ist also kein Weg, aber es ist definitiv besser so lange wie möglich dabei zu bleiben und in Kauf zu nehmen, von den Tops dann wieder 10% abzugeben, also aus reiner Angst vor so einer 10% Korrektur dann eine 87% Bewegung zu verpassen, wie von 2013 bis heute.

Dieses Grundprinzip ist eigentlich völlig logisch und anhand von Vergangenheitscharts leicht empirisch nachzuweisen. Wenn Sie das immer noch nicht glauben, dann schauen Sie mal bitte
-> hier auf das sehr beeindruckende Chart der letzten Bullen- und Bären-Märkte seit 1926 <-.

Bitte tun Sie das, schauen Sie sich das an, wenn Ihnen Ihr Depot lieb ist! Wollen Sie da wirklich immer noch Ihre Zeit damit verbringen auf den nächsten Bären-Markt zu warten?

Erneut, ich sage ja nicht, dass wir unvorsichtig sein sollen und zu blauäugigen Dauerbullen werden. Doch, es macht Sinn den ganz großen Einbrüchen aus dem Weg zu gehen zu versuchen - aber erst dann wenn diese real begonnen haben!

Noch sieht aber der US Markt stabil aus, hier ist zum Beispiel -> dank Stockcharts <- die Advance / Decline Line, deren Bedeutung als Indikator ich Ihnen letzten Dezember in -> Die Weisheit der Adcance/Decline Line <- auch im freien Bereich nahe gebracht habe:

Wir sehen hier die A/D Linie leicht rötlich und den SPX im Vergleich, die Marktbreite stimmt also und es gibt da noch kein Warnsignal in Form einer Divergenz.

Auch das ist natürlich keine Garantie. Natürlich kann diesen Herbst in den US Märkten noch ein 10% Korrektur kommen, so wie ich das in -> Fällt das Eine oder steigen die Anderen? <- hier vor 2 Wochen dargestellt habe. Und natürlich kann die kommende Woche Schwäche bringen, das ist gar nicht mal so unwahrscheinlich.

Trotzdem, langfristiges Faktum bleibt, dass nur der Anleger Erfolg haben kann, der überhaupt im Markt und dabei wachsam ist. Wer aber aus Angst vor der nächsten Korrektur permanent draußen ist, kann definitiv keinen Erfolg haben. Das ist anlagetechnisch dann sozusagen "Selbstmord aus Angst vor dem Tod".

Und zum Abschluß dieser "Predigt" noch etwas Wichtiges.

Einige von Ihnen werden jetzt rational zu dem Nicken was ich oben sage, weil sie die Logik verstehen und nachvollziehen können. Gleichzeitig spüren diese aber einen Widerstand in sich, es jetzt real umzusetzen, irgend etwas bremst im Sinne "jetzt noch nicht". Jetzt gerade *könnte* doch diese verflixte Korrektur einsetzen!

Stimmt, sie *könnte*. Es *könnte* aber auch ganz anders kommen.

Das genau ist unser "Affenhirn", das viel mehr Angst davor hat direkt nach dem Einstieg 20% zu verlieren, als ohne den Einstieg einen Anstieg von 80% zu verpassen.

Wenn Sie beginnen dieses "Affenhirn" als ihre große Hürde zu begreifen der Sie sich stellen müssen, dann haben Sie einen wichtigen Schritt nach vorne gemacht. Das bedeutet aber *nicht* nach übertriebener Angst nun schlagartig ins Gegenteil zu kippen und blauäugig optimistisch zu werden.

Es bedeutet nur, uns von diesen Angst-Reflexen zu lösen und eine rationale, vorsichtig-positive Haltung zum Markt einzunehmen. Eine Haltung die große Risiken absichert, bei kleinen Risiken aber auch mal Gelassenheit zeigt.

Amen 🙂

Ihr Michael Schulte (Hari)

*** Bitte beachten Sie bei der Nutzung der Inhalte dieses Beitrages die -> Rechtlichen Hinweise <- ! ***

Perlen Reloaded – Der Feind in uns

Den folgenden, wichtigen und grundlegenden Beitrag, habe ich im Nachgang eines schwachen Tages am Freitag 04.04.14 geschrieben, als der Markt nach längerem Anstieg plötzlich wieder markant zu fallen begann:

Jetzt, da wir wissen was danach passiert ist - nämlich nicht viel - fragen wir uns natürlich, was daran besonders aufregend gewesen sein soll. An dem Tag wusste man es aber nicht und es hätte sehr wohl der Beginn einer grösseren Wende sein können und nicht nur der Beginn einer kleinen Korrektur wie dann abgelaufen.

Dieser Tag hat hier allerlei Emotionen hervor gerufen, einige waren genervt vom Markt, der schon vorher schwierig war, andere hatten Angst, wieder andere zuckten zu gelassen die Schultern nach dem Motto: "geht schon wieder hoch".

Das war für mich Anlaß die folgenden wichtigen Worte zu schreiben, in denen ich adressiere, dass das alles emotionale Vermeidungsstrategien sind. Übrigens auch vom Anleger, der vor der Unsicherheit des nervigen Hin und Hers fliehen will und deswegen jetzt "nur noch langfristig anlegen" will, so als ob das Problem kleiner würde, wenn man viele kleine Momente der Unsicherheit durch einen großen Moment der Unsicherheit ersetzt. Nichts wird kleiner dadurch, man kann sich nur länger in einer Illusion sonnen. 😉

Hier der damalige Beitrag, der nichts von seiner Aktualität verloren hat:

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Samstag 05.04.14 09:30 - Der Feind in uns

Ich möchte das Geschehen von Freitag zum Anlass für einen Grundsatzartikel nutzen - ausnahmsweise mal am Wochenende.

Denn ich bin sicher, ich kann - sozusagen durch die Leitung - fühlen, was viele von Ihnen zum Geschehen am Freitag denken. Da ist so eine Art kollektives Seufzen nach dem Motto: kann mich dieser Markt mit seinen wilden Bewegungen nicht mal in Frieden lassen ? Es geht doch sowieso bald weiter hoch......

Dieses Gefühl ist sehr menschlich und verständlich. Ich habe es auch in mir. Ich habe gestern auch gedacht: "herrje - was soll das denn jetzt wieder ?". Weil eigentlich wollte ich ruhig ins Wochenende gleiten und der Markt liess mich nicht. Das frustriert uns Menschen und verleitet uns zu Vermeidungsstrategien. Über diese Vermeidungsstrategien will ich nun reden.

Das Fiese ist, aufgrund der Reflexivität des Marktes, kennt er unsere Schwachstellen. Er muss sozusagen systembedingt dann besonders gefährlich werden, wenn wir Menschen ermattet unsere Schilde herunter sinken lassen. Denn wir sind der Markt, weil wir ihn machen. Es ist deshalb gar nicht ungewöhnlich, dass solche unerwarteten Bewegungen genau dann kommen, wenn keiner mehr hinschauen will. Es ist im Gegenteil folgerichtig, dass diese dann kommen.

Und nun kommt unser "Affenhirn" wieder ins Spiel und da es uns emotional nicht gefällt, dass wir wieder aufgeschreckt werden, reagieren wir instinktiv mit Vermeidungsstrategien.

Die erste klassische Vermeidungsstrategie handelt von den Affen, die nichts sehen, nichts hören, nichts sagen wollen. Wie oft haben wir solche Momente wie Freitag in den letzten Jahren gehabt ? Wie oft entstanden "rote Flaggen", die dann doch keine Folgen hatten ? Sozusagen tausend mal berührt, tausend mal ist nichts passiert.

Mit dieser Haltung zucken wir die Schultern und verdrängen das Geschehen. Wird schon weiter hoch gehen. Die Chancen dafür sind auch gar nicht schlecht. Wenn das aber der Beginn von 2008 oder nur August 2011 ist, werden wir mit dieser Haltung massiv auf die Nase fallen. Denn wenn jetzt am Montag oder Dienstag die Kurse weiter nach unten rauschen, wird bei uns auch noch der Confirmation Bias zuschlagen. Wir wollen uns dann den Fehler nicht eingestehen und werden weiter abwarten und verdrängen. Bis irgendwann der Schmerz zu gross wird, dann ist aber schon viel Blut geflossen, das unnötig gewesen wäre.

Die zweite klassische Vermeidungsstrategie ist noch radikaler und einfach nur Selbstbetrug. Es ist der Fuchs der sagt, dass die Kirschen die zu hoch hängen, ja gar nicht schmecken. Wer mit diesen Swings des Marktes emotional nicht umgehen kann, wird sich selber erklären, dass er das ja alles gar nicht braucht. Dass er ja nun ein ruhiger Investor wird, den diese Swings nicht mehr interessieren.

Das ist – mit Verlaub – Selbstbetrug. Es gibt keinen „einfachen“ Weg über längerfristige Investments. Wer diesen heiligen Gral gefunden hat, hat meine Glückwünsche und sollte sein unglaubliches Geheimnis besser gut hüten.

Für Menschen die emotional damit nicht umgehen können, gibt es nur eine Möglichkeit die real ist: emotional komplett aus dem Markt zu gehen. Man kauft ein paar gut gemanagte Fonds und interessiert sich nicht mehr für das Geschehen. Höchstens mal einmal im Jahr, wenn man auf den Depotstand schaut. Man blendend das hektische Börsengeschehen ansonsten komplett aus. Mit dieser Methode wird man mit minimalem Aufwand die Marktperformance mitnehmen – aber eben auch alle Tiefen wie 2008 auslooten. Und auch diese Methode erfordert emotionale Disziplin. Nämlich Ende 2008 dann nicht auch noch zu verkaufen, wenn einem der Weltuntergang von jedem Magazin entgegen schreit und gar nicht mehr zu übersehen ist.

Lustigerweise kommen diese Sätze von „ich investiere nur noch langfristig“ ja aber gerade von Menschen, die sich sehr wohl für den Markt und das Geschehen interessieren. Und die sehr wohl denken, dass sie mit ihren Entscheidungen einen Mehrwert gegenüber der völlig passiven Verhaltensweise wie oben generieren. Denn wirklich Zeit und emotionale Energie spart man, wenn man sein Kapital ein paar guten Fondsmanagern in die Hand drückt und es dann vergisst. Das will dieser Anleger-Typus dann aber auch nicht. Dafür ist Börse dann doch wieder zu interessant. Nein, er möchte halt am liebsten ein paar tief hängende Kirschen abstauben. Der Wunsch ist verständlich, dummerweise gibt es diese Kirschen fast nicht.

Und darin liegt eben der Selbstbetrug. Der reale Ablauf sieht dann so aus, dass man lange die Reise des Marktes nach unten mitgeht, weil man ja vermeintlich „ruhig investiert“. Irgendwann wird aber auch diesen Anlegern der Schmerz zu gross. Selbst 2011 waren wir teilweise 30% gegenüber den Höchstständen im Minus. Und dann greifen diese Anleger doch ein. Natürlich dann nahe am Tiefpunkt, denn da ist der Druck am höchsten. Die Möglichkeit zu erkennen, dass das ein potentieller Tiefpunkt ist, haben sie sich aber selber genommen, weil sie die vielen unsinnigen Swings und Fallen des Geschehens emotional nicht mehr aushalten konnten.

Und dann gibt es noch eine dritte klassische Form von Vermeidungsstrategie, die ebenso übel für das Depot ist. Die schafft das schlechte Gefühl in der Magengrube schnell weg, in dem man (vorschnell) handelt. Diese Personen haben am Freitag den Einbruch gesehen, sind unsicher geworden und haben vor dem Wochenende schnell verkauft. Dumm nur, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass am Montag eine Gegenbewegung kommt. Und dumm nur, dass eigentlich noch nichts passiert ist und alle Indizes des Marktes weiter nach oben zeigen. Wer seine emotionale Spannung immer dadurch löst, dass er dem Markt hinterher verkauft oder einem schon stark gestiegenen Markt hinterher kauft, wird am Ende zerrieben.

Machen Sie sich bitte klar, dass alle drei Verhaltensweisen emotionale Vermeidungsstrategien sind, mit denen wir einen gefühlten Druck in uns selber kanalisieren und für uns handhabbar machen wollen. Dummerweise sind alle drei Verhaltensweisen zwar sehr menschlich, aber für das Depot falsch und schädlich.

Denn es gibt nach meiner Erfahrung nur einen Weg, der „richtig“ im Sinne einer guten Performance im Depot ist. Und das ist dummerweise der, der für uns Menschen am schwierigsten ist:

Wir müssen zwei Dinge gleichzeitig tun, die in uns im Widerstreit stehen. Wir müssen:

Einerseits solche Bewegungen wie am Freitag aufmerksam und mit offenem Geist wahrnehmen und ernst nehmen. Denn auch wenn 10x nichts passiert ist und die Wahrscheinlichkeiten gut sind, dass auch 11x nichts passiert - die Folgen, wenn es dieses mal doch eine bedeutende Wende werden sollte, sind einfach zu hoch, um es zu ignorieren und zu verdrängen. Wir müssen also einerseits auf den Zehenspitzen sein, auch wenn wir keine Lust dazu haben und innerlich seufzen im Sinne „nun lass mich doch mal zufrieden, du verrückter Mr. Market“.

Anderseits dürfen wir uns trotz aller Aufmerksamkeit, aber nicht zu vorschnellen Handlungen hinreissen lassen. Nur wegen eines Tages gibt es noch keinen Grund zu handeln und wenn wir auf jeden Swing des Marktes reagieren, werden wir verrückt und am Ende zerrieben. Wir müssen an unsere Stops und an unsere Regeln denken und nicht vergessen, dass trotz so einer Bewegung, alle wesentlichen Indikatoren immer noch bullisch sind !

Wir müssen also zulassen, dass wir den intellektuellen Alarm hören, gleichzeitig aber in unseren Handlungen gelassen und regelbasiert bleiben. Wir müssen also die Wahrnehmungsebene von der Handlungsebene trennen !

Das ist für uns Menschen so unendlich schwierig. Die Natur hat uns nicht dafür gemacht, intellektuell wach zu sein und gleichzeitig uns vorschneller Handlungen zu entsagen. Im Gegenteil, die Natur hat uns dafür gemacht, auf ein Problem zu reagieren und zwar sofort ! Oder das Problem zu verdrängen. Deswegen neigen wir zu einer der drei Vermeidungsstrategien oben. Und deswegen tun wir uns so schwer in solchen Situationen.

Es gibt aber Rettung. Denn etwas kann uns helfen, die Energie der Wahrnehmung eines Risikos in die richtigen Bahnen zu lenken und unsere Emotionalität im Griff zu behalten. Und das sind genau die Regeln und Strategien, denen wir unser Handeln unterwerfen. Das ist das, was ich das Handeln in Setups nenne. Das sind unsere Stops die wir hoffentlich haben. Denn wenn wir vorher definiert haben, ab wann wir aussteigen werden, können wir das Marktverhalten vom Freitag ganz gelassen betrachten. Wir kennen unser Risiko und haben es akzeptiert. Wir sehen das Geschehen und nehmen es ernst. Unser Handeln haben wir aber vorher geplant.

Das gibt Ruhe, Gelassenheit und emotionale Stabilität, ohne in eine falsche Verdrängungsstrategie zu rutschen.

Und dieses Prinzip ist universell. Denn man kann am Markt auf der kurzfristigen Ebene erfolgreich sein. Und man kann auch als langfristiger „Investor“ erfolgreich sein. Beide Wege sind möglich. Beide Wege erfordern aber, dass man sein Handeln von objektiven Parametern abhängig macht. Und das man immer mit wachem Auge, trotzdem alle Risiken im Auge behält.

Glauben Sie mir, es gibt keinen anderen Weg, um am Markt zu bestehen. Wir müssen jederzeit aufmerksam sein und die Risiken wahrnehmen. Und trotzdem nur kontrolliert nach vorher überlegten Prinzipien handeln.

Ich weiss selber, wie schwierig das ist. Aber das müssen wir lernen. Und Selbsterkenntnis ist der erste Weg der Besserung und deshalb machen Sie sich bitte klar, dass hektisches Handeln, ebenso wie die Verdrängung im Sinne „mich interessiert das nicht“, beides nur Methoden unseres Affengehirns sind, unsere Seelenheil zu erhalten. Dummerweise sind die Mechanismen für unser Seelenheil nicht kompatibel mit einem erfolgreichen Depot.

Egal ob langfristiger Investor oder kurzfristiger Trader, wir müssen lernen diese innere Spannung zwischen Wahrnehmung und Handlungszwang auszuhalten. Eine klare Strategie, der man folgt, ist dafür unverzichtbares Hilfsmittel.

Und so müssen wir auch das Geschehen vom Freitag angehen. Sicher ist 10x nichts passiert. Und sicher ist es viel wahrscheinlicher, dass auch 11x nichts passiert, als dass das nun der Anfang von etwas Grösserem ist. Alle wesentlichen Parameter des Marktes sind weiter eher bullisch und sprechen für eine Fortsetzung der Aufwärtsbewegung. Aber wir haben keine Wahl, wenn wir erfolgreich im Markt unterwegs sein wollen - egal ob kurzfristig oder langfristig - müssen wir die Spannung der Unsicherheit zulassen, ohne uns dadurch gleich zu Handlungen verleiten zu lassen.

Ihr Hari

Von geistiger Nachlässigkeit und warum wir reifer als die Bundeskanzlerin sein müssen



Es gibt ein wichtiges Thema, das ich schon oft erwähnt habe, aber noch nie mit einem eigenen Artikel in den Kontext gestellt habe. Es ist die Eigendokumentation unserer Aktivitäten, unser "Trader-Tagebuch" sozusagen.

Voraus geschickt sei, dass ich um die Darstellung zu vereinfachen, mich hier im Artikel ausschliesslich auf die Sicht eines Traders konzentriere. Auch ein Investor findet Wert in einer Dokumentation seiner Handlungen, muss dabei aber auf andere Schwerpunkte achten, die hier nun nicht Thema sein sollen.

Für den Trader aber, ist eine Eigendokumentation Pflicht. Ja Pflicht, wer es nicht tut, zeigt damit nur geistige Nachlässigkeit und macht sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit etwas vor.

Gestern habe ich einen alten Satz von Jesse Livermore retweetet der lautet:

The game of speculation is the most uniformly fascinating game in the world. But it is not a game for the stupid, the mentally lazy, the person of inferior emotional balance, or the get-rich-quick adventurer. They will die poor.

Wie wahr und um die "mentally lazy", zu deutsch die "mental Trägen" oder "geistig Nachlässigen" geht es hier. Denn irgendwie sind wir das alle und unser Affenhirn ist ganz hervorragend darin, uns eine Bauchentscheidung aus innerer Schwäche und einer Aufwallung heraus, im Nachgang als grosse heroisch-rationale Tat in Alternativlosigkeit zu verklären. Das geht nicht nur Bundeskanzlerinnen so, sondern auch uns bei unseren Anlageentscheidungen.

Und es gibt nur einen Weg, um unserem Affenhirn diese nachträgliche Schönung und Verklärung der Vergangenheit zu verbauen und den kalten Blick der Objektivität auf unsere Entscheidungen und ihre Folgen zu richten. Und das ist die Dokumentation unserer Absichten im Vorfeld und das Tracken der realen Folgen im Nachgang. Der Vergleich zwischen Wunsch und Wirklichkeit nämlich. Und das auf unbestechlichem Papier und nicht in unserer verklärenden Erinnerung.

Wäre Merkel dazu bereit und in der Lage, hätte sie schon früh im Herbst 2015 erkannt, dass sie eine katastrophale Fehlentscheidung mit langfristigen, negativen Folgen für das Land, ihre Partei und sie selber getroffen hat und diese dringend mit einer Vorwärtsstrategie wieder begrenzen muss. Das ist gleichbedeutend mit einem Anleger, dessen Position ins Minus gelaufen ist und der diese Verlustposition zu einem "Investment" umdeutet.

Richtig dagegen wäre, sich dem Verlust zu stellen und weitere Verluste zu verhindern, in dem man die Position schliesst. Richtig wäre im Herbst 2015 gewesen, alles dafür zu tun um so schnell wie möglich wieder zu einem geordneten Verfahren zurück zu kehren. Statt dessen aber "wir schaffen das" hinaus zu posaunen und eine emotional getriebene Fehlentscheidung zur Alternativlosigkeit umzudeuten, ist das gleiche Affenhirn, das den Anleger eine Verlustposition im Depot behalten lässt und diese im Sinne "das wird schon wieder" mit klebrigem Hopium überschmiert.

Dagegen hilft nur die innere Reife und Härte vor sich selbst, sich den eigenen Fehlern zu stellen. Und nur weil eine Bundeskanzlerin das offenbar überfordert, heisst das nicht, dass wir als Anleger nicht intellektuell reifer sein können. Wir müssen es sogar sein, denn nur so ist Erfolg im Markt möglich, siehe oben Jesse Livermore, die "mentally lazy" haben keine Chance.

Womit wir bei der Dokumentation sind, die für Trader absolute Pflicht ist und die trotzdem zu viele nicht machen. Was ich dabei mit "Dokumentation" meine und was man dafür machen sollte, das will ich hier und heute ein wenig ausführen. Ich will es auch ausführen, weil mir bewusst ist, dass sich viele damit schwer tun und gar nicht wissen, was sie da aufschreiben sollen.

Ich rate daher dringend dazu, zwei Aspekte voneinander zu trennen. Genau genommen geht es also um zwei unterschiedliche Dokumentationen mit unterschiedlichem Sinngehalt. Und nur der erste Aspekt ist dauerhafte Pflicht jedes Traders, der zweite hat mit der Selbstfindung und der Reflektion über die Eigenheiten des eigenen Affenhirns zu tun und kann eingestellt werden, wenn man sich seiner Handlungen wirklich sicher ist.

Der erste Aspekt ist schlicht die objektive Buchführung über die Ergebnisse der eigenen Aktivitäten. Und zwar so detailliert, dass man im Nachhinein diese Daten auswerten kann, um nach Mustern und wiederkehrenden Schwachstellen im eigenen Handeln zu suchen. Um also das Brett vor dem eigenen Kopf überhaupt erkennen zu können.

In diesen Datenbestand gehören selbstverständlich die klassischen Dinge wie:

  • Datum und Uhrzeit
  • Einstiegs und Ausstiegskurs
  • Long oder Short?
  • Gewinn und Verlust absolut
  • Gewinn und Verlust relativ zum Kapitaleinsatz
  • Handelsplatz
  • Währung
  • Broker

Es können und sollten aber auch "weichere" Parameter aufgenommen werden, die später einer gehaltvollen Analyse dienen sollen. Hier kann sich jeder überlegen, was ihm sinnvoll und interessant erscheint.

Diese Kriterien sind dann zu "codieren", so dass man für die verschiedenen Varianten nur noch kurze, auswertbare Kennungen eingibt. Ein paar Beispiele wären:

  • Der Zeithorizont des Trades (zb Intraday vs mehrtägiger Swing)
  • Ob das geplante Ziel erreicht wurde oder vorher abgebrochen wurde
  • Ob der Trade geplant war oder ob man aus dem Moment heraus sich entschieden hat
  • Ersttrade oder Folgetrade nach voran gegangenen anderen Trades im selben Asset
  • Assetklasse und Assetsektor, also eine Kategorisierung der gehandelten Aktien
  • und so weiter und so fort, der Phantasie sind keine Genzen gesetzt. Dokumentieren Sie das, wo Sie einen Verdacht haben, dass es auf Ihre Performance Auswirkungen hat.

Wichtig ist, dass alle diese Daten zum Zeitpunkt der Anlage des Eintrags klar zu identifizieren sind und "codifiziert" sind, so dass man sie einfach niederschreiben und dokumentieren kann. Die Parameter dürfen also nicht zu interpretierbar sein und keine langen Erklärungen benötigen. Alle diese Daten müssen "maschinell" verarbeitbar und auswertbar sein.

Der Sinn des Ganzen ist, dass man jederzeit eine Datenbank der eigenen Aktivitäten hat, um die eigenen Handlungen auszuwerten und Schwachstellen oder Stärken zu identifizieren.

Vom Tool her machen Sie das wie Sie wollen. Es gibt einige, die nutzen dazu fertige Anwendungen und das ist dann auch OK. Ich selber bin davon kein Fan, weil ich dann mehr damit beschäftigt bin mich mit dem Tool zu beschäftigen und mich über seine Begrenzungen zu ärgern, als mich um die Substanz - meine Daten - zu kümmern.

Mit Excel und seinen (auch graphischen) Auswertungsmöglichkeiten ist uns aber ein perfektes Basis-Tool gegeben, das flexibel ist und alles bietet was wir brauchen. Ich habe persönlich also pro Jahr eine Excel-Liste meiner Aktivitäten, die ich täglich pflege und die mir immer erlaubt, meine Handlungen nach diversen Aspekten grafisch auszuwerten, seien es saisonale Fragen oder Fragen der Sektoren.

Aber erneut, machen Sie das wie Sie wollen, entscheidend ist nur, dass Sie es tun und Sie einen belastbaren Datenbestand Ihrer Handlungen haben. Dieser Auswertungen verhindern eben auch die Verklärung der Vergangenheit, die der Affe in uns so sehr liebt und das ist ganz entscheidend.

Also, dieser auswertbare Datenbestand ist Pflicht für jeden Trader, der das Thema professionell angeht. Alle andere sind "mentally lazy".

Und wenn man diesen Datenbestand hat und ihn diszipliniert pflegt, dann folgen die regelmässigen Auswertungen, aus denen man Muster und Erkenntnisse heraus filtert und sich dadurch in seinen Handlungen verbessert.

Der zweite Aspekt der Dokumentation ist ein ganz anderer. Bei dem geht es um den Affen in uns und um die segensreiche Wirkung die es hat, sich zu zwingen die Absichten *im Vorfeld* ausführlich auszuformulieren.

Bei diesem Aspekt geht es nicht um Auswertung danach, sondern primär um Prävention und Bewusstseinsbildung.

Denn das grösste Problem das viele Trader haben, ist die Sprung- und Triebhaftigkeit, das sich vom Moment und Eingebungen treiben lassen. Das ist aber eine Ursünde und ein krasser Verstoss gegen das -> Denken in Setups <-.

Das Denken in Setups beschreibt eigentlich nur, dass wir einem bewussten Plan bei unseren Handlungen folgen. Wir wissen also warum wir es tun, wann wir es tun, was wir uns davon versprechen, wann es gescheitert ist und wann wir einen Gewinn realisieren.

Man könnte auch sagen, wir haben einen Plan und eine Strategie - oder eben nicht.

Und genau den haben zu viele Trader nicht und handeln aus einer Eingebung heraus. Man liest da also was "beim Hari" im Wallstreet Stream und eine Minute später gibt man die Order aus einer Eingebung heraus ein. Ob das in die eigene Strategie passt? Egal. Ob der Hari was übersehen hat? Egal. Ob der Zeithorizont zum eigenen Stil passt? Egal. Und so weiter und so fort, der Affe hat die Kontrolle über uns übernommen und in dem Szenario ist es dann die "Angst zu verpassen" von der wir typischerweise getrieben werden.

Das ist aber falsch, falsch, falsch! Das ist "mentally lazy", triebhaft und zeugt von einer "inferior emotional balance". Punkt!

Und hier kann die zweite Form der Dokumentation immens helfen, bei der es nicht um in der Datenbank auswertbare Kürzel und Indikatoren geht, sondern darum, dass wir in ganzen Sätzen unser Setup, unsere Strategie dokumentieren. Für uns selber oder für andere.

Stellen wir uns vor, Sie wären jetzt bei mir -> im Mentoring <- und ich würde Sie mal 4 Stunden bei einem Handelstag beobachten. Ich sitze also hinter Ihnen, mache mich "unsichtbar" und Sie haben sich auch so an mich gewöhnt, dass Sie tatsächlich normal arbeiten, ohne mich zu beachten.

Dann sehe ich wie Sie was lesen und einen neuen Trade eingeben. Ich rufe "STOP" und sage Ihnen, dass Sie sich jetzt bitte hinsetzen und ich Ihnen 5 Minuten gebe, um das Setup des Trades, also Sinn, Absicht, Einstieg, Risikomanagement usw. in wenigen Sätzen aufs Papier zu bringen und mir vorzulegen und danach - nach Ablauf der 5-Minuten - zu erklären.

Wenn Sie das dann können, wenn Sie ohne lange zu überlegen in wenigen Sätzen die Essenz Ihres Trades - Ihre Absichten eben - auf Papier bringen können, dann haben Sie einen Plan. Dann haben Sie ein Setup. Dann haben Sie mein grünes Licht dafür, ganz unabhängig davon, was es für ein Trade ist. Denn ich weiss dann, dass Sie wissen was Sie tun und darum geht es.

Wenn Sie das aber nicht können, wenn das schwierig für Sie ist, wenn Sie erst überlegen müssen was Sie schreiben und was Sie eigentlich mit dem Trade wollen, dann haben Sie *keinen* ausreichenden Plan. Und die Pflicht es aufzuschreiben, bringt es erst an den Tag.

An dieser Stelle schliesst sich dann auch der Kreis zur Kanzlerin im Herbst 2015. Diese Übung, diese Aufschreiben und sich zur gedanklichen Stringenz zwingen, hätte vermeiden helfen können, in eine emotionale Kurzschlusshandlung (-> Robin Alexander - Die Getriebenen <-) hinein zu rutschen.

Ich behaupte einfach mal, viele von Ihnen tun sich schwer mit dem Aufschreiben Ihrer Setups. Nicht weil das Aufschreiben schwer ist wenn man weiss was man will, sondern nur, weil man sich dessen viel weniger bewusst ist, als man ahnt. Die Schwierigkeit des Aufschreibens ist also Symptom des wahren Problems.

Es gibt auch allgemein einen guten Sinnspruch der dem Genie Albert Einstein zugeschrieben wird und in die gleiche Richtung geht:

Wenn man etwas nicht einfach erklären kann, hat man es nicht verstanden.

Ich kann gut erklären, das wissen Sie. Offensichtlich habe ich also etwas verstanden. Können Sie Ihre Trades und Setups erklären?

Der Punkt ist also, sich zu zwingen die eigenen Trades in den Absichten zu dokumentieren, wirkt wie eine Art geistige Reinigung, wie ein Zwang zur Klarheit. Genau deshalb betone ich auch immer, wie es Ihnen helfen kann sich zu zwingen, Ihre Trades hier im Forum vor anderen zu kommunizieren.

Diese Dokumentation kostet aber richtig Kraft, Energie und Zeit und das macht man nicht dauerhaft und muss man auch nicht dauerhaft machen. Es geht eher um ein zeitlich befristetes Projekt, dessen Ziel ist, sich selber Dinge bewusst zu machen.

Mein Vorschlag an Sie ist also:

Verpflichten Sie sich als guten Vorsatz für 2018, die nächsten 50 Trades im Vorfeld zu dokumentieren und zwar Ihre Absichten, also das Setup, zu dokumentieren. Das können Sie im stillen Kämmerlein machen, aber auch im Forum.

Und verpflichten Sie sich vor sich selber, dass Sie einen Trade, bei dem Sie merken dass es Ihnen schwer fällt diesen auszuformulieren, besser *nicht* machen. Denn das nicht erklären können, ist Ausdruck eigener Unklarheit, die unser Affe in uns aber gerne hinter Verklärung und "Alternativlosigkeit" egoschonend verbirgt.

Fazit:

Eine auswertbare Datenbank unserer Trades mit allen relevanten "harten" Parametern, ist Pflicht für jeden Trader.

Die Selbsterfahrung, sich zu zwingen ausführlich die Absichten jedes Trades im Vorfeld zu dokumentieren, ist keine dauerhafte Pflicht. Es ist aber eine sehr sinnvolle temporäre Massnahme, um sich das eigene Handeln klarer zu machen und die Hoheit über die eigenen Entscheidungen einem rationalen Prozeß zu überstellen, statt es dem tobenden, ängstlichen, manisch depressiven, gierigen Affen in uns allen zu überlassen.

Ihr Hari

*** Bitte beachten Sie bei der Nutzung der Inhalte dieses Beitrages die -> Rechtlichen Hinweise <- ! ***