5 Das erste Jahr



Zurück zum vorherigen Beitrag: -> 4 Der neue Zins <-

… immer noch ohne Mr. Market, aber wir nähern uns

Nun hatte ich beim letzten Mal festgestellt, dass das Investieren in Dividendentitel nicht für mich geeignet war. Nur: Was war für mich geeignet? Auf meiner Liste verfolgenswerter Ansätze waren inzwischen drei Punkte gestrichen, es verblieb nur noch der Punkt “Trades mit Stopp Loss und gutem CRV”. Aber wie findet man die?

Her mit den Ideen

Dem Internet mangelt es bekanntlich nicht an Informationen und da ich meinte, ein gewisses Maß an Verstand mitzubringen, konnte doch eigentlich nicht viel schief gehen. Den ein oder anderen Tipp von verschiedenen Börsenseiten hernehmen, mit einem Stopp versehen, insgesamt das Risiko aller Trades im Blick behalten, ein Excel-Sheet führen, welches das offene Risiko und natürlich die Gewinne ausweist - dem Erfolg und Reichtum stand quasi nichts mehr im Weg.

Mit der Zeit entwickelt man ja so seine Lesegewohnheiten (man könnte auch von Filterblasen sprechen, aber das klingt nicht so schön). Im deutschsprachigen Internet wurde mir meine Börsenlektüre im Wesentlichen bereitgestellt von:

  • Börse online:
    Eigentlich las ich dort alles, besonders gefielen mir aber die Kolumnen von Axel Retz, Franz-Georg Wenner und Klaus Buhl inklusive der dort vorgestellten Trade-Ideen.

  • GodmodeTrader:
    Hier gefielen mir insbesondere der Grundlagenbereich, in dem Einiges bezüglich technischer Analyse erklärt wurde. Zusätzlich sagten mir die Beiträge von Harald Weygand und auch Andre Tiedje zu. Ansonsten gab es dort viele sehr kurz vorgestellte Trading-Ideen der Qualität: "Es könnte so kommen, oder auch so." Wenn ich diese dann mit einem (in eigener Wahrnehmung) sinnvollen Stopp versah und das Risiko mit dem in den Raum gestellten Kursziel verglich, waren das aber häufig Trade-Ideen mit einem CRV von kaum mehr als 1:1.

  • Der Aktionär:
    Nie um eine markige Schlagzeile verlegen, gefühlt zu jeder Aktie eine Meinung, häufig mit Angaben von möglichen Stopps und Kurszielen. Wie realistisch die waren wusste ich nicht, aber da ich keinen Plan hatte, konnte solche Orientierung hilfreich sein (oder zumindest als solches empfunden werden 😉 ).

  • onvista.de:
    Anlaufstelle für News und dann mit der Zeit insbesondere für die Suche nach Optionsscheinen und Knockout-Zertifikaten.

  • finanzen.net:
    War für mich ursprünglich wegen der diversen News interessant. Je mehr ich aber auf unterschiedlichen Seiten las, umso redundanter wurden die Infos, so dass ich diese Seite nicht mehr so ausgiebig besuchte.

Diese Liste stellt in keinster Weise eine Empfehlung zur Nachahmung dar - es ist lediglich ein Ausschnitt dessen, was ich mir damals zu Gemüte führte. Und wenn Sie diese Seiten nicht selbst kennen, darf ich Ihnen versichern: Es wird dort nicht mit Ideen gegeizt, was man alles tun könnte, um sein Geld zu vermehren. Und "überraschend" häufig werden dafür Derivate verschiedenster Banken angeboten, um die Trade-Ideen gerne auch mal "sportlich" gehebelt umzusetzen.

Obwohl man sich mit ein bisschen Distanz und Erfahrung ernsthaft fragen kann, warum ich meinte aus dieser Fülle an Trade-Ideen genau die Richtigen herausgreifen zu können, war genau das mein "Plan". Ich startete tatsächlich mein persönliches "Trade Idea Picking". Wenn Sie jetzt erwarten, dass ich im Folgenden die große Ernüchterung beschreibe und wie alles den Bach runter ging (was bei der Naivität meines Ansatzes gar nicht so überraschend gewesen wäre), muss ich Sie enttäuschen. Denn es lief.

Schwarzes Gold

Eine dieser Ideen bezog sich auf den Ölpreis. Da in den USA seit ca. 2013 die Ölförderung per Fracking gefördert wurde, boomte dort die Ölproduktion und brachte durch das erhöhte Angebot auf dem Weltmarkt die Preise unter Druck:

Die OPEC, also die Organisation erdölexportierender Länder (insbesondere auch die ölreichen Länder der arabischen Halbinsel), konnte an dieser Konkurrenz kein Interesse haben. Die Anzahl möglicher Reaktionen darauf war begrenzt. Man konnte die Fördermengen beibehalten, woraus sich aufgrund des dann herrschenden Überangebotes fallende Preise ergeben hätten. Alternativ konnte weniger Öl gefördert werden, um die Preise stabil zu halten.

Ich fand die Situation sehr spannend und war quasi fundamental davon überzeugt, dass es zu einem Wettfördern mit einhergehendem Preisverfall kommen würde, denn warum sollten die Amerikaner (als ölimportierendes Land) auf die Chance verzichten, unabhängig von der OPEC zu werden? Und warum sollte die OPEC freiwillig ihre starke Marktposition aufgeben und Marktanteile einbüßen?

Also gab ich dem wochenlangen Werben u.a. von Schreibern wie A. Retz bei Börse online nach. Genannt wurden Preisprojektionen von 70 USD und darüber hinaus sogar 40 USD. Daraus ließ sich ein gutes CRV ableiten. Wusste ich, ob diese 40 Dollar realistisch und fundiert waren? Natürlich nicht. Aber das CRV sah einfach zu gut aus, um so eine Chance auszulassen und so ging ich im Oktober 2014 einen Short-Trade auf Brent Rohöl ein (blauer Pfeil):

Es musste ja sicher runtergehen, konnte ja gar nicht anders bei diesem Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage. Sie wissen, wie das mit den Dingen ist, die "sicher" sind. Der Kurs zappelte hin und her, ich wurde unruhig, war mir plötzlich doch nicht mehr sicher, ob das alles so klar und offensichtlich sei. Tägliches Scannen der Nachrichten nach Neuigkeiten bzgl. der Lage rund um Öl brachte auch keine Erleichterung.

Die kam erst, als die OPEC kurz darauf unter Führung der Saudis beschloss, dass man die Fördermengen nicht drosseln wolle, sondern bereit sei, den Preiskampf mit den amerikanischen Frackern aufzunehmen. Der Preis gab nach und mir standen die Dollarzeichen in den Augen.

Was macht man, wenn eine Idee funktioniert und sich das in schönstem Grün im Depot zeigt? Klar, das Gleiche noch einmal. Und so legte ich nach (zweiter blauer Pfeil), denn die 40 USD waren noch nicht erreicht und den Frackingunternehmen wäre es wohl gemäß der Meinung verschiedener Marktkommentatoren erst bei einem längerfristigen Preis um die 40 USD nicht mehr möglich, wirtschaftlich zu arbeiten.

So sehr diese Ansicht auch stimmen mochte, irgendwann ist ein Markt derart überdehnt und überverkauft, dass der Preis zurückschnappt. Erst sank der Preis noch kurz wie von mir gewünscht und ich war sehr zufrieden mit mir, die Gewinne wuchsen dank der nun größeren Short-Position noch schneller.

Doch plötzlich stieg der Preis in einem mir nicht verständlichen Tempo und Ausmaß und innerhalb kürzester Zeit war ich vollständig ausgestoppt worden (roter Pfeil). Haris Gummiband-Theorie in Reinform - nur kannte ich die damals noch nicht. Leider schnappte das Gummiband zurück und riss nicht - das hätte mir gut gefallen. 😉

So nahm die Party ein unerwartetes und abruptes Ende. Irgendwie fühlte ich mich ungerecht behandelt, ich konnte doch nicht so einfach aus diesem traumhaften Trade herausgekegelt werden. Ich suchte nach Erklärungen für diese heftige Bewegung, fand aber nichts Nennenswertes. Scheinbar war das nichts Besonderes, sonst hätte ja jemand darüber schreiben müssen.

Mit der Zeit setzte sich aber die Erkenntnis durch, dass ich ein beachtliches Stück dieser Abwärtsbewegung erwischt und mit diesem Trade erfreulich viel Geld verdient hatte. Ich hakte das plötzliche Ende ab und freute mich über den Gewinn.

Im Rückblick ist die weitere Entwicklung des Ölpreises ganz interessant:

So viel zum Thema "Bei 50 USD ist ein Deckel drauf". Fundamental wurde ja argumentiert, dass der Ölpreis nie wieder über 40-50 USD steigen könne (blauer Rahmen), denn dann würden die Fracking-Unternehmen in den USA und auf längere Sicht auch in anderen Ländern wieder wirtschaftlich arbeiten können, so dass das Angebot wieder steigt und Druck auf den Preis entsteht.

Ein Barrel Rohöl der Marke Brent kostet heute über 80 USD! Für diesen einen Trade hatte die fundamentale Argumentation gereicht. Hätte ich weiter darauf gesetzt und vehement im Bereich 40-50 USD leerverkauft, hätte ich eine Menge Geld verlieren können.

Dass ich das nicht tat hatte dann aber hauptsächlich damit zu tun, dass ich keine guten weiteren Einstiege fand. Ich versuchte mich dennoch an ein paar weiteren Trades mit Öl, konnte aber nicht mehr an den Erfolg des ersten Trades anschließen und verlor in Folge zunehmend das Interesse an Öl.

Der Draghi-Trade

Ein weiterer erfolgreicher Trade in diesem Zeitraum war der Draghi-Trade, also das Setzen auf einen fallenden Euro-Wechselkurs gegenüber dem US-Dollar. Um die Zinsen in der Eurozone zu drücken, druckte die EZB in rauen Mengen Geld. Sie kennen die Geschichte.

Die Idee, auf den Kursverfall des Euros zu wetten, wurde erneut von A. Retz bei Börse online beworben, aber auch an vielen anderen Stellen genannt. Es war daher naheliegend, hier zuzugreifen und so ging ich einen Short auf das Währungspaar EUR/USD ein. Mit größerem Risiko als ich ursprünglich mal geplant hatte. Und es lohnte sich:

Wenn man sich anschaut, dass der Wechselkurs wie ein Stein fiel, war das eigentlich ein leichter Trade. Das Schwerste war, weiter zu halten und nicht aus Angst, die beträchtlichen Buchgewinne wieder abzugeben, frühzeitig den Short aufzulösen. Ich war bei diesem ausgeprägten Abstieg etwa von 1.24 bis 1.13 dabei, dann wurde die Verlustangst doch zu groß und ich stieg aus.

Als es nach ein bisschen Gezappel aber weiter abwärts ging, stieg ich erneut ein und hoffte sehr, dass die als Ziel ausgerufene Parität zwischen Euro und Dollar tatsächlich erreicht würde. Das war nicht der Fall, stattdessen setzte eine Gegenbewegung ein und mein Stopp griff.

Unterm Strich war der Verlauf dennoch sehr erfreulich. Sicher hätte ich aus dieser Bewegung noch mehr heraus quetschen können, wenn ich nicht zwischendurch zu ängstlich gewesen wäre, aber ich war mit dem Ergebnis sehr zufrieden.

Die Parität wurde bis heute nicht erreicht, geschweige denn die Preisprojektionen im Bereich von ca. 0.80, welche damals u.a. von Goldman Sachs verbreitet wurden. Es kann gut gehen, wenn man sich auf von Anderen ausgerufene Kursziele verlässt, muss aber nicht. Ich hatte nüchtern betrachtet einfach sehr viel Glück gehabt.

Abgerechnet wird am Schluss

Ich probierte noch die ein oder andere Trade-Idee, allerdings kam da in Summe nicht viel zusammen. Mein erstes Börsenjahr lief gerade dank der beiden oben beschriebenen Trades sehr gut. Ich hatte mein überschaubares Test-Depot nicht geschrottet (wie es im Rückblick durchaus denkbar gewesen wäre), sondern eine Rendite von etwa 40 Prozent erwirtschaftet. Sie können mir glauben, ich war stolz wie Oskar! Das Sparbuch klar geschlagen, es machte Spaß, ich hatte (gefühlt) alles im Griff.

Und dann tat ich das, was wohl die meisten machen wenn es mal läuft - das Ganze gedanklich linear fortschreiben:

  • Jahr 1: 40% Rendite => Depotwert: 140%
  • Jahr 2: 40% Rendite => Depotwert: 196%
  • Jahr 3: 40% Rendite => Depotwert: 274%

Wenn Ihnen jetzt noch nicht das Wasser im Mund zusammen gelaufen ist, rechnen Sie einfach mal bis Jahr 10 weiter. Es lebe der Zinseszins, ein geniales Konzept. Da kann man schon mal ins Träumen geraten.

Was macht man, wenn es gerade gut läuft? Versuchen, das Ganze zu wiederholen und noch mehr Geld zu verdienen, ist doch klar. Und um Sie dann doch nicht zu enttäuschen: Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, an dem es nicht mehr rund lief. 😉

Aber davon mehr beim nächsten Mal.

Ihr calvin

Weiter zum nächsten Beitrag: -> 6 Aus gegebenem Anlass <-

*** Bitte beachten Sie bei der Nutzung der Inhalte dieses Beitrages die -> Rechtlichen Hinweise <- ! ***

Hari Live – Archiv 28.06.15 – 04.07.15

Premium gross

Hari Live - Archiv 28.06.15 - 04.07.15

Freitag 03.07.15 15:20 - Ruhe vor dem Sturm

So liebe Mitglieder, das ist mein letzter, kurzer Beitrag diese Woche. Sie sehen ja selber, dass am Markt wenig los ist und wir die Ruhe vor dem Sturm am Montag haben.

Eine kleine, nette Trading-Chance gab es bei K+S gestern, ich habe mich sowieso gefragt, warum der Markt da noch einmal unter 37€ als Kurs zulässt, denn Potash hatte ja klar gesagt, dass sie bereit sind nachzulegen und so ist K+S heute wieder 5% höher und die Chance verfrühstückt. Wobei ich davon ausgehe, dass das auch noch etwas höher gehen kann und Potash sich am Ende durchsetzt. Aber der mögliche Hub ist auch nicht mehr so gross, dass man deswegen innerliche Kopfstände machen muss. Das Thema ist aus Anlagesicht für mich abgehakt, für die Mitarbeiter und Region, geht es jetzt aber erst richtig los.

Eine Sache kann man heute in der oberflächlichen Ruhe schon sehen. Und das ist, wie sich die Marktteilnehmer absichern. So kriecht der VDAX zum Beispiel heute weiter hoch, obwohl es von den Kursbewegungen des Tages her, dafür keinen rechten Grund gibt. Gleichzeitig bröseln die Indizes selber ganz leicht.

Die Ursache davon ist natürlich die erwartete Volatilität am Montag und das macht nun Absicherungs-Positionen via Optionen und Puts immer teurer. Wer solche Absicherungen also nicht schon hat, sollte nun lieber echten Cash erhöhen, als noch Puts zu kaufen, die sind einfach zu teuer.

Für den Montag ist es auch wichtig, diesen Effekt zu verstehen. Denn das was wir hier erleben ist so eine Situation, in der sich nun jeder in Ruhe vorbereiten kann. Was bedeutet, dass jeder professionelle Anleger, dessen Gehirn nicht aus einer Pampelmuse besteht, sich nun auf die eine oder andere Art und Weise vorbereitet, abgesichert und/oder seine Positionen gehedged hat.

Das bedeutet aber auch, dass eine initiale, negative Reaktion vielleicht gar nicht mehr so negativ ausfallen wird, wie man ohne dieses Hedging im Vorfeld befürchten müsste. Umgedreht bedeutet es aber, dass Put Optionen in einem durch ein "JA" potentiell stark steigenden Markt, doppelt und dreifach verlieren werden, weil auch die Volatilität dann stark zurück kommt.

Machen Sie sich das bitte klar und seien Sie dann nicht böse überrascht, wenn ihre Puts am Montag noch übler verlieren sollten, als es durch steigende Kurse sowieso zu erwarten war. Wer jetzt noch nach Absicherung sucht, sollte also eher echten Cash erhöhen oder Index-Shorts von CFDs nutzen, die die Volatilitäts-Thematik nicht haben.

Summa Summarum kann man also sagen, der Ausgang am Sonntag ist offen, aber der Markt hatte genügend Gelegenheit, sich für einen negativen Ausgang vorzubereiten und das kann man klar heute an den Bewegungen erkennen. Ein Szenario, nach dem ein erster scharfer Einbruch sofort aggressiv gekauft wird, ist also keineswegs unwahrscheinlich.

Viel mehr haben wir aber nicht. Wer zocken will mag zocken, rational wäre aber, hier eine zum Markt neutrale Haltung einzunehmen, wie ich schon in der Frühe geschrieben habe.

Weiterlesen ...

Finanztransaktionssteuer nur auf Aktien ist grober Unfug !

Es gibt Dinge, die kann man gar nicht oft genug in einem persönlichen Kommentar aussprechen.

Vor fast exakt einem Jahr, habe ich im Artikel -> Finanztransaktionssteuer - Von Ahnungslosigkeit und Lobbyismus <- eine Wutrede auf den damaligen Vorschlag der EU zur Finanztransaktionssteuer losgelassen, in dem Geschäfte auf den volkswirtschaftlich sinnvollen Aktienhandel 10x so stark besteuert werden sollten, wie Geschäfte auf Derivate. Es macht Sinn diesen Artikel noch einmal zu lesen, denn die Argumentation ist unverändert gültig und ich werde heute diese Argumentation nicht wiederholen.

Wer jetzt aber glaubte, es würde sich etwas zum Besseren ändern, wurde getäuscht. Vielleicht kennen Sie ja den Aphorismus:

Und aus dem Chaos sprach eine Stimme zu mir: "Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen!"
Und ich lächelte und war froh, und es kam schlimmer!

Genau das passiert gerade, denn nun scheinen sich Frankreich und Deutschland in einem typischen, politischen Formelkompromiss darauf verständigen zu wollen, einen -> schrittweisen Start <- der Finanztransaktionssteuer vorzunehmen, bei dem zunächst nur Aktiengeschäfte besteuert werden sollen. Und das was wirklich entschleunigt werden müsste - der Wildwuchs der Derivate - kommt dann irgendwann .... uhmmm ..... ja vielleicht ...... ein bisschen ...... später ...... wenn überhaupt.

Das ist so klar und eindeutig grober Unfug, dass selbst die Mainstream-Presse bei dem Thema sofort richtig reagiert, die Welt hatte gestern den Artikel -> Transaktionssteuer nur auf Aktien ist eine Farce <- online und das Handelsblatt schreibt zu Recht vom -> Ungeheuer von Loch Ness <-.

Statt meine Position also erneut zu begründen und herzuleiten - das habe ich ausführlich vor einem Jahr getan - will ich hier nur in Stichpunkten mal ein paar Fakten zusammen fassen und Konsequenzen aufzeigen.

1. Ich bin persönlich für eine sinnvolle Finanztransaktionssteuer, deren Sinn die Entschleunigung der Finanzmärkte ist und die derivativen Wildwuchs zurück zu schneiden hilft. Bei dieser Steuer darf aber nicht die Einnahmenseite im Vordergrund stehen, sondern es geht darum, die volkswirtschaftlich schädlichen oder unsinnigen - weil Risiken produzierenden - Marktbereiche unwirtschaftlicher und damit unattraktiver zu machen. Nebenbei würde eine richtig gesetzte Finanztransaktionssteuer auch das HFT Unwesen eindämmen und uns allerlei regulatorische und tatsächliche Probleme und Risiken abnehmen.

2. Der Aktienhandel ist volkswirtschaftlich sinnvoll, er dient der Finanzierung der Unternehmen. Ohne Wagniskapital über die Börse, würde es eine Tesla Motors so nicht geben und viele andere erfolgreiche Unternehmen auch nicht. Der klassische Aktienhandel hat Null und Nichts mit den Ursachen der Finanzkrise zu tun. Im Gegenteil, der volkswirtschaftlich sinnvolle Aktienhandel steht unter Attacke. Unter Attacke durch Fehlentwicklungen wie das HFT. Unter Attacke durch die Zerfaserung des Handels auf diverse unregulierte Handelsplätze (Dark Pools). Unter Attacke durch diverse derivate Produkte, mit denen der echte Aktienhandel an echten Börsen umgangen werden kann.

3. Eine Börsenumsatzsteuer nur auf den Aktienhandel, ist ein Boom-Programm für Derivate und fördert die eigenen Transaktionen noch mehr in privaten Handelsplattformen (Dark Pools) zu verstecken. Dieser Formelkompromiss schädigt damit das volkswirtschaftlich Sinnvolle und fördert den Wildwuchs weiter. Das ist für mich grober Unfug ! Ein andere Formulierung fällt mir persönlich dazu einfach nicht ein.

4. Bezahlt wird diese Form von Finanztransaktionssteuer nicht von der Grossfinanz, die ausweichen kann und wird. Bezahlt wird sie vom normalen Bürger, dessen in Zeiten der finanziellen Repression sowieso schon schwieriger Versuch der Geldanlage, weiter verteuert wird. Aber selbst Verträge, bei denen man auf den ersten Blick gar nicht daran denken würde, wie Fondsparpläne bei Lebensversicherungen, werden negativ belastet werden.

5. Wer dagegen mobil ist oder der Grossfinanz angehört, wird je nach Ausgestaltung der Regeln einfach nicht mehr Aktien handeln und dafür Derivate nutzen. Oder auf Handelsplätze ausserhalb der EU ausweichen. Oder deutsche und französische Firmen am Aktienmarkt ganz meiden, die muss man auch nicht zwingend haben, es reicht sich in den USA und Asien zu tummeln. Geschädigt wird dadurch die Fähigkeit von deutschen oder französischen Unternehmen, an der Börse Kapital aufzunehmen.

Dieser aktuelle Vorschlag, mit einer reinen Finanztransaktionssteuer auf Aktien zu beginnen, ist auf jeden Fall ein Musterbeispiel, wie aus der prinzipiell guten Idee der "Tobin-Tax", durch politische Formelkompromisse ein Monster gemacht wird. Ein Monster, das vorhandene Fehlentwicklungen fördert und die verbleibenden Inseln der volkswirtschaftlichen Sinnhaftigkeit an den Finanzmärkten mutwillig schädigt.

Ist es wirklich möglich, dass so ein offensichtlicher Blödsinn Gesetz werden wird ? Noch hoffe ich auf die Intelligenz bei den Beteiligten. Hoffentlich nicht zu Unrecht.

Ihr Hari

Diskutiere diesen Beitrag im Forum

*** Bitte beachten Sie bei der Nutzung der Inhalte dieses Beitrages die -> Rechtlichen Hinweise <- ! ***