Der folgende Beitrag erschien am Donnerstag 16.01.14 11:00 in Hari Live und wurde für die heutige Veröffentlichung im freien Bereich leicht angepasst

Ein Mitglied der Community hat im Forum den folgenden Satz geschrieben:

“Ich habe zum Anfang des Jahres eine kleine Position Barrick bei 12 knapp irgendwas gekauft und sie kürzlich zu 13,11 aufgestockt. Wenn ich schon länger hier dabei wäre, hätte ich das – mit den vernünftigsten Begründungen – vermutlich nicht getan. Trotzdem schlafe ich jetzt besser, weil ich das Gefühl habe, einen Fuß in der Tür zu haben. Psychologischer Hintergrund: ich glaube, ich leide mehr, irgendwo nicht mit dabei zu sein, wo eine Chance lauert, als dabei zu sein, wenn’s bergab geht. Ist das normal? ”

Diese kleine Frage hat wichtigen, grundsätzlichen Charakter und ist unbedingt einen Artikel wert.

Zunächst: ja das ist normal ! Allerdings leiden Anleger nicht bei jeder theoretisch verpassten Chance an Verlust- bzw Verpassens-Angst, sondern nur bei einer, die vorher emotional aufgeladen wurde.

Denn es ist eine in der „Behavioral Finance“ bekannte Tatsache, dass wir Menschen im Durchschnitt Verluste intensiver empfinden als Gewinne. Was wir aber in unserem verfehlten Glauben an unsere „Ratio“ dabei gerne übersehen ist, dass der Massstab von „Verlust“ und „Gewinn“ nicht der objektive Verlust/Gewinn ist, der in Zahlen auf dem Depotauszug zu sehen ist.

Es ist vielmehr die subjektive Wahrnehmung von Bedeutung. Und die ist extrem selektiv und irrational und von massivem Bias geprägt. Wir sehen die Welt mehr durch den Filter der Augen, die etwas sehen wollen, als mit einem objektiven Blick. Sind aber immer zutiefst überzeugt, genau “die Wahrheit” gesehen zu haben. Ich verstehe bis heute nicht, warum in Strafprozessen Menschen mit ihren kognitiven Defiziten als “Zeugen” zugelassen sind und damit das Schicksal anderer bestimmen, aber das ist eine andere Geschichte.

Übrigens, falls Sie das Thema interessiert, empfehle ich den Klassiker von Watzlawick -> Wie wirklich ist die Wirklichkeit <-. Darin geht es vor allem um den kommunikativen Aspekt dieser Wahrnehmung von “Wirklichkeit”, das Problem dehnt sich in Realität sogar auf alle unsere Sinne aus. Denn wir sehen nicht die Wirklichkeit der Welt, sondern lauschen den Mustern unseres Gehirns, die dieses aufgrund des Inputs generiert – ein erheblicher Unterschied, da die Muster durch Kultur und Sozialisierung geprägt werden und nicht objektiv sind! Das Buch ist sehr lesenswert.

Warum also haben viele die an Gold interessiert sind, derzeit grosse Angst, den vermeintlich “sicher” kommenden Anstieg zu verpassen und steigen deswegen immer wieder ein ? Die Antwort ist, weil Sie Angst vor dem grossen Verlustgefühl haben, das eintritt, wenn die Kurse dann doch anziehen und man nicht dabei ist.

Warum haben aber die gleichen Anleger kein intensives Verlustgefühl dabei empfunden, wenn Sie in 2013 vielleicht Tesla und Solar und Biotech verpasst haben, all die Sektoren, an denen wir hier gut verdient haben ? Da wird dann aber die Schulter darüber gezuckt, obwohl die “Verluste” an Gelegenheit vielleicht massiv waren. Aber wie sagt das Sprichwort so schön: “Was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss.”

Und warum kann der gleiche Anleger, problemlos eine Anlage massiv ins Minus laufen lassen und seine Augen darüber verschliessen ohne schlecht zu schlafen, wenn er nur das Wort „Value“ auf den Titel darauf geklebt hat ? Warum ist die Sehnsucht nach „Value“ deshalb bei vielen Anlegern so unermesslich gross ?

Alle diese „Warums“ haben eine ähnliche Ursache, die mit unserem eigenen Bias, mit unseren Erwartungen und unserer Verlustangst zu tun haben.

Wir haben Angst den Anstieg bei Gold zu verpassen, weil wir einen massiven Bias haben, der uns fälschlicherweise einflüstert, Gold „muss“ ja wieder steigen. Und solange diese Bias da ist, haben wir inneren emotionalen Druck. Nur hat der Bias leider nicht recht, der Markt „muss“ gar nichts.

Wir haben keine schlechten Nächte bei Tesla etwas verpasst zu haben, wenn und weil wir den Titel nicht mit Erwartungen aufgeladen hatten. Schulterzucken.

Wir können eine Aktie ins Minus laufen lassen, wenn wir uns vorgaukeln das sei ja „Value“ und müsste deswegen sowieso wieder steigen. Erneut ein massiver Bias.

Und unsere Sehnsucht nach „Value“ ist so gross, weil uns das eine Sicherheit vorgaukelt, die unsere armen gebeutelten Seelen so dringend ersehnen, die uns aber der fiese Mr. Market sowieso nie geben wird !

Sie sehen schon, worauf ich hinaus will. „Verlust“ und „Gewinn“ empfinden wir nicht anhand objektivem Plus/Minus im Depot, sondern aufgrund höchst irrationaler Emotionen und Erwartungen. Und deshalb ist das alles kein guter Ratgeber.

Nun sind wir aber alle Menschen und haben das Problem alle, dass unsere Ratio dünner ist als wir glauben und wir weit stärker von Reflexen gesteuert werden, die sich der unmittelbaren Gehirnkontrolle entziehen – unser “geliebtes Affenhirn”. ;)

Selbsterkenntnis ist zwar der erste Weg zur Besserung und zeitweise können wir diese Reflexe und Emotionen mit unserem Intellekt auch analysieren und so in die richtigen Bahnen lenken. Aber niemand kann das immer, auch ich nicht. Wir sind Menschen und das hat ja auch seine Vorteile. ;)

Es gibt zwei prinzipielle Arten, die Problematik in den Griff zu bekommen. Beide Arten bespreche ich hier immer wieder;

(1)

Wir können uns selber einer Routine bei den Abläufen unterziehen, die unserem „Affengehirn“ Disziplin aufzwingt. Wenn Sie so wollen, bauen wir uns so selber ein Korsett der Handlungen, das uns helfen soll, der Ratio einen Vorteil zu verschaffen und emotionale Adhoc-Aktionen zu erschweren. Das sind alle meine Ratschläge zum Thema Strategie/Disziplin/Methodik und Checkliste, die ich in Hari Live mit Ihnen teile.

(2)

Wir können unser Affengehirn überlisten, in dem wir dem Affen kontrolliert „Zucker geben“. Das sind Techniken, wie ich sie hier auch immer wieder propagiere, dass man zum Beispiel Positionen in Teilen auf- und abbaut, statt immer schwarz/weiss die digitale rein/raus Frage stellen zu müssen. Wir überlisten uns so selber. Auch das kann sinnvoll sein, solange wir nie vergessen, warum wir das tun und wen wir hier überlisten.

Summa Summarum kann ich nur wiederholen, dass diese Problematik absolut zentral für uns alle ist. Wir alle haben das Problem – leicht unterschiedlich, weil wir unterschiedliche Menschen sind – aber wir alle haben es ! Und deshalb müssen wir die Problematik in unser Vorderhirn auf die Bewusstseinsebene heben. Denn wenn wir es nicht tun, sind wir weiter Sklaven unseres „Affenhirns“ und der Markt deckt diese Mängel gnadenlos auf und das Ergebnis sind rote Zahlen im Depot.

Man kann also zum konkreten Fall der obigen Frage in meinen Augen die folgenden Aussagen festhalten:

1. Verlustängste beim „zwangsläufigen“ Rebound von Gold nicht dabei zu sein, sind irrational. „Zwangsläufig“ ist da objektiv gar nichts, diese Sicht gaukelt uns der Pro-Gold Bias vor. Unsere Überzeugungen erdrücken sozusagen unser rationales Handeln.

2. Die Edelmetalle sind aber aktuell zum ersten Mal seit langer Zeit wieder einen Blick wert und könnten tatsächlich vor einer Stärkephase stehen. Zumindest eröffnet das Marktverhalten diese Möglichkeiten. Insofern ist es rational, dem „Affen etwas Zucker“ zu geben und erste Startpositionen zu eröffnen, wenn man sowieso den Pro-Gold Bias hat.

3. Wenn man dem „Affen Zucker“ gibt, muss man sich aber auch zwingen, schon vorher klar zu definieren, unter welchen Umständen man den Zucker wieder entzieht. Denn wenn man das nicht vorher tut, wird einen der Bias dazu treiben, einfach drin zu bleiben und die Verluste aussitzen zu wollen. Genau das, was so vielen Laien bei ihren Anlagen passiert, von denen sie typischerweise immer „überzeugt“ sind.

4. Unser Seelenheil, also unser emotionales Kapital, hat mindestens ebenso grosse Bedeutung für den Börsenerfolg, wie das reale Kapital im Depot. Verschleudern Sie also Ihr emotionales Kapital nicht, in dem Sie endlos mit einer Verlustposition mitleiden. Erleben Sie mal, wie befreiend es sein kann, so einen Verlust zu realisieren und damit wieder den Blick frei zu bekommen. Haben Sie also immer eine Exit-Strategie. Das zumindest sollten Sie von Ihrem Affen fordern, bevor Sie ihm im Gegenzug ein Stück Zucker geben ! ;)

Ihr Hari

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Der folgende Artikel zur Deutschen Bank erschien in Hari Live diesen Montag 25.08.14 10:30, als die Aktie noch unter der Trendlinie lag. Aufgrund der aktuellen Entwicklung und des gestrigen Hochs bei 26,81€, ist der Artikel heute aktueller denn je.

Gerade bei Anfängern, ist erstaunlicherweise die Versuchung gross, sein Glück mit verprügelten Aktien zu versuchen und dort “Bottom Fishing” zu betreiben. Diese Versuchung entsteht aus der Illusion, dass eine verprügelte Aktie ja “billig” sei und man deswegen bei dem “Schnäppchen” nun zugreifen müssen.

Es ist wirklich ein Illusion, denn eine Aktie ist in der Regel (von den Übertreibungen des Marktes abgesehen) nie “zu billig” oder “zu teuer”. Sie ist vielmehr immer so bewertet, wie es in Anbetracht der wirtschaftlichen Aussichten angemessen erscheint. Und wenn eine Aktie verprügelt wurde, dann gibt es gute Gründe dafür und man ist in der Regel nicht klüger, sondern dümmer als der Markt.

Es hilf auf jeden Fall, von der Grundannahme der eigenen Dummheit immer auszugehen. Je grösser das Ego, desto schwerer fällt aber diese Grundannahme, weswegen im beruflichen Leben erfolgreiche Menschen, so gerne an der Börse krachend scheitern. Und es würde deshalb gerade Anfängern helfen, am Anfang ihrer Karriere “starke” Aktien zu kaufen, die sich in einem etablierten Aufwärtstrend befinden. Denn dort sind die Chancen am grössten, dass der nächste Zug des Marktes wieder nach oben ist. Witzigerweise tun sich Anfänger gerade bei diesen Aktien am schwersten, denn die sehen so “furchtbar teuer” aus – siehe oben. ;)

Nun gut, es ist wie es ist, ich tue ja mein Bestes den Mitgliedern zu helfen, diese völlig idiotischen psychologischen Mechanismen zumindest zu erkennen, denn Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung. ;)

Nun gibt es aber noch eine andere Art und Weise, in der man an das Thema heran gehen kann. Und das ist, dass wenn die Anleger schon unbedingt so verprügelte Aktien aufsammeln wollen, sie es wenigstens zum “richtigen” Zeitpunkt tun sollten und nicht blind in ein fallendes Messer greifen.

Und dafür will ich Ihnen nun ein paar Grundprinzipien am hervorragenden Beispiel der Aktie der Deutschen Bank zeigen. Ich betone, das hier gezeigte Szenario ist nicht mehr als ein Szenario und es ist Stand Heute Montag 25.08. Vormittag keineswegs sicher, dass die DB die Abwärtstrendlinie nun auch nehmen kann, es ist aber wahrscheinlich:

DB 25.08.14

Wir sehen also die beiden Abwärtstrendlinien, je nachdem ob man auf Tageshöchst- bzw Tagestiefskurse geht oder die jeweiligen Start- und Schluss-Kurse nimmt. Und wir sehen, dass die Aktie der DB nun knapp an diesen Trendlinien liegt.

Wäre nun also ein guter Zeitpunkt, die DB ins mittelfristige Depot zu legen? Falsch! Der Abwärtstrend ist völlig intakt. Ein Kauf heute, wäre für eine mittelfristige Anlageebene verfrüht. Für Daytrader sieht die Lage natürlich anders aus, das ist hier aber nicht Thema.

Nun nehmen wir an, die DB geht durch die Abwärtstrendlinien durch. Wäre das nun ein guter Zeitpunkt um einen langfristigen Swing zu antizipieren? Besser als oben, aber immer noch falsch! Sicher kann es sein, dass die Aktie von da nur noch nach oben läuft. Dann hat man halt Pech gehabt, lässt sie ohne Reue laufen und schaut nach der nächsten, ähnlichen Gelegenheit. Verheiraten Sie sich nie mit einer Aktie!

Nein, idealerweise warten wir, denn oft wird der Ausbruch noch einmal getestet und wenn der positiv verläuft, bleibt das nächste Tief über der Abwärtstrendlinie und bildet damit so etwas wie eine “rechte Schulter”.

Wenn wir das erkennen und sich eine rechte, höhere Schulter formt, dann wird es endlich richtig interessant. Dann können wir das erste Mal mit gutem Gewissen über einen mittelfristigen Einstieg nachdenken. Und wenn wir dann noch das Triggern der Nackenlinie der dann entstehenden Wendeformation abwarten, sind wir von den Wahrscheinlichkeiten noch besser dabei. Eine Sicherheit ist auch das nicht, aber ein positives CRV ist das Beste, was wir am Markt erlangen können.

Bei der Einschätzung der Lage spielen natürlich noch weitere Parameter wie Volumen etc eine Rolle, das zB in der rechten Schulter im Anstieg höher sein sollte, als im Abstieg. Aber ich will das Bild jetzt nicht überkomplizieren, sondern erst einmal das Prinzip erklären.

Merken Sie sich also, wann nach einem Bruch eines Abwärtstrends der beste Einstiegspunkt kommt. Es ist in der Regel nicht direkt nach dem Bruch. Das CRV ist für uns nach dem Retest am höchsten, nicht vorher!

An dieser Stelle werden übrigens auch Unmengen an Fehlern gemacht. Die Anleger haben sich gedanklich mit der Aktie verheiratet und wollen die Chance unbedingt “nicht verpassen”. Und so laufen sie viel zu früh hinterher.

Diese Haltung ist aber kompletter Unfug! Es gibt keine “verpassten Chancen” am Markt, denn der generiert immer wieder neue, jeden lieben langen Tag. Die Wahrnehmung einer verpassten Chance entsteht in unseren Köpfen, weil wir einer Situation nachtrauern. Wir übersehen aber dabei, wie viele neue Chancen wir schon wieder “verpassen”, weil wir diese durch unser Nachtrauern und die unsinnige Fixierung genau auf diese eine Aktie, nicht wahrnehmen können.

Erfolg mit aktivem Handeln am Markt entsteht, in dem wir geduldig warten, bis uns der Markt ein Setup mit einem guten CRV gewährt. Erst dann schlagen wir zu. Wenn das nicht passiert, weil eine Aktie überraschend wegläuft: “so what?” – nächste Gelegenheit!

Insofern wäre ein Bruch des Abwärtstrends bei der DB für uns nun Grund, die Aktie intensiv zu beobachten und uns den Einstieg zurecht zu legen. Ein Grund mit mittelfristiger Perspektive einzusteigen, ist der Bruch alleine noch nicht! Der Punkt kommt dann beim ersten höheren Tief, der rechten Schulter.

Ihr Hari

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Betrachtungen zu Shiller’s CAPE – Sind US-Aktien heute zu teuer?

Ein Gastkommentar von Tokay

Kürzlich erschien in der „New York Times“ ein Artikel des Nobelpreisträgers Robert Shiller mit dem Titel „The Mystery of Lofty Stock Market Elevations“. Zu Beginn des Artikels stellt Shiller fest, dass sich die Bewertung des amerikanischen Aktienmarktes auf besorgniserregendem Niveau befände und argumentiert dabei mit dem von ihm entwickelten „Cycle-Adjusted Price-Earnings-Ratio“(CAPE). Zuletzt seien die Aktienbewertungen 1929, 1999 und 2007 so hoch gewesen. Ich will diesen Artikel zum Anlass nehmen, und den Erklärungsgehalt des CAPE etwas näher untersuchen. Denn träfe Shillers Schlussfolgerung zu, dann wären die Konsequenzen in der Tat alarmierend.

Zunächst, das CAPE ist eine über zehn Jahre geglättete und zugleich inflationsbereinigte Variante des KGV. Es zielt damit ausdrücklich auf die langfristige Betrachtungsweise, und damit im Prinzip auf Buy-and-Hold-Anleger. Welche Aussage ergibt sich hieraus konkret? Nun, derzeit liegt das Shiller-CAPE für den Standard&Poors 500-Index bei 26. Somit muss man das 26-fache des geglätteten Jahresgewinns für den S&P 500 bezahlen. Dies ist im langfristigen Vergleich ein sehr hoher Wert. Das führt zu der Frage, ob es eine Beziehung zwischen dem Shiller-CAPE und dem langfristigen Ertrag des S&P 500 gibt.

Dazu habe ich den annualisierten Jahresertrag des S&P 500 für die jeweils kommenden zwanzig Jahre, später für fünf Jahre sowie für die Einzeljahre berechnet, und zwar immer ab dem Monat, für den der Kurs des S&P 500 ermittelt wurde. Für jeden Monat habe ich diesen Ertrag in Beziehung zu dem Shiller-CAPE gesetzt. Die entsprechenden Daten hierzu sind auf der Website www.irrationalexuberance.com von Professor Shiller verfügbar. Die folgende Betrachtung bezieht sich auf die Jahre ab 1942. Und zwar 1942 deswegen, weil die Große Depression ab diesem Jahr als überwunden gelten konnte. Das Ergebnis sieht so aus:

20-Jahres-Renditen

Der von Shiller postulierte Zusammenhang zeigt sich hier sehr deutlich. Der Jahresertrag des S&P 500 ist durch das Shiller-CAPE überwiegend erklärbar. Das Ergebnis ist für den heutigen, langfristig orientierten Buy-and-Hold-Investor sehr ernüchternd: Für das heutige Shiller-CAPE von 26 ergäbe sich eine annualisierte Jahresrendite von zwei Prozent. Und sollte gar jemand bei einem CAPE von 30 den Einstieg gewagt haben(was allerdings im Zeitraum 1942 bis 1994 nicht beobachtet werden konnte), so wären die Aussichten auf eine Wertsteigerung in den jeweils nächsten zwanzig Jahren gleich Null. Nach Shiller-CAPE müsste also von einer sehr langfristigen Anlage in den S&P 500 also abgeraten werden.

Nun ist die Frage, besteht der Zusammenhang auf kürzere Sicht ebenfalls, und wenn ja, wie stark ist er? Das Bild ändert sich hier schlagartig:

5-Jahres-Renditen

Hier sehen wir nun, dass der Zusammenhang überwiegend nicht besteht. Zwar sieht es immer noch so aus, dass hohe Aktienerträge eher mit einem tiefen CAPE einhergehen, aber der Zusammenhang ist nur noch sehr locker. Für unser heutiges CAPE von 26 bedeutet das einen durchschnittlich zu erwartenden Ertrag von vier Prozent jährlich Wir sehen allerdings , dass in der Mehrzahl der vergleichbaren Fälle in dieser Konstellation kein positiver Ertrag erwirtschaftet wurde. Ebenso, dass die Spannweite der Jahreserträge sehr hoch ausfällt. Von plus achtzehn Prozent bis minus acht ist hier alles möglich.

Noch extremer wird es bei den Ein-Jahres-Erträgen:

1-Jahres-Renditen

Die negative Beziehung zwischen CAPE und Aktienertrag bleibt zwar bestehen, doch liefert das CAPE in diesem Fall keinerlei Erklärungsbeitrag mehr für die Aktienrendite. Konkret ergibt sich für unseren aktuellen Wert von 26 ein rechnerischer Erwartungswert von knapp 5 Prozent jährlich, jedoch haben sich in der Realität Erträge in einer Spannweite von plus vierzig Prozent bis minus vierzig Prozent ergeben. Damit ist das CAPE als Prognosevariable auf kurze Sicht vollständig ungeeignet.

Kann man sich nun also zurücklehnen? Das kommt darauf an. Wir haben in der Vergangenheit gesehen, und auch Shiller schreibt das in seinem Beitrag, dass Überbewertungen á la CAPE für längere Zeit anhalten können. So setzte die Überbewertung vor dem Jahr 2000 bereits Mitte der Neunziger Jahre ein. Sie blieb praktisch bis zur Finanzkrise 2008 bestehen und sie besteht erneut seit etwa 2013. Es kann also noch einige Zeit dauern, bis die Kurse aufgrund der hohen Bewertungen tatsächlich zurückgehen. Und es werden einige handfeste Gründe ins Feld geführt, um das derzeitige hohe Kursniveau zu rechtfertigen:

  • Die monetäre Expansion, die zu tiefen Zinsen geführt hat. Demzufolge sind nicht nur Aktien teuer, sondern auch Anleihen.
  • Die hohen Ersparnisse der Baby-Boom-Generation, denen eine lange nicht so hohe Investitionsnachfrage gegenübersteht, was zu einem säkularen Rückgang des langfristigen Zinses führt. Bei konventioneller Geldpolitik würde dies zu einer langfristigen wirtschaftlichen Stagnation führen, weil es für den Finanzsektor uninteressant wäre, langfristige Kredite zu vergeben, da höhere kurzfristige Zinsen lukrativer wären.
  • Die hohe Staatsverschuldung, die dazu geführt hat, dass die Notenbanken die Zinsen tief halten müssen, da der Anteil des Schuldendienstes ansonsten nicht mehr tragbar wäre. Dies wird von den Marktteilnehmern antizipiert und diese kaufen daher Aktien, da diese relativ mehr Ertrag bringen.
  • Das hohe Bewertungsniveau , das mit Wachstumserwartungen verbunden ist, und zwar aufgrund höherer Potentiale infolge von Innovationen und Bevölkerungswachstum. Die höheren Bewertungen entstehen überwiegend im Technologiesektor und nicht in traditionellen Wirtschaftssektoren. Sie sind außerdem entstanden aufgrund des Einbruchs infolge der Finanzkrise.
  • Betrachtet man die Gewinne nur der letzten Jahre, dann ist das Bewertungsniveau lange nicht so hoch.

Dagegen wiederum lassen sich Contra-Argumente ins Feld führen:

  • Das Argument der monetären Expansion unterstreicht nur die Risiken, die mit deren Ende verbunden sind. Denn sinkt die Nachfrage nach Staatsanleihen, dann sinken deren Kurse, steigen somit deren Renditen, und werden daher die Staatsanleihen relativ zu Aktien attraktiver, da die Aktiengewinne höher abgezinst werden, was die Aktien unter Druck bringt.
  • Zeigt die monetäre Expansion außerdem anhaltende Wirkung und belebt sich infolgedessen die wirtschaftliche Aktivität, dann steigt auch wieder die Investitionsnachfrage, was längerfristig zu einer Überhitzung führen kann und damit zu stark steigenden Preisen und Zinsen.
  • Steigen aber die Zinsen an, werden die strukturellen Belastungen für den Staat höher. Dies führt zu steigenden Risikoprämien, damit zu weiter steigenden Zinsen und folglich zu sinkenden Aktienkursen.
  • Die Wachstumserwartungen sind zwar durchaus real, aber bereits in die Kurse eingepreist. Ganz im Gegenteil besteht die Gefahr, dass eine Enttäuschung dieser Erwartungen zu Kurseinbrüchen führt.
  • Auch besteht die Gefahr eines zyklischen Einbruchs, zumal der Anstieg des S&P 500 ab 2009 eingesetzt hat.

Fazit: Insgesamt gibt es im Augenblick noch keinen Grund, in Panik zu verfallen. Das Chart des S&P 500 ist eindeutig – der Markt schenkt momentan ganz überwiegend dem positiven Szenario Glauben. Kurz- und überwiegend mittelfristig sind die positiven Erwartungen keineswegs irreal und mit einem hohen Shiller-CAPE durchaus vereinbar. Auf lange Sicht indes besteht Grund zur Skepsis, da positive Erwartungen, wie sie in den Bewertungen nach Shiller zum Ausdruck kommen, nicht unbegrenzt gesteigert werden können. Werden diese Erwartungen enttäuscht, wird dies unweigerlich zu Kursabschlägen führen. Aber vielleicht entsteht ein „neues Normal“, welches zu einer Verschiebung der empirischen Beziehungen führt ?

Tokay

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