Der folgende Artikel zur Deutschen Bank erschien in Hari Live diesen Montag 25.08.14 10:30, als die Aktie noch unter der Trendlinie lag. Aufgrund der aktuellen Entwicklung und des gestrigen Hochs bei 26,81€, ist der Artikel heute aktueller denn je.

Gerade bei Anfängern, ist erstaunlicherweise die Versuchung gross, sein Glück mit verprügelten Aktien zu versuchen und dort “Bottom Fishing” zu betreiben. Diese Versuchung entsteht aus der Illusion, dass eine verprügelte Aktie ja “billig” sei und man deswegen bei dem “Schnäppchen” nun zugreifen müssen.

Es ist wirklich ein Illusion, denn eine Aktie ist in der Regel (von den Übertreibungen des Marktes abgesehen) nie “zu billig” oder “zu teuer”. Sie ist vielmehr immer so bewertet, wie es in Anbetracht der wirtschaftlichen Aussichten angemessen erscheint. Und wenn eine Aktie verprügelt wurde, dann gibt es gute Gründe dafür und man ist in der Regel nicht klüger, sondern dümmer als der Markt.

Es hilf auf jeden Fall, von der Grundannahme der eigenen Dummheit immer auszugehen. Je grösser das Ego, desto schwerer fällt aber diese Grundannahme, weswegen im beruflichen Leben erfolgreiche Menschen, so gerne an der Börse krachend scheitern. Und es würde deshalb gerade Anfängern helfen, am Anfang ihrer Karriere “starke” Aktien zu kaufen, die sich in einem etablierten Aufwärtstrend befinden. Denn dort sind die Chancen am grössten, dass der nächste Zug des Marktes wieder nach oben ist. Witzigerweise tun sich Anfänger gerade bei diesen Aktien am schwersten, denn die sehen so “furchtbar teuer” aus – siehe oben. ;)

Nun gut, es ist wie es ist, ich tue ja mein Bestes den Mitgliedern zu helfen, diese völlig idiotischen psychologischen Mechanismen zumindest zu erkennen, denn Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung. ;)

Nun gibt es aber noch eine andere Art und Weise, in der man an das Thema heran gehen kann. Und das ist, dass wenn die Anleger schon unbedingt so verprügelte Aktien aufsammeln wollen, sie es wenigstens zum “richtigen” Zeitpunkt tun sollten und nicht blind in ein fallendes Messer greifen.

Und dafür will ich Ihnen nun ein paar Grundprinzipien am hervorragenden Beispiel der Aktie der Deutschen Bank zeigen. Ich betone, das hier gezeigte Szenario ist nicht mehr als ein Szenario und es ist Stand Heute Montag 25.08. Vormittag keineswegs sicher, dass die DB die Abwärtstrendlinie nun auch nehmen kann, es ist aber wahrscheinlich:

DB 25.08.14

Wir sehen also die beiden Abwärtstrendlinien, je nachdem ob man auf Tageshöchst- bzw Tagestiefskurse geht oder die jeweiligen Start- und Schluss-Kurse nimmt. Und wir sehen, dass die Aktie der DB nun knapp an diesen Trendlinien liegt.

Wäre nun also ein guter Zeitpunkt, die DB ins mittelfristige Depot zu legen? Falsch! Der Abwärtstrend ist völlig intakt. Ein Kauf heute, wäre für eine mittelfristige Anlageebene verfrüht. Für Daytrader sieht die Lage natürlich anders aus, das ist hier aber nicht Thema.

Nun nehmen wir an, die DB geht durch die Abwärtstrendlinien durch. Wäre das nun ein guter Zeitpunkt um einen langfristigen Swing zu antizipieren? Besser als oben, aber immer noch falsch! Sicher kann es sein, dass die Aktie von da nur noch nach oben läuft. Dann hat man halt Pech gehabt, lässt sie ohne Reue laufen und schaut nach der nächsten, ähnlichen Gelegenheit. Verheiraten Sie sich nie mit einer Aktie!

Nein, idealerweise warten wir, denn oft wird der Ausbruch noch einmal getestet und wenn der positiv verläuft, bleibt das nächste Tief über der Abwärtstrendlinie und bildet damit so etwas wie eine “rechte Schulter”.

Wenn wir das erkennen und sich eine rechte, höhere Schulter formt, dann wird es endlich richtig interessant. Dann können wir das erste Mal mit gutem Gewissen über einen mittelfristigen Einstieg nachdenken. Und wenn wir dann noch das Triggern der Nackenlinie der dann entstehenden Wendeformation abwarten, sind wir von den Wahrscheinlichkeiten noch besser dabei. Eine Sicherheit ist auch das nicht, aber ein positives CRV ist das Beste, was wir am Markt erlangen können.

Bei der Einschätzung der Lage spielen natürlich noch weitere Parameter wie Volumen etc eine Rolle, das zB in der rechten Schulter im Anstieg höher sein sollte, als im Abstieg. Aber ich will das Bild jetzt nicht überkomplizieren, sondern erst einmal das Prinzip erklären.

Merken Sie sich also, wann nach einem Bruch eines Abwärtstrends der beste Einstiegspunkt kommt. Es ist in der Regel nicht direkt nach dem Bruch. Das CRV ist für uns nach dem Retest am höchsten, nicht vorher!

An dieser Stelle werden übrigens auch Unmengen an Fehlern gemacht. Die Anleger haben sich gedanklich mit der Aktie verheiratet und wollen die Chance unbedingt “nicht verpassen”. Und so laufen sie viel zu früh hinterher.

Diese Haltung ist aber kompletter Unfug! Es gibt keine “verpassten Chancen” am Markt, denn der generiert immer wieder neue, jeden lieben langen Tag. Die Wahrnehmung einer verpassten Chance entsteht in unseren Köpfen, weil wir einer Situation nachtrauern. Wir übersehen aber dabei, wie viele neue Chancen wir schon wieder “verpassen”, weil wir diese durch unser Nachtrauern und die unsinnige Fixierung genau auf diese eine Aktie, nicht wahrnehmen können.

Erfolg mit aktivem Handeln am Markt entsteht, in dem wir geduldig warten, bis uns der Markt ein Setup mit einem guten CRV gewährt. Erst dann schlagen wir zu. Wenn das nicht passiert, weil eine Aktie überraschend wegläuft: “so what?” – nächste Gelegenheit!

Insofern wäre ein Bruch des Abwärtstrends bei der DB für uns nun Grund, die Aktie intensiv zu beobachten und uns den Einstieg zurecht zu legen. Ein Grund mit mittelfristiger Perspektive einzusteigen, ist der Bruch alleine noch nicht! Der Punkt kommt dann beim ersten höheren Tief, der rechten Schulter.

Ihr Hari

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Betrachtungen zu Shiller’s CAPE – Sind US-Aktien heute zu teuer?

Ein Gastkommentar von Tokay

Kürzlich erschien in der „New York Times“ ein Artikel des Nobelpreisträgers Robert Shiller mit dem Titel „The Mystery of Lofty Stock Market Elevations“. Zu Beginn des Artikels stellt Shiller fest, dass sich die Bewertung des amerikanischen Aktienmarktes auf besorgniserregendem Niveau befände und argumentiert dabei mit dem von ihm entwickelten „Cycle-Adjusted Price-Earnings-Ratio“(CAPE). Zuletzt seien die Aktienbewertungen 1929, 1999 und 2007 so hoch gewesen. Ich will diesen Artikel zum Anlass nehmen, und den Erklärungsgehalt des CAPE etwas näher untersuchen. Denn träfe Shillers Schlussfolgerung zu, dann wären die Konsequenzen in der Tat alarmierend.

Zunächst, das CAPE ist eine über zehn Jahre geglättete und zugleich inflationsbereinigte Variante des KGV. Es zielt damit ausdrücklich auf die langfristige Betrachtungsweise, und damit im Prinzip auf Buy-and-Hold-Anleger. Welche Aussage ergibt sich hieraus konkret? Nun, derzeit liegt das Shiller-CAPE für den Standard&Poors 500-Index bei 26. Somit muss man das 26-fache des geglätteten Jahresgewinns für den S&P 500 bezahlen. Dies ist im langfristigen Vergleich ein sehr hoher Wert. Das führt zu der Frage, ob es eine Beziehung zwischen dem Shiller-CAPE und dem langfristigen Ertrag des S&P 500 gibt.

Dazu habe ich den annualisierten Jahresertrag des S&P 500 für die jeweils kommenden zwanzig Jahre, später für fünf Jahre sowie für die Einzeljahre berechnet, und zwar immer ab dem Monat, für den der Kurs des S&P 500 ermittelt wurde. Für jeden Monat habe ich diesen Ertrag in Beziehung zu dem Shiller-CAPE gesetzt. Die entsprechenden Daten hierzu sind auf der Website www.irrationalexuberance.com von Professor Shiller verfügbar. Die folgende Betrachtung bezieht sich auf die Jahre ab 1942. Und zwar 1942 deswegen, weil die Große Depression ab diesem Jahr als überwunden gelten konnte. Das Ergebnis sieht so aus:

20-Jahres-Renditen

Der von Shiller postulierte Zusammenhang zeigt sich hier sehr deutlich. Der Jahresertrag des S&P 500 ist durch das Shiller-CAPE überwiegend erklärbar. Das Ergebnis ist für den heutigen, langfristig orientierten Buy-and-Hold-Investor sehr ernüchternd: Für das heutige Shiller-CAPE von 26 ergäbe sich eine annualisierte Jahresrendite von zwei Prozent. Und sollte gar jemand bei einem CAPE von 30 den Einstieg gewagt haben(was allerdings im Zeitraum 1942 bis 1994 nicht beobachtet werden konnte), so wären die Aussichten auf eine Wertsteigerung in den jeweils nächsten zwanzig Jahren gleich Null. Nach Shiller-CAPE müsste also von einer sehr langfristigen Anlage in den S&P 500 also abgeraten werden.

Nun ist die Frage, besteht der Zusammenhang auf kürzere Sicht ebenfalls, und wenn ja, wie stark ist er? Das Bild ändert sich hier schlagartig:

5-Jahres-Renditen

Hier sehen wir nun, dass der Zusammenhang überwiegend nicht besteht. Zwar sieht es immer noch so aus, dass hohe Aktienerträge eher mit einem tiefen CAPE einhergehen, aber der Zusammenhang ist nur noch sehr locker. Für unser heutiges CAPE von 26 bedeutet das einen durchschnittlich zu erwartenden Ertrag von vier Prozent jährlich Wir sehen allerdings , dass in der Mehrzahl der vergleichbaren Fälle in dieser Konstellation kein positiver Ertrag erwirtschaftet wurde. Ebenso, dass die Spannweite der Jahreserträge sehr hoch ausfällt. Von plus achtzehn Prozent bis minus acht ist hier alles möglich.

Noch extremer wird es bei den Ein-Jahres-Erträgen:

1-Jahres-Renditen

Die negative Beziehung zwischen CAPE und Aktienertrag bleibt zwar bestehen, doch liefert das CAPE in diesem Fall keinerlei Erklärungsbeitrag mehr für die Aktienrendite. Konkret ergibt sich für unseren aktuellen Wert von 26 ein rechnerischer Erwartungswert von knapp 5 Prozent jährlich, jedoch haben sich in der Realität Erträge in einer Spannweite von plus vierzig Prozent bis minus vierzig Prozent ergeben. Damit ist das CAPE als Prognosevariable auf kurze Sicht vollständig ungeeignet.

Kann man sich nun also zurücklehnen? Das kommt darauf an. Wir haben in der Vergangenheit gesehen, und auch Shiller schreibt das in seinem Beitrag, dass Überbewertungen á la CAPE für längere Zeit anhalten können. So setzte die Überbewertung vor dem Jahr 2000 bereits Mitte der Neunziger Jahre ein. Sie blieb praktisch bis zur Finanzkrise 2008 bestehen und sie besteht erneut seit etwa 2013. Es kann also noch einige Zeit dauern, bis die Kurse aufgrund der hohen Bewertungen tatsächlich zurückgehen. Und es werden einige handfeste Gründe ins Feld geführt, um das derzeitige hohe Kursniveau zu rechtfertigen:

  • Die monetäre Expansion, die zu tiefen Zinsen geführt hat. Demzufolge sind nicht nur Aktien teuer, sondern auch Anleihen.
  • Die hohen Ersparnisse der Baby-Boom-Generation, denen eine lange nicht so hohe Investitionsnachfrage gegenübersteht, was zu einem säkularen Rückgang des langfristigen Zinses führt. Bei konventioneller Geldpolitik würde dies zu einer langfristigen wirtschaftlichen Stagnation führen, weil es für den Finanzsektor uninteressant wäre, langfristige Kredite zu vergeben, da höhere kurzfristige Zinsen lukrativer wären.
  • Die hohe Staatsverschuldung, die dazu geführt hat, dass die Notenbanken die Zinsen tief halten müssen, da der Anteil des Schuldendienstes ansonsten nicht mehr tragbar wäre. Dies wird von den Marktteilnehmern antizipiert und diese kaufen daher Aktien, da diese relativ mehr Ertrag bringen.
  • Das hohe Bewertungsniveau , das mit Wachstumserwartungen verbunden ist, und zwar aufgrund höherer Potentiale infolge von Innovationen und Bevölkerungswachstum. Die höheren Bewertungen entstehen überwiegend im Technologiesektor und nicht in traditionellen Wirtschaftssektoren. Sie sind außerdem entstanden aufgrund des Einbruchs infolge der Finanzkrise.
  • Betrachtet man die Gewinne nur der letzten Jahre, dann ist das Bewertungsniveau lange nicht so hoch.

Dagegen wiederum lassen sich Contra-Argumente ins Feld führen:

  • Das Argument der monetären Expansion unterstreicht nur die Risiken, die mit deren Ende verbunden sind. Denn sinkt die Nachfrage nach Staatsanleihen, dann sinken deren Kurse, steigen somit deren Renditen, und werden daher die Staatsanleihen relativ zu Aktien attraktiver, da die Aktiengewinne höher abgezinst werden, was die Aktien unter Druck bringt.
  • Zeigt die monetäre Expansion außerdem anhaltende Wirkung und belebt sich infolgedessen die wirtschaftliche Aktivität, dann steigt auch wieder die Investitionsnachfrage, was längerfristig zu einer Überhitzung führen kann und damit zu stark steigenden Preisen und Zinsen.
  • Steigen aber die Zinsen an, werden die strukturellen Belastungen für den Staat höher. Dies führt zu steigenden Risikoprämien, damit zu weiter steigenden Zinsen und folglich zu sinkenden Aktienkursen.
  • Die Wachstumserwartungen sind zwar durchaus real, aber bereits in die Kurse eingepreist. Ganz im Gegenteil besteht die Gefahr, dass eine Enttäuschung dieser Erwartungen zu Kurseinbrüchen führt.
  • Auch besteht die Gefahr eines zyklischen Einbruchs, zumal der Anstieg des S&P 500 ab 2009 eingesetzt hat.

Fazit: Insgesamt gibt es im Augenblick noch keinen Grund, in Panik zu verfallen. Das Chart des S&P 500 ist eindeutig – der Markt schenkt momentan ganz überwiegend dem positiven Szenario Glauben. Kurz- und überwiegend mittelfristig sind die positiven Erwartungen keineswegs irreal und mit einem hohen Shiller-CAPE durchaus vereinbar. Auf lange Sicht indes besteht Grund zur Skepsis, da positive Erwartungen, wie sie in den Bewertungen nach Shiller zum Ausdruck kommen, nicht unbegrenzt gesteigert werden können. Werden diese Erwartungen enttäuscht, wird dies unweigerlich zu Kursabschlägen führen. Aber vielleicht entsteht ein „neues Normal“, welches zu einer Verschiebung der empirischen Beziehungen führt ?

Tokay

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Dieser Artikel erschien schon am 04.08.14 11:25 in Hari Live und wurde zwecks Verständlichkeit für die Allgemeinheit überarbeitet

Die wichtigste, abstrakte Börsenerkenntnis überhaupt ? Ja, das ist ein hoher Anspruch, den ich da im Titel formuliere. Ich bin aber wirklich davon überzeugt, dass das, was ich Ihnen nun zu vermitteln versuche, die wichtigste abstrakte Erkenntnis ist, die Sie über den Markt gewinnen sollten.

Eine abstrakte Erkenntnis ist dabei kein “heisser Tip”, der sie sofort “reich” macht, den gibt es sowieso nur in der Phantasie naiver Mitbürger. Eine abstrakte Erkenntnis ist aber etwas, das Ihnen ermöglicht in Zukunft den Markt und seine Bewegungen besser zu verstehen. Und etwas, das Sie immun gegen allerlei Unsinn macht, der permanent über den Markt geschrieben wird, insbesondere im Bereich der ansteckenden Krankheit der “Prognosiritis”. ;)

Die Erkenntnis ist deshalb so wichtig, weil unzählige ansonsten intelligente Marktbeobachter, diese Erkenntnis offensichtlich nicht haben. Denn wir Menschen lieben es, uns die Welt in zweidimensionalen Kausalketten zurecht zu legen. Der Markt ist aber genau das nicht. Unsere Gehirne sind evolutionär so gestrickt so zu denken – auf ein komplexes, selbstreferentielles System wie den Markt, hat uns die Evolution schlicht nicht vorbereitet.

Zunächst einmal, sollten Sie daher lesen und verstehen, was unter -> Reflexivität <- zu verstehen ist. Der Begriff geht auf Thomas und Merton zurück und wird in der Soziologie verwendet. Wir haben es hier aber nicht nur mit einem soziologischen Thema zu tun, sondern mit einer viel generelleren, grundlegenden Eigenschaft von Systemen, die auch Ähnlichkeit mit dem “Beobachterproblem” hat.

Der Gedankengang hat Schnittpunkte mit der Tatsache, dass wenn ein Biologe ein Rudel Erdmännchen in seinem natürlichen Sozialverhalten beobachten will, er zwingend sicher stellen muss, dass diese nicht wissen, dass sie beobachtet werden. Denn wüssten sie es, würde sich das Verhalten ändern. Die Beobachtung hätte also eine Verhaltensänderung zur Folge, was eine Rückkopplung zum Beobachter auslösen würde.

Der Gedankengang hat Schnittpunkte mit der Heisenbergschen Unschärferelation auf Quantenebene, die man umgangsprachlich auch so beschreiben könnte, dass die Messung eines Teilchens zwangsläufig mit einer Störung seines Ortes verbunden ist. Die Messung beeinflusst also das Ergebnis zu stark, ein Effekt, der aber erst auf atomarer Ebene seine Wirkung entfallt, der aber bei genauem Nachdenken nur logisch ist, denn auch eine “Messung” bzw. “Beobachtung” besteht ja aus “Strahlen” also Wellen bzw Teilchen.

Der Gedankengang fusst auf Grundlagen, die durch Gödels extrem bedeutenden und unterschätzten -> Unvollständigkeitssatz <- in der Mathematik gelegt wurden.

Warum spanne ich den Bogen so weit ? Um Ihnen in wenigen Sätzen ein Gefühl für das dahinter stehende gemeinsame Muster zu verschaffen:

Denn in allen genannten Fällen ist der entscheidende Punkt, dass die Beobachtung bzw Beschreibung eines Systems, das Systemverhalten durch Rückkopplung ändert. Und man daher mit zweidimensionalen Kausalbeziehungen systemimmanent nicht weit kommt.

Und der Markt ist genau so ein Biest. Denn wir Menschen, der wir den Markt beobachten und in Artikeln und Analysen beschreiben, sind gleichzeitig auch Marktteilnehmer und eben nicht unabhängige Beobachter. Und wir ändern unser Verhalten, wenn der Markt etwas macht oder wir eine Analyse lesen, die uns überzeugt. Was aber wiederum zwingend bedeutet, dass wenn die Analyse so überzeugend ist, dass grosse Teile des Marktes darauf reagieren, die Analyse – durchaus mit Parallelitäten zu Schrödingers Katze – selber ausser Kraft gesetzt wird. Der Markt hat sozusagen durch die Analyse seinen “Ort” gewechselt bzw der wahre Ort ist “verschmiert” worden und nicht mehr richtig zu beobachten.

Deshalb ist es so, dass wenn alle am Markt in die gleiche Richtung denken, der Markt fast zwangsläufig in die Gegenrichtung laufen muss, der folgende -> Artikel zu Anleiherenditen <- ist dafür ein schönes Beispiel. Denn wenn alle gleich denken, sind eben auch alle gleich positioniert und der Weg des geringsten Widerstandes geht in die Gegenrichtung.

Übersetzen Sie jetzt aber bitte nicht “Reflexivität” einfach trivial mit “Antizyklisch”, das ist nicht das Gleiche! Im Gegenteil, es gibt gerade in Deutschland eine ganzes Heer selbst ernannter “Antizykliker”, die vom bevor stehenden Zusammenbruch des Finanzsystems überzeugt sind, und die sich zwar emotional wohlig als Teil einer kleinen vermeintlich “wissenden” Gemeinde fühlen, in Wirklichkeit aber der pure Mainstream sind. Und auch solche Thesen unterliegen der Reflexivität, wovor sich der Markt schon fürchtet, kann nur schwer eintreffen. Man könnte auch sagen, ein “Antizykliker” mit viel Gesellschaft und vielen Lesern kann keiner sein. ;)

Deshalb springt die -> Effizienzmarkthypothese <-, auch wenn im Umfeld der Hypothese Nobelpreise verliehen werden, für mich viel zu kurz. Denn darin wird ein Gegensatz von Nachrichten auf der einen Seite und deren Verarbeitung auf der anderen Seite gemacht. Ganz analog zu einem nicht sozialen System, wie einem Automotor, bei dem man auch ganz wissenschaftlich untersuchen kann, wie der auf bestimmte Umweltreize (Nachrichten) reagiert. Und bei nicht reflexiven Systemen wie dem Automotor, kommt man mit solchen zweidimensionalen Kausalbeziehungen auch zu guten Ergebnissen.

Nicht aber am Markt, denn der sind wir. Und so haben wir permanent Rückkopplung. Um es auf das Nachrichtenmodell der Effizienzmarkthypothese zu übertragen, sind die Bewegungen des Marktes also die Nachricht, die wiederum zu Reaktionen und Anpassungsverhalten führt. Der Markt generiert also selber permanent Nachrichten, in dem er sie verarbeitet. Es ist deswegen in einem selbstreferentiellen System systemimmanent unmöglich, Nachrichten völlig effizient zu verarbeiten. Der Grund liegt in der Rückkopplung, der Reflexivität. Es ist ebenso unmöglich, wie festzustellen, ob Schrödingers Katze nun lebt oder tot ist. Und es ist ebenso unmöglich, wie das Leben der Erdmännchen authentisch zu studieren, wenn die wissen, dass sie beobachtet werden. Und ebenso unmöglich, wie ein hinreichend mächtiges, konsistentes formales System, die eigene Konsistenz nicht beweisen kann – genau das ist Gödels Unvollständigkeitssatz.

Ich will damit gar nicht sagen, dass die Effizienzmarkthypothese völlig wertlos ist. Nein, unter den von ihr angenommen Voraussetzungen, ist sie eine sinnvolle Beschreibung der Informationsverarbeitung. Das Problem ist nur, dass die Voraussetzungen nicht mit der Realität im Einklang stehen. Der Markt ist eben nicht nur eine “Nachrichtenverarbeitungsmaschine”, sondern in dem er Nachrichten verarbeitet im gleichen Masse auch eine “Nachrichtenerzeugungsmaschine” – Reflexivität eben.

Übrigens gibt es für solche näherungsweise richtigen, im grösseren Masstab aber dann doch unzureichenden Theorien, auch eine Entsprechung in der Physik. Newton war ein grosser Physiker und sein Gravitationsgesetz ist bedeutend. Und trotzdem ist es objektiv gesehen nicht zutreffend, weil es eben nicht im ganzen Universum gültig ist, sondern nur eine zutreffende Annäherung an die von uns auf dem Planeten Erde praktisch erlebte Wirklichkeit darstellt. Aber immerhin kann man aus Newtons Gravitationsgesetz, ganz praktisch und pragmatisch konkrete Berechnungen ableiten, die dann bis auf wenige Kommastellen auch auf unserer Lebensebene zutreffende Annäherungen liefern. Von der Effizienzmarkthypothese und den Märkten kann man das nicht sagen.

Deshalb gibt es übrigens auch keine “Weisheit der Masse” am Markt, wie uns das neue Thema “Social Trading” gerne glauben machen will. Systembedingt gibt es nur eine “Dummheit der Masse”. Denn wenn zu viele Menschen die gleiche Überzeugung haben, kann sie am Markt wegen der Rückkopplung nicht mehr funktionieren. Der Erfolg einer Idee ist beim Social Trading also gleichzeitig ihr Untergang. Die Meinung vieler Menschen einzuholen und miteinander zu verknüpfen, hat daher nur dann einen Wert, wenn diese Meinungsbildung unabhängig und unbeobachtet vom Markt stattfindet. Genau das macht Social Trading aber nicht, sondern das Gegenteil, die Rückkopplung ist voll da.

Das Anlageteam, das sich zusammen setzt und die Lage diskutiert, erzeugt also einen Mehrwert bei der Einschätzung, weil viele Augen mehr sehen, als wenige. Was wir hier im abgeschotteten Bereich von Mr-Market.de diskutieren, erzeugt Mehrwert, weil es der Markt nicht weiss und wir zu wenige sind, um den Markt durch unsere Verhalten nachhaltig zu beeinflussen.

Aber wenn sich zum Beispiel im Social Trading jemand lange an der Spitze hält, weil er so toll illiquide Nebenwerte selektiert, dann werden tausende darauf aufmerksam und ihr Verhalten ändern. Und da es illiquide Nebenwerte sind, wird es eine Rückkopplung geben und sich deren Kursentwicklung verändern. Und am Ende hat der Erfolg des Social Trading Konzeptes gleichzeitig seinen Untergang herbei geführt. Das genau ist die Reflexivität.

Ich hoffe, ich habe Sie nicht verloren. Es ist schwierig, den komplexen Gedanken in seiner Gänze zu Papier zu bringe. Betrachten Sie das Thema aber nicht als abstraktes Wissen, sondern versuchen Sie zu erfassen, was das Folgende bedeutet:

Der Markt ist ein selbstreferentielles, reflexives System, in dem die Beobachter des Marktes, gleichzeitig die handelnden Marktteilnehmer sind und permanent durch Rückkopplung in ihren Handlungen beeinflusst werden.

Der Markt ist eben kein statisches, lebloses Objekt wie ein Automotor, den man nur lange genug studieren muss, um seine Geheimnisse zu ergründen. Sie werden aber erstaunt sein, wie unzählig viele Studien und Forschungen – auch und gerade in der Ökonomie – den Markt so untersuchen, als ob er ein “Automotor” ohne Rückkopplung wäre. Diese Studien müssen zwangsläufig zu völlig irrelevanten Ergebnissen kommen, denn wenn die Grundannahmen einer Theorie nicht der Realität entsprechen, wird auch das theoretische Gebäude dann Unsinn produzieren, ganz egal wie durchdacht und mathematisch anspruchsvoll das Gebäude ist.

Der Markt reagiert also nicht nur auf exogene Nachrichten, sondern er schafft durch sein Verhalten wiederum selber Nachrichten, die wiederum die Beobachter zu Handlungen motivieren – ein beständiger Kreisschluss, zwischen Beobachtern und Handelnden, der sich selbst in Bewegung hält. Kein Wunder, wir sind ja beides, Beobachter und Handelnder.

Wer ein bisschen Einblick hat, wie zum Beispiel in der 2008er Krise Vorstände von Unternehmen Investitionen zurück hielten und damit den Abschwung verstärkten, weil der Einbruch des Marktes Gefahr signalisierte, obwohl der Effekt noch gar nicht beim eigenen Auftragseingang angekommen war, der konnte diese sich rückkoppelnden und wellenartig aufschwingenden Effekte hautnah beobachten. Das Wissen um die kommende Krise hat eine neue Wirklichkeit des Handelns geschaffen und dieses Handeln wiederum hat die Krise erst so richtig tief werden lassen.

Wer ist da Henne und wer Ei? Ich weiss es nicht und die Frage ist auch irrelevant. Nur unser auf zweidimensionale Kausalketten gedrilltes Gehirn will dafür unbedingt eine Antwort, wo keine nötig ist. Genau das ist aber Reflexivität. Und genau eine solche systemisch, dynamische Wirklichkeit wollen unsere für das Überleben in der Savanne gebauten Hirne nicht akzeptieren. Wir suchen immer nach klaren Kausalketten, auch wenn keine da sind. So sind wir halt gestrickt.

Deswegen kann der Markt Nachrichten gar nicht “effizient” verarbeiten, weil es zu oft gar keine objektiven Nachrichten gibt, sondern nur der Markt selber die Nachricht ist und im eigenen Saft schwingt. Die klare Trennung zwischen Nachricht auf der einen Seite und verarbeitendem Markt auf der anderen, ist also eine Annahme, die unzutreffend ist – es gibt diese klare Trennung in der Regel nicht. Und Theorien, die auf unzutreffenden Axiomen beruhen, mögen in sich konsistent sein, unzutreffend sind sie aber trotzdem.

Deswegen ist der Markt permanent und systemimmanent “ineffizient” und für intelligente Menschen, die das verstehen, bieten sich erhebliche Potentiale den Markt zu schlagen.

Deswegen ist es aber so schwierig den Markt zu schlagen, denn der Markt sind wir, er weiss sozusagen, was wir denken und wovor wir uns ängstigen. Der Markt ist ein Pokergegner, der einen permanenten Vorteil hat, weil er weiss, wie unser Blatt aussieht. Und diesen Vorteil können wir dem Markt als Individuen nur dann nehmen, wenn wir gut verstehen, was die Mehrheit des Marktes denkt. Denn die Denkweise und damit verbunden die Erwartungen der Mehrheit bestimmen, was der Markt macht.

Das ist das Thema der Reflexivität. Der Markt ist ein Biest, dass sich permanent an unsere Erwartungen anpasst und es uns daher so schwer wie möglich macht. Kein Wunder, denn wir sind dieses Biest selber. Wer solche Systeme mit zweidimensionalen Kausalbeziehungen analysieren will, springt um Dimensionen zu kurz.

Das ist die Erkenntnis, die ich Ihnen mit diesem Artikel vermitteln wollte. Das Thema klingt bei mir immer wieder durch, dieser Text ist der Versuch, mal einen Kontext herzustellen.

Das zu tun ist deshalb so schwierig, weil ich versuche über ein Metathema komplexer Systeme zu sprechen, das in die Wissenschaftstheorie hinein geht und viele Wissensgebiete beeinflusst, nicht nur die Soziologie oder Ökonomie. Und es ist ein Thema, das nicht sehr populär ist, weil es uns Menschen emotional sehr viel lieber ist, die Welt kausal in wenn->dann Beziehungen zu beschreiben, als sie als ein systemisches Wesen mit “Eigenleben” zu begreifen.

Zum Thema übrigens noch eine Buchempfehlung. Das Buch ist älter, aber in seiner Art einmalig, weil es verschiedene Wissenszweige miteinander verknüpft und das Muster der Selbstbezüglichkeit dabei aufzeigt: -> Gödel, Escher, Bach <-

PS:

Ach ja, kluge Köpfe, die es überhaupt bis hier unten zum PS geschafft haben und durchdrungen haben, wovon ich da oben schreibe, werden sich jetzt fragen, warum ich diese Erkenntnis in einem öffentlichen Blogeintrag teile, denn damit unterläge sie ja auch der Reflexivität. ;) Guter Punkt, kann ich da nur sagen!

Die Antwort ist einfach, es wird sowieso kaum jemand wirklich durchdenken und schon gar keine Schlussfolgerungen für das eigene Handeln am Markt ziehen. Denn diese Erkenntnis läuft unseren menschlichen Gehirnstrukturen zuwider, wir mögen solche Wahrheiten nicht. Und was wir nicht mögen, strafen wir mit Nicht-Beachtung und sonnen unser Ego lieber in unserer kausalen Kontrollillusion, auch Prognose genannt. ;)

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