Intel und der Zeithorizont des Marktes

Bei Intel können wir nun den Zeithorizont des Marktes bewundern, den ich schon oft als um die 12 Monate beschrieben habe. Erwartungen bis zu 24 Monate spielen noch ein abnehmende Rolle, danach haben Erwartungen kaum mehr Auswirkungen auf aktuelle Kurse.

Man kann mit diesem Zeithorizont auch die stabilen "von links unten nach rechts oben" Kurse bestimmter Aktien begründen, die ich zuletzt wieder hier thematisiert habe: -> Von Links unten nach Rechts oben <-.

Denn wenn der Markt doch so klug ist und in die Zukunft schaut, müsste ihm doch klar sein, dass beispielsweise eine Danaher Jahr um Jahr weiter wachsen wird. Warum hat der Markt dem Unternehmen dann nicht schon vor Jahren den heutigen Wert zugebilligt? Warum steigt das Chart permanent, so dass der Markt immer wieder neu von den guten Zahlen "überrascht" ist? Das ist eine berechtigte Frage!

Die Antwort ist wichtig, denn Sie hat mit einer Art "blindem Fleck" des Marktes zu tun. Einem "blinden Fleck" aus dem wir als Investoren einen Vorteil ziehen können. Und ein "Blinder Fleck" der dazu führt, dass die Strategie "Beständiges Wachstum" zu kaufen, in meinen Augen langfristig alle anderen Strategien schlägt.

Denn wenn der Markt in die Zukunft schaut, ist ja die Frage "wie weit schaut er"? Die Antwort hängt natürlich vom Anleger ab. So kauft ein SwingTrader heute, weil er die Aktie vielleicht in 2 Wochen höher erwartet. Und ein mittelfristiger "Investor" kauft heute, weil er die Aktie in einem Jahr höher erwartet. Aber kauft jemand, weil er die Aktie in 10 Jahren höher erwartet?

Ich behaupte kaum jemand, diese Zukunft ist einfach zu weit weg, um dazu sinnvoll eine Meinung zu haben. Eigentlich ist ein Jahr von jetzt ein sinnvoller Zeitraum der Erwartung, der ja auch durch das Management mit seinen Forecasts immer abgedeckt wird. Bis zu einem Jahr, kann man also mit einiger Bodenhaftung in die Zukunft einer Aktie schauen, danach wird es immer wildere Spekulation.

Und der Markt diskontiert diese Zukunft ja, was heisst, dass er Erwartungen an eine Zukunft in drei oder fünf Jahren sehr stark diskontiert. Was in anderen Worten bedeutet, dass diese kaum mehr in den Kurs einfliessen. Und genau da haben wir den "blinden Fleck". Heisst konkret:

Die Erwartungen die in den Kursen stecken, reichen in der Regel nicht über 1 Jahr, maximal 2 Jahre hinaus. Weiter schaut der Markt mit seinen Erwartungen nicht, bzw die ferne Zukunft ist zu diskontiert.

Und deshalb entsteht ein Chart wie bei Danaher (hier bewusst linear dargestellt), weil der Markt jedes Jahr wieder "überrascht" ist, dass es doch so beständig weiter geht und seine Erwartungen daher weiter hoch schiebt:

Und genau daraus entsteht ein Edge für Investoren, wenn diese sich darauf konzentrieren, Aktien zu selektieren, die ein beständiges, solides Wachstum liefern. Aktien die ein Geschäftsmodell haben, bei denen Wachstum keine einmalige Aufwallung, sondern ein integraler, in die Unternehmens-DNA eingewobener Zustand ist.

Und diesen Zeithorizont kann man nun auch aktuell bei Intel (INTC) bewundern. Denn mit Pat Gelsinger ist endlich wieder ein "IT-Guy" an der Spitze, der versteht dass ein Technologie-Unternehmen mehr als "Financial Engineering" ist.

Gelsinger trifft entlang der Linien die man von ihm erwarten konnte derzeit eine Reihe von strategischen Grundsatzentscheidungen, die alle nach dem Muster -> Mehr Entwicklung, mehr Produktion, mehr Investitionen - weniger Aktienrückkäufe und sonstiges Financial Engineering <- laufen.

Langfristig ist das sehr zu begrüssen, es beinhaltet die Chance Intel wieder zu der Macht zu machen, die jahrelang durch innere Erosion angekratzt wurde.

Und es positioniert Intel damit auch perfekt entlang der Linien des geopolitischen Ringens zwischen den US und China, das dazu führen wird, dass Chipproduktion bewusst aus Taiwan und Südkorea heraus auch wieder in die westliche Welt verlagert werden wird - Intel ist mit seinen Fabriken dafür in einer Pole-Position.

Aber kurz- und mittelfristig mit Horizont auf die nächsten 2 Jahre bedeutet das nur mehr Kosten, mehr Investitionen und schlechtere Bilanzen und Gewinne. Und das wird der Markt nur bedingt mögen und bei jedem Quartalsbericht daran erinnern werden.

Sicher gibt es auch Investoren, die über den Zeitraum hinaus schauen, aber die Menge des kurz- und mittelfristig orientierten Geldes ist so hoch, dass man davon ausgehen muss, dass Intel kurstechnisch nun eher seitwärts schaukeln wird. Für Investoren mit langem Horizont ist jede Schwäche dann aber potentiell ein Kauf:

Machen sie sich unbedingt klar, dass Kurse aus Erwartungen entstehen, wie ich das unter anderem hier ausführlich erklärt habe: -> Der Markt und die Erwartungen <-.

Machen sie sich aber auch klar, dass diese Erwartungen nur einen begrenzten Zeitraum in die Zukunft schauen, eben das genannte Jahr, vielleicht noch 2 Jahre, dann ist es aber vorbei. Bei Intel werden wir das in den kommenden Monaten wohl beobachten können, die Früchte aus Gelsingers Strategieänderungen sind noch zu weit weg, um den Kurs schnell positiv bewegen zu können. Und trotzdem wird jetzt eine Basis für die Gewinne der Jahre 2024 und folgende gelegt.

Ihr Michael Schulte (Hari)

1 Gedanke zu „Intel und der Zeithorizont des Marktes“

  1. Wieder ein interessanter Beitrag. Danke dafür.
    Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Mitgliedschaft bei Mr. Market auch den Südtirolern ermöglicht werden sollte.
    Schöne Grüße
    E. J.

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