Wirecard und wir im Spiegel



Puh. Jetzt hat doch wirklich jeder, sozusagen auch mein Opa seelig, seinen Senf zu Wirecard abgeliefert. Endlich beruhigt sich diese mediale Welle langsam, da kommt dieser blöde Hari daher und fängt nochmal damit an. 😛

Ganz genau, das mache ich mit Absicht so, auch der zeitliche Abstand ist gewollt. Sie sollen ruhig vom ganzen Meinungs-Schwall schon überrollt worden sein, dann können wir jetzt mal zu den Dingen kommen, die man daraus wirklich lernen kann. Denn - ich greife vor - zu viel "Meinung" ist hier genau das Problem und wenn sie das Problem nicht erkennen, wird es ihnen früher oder später wieder passieren.

Dieser Meinungs-Schwall hat natürlich mit allen möglichen Motivationen zu tun, Selbstrechtfertigung ist dabei, Schuldigensuche auch und grundsätzlich alles was die Seele beruhigt. Viel zu selten ist aber leider der ehrliche Blick in den Spiegel beteiligt, denn nur der kann verhindern, dass man die gleiche Dummheit noch einmal macht. Die derzeit oft zu beobachtende Selbstrechtfertigung und Delegation der Eigenverantwortung auf Schuldige behindert diesen Erkenntnisprozess dagegen nur.

Und da hinterher jeder gut Schwätzen und kluge Sprüche klopfen kann - hinterher gibt es dann plötzlich Millionen an "Warnern" und "schon immer gewusst Habern" - schreibe ich ihnen heute nur, was ich belegbar den Mitgliedern der Community zum Thema schon lange vorher gesagt habe. Und leite daraus wichtige Lehrsätze ab.

Los gehts:

Am 07. Februar 2019 habe ich den Mitgliedern im Hari Live Stream um 16:50 MEZ wie folgt geschrieben:

Sie haben vielleicht bemerkt, dass ich seit dem letzten Einschlag 2016 nichts mehr zu Wirecard (WDI) schreibe und ich auch jetzt das Geschehen nicht kommentiere.

Dahinter ist eine Philosophie und das will ich nun kurz erläutern.

Man kann es auf den kurzen Nenner bringen: Wirecard ist mir seit 2016 suspekt und das ist *keine* Wertung des Unternehmens, sondern Folge der damit verbundenen Unsicherheit, die ich mir im Depot nicht antun will.

Ich sage ausdrücklich, ich habe keine Ahnung ob an den Vorwürfen was dran ist oder nicht. Ich würde diese weder pauschal abtun, noch einfach so ernst nehmen.

Der Punkt ist ganz simpel, eine Aktie die ein derart undurchsichtiges Geschäftsmodell hat, das solche Einbrüche nach Attacken von Short Sellern überhaupt möglich macht, gehört nicht in mein Investmentdepot. Und auch als Trade ist sie ungeeignet, wenn man mit 20% Overnight-Gaps rechnen muss.

Der Punkt ist doch - und den Schuh muss sich Wirecard anziehen - wäre das Geschäftsmodell durchsichtiger und nicht so verschachtelt, würde der Markt so Attacken doch gähnend abtun, weil er sich seiner Sache sicher ist. Und verschachtelte Firmenkonstrukte habe ich noch nie gemocht, diese haben meistens ein Grund, der selten mit Transparenz zu tun hat.

Wirecard ist so angreifbar, weil sie so verschachtelt und undurchsichtig sind. Und das Management hat seit 2016 nichts daran geändert. Das sagt nichts über die Wahrheit der Vorwürfe aus, aber muss ich mir das im Depot antun? Meine Antwort ist klar: Nein.

Und sich an der Spekulation zu beteiligen und Position zu beziehen, ist da sowieso Unsinn, wir sind alle nur kleine Goldfische im Haifischbecken.

"Wo Rauch ist, da ist auch Feuer" heisst es als Bauernregel. Vielleicht ist Wirecard die Ausnahme wo der Rauch ohne Feuer ist. Kann gut sein. Ich habe aber keine Lust es mit meinem Geld heraus zu finden und das Aktienuniversum ist groß genug - auch ohne Wirecard.

Das ist meine Denkstruktur.

Damit haben wir einen ersten und wichtigen Lehrsatz.

Denn die Frage, ob man da wissen konnte was man nun weiss, ist völlig irrelevant! Nein, konnte man da 2019 natürlich nicht wissen, konnte man bei Enron vorher auch nicht. Aber man wusste da schon genug, dass es keinerlei Grund gab ein Unternehmen mit derartigen Fragezeichen im Depot zu haben. Das ist der Punkt!

Kein Mensch braucht so ein Unternehmen im Depot. Man verpasst auch nichts, weil es gibt 100 andere Unternehmen ohne so einen Rucksack an Problemen, die auch voller Zukunftschancen sind. Selbst wenn eine Wirecard vor der Aufnahme in den DAX stark steigt verpasst man nichts, denn andere Unternehmen steigen auch stark.

Weiter habe ich am gleichen Tag dazu um 17:05 MEZ geschrieben:

Übrigens, passend zu obigen Worten hier die meistgelesenen Nachrichten bei Finanznachrichten.de.

Fast überall nur Wirecard, jeder sabbelt was dazu. Praktisch jeder Kleinanleger ist nun also gerade hoch aktiviert und hofft auf ein "Schnäppchen".

Ich frage Sie, macht es wirklich Sinn sich daran zu beteiligen? Warum sollten wir einen Edge haben? Schauen wir doch besser dahin, wo diese Massen gerade *nicht* hinschauen.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Alle reden über etwas, zu dem sie keinen EInblick haben, dafür aber ganz fest gefügte "Meinungen".

Daraus folgt ein weiterer Lehrsatz. Wir wollen doch alle so gerne "Querdenker" und "Durchblicker" sein, dann müssen wir uns vom Denken der Herde aber lösen.

Wenn praktisch jedes Medium eine Nachricht nach der anderen zu einer Aktie ausspuckt und alle mehr oder weniger das Gleiche denken, dann denkt eben niemand mehr!

Dann kam die Bafin mit dem Leerverkaufsverbot in den Markt und während ganz viele das im Frankfurter Umfeld begrüsst haben, habe ich das damals am 18.02.19. in einem eigenen Artikel sofort kritisch kommentiert - nur ein kurzer Auszug, der Artikel war lang und detailliert:

Zweitens macht sich die Bafin mit dieser Maßnahme in meinen Augen ungewollt selber zur Partei. Sie beklagt brutale, spekulative Swings und erzeugt mit ihrem Verbot genau so einen Swing, weil nun ein Short-Squeeze einsetzt.

Und Partei wird sie indirekt, weil sie damit faktisch das Management von Wirecard stützt, das selber Aktionär ist. Und wer trägt die Verantwortung für diese Aktion, wenn an den Vorwürfen doch was dran ist? Ist sich die Bafin so sicher, dass das alles nur Schall und Rauch bei den Vorwürfen ist?

Daraus folgt ein weiterer Lehsatz: Überall sitzen nur fehlbare Menschen. Sie können ihre eigene Anlageentscheidung nirgendwo hin delegieren, nicht an die Deutsche Börse, nicht an Anlegerschützer, nicht an Fondsmanager großer Banken und auch nicht an die Bafin! Und schon gar nicht an wichtigtuerische Foristen, die viel Meinung verbreiten und sich als "Bilanzspezialisten" gerieren.

Weswegen wir wieder zur ersten Lehre kommen und dass man den Rauch als Anleger scheuen sollte, weil da zu oft auch Feuer ist.

Dann habe ich wieder zu Wirecard geschwiegen, weil interessiert hat mich die Aktie gar nicht. Es gab in 2019 so viel internationale Topwerte und so viel zu verdienen, wer brauchte da Wirecard? Niemand.

Aber am Morgen des 29.04.20 als dieser "KPMG Prüfbericht" kam, da hat es mich zerrissen, da konnte ich nicht mehr an mich halten, da musste ich mein Schweigen brechen und habe deutlichste Worte gefunden, unter anderem diese:

Das ist das absurde Ergebnis, das Wirecard reinwaschen sollte. Es tut mir leid, da bleibt nach all den Jahren wohl nur festzuhalten, dass das Wirecard Management eine Laienspieler-Truppe sein muss, oder die Vorwürfe wohl berechtigt sind. Dazwischen fällt mir persönlich nichts mehr ein.

Oder mit anderen, drastischeren Worten: Verarschen kann ich mich alleine, da brauche ich den Braun nicht dafür..

Vorher war ich an der Aktie nicht interessiert, hatte aber keine Meinung zu den Vorwürfen. Jetzt hat das Management bei mir seine Glaubwürdigkeit *restlos* verloren.

Es ist bei uns weiter vor allem der klassische, kleine Retail-Anleger, der an Wirecard interessiert ist und sich in Foren die Finger wund schreibt, obwohl seine "Meinung" was bei Wirecard los ist, völlig irrelevant und substanzlos ist.

Deutlicher geht es wohl nicht, oder? Und ich frage sie nun, was genau "konnte man nicht wissen"?

Man konnte mehr als genug wissen, um sich von so Aktien generell fernzuhalten und seine Zeit *nicht* mit viel irrelevanter Meinung zu vergeuden!

Das ist die entscheidende Lehre. Es geht nicht darum was man wissen konnte, es geht auch nicht um Schuldige und Klagen. Und wer jetzt immer noch mit viel Meinung unterwegs ist, nur die Themen verlagert hat, hat rein gar nichts gelernt und ist dazu verdammt, so etwas wieder zu durchleben.

Bedenken sie auch, dass ich selber Vorstandschef einer AG war, das Zusammenspiel mit Wirtschaftsprüfern also kenne und weiss, wie so etwas abläuft. Und ich kann Bilanzen tatsächlich lesen und kenne auch ihre Schwächen und schwammigen Stellen sehr gut. Und ich bin trotzdem nie der Meinung gewesen zu wissen, was bei Wirecard wahr oder falsch ist, denn ich weiss eben, was ich *nicht* weiss und kann Risiken einschätzen. Aber jede Menge Anleger ohne jede Erfahrung in diesen Dingen haben sich eine Meinung zu Wirecard eingebildet und akzeptieren selbst heute das Problem nicht, das sie im Spiegel anstarrt.

Wer wirklich etwas aus dem Vorgang lernen will, für den geht es primär um die Frage, warum man sich *trotz aller Warnsignale* hat in diesen Meinungssog ziehen lassen. Und das obwohl das Ding schon einen mehr als deutlichen Geruch ausgeströmt hat, ich habe ihn ja auch riechen können.

Das ist die Frage, die man mit dem eigenen Spiegel ausmachen muss, wenn man so etwas nicht noch einmal erleben will. Schuldigensuche lenkt nur von diesem Kern ab, pflegt kurzfristig das wackelige Ego, verhindert aber den Lerneffekt.

Die Kunst ist also nicht die "richtige Meinung" zu haben, die Kunst ist *keine* Meinung zu haben, wo man keinerlei Einblick hat! Und die Kunst ist, das zu erkennen!

Es geht also um die Kunst zu wissen was man nicht weiss und Risiken zu respektieren. Das ist die Kunst die Depots schützt!

Ihr Michael Schulte (Hari)

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MiFID II, Inducement und die Marktkapitalisierung

Der Finanzmarkt ist komplex. Das stimmt. Er ist aber noch weit komplexer und weit stärker miteinander verwoben, als wie wir uns das gemeinhin als "unbedarfte" Anleger vorstellen.

Wenn wir zum Beispiel unser sauer verdientes Kapital am Finanzmarkt anlegen und dafür einen Fonds kaufen, dann gehen wir ja auch unausgesprochen davon aus, dass das Fondsmanagement für die typischerweise 1,5-2% Gebühr pro Jahr, ausschliesslich unsere Anleger-Interessen optimiert.

Tja .....

Die Realität ist wohl weit komplexer. Weil haben Sie sich mal gefragt, woher die Fondsmanager eigentlich die Research-Informationen haben, aufgrund derer diese dann Anlage-Entscheidungen treffen?

Klar, ohne nachzudenken, gehen wir davon aus, dass die ihren eigenen Research machen. Und bei den sehr guten Top-Managern, ist das wohl auch der Fall. Aber gilt das so uneingeschränkt und wenn nein, wer beeinflusst die Anlage-Entscheidungen dann?

Um dieses eminent wichtige Thema geht es in einem Artikel, den ich am Donnerstag 16.07.15 16:40 in Hari Live geschrieben habe und den Sie unten nun etwas überarbeitet und aktualisiert finden. Und ja, das Thema ist sehr komplex, aber in dieser Komplexität ist eine Menge Information versteckt, mit der andere dickes Geld verdienen.

Mir ist völlig klar, dass ich mit diesem Artikel hier im freien Bereich nicht viele Leser finden werde. Zu "sperrig" und "schwierig" ist das Thema. Aber versuchen Sie es doch mal. Und wenn Sie das dann zum ersten Mal überhaupt lesen, fragen Sie sich mal warum?

Wenn Sie dann wirklich bis zum Schluss gelesen und sich auch die Links angeschaut haben, dann gehören Sie auch zu denen, die bei uns in der Mr-Market Community bestimmt sehr gut aufgehoben sind. 😉

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Sie wissen ja, dass ich bei zu kleinen Unternehmen immer sehr skeptisch bin, was die Marktkommunikation und den Einfluss von Insidern angeht. Im Artikel -> Warum ich Pennystocks nicht anfasse <- hatte ich das dargelegt.

Sie wissen auch, wie oft ich mich schon über so "Jubelperser" Analysten-Kommentare gerade bei kleineren Unternehmen mokiert habe. Ein offenes Geheimnis ist dabei nämlich, dass Unternehmen ihre Analysten manchmal selber "incentivieren" und "motivieren", damit es überhaupt mal jemand tut. Und umgedreht werden solche Analysen auch als "Zuwendung" und "Anreiz" (Inducement) an Fondsmanager weiter gegeben, was einen Vorteil im Spiel um Wissen darstellt. In beiden Fällen sitzt der normale Anleger aber unwissend am Katzentisch.

Das ganze Thema ist hoch komplex und die Abhängigkeiten vielfältig und verwoben. Es ist für mich persönlich hoch problematisch, wenn ein Fondsmanager, der eigentlich das Geld seiner Anleger objektiv verwalten soll und dafür von denen per Management-Fee bezahlt wird, dann eben nicht objektiv handelt, weil ihn sich Dritte mit "Inducements" gewogen halten.

Natürlich läuft das schon heute alles "total sauber" und "total objektiv". 😉 Die Lebenserfahrung gebietet aber, dass Analysen genau so objektiv sind, wie zwei Sachverständigengutachten, die in einem Gerichts-Verfahren von miteinander streitenden Parteien aufgeboten werden und sich problemlos völlig widersprechen können, alles ganz "objektiv" natürlich. 😉

Es ist halt einfach so, dass viele Dinge nicht objektiv sind und mit subjektiver Einschätzung zu tun haben. Und selbstverständlich wird niemand in diesen Graubereichen seinem Auftraggeber bewusst gegen das Schienbein treten. Und so entstehen dann so gegensätzliche Gutachten und eben auch Analystenkommentare. Ganz "objektiv subjektiv" sozusagen. 😉

Und natürlich macht es für die grossen Marktspieler auch Sinn, sich die Verwalter grossen Geldes gewogen zu halten und so in ihrem Investitionsverhalten zu beeinflussen, auch wenn das für die Geldverwalter natürlich die Gefahr eines Interessenkonflikt gegenüber den eigentlichen Auftraggebern - den Anlegern - herauf beschwört.

Das Thema ist sehr schwierig, weil nur weil man etwas von Dritten liest, wird der Fondsmanager ja in seiner eigene Entscheidung nicht objektiv zu einem abweichenden Handeln gezwungen. Insofern kann man argumentieren, dass hier gar kein Problem existiert, Papier ist geduldig und die Entscheidung trifft am Ende der Fondsmanager.

Andererseits hat jede Information ihre Wirkung und die verändert dann das Investitionsverhalten. Insofern ist da schon ein Problem.

Legal ist das bisher alles, da habe ich keinen Zweifel. Aber ist es auch legitim und sollten wir Anleger dafür unsere Kapital geben? Das ist die schwierige Frage, um die es hier geht.

Mit MiFID II soll hier nun eine Änderung kommen, mit der nicht mehr alle "Inducements" in Form von Research legal wie bisher sind. Und das bedeutet einen wichtigen Einschnitt.

Wenn Sie das aber bisher alles für ein Gerücht gehalten haben, dann lesen Sie in dieser Branchennachricht mal, was von einer Tagung des -> DVFA <- als Verband der "Investment Professionals" berichtet wird, in dem die bekannten Fondsgesellschaften sitzen: -> MiFID und "Inducement" <-

Zitat:

"MiFID II schränkt die Gewährung von "Inducements" erheblich ein. Sie gestattet unabhängigen Beratern und Portfolio-Managern nicht, für die Erbringung ihrer Dienstleistung monetäre oder nichtmonetäre Vorteile von Dritten anzunehmen."

Aha. 🙂 Das war also bisher scheinbar der Normalzustand. Haben Sie es gewusst, liebe Anleger? Und mit MiFID II soll das anders werden. Ist das nun schlimm oder überfällig?

Nun nimmt der DVFA hier lobenswerterweise keine rein schwarz/weisse Position ein und ja, es wird auch negative Seiteneffekte dieser Reform geben. Wer in so komplexe Zusammenhänge eingreift, erzeugt nicht ausschliesslich positive Effekte. Aber auf den Saldo und die Richtung kommt es am Ende an und mit der Richtung habe ich keinerlei Problem, auch wenn die MiFID in Summe ohne jede Frage ein "bürokratisches Monster" ist.

Hier muss ich die Bürokratie aber auch mal zumindest teilweise in Schutz nehmen, denn sie ist auch deshalb so kompliziert, weil es eben ohne diese Regeln jede denkbare Vorteilsnahme geben würde und dabei grosse Kreativität herrscht.

Im Gegenteil, ich halte diese Änderung für uns Anleger für einen Vorteil. Denn wenn es weniger "Jubelperser-Analysen" gibt, muss man bei Kleinunternehmen wieder das tun, was zwar mühsam ist, aber einen echten Edge generieren kann: sich intensiv damit beschäftigen. Oder eben die Finger ganz weg lassen, wenn man den Zeitaufwand nicht betreiben kann und will, was meine Strategie ist.

Natürlich habe die Stimmen recht die sagen, dass damit kleine Unternehmen noch seltener vom Research erfasst werden. Die Frage ist halt, wie viel ist Research wert, dem vielleicht ein Interessenskonflikt zu Grunde liegt?

Wer es genau wissen will, findet -> hier internationale Anwälte zum Thema <- und -> hier die BAFIN zum Thema <-

Wer übrigens die ganze Problematik in ihrer extremen Komplexität noch nicht begriffen hat - was wirklich keine Schande ist, auch ich will nicht behaupten alles zu durchdringen - für den zitiere ich hier aus dem obigen kenntnisreichen Artikel der Anwälte:

This view holds that if MiFID II requires fund managers to either pay for the research information themselves, charge their clients or build the information systems in house, medium and small fund management houses may be driven to closure or merger, presenting less choice for investors.

Nun alles klar?

Sie lieber Anleger, der Sie Ihrem Fondsmanager bisher 1,5 oder sogar 2% per Annum dafür gegeben haben, dass er mit seinem ganzen Wissen und Können und seinem eigenen Research Ihr Geld verwaltet, können aus diesem Satz indirekt entnehmen, dass es im Moment eben zu oft wohl nicht "Inhouse Informationen" und "eigenes Research" sind, mit denen Ihr Fondsmanager agiert, sondern Informationen, die die grossen Adressen der Branche "kostenlos" verteilen - natürlich nur ganz objektiv und ohne jedes Eigeninteresse. 😎

Wundert sich da noch jemand, dass so wenige Fondsmanager den Markt schlagen können und so viele einen Gleichlauf zeigen? Die Fondsmanager, die immer wieder eine sehr gute Performance zeigen - und in unserem Forum besprechen wir davon ja auch immer wieder eine Auswahl - gehören möglicherweise zur lobenswerten Minderheit, die mit eigenem Hirn und Research agieren und nicht nur nachkauen, was die "Big Boys" so verlauten lassen.

Und das ist der Punkt. Wenn MiFID II das ein wenig verbessert: be my guest!

Was denken Sie?

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Prokon, die Bundesregierung und warum Risiko gut ist !

Heute muss ich in der Frühe mal wieder einen persönlichen Kommentar zu einem finanzpolitischen Thema los werden. Denn was ich heute in den Medien lese und laut Medien wohl vom neuerdings SPD geführten Justizministerium ausgehen soll, lässt meine Zornesader schwellen:
-> Bundesregierung will riskante Finanzprodukte verbieten <-

Jetzt riecht das natürlich auch wieder nach so einer typisch politischen Reaktion, wie sie nach medialer Aufmerksamkeit heischend, auch oft nach publikumswirksamen Gewalttaten kommt. Dann wird gerne von erhöhten Strafen schwadroniert und sobald das Thema von den Schlagzeilen verschwunden ist, kümmert sich keiner mehr so richtig darum.

Hier lese ich persönlich aber aus der politischen Absicht auch eine Geisteshaltung heraus, die ungefähr so lautet: Risiko ist schlecht und muss verboten werden ! Der Bürger muss vor sich selber geschützt werden ! Der liebe Staat weiss schon, was gut für Dich Bürger ist !

Die Gängelung und Bevormundung des Bürgers, tritt für mich damit in eine völlig neue Dimension. Eine Dimension, die wir mündige Bürger nach meiner Ansicht zum Wohle unseres Gemeinwesens nicht mehr so einfach hinnehmen dürfen.

Denn die Wahrheit ist: Risiko ist gut ! Unser Fortschritt, unsere Wirtschaft und damit auch die von Steuereinnahmen finanzierten Gehälter, die diese Damen und Herren in den Ministerien jeden Monat auf ihrem Konto haben, sind das Resultat davon, dass Menschen in der Vergangenheit ins Risiko gegangen sind und geforscht, gegründet und investiert haben !

Alle grossen Erfindungen, jedes neues Medikament, jeder Fortschritt, musste erst einmal finanziert werden. Denn vorher ist es ja noch nicht da. Und um etwas zu finanzieren, braucht es Geldgeber, die ins Risiko gehen. Und die dann - wenn es ein Erfolg wird - zu Recht grosse Gewinne einstreichen können. Und wenn es scheitert, ihre Investition abschreiben müssen. Das nennt man Wirtschaft und Fortschritt !

Wenn Elon Musk vor dem Börsengang von Tesla Motors, im Rahmen einer Beteiligungsgesellschaft mit "Genussrechten" um private Geldgeber geworben hätte, wäre das ohne jede Frage ein hoch riskantes Investment gewesen, das auch hätte schief gehen können. Denn erst hinterher ist man klüger !

Nach der Logik, nach der riskante Finanzprodukte für private Anleger zu verbieten sind, hätte dann aber keine deutsche Privatperson bei Tesla Motors investieren dürfen. Weil das liebe Justizministerium und/oder die Bafin "weiss" ja, dass das riskant ist. Ich lache mich tot ! Mit Verlaub, der ganze Gedankengang ist absurd. Und wenn er wirklich ernst gemeint sein sollte und nicht nur von der Süddeutschen verdreht oder übertrieben dargestellt wurde, müsste man sich ernsthaft die Frage stellen, ob man im Angesicht solcher Verantwortlichen, nicht schnellstens aus diesem Land auswandern sollte.

Richtig ist am Finanzmarkt etwas ganz anderes. Die Verbraucher sind nicht vor Risiko zu schützen, sie sind vor Betrug zu schützen ! Denn Risiko hat seinen Preis und das ist gut so. Wer ein sehr riskantes Investment anbietet, muss für den Erfolgsfall eine viel höhere Rendite anbieten, als jemand mit einer vergleichsweise sicheren Anlageform.

Andernfalls wird er keine Geldgeber finden, ausser die "Dummen", denen man sowieso alles andrehen kann, wenn man es nur lecker genug mit einer Schleife verpackt. Will das Justizministerium jetzt auch Dummheit und mangelnde Bildung verbieten ? Ich meine, ich fände es ja toll, wenn beides vom Erdboden verschwinden würde, aber mit einem Verbot erreicht man das nicht, sondern nur mit dem, worin der Staat aktuell versagt: den jungen Bürgern schon in der Schule wirtschaftliche und finanzielle Grundbildung zu vermitteln !

Die entscheidende Frage ist also nicht, wie riskant eine Anlage ist, sondern ob diese Risiken angemessen und vollständig dargestellt wurden. Und wenn das mit Vorsatz nicht passiert, dann darf man das Wort "Betrug" in den Mund nehmen und davor ist der Bürger tatsächlich zu schützen, nicht aber vor Risiko !

Nur blöderweise gibt es die Gesetze alle schon, die Betrug bei Finanzanlagen unter Strafe stellen und es gibt mehr als genügend Formulare und Regularien, daran mangelt es Deutschland nicht. Darauf zu verweisen, würde aber natürlich keine schöne Schlagzeile in der Süddeutschen generieren. Sicher gibt es in Details Verbesserungsbedarf bei den regulatorischen Anforderungen an solche Beteiligungen, das ist aber immer so und keine Schlagzeile wert.

Woran es aber im Lande in Finanzdingen wirklich strukturell mangelt, ist finanzielle Eigenverantwortung und finanzielle Bildung ! Da steht der Staat in einer Verantwortung in Schulen und sonstigen Bildungseinrichtungen. Denn wer glaubt, man bekäme im aktuellen Finanzumfeld irgendwo ohne jedes Risiko 6, 7 oder sogar 8% Rendite, die sich dann auch noch "gut" und "nachhaltig" anfühlt, ist mit Verlaub ziemlich naiv. Aber das ist ja kein Problem - unser liebes, uns an seine erstickende Mutterbrust drückende Justizministerium - verbietet dann auch Naivität. Wer hier Sarkasmus findet, ist auf dem richtigen Dampfer !

Spannend würde auf jeden Fall zu beobachten sein, welche Finanzprodukte, die in dem Fall nicht zu beneidende Bafin, dann als "zu riskant" für normale Bürger vom Markt nehmen müsste. Fangen wir - mit leichtem Augenzwinkern - doch mal mit drei Kandidaten an:

- Aktien der Commerzbank ? Ich meine "riskant" waren sie, oder ? 😉

- Oder vielleicht eine Beteiligung an Solarworld. Auch die war offensichtlich riskant, oder ? 😉

- Staatsanleihen ? Insbesondere für Mittelmeer-Anrainerstaaten der Eurozone ? Nein, das kann nicht sein, die sind ja total sicher. Oder doch nicht ? Nach welchem Kriterium eigentlich ? 😉

Soll ich weitermachen ? Was glauben Sie, was bei der Prüfung der obigen Anlagen vor Jahren heraus gekommen wäre, wenn die arme Bafin hier hätte prüfen müssen, ob das Finanzprodukt zu riskant ist ?

Ich denke, ich habe meinen Punkt gemacht. Erstaunlich ist nur, dass man so etwas überhaupt schreiben muss und das nicht selbstverständlich ist.

Abschliessen will ich meine Wutrede daher versöhnlich. Denn glücklicherweise gibt es da draussen auch noch Verantwortliche mit Verstand. Und deshalb zitiere ich hier aus dem oben verlinkten Artikel der Süddeutschen, stellvertretend die Präsidentin der Bafin Elke König:

"Jeder Anleger müsse bedenken, dass es einen Zusammenhang zwischen der versprochenen Rendite und dem Ausfallrisiko eines Wertpapiers gebe und dass die Anbieter auf den Finanzmärkten keine Wohltäter seien. Man sollte nur in Produkte investieren, die man versteht, und eine gesunde Skepsis an den Tag legen"

Danke ! Da habe ich überhaupt keinen Widerspruch. So ist es.

Risiko ist gut ! Es muss nur gegenüber dem Anleger angemessen, vollständig und wahrheitsgerecht dargestellt werden, damit dieser eine mündige Entscheidung treffen kann.

Das war aber schon immer so und ist nichts Neues und schon lange gesetzlich verankert.

Und um zum konkreten Fall Prokon zu kommen, hat es an Warnungen und kritischen Kommentaren zum Geschäftsmodell ja nun wirklich nicht gemangelt. Wer sich über diese hinweg gesetzt hat, hat eine eigenverantwortliche Entscheidung getroffen und ist ins Risiko gegangen. Nun muss dieser Anleger die Konsequenzen tragen. Hätte die Anlage zu riesigen Gewinnen geführt, hätte der Anleger diese ja auch alleine vereinnahmen wollen.

Ihr Hari

PS: Sehr passend zum dem Themenkomplex, will ich auch an meinen älteren Artikel -> Die Legende von der bösen Spekulation <- erinnern.

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Wacker Chemie im Rallymodus

12 Uhr

Seit gestern Nachmittag, exakt 15 Uhr, befindet sich die Aktie von Wacker Chemie (WKN WCH888) im Rallymodus. Schauen Sie mal auf das äusserst eindrucksvolle 10-Minuten-Chart Stand 12 Uhr:

Gleichzeitig sehe ich keinerlei Nachricht, die eine derartige Rally rechtfertigen würde. Solarworld (WKN 510840) oder der iShares S&P Global Clean Energy (WKN A0M5X1), in dem viele Solarwerte enthalten sind, dümpeln derweil vor sich hin. Eine generelle Nachricht zum Solarsektor - zb aus China - scheidet also als Grund wohl aus, der Auslöser muss im Unternehmen selber begründet sein.

Wenn ich bei einzelnen Aktien solche Bewegungen aus dem Nichts ohne Nachricht sehe, drängt sich mir der Verdacht auf, dass hier jemand mehr weiss als wir. Achten Sie insbesondere auf das Volumen, das ist grosses Geld, das hier den Kurs von Wacker nach oben drückt.

Und damit es hier keine Missverständnisse gibt, der Anstieg absolut ist ja kein Problem, das passiert permanent, das mal eine Aktie 5% nach oben schiesst. Deswegen würde ich bestimmt nicht so einen Beitrag schreiben. Nur das sieht im Chart dann anders aus, da geht der Kurs dann in einem Strich hoch und dann sieht man an den Schwankungen danach, dass der Markt die Nachricht nun aussortiert. Diese stetige Bewegung hier über 24 Stunden, hat aber einen ganz anderen Charakter, das sieht für mich eher nach Geld aus, das von der Seitenlinie beständigt in definierten Stückzahlen in die Aktie geschoben wird.

Ich habe keine Ahnung, ob das hier bei Wacker alles mit rechten Dingen zugeht und will auch niemandem etwas unterstellen. Vielleicht kauft sich hier einfach nur eine grosse Adresse ein, ohne das es zum Austausch von Insiderwissen gekommen ist. Aber merkwürdig ist dieses spezielle Chart für mich schon und wirft bei mir grundsätzliche Fragen zur Marktüberwachung auf.

Denn idealerweise müsste eine funktionierende Marktüberwachung bei solchen Bewegungen automatisch tätig werden und sich die Daten der Käufer und ihre Stellung in Bezug auf das Unternehmen besorgen, um theoretisch möglichen Marktmanipulationen mit Insider-Wissen auf die Schliche zu kommen. Vielleicht passiert das ja aktuell auch durch die Bafin, ich erwarte aber eher das Gegenteil, da die Bafin für diese Aufgaben meines Wissens quantitativ und qualitativ unterbesetzt ist.

Quantitativ, weil in der Bafin nach meinem Wissen schlicht zu wenig Mitarbeiter vorhanden sind, um einen Markt mit tausenden Aktien aktiv zu überwachen. Unsere Politik faselt zwar immer von "Regulierung", stattet am Ende aber die nach meiner Ansicht eher sinnfreie -> Bundesmonopolverwaltung für Branntwein <- personell besser aus, als die volkswirtschaftlich sehr wichtige Abteilung für Marktüberwachung der Börsen.

Qualitativ, weil nicht nur das Cyberabwehrzentrum nicht ohne echte Hacker in den eigenen Reihen erfolgreich sein kann, sondern eben auch eine Marktüberwachung in meinen Augen zwingend Marktprofis braucht, die den Börsen über die Schultern schauen und vieles sehen können, was dem Laien vielleicht verborgen bleibt. Nur dieser Typus - zb ehemalige Händler - lässt sich halt nicht mit dem BAT locken.

So müssen wir wohl weiter mit einem Markt leben, in dem es überall Marktteilnehmer gibt, die mehr wissen als der normale Anleger. Dabei sind die klassischen "Insider", wie sie das Gesetz beschreibt, gar nicht mal das Problem, die halten sich in der Regel an die Gesetze. Das Problem ist der riesige und schwer zu fassende Komplex der Banker, Berater, Analysten, Juristen, Wirtschaftsprüfer, Lieferanten etc. um die Unternehmen herum, von denen viele defacto Insiderwissen zum Unternehmen haben, aber durch das Gesetz nicht richtig erfasst werden und ihr Wissen daher durchaus legal weitergeben können.

So bleibt halt das Frankfurter Westend oder die Fressgasse weiterhin ein Basar des Unternehmenswissens, auf dem nach dem Prinzip "eine Hand wäscht die andere" weit mehr an wichtigen Informationen fliesst, als wir uns lieber vorstellen wollen. Denn letztlich sind wir, die wir diese Information nicht haben, die Leidtragenden dieses Systems. Wir sollten halt nie vergessen, dass wir Privatleute an der Börse ganz am Ende der Nahrungskette stehen.

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