Wallstreet Stream 12.09.18



15:10 MEZ

Die Indizes gaukeln uns vorbörslich wieder kaum Bewegung vor, aber in meinen Watchlisten zeigen die vorbörslichen Kurse einzelner Aktien doch an einigen Stellen interessante Bewegung.

Der wichtige Erzeugerpreisindex PPI ist aber um 14:30 Uhr etwas *schwächer* als erwartet herein gekommen. Das ist ein positiver Faktor und erhöht die Chancen, dass wir heute einen positiven Tag erleben werden:

15:15 MEZ

Schönes Stück hier bei TraderFox: -> Deutsche Aktien plötzlich teurer als US Aktien <-.

Es zeigt wieder beispielhaft, was zum Zwecke des Timings vom Gerede über Über- oder Unterbewertung ganzer Märkte aufgrund fundamentaler Daten zu halten ist: Nichts!

Erstens hat IFRS dafür gesorgt, dass der ausgewiesene Gewinn bestenfalls noch teilweise mit der wahren Gewinnkraft eines Unternehmens zu tun hat. Leider gilt das aus verschiedenen Gründen mittlerweile auch für den Cashflow, der zwar schwerer durch kreative CFOs zu beeinflussen ist, aber auch nicht mehr ist, was er mal war.

Zweitens aber selbst *wenn* diese Daten noch belastbar zur Bewertung geeignet wären, bringen sie trotzdem nicht weiter. Denn diese Daten sind in die Vergangenheit gerichtet, während der Markt in die Zukunft schaut und zwar ca. 1 Jahr weit recht präzise.

Es gibt einfach keinen besseren Bewertungsindikator als die Kurse selber und wenn die Kurse fallen, hat das fast immer einen guten Grund, der sich in den Bilanzen und Kennzahlen dann erst in der Zukunft zeigen wird.

Auch beim DAX hat der Markt schon früh Risiken geahnt, die sich nun in den Kennzahlen niederschlagen und diese verschlechtern. Für die Zukunft sagt aber auch das wieder nichts aus, weil vielleicht sind ja gerade Faktoren am Werk, die die Gewinnerwartungen wieder nach oben bringen.

Es ist also ganz einfach, ein guter Index ist einer der steigt. Und zwar so lange, bis er es nicht mehr tut. Das ist einfach eine andere Formulierung für "The Trend is your friend".

15:25 MEZ

Alles Family-Business: -> Erdogan macht sich selber zum Verwalter des Staatsschatzes <-

Falls das hier jetzt jemand komisch findet, kann man das leicht erklären: Große Männer können halt einfach alles. 😛

Wir wissen ja auch aus großen, einflußreichen Familien gerade im Mittelmeerraum, dass es sowieso besser ist, alles als "Family Business" zu machen.

Dass wir solchen Leuten auch noch Teppiche ausrollen, statt einen Staatsbesuch auf kleinster diplomatischer Flamme zu halten, dient natürlich dem deutschen Interesse. Schon klar, ich bin echt überzeugt. 😛

15:45 MEZ

Achtung jetzt bei Bausch Health (BHC), wohinter sich die alte Valeant (VRX) verbirgt. Das Chart zeigt schnell, dass wir so einen Schub schon ein paar mal gesehen haben und was dann folge:

15:50 MEZ

Kurz zur Info, für die die es interessiert. Bei Tichys Einblick mache ich erst einmal eine temporäre Schreibpause, bis ich in Ruhe bei einem Bier mit Tichy über das Thema gesprochen habe. Telefoniert haben wir schon, aber das reicht nicht. Dieses Gespräch wird irgendwann September/Oktober sein, je nachdem wann wir einen gemeinsamen Termin finden.

Bedingt durch die extreme Polarisierung der Gesellschaft, die ich fatal finde und an der ich mich auch nicht beteiligen will - siehe auch -> Differenzierung, die verlorene Kunst <- - dominiert natürlich auch bei TE massiv die politische Thematik und das sprachliche "Breitschwert" statt des "Floretts" und das drückt andere Themen eher an den Rand und selektiert natürlich auch die Interessen der Leser.

Das Ganze hat mittlerweile so eine Dynamik, dass ich mit meinen Themen dabei gefühlt nicht mehr wahrgenommen werde bzw untergehe. Die Gründe warum ich dort schreibe, die natürlich auch mit einer höheren Reichweite zu tun haben, werden so konterkariert.

Damit es keine Mißverständnisse gibt, damit ist keinerlei inhaltliche Distanzierung verbunden. Ich habe noch nie alles gut gefunden was da geschrieben wurde, oft passt mir der "Empörungs-Sound" persönlich nicht so recht. Das ist ja aber auch nicht nötig, dass ich alles gut finde und ist sowieso bei keinem Medium der Fall. Auch die "Welt" wird zunehmend pluralistisch und die NZZ war es schon immer und auch da gibt es Artikel die ich toll finde und andere, die ich als "neben der Spur" empfinde. Bei TE ist es nicht anders und das ist kein Problem, sondern zeichnet Pluralismus gerade aus.

TE steht aber fest mit beiden Beinen in der demokratischen Gesellschaft und ist eben eine wichtige Stimme im Sinne notwendiger Pluralität. Und Tichy ist als Person mMn genau der Gleiche geblieben, der er schon als Chefredakteur der Wirtschaftswoche war. Politisch gefühlt konservativ, wie es jahrzehntelang in der CDU die Menge der Mitglieder war und wirtschaftlich nach meinem Eindruck eher liberal. Was sich in den letzten Jahren geändert hat, ist die CDU unter Merkel und der Grundton der Medien, aber das Thema hatten wir ja schon zu Genüge und müssen wir hier nicht erneut durch den Wolf drehen und das dreht sich in den Medien erst jetzt wieder ganz langsam.

Insofern sind politisch gesehen diese Stimmen wie TE wichtig, die wieder mehr Pluralität in die mediale Meinung gebracht haben. Wenn sich der Diskurs dort aber dominierend nur noch um Politik dreht, ist es für andere Themen auf der Plattform schwierig, vor allem für solche wie meine, der ich ja ohne Bezahlung und nur für den Bekanntheitseffekt dort Artikel verfasse.

Es gibt zwei Wege wie sich das lösen kann. Einerseits kommt das Land vielleicht wieder zur Besinnung, so daß man mal auch über andere Themen breit diskutieren kann. Ich befürchte aber dafür muss erst einmal Merkel zurücktreten und das sehe ich noch nicht. Andererseits kann man die wirtschaftlichen und finanziellen Themen vielleicht besser bündeln und damit hervorheben und darüber wird zu reden sein.

16:20 MEZ

Nach positiven Studien-Daten für "Filgotinib" macht Gilead Sciences (GILD) heute einen Freudensatz nach oben.

Ob das aber reicht das Seitwärtsgezappel zu beenden, ist offen und weiter fraglich. Auch das Chart liefert trotz sichtbarer Chance noch kein klares Signal:

16:28 MEZ

Gestern hatte ich ja anhand von Applied Materials (AMAT) die Lage bei den Chipwerten thematisiert, die sich im "fallenden Messer" befinden. Bisher waren vor allem die Hersteller von Massenchips betroffen, jetzt erreicht der Zyklus auch die Spezialchip-Hersteller wie Infineon (IFX).

Schauen Sie mal wie brutal diese Woche dort die Range nach unten verlassen wurde. Das sind Signale, die kluge Anleger ernst nehmen und die in der Regel zu weiterem Schmerz führen:

Ich wiederhole zum Sektor., Hier bauen sich nun tolle Chancen auf, denn der Sektor ist offensichtlich nun in die Phase des freien Falls eingetreten und an den zukünftigen Aussichten gibt es in der Welt des 21. Jahrhunderts gar keinen Zweifel.

Aber es ist bei allen Aussichten nun ein fallendes Messer und kluge Anleger greifen da nicht rein. Wir beobachten und werden schon merken, wenn die Chance sich langsam aufbaut, weil der Abwärtsdruck nachlässt. Dieser Tag ist aber nicht heute.

16:38 MEZ

Wer heute Abend ab 19 Uhr Live selber sehen will, wofür er bald viel Geld ausgibt, kann das -> hier direkt bei Apple <- tun.

Die Aktie hat sich durch das Retracement und Geschaukel der letzten Tage in eine absolut neutrale Position gebracht, ich habe im Vorfeld keine Meinung zu unmittelbaren Kursreaktionen.

16:54 MEZ

Ist das hier eine sich anbahnende iSKS bei AT&T (T)?

Nicht idealtypisch, aber wie auch immer wir das Baby nennen wollen, eine Wendeformation die Aufmerksamkeit wert ist, ist es sehr wohl:

17:20 MEZ

Louisisana-Pacific Corp (LPX) hatte ich vorgestern genau wegen des bevorstehenden Ausbruchs. Nun ist er wohl im Gange, die kommenden Stürme werden schon eingepreist:

-> Hier ein Überblick <- über weitere, davon beeinflusste Aktien.

17:25 MEZ

Spannung nun bei Boeing (BA):

17:32 MEZ

Wie schon gesagt, das sieht stark danach aus, als ob der Weltmarktführer für Landmaschinen Deere (DE) nach oben raus will:

17:35 MEZ

Nach oben raus will offensichtlich nun auch der SPY, da hat jemand um 17:12 MEZ kräftig *Anblasen* gerufen:

Jawoll Herr Kaleu!

Auslöser ist das was ich schon länger als positiven Katalysator auf dem Radar habe, -> die Hoffnung einer Einigung mit China <-.

Wenn sich das bewahrheitet, kann das erhebliches Potential freisetzen, da ist einige Sorge eingebacken.

18:00 MEZ

Und schon wieder weg, Wasserbombe hat getroffen, U-Boot abgesoffen. 😉

Wie auch immer, es bleibt dabei. Die Handelsthematik drückt massiv auf China, auf Deutschland, auf die halbe Welt, nur nicht auf die US-Märkte. Und mit den kommenden US-Zwischenwahlen, steigen die Chancen auf einen Kompromiss.

Wenn so ein echter Kompromiss kommt und Trump den als "Sieg" vorweisen kann, setzt das in den Märkten einiges frei, weil Sorgen ausgepreist werden. Das größere Steigungspotential haben dann natürlich die, die bisher stark gefallen sind, also China, Deutschland und Co.

Ich schließe damit für heute und gehe um 19 Uhr mit einem Auge bei Apple zu schauen, während ich mit dem anderen Auge noch ein paar administrative Dinge mache.

Ihnen wünsche ich einen schönen Abend!

Ihr Hari

*** END OF STREAM ***

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Nochmal fünf Fragen und fünf Antworten


Ich habe weiter den Thread -> Wozu soll ich schreiben <- aus dem Juli im Auge.

Dort wurden Themen gesammelt, denen ich mich mal widmen soll und Sie können auch gerne weitere Themen dort anfügen.

Schon letzte Woche habe ich fünf Fragen heraus gegriffen, die ich eher kurz beantworten kann, hier und heute folgen die nächsten fünf:

Frage (1):

Eine Anregung meinerseits wäre zu einem Thema, welches auch im Forum schon mal angesprochen wurde, und zwar das Trading unter Zuhilfenahme des Volumenprofiles.

Ich habe in der letzten Zeit schon so manches Webinar dazu gesehen, und dieses Thema scheint mir momentan *der* große Ansatz zu sein, der das Trader unheimlich vereinfachen würde.

Nun muss ich sagen, dass mir dies alles etwas - sagen wir mal - konstruiert vorkommt, und (meiner bisherigen Meinung nach) auch erst im Nachhinein die Bereiche aufzeigt, an denen gehandelt wurde. Diese *können* natürlich wieder angelaufen werden, *müssen* aber nicht.

Mir erschließt sich diese ganze Sache nicht so richtig. Zwar kann ich mir vorstellen, dass die Beachtung des Volumens schon einen Mehrwert darstellen könnte, aber wie genau dann dabei vorgegangen werden soll, ist für mich noch nicht so recht ersichtlich.

Vielleicht kannst Du hierzu mal etwas schreiben - und sei es auch, diesen augenblicklichen Hype etwas zu entkräften.

Ich habe das Volumenprofil -> hier im Video im März eingeführt <-. Ich bin auch nach wie vor begeistert davon, weil man sehr elegant und übersichtlich Unterstützungen und Widerstände heraus arbeiten kann. Und gerade dann, wenn die Spikes im Volumenprofil etwas von der Interpretation der klassischen Unterstützungs- und Widerstandszonen abweichen, ist das Anlaß sich eine Situation mal kritisch und genau anzusehen.

Ich arbeite damit seitdem nun als additives Visualisierungstool, es ist aber auch nicht mehr als das. Das Volumenprofil liefert keine einzige neue Information, die nicht schon vorher in Preis und Volumen dagewesen und sichtbar gewesen wären, es arbeitet bestimmte Information nur optisch eingängiger heraus. Insofern hat es für mich bei der Identifikation von Zonen Wert, die Welt würde aber nicht untergehen, wenn ich es nicht mehr hätte.

Übrigens zum Satz: "auch erst im Nachhinein die Bereiche aufzeigt, an denen gehandelt wurde". Das gilt für jedes Chart und ist kein Negativum des Volumenprofils. Ein Chart ist immer nur ein Guckloch in Vergangenheit und Gegenwart, aus dem man dann intelligent Schlüsse für zukünftige Wahrscheinlichkeiten ziehen will.

Frage (2):

Doch manchmal juckt es mich auch in den Fingern und ich lese ganz gebannt übers Traden und kurzfristige Handeln. Dafür fehlt mir aber total der Zugang und ich habe wohl auch kein rechtes Bild davon. Mich würde einmal ein Video interessieren, dass die Grundlagen des Tradens erklärt. Welche Erwartungen man an das Traden haben kann und sollte? Wie man am besten damit in ruhigem Fahrwasser einmal anfängt und erste Erfahrungen sammeln kann? Wie arbeiten Profi-Trader? Welche Software braucht man dafür? Auf was kommt es an? Wie hast Du damit angefangen? So ein paar Fragen.

Ich übersetze Deine Frage mal dahingehend, dass Du einfach gar nicht weisst, wo und wie Du anfangen kannst. Du brauchst also sozusagen einen Startpunkt, ein Environment, in dem Du recht entspannt mal mit echtem Geld zu "Daddeln" anfangen kannst und ein paar Techniken mal real ausprobieren kann, ohne gleich Dein Haus aufs Spiel zu setzen.

Zunächst habe ich als Antwort an ein Video gedacht, aber das ist nicht nötig. Denn es gibt eigentlich nur eine wirklich brauchbare Antwort.

Und das hat damit zu tun, dass minimalste Kosten das absolut zentrale Kriterium sind, wenn man mit kleinen Positionen stressfrei mal ein wenig herumspielen und Techniken ausprobieren will, die hier besprochen werden.

Denn um stressfrei das Handeln zu trainieren, braucht es erstens echtes Geld - nur mit Papertrading fehlt der psychologische Faktor. Es braucht aber zweitens so kleine Positionen, dass man wirklich stressfrei mal was probieren kann.

Und dafür kenne ich nur eine perfekte Antwort und das ist Interactive Brokers (IB) direkt mit seinen 1 USD pro US Trade.

Eröffne also ein Konto bei IB. Kapitalisiere das mit einer geringen Menge Kapital, die Du mal zum "trainieren" einsetzen möchtest. Konzentriere Dich alleine auf US Aktien, wie sie hier immer wieder besprochen werden. Und dann handele mal mit eher kleinen Positionen pro Aktie von wenigen hundert Dollar pro Position rauf und runter um Dinge auszuprobieren und Erfahrung zu sammeln.

Wenn Du Dich nicht völlig idiotisch anstellt, kannst Du so viel damit gar nicht verlieren oder gewinnen, weil größere Aktien typischerweise nicht mal eben über Nacht um 30% fallen und selbst dann wäre der Schaden durch die Positionsgröße begrenzt. Der psychologisch Effekt ist aber trotzdem da, auch wenn es am Ende nur um 20 USD Verlust oder 25 USD Gewinn pro Trade geht.

Wie das Schwimmen kann man das Traden eben nur lernen, in dem man es selber macht und am Anfang auch mal Wasser schluckt. An Techniken und Ideen liefert dieser Blog genug, ohne eine eigene Spielwiese wird es aber immer graue Theorie bleiben.

Frage (3):

Dokumentation: Etwas ganz konkretes: wie dokumentierst du deine Trades/Investments und wie oft und nach welchen Kriterien analysierst du sie (falls du es tust)? Sprich, schaust du monatlich oder einmal pro Quartal wie viele Gewinn- oder Verlusttrades du hattest, wie groß der durchschnittliche Gewinn/Verlust war? So in diese Richtung.

Ich bilde mir ein, dass ich das hier im Blog schon thematisiert habe. Früher habe ich ein richtiges Trading-Tagebuch geführt, in dem ich auch meine Motivation niedergelegt habe, also jeweils das komplette Setup beschrieben und dann einen Review gemacht. Das hat mir sehr dabei geholfen, Disziplin in mein Handeln zu bekommen, so dass man sich nichts mehr vormacht.

Schon länger kann ich mich aber auf meine Disziplin verlassen, weswegen ich diesen Aufwand nicht mehr betreibe. Nun habe ich ein großes Excelsheet über alle Depots hinweg, in dem die "normalen Dinge" eingetragen werden wie Kürzel, Datum, Einstieg, Ausstieg, Kosten etc. Dazu habe ich mehrere Arten von "Codes", also Kürzel zum Beispiel für bestimmte Formen von Trades und für andere Charakteristika, um diese später gruppieren und auswerten zu können

Dieses Excel-Sheet werte ich dann mit Excel-Methoden aus, wenn ich was auswerten will. Ich habe also keine festen Auswertungen, sondern sozusagen eine flexible Excel-"Datenbank" die ich nach Bedarf sortiere, auswerte und visualisiere. That´s it.

Seit ich bedingt durch den Blog nicht mehr systematisch, sondern nur noch opportunistisch trade, ist das alles mehr als ausreichend. Mein Affenhirn habe ich auch meistens so im Griff.

Ich habe den Artikel übrigens gefunden. Hier ist er:
-> Von geistiger Nachässigkeit und warum wir reifer als die Bundeskanzlerin sein müssen <-

Frage (4)

Kriterien für Investments / Fundamentaldaten: Welche Kriterien müssen für dich erfüllt sein, damit sich ein Unternehmen als Investment qualifiziert (natürlich nachhaltiges Wachstum, aber darüber hinaus)? Gibt es gewisse KO-Kriterien, was sind eher weichere Faktoren? Und dann weiter gedacht: wie verfolgst du deine Investments - sprich, liest du alle Quartals- und Jahresberichte und darüber hinaus noch Artikel auf bspw. Seekingalpha? Oder schaust du hauptsächlich auf das Chart und weniger auf die Berichte? Ein paar Kommentare dazu fände ich hilfreich.

Das wird jetzt vielleicht erstaunen, aber der fundamentale Prozess der dazu führt, dass ich ein Unternehmen überhaupt als Investment in Erwägung ziehe, ist nicht formalisiert, sondern sozusagen "freie Kunst".

Wir erinnern uns, dieser Prozeß entscheidet ja nicht darüber, wann ich die Aktie kaufe oder verkaufe, das macht nur die Markttechnik. Dieser vorgeschaltete Prozeß definiert nur, welche Aktien ich überhaupt im Blick habe und dann später "vielleicht" kaufe, wenn die Markttechnik passt.

Bei der Auswahl kommt meine gesammelte Erfahrung und mein gesammeltes Wissen zum Einsatz, das kann man nicht als "Checkliste" erklären. Ich bin nun einmal ein Informationsschwamm, seit 30 Jahren im Markt, habe Unternehmen geführt und bei Aktiengesellschaften Mergers & Acquisitions betrieben. Dabei sammelt sich eine Menge inhärente Erfahrung an, man hat einen Blick dafür was gut ausschaut und was eine Augenbraue hochziehen lässt. Dieses Wissen liesse sich nur durch einen angeschlossenen "Nürnberger Trichter" in eine in einem Artikel konsumuerbare Form bringen - das ist irreal.

Was ich eher *nicht* mache, ist Bilanzen lesen. Das mache ich nur wenn es einen konkreten Anlaß gibt, sich etwas anzuschauen. Bilanzen sind im Zeitalter von IFRS auch nicht mehr zwingend ein hilfreiches Bild auf die Substanz eines Unternehmens, zu schwammig und interpretierbar sind die IFRS-Regeln. Es sind daher in meinen Augen eher unternehmenspolitische Dokumente geworden, das Ergebnis eines Konsensprozesses zwischen Management und Prüfern. Ich kenne auch ehrlich keinen einzigen reinen "Bilanzwurm", der damit in den letzten 10 Jahren an der Börse erfolgreich geworden wäre. Früher - zu Zeiten von Graham und dem jungen Buffett mit den staubigen Bibliotheken - da war das mal anders, da hatte man mit Fleiß diese Chance, da war die Rechnungslegung aber auch noch enger und präziser. Heute bezweifele ich den Sinn die Bilanzen der großen Unternehmen zu lesen ganz generell.

Worauf ich achte, ist primär das Geschäftsmodell, das will ich verstehen und dann lese ich halt so lange bis ich es verstehe. Wenn ich es verstehe, schaue ich dann auch tatsächlich mal in die Zahlen, aber nicht um "Geheimnisse" zu finden, sondern um das Geschäftsmodell in den Zahlen wiederzufinden. Wenn ich es wiederfinde ist es gut, wenn nicht, gibt es wohl noch einen Haken. Und ich schaue mir auch Mitbewerber an und vergleiche und ziehe Schlüsse.

Wichtig ist mir auch das Management, ich suche und lese gerne Interviews, die oft mal wie ein "Fenster" in die Denkstrukturen sind. Ich habe dazu einen inneren Kompass aus Erfahrung, was ich schätze und was ich ablehne, siehe meine instinktiv negative Reaktion auf Baumann (Bayer) schon vor mehr als 2 Jahren, die im Nachhinein so falsch ja nicht war.

Es fließen auch durchaus Vorlieben ein. Eine Aktie deren Thema oder Geschäftsmodell ich mag, ist einer ähnlich guten die ich nicht mag vorzuziehen. Denn um später dranzubleiben und sich immer wieder zu interessieren, ist Sympathie wichtig. Sympathie entscheidet nicht ob eine Aktie gut ist, aber bei mehreren Kandidaten kommt sie zum Ansatz.

Nehmen wir mal Solarworld als Beispiel, ich bin ja durchaus für Solars offen, Solarworld war aber nie in meinem Universum, weil ich den Asbeck mit seinem Habitus auf den Tod nicht leiden konnte und ihm immer misstraut habe. Erneut, diese Emotion trifft keine Anlageentscheidung. Als Selektionskriterium unter mehreren Kandidaten ist sie aber durchaus sinnvoll, denn nur an "gemochten" Aktien bleibt man richtig dran.

Frage (5)

Viele Erfahrene sagen ja, man soll durch die Wiederholung reich werden und nicht versuchen auf einer Einzelwette sich um Kopf und Kragen zu verzocken. In wie fern gilt das für junge Leute... Kann man nicht mal ein bisschen mehr wagen, um sozusagen mit einem lucky shot nach vorne zu kommen.

Man kann immer so viel wagen, wie man wagen will - solange man es bewusst tut. 😉

Blöde Antwort, ich weiss.

Aber ernsthaft, nehmen wir mal an dem jungen Menschen gelingt der "Lucky Shot" und er ist 100.000€ reicher durch einen Trade. Und halten wir erneut fest, dass es nur ein "Lucky Shot" war, er also durch Zufall daran gekommen ist und nicht durch einen besonders brillianten Trade.

Was genau wäre dann gewonnen?

Ich garantiere, dass genau dieser "Lucky-Shot-Mensch" dann nicht aufhört und die 100.000 einsackt, sondern versucht beim nächsten Mal eine Million zu machen, kann ja nicht so schwer sein. Das Ergebnis kennen wir. 😉

Ich behaupte also: Ohne zu wissen *warum* das nun geklappt hat, ohne sich das erarbeitet zu haben, ist ein "Lucky Shot" in frühen Jahren in der Regel kontraproduktiv. Viele, viele Lottogewinner beweisen dieses Prinzip immer wieder.

Hinzu kommt ja, dass im Markt Chance und Risiko *immer* in einer ähnlichen Größenordnung sind. Um 1 Million zu machen, muss man also in der Größenordnung 1 Million riskieren oder eintausend Mal 1.000 riskieren, was aufs Gleiche rauskommt.

Worum Profis ja kämpfen, ist nicht die Chance ohne Risiko eine Million zu machen - die haben nur Insider oder Betrüger, also solche mit echtem Wissensvorsprung. Es ist die Chance ein CRV von beispielsweise 9zu10 zu bekommen, also statistisch etwas höhere Chancen als Risiken zu haben. Wenn man so will also nur 900 mal 1.000 zu risikieren, um sicher die Million zu haben.

Also auf die Frage Nein. Die Suche nach dem Lucky Shot vergedeutet bestenfalls Zeit und erzeugt schlimmstenfalls ein Szenario, das ganz böse ausgeht, weil der junge Mensch dann angefixt wird.

Mich erinnert das an eine Szene in einem Western, wo an einem Pokertisch eine Runde sitzt, darunter ein offensichtlicher Profi-Spieler. An diesen Tisch tritt ein Bauernjunge, der gerade seinen Lohn bekommen hat und fragt unbedarft: "Ist das das Spiel mit dem fünf Karten?". Der Pokerspieler grinst und sagt: "Sie können Poker, setzen Sie sich!" 😉

Dieser Bauernjunge gewinnt am Anfang auch. 😉

Ihr Hari

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Bilanzabbau und Quantitative Easing erklärt



Doch, Sie hat es getan. Die FED hat wie erwartet den Einstieg in den Abbau ihrer überdehnten Bilanz verkündet und zwar 10 Milliarden USD pro Monat. -> FED gibt Startschuss <-

Für die Mitglieder, die mit dem Wort "Bilanzabbau" nicht viel anfangen können, will ich es kurz - und natürlich stark vereinfacht - erklären. Am Ende geht es nämlich nicht um die Bilanz der FED, sondern um die Liquidität im Markt.

Im Rahmen ihrer diversen Quantitative Easing (QE) Massnahmen nach der Finanzkrise, hat die FED typischerweise Anleihen aufgekauft und in ihre Bilanz genommen.

Wir stellen uns beispielhaft vor, eine Bank gibt eine Anleihe heraus, was bedeutet, die Bank bekommt Geld und zahlt dafür einen Zins an den Gläubiger, zum Beispiel Sie als Privatperson. Am Ende der Laufzeit der Anleihe, zum Beispiel nach 10 Jahren, kauft die Bank die Anleihe zurück, sprich der Gläubiger (Sie) bekommt sein Geld zurück und hat am Ende Geld wieder und Zinsen vorher kassiert. Zumindest ist das der Plan, wenn die Bank aus Griechenland oder Italien wäre, würde ich auf die Rückzahlung nicht wetten. 😉

Nun haben aber die Banken einen schlechten Ruf und müssen daher hohe Zinsen zahlen, damit jemand ihrem Rückzahlungsversprechen glaubt. Diese hohen Zinsen belasten aber ihre Ertragslage und es ist in diesem Umfeld schwierig, genügend Kapital aufzunehmen.

An dieser Stelle kommt die Notenbank ins Spiel. Die drückt nämlich an einem Ihrer Computer bildlich gesprochen auf einen Knopf, "schöpft" ein paar Milliarden Zentralbankgeld und kauft der Bank diese Anleihen ab. Die Bilanz der Notenbank wächst damit, den nun hat sie für mehrere Milliarden Anleihen (Forderungen gegen die Bank) in der Bilanz, deren Rückzahlungswahrscheinlichkeit jedes Jahr bilanziert werden will.

Nun passiert aber etwas Wundersames, die neue Alchemie der modernen Geldpolitik. Weil die Notenbank als Käufer im Markt ist, kann die Bank die Anleihen leicht absetzen, die vorher wie Sauerbier lagen. Die Zinsen sinken also, die für eine neue Anleihe angeboten werden müssen, bzw die Preise alter Anleihen steigen, die schon emittiert wurden.

Und die Notenbank druckt und druckt weiter und kauft und kauft und die Anleihenzinsen sinken und sinken. Genau das ist passiert, genau das ist Quantitative Easing, genau deshalb haben wir aktuell Nullzinsen im Markt.

Wenn man so will, ist es eine massive Unterstützung derer die Schulden haben, auf dem Rücken derer, die Geld zu verleihen haben. Und das mit Mitteln aus der elektronischen Geldschöpfung. Man darf das ruhig "Marktmanipulation" nennen, genau das ist es wohl.

Die Schuldner (Banken und Staaten) profitieren also, der Bürger der Geld anzulegen hat und die Anleihen kaufen würde, verliert. Man kann es auch Umverteilung nennen, vielleicht finden genau deshalb die "Linken" das so gut, weil sie Umverteilung immer so sehr mögen. 😉 Sie kapieren halt nur nicht, dass hier genau anders herum umverteilt wird, vom Kleinsparer zu den Assetmärkten, aber wer will solche Petitessen beachten, wenn man per Definitionem auf der guten Seite der Geschichte steht? 😉

Nun gibt es aber einen weiteren interessanten Effekt. Und das ist der, der für die Aktienmärkte so wichtig ist: Liquidität!

Denn die Bank kann nun leicht Schulden aufnehmen und zahlt kaum was dafür. Also tut sie es in Masse und lässt das billige Geld "arbeiten". Zum Beispiel am Aktienmarkt oder mit einem Carry Trade und anderen Spekulationen. Denn faktisch ist das Darlehen, das die Bank nun gegen einen Wisch Papier von der Zentralbank aufnehmen kann, ja eine Liquiditätszufuhr. Wenn die FED also monatlich im QE für 20 Milliarden USD Wertschriften kauft, wird dem Markt faktisch 20 Milliarden Liquidität zugeführt.

Tja und Liquidität ist genau das, was den Markt mehr als alles andere treibt - Wirtschaftsdaten sind da vergleichsweise irrelevant. Wenn viel Geld nach Anlagen sucht, steigen die Preise, egal was die Wirtschaftsdaten sagen. Ein Markt wird primär von Angebot und Nachfrage bewegt und viel Liquidität schafft eben viel Nachfrage.

Deshalb hat das QE der Notenbanken die Asset-Märkte hochgepumpt und gleichzeitig den Kleinsparer geschädigt.

Und nun geht die FED her und will für 10 Milliarden USD pro Monat die Gegenrichtung einschlagen. Bei einem Portfolio im Umfang von 4.200 Milliarden USD ist das ein Nasenwasser, aber es ist auch ein Anfang und einen Liquiditätsentzug ist der Markt nicht mehr gewohnt.

Wie will die FED das machen? Nun sie will ihre Anleihen im Bestand nicht direkt verkaufen. Aber wenn sie auslaufen, wenn das Geld also im Beispiel oben von der Bank zurück fliesst, wird die FED damit nicht mehr neue Anleihen kaufen wie bisher!

Im Saldo ist das ein Liquiditätsentzug von 10 Milliarden pro Monat.

Wie der Markt darauf reagiert ist ungewiss, wir sind in völlig unerforschten Gewässern, weil die Notenbanken uns ohne demokratische Legitimierung in das grösste geldpolitische Experiment der Menschheitsgeschichte gezwungen haben. Ausgang dieses Experiments ungewiss, jeder der anderes behauptet, ist ein Schwätzer - selbstgewisse Draghis ausdrücklich eingeschlossen.

Das ist der Punkt wo wir nun stehen, ich hoffe die Erklärung war hilfreich.

Die initiale Reaktion des Marktes auf den Entscheid war verhalten negativ, Yellen hat ihn nun aber schon wieder hochgeredet.

Das ist aber alles nur Geplänkel, die wirklichen Fragen werden in den kommenden Wochen beantwortet, wenn der Liquiditätsabzug tatsächlich passiert.

Ein bischen Unsicherheit und Nervosität ist also angemessen, in unerforschten Gewässern sowieso und die FED hat diese Unsicherheit auch. Zu Panik gibt es aber keinen Anlass, denn die ängstliche FED wird sofort wieder die Richtung ändern, wenn sie merkt, dass sie überzieht. Die Frage ist nur, wie lange sie braucht um es zu merken?

EURUSD und Gold fallen übrigens stark, weil die FED mit der avisierten Zinserhöhung im Dezember etwas falkenhafter war als erwartet. Die hier beschriebenen Tests sind nun also im vollen Gange. Schauen Sie auf die Charts, denn sehen Sie schon. 😉

So weit heute Abend. Wie besprochen kommt Morgen nur ein Marktbericht gegen Mittag.

Ihr Hari

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H.C. Grosskotz, IFRS und die Luftbuchungs Capital AG

Es gibt Dinge, die sollte man immer wieder erklären. Die in der Bilanzierung nach IFRS steckenden "Gestaltungsmöglichkeiten" gehören dazu. Denn ein Teil der Ertragssteigerungen von börsennotierten Unternehmen der letzten Jahre, beruhen auch auf (legalen) Gestaltungsmöglichkeiten, die IFRS bietet.

Im Artikel -> Vom Irrsinn des IFRS und einem zweifelhaften Buchwert <-, habe ich das schon vor 4 Jahren hier beschrieben und es ist immer noch aktuell.

Nun sind solche Themen aber "trocken" und gerade die, die es eigentlich lesen sollten, weil ihnen eben das Verständnis für die Hintergründe fehlt, lesen es dann nicht und jagen lieber dem nächsten "heissen Tip" nach. Die Erfolgschancen dieser Jagd kennen wir. 😉

Aus diesem Grund hatte ich vor 2 Jahren im Premium Bereich mal eine launíge Erklärung geschrieben, die plakativ deutlich macht, was möglich ist. Und diese will ich nun mit Ihnen auch im freien Bereich teilen.

Natürlich ist diese rein hypothetische Darstellung bewusst plakativ und zugespitzt, sie soll ja gelesen werden. Und ja, die Darstellung vereinfacht zu stark und das Thema muss viel, viel differenzierter betrachtet werden. Dann liest es aber keiner mehr. 😉

Und die Kernaussage ist eben doch zutreffend. Denn die lautet: verlassen Sie sich im Zeitalter des IFRS nicht mehr auf Buchwerte! Beziehungsweise verlassen Sie sich nur dann darauf, wenn Sie diese wirklich inhaltlich hinterfragen konnten. Und wer kann das als privater Anleger schon?

Nun aber zu H.C. Grosskotz und seiner "kreativen IFRS Buchführung". 😉

[Namensähnlichkeiten zu realen Personen oder Firmen sind natürlich unbeabsichtig und reiner Zufall]

Viel Spass und gute Erkenntnisse!

Weiterlesen ...

Vom Irrsinn des IFRS und einem zweifelhaften Buchwert – Reloaded

Es gibt Dinge, die kann man gar nicht oft genug erklären. Und da ich diese Woche noch Urlaub mache, schiebe ich heute einen Artikel wieder in den Vordergrund, der hier schon am 24.10.2012 - also vor fast 2 Jahren - veröffentlicht wurde.

Diese Erklärung ist aber nach wie vor topaktuell und erst heute habe ich wieder einen interessanten Artikel gesehen, der die Problematik der Buchwerte nach "Fair Value" erneut in Erinnerung ruft, dieses mal für die grossen Energiekonzerne mit ihren Reserven und deren Bewertung in den Bilanzen: -> Die 28 Billionen Abschreibung <-

Ein erneutes, schönes Beispiel, warum das Prinzip des "Fair Value" in der Praxis Augenwischerei ist und nur dazu führt, dass das Management zu grosse Gestaltungsfreiheiten hat und die Aussagekraft der Bilanzen verschmiert wird. Genau das, was der Artikel unten im Detail erklärt. Denn da es in der Gegenwart keine objektiven Fakten gibt, ob und wie die Reserven der oben im Artikel beschriebenen Energie-Konzerne in Zukunft überhaupt genutzt werden können, obliegen diese Bilanzposten mehr oder weniger der Gestaltung des Managements.

Viele der neuen Leser, die in den letzten zwei Jahren zu Mr-Market dazu gestossen sind, werden den Artikel vom Herbst 2012 nicht kennen. Das sollten Sie aber, daher hier der "Irrsinn des IFRS" reloaded. Viel Spass, Ihr urlaubender Hari.

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Heute möchte ich mit Ihnen mal wieder ein grundsätzliches Thema besprechen. Und zwar in Form eines persönlichen und höchst subjektiven Kommentars zum Thema IFRS.

Ausgelöst durch einen der zahllosen Artikel, in denen dem privaten Anleger mal wieder das KBV (Kurs-Buchwert-Verhältnis) als einfaches Mittel angedient wurde um "Value-Aktien" nach Graham und Buffet zu finden, habe ich mich dazu despektierlich geäussert und den Versuch so ein Thema auf das KBV zu reduzieren als "Plattheit" gebranntmarkt.

In diesem Artikel möchte ich genauer erläutern was ich damit meine. Und warum Sie sich nach meiner Erfahrung keinen Gefallen damit tun, Ihre Anlageentscheidungen alleine nach solchen trivialen Kennziffern zu treffen. Wenn mir die Welt so stark vereinfacht dargeboten wird, ist für mich eher sofort die Frage, "warum" man mir das so darlegt und welche Interessen die Beteiligten haben könnten.

Noch vor 15 Jahren, war die Welt der Bilanzierung in Ordnung. In Deutschland galt das HGB, das die Tendenz hatte, in den Bilanzen stille Reserven - also eine Sicherheitsmarge - aufzubauen. Kaufte man damals ein anderes Unternehmen oder Rechte oder oder, wurde der Aufwand als "Kosten" verbucht oder aktiviert und das Wirtschaftsgut langsam abgeschrieben. Irgendwann war das Wirtschaftsgut in der Bilanz bei Null angekommen, hatte aber immer noch einen realen Gegenwert. Manchmal war dieser Gegenwert sogar gestiegen.

Diese stillen Reserven schlummerten unerkannt in den Bilanzen und wurden erst dann gehoben, wenn das Wirtschaftsgut zum Beispiel verkauft wurde, wenn es also durch einen Preis einen "Wert" bekam. Das war auch im Wesentlichen die Bilanz-Welt, in der Benjamin Graham (der diesem Blog seinen Namen gab und dessen Schüler Warren Buffet war) seine berühmte "Value-Strategie" entwickelte, wie in seinem Buch "The intelligent Investor" ausgeführt. Sicher waren die Bilanzierungsregeln auch damals in den USA anders als das HGB, aber auch in den US war die Bilanzierung damals viel mehr vom Sicherheitsgedanken geprägt als heute.

Dann begann aber der Siegeszug der IFRS (International Financial Reporting Standards). Eigentlich ein richtiger Gedanke, die Rechnungslegungsvorschriften weltweit zu vereinfachen und damit vergleichbar zu machen. Ich zitiere mal einen Satz aus dem WiWo Artikel zum "grossen Bilanz Bluff", den ich Ihnen unten verlinkt habe: "Die 15-köpfige Gruppe ist privat organisiert. Sponsoren der Gruppe sind nahezu alle wichtigen internationalen Konzerne, Banken und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Die Europäische Union winkt deren Beschlüsse regelmäßig durch und gibt sie weiter in die Hauptstädte von Berlin bis Rom, wo sie in nationales Recht umgewandelt werden."

Meine Lebenserfahrung gebietet anzunehmen, dass es die Interessen der genannten Spieler sind, die indirekt Einfluss auf die Bilanzierungsregeln nehmen. Und das selbst, wenn man den 15 Personen individuelle Untadeligkeit und das Bemühen um Unabhängigkeit attestiert, was ich hiermit gerne annehme. Denn jeder Mensch ist durch sein Arbeitsumfeld geprägt, auch wenn er sich persönlich um Unabhängigkeit bemüht. Lässt man Bilanzstandards von den genannten Gruppen erarbeiten, wird man andere bekommen, als wenn das Standardisierungsgremium zum Beispiel aus den Finanzchefs von Mittelständlern besteht. Bezeichnend für die deutsche Politik ist übrigens, dass sie dieses so entscheidende Thema aus meiner Sicht mal wieder völlig verschlafen hat.

Und die Interessen der grossen Spieler sind für mich naheliegend. Indem man stille Reserven hebt, in dem man die Bilanzen aufbläht, erzeugt man höhere Kurse an Börsen (= mehr Boni) weil die Kennziffern wie zB KBV besser aussehen, erhöht man das Volumen der Mandate, erzeugt neue Beratungsfelder für Banken und Wirtschaftsprüfer und gibt dem Management Spielraum, sich die Bilanz nach Gusto zu bauen. Es entspricht meiner Lebenserfahrung anzunehmen, dass diese Interessen auch in die Entscheidungsprozesse einfliessen.

Das Schlüsselprinzip das seit IFRS dabei eingesetzt wird und das es vorher nicht gab, ist dabei das "Fair Value Measurement“. Theoretisch ein richtiger Gedanke, statt das stille Reserven wie oben in den Bilanzen schlummern und diese defensiv aufgebaut sind, sollen alle Bilanzpositionen mit ihrem aktuellen "fairen Wert" bewertet werden. Das Problem ist nur, wer legt denn fest wenn es keinen echten Marktwert gibt, was die Regel ist ? Wer hat die Kompetenz zu entscheiden, ob eine Investition zB in eine innovative Technologie diesen oder jenen "fairen" Wert hat ? Womit wir beim massiven Spielraum sind der nun entstanden ist und der die modernen Bilanzen eher zu einem Pudding macht, den man verzweifelt versucht an die Wand zu nageln.

Es übersteigt den Umfang eines solchen Artikels, hier auf alle Aspekte einzugehen. Ich will Ihnen mit diesen Worten auch nur ein Problembewusstsein schaffen. Und dazu braucht es Beispiele.

Nehmen wir also mal beispielhaft Daimler und die Brennstoffzelle. Ich habe irgendwo mal gelesen, dass Daimler in das Thema schon mehr als 1 Milliarde Entwicklungskosten hinein gesteckt haben soll. Ich weiss nicht ob das stimmt und ich will vorausschicken, das ich keinerlei Ahnung habe wie Daimler das Thema bilanziert. Und ich will mit den folgenden Worten auch keine Behauptungen über die Bilanz bei Daimler aufstellen. Ich will Ihnen nur an einem Beispiel das jeder kennt ("Daimler" und "Brennstoffzelle") klar machen, was IFRS potentiell bedeutet.

Daimler hat also massive Investitionen in die Brennstoffzelle gesteckt, um in der Zukunft damit Geschäft zu machen. In der alten Welt des HGB wäre das ganz einfach gewesen. All die Investitionen in die Brennstoffzelle, all die Millionen an Entwicklerstunden, die gekauften Maschinen, Patente und Rechte, wären Kosten bzw aktivierbare Wirtschaftsgüter gewesen. Wirtschaftsgüter wie zb eine Testanlage wären bis auf Null abgeschrieben worden. Bilanziell wären also all diese Aktivitäten irgendwann nichts mehr "wert" gewesen, bis dann der Moment eintritt, an dem man mit der Brennstoffzelle Umsatz macht, Kunden gewinnt etc. So einfach, so defensiv, so konservativ.

Heute, im IFRS, darf man aber Entwicklungsaufwand aktivieren. Und muss den Wert dieser "virtuellen Wirtschaftsgüter" nicht zwingend auf Null abschreiben. Nein, man muss für die Bilanz bestimmen, was der "Fair Value" dieser Aktiva ist. Und bläht die Bilanz entsprechend auf, was bedeutet das KBV sieht optisch attraktiver aus. Nur wer entscheidet was die Investitionen in die Brennstoffzelle Wert sind ? Nach welchen Kriterien ?

Viel schlimmer, kann das überhaupt jemand kompetent entscheiden ? Ich behaupte ganz frech: NEIN ! Denn die entscheidende Frage wird sein, ob sich die Brennstoffzelle am Markt gegen die alternativen Antriebsformen durchsetzen kann. Und das hängt von unzähligen, auch politischen, Parametern ab und kann niemand vorher sehen. Und deshalb kann auch niemand seriös den "Fair Value" bestimmen.

Im Endeffekt masst sich IFRS damit ganz arrogant an, via Bilanz die Zukunft vorher sehen zu können. Klar, theoretisch soll es der aktuelle "Fair Value" der Gegenwart sein, nur ist der nicht zu bestimmen ohne Annahmen zur Zukunft zu machen. Das ist in meinen Augen die traurige Realität. Und Realität ist für mich auch, dass sich damit das Management der Konzerne nach meiner Erfahrung mehr oder weniger selber in die Bilanzen schreiben kann, was es will. Oder glauben Sie ein durchschnittlicher Wirtschaftsprüfer kann eine ernsthafte Diskussion mit dem Entwicklungsvorstand bestehen, welchen aktuellen Wert frische Innovationen in einem innovativen Spezialthema haben ? Sicher haben die Wirtschaftsprüfer "Krücken" zur Bewertung in ihrer Methodik, es sind und bleiben aber Krücken und am Ende entscheidet das Management.

Das ist nur ein Beispiel. Und um es noch einmal zu erwähnen, ich weiss nicht wie Daimler das real bilanziert, das ist nur ein theoretisches Gedankenszenario um einen Punkt klar zu machen. Und es ist auch keine Problematik von Daimler, sondern vor diesen Fragen stehen mit IFRS alle Unternehmen mit signifikanten Entwicklungsaufwendungen, egal aus welcher Branche. Aber von dieser Art "Bewertungen" nach "Fair Value" werden die Bilanzen der Konzerne seit IFRS bestimmt. Und es ist beileibe nicht nur das Thema aktivierter Entwicklungsleistungen um das es hier geht, weitere Stichworte sind der Goodwill bei Firmenkäufen, die Bilanzierung von Pensionsverpflichtungen usw. usw..

Warum wohl weist Microsoft plötzlich, von einer Sekunde auf die andere einen Quartalsverlust aus und schreibt 6 Milliarden auf eine Akquisition ab ? Womit die Bilanz um diese 6 Milliarden verkürzt wird. Hat sich die Welt in dieser Sekunde so verändert ? War die Bilanz vor 3 Monaten also richtig ? Lesen Sie -> hier <-. Und warum wundern sich Redakteure, das der Markt dabei nicht mal zuckt ? Ganz einfach, weil die Redakteure den (Un)Sinn des IFRS nicht verstehen und noch denken, Bilanzen hätten Aussagekraft. Big Money weiss es aber und zuckt deshalb nicht einmal über die Abschreibung. Die Profis im Markt wissen : "sowieso Bullshit" und kümmern sich um die bedeutenden Dinge.

Am schlimmsten sind in diesem Zusammenhang übrigens nicht die Bilanzen von IT Unternehmen, sondern die von Banken. Da hier fast keine "realen" Güter dahinter stehen, bestehen die Bilanzen aus Bewertungen, der Bewertungen, der Bewertungen, der Bewertungen. Natürlich alles "Fair Value". 😉 Erfahrene Bilanzspezialisten, die bei einem Industrieunternehmen durchaus noch sinnvolle Schlüsse aus der Bilanz ziehen können, streichen bei Bankbilanzen die Segel. Denn die wissen, das sie *nicht* wissen, eben gerade weil sie kompetent sind. Um so absurder wird es dann, wenn man im Web von Laien "fundamentale Analysen" zu Banken anhand der klassischen Bilanzkennziffern liest. Da kann man in meinen Augen auch gleich wie im Mittelalter das Gekröse eines Frosches untersuchen, das läst ähnlich kompetente Rückschlüsse zu. 😉 Bank-Bilanzen sind einfach eine "Black-Box", die selbst für Insider extrem schwer zu durchdringen sind.

Faktum ist, dass man aufgrund dieser durch IFRS aufgeblähten Unternehmensbilanzen die Kennziffern wie KBV gar nicht mehr mit der Vergangenheit vergleichen kann. Wer Ihnen also erzählt, dass das KBV des DAX im historischen Massstab billig sei, ist nicht ernst zu nehmen. Die Bilanzen sind nicht vergleichbar und keiner kann Ihnen genau sagen, wie aufgebläht sie nun im Vergleich zu den 90er Jahren sind.

Und dann lächeln Sie Personen von Magazinen an und und implizieren, dass Sie ja nur das KBV und die Dividende anschauen müssen, um sich wie Graham und Buffet zu fühlen. Wenn Geldanlage so einfach wäre, wären wir alle Multimillionäre. Komisch nur, dass wir es nicht sind. 😉

Sage ich damit, dass eine Kennziffer wie das KBV gar keine Aussagekraft mehr hat ? Nein, wenn man das Geschäft des Unternehmens versteht, wenn man die Substanz der wesentlichen Bilanzpositionen einschätzen kann und wenn man weiss, wie "aggressiv" das Management bilanziert, dann hat eine Bilanzanalyse immer noch gute Aussagekraft. Das ist das was ein Buffet macht und mehr. Machen Sie das ? Können Sie das ? Wenn nein, lassen Sie sich nicht von den grossen Vereinfachungen blenden.

So weit meine hoffentlich deutliche und zugegeben spitzzüngige Rede zum Thema. Wie gesagt, ich wollte damit nicht in die Details der Bilanzierung einsteigen, sondern Ihnen nur eine sehr grundsätzliche Problematik klar machen.

Im Folgenden habe ich daher für Sie noch zwei Links um das Thema zu vertiefen. Gerade den ersten Link "Der grosse Bilanz Bluff" möchte ich Ihnen dringend zum intensiven Studium empfehlen. Danach sind Sie hoffentlich kuriert und können nur noch bitter lachen, wenn Ihnen einer mal wieder etwas vom KBV als entscheidendem Kriterium erzählt und dafür dann noch der arme Warren Buffet ungefragt als Testimonial benutzt wird.

-> Der grosse Bilanz Bluff <-

-> DAX Pensionen teure Versprechen <-

Ich hoffe ich konnte Ihren Horizont ein wenig erweitern. Und ich bedauere, dass ich Ihnen keine "einfachen" Lösungen anbieten kann. Das muss ich anderen überlassen.

Ihr Hari

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Vom Irrsinn des IFRS – oder warum der Buchwert alleine kaum Aussagekraft mehr hat.

Heute möchte ich mit Ihnen mal wieder ein grundsätzliches Thema besprechen. Und zwar in Form eines persönlichen und höchst subjektiven Kommentars zum Thema IFRS.

Ausgelöst durch einen der zahllosen Artikel, in denen dem privaten Anleger mal wieder das KBV (Kurs-Buchwert-Verhältnis) als einfaches Mittel angedient wurde um "Value-Aktien" nach Graham und Buffet zu finden, habe ich mich dazu despektierlich geäussert und den Versuch so ein Thema auf das KBV zu reduzieren als "Plattheit" gebranntmarkt.

In diesem Artikel möchte ich genauer erläutern was ich damit meine. Und warum Sie sich nach meiner Erfahrung keinen Gefallen damit tun, Ihre Anlageentscheidungen alleine nach solchen trivialen Kennziffern zu treffen. Wenn mir die Welt so stark vereinfacht dargeboten wird, ist für mich eher sofort die Frage, "warum" man mir das so darlegt und welche Interessen die Beteiligten haben könnten.

Noch vor 15 Jahren, war die Welt der Bilanzierung in Ordnung. In Deutschland galt das HGB, das die Tendenz hatte, in den Bilanzen stille Reserven - also eine Sicherheitsmarge - aufzubauen. Kaufte man damals ein anderes Unternehmen oder Rechte oder oder, wurde der Aufwand als "Kosten" verbucht oder aktiviert und das Wirtschaftsgut langsam abgeschrieben. Irgendwann war das Wirtschaftsgut in der Bilanz bei Null angekommen, hatte aber immer noch einen realen Gegenwert. Manchmal war dieser Gegenwert sogar gestiegen.

Diese stillen Reserven schlummerten unerkannt in den Bilanzen und wurden erst dann gehoben, wenn das Wirtschaftsgut zum Beispiel verkauft wurde, wenn es also durch einen Preis einen "Wert" bekam. Das war auch im Wesentlichen die Bilanz-Welt, in der Benjamin Graham (der diesem Blog seinen Namen gab und dessen Schüler Warren Buffet war) seine berühmte "Value-Strategie" entwickelte, wie in seinem Buch "The intelligent Investor" ausgeführt. Sicher waren die Bilanzierungsregeln auch damals in den USA anders als das HGB, aber auch in den US war die Bilanzierung damals viel mehr vom Sicherheitsgedanken geprägt als heute.

Dann begann aber der Siegeszug der IFRS (International Financial Reporting Standards). Eigentlich ein richtiger Gedanke, die Rechnungslegungsvorschriften weltweit zu vereinfachen und damit vergleichbar zu machen. Ich zitiere mal einen Satz aus dem WiWo Artikel zum "grossen Bilanz Bluff", den ich Ihnen unten verlinkt habe: "Die 15-köpfige Gruppe ist privat organisiert. Sponsoren der Gruppe sind nahezu alle wichtigen internationalen Konzerne, Banken und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Die Europäische Union winkt deren Beschlüsse regelmäßig durch und gibt sie weiter in die Hauptstädte von Berlin bis Rom, wo sie in nationales Recht umgewandelt werden."

Meine Lebenserfahrung gebietet anzunehmen, dass es die Interessen der genannten Spieler sind, die indirekt Einfluss auf die Bilanzierungsregeln nehmen. Und das selbst, wenn man den 15 Personen individuelle Untadeligkeit und das Bemühen um Unabhängigkeit attestiert, was ich hiermit gerne annehme. Denn jeder Mensch ist durch sein Arbeitsumfeld geprägt, auch wenn er sich persönlich um Unabhängigkeit bemüht. Lässt man Bilanzstandards von den genannten Gruppen erarbeiten, wird man andere bekommen, als wenn das Standardisierungsgremium zum Beispiel aus den Finanzchefs von Mittelständlern besteht. Bezeichnend für die deutsche Politik ist übrigens, dass sie dieses so entscheidende Thema aus meiner Sicht mal wieder völlig verschlafen hat.

Und die Interessen der grossen Spieler sind für mich naheliegend. Indem man stille Reserven hebt, in dem man die Bilanzen aufbläht, erzeugt man höhere Kurse an Börsen (= mehr Boni) weil die Kennziffern wie zB KBV besser aussehen, erhöht man das Volumen der Mandate, erzeugt neue Beratungsfelder für Banken und Wirtschaftsprüfer und gibt dem Management Spielraum, sich die Bilanz nach Gusto zu bauen. Es entspricht meiner Lebenserfahrung anzunehmen, dass diese Interessen auch in die Entscheidungsprozesse einfliessen.

Das Schlüsselprinzip das seit IFRS dabei eingesetzt wird und das es vorher nicht gab, ist dabei das "Fair Value Measurement“. Theoretisch ein richtiger Gedanke, statt das stille Reserven wie oben in den Bilanzen schlummern und diese defensiv aufgebaut sind, sollen alle Bilanzpositionen mit ihrem aktuellen "fairen Wert" bewertet werden. Das Problem ist nur, wer legt denn fest wenn es keinen echten Marktwert gibt, was die Regel ist ? Wer hat die Kompetenz zu entscheiden, ob eine Investition zB in eine innovative Technologie diesen oder jenen "fairen" Wert hat ? Womit wir beim massiven Spielraum sind der nun entstanden ist und der die modernen Bilanzen eher zu einem Pudding macht, den man verzweifelt versucht an die Wand zu nageln.

Es übersteigt den Umfang eines solchen Artikels, hier auf alle Aspekte einzugehen. Ich will Ihnen mit diesen Worten auch nur ein Problembewusstsein schaffen. Und dazu braucht es Beispiele.

Nehmen wir also mal beispielhaft Daimler und die Brennstoffzelle. Ich habe irgendwo mal gelesen, dass Daimler in das Thema schon mehr als 1 Milliarde Entwicklungskosten hinein gesteckt haben soll. Ich weiss nicht ob das stimmt und ich will vorausschicken, das ich keinerlei Ahnung habe wie Daimler das Thema bilanziert. Und ich will mit den folgenden Worten auch keine Behauptungen über die Bilanz bei Daimler aufstellen. Ich will Ihnen nur an einem Beispiel das jeder kennt ("Daimler" und "Brennstoffzelle") klar machen, was IFRS potentiell bedeutet.

Daimler hat also massive Investitionen in die Brennstoffzelle gesteckt, um in der Zukunft damit Geschäft zu machen. In der alten Welt des HGB wäre das ganz einfach gewesen. All die Investitionen in die Brennstoffzelle, all die Millionen an Entwicklerstunden, die gekauften Maschinen, Patente und Rechte, wären Kosten bzw aktivierbare Wirtschaftsgüter gewesen. Wirtschaftsgüter wie zb eine Testanlage wären bis auf Null abgeschrieben worden. Bilanziell wären also all diese Aktivitäten irgendwann nichts mehr "wert" gewesen, bis dann der Moment eintritt, an dem man mit der Brennstoffzelle Umsatz macht, Kunden gewinnt etc. So einfach, so defensiv, so konservativ.

Heute, im IFRS, darf man aber Entwicklungsaufwand aktivieren. Und muss den Wert dieser "virtuellen Wirtschaftsgüter" nicht zwingend auf Null abschreiben. Nein, man muss für die Bilanz bestimmen, was der "Fair Value" dieser Aktiva ist. Und bläht die Bilanz entsprechend auf, was bedeutet das KBV sieht optisch attraktiver aus. Nur wer entscheidet was die Investitionen in die Brennstoffzelle Wert sind ? Nach welchen Kriterien ?

Viel schlimmer, kann das überhaupt jemand kompetent entscheiden ? Ich behaupte ganz frech: NEIN ! Denn die entscheidende Frage wird sein, ob sich die Brennstoffzelle am Markt gegen die alternativen Antriebsformen durchsetzen kann. Und das hängt von unzähligen, auch politischen, Parametern ab und kann niemand vorher sehen. Und deshalb kann auch niemand seriös den "Fair Value" bestimmen.

Im Endeffekt masst sich IFRS damit ganz arrogant an, via Bilanz die Zukunft vorher sehen zu können. Klar, theoretisch soll es der aktuelle "Fair Value" der Gegenwart sein, nur ist der nicht zu bestimmen ohne Annahmen zur Zukunft zu machen. Das ist in meinen Augen die traurige Realität. Und Realität ist für mich auch, dass sich damit das Management der Konzerne nach meiner Erfahrung mehr oder weniger selber in die Bilanzen schreiben kann, was es will. Oder glauben Sie ein durchschnittlicher Wirtschaftsprüfer kann eine ernsthafte Diskussion mit dem Entwicklungsvorstand bestehen, welchen aktuellen Wert frische Innovationen in einem innovativen Spezialthema haben ? Sicher haben die Wirtschaftsprüfer "Krücken" zur Bewertung in ihrer Methodik, es sind und bleiben aber Krücken und am Ende entscheidet das Management.

Das ist nur ein Beispiel. Und um es noch einmal zu erwähnen, ich weiss nicht wie Daimler das real bilanziert, das ist nur ein theoretisches Gedankenszenario um einen Punkt klar zu machen. Und es ist auch keine Problematik von Daimler, sondern vor diesen Fragen stehen mit IFRS alle Unternehmen mit signifikanten Entwicklungsaufwendungen, egal aus welcher Branche. Aber von dieser Art "Bewertungen" nach "Fair Value" werden die Bilanzen der Konzerne seit IFRS bestimmt. Und es ist beileibe nicht nur das Thema aktivierter Entwicklungsleistungen um das es hier geht, weitere Stichworte sind der Goodwill bei Firmenkäufen, die Bilanzierung von Pensionsverpflichtungen usw. usw..

Warum wohl weist Microsoft plötzlich, von einer Sekunde auf die andere einen Quartalsverlust aus und schreibt 6 Milliarden auf eine Akquisition ab ? Womit die Bilanz um diese 6 Milliarden verkürzt wird. Hat sich die Welt in dieser Sekunde so verändert ? War die Bilanz vor 3 Monaten also richtig ? Lesen Sie -> hier <-. Und warum wundern sich Redakteure, das der Markt dabei nicht mal zuckt ? Ganz einfach, weil die Redakteure den (Un)Sinn des IFRS nicht verstehen und noch denken, Bilanzen hätten Aussagekraft. Big Money weiss es aber und zuckt deshalb nicht einmal über die Abschreibung. Die Profis im Markt wissen : "sowieso Bullshit" und kümmern sich um die bedeutenden Dinge.

Am schlimmsten sind in diesem Zusammenhang übrigens nicht die Bilanzen von IT Unternehmen, sondern die von Banken. Da hier fast keine "realen" Güter dahinter stehen, bestehen die Bilanzen aus Bewertungen, der Bewertungen, der Bewertungen, der Bewertungen. Natürlich alles "Fair Value". 😉 Erfahrene Bilanzspezialisten, die bei einem Industrieunternehmen durchaus noch sinnvolle Schlüsse aus der Bilanz ziehen können, streichen bei Bankbilanzen die Segel. Denn die wissen, das sie *nicht* wissen, eben gerade weil sie kompetent sind. Um so absurder wird es dann, wenn man im Web von Laien "fundamentale Analysen" zu Banken anhand der klassischen Bilanzkennziffern liest. Da kann man in meinen Augen auch gleich wie im Mittelalter das Gekröse eines Frosches untersuchen, das läst ähnlich kompetente Rückschlüsse zu. 😉 Bank-Bilanzen sind einfach eine "Black-Box", die selbst für Insider extrem schwer zu durchdringen sind.

Faktum ist, dass man aufgrund dieser durch IFRS aufgeblähten Unternehmensbilanzen die Kennziffern wie KBV gar nicht mehr mit der Vergangenheit vergleichen kann. Wer Ihnen also erzählt, dass das KBV des DAX im historischen Massstab billig sei, ist nicht ernst zu nehmen. Die Bilanzen sind nicht vergleichbar und keiner kann Ihnen genau sagen, wie aufgebläht sie nun im Vergleich zu den 90er Jahren sind.

Und dann lächeln Sie Personen von Magazinen an und und implizieren, dass Sie ja nur das KBV und die Dividende anschauen müssen, um sich wie Graham und Buffet zu fühlen. Wenn Geldanlage so einfach wäre, wären wir alle Multimillionäre. Komisch nur, dass wir es nicht sind. 😉

Sage ich damit, dass eine Kennziffer wie das KBV gar keine Aussagekraft mehr hat ? Nein, wenn man das Geschäft des Unternehmens versteht, wenn man die Substanz der wesentlichen Bilanzpositionen einschätzen kann und wenn man weiss, wie "aggressiv" das Management bilanziert, dann hat eine Bilanzanalyse immer noch gute Aussagekraft. Das ist das was ein Buffet macht und mehr. Machen Sie das ? Können Sie das ? Wenn nein, lassen Sie sich nicht von den grossen Vereinfachungen blenden.

So weit meine hoffentlich deutliche und zugegeben spitzzüngige Rede zum Thema. Wie gesagt, ich wollte damit nicht in die Details der Bilanzierung einsteigen, sondern Ihnen nur eine sehr grundsätzliche Problematik klar machen.

Im Folgenden habe ich daher für Sie noch zwei Links um das Thema zu vertiefen. Gerade den ersten Link "Der grosse Bilanz Bluff" möchte ich Ihnen dringend zum intensiven Studium empfehlen. Danach sind Sie hoffentlich kuriert und können nur noch bitter lachen, wenn Ihnen einer mal wieder etwas vom KBV als entscheidendem Kriterium erzählt und dafür dann noch der arme Warren Buffet ungefragt als Testimonial benutzt wird.

-> Der grosse Bilanz Bluff <-

-> DAX Pensionen teure Versprechen <-

Ich hoffe ich konnte Ihren Horizont ein wenig erweitern. Und ich bedauere, dass ich Ihnen keine "einfachen" Lösungen anbieten kann. Das muss ich anderen überlassen.

Ihr Hari

* Bitte beachten Sie bei der Wertung der Inhalte dieses Beitrages den -> Haftungsausschluss <- und unsere Gedanken zur -> Fairness <- ! *

Hari´s Märkte am Abend – 02.02.12 – Deutsche Börse, Klöckner, K+S

Heute mal etwas früher und mitten im Wallstreet-Handel, weil ich heute Abend etwas weniger Zeit zum Schreiben habe. Auf Kommentare kann ich aber reagieren.

Nachdem der DAX heute gegen die Logik der Oszillatoren bis über 6650 hoch geschoben ist, realisiert sich das Szenario (1) - der "Runaway-Move" - immer mehr. Beeindruckend ist auch, wie sich der Markt über der 6600 gehalten hat und nach einer kleinen Seitwärtskonsolidierung von 24 Stunden schon wieder nach oben läuft. Rein aus der Perspektive des DAX gibt es aus meiner Marktsicht nun keinen ernsthaften Widerstand mehr, der uns daran hindern könnte die 7000 anzusteuern.

So einfach wird das aber wohl nicht, denn die Hausse des DAX wird in hohem Masse von Geldern der Wallstreet angetrieben, die im Herbst 2011 abgezogen wurden und nun zurück fliessen. Und diese Gelder hängen schon davon ab, wie sich auch der Heimat-Markt der Investoren anfühlt. Sollte es da ein Problem geben, werden die Gelder auch schnell wieder repatriiert. In den US Indizes sieht es zwar auch gut aus, aber lange nicht so rosig wie im DAX. Denn da der S&P 500 im letzten Jahr viel besser gelaufen ist, ist nun das Potential nach oben auch nicht so ausgeprägt wie am deutschen Markt. Im S&P 500 gibt es mit 1333 noch die Höchststände vom 26.01.12 zu knacken und je länger der Markt das nicht schafft, desto grösser ist in meinen Augen die Wahrscheinlichkeit, dass es auch mal wieder deutlicher runter geht. Fällig wäre eine Korrektur ja schon lange. Und kurzfristig könnte es sogar sein, dass sich im S&P500 gerade eine kleine Schulter-Kopf-Schulter Formation bildet, Vorsicht ist also geboten und ich finde es nun durchaus wahrscheinlich, dass wir kurzfristig noch etwas abgeben.

Auf den DAX übertragen entsprechen die 1333 im S&P 500 wohl ungefähr 6680-6700, weswegen es nicht weit von den jetzigen Kursen um 6650 entweder zu einer Korrektur oder zu einem Ausbruch mit Beschleunigung des Anstiegsmomentums kommen könnte. Trotz einer nicht ganz so rosigen Markttechnik im S&P500 spricht aber auch in den US Indizes vieles für die Bullen, weswegen ich es nach wie vor für wenig vernünftig finde, sich ohne Anlass schon jetzt massiv gegen den Markt zu stellen. Ich erinnere daran, dass die klassischen Oszillatoren wie RSI, Stochastik etc in einem "Runaway-Move" temporär nutzlos werden und auch nicht mehr geeignet sind den Top zu indizieren, da sie sowieso am Maximum laufen - und das in so einem Szenario eben länger als sich die meisten vorstellen können.

Wer sich aber eng absichern will - was jede Menge Sinn macht, denn so eine Bewegung wie derzeit kann jederzeit ohne Vorwarnung abbrechen - hat jetzt in meinen Augen mit der Zone direkt unter 6600 im DAX einen ganz sinnvollen Bereich für einen Stop. Nicht zu nahe um einen kleinen Abtaucher unter 6600 auszuhalten, aber auch nicht zu weit weg. Das wäre aber nur ein kurzfristiger Stop, und sollte er gezogen werden, würde ich im Falle des Falles trotzdem aufmerksam sein um den Dreher nach oben dann nicht zu verpassen - wenn er dann kommt.

Heute bin ich übrigens wieder Aktionär der Deutschen Börse (WKN 581005) geworden. Ich hatte den Vorteil der Fusion mit der NYSE nie richtig gesehen und denke persönlich, dass der Vorteil vor allem ein "gefühlter" für den Chef der Deutschen Börse Reto Francioni war, der sich dann als "grosser Chairman" hätte sonnen können, während andere die Kärnerarbeit machen. Das dabei der Finanzplatz Frankfurt über kurz oder lang zum Appendix der Wallstreet verkommen wäre, ist für mich ausgemacht. Ein kluger Redakteur des Manager Magazins hat das alles schon vor genau einem Jahr voraus gesehen, weswegen ich -> diesen <- Artikel noch einmal zur Lektüre empfehle. Und wer lesen will, wie seine schweizer Landsleute Francioni sehen, kann mal in -> diesen <- Artikel der Schweizer "Bilanz" hinein schauen.

Genau deswegen habe ich jetzt aber wieder Hoffnung. Endlich kann sich das Management wieder auf das operative Geschäft konzentrieren und da sieht die Ausgangslage für Frankfurt doch ausgezeichnet aus. Die Deutsche Börse ist hoch profitabel, hat dank Francionis Vorgänger Werner Seifert ein tragfähiges Geschäftsmodell und könnte sich deshalb mit ein wenig Innovationskraft gut als *der* zentrale Finanzplatz für den Euro-Raum etablieren, zumal der Sitz der EZB in Frankfurt den Finanzplatz sowieso aufwertet. Man muss halt nur wollen und bereit sein, hart daran zu arbeiten. Aber während Werner Seifert der Deutschen Börse seinen Stempel aufgedrückt hatte, sehe ich persönlich die Deutsche Börse nun seit Jahren ohne für mich erkennbares strategisches Konzept vor sich hin treiben. Insofern hoffe ich nun auf Herrn Francionis Ablösung, der Markt würde das wohl goutieren und um die Zukunft des Finanzplatzes Frankfurt müsste einem dann nicht Bange sein.

Aber selbst wenn man alle diese Überlegungen beiseite lässt, hat man hier in meinen Augen eine cash-starke Aktie mit einer Dividendenrendite von über 5% und einen Chart, der jede Menge Potential nach oben bietet.

Klöckner (WKN KC0100) sendet heute mit über 4% Plus erstaunliche Lebenszeichen, einen direkten Grund dafür kann ich nicht erkennen. Ich denke, dass nun schlicht der negative Effekt aus den kürzlichen Aussagen von Gisbert Rühl ausläuft und sich der Gedanke wieder durchsetzt, dass die Aktie selbst bei weiter schwacher Stahlkonjunktur deutlich unter Buchwert notiert. Ich habe diesen Montag Klöckner bei 10,8€ nachgekauft wie -> hier <- ja dargestellt und sehe den Tag heute daher mit Wohlgefallen. Bei Salzgitter (WKN 620200) habe ich heute - wie gestern angekündigt - die erste Hälfte der Position bei 48€ abgebaut. Die zweite Hälfte lasse ich bis über die 50€ laufen oder bei 45€ ausstoppen.

Auch die US Gas und Kohle Aktien steigen heute massiv, es kann also sein, dass da ein Zusammenhang zu Klöckner existiert, gefunden habe ich ihn in der Kürze bisher nicht. Ein Auslöser könnte vielleicht Patriot Coal (WKN A0M5QB) sein, die heute Zahlen geliefert haben die zwar schlecht, aber offensichtlich nicht so schlecht wie vom Markt befürchtet waren. Patriot steigt aktuell fast 10%.

Auch Stada (WKN 725180) und Nordex (WKN A0D655) bestätigen die vor kurzem gegebenen Signale und laufen weiter mit 4% bzw 5% hoch. Bei beiden Titeln könnte es sein, dass noch Luft nach oben existiert. Bei Stada kann man in meinen Augen im Bereich nahe 25€ aber durchaus auch mal über Gewinnmitnahmen nachdenken.

Nach langer Durststrecke durch den warmen Winter und schlechten Zahlen von Mitbewerbern, sendet auch der Kurs von K+S (WKN KSAG88) mit über 3% Plus heute endlich wieder Lebenszeichen. Hier würde ich nun genau hinschauen, denn grundsätzlich ist das für mich ein in mehrfacher Hinsicht aussichtsreicher Titel mit einer aktuell attraktiven Börsenbewertung. Wenn die Bewegung sich bestätigt, sollte der Bereich um 45€ schnell erreichbar sein. Ich bin schon seit Dezember letzten Jahres Long K+S und habe nicht vor, das kurzfristig zu ändern.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend !