US Schuldenstreit: Kinder mit Massenvernichtungswaffen

Eine hektische und volatile Börsen-Woche liegt vor uns. Das zu erkennen, erfordert wirklich keine prophetischen Fähigkeiten.

Auslöser ist dabei der US Schuldenstreit, der auf eine finale Eskalation zuläuft, wenn am Donnerstag formal die Schuldengrenze der US erreicht wird.

Das Verhalten der US Politiker, vor allem im Kongress aber auch im weissen Haus, wirkt dabei auf mich wie das Verhalten von Kindern, denen man Massenvernichtungswaffen in die Hand gedrückt hat.

Und dass das überhaupt möglich ist, liegt daran, dass die Eltern noch nicht aufgetaucht sind und den Kindern klipp und klar erklärt haben, dass das Taschengeld für die nächsten Monate gestrichen ist, wenn sie nicht sofort aufhören, derartig mit dem Schicksal der Welt zu spielen.

Denn die Eltern, das sind letztlich die Finanzmärkte. Sobald die Abgeordneten und Senatoren - von denen man vielen nachsagt Millionäre mit dicken Aktienportfolios zu sein - in ihren Depots erleben würden, wie ihr Vermögen hinweg schmilzt, wäre eine Lösung dieses Kasperletheaters wohl ganz schnell da.

Die Märkte aber halten immer noch still und das hat einen Grund. Es sind nach meiner Einschätzung die verwobenen Interessen der US Grossfinanz, von denen keiner ein Interesse daran hat, Öl ins Feuer zu giessen, da man durch den folgenden Brand selber vernichtet würde. Umgedreht wären nun aber lodernde Flammen dringend nötig, um diesen Kindern endlich Vernunft einzubläuen.

Eine besonders peinliche Rolle spielen damit in meinen Augen die US dominierten sogenannten "Ratingagenturen", deren Gesellschafter wiederum aus dem Kreis dieser Grossfinanz kommen.

Stellen Sie sich mal vor, ein europäischer Staat würde sich erlauben, was sich die Kinder in der US Politik gerade erlauben. Es würde Herabstufungen und Warnungen hageln und als Folge müssten institutionellen Anleger ihre Anleihenbestände reduzieren, die Zinsen würden hoch schiessen und in dem Land, das sich eine derartige Disziplinlosigkeit erlaubt, würde Panik vor einer Staatspleite ausbrechen.

Nicht aber in den US, weil die sogenannnten "Ratingagenturen" gegen jede Logik stillhalten und sich damit des letzten Quentchens Reputation berauben, das bei mir übrig geblieben ist. Nach jeder Logik hätte es in meinen Augen schon vor Wochen - als klar wurde, dass die Zahlungsfähigkeit der USA als Erpressungsmittel benutzt wird - ein erhobenen Zeigefinger geben müssen im Sinne, dass das US Rating unter Beobachtung steht.

Spätestens heute müsste die Herabstufung kommen. Oder will mir jemand aus diesen sogenannten "Ratingagenturen" ernsthaft erklären, dass ein Schuldner, der wenige Tage vor der Zahlungsunfähigkeit immer noch keine Lösung für seine Gläubiger hat, seriös genau so solvent zu bewerten ist, wie ein Schuldner der keinen Zweifel an seiner Zahlungsfähigkeit lässt ?

Der Punkt ist nach meiner Einschätzung: Diese Warnungen wurden unterlassen, weil klar war, dass alleine diese Warnungen schon zu Verwerfungen an den Märkten und insbesondere den Anleihemärkten führen würden. Wie sagte Anshu Jain vor kurzem so schön: -> Es gibt kein Leben nach einem US Zahlungsausfall <-.

Vor Wochen hätte eine derartige Abstufung zwar für Verwerfungen und massive Korrekturen an den Märkten gesorgt, sie wären aber beherrschbar geblieben. Und alleine die nackte Angst, die diese Verwerfung ausgelöst hätte, hätte die Kinder in Washington zur Vernunft gebracht und wir hätten schon längst eine Lösung.

So aber wurde das unterlassen. Die Märkte sind selbst heute noch unwirklich ruhig und es fehlt das Gefühl von Dringlichkeit und Not, das nötig wäre, um die ineinander verbissenen Kinder zu Vernunft zu bringen. In dem die Märkte und die Ratingagenturen versucht haben, nicht unnötig Öl ins Feuer zu giessen, haben sie diesen Gridlock erst ermöglicht.

Und dieser Gridlock ist nun nicht mehr beherrschbar, wenn er nicht schnellstens gelöst wird, da hat Anshu Jain sicher völlig Recht. Wir haben sozusagen die Ruhe vor dem Orkan. Und können nur beten, dass es nicht dazu kommt.

Jetzt wird jeder natürlich sagen, am Ende wird es eine Einigung geben, denn die ist mal wirklich alternativlos. Natürlich ist das so und es wird definitiv eine Einigung geben, das ist völlig klar. Das ist aber auch nicht die Frage. Die Frage ist, welcher Vertrauens-Schaden bis dahin angerichtet wurde, denn Vertrauen ist ein scheues Reh und wenn es einmal weg ist, kommt es so schnell nicht wieder.

Und deshalb wird das eine hektische und dramatische Börsenwoche werden. Und der Ablauf ist mit keinem Mittel vorhersagbar, wir befinden uns in unerforschten Gewässern. Und alles Raten und Prognostizieren ist deshalb völlig sinnlos. Hier hilft jetzt auch keine Charttechnik oder Markttechnik, die Augen richten sich nach Washington und die Spannung steigt. Bei den kurzlaufenden US Staatsanleihen zeigen sich schon die ersten massiven Auswirkungen.

Wer jetzt mit Spielgeld im Markt ist, das er im Zweifel verschmerzen kann, dem bieten sich diese Woche viele Gelegenheiten für einen "Zock". Wer aber ein grösseres Depot verwaltet, der hat nur eine Wahl: Risiko raus nehmen, Positionen verringern, Cash-Quote erhöhen ..... und abwarten.

Und ich höre schon wieder die Stimmen der üblichen Verdächtigen, die dieses Desaster pauschal "entfesselten Märkten" in die Schuhe schieben. Die sind ja immer als böser Bube gut. Dabei könnte nichts weiter von der Wirklichkeit entfernt sein.

Denn von freien Märkten kann man schon lange nicht mehr reden. Die freien Märkte sind nicht entfesselt, sondern gefesselt und verbogen und den Interessen weniger unterworfen. Alles was man dieses Jahr an der Börse brauchte, war zu wissen, wie wenige Einzelpersonen in den Notenbanken, den Staaten und der Grossfinanz die Entscheidungen treffen. Das ist kein freier Markt mehr, in dem sich Preise aus Angebot und Nachfrage bilden, so wie es sein sollte und volkswirtschaftlich sinnvoll wäre. Das ist für mich ein autoritärer Korporatismus, der den freien Markt verbiegt.

Und würde man die Prinzipien des Kartellrechtes auf diese Marktstrukturen anwenden, wäre völlig klar, dass diese Institutionen der Grossfinanz alle miteinander zerschlagen werden müssten. "Too big to fail" ist genau das, was Kartellrecht gerade zu verhindern sucht. Und schon Generationen vor uns haben erkannt, warum es wichtig ist zu verhindern, das kleine Gruppen Macht über ganze Märkte gewinnen.

Im Finanzmarkt scheint diese Erkenntnis vergessen zu sein. Und die, die es ändern könnten, ziehen sich in den USA wie Kinder im Sandkasten an den Haaren und beschäftigen sich in Deutschland mit Orchideenthemen, nicht aber mit dem, was für unser Zusammenleben wirklich von grundlegender Bedeutung ist.

Und so haben wir keine Wahl. Geld auf dem Konto können wir nicht haben, da wird es durch die finanzielle Repression von alleine vernichtet. Nur Immobilien geht auch nicht, zumal die auch dem Zugriff der obigen Kräfte unterliegen und eine Wette auf dauerhafte gesellschaftliche Stabilität sind, was keineswegs so sicher ist, wie es scheint. Also muss das Geld in die Anleihen und Aktienmärkte. Und dort muss es sich mit diesen Kindern im Sandkasten auseinander setzen.

Schnallen wir uns also an und machen uns für eine wilde Woche bereit. Prognosen gibt es nicht, einen Flugplan auch nicht. Wir fliegen auf Sicht durch die Nebelbänke und hoffen sehr, nicht plötzlich in einen Berg zu rasen.

Wenn Sie täglich an diesem Flug durch die Nebelbänke teil haben wollen und wenigsten von den Steuerkünsten der Mr-Market Community profitieren wollen, dann stossen Sie zur Community dazu ! Denn gemeinsam sieht man mehr.

Ihr Hari

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Haris Märkte am Abend – 16.01.12 – Im Westen nichts Neues

Heute schon etwas früher, weil die US Börsen wegen des „Martin Luther King Day“ geschlossen sind.

Es gibt aber auch gegenüber der letzten Freitag hier in "Haris Märkte am Abend" geäusserten Sicht wenig Neues hinzu zu fügen.

Wie erwartet war es richtig, sich von den schlechten Schlagzeilen nicht anstecken zu lassen, der positive Grundton des Marktes ist weiter intakt. Das sich der europäische Aktienmarkt von den immer gleichen Schlagzeilen um den vermeintlichen Untergang des Euros nicht hat anstecken lassen, kann man durchaus als Stärke werten.

Und wer sich fragt was im DAX passiert, wenn "Big Money" von der Wallstreet mal nicht am Spiel teilnimmt, konnte das Ergebnis heute wieder bewundern: bis kurz vor 16 Uhr genau Nichts, bei sehr geringem Handelsvolumen. Denn nachdem sich der DAX am Vormittag bei ca. 6160 eingeschwungen hatte, ist bis in den Nachmittag gar nichts mehr passiert. Erst als Berichte über eine aggressivere Kaufstrategie der EZB in Folge der erfolgreichen französischen Anleihenauktion die Runde machten, kam Bewegung in den Markt und ein Freudenhüpfer bis über 6200. Gegen Handelsende wurde dann noch einmal gekauft, offensichtlich wollten einige Marktteilnehmer noch unbedingt in den Markt hinein, was ein gutes Zeichen ist.

Ich gehe wie letzten Freitag weiter davon aus, dass die Märkte ab Morgen bis Ende der Woche sehr volatil werden, rechne aber in dieser kurzen Handelswoche weder mit einem massiven Absturz, noch mit einem signifikanten Ausbruch nach oben. Denn einerseits beginnt sich dieser Markt zunehmend wie ein Bullenmarkt zu verhalten und wie das S&P Downgrade von Frankreich heute weggesteckt wurde ist schon bemerkenswert und erinnert an bessere Zeiten. Andererseits sind wir nun technisch überkauft und kommen nun in saisonal schwierige Wochen.

Kontrollierte, vorsichtige Offensive scheint mir persönlich also für die nächsten Tage und Wochen die richtige Strategie für Anleger zu sein. Kurzfristige Kaufgelegenheiten bei Rücksetzern kann man in meinen Augen zum Kauf nutzen, sollte aber jederzeit bereit sein auch wieder auszusteigen, wenn sich der Trade nicht so realisiert wie erwartet. Mittelfristig macht das Jahr aber bisher einen guten Eindruck und da es oft richtig war in den Markt einzusteigen, wenn die Rezession dann endlich offiziell war, hat 2012 das Potential ein gutes Börsenjahr zu werden, auch wenn im ersten Halbjahr sicher noch der eine oder andere Einschlag auf uns wartet.

Bei Einzelaktien auffällig war heute die Schwäche bei Heidelberg Cement (WKN 604700) , die durch negative Quartalszahlen des schweizerischen Mitbewerbers Holcim belastet wurden, obwohl Heidelberg Cement andere Schwerpunkte in den Absatzmärkten und seine Ziele für dieses Jahr bekräftig hat. Auf dem Niveau von 33-35€ ist die Aktie in meinen Augen aktuell fair bewertet und ich habe daher eine neutrale Sicht auf die Aktie. Sehr kurzfristig neige ich aber zum Abwarten, weil auch die bilanziellen Risiken gerade wieder vom Markt gespielt werden. Sollte Heidelberg Cement noch einmal unter 30 € rutschen, werde ich aber wohl wieder zugreifen. Denn mittelfristig hat die Aktie in meinen Augen jede Menge Potential über 40€ hinaus.

Auffällig ist heute auch - wie schon seit Tagen - die Stärke von Daimler (WKN 710000) , die in der Vergangenheit viel schlechter als VW, BMW und Co. gelaufen sind. Hier scheint gerade ein "Knoten" geplatzt zu sein, wobei heute auch gute Nachrichten zum China Absatz und eine Hochstufung von Goldman Sachs geholfen haben. Ich bin bei Daimler investiert und lasse zunächst die Gewinne laufen.

Gold befindet sich in Wartestellung um die 1640 USD und will weder signifikant nach unten, noch signifikant nach oben. Ich neige kurzfristig weiter zur Vorsicht und kann mir eine volatile Seitwärtsbewegung gut vorstellen. Ich bleibe aber bei bestimmten Gold-Minen-Titeln mit einem Fuss investiert, weil erstens die Reise jederzeit nach oben losgehen kann, zweitens das Downside doch begrenzt ist und drittens die Titel gegenüber dem Goldpreis eine Menge aufzuholen haben.

Morgen, wenn die US Börsen aus dem langen Wochenende kommen, wird es auf jeden Fall sicher wieder spannender als Heute. Geniessen Sie also einen ruhigen Abend und tanken Sie Kraft für Morgen !