Beständiger Wandel

Am Montag vor fast 2 Wochen, am 09.11.20, hat der Markt etwas getan, was er sonst äusserst selten tut, denn es heisst völlig zurecht "zum Einstieg wird nicht geklingelt".

Aber keine Regel ohne bestätigende Ausnahme und diese Ausnahme war wohl am 09.11. und kam mit der Nachricht von der Covid-Impfung von Biontech (BNTX) / Pfizer (PFE), der ja bald danach auch die Erfolgs-Nachricht von Moderna (MRNA) folgte. Was in Summe sehr wahrscheinlich macht, dass wir im Laufe des Jahres 2021 eine Impfung haben und Covid dann im Laufe des Jahres langsam und stetig weniger wichtig für die Unternehmen wird.

Gleich an diesem Montag 09.11. habe ich die grundlegende Bedeutung erkannt und die Community deutlich darauf hingewiesen, dass dieser Tag wahrscheinlich aus Sicht der Börse den "Anfang vom Ende von Covid" bedeutet. Und dass nun endlich die Zeit gekommen ist, auch wieder einen Blick auf die schwer von der Pandemie getroffenen Sektoren wie Öl, Reise, Vergnügungsparks, Luftfahrt etc zu werfen.

Dass wir da gleich am ersten Tag so sicher waren liegt am Verständnis, wodurch Kurse bewegt werden. Wie ich hier vielfach erklärt haben, werden Kurse eben durch -> Erwartungen <- bewegt, die sich in die Zukunft richten und dabei einen Zeitraum von ca. 6 - 12 Monaten, also bis zu ca. einem Jahr im engen Fokus haben.

Die Kurse von heute zeigen also, was der Markt von einer Aktie in ca. 6-12 Monaten erwartet, nicht was die Realität des Unternehmens heute in der Gegenwart ist. Dieser Unterschied ist zentral und wer den nicht versteht, wird auch nie die Bewegungen des Markes verstehen können.

Natürlich steht den Unternehmen nun objektiv ein anstrengender Covid-Winter bevor und die oben genannten Sektoren werden in den kommenden Monaten weiter schwer getroffen sein. Mit den Kursen bepreist der Markt aber, was er nächsten Sommer/Herbst 2021 erwartet und da hat die berechtigte Aussicht auf Impfungen natürlich einen ganz wesentlichen Effekt.

Seit diesem 09.11. hat eine erneute Sektoren-Rotation an den Märkten stattgefunden, die weit gelaufenen Covid-Gewinner im NASDAQ sind in Korrektur-Bewegungen gewechselt, Sektoren und Aktien dagegen, die schwer unter Covid leiden, sind zum Leben erwacht.

Schauen sie nur als Beispiel mal auf Hexcel (HXL), einen Spezialisten für Verbundwerkstoffe (Composite-Material) im Flugzeugbau, wie die Aktie nun zu fliegen begonnen hat. Das Unternehmen ist natürlich stark von Boeing (BA) und Airbus (AIR) abhängig und natürlich hat sich aktuell in diesen Wochen in den Auftragsbüchern rein gar nichts an der Baisse geändert.

Die Aussicht aber auf ein Ende der Pandemie, der Blick auf 2021 lässt die Kurse schon heute massiv steigen. It´s the expectation stupid!

Umgedreht sieht die Geschichte aber bei den Impfaktien aus, wer glaubt die Nachricht dass die Impfungen kommen, sei nun der Katalysator für weitere Gewinne, hat auch den Mechanismus des Marktes nicht verstanden.

Die Erwartungen waren schon in den Kursen, jetzt wird sich der Fokus darauf richten, dass wahrscheinlich nur die ersten 2-3 Anbíeter im Rennen das große Geld machen können und alle anderen zu großen Teilen auf den Investitionen sitzenbleiben.

Schauen sie im Weekly wie Biontech (BNTX) und Moderna (MRNA) auf die Nachricht reagiert haben und wann die Aktien gestiegen sind - im Vorfeld! Das Thema ist überwiegend "gegessen", "it´s the expectation stupid!

Diese Erkenntnis, dass eine Impfung in 2021 kommt, hat aber natürlich Auswirkungen auf den ganzen Markt. Und deswegen ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, ab dem man die zurückgebliebenen Sektoren auch wieder eines Blickes würdigen darf - nicht im April diesen Jahres.

Wer sich im Frühjahr Öl-Aktien wie Shell ins Depot gelegt hat, weil diese ja "so billig" seien, hat sich nur nervige Verluste ins Depot geholt, während mit den "stay at home" Tech-Aktien absehbar viele Verdoppler möglich waren.

Ob Öl-Aktien noch ein langfristiges Investment sind, ist äusserst fraglich - ich halte solche Aktien seit vielen Jahren nicht mehr als Investment - aber zumindest als Trade ist jetzt mit der erneuten Rotation die Zeit gekommen auch mal wieder in die zurück gebliebenen Sektoren zu schauen - aber eben nicht im letzten Frühjahr.

Damit will ich auch hier im freien Bereich schon wieder schliessen. Die Kunst für mittel- und langfristige Anleger ist jetzt, von einer reinen Fokussierung auf die Covid-Gewinner wegzukommen und eine balanciertere Aufstellung zu finden.

Viele der Techaktien werden fraglos weiter zu den langfristigen Gewinnern gehören, weil die dahinterliegenden Trends zwar von Covid beschleunigt wurden, aber viel grundlegender sind. Und nicht jeder der verprügelten Sektoren wird schnell wieder zu alten Tagen zurückkehren, weil Covid auch Dinge dauerhaft verändern wird - so zum Beispiel den Anstieg von verteilter Heimarbeit und von Videokonferenzen.

Niemand sollte nun also seine Depots 180 Grad auf den Kopf stellen, wer Wachstum und dauerhaft steigende Kurse im Depot will, muss weiter vor allem auf den NASDAQ schauen.

Aber nicht jeder Covid-Gewinner wird seine Gewinne in die Zeit danach retten können, die Hersteller von Masken sollten dafür ein sehr einfaches Beispiel sein. Wer jetzt also den erneuten Wandel, die erneute Rotation der Märkte nicht sehen kann und will, wird den gleichen Fehler wie im Frühjahr erneut machen.

Beständig ist am Markt eben nur der Wandel und es sind und bleiben die Erwartungen, die Kurse bestimmen! Die Gegenwart ist dagegen "kalter Kaffee". 😉

Ihr Michael Schulte (Hari)

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Der neue, alte Markt – alles wie immer?

Der Markt hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt und ist doch der alte geblieben. Diesen Umstand und was das für Anleger bedeutet, will ich heute auch im freien Bereich kurz anreissen.

Gewandelt hat sich der Markt aufgrund zweier, grundlegender Entwicklungen, die in den letzten Jahren vermehrt Fahrt aufgenommen haben. Einerseits dem Aufstieg passiver Investmentvehikel wie der ETFs, andererseits dem Aufstieg des algorithmischen Handels.

Was die passiven Investmentvehikel angeht, ist deren Logik ja einfach und bestechend. Sie wollen die Bewegungen des Marktes - wie ein Beobachter an der Seitenlinie - aufnehmen und abbilden, wollen selber aber eigentlich gar keinen Einfluss nehmen.

In der idealen Welt steigt oder fällt also eine Aktie wie Apple aufgrund fundamentaler oder markttechnischer Gründe, der dazugehörige ETF, bildet das einfach passiv ab, wie ein guter, neutraler Dokumentator.

Leider funktioniert diese Theorie im reflexiven Markt nur solange, wie die Menge der passiven Investmentvehikel sehr klein und unbedeutend ist. Wir haben es hier also mit einer weiteren Variante des Beobachterproblems zu tun und sobald die ETFs selber zum Marktfaktor werden - was sie mittlerweile sind - beeinflussen sie auch direkt das Beobachtungsobjekt, die einzelnen Aktien nämlich.

Und das funktioniert so. Stellen Sie sich einen ETF auf Technologieaktien vor, den viele im Depot haben. Nun beginnt der Markt eine Baisse wie letzten Herbst und Anleger, die ihre Depots schützen wollen, verkaufen ihre Technologie-ETFs.

In diesem ETF enthalten, ist aber eine Aktie, die gerade eine neue Innovation höchst erfolgreich auf den Markt bringt und damit sensationelle Gewinne schreibt, die niemand erwartet hat. Individuelle Stockpicker kaufen diese Aktie auch massiv hoch und genau in dieser Phase beginnt der Markt zu fallen und Anleger stossen ihre ETFs ab.

Und was passiert? Wenn die ETFs nur eine Minderheit des Handelsvolumens der Aktie ausmachen, wird die Aktie weiter steigen, aber weniger steigen. Wenn aber die ETFs das Handelsvolumen der Aktie dominieren, wird die Aktie auch fallen, obwohl sie eigentlich von Stockpickern hochgekauft wird!

Je mehr ETFs also das Handelsvolumen einzelner Aktien dominieren, desto mehr steigen oder fallen alle enthaltenen Aktien unisono - ob die Aktien individuell gut oder schlecht dastehen, hat immer weniger Relevanz.

Genau das beobachten wir zunehmend und letztlich macht das den Markt ineffizienter bei der Preisfindung. Nun aber zum zweiten Faktor, dem algorithmischen Handel.

Das was man heutzutage "Algos" nennt, hat mit künstlicher Intelligenz noch herzlich wenig zu tun. Es sind einfach Methoden und Techniken, die bisher von Menschen gehandelt wurden und nun automatisch von Maschinen abgewickelt werden. Trendfolge ist ein sehr einfaches Beispiel, es gibt aber auch viele andere, komplexere Techniken.

Dadurch dass nun Maschinen das Gleiche im Markt machen wie Menschen, ändert sich erst einmal nichts, an einer wichtigen Stelle aber doch.

Denn Menschen würden Dinge in Frage stellen und auch versuchen proaktiv Bewegungen zu antizipieren. Menschen sind aber auch weniger diszipliniert und gnadenlos, als es Maschinen sein können.

Wenn also eine Sache fünfmal geklappt hat, hätte ein Mensch zunehmend Skepsis, ob es auch zum sechsten Mal funktionieren wird. Eine Maschine hat dieses Skepsis aber nicht, die machen störrisch immer weiter bei dem was Erfolg bringt, so lange, bis es eben nicht mehr funktioniert.

Auch die zunehmende Dominanz der Algorithmen im Markt, hat also einen ähnlichen Effekt wie den der ETFs. Es macht den Markt uniformer und macht in "störrischer", heisst die Flut hebt alle Boote, die Ebbe senkt alle Boote und eine Bewegung die Erfolg hat, läuft viel länger als Menschen sich vorstellen können.

Der Markt ist also ganz der Alte geblieben, aber die Bewegung laufen länger, uniformer und störrischer als in der Vergangenheit, einer Vergangenheit in der Menschen primär einzelne Aktien gehandelt haben.

Und das können wir auch wunderbar an den Entwicklungen der letzten Jahre festmachen. 2017 war ein ungemein störrisches Jahr, in dem der Markt jedwede negative Nachricht einfach ignoriert hat und gegen alle Logik ohne Pause hochgelaufen ist - Buy the f***ing Dip (BTFD)!

Im Herbst diesen Jahres, ist der Markt dann in eine Abwärtsbewegung gewechselt, die im Dezember in einen gnadenlosen Aberverkauf wechselte, so als ob es kein Morgen mehr geben würde - Sell the f***ing Rip (STFR)!

Und nun seit dem 26.12.18, ist der Markt wieder in einer ebenso gnadenlosen BTFD Bewegung, so als ob es nie wieder finstere Nacht geben würde:

Merken wir uns diesen Mechanismus also und passen uns an. Die Effekt ist nicht negativ für uns Menschen, sondern positiv.

Denn wenn einmal eingeschlagene Bewegungen oder Logiken länger als bisher stabil bleiben, gibt es noch weniger Grund als schon vorher, herumzuraten und Tops oder Bottoms im Vorfeld erkennen zu wollen.

Dieses Herumraten ist sowieso Unfug und in diesem veränderten Markt erst recht. Viel profitabler ist es, eine grundlegende Richtungs- oder Logikänderung abzuwarten und dann erst auf diese aufzusatteln, denn diese dauert im aktuellen Markt länger als früher und läuft uniformer in die gleiche Richtung, als wir uns vorstellen können.

Machen wir nur einen Fehler nicht, übersetzen wir dieses störrische Verhalten nicht automatisch in so gleichförmige Bewegungen, wie wir sie aktuell haben. Wenn es Erfolg verspricht, nach einem positiven Tag immer auf einen negativen Tag zu setzen und umgedreht, werden auch diesen Mechnismus Algorithmen erkennen und ausnutzen, so lange, bis es nicht mehr funktioniert. Dann bekommen wir eine Schaukelbörse ohne Richtung, aus Sicht der Algorithmen ist aber auch das eine einheitliche Bewegung.

Dass Märkte sich wandeln, ist nichts Neues und nicht Schlimmes. Der Markt des Jahres 1970 war auch nicht vollständig mit dem des Jahres 1930 zu vergleichen. Die Essenz bleibt, die Details ändern sich, das ist der Lauf der Welt und sollte uns nicht schrecken.

Passen wir uns dem Wandel an und bekämpfen ihn nicht, das ist die Fähigkeit erfolgreicher Anleger.

Ihr Michael Schulte (Hari)

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