Von der Informationsverfälschung

 

Es ist wie auf der Titanic. Das Orchester spielt weiter. Mag der Ozeandampfer auch auf einen Eisberg gelaufen sein, der ihm den Rumpf aufgerissen hat, mag der Riese sich im Überlebenskampf stahlächzend aufbäumen: Die Musik spielt weiter.

So auch hier. Es gibt neben Corona und Krise noch anderes; es gibt Muster, sie sind sozusagen die Privatmusik eines nerdigen Börsianers in titanischen Zeiten.*

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Seit dem Beginn meiner Kolumnen bringe ich jeweils als letzten Absatz und zum Abschluss: ein Foto von Reichsmarkgeldscheinen aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Der Einfachheit halber setze ich hier alle Fotos noch einmal untereinander.

 

 

 

 

 

 

 

Ich schrieb gerade: „der Einfachheit halber”. — Das ist von mir etwas verkürzt formuliert ...

Ich habe durch die Auflistung der Fotos dem Leser Klickarbeit gespart; er hätte sich sonst quer durch Mister-Market und die Kolumnen klicken müssen, falls er sich die Fotos von den Geldscheinen selbst hätte zusammen suchen wollen. Durch meinen Service, die Geldscheine untereinander zu präsentieren, habe ich dem Leser die Wahrnehmung der Fotos einfach gemacht. Gleichzeitig ist der Fotobeschauer von der Menge der Bilder überwältigt: Letztlich sind die Bilder kompakt geschichtete Informationen. Die Reaktion des modernen Lesers: Er scrollt darüber hinweg ... Ihm fällt kaum auf, dass kleine Informationsstückchen weggefallen sind, die in den Originalbeiträgen vorhanden waren. Nämlich die Bildunterschriften, die in den ursprünglichen Kolumnenveröffentlichungen enthalten waren, und die zumindest andeuteten, wann welche Scheine nach dem Krieg in Verkehr gebracht wurden. — Nun ist einerseits ein Zuviel an Informationen da - so viele Bilder! - und andererseits ein Zuwenig. Der schnelle Betrachter (alle sind wir in Eile und wollen Zeit sparen und huschen über die Webseiten hinweg), der im Zeitsparmodus ist und Abkürzungen sucht, siehe -> Musterbruch <-, der schnelle Betrachter ahnt nicht mal, dass ihm gerade Informationen entgehen. Man könnte das als einen Informationsmangel oder eine Informationsverfälschung aufgrund von Informationsüberfluss bezeichnen. Wir sehen Fotos, wir sehen alte Geldscheine: Wir sind überschwemmt mit Informationen und sehen das Muster darin nicht.

Bitte, welches Muster sollen wir überhaupt sehen? Um ein Muster zu sehen, müsste ich wissen, wonach ich suchen soll? — Das ist knapp gedacht. Als Börsenteilnehmer, der Charts benutzt, um sich gegenüber anderen einen Vorteil zu verschaffen, ist es meine Aufgabe, selbstständig das Muster zu finden. Im Reichsmarkgeldscheinbeispiel ist man nicht chancenlos, das für einen Börsianer relevante Muster in dem Informationssammelsurium aus Grafik, Fraktur, Zeitkolorit zu entdecken. In den Bildunterschriften der Originalbeiträge wurde notiert, wann die Geldscheine erschienen sind. Teilweise kann der aufmerksame Betrachter die Daten auch klein auf den Scheinen entdecken. Setzt man die Datumsangaben mit den aufgedruckten Notenwerten auf den Scheinen in Beziehung, lassen sich die Fotos, die Scheine in eine Abfolge bringen.

Lässt man das authentische Flair, die Scheine, die Fotos weg, extrahiert das, was man sucht und bringt es auf eine neue Ebene und in eine andere Form, zum Beispiel in eine Tabelle, wird das Muster offensichtlicher, kann so aussehen:

 

Eine Seite aus dem Jedermann-Lexikon in 10 Bänden aus dem Jahr 1929. Ich zeichne den Chart nicht auf, den man sich aus den Brotpreisen oder anderen Preisen, die dort aufgelistet sind, konstruieren kann. Diese Charts lassen sich leicht vorstellen und ihre Muster ähneln sich. Von links unten geht die Chartlinie in ihnen nach rechts oben, "exponentiell", um einen Begriff zu verwenden, der auch in der Corona-Krise verwendet wird. Die in solchen Charts gezeichneten Kurven zeigen eine charakteristische Form, nähern sich auf ihrer rechten Seite der Senkrechten an, was offensichtlich eine radikale Reaktion erfordert. — So passierte es auch im Herbst 1923, es kam die Währungsreform und die Rentenmark. Das Muster wies den Weg. Im Nachhinein scheint das trivial zu sein und man denkt, war doch logisch, die Rentenmark musste kommen, bei einer derartigen Inflation. Trivial, also einfach, ist es aber nur in der Rückschau. Wenn man drin steckt im Mustergeschehen, dann muss man das Muster überhaupt erstmal erkennen, um es nutzen zu können.

Ich versuche, das Problem an einem Bild zu zeigen, welches bei Ihnen den Reflex auslösen wird: „Hä, was soll das denn jetzt?!” — Hier ist das Bild:

 

Was sehen Sie auf diesem Bild 1 … ich warte einige Sekunden, Sie schauen es sich an, und bitte schauen Sie nicht schon auf das nächste Bild. Nein, bitte nicht schon auf das nächste Bild schauen, bitte … aber natürlich haben Sie es getan 🙂 Sie sind in Eile und dort, auf Bild 2, ist die Auflösung:

 

Es kommt auf die zwölf Punkte an, die auf Bild 1 ebenfalls vorhanden, aber schwer wahrzunehmen sind. Das Spannende ist nun, dass wir die Punkte auf Bild 1 nur schwer erkennen können und: Obwohl wir schnell auch zu Bild 2 schauen, welches die Lösung bringt, die zwölf Punkte auf Bild 1 immer noch nur unter Schwierigkeiten in ihrer Gesamtheit sehen können. Wir das Muster also nur schwierig, fast gar nicht, wahrnehmen können.

Bei dem Punkte-und-Linienbildbeispiel verhält es sich zunächst ähnlich wie bei den Geldscheinfotos: Es gibt ein zu viel an Informationen, sie begraben das relevante Muster. Etwas Neues kommt jedoch hinzu. Selbst wenn wir wissen, wonach wir suchen, selbst wenn wir das Muster kennen, fällt es uns schwer, die für das Muster relevanten Informationen aus Bild 1 herauszufiltern. Wir brauchen einen Mechanismus, der uns hilft, unsere Wahrnehmungsschwäche auszugleichen. Bei den Geldscheinen ist es eine abstrahierende Tabelle und ein daraus abgeleiteter Chart, bei den Punkten im zweiten Beispiel ist es eine Tonwertabschwächung der Linien.

Bringt man den Gedankengang auf die nächste Abstraktionsstufe, so bedeutet das, dass ein weniger an Informationen eine bessere Grundlage für (Investitions-)Entscheidungen sein kann. Das klingt so schön paradox und steil, dass ich hier einen Punkt mache. Zunächst 🙂

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*) Die Titanic ging unter. Der Aktienmarkt wird natürlich nicht untergehen. Es ist nur ein Vergleich.

Musterbruch

 

Das ist der Tageschart der Varta-Aktie bis zum 7. Januar:

 

Das ist der Chart einen Tag später:

 

Autsch! Das war meine erste Reaktion, nachzulesen -> hier <-. Dann staunte ich. Über mich. Es brach keine Panik aus. Ich lief nicht herum wie ein aufgescheuchtes Huhn. Das kannte ich anders von mir.

Stattdessen griff eine vorbedachte Routine. Das Muster, welches ich im vorigen Beitrag beschrieben habe, war gebrochen, zwangsläufig erfolgte ein kräftiger Teilverkauf. — Die Tage darauf brachten das hier:

 

Erst eine auffällig schwache Gegenbewegung, Resteverkauf, und dann ging es abermals abwärts, der Musterbruch wurde bestätigt. Die Frage war nur, ob ich mir eine Gedächtnisposition gönnen sollte oder ob Varta sich mir auch so ins Gedächtnis eingegraben hatte.

Nicht nur bin ich bei dem Kurseinbruch ruhiger geblieben als bei früheren Einbrüchen, auch der irrationale Phänomen, dass man sich über Verluste stärker ärgert, als man sich über zuvor gemachte größere Gewinne freut, hatte sich abgeschwächt. Rational registriere ich den Gewinn durch die Musterherangehensweise. Da scheint sich ein funktionierendes Verfahren herauszubilden:

  1. Ich habe ein Muster erkannt, mir also aus meiner Perspektive heraus einen Vorteil gegenüber anderen Marktteilnehmern erarbeitet.
  2. Ich habe entsprechend des Musters gehandelt, also an mich selbst geglaubt.
  3. Nach dem Bruch des Musters habe ich mich nach vorbereitetem Schema aus dem Engagement zurückgezogen.
  4. Erfolgskontrolle durch Beantworten der Fragen: Waren meine Annahme korrekt, und habe ich sie umgesetzt?

Varta ist ein junger Wert und kein Kandidat fürs ruhige Depot, er könnte es aber werden, wenn man bedenkt, dass ein Haushaltsbatterienhersteller mit guter Vertriebsmannschaft ein ruhiges und auskömmliches Geschäft haben sollte; für Kursfantasien und die dazugehörige "Story", welche Anleger mögen, sorgt das Outing von Varta als Zulieferer für Apple. Außerdem steht das Thema "Batterie" voraussichtlich in den nächsten Jahren fast schon synonym für Zukunftstechnik; in welche Geräte und Fahrzeuge man Batterien einbauen könnte ...

Mit den letzten Sätzen bin ich auf eine andere Ebene gewechselt. - Die Entscheidung über Ein- und Ausstiege habe ich über Muster gefällt. Dort sehe ich den Vorteil. Die Nachrichten drumherum, häufig den Kursen nachgereicht, sind eine andere Ebene, sie können als Verzierung, Unterhaltung, Snackware betrachtet werden. Es ist schön und unterhaltsam und kann helfen, eine Einordnung zu bekommen, warum möglicherweise ein Kursverlauf in bestimmter Weise passiert ist. Obwohl niemals zu klären sein wird, ob die Nachricht den Kursverlauf verursacht hat oder ob es umgekehrt war. Oder ob gar kein Zusammenhang bestand, und wir ihn uns konstruieren, weil wir ihn brauchen, weil wir "verstehen" wollen.

Sehen Sie das weiße Dreieck? - Natürlich sehen Sie es.

Obwohl es nicht da ist. Vorhanden sind lediglich drei Vierecke, die unterschiedliche geometrische Einschnitte aufweisen, die schwierig zu beschreiben sind. Das Gehirn konstruiert uns den Zusammenhang dazu. Wir sehen etwas, was nicht da ist.

Das Dreieck: Einerseits ist es eine Art Muster, und wenn wir es als (Chart-)Muster erkennen, bedeutet das einen Vorteil für uns. Während andere Betrachter (Marktteilnehmer) womöglich noch drei Vierecke sehen, haben wir das Muster entdeckt und können entsprechend handeln.

Andererseits entsteht hier auch eine Gefahr. Je besser die Mustererkennung funktioniert, je schneller das „Bemustern” gelingt, umso mehr arbeitet die Wahrnehmung mit Abkürzungen. Abkürzung bedeutet: Das Gehirn macht es sich leicht.

Vielleicht haben Sie gerade beim Lesen nicht protestiert, als ich von drei Vierecken sprach. Die Dinger haben viel mehr Ecken und lediglich das vierte "Viereck" hat wirklich vier ausgebildete Ecken, aber auch eine zusätzliche Einbuchtung. Ich sprach aber vorhin nur von drei Vierecken. Das vierte, das einzige mit echten vier Außenecken, beachtet man kaum. So stolz ist man auf das gefundene, virtuelle Dreieck, das „Muster”, dass man die restlichen Widersprüche ausblendet.

Das vierte Viereck kann den Ausbruch aus dem Muster bedeuten, im Varta-Beispiel den Kursabsturz. Er kann auch etwas anderes anzeigen.

Wir lieben Vereinfachungen und vermeiden anstrengendes Denken, wo es eben geht. Dadurch können wir schnelle Entscheidungen fällen, die Tendenz zur Denkvereinfachung birgt jedoch die Gefahr, relevante Dinge, die außerhalb der Vereinfachung liegen, nicht wahrzunehmen, obwohl sie da sind. Zum Beispiel konnte man in den letzten drei Tagen vor dem Absturz von Varta ein leicht ansteigends Verkaufsvolumen im Chart sehen. Mir fiel das erst im Nachhinein auf. Mustererkennung steht hier gegen Zeitaufwand. Es ist einfach, ein einmal gefundenes Muster für valide zu erklären und es kostet Zeit, außerhalb des Musters das "vierte Viereck unten rechts in der Ecke" zu finden. - Vielleicht ist das sogar unmöglich. Wichtig dürfte sein, sich seiner möglichen Existenz bewusst zu bleiben.

Der Rest zu Varta ist schnell erzählt.

Ein neues Muster hat sich etabliert und zum Einstieg ruft es nicht.

 

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Aus der Familienschatztruhe. 1923, im Herbst: 260 Exemplare vom mittleren Schein sind nötig, um einen Laib Brot zu kaufen.


 

Batterieelektrische Gewinne und ein Kurzschluss

 

An der Aldi-Kasse hatte ich eine Idee. Wo und wann einen Ideen ereilen — es ist erstaunlich.

In der Quengelzone griff ich nach einer Packung Batterien. Ob das plastikverschweißte Viererpack Varta-Batterien enthielt. Oder ob es eine billige Handelsmarke war, das weiß ich nicht mehr. In dem Moment jedenfalls kam mir der Gedanke, dass Varta eine irre Gewinnspanne haben muss. Da Varta-Batterien - also die haushaltsüblichen Batterien für Fernbedienungen, Taschenlampen und ähnliches - gefühlt doppelt so teuer sind wie Batterien konkurrierender Firmen. Außerdem hängen Varta-Batterienblister einem zuverlässig dort vor der Nase, wo man in Eile und im Kaufmodus ist. Vertrieb können sie, die Vartarianer, und das ist schon die halbe Miete.

Noch am selben Tag schaute ich mir den Chart der Varta-Aktie an. Was ich sah gefiel, und ich kaufte.

Es war der Beginn einer Erfolgsstory. Die auf falschen Annahmen fußte, wie ich später merkte. Aber das machte nichts. Im Gegenteil, ich lernte daraus. Ich lerne immer noch.

Zuerst dachte ich wie gesagt, Varta produziere Batterien. Das stimmte auch, aber bald erfuhr ich, dass die Aktiengesellschaft, in die ich mich eingekauft hatte, Batterien für Hörgeräte produzierte, nicht aber die bekannten Varta-Batterien, die in Baumärkten und Discountern im Kassenbereich hängen. Ups, ich saß bereits auf schönen Gewinnen und die kamen durch Hörgerätebatterien? Konnte ich mir kaum vorstellen, aber was zählte, war der Chart und der sah weiterhin gut aus. Peinlich auch, wie schlecht ich recherchiert hatte. Ich war davon ausgegangen, wo mir stolz, groß und ohne Schnörkel der Markenname VARTA auf einer Verpackung entgegenschreit, wäre auch Varta drin. Ist es auch, nur haben (hatten) diese Varta-Batterien, die wir alle kennen, wenig zu tun mit den Batterien der Varta-Aktiengesellschaft. Auch Schlussfolgerungen, an welche man felsenfest glaubt, weil sie so offensichtlich scheinen, können falsch sein.

(Beiseite gesprochen: Heute ahne ich, dass "mangelnde Recherche" ein irreleitendes, weil abwertendes Etikett ist, welches einem Mechanismus aufgeklebt wird, der über den Börsenerfolg mit entscheidet; dazu später mehr.)

Einige Wochen danach drehte der Varta-Kurs südwärts. Als Grund wurde herumgereicht, dass die Aktiengesellschaft Varta die Batteriesparte zurückkaufe, wegen welcher ich mich bei Varta ursprünglich engagiert hatte. — Eine Aktiengesellschaft verleibt sich die Produktsparte ein, wegen welcher ich mir ihre Aktien ursprünglich ins Depot gelegt habe, und der Markt urteilt, dass sei eine schlechte Idee. Oh je, da war nicht nur meine Grundannahme falsch gewesen, meine Schlussfolgerungen waren es noch dazu. Hörgerätebatterien sind top, Haushaltsbatterien sind flop. So urteilte gerade der Markt.

Er sollte sich irren, beziehungsweise da er sich nie irrt: Er kam sehr bald wieder zu einer anderen Sichtweise. — Aber ich greife vor.

Zwei Dinge hat mich das Varta-Engagement bis hierher gelehrt.

  • Annahmen, ob vorschnelle oder mühsam recherchierte, ob richtige oder falsche, ob von mir oder von Experten: Sie garantieren keine zukünftige Firmenentwicklung.
  • Letztlich zählt nur "auf'm Platz", also die Kurse im Markt.

Es sollte noch eine dritte Erkenntnis hinzukommen. Vielleicht die wichtigste, aber bis sie sich entwickelte, brauchte es etwas Zeit und weitere Gewinne.

Denn wie gesagt, der Markt irrte. Wie kann der Markt das tun, er hat doch immer recht? Nun, so erkläre ich mir das, der Markt setzt sich zusammen aus Käufern und Verkäufern, aus zufließendem und abfließendem Kapital und aus Meinungen, die auf mehr oder weniger guten Informationen aufbauen. In diesem Fall war die Information weniger gut. Ob Hörgeräte- oder Haushaltsbatterien, beides waren Nebenschauplätze. Der Kurs wurde die ganze Zeit von etwas anderem angetrieben.

Ein Blogger knackte einen von Apples kabellosen Minikopfhörern auf und fand Varta-Batterien darin. Diese neue Information überschrieb die Informationen über Hörgeräte- oder Haushaltsbatterien. Apple elektrisierte, die Aussichten … deutsche Qualität trifft auf die amerikanische Übermarke. Der Kurs schoss hoch, erreichte einen neuen Höchststand.

Ich war dabei. Da ich beim ersten Kurshuster wegen des Rückkaufs der Haushaltsbatteriensparte nicht ausgestiegen, sondern mir „Stopp” zugerufen hatte, da ich schließlich ein ruhiges Depot führen wollte?

Nicht ganz.

Ich glaubte, ein Muster entdeckt zu haben. Das Muster hatte nichts mit nachgereichten Informationen zu tun, die angeblich Kurse erklären, nichts mit Hörgerätebatterien oder einem Blogger, der mit Entdeckereifer und Kneifzange seinen Airpods schrottete.

Das Muster hielt mich davon ab, meine komplette Position aufzulösen und damit komme ich der Antwort auf die Frage näher, die in der vorigen Kolumne -> Ein paradoxer Effekt <- aufkam, wie ich es schaffen könnte, auch bei Aktien informiert zu bleiben, die mein Depot verlassen, aber das Potential haben wiederzukehren.

Meine Lösung ist, die Position lediglich zu verringern. Dadurch bleibt die Aktie für mich relevant, und ich behalte sie weiter in Beobachtung. Bei solchem Verfahren ist für mich das Erkennen eines Musters essentiell. Wäre kein Muster da und ich hielte dennoch die Aktie, versteifte ich mich auf eine womöglich immer teurer werdende Hoffnungsposition. Das (vermeintlich) erkannte Muster ist Bedingung und mein Vorteil gegenüber dem Markt.

Natürlich kann meine Mustererkennung fehlgehen. Auch ist ein Muster nur ein Muster, das heißt, es ist nicht nur mit Varianten zu rechnen, auch Glitches, also Ausreißer sind möglich. Dann wird die Position aufgelöst.

Solange jedoch das Muster als valide beurteilt ist, bleibt der Wert - mit variierender Gewichtung - im Depot.

Bei Varta sehe ich folgendes Muster:

 

Auf heftigen Anstieg folgt Konsolidierung, dann Anstieg. Immer wieder wiederholt sich dieses Muster im Chart und es entsteht ein Kurskanal, der von links unten nach rechts oben führt. Okay, für die Beobachtung bekomme ich keinen Wirtschaftsnobelpreis. Mir reichen die Kursgewinne.

Nun geht es darum, das Muster zu spielen.

So weit mein Text bis zum 23.12.2019. - Dann blieb er liegen, Weihnachtsorganisatorisches drängte sich vor, es kam Silvester. Und dieser Einschlag bei Varta:

 

Autsch.

Offensichtlich ein Kurzschluss mit Spannungsabfall beim Batteriehersteller.

Waren alle meine schönen Gedanken zu Varta unsinnig?

 

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Aus der Familienschatztruhe. Sommer 1923: Scheine für einen Laib Brot.

 

Ein paradoxer Effekt

 
Fehlervermeidung habe ich mir auf die Fahnen geschrieben. Mein hartnäckigster Fehler ist das hektische Handeln. Das Begrenzen von Verlusten geht mir flott von der Hand. Doch aus den Augen, aus dem Sinn, ist eine Position aus dem Depot gekegelt, locken neue Okkasionen; sie bringen neue Unwägbarkeiten und Überraschungen, und das Spiel beginnt von vorn.

Rendite geht anders. Ruhe muss her.

Interessanterweise finde ich einen Hinweis zum "Weg der Ruhe" in einem Buch über Sport, ein mittlerweile altes Buch, 2012 erschienen, immerhin noch bestellbar, es heißt Scorecasting, geschrieben von einem amerikanischen Verhaltensforscher und einem Sportjournalisten, es dreht sich um Baseball. Von den 280 Seiten ist hier nur ein Abschnitt wichtig. Ich übertrage das dortige Beispiel auf die Fußballbundesliga, die uns näher ist. Es geht nicht um den konkreten Fall, sondern die Struktur.

Die letzten vier Wochen der Liga brechen an. Manche Mannschaften haben in der Saison einen Lauf gehabt und stehen in der Tabelle oben, andere schwächeln, wurden nach unten durchgereicht. Nun soll ich eine Vorhersage zu einem zufällig ausgesuchten Spiel des nächsten Spieltages machen. Welche der beiden gegeneinander antretenden Mannschaften wird das Duell mit Wahrscheinlichkeit gewinnen? Um zu einer begründeten Prognose zu kommen, nutzen Sportreporter gern "den Lauf", also das Momentum, welches eine Mannschaft gerade hat.

  1. Gewinner wird am nächsten Spieltag die Mannschaft, welche am Spieltag zuvor in sagenhafter Form gespielt und gewonnen hat.
  2. Gewinner wird am nächsten Spieltag die Mannschaft, welche die letzten drei Spieltage hintereinander unentschieden gespielt oder gewonnen hat.
  3. Gewinner wird am nächsten Spieltag die Mannschaft, welche im Durchschnitt der gesamten Saison am häufigsten gewonnen hat.
  4. Gewinner wird die Mannschaft, welche zweimal in den letzten drei Jahren Meister geworden ist.

Für welche Variante entscheide ich mich?

Die meisten Menschen, so heißt es im Buch, entscheiden sich für Variante 1, das Momentum zählt, die augenblickliche Form, das getankte Selbstbewusstsein. Die anderen Varianten sortieren sich in der absteigenden Folge ein, wie sie aufgeführt sind.

Nach Auswertung der Statistiken der amerikanischen Baseball- und europäischen Football-Ligen sei die Vorhersagekraft der Aufzählung aber genau umgedreht, sagen die Autoren. Das heißt Variante 4 hat die höchste Vorhersagekraft, Variante 1 die geringste.

Ende des Buchreferats. — Bei Variante 1 bin ich am dichtesten dran am Geschehen. Bei Variante 4 am weitesten entfernt. Bei 1 rieche ich den Schweiß und fühle den Kampf, bei 4 sehe ich das Muster. Das Muster hat die höhere Vorhersagekraft.

Zoomt man noch näher heran, fügt der Liste also eine Variante 0 hinzu, so sähe man das Bein des Spielers, den geschnürten Schuh, der nach dem Ball tritt, um einen Pass zu schlagen.

In solcher Extremvergrößerung, der Variante O, wird ein besonderer Effekt sichtbar. Ob der gepasste Ball ankommt, hängt auch vom Können des Spielers und dem Können der Gegenspieler ab. Ebenso aber hat die Beschaffenheit des Rasens Einfluss auf das Passergebnis — und eine Menge weiterer Faktoren. Der Wind, hereingeworfene Dosen, Vogelschiet, Muskelbeschwerden, Magenblähen … Die Vorhersagbarkeit wird immer unsicherer, je näher man heranzoomt. Von einem geglückten oder missglückten Pass auf den Spielausgang schließen zu wollen, ist unmöglich, ein richtiger Tipp wäre zufällig. Von der Stufe 4, dem Muster, sind wir über Stufe 1 durch das Heranzoomen bei Stufe 0 angekommen: dem Zufall oder Grundrauschen.

Ähnliches sehe ich bei Charts. Was könnte das sein:


 
Das dürfte nur Rauschen sein. — Dasselbe Bild kommt hier noch mal, nun ist es mit mehr Abstand betrachtet. Ich entdecke und folge einer Linie:


 
Trete ich weitere Schritte zurück, so bekommt dasselbe Bild einen neuen Charakter:


 
Die eben noch deutliche Linie, die ein Ziel zu haben schien, sie ist bloß Teil eines Musters. Erst aus gehörigem Abstand erschließt sich das Bild oder der Chart.

Wer als wahrer Chartist und Muster-Connaisseur genau hinschaut, entdeckt im obigen Muster sogar minimale Veränderungen. Es wiederholt nicht nur, in den Wiederholungen passieren Varianten. Wenn ich die mehrmals auftauchende „Eiform” im Muster verfolge, komme ich den kleinen Veränderungen auf die Schliche. Ein im ersten Zugriff paradox erscheinender Effekt, der doch logisch ist: Aus größerer Entfernung sehe ich mehr Details.

Ich habe die Überlegungen zu den Mustern auf meine Aktienanlage übertragen. Ich trete zurück und erlaube mir eine ruhige Betrachtung. Ich gucke genau. Ich blende das Grundrauschen aus, ich suche Muster und Variationen. Allerdings: Um Muster zu sehen, muss ich eine Aktie auch verfolgen, wenn sie aus dem Depot verschwunden ist. Dafür habe ich ein einfaches Verfahren entwickelt. Mehr davon beim nächsten Mal.
 

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Aus der Familienschatztruhe. 1923: Mit solchen Scheinen kaufte mein Urgroßvater einen Laib Brot.

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(Zeichnung oben: Postkarte "Der Austernesser" von Anstett von Poludo, Wikipedia, gemeinfrei)

Die Rendite, die Ruhe und der Reichtum

 
„Hier ist das Heute, nimm seinen Leib und iß und stirb.”

Die Rendite
Ich mag den Satz von Gottfried Benn. Er fand ihn übrigens auch gut. „Hier ist das Heute, nimm seinen Leib und iß und stirb.” Mehrmals hat ihn der alte Doktor und Dichter verwendet, Recycling war schon im letzten Jahrhundert bekannt. Benns Spruch, seine Aussage, sie ist unverschwurbelt und klar. Alttestamentarisch.

Nur weniges kommt da heran. Zum Beispiel der abendliche Blick ins Depot. Nimm die Rendite. Nimm sie. Auch mit Tränen. Ob aus Freude oder Scham. Vielleicht sogar aus Wut. Aber iss sie. Denn du wirst mit ihr leben oder sie überleben müssen.

Das Jahr geht zu Ende. Andere haben 40 Prozent Rendite gemacht oder immerhin 18 Prozent. Wohldokumentiert, keine Flunkerei. All die Möglichkeiten, die man hatte, die offensichtlich im Markt waren. Die ich aber teilweise verpasst habe. Vor allem aus zwei Gründen bleiben die verpassten Chancen präsent.

  • An Misserfolge, verpasste Gelegenheiten erinnere ich mich stärker als an Erfolge. In der Wissenschaft gibt es die Ansicht, Misserfolge würden allgemein besser memoriert werden als Erfolge. Ich wäre auf jeden Fall ein Beleg für die These.
  • Misserfolge an der Börse sind immer auch kleine (oder große) Dramen. Sie haben einen Anfang, der voller Hoffnung ist, und sie enden bitter: in dem Moment, da jede Hoffnung verschwunden ist. Manche der Börsendramen - die besten - weisen sogar ein retardierendes, also verzögerndes Moment auf, bevor es in die endgültige Katastrophe geht. Solche Ausnahmedramen prägen sich ein.

Mein -> Kratos-Abenteuer <- mag als Beispiel dienen. Vielleicht erinnert sich der ein oder andere an eigene eindrückliche Markterfahrungen. - Das Prinzip des Dramas funktioniert auch abseits der Börse, natürlich im Theater, ebenso auf dem Laufsteg. Catwalk-Spezialist Bruce Darnell rief den Models der Heidi Klum-Show nicht ohne Grund zu: -> „Drama, Baby, Drama”. <-

Aus seinem Privatleben wird jeder Anekdoten wissen, die einen klaren Anfang und ein klares Ende haben. Eine geschlagene Stunde lang habe ich versucht, in mein Auto einzubrechen, ohne den Lack zu beschädigen, um an den Wohnungsschlüssel zu kommen, der auf der Heckablage lag. Es ist 20 Jahre her, dass die Geschichte passiert ist, ich weiß sie noch heute. — Ähnlich gegenwärtig ist mir die Geschichte, wie der Kinderwagen samt Kind umgekippt ist und … dem Kind nichts passierte.

Anekdoten, Dramen, Geschichten bleiben in Erinnerung, weil sie definierte Anfänge und Enden haben. Eine Geschichte ordnet Ereignisse und gibt ihnen Sinn. Das mag ich an Geschichten und das mögen viele Menschen. Darum sind Krimis erfolgreich und Melodramen.

An der Börse aber, so habe ich festgestellt, bringt mir die Suche nach Geschichten, die ständige Forderung meines Gehirns, mir Geschichten und damit Sinn zu konstruieren: wenig.

Das mag Widerspruch hervorrufen.

Ich müsste doch wissen wollen, was die Firma produziert, deren Papiere ich mir gerade zugelegt habe. Ich sollte mich informieren, wie die Konkurrenzsituation in der Branche aussieht, und ich sollte versuchen zu erfahren, ob die Aktiengesellschaft bei den nächsten Quartalsergebnissen die Gewinnerwartungen wahrscheinlich übertreffen wird, also hätte ich nach Analysteneinschätzungen zu googeln. Zugleich sollte ich mich über die Handelsgespräche zwischen China und Amerika auf dem Laufenden halten. - All das klingt vernünftig, es ergibt Sinn, es rundet die Geschichte um einen Aktienkauf oder -verkauf.

Sinn, also der Glaube, eine Geschichte verstanden zu haben, gibt Sicherheit. Vielleicht ist es eine trügerische Sicherheit. Häufig hat man sich die Geschichte selbst konstruiert, um einen Sinn zu (er)finden. Jedenfalls habe ich festgestellt, dass für mich und das Fundament meines ruhigen Depots, etwas anderes wichtig ist als eine gut konstruierte Geschichte mit Sinn: Es geht darum, immer weniger Fehler zu machen. Das klingt überraschend. Es hat nichts mit Geschichten zu tun - genau das aber ist der zentrale Punkt der Sache.

Die Ruhe
Weniger Fehler machen hört sich unspektakulär an, es scheint banal zu sein. Aber das Banale zeigt bei mir im Depot schnell Auswirkungen. Zunächst verstetigt sich, über Monate betrachtet, die Rendite. Die wilden Schlenker bleiben aus. Den Rückgang des S&P im Mai und August erlebt mein Depot nur gedämpft, da ich, so gut ich es vermag, Fehler vermeide, die ich früher gemacht habe. Es gibt hunderterlei Fehler, die mir unterlaufen können und unterlaufen sind, da ist viel Potential, sich zu verbessern. Um Ruhe im Depot zu erreichen, widme ich mich zuerst den Fehlern, die katastrophale Folgen haben können.

Der Kurs kippt? - Kappen. Konkretes Beispiel Kratos. Konsequent korrigiert. Überhaupt bekommt in einer ersten Fehlervermeidungsphase alles, was Positionen ins Minus ziehen könnte, erhöhte Aufmerksamkeit. Die „Unterseite” des Depots wird massiert. Das Ziel sind nicht Fanstast-Renditen von 40 Prozent, das Ziel ist Verlustvermeidung, Verstetigung.

Die Fehlerjagd hat keinen Anfang und kein Ende, sie ist nicht griffig. Sie ist zu einfach, um mit dem Begriff Strategie bezeichnet zu werden, und das Fehlersuchverfahren läuft auf kein Ende zu, es geht immer weiter. Es entsteht keine Geschichte, die sich erzählen und merken ließe. Dennoch ist das wenig greifbare, stetig verbesserte Bemühen um das Vermeiden von Fehlern für mich die Grundlage, um Ruhe in das Depot zu bringen.

Der Reichtum
Was zu der Frage führt, wie ich Fehler vermeide und welche ich vermeide. Es gibt massig Möglichkeiten, und ich bin weit davon entfernt, perfekt zu sein, ich werde es nie werden. Zwei Kategorien mache ich aus, in welche ich Fehler einsortiere.

  • Rückschau. Fehlentwicklungen im Depot zu finden, ist einfach. Rot leuchten die Fehler und verlangen, behandelt zu werden.
  • Vorschau. Besser als Fehler zu korrigieren ist, neue Fehler zu vermeiden. Ich gehe nur ins Risiko, wenn aufgrund meiner Projektion die Chance auf Gewinn größer ist als auf Verlust. Wenn die Kurse steigen, der Trend nach oben zeigt, Kapital in den Markt fließt, dann ist die Chance größer.

Bei der Fehlervermeidung brauche ich nicht perfekt zu sein, habe ich festgestellt. Es reicht zunächst, die Anzahl der Fehler zu verkleinern, von 100 Fehlern 51 zu vermeiden. Der amerikanische Investor Stephen Duneier hat die Auswirkungen des Bemühens um Fehlervermeidung auch auf Gebieten abseits der Finanzwelt untersucht. Im Sport, so sagt er, seien Spieler und Mannschaften am erfolgreichsten, deren Trainer fortlaufend das Vermeiden von Fehlern üben lassen. Duneier nennt Tennisspieler, die in der Tennisweltrangliste ganz nach oben gekommen und reich geworden sind: Nicht weil sie genial Tennis gespielt hätten, sondern weil sie besser als ihre Konkurrenten Fehler vermieden.

Der Hinweis ist wertvoll. Fürs ruhige Depot jage ich nicht genialen Ausreißern hinterher, die Performance kommt nicht aus dem hektischen Handeln an der „Oberkante”, sondern durch das konsequente Optimieren an der Unterkante.

Die Technik der Fehlervermeidung, so Duneier weiter, gelte nicht nur für Einzelsportler, sondern auch für Mannschaften, beispielsweise für amerikanische Spitzenfootballclubs und in Deutschland für Bayern München (!) in der Zeit des Trainers Pep Guardiola. Duneier untermauert seine Beobachtungen mit eindrücklichen Statistiken. Nun ist das mit Statistiken andere Leute so eine Sache. Aber dem Blick auf die Zahlen im eigenen, fehlerbehandelten Depot darf ich trauen: Es besteht Hoffnung. Statt alttestamentarischem „iß und stirb” sieht es nach postmodernem „knabbern und leben” aus.

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„Fehler vermeiden - das ultimative Rezeptbuch: Demnächst an dieser Stelle.” — Solch einen Ankündiger bringe ich hier natürlich nicht, das ist zu billig. Dennoch … ich scheine nicht drumherum zu kommen, das Thema in der nächsten Kolumne zu vertiefen.

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Aus der Familienschatztruhe. 1922/23: Mit solchen Scheinen kaufte mein Urgroßvater einen Laib Brot.

Die Weisheit der Linien

 
In den -> Game of Drones <- habe ich beschrieben, warum ich im Technik- und Rüstungssektor einige Kandidaten sehe für mein ruhiges Depot. Aber wie renditeträchtig und wie ruhig ist der Sektor wirklich? Ich versuche, das durch Vergleiche einzuschätzen, andere Sektoren geben Maßstäbe.

Zuerst nehme ich den DAX zur Hilfe. Weil ich in Deutschland lebe und mir die meisten DAX-Unternehmen ein Begriff sind, und ich die wirtschaftliche Lage im Land selbst miterleben darf. Ich bin also nah dran, und im Vergleich zum DAX bekomme ich eine erste Vorstellung davon, wo der amerikanische Rüstungsektor eigentlich steht. Zu sehen sind auf dem Chart die täglichen Candlesticks des ITA seit Beginn des Jahres 2019 sowie dazu als Linie die Kursentwicklung des DAX.

Beim DAX werden die Dividenden eingerechnet, es geht um deutsche Großunternehmen. Der ITA ist ein ETF von Blackrock, der den Kursverlauf von amerikanischen Luft/Raumfahrt/Rüstungsaktien wiedergibt: Boeing, United Technologies, Lockheed Martin, Northrop Grumman, Transdigm, Raytheon, L3Harris, General Dynamics, Teledyne, Textron. Eigentlich kann man das nicht vergleichen, zumindest ist es methodisch fragwürdig 🙂 Außerdem fehlen außeramerikanische Gesellschaften wie Safran, Rheinmetall. DAX und ITA kann man, auch bei größter methodologischer Nachsicht, nicht miteinander vergleichen. — Aber: „Nobody’s perfect”, so heißt es am Ende von „Some like it hot”, und der Kapitän und Schwerenöter dort in der Schaluppe ist fest entschlossen, auch mit dem unperfekten Tony Curtis glücklich zu werden. Ich nehme stattdessen meine unperfekten Charts und will damit zunächst zufrieden sein, als nächstes diesen hier:

Nochmal ITA (Candlestick) gegen den Linien-DAX, diesmal seit 2017 und jede Kerze stellt eine Woche dar. Der ITA steigt, der DAX pendelt. Das kann man natürlich ernsthaft kaum vergleichen, aber wenn man sich bei dem Unvergleichbaren für den ITA entschieden hätte, wäre man besser gefahren. Das sagt nichts über die Zukunft, aber Schlussfolgerungen aus der Vergangenheit darf der Investor sich schon erlauben. Viel mehr Möglichkeiten hat er schließlich kaum. Es sei denn, er kennt die Firmenbosse und darf sie anrufen, was sie denn so vorhätten und wie sie die Geschäftslage einschätzten. Selbst das Hinterhertelefonieren brächte außer Zeitaufwand und - hoffentlich - interessanten Gesprächen für die Depotperformance bloß zweifelhafte Vorteile.

Nach dem DAX gehe ich mit dem ITA gegen den ETF IWM ins Rennen. Zunächst für 2019 im Tageschart, der ITA ist wieder in Kerzendarstellung zu sehen, der IWM als Linie:

Der IWM repräsentiert die Unternehmen des Russell 2000, stellt also die Kursentwicklung der kleinen US-Aktiengesellschaften nach. Über das Verhalten des Russell 2000 zum Gesamtmarkt und zum Konjunkturverlauf gibt es unterschiedliche Ansichten, hier interessiert mich nur eins: Der ITA hat sich 2019 besser geschlagen. - Ach so, zur Vergleichbarkeit noch, ich habe im Chartingtool von Tradingview die Skalierung so umgestellt, dass die Vergleichswerte auf 100 indexiert werden und sie jeweils gemeinsam links unten starten. Da mag man Einwände erheben, ob man das so machen darf. - Ich sage, ich darf das 🙂 wenn ich mir einbilde, daraus Erkenntnisse zu ziehen ...

Gleiches Verfahren, eindeutiges Ergebnis im Chart über dieser Zeile: ITA gegen IWM, also die kleinen US-Aktiengesellschaften; in der Zweijahresrückschau sieht man, wie die Luft- und Raumfahrt- bzw. Rüstungswerte ihren Vorsprung halten und ausbauen. - Der folgende Chart zeigt den ITA im Vergleich zum Gesundheitssektor.

Der US Health Care Sektor wird repräsentiert durch den ETF XLV. Kurz gesagt: In diesem Jahr lief der ITA besser. Schaue ich mir aber den Zweijahresvergleich auf Wochenbasis an, so fällt auf, dass der ITA in der Jahresendschwäche 2018 stärker zurückkam als der XLV, er gewann allerdings auch im ersten Jahresviertel 2019 schneller dazu, obwohl in ihm das Schwergewicht Boeing mit den 737 Max-Problemen eingerechnet ist. Zu sehen ist das auf dem nachfolgenden Chart.

Der ITA ist jedoch keineswegs der Perfekt-und-Sorglos-Index, der alle anderen aus dem Rennen schlägt. Wenn man ihn in Verbindung mit dem Halbleitersektor bringt, zeigen sich interessante Charakteristika. Hier ist zunächst der Tageschart ITA vs SOXX, der an dieser Stelle die US-Chipbranche repräsentieren mag.

Die Halbleiter ziehen davon, es ist eine Zukunftsbranche. Aber nix für schwache Nerven. Die Schwankungen sind heftig, und was man hier als abgeklärter Langfristinvestor aus seinem Ohrensessel heraus als hübsche Slalomlinien einordnen mag, dass wird nervenzerrender als ein Kinothriller, wenn man eigenes Geld investiert hat. Zum Beispiel werden von 4.000 Euro, die man Mitte April im SOXX deponiert hat, am Juni-Monatsende - oh schreckschluck - nur noch 1.500 Euro übrig sein. Jeder mag an die Beispielsumme die Anzahl der Nullen anhängen, die dem eigenen Depot und der eigenen Nervenstärke entsprechen.

Dennoch, in der Zweijahressicht im obigen Chart wird deutlich, dass die Halbleiter den Luft/Raumfahrt/Rüstungssektor hinter sich lassen, die Linie ist zwar zackiger, bleibt aber fast immer über den Kerzen.

Mögen solche Chartvergleiche methodisch reichlich Freistil sein, so helfen sie mir doch einzuordnen, in welchen Segmenten ich die Zutaten für ein ruhiges Depots zu suchen habe. „Weisheit der Linien” habe ich es in der Überschrift genannt, das ist hochgegriffen formuliert. Immerhin kann mich der Chartvergleich davor bewahren, dem DAX zu viel zuzutrauen; ebenso zeigen die Linien, dass es aufregendere Möglichkeiten gibt zu investieren. Aber während ich Nervenkitzel im Kino mag, möchte ich ihn im Depot vermeiden. — Nein, das ist zu radikal gesprochen, in einem Depot mit gewissen Renditeerwartungen möchte ich den Nervenkitzel dosieren, er darf mich nicht überwältigen.

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Aus der Familienschatztruhe. 1922/23: Mit solchen Scheinen kaufte mein Urgroßvater einen Laib Brot.

Game of Drones

 
Mit Kratos, einer Rüstungsaktie, habe ich meine erste Kolumne eröffnet. Und war darauf eingestellt, dass Nachfragen kämen. Nicht nur zu meinem Handling der Aktie; die kamen ja, und zurecht 🙂 Ich meine Nachfragen zum Aktientyp: Warum ich mich in einer Rüstungsaktie engagiere. Die Nachfrage wäre berechtigt gewesen, kam aber nicht. Als Kolumnist bin ich nun in der schönen Lage, auch Fragen zu beantworten, die mir keiner stellt. Und Sie sind in der Position, meine Antworten, die Sie gar nicht wissen wollen, zu überlesen. Eine Win-Win-Situation sozusagen ...


Filmvorräte für Herbst und Winter: sieben Boxen Game of Thrones.

Noch da? — Wunderbar, dann sind wir jetzt unter uns und plaudern ungezwungen, zum Beispiel über Film-, Fernseh-, Serienvorlieben. Kennen Sie Game of Thrones?

Ich habe mich jahrelang geweigert, das anzuschauen. Wegen Fantasy und so, ist nicht ganz mein Ding, aber meine Frau hat mich überredet. Ja, und ich gebe zu, die Serie ist amüsant. Wir sind in der fünften Staffel. Beste Unterhaltung, toll ausgestattet, Intrigen, Sex, Drama, Köpfe rollen, werden aufgespießt, geflämmt, gequetscht, gemartert, verfeuert. Die Rüstungen blinken, Schwerter werden gechmiedet und geschwungen.

Wir gucken das, weil es uns unterhält. All die wichtigen Fragen, die einen im Leben beschäftigen, werden dort verhandelt und oft auch mit dem Schwert beantwortet. Es geht um Macht und Liebe, um Erfindergeist, Intrigen, Kampfkraft und Durchsetzungsfähigkeit.

Game of Thrones ist eine Parallelwelt, außerhalb unseres echten Lebens, außerhalb des aktuellen westlichen Gesetzesrahmens. Wir schauen zu, um zu erfahren, wie und mit welchen Mitteln Probleme gelöst oder auch nicht gelöst werden können. Die Mehrzahl der Fiction-Filme und der Romane funktioniert so. Instinktiv akzeptieren wir hier Schwerter und Rüstungen als durchaus rustikale Problemlöser, es ist ja nur Fantasie.

Im realen Leben sind solche Mittel zur Durchsetzung von Interessen natürlich verpönt. Ich brauche sie auch nicht. Zumindest könnte ich das zunächst glauben, wenn ich vergesse, dass ich das Privileg habe, mein grob geschätzt 80-jähriges Gastspiel auf der Erdoberfläche zufällig in einer geschichtlichen Sondersituation verbringen zu dürfen. Die Mittel, also die Schwerter und ihre technischen Fortentwicklungen, existieren in dieser geschichtlichen Sondersituation, im realen Heute, jedoch ähnlich wie in den ausgedachten Fantasywelten. Nur sind in der arbeitsteiligen Gesellschaft die Mittel, sagen wir besser die Werkzeuge und das Recht auf ihre Anwendung, durch allgemeine Übereinkunft an Spezialisten delegiert worden. Mir erscheint das sinnvoll. Als Schwertschwinger dürfte ich im Kampf nur Sekunden haben, bevor mir die Klinge des Gegners einen zügigen Übertritt vom Leben zum Tode beschert. Ich bin in anderen Sachen als dem Schwertkampf besser. Das hoffe ich zumindest. Jedenfalls entwickelt sich unsere westliche Zivilisation so schnell, da jeder hier an einer Stelle mitmacht, an welcher er einigermaßen gut ist und sich produktiv einbringen kann.

Wenn hier im Tagesgeschäft - anders als bei Game of Thrones - keine Schwertschwinger, Maschinenpistolendrücker oder Drohnenlenker benötigt werden, so bedeutet das aber nicht, dass wir sie nie brauchen.

Es ist wie bei Game of Thrones. Hast du sie nicht, die Mittel und Werkzeuge, der andere aber hat sie, kann der andere deine Zivilisation zum Einsturz bringen. Die Kurden erleben es gerade. Ihre amerikanische Schutzmacht zieht ab, sie selbst besitzen keine ausreichenden Mittel, und die Türkei nutzt die Gunst der Stunde.

So ist es in der zentraleuropäischen besten aller Welten derzeit leicht zu sagen, man mag keine Schwerter, keine Rüstung, keine Kratos und moralisch geht man damit zuverlässig als Sieger vom Diskussionsplatz. Den allerdings gibt es nur, weil andere ihn für den Moralsieger freihalten und schützen. Derart gut schützen, dass die gerüsteten Beschützer für die Diskutierenden nahezu unsichtbar bleiben und dadurch in einer Gesellschaft, die sich immer stärker auf visuelle Eindrücke verlässt, in die Defensive geraten.

So wird Schutz, also Rüstung, zum Tabu.

Die Tabus einer Gesellschaft verdienen Aufmerksamkeit. Hier herrschen Denkverbote, zumindest Denkerschwernisse für die Masse. Wer sich als einzelner oder in kleiner Gruppe auf Tabugebiet wagt, gewinnt Einsichten; hier ist die Wahrscheinlichkeit höher, auf Defizite und damit Investitionsnötigkeiten und -möglichkeiten zu stoßen.

In einem der Stadtstaaten von Game of Thrones ist ein glückliches Zeitalter ausgebrochen. Das Volk tanzt auf den Straßen, und der Wein fließt in Strömen, einem Prediger des Friedens und der Buße laufen die Gläubigen zu. Auch die Geschäfte des Bordelliers laufen bestens. Nur für den Schmied, der die Ritter auf den Stadtmauern mit Schwertern und Rüstungen versorgt, interessiert sich niemand mehr. Die Königin kürzt sein Budget. Dabei wollte er gerade investieren: Es geht die Sage, es gäbe eine neue, härtere Legierung, schwieriger herzustellen, höhere Temperaturen sind nötig, dazu müsste ein neuer Ofen gebaut werden, ein richtig hoher Turm. „Hochofen” nennt ihn der Schmied und fürchtet schon den Prediger, der bestimmt dagegen wettern wird. Die Königin winkt ab, als der Schmied sein Begehr vorträgt, das Volk sei zufrieden, der Prediger predige den ewigen Frieden. Nur der Bordellier, ein freier Geist mit beweglichen Moralvorstellungen und wie alle Bordelliers bemerkenswert gut informiert, beginnt über den Hochofen nachzudenken. Er schickt Boten in die Nachbarstädte, um zu erfahren, mit welchen Legierungen sich die Schmiede dort beschäftigen.

Womöglich wird der bewegliche Mann investieren. In den Ofen, in eine Mine, in Forschung. Womöglich überzeugt er die Königin und weitere Investoren, und sie tragen gemeinsam zur Verlängerung des glücklichen Zeitalters bei. Womöglich rentieren sich ihre Investitionen, da sie sich in einen Tabubereich vorgewagt haben:

Während das Konzept einer Internetbude schnell kopiert ist, fällt es anderen Städten, Staaten, Mitbewerbern schwerer, eine Metalllegierung, ein Produktionsverfahren, einen Chip nachzustellen. Rüstungs- und Technologieunternehmen hängen zwar ab von der Gunst ihrer Königin, ihres Präsidenten, ihres Parlamentes. Aber umgekehrt gilt die Abhängigkeit ebenso. So schnell wird kein Rüstungs- und Technikkonzern verdrängt, ihr exklusives Know-how schützt sie.


Der Chart zeigt den ETF ITA als Anlagekorb von führenden Rüstungs- und Technologieaktien. Jede Kerze repräsentiert eine Woche. Der Trend weist nach oben. Zum Vergleich ist der SPY als Linie eingezeichnet. Der SPY repräsentiert die 500 führenden US-Aktien. Auch hier ist - wie wir wissen - der Trend steigend, weniger steil allerdings.

Für ein ruhiges Depot sind im Rüstungs- und Technikbereich einige Werte zu finden. Wachstumstreiber für Jahre und Jahrzehnte kann der Weltraum sein. Stichworte sind hier: Satelliten, Mond, Mars, Asteroiden.

Auch auf der Erde gibt es Geschäftsfelder an der Schnittstelle Technik/Rüstung. Drohnen würden den Kurden helfen. Drohnen würden vielen Staaten helfen. Drohnen machen Soldaten überflüssig. Die demografische Struktur einer Nation oder eines Landstriches könnte in Zukunft eine untergeordnete Rolle spielen, die Technik entscheidet. Entweder man entwickelt sie oder man hat das Geld, die Technik einzukaufen. Es beginnt das Zeitalter der Game of Drones. Das wäre der passende Titel für die entsprechende Serie beim Streamingdienst meines Vertrauens.

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Aus der Familienschatztruhe. Nach dem Krieg, ungefähr 1920: Kräftige Preissteigerung, mit solchen Scheinen kaufte mein Urgroßvater einen Laib Brot.

Tagebuch eines Absturzes

 
Die schlanke Wahrheit ist: Ich fange hier gleich mit einem Problem an. Elegant ist das nicht gerade, aber Probleme sind selten elegant, höchsten ihre Lösungen. Und sehe ich aus, als flögen mir elegante Lösungen zu ... nein, bitte sagen Sie mir nicht Ihr Urteil, nachdem Sie mein Foto geguckt haben. Äh, aber ich verschwafele mich schon im ersten Absatz. Also, was war noch das Problem, genau, wie serviert man eine Kolumne, also wie leitet man sie ein?

Zunächst dachte ich mir: am besten ohne viele Worte. Denn die vielen Worte kommen ja noch, also ich meine, die eigentliche Kolumne, die nach der Einleitung folgt.

Aber vielleicht ist das auch zu prompt, guten Tag, ich bin der Leon und jetzt lies das hier. - Ne also, kann man so nich' machen. Oder kann man machen, aber kommt irgendwie irritierend. Worum geht's also? Letztlich um das, was Sie herauslesen. Für mich geht's um Psychologie. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass es in Wirklichkeit um ganz was anderes geht, und der letzte, der es merkt, ist der Autor. Wenn Sie ihm, also mir, irgendwann einen Tipp geben, worum es hier eigentlich geht, ist das supernett von Ihnen, und ich freue mich darüber ... - Nun aber los:

Tag 1

Zu viel rumgemacht habe ich in den letzten Wochen an meinem Depot. Das gebe ich zu. Hier mal gewurschtelt, da mal zugegriffen, passte gerade, Chart sah gut aus.

Nur die Rendite, wenn ich zu später Stunde, also nach Mitternacht, mal kurz in die Statistik gelinst habe, uihuihuih. Nicht so berauschend. - Das wird nun anders werden, da ich hier öffentlich Rechenschaft ablege. Ich führe nämlich ab sofort ein ruhiges Depot. Sozusagen ein Depot mit langem Ooooohmm.

Zum Beginn der Kolumne heute werfe ich einen Blick drauf und sehe -

Mist sehe ich. Dampfenden.

Kratos. Rauscht mir gerade 10 Prozent runter. Freitag war noch nix, ein ruhiger Flieger, und jetzt das ... 12 Prozent minus ... 13 jetzt schon ... auaaah.

Verkaufen.

Flüstert es in mir. - Ist es ein Flüstern? Oder ist das schon lauter? Einigen wir uns auf ein strenges, von mir aus auch panisches Flüstern. - 13 Prozent! Cheffe, das ist richtig Geld. Da darf man schon panisch flüstern.

Aber nix da, Finger weg vom Verkaufsknopf, erstmal Chart gucken.

Das ist der Kratos Tageschart. Der Pfeil zeigt auf Montag. Schön ist anders.

Verkaufen?

Gemach, nun der Wochenchart:

Mmh. Ich hab da mal 'ne Linie eingezeichnet. Das ist für mich die "natürliche Steigungslinie", und die sollte besser halten. Sonst ist Schluss mit lustig, Kratos.

Okay, das war der Montag, der 23.9.19. Nun kommt:

Tag 2

Erste Erkenntnis am Dienstag, 24.9.19: Ich habe mir gestern meinen Zeithorizont in Erinnerung gerufen. Ohne es bewusst zu merken. Der Zeithorizont meines Kratos-Engagements ist aus Gründen, die sich gut anhören (zumindest für mich) auf Wochen und Monate gerichtet. Insofern war mein gestriger Blick auf den Wochenchart richtig und wichtig. Ach so und verkauft habe ich dann auch nicht, kein einziges Papier.

Blöd nur, dass die Aktie sich nicht an meinen vernunftbetonten Kurs hält. Der Kratos-Kurs geht heute weiter abwärts. Allerdings unter fallendem Volumen. Gestern war eine Volumenspitze, heute wird das Ding weniger gehandelt. Also Zähne zusammenbeißen, tief einatmen. Leichtes Schwindelgefühl, ist das schon Hopium? Noch hält die Chartlinie. Kein Verkauf.

Tage 3 bis 5

Die zweite Wochenhälfte bricht an und Kratos taumelt. Der Kurs gibt nach, leicht nur noch; das Verkaufsvolumen wird geringer. Das gilt auch für den Donnerstag. Roten Kerzen, das heißt der Schlusskurs ist jeweils tiefer als am Vortag. Ich verliere weiter Geld, allerdings wird der Paniktiefstkurs vom Absturzmontag nicht gerissen. Im Tageschart mit Stand vom Freitag ist das schön zu sehen:

Der Freitag schließt sogar mit einer grünen Kerze. Den gesamten Freitag hat die Mehrzahl der US-Aktien Schwierigkeiten, während Kratos sich knapp im Grünen hält, nur einen kurzen Taucher macht, da es neue Gerüchte über Handelsauseinandersetzungen China/USA gibt. Zum Schluss aber rettet Kratos sich in Grün über die Ziellinie ...

Wäre es trotzdem besser gewesen, gleich am Montag zu verkaufen? - Ja, gleich bei Börsenöffnung. Aber hinterher ist man immer schlauer und man müsste auch ständig vor dem Schirm hängen. Oder sind das Ausreden, Geld verlieren kann nie richtig sein.

Denn es ist auch eine andere, für mich wenig schmeichelhafte Sicht auf den letzten Chart möglich: Absturz zu Anfang des Augustes mit erhöhtem Volumen, eine Scheinerholung bis zum 16. September und seitdem geht es abwärts. Nach der Betrachtungsweise hätte ich schon lange raus sein müssen.

Welche Sicht ist die richtige? Ist die richtige Antwort, es gibt keine richtige Sicht?

Die Linie, die ich am Montag im Wochenchart gezogen habe, hat bisher gehalten. Im Rahmen meines Zeithorizonts und auch wenn ich das Volumen betrachte, darf ich das Papier noch besitzen. Vielleicht hätte ich die Position in den vergangenen Tagen reduzieren sollen. Das wäre eine Diskussion wert. Aber ein Komplettverkauf wäre außerhalb meiner Strategie gewesen: Das Depot soll ruhiger werden. Ich kann doch nicht gleich in der ersten Woche meine neue Strategie über den Haufen werfen. Oohhhmmm.

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Aus der Familienschatztruhe. Vorletztes Kriegsjahr, 1917: Mit solchen Scheinen kaufte mein Urgroßvater einen Laib Brot.